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Full text of "Zeitschrift Für Sexualwissenschaft 9.1922 23"

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Zeitschrift 

für 

Sexualwissenschaft 

Begründet von 

Prof. Dr. A. Eulenburg und Dr. Iwan Bloch 

herausgegeben im Aufträge der 
Internationalen Gesellschaft für Sexualforschung. 

Redigiert von 

Dr. Max Marcuse, Berlin 


Band IX 

April 1922 bis März 1923 



A. Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 


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Nachdruck verboten. 


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Made in Germany. 


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Druck: Otto Wigand’sclie Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig. 


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Inhaltsverzeichnis. 


Aulbätze. 

Seite 

Die Sexualität im Hohenlied und ihre Grenze. Von E. König . 1 

Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer der Academie fran^aise. Von 

N. Praetorius .33 

Die sexuellen Delikte im österreichischen Strafgesetzentwurf vom Jahre 1921. Von 

E. v. Liszt . . . . ... 8 

Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. Von W. Reich .17, 44, 75 

Die Erotik in den epischen Gedichten der Griechen mit besonderer Berücksichtigung 

des Homoerotischen. Von H. Licht .65 

Zum 100. Geburtstag von Gregor Mendel. Von A. Czellitzer .97 

Dem Andenken Gregor Mendels. Von G. Just ..100 

Der Zeugungswert der Verwandtenehe und der Mischehe. Von Max Marcuse 119 
Bemerkungen zum Prozeß gegen Karl Großmann. Von A. Kronfeld . . . . 137 

Hermann Bang über das Problem Sexualität. Von Wasbutzki .161 

Inzest. Von Max Marcuse .171 

Die eheliche Pflicht. Debitum conjugale. Von Bovensiepen .185 

Selbstmord und Sexualität. Von Max Marcuse .192 

Über Impotenz bei jüngeren und sexuelle Kraft bei älteren Männern. Von 

A. N yström .201 

Zur sozialen Struktur und Psychologie der geheimen Prostitution. Von Julian 

Marcuse .217 

Die Heilbarkeit der Homosexualität. Von H. C. Roggo .223 

Geschlechtsbestimmung. Von H. W. Siemens .241 

% Die Kommune im Dienste der Fortpflanzungshygiene. Von W. Hanauer . 244, 281 

Iwan Bloch. Ein Nachruf. Von A. Bernstein .265 

Betrachtungen zum Prozeß Franz. Von F. Leppmann .267 

Die Selbstgeringschätzung (seautocontemptio) als sexueller psychischer Zustand . . 

Von M. Porosz .297 

Der psychoanalytische Prozeß. Von Carl Müller-Br aunsch weig . . • . . 301 
Die Bedeutung der Familie für das Schicksal des Einzelnen. Von Hermine Hug- 

Hellmuth . 321 

Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 

Der Leitgedanke der beiden Entwürfe zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 

Von Dreuw .19 

Betrachtungen zum Fall Wyneken. Von H. Licht .24 

Aus den Briefen eines Mannes. Von E. Kantig .26 

Kehlkopf, Nase, Ohr in ihren Beziehungen zu den sexuellen Phasen. Von 

V. Desogus .50 

Knabenliebe. Von H. Licht .53 

Zur Psychologie der Kirchenschändung im Kriege. Von Paul Cohn .56 

Erwiderung. Von F. Dehnow.85 


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IV 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 


Zar sexuellen Sozial-Hygiene. Von Julie Bender .. . . 87 

Ein Fall von Priapismus. Von fl. Kahle .88 

Deutsches Nonnenleben. Von Richard Samuel .L49 

Hermaphroditismus lateralis? Von H. Kahle .177 

Ein homosexueller Exhibitionist. Von F. Dehnow .207 

Vögel als Tintenspritzer. Von H. Schneickert .209 

Zur Geschichte und Bedeutung der Beschneidung bei den Juden. Von Julie Bender 229 

Der Prozeß um den Reigen. Von F. Dehnow .250 

Testierfreiheit und Sittlichkeit. Von F. Traumann .285 

Die innere Sekretion. Von J. Rutgers .287 

Der Tagesgerichtshof für Frauen im Manhattan- und Bronx-Distrikt der Stadt 

New York. Von J. P. zum Busch .310 

Eine amerikanische Umfrage über das Geschlechtsleben der verheirateten Frau. Von 

Karl Urbach .334 

Sexualwissenschaftliche Rundschau. 89, 124, 153, 178, 257, 288, 338 

Bttcherbesprechungen ... 27, 57, 90, 129, 154, 178, 210, 230, 258, 290, 312, 340 

Referate..11, 60, 94, 134, 157, 183, 214, 235, 262, 295, 317, 344 

Dr. Iwan Bloch zum 50. Geburtstage 64 

A. Blaschko f.64 

I)r. Albert Moll zum 60. Geburtstage.96 

Iwan Blochf.264 

Namenregister.. . 345 

Sachregister.347 


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2 


Ed. König. 


Das Urteil über die Grundidee jener Dichtung, das nach meiner 
Ansicht dem Wortlaute derselben gerecht wird, ist dieses, daß die 
echte und deshalb auch treue Liebe zwischen Mann und Weib, 
die daher auch eine „Flamme Jahwes“ (8, 6), eine vom Ewigen 
— durch den Gang des Lebensschicksals — entzündete Herzens¬ 
neigung genannt werden kann, in dieser Dichtung an Sulamiths 
treuer Liebe zu ihrem Hirten veranschaulicht werden soll. Denn 
dieses Urteil besitzt in dem Schlüsse der Dichtung (8, 5 ff.), in welchem 
die Heimkehr Sulamiths mit ihrem dem Salomo vorgezogenen Hirten 
erzählt, ihr mauerfester Widerstand (8, 10 a) gegen Salomes Wer¬ 
bungen erwähnt, und ihr Name deshalb als eine „Friedenfindende“ 
(V. 10 b) erklärt wird, sichere Grundlagen. 

Aber in welchem Grade sind in der Darstellungsweise des 
Hohenliedes obszöne oder sexuelle Farbentöne verwendet? Daß 
sie ganz vermieden seien, ist ja nicht etwa deshalb zu erwarten, 
weil die in Rede stehende Dichtung einen Teil des klassischen 
Schrifttums der altisraelitischen Religion bildet. Denn in dieser 
althebräischen Literatur ist oft, und zwar ohne Prüderie von 
sinnlichen, ja geschlechtlichen Dingen gesprochen, wie z. B. von 
der ursprünglichen Nacktheit und dem ehelichen Verkehre der 
Menschen (1. Mos. 2, 25; 4, 1 usw.), wie dies in meiner Stilistik, 
S. 262 ff. da ausführlich zu behandeln war, wo ich die ästhetische 
bzw. unästhetische Seite am biblischen Stil zu betrachten hatte. 
Aber in unseren Tagen ist dies die Frage, ob das natürliche sinn¬ 
liche Element in den Schilderungen, die im Hohenliede von den 
körperlichen Reizen Sulamiths entworfen werden, in weiterem Um¬ 
fange sich in der Erwähnung der geschlechtlichen Organe und Be¬ 
tätigungen gefällt. 1 

Früher gab es immer nur eine Stelle im Hohenliede, an der die 
meisten Erklärer eine geschlechtliche Bemerkung anerkannten. Das 
sind die Worte in 7, 3 a, wo Sulamith so angeredet wird: „Dein 
Schoß ist das (wirkliche) runde Becken: Nicht möge der Mischwein 
mangeln 1“ Allerdings gibt es auch jetzt noch Gelehrte, die den 
dort stehenden hebräischen Ausdruck schor mit „Nabel“ übersetzen, 
oder die ihn zwar mit „Schoß“ wiedergeben, aber dann als „Scho߬ 
gegend überhaupt“ auffassen wollen, wie Münz (S. 231), der das 
„membrum mulieris“ in den vorher erwähnten Wellenlinien der 
Hüften eingeschlossen sein läßt! Aber der daran sich anschließende 
Wunschsatz: „Nicht möge der Misch wein mangeln!“ läßt nur die Be¬ 
ziehung des Satzes auf den weiblichen Geschlechtsteil zu. Der Orientalist 
G. Stickel (Jena) in seinem besonders gediegenen Buche „Das Hohe¬ 
lied“ (1888) läßt gewiß richtig in 7, 1 ff. Zurufe von Haremsfrauen 
Salomos zum Ausdruck kommen und diese „den der keuschen Treue 
gefährlichsten Versuch machen, die Lüsternheit Sulamiths zu er¬ 
regen, eine Versuchung, der selbst eine Emilia Galotti Lessings zu 
unterliegen fürchtete“. 

Aber reichen die Hindeutungen auf geschlechtliche Dinge im 
Hohenliede auch noch weiter? 

Nun das Weinbergsliedchen von Winzerinnen: „Fangt uns Füchse, 
kleine Füchse, Weinbergsverwüster!“ (2,15) ist auch noch von P. Haupt 
in „The Book of Canticles“ (Chicago 1902) nur als ein „Schnadahüpfl“ 


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Die Sexualität im Hohenlied und ihre Grenze. 


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aufgefaßt worden, in welchem „the foxes are the young men“, und 
mit diesem Grade der Ausdeutung, bei dem aber auch schon die 
Angeredeten unnatürlicherweise als ihre eigenen Fangobjekte 
vorausgesetzt werden, hat sich auch Staerk im Auswahls- Alten 
Testament (1911), S. 279 noch begnügt Aber endlich sind die Füchse 
als ein Ausdruck für „die männlichen Glieder“ hingestellt worden 
(von L. Levy in der Zeitschr. f. Sexualwissensch. 1916, S. 262). Aber 
daß dies ganz gegen die Meinung des Textes ist, zeigt erstens der 
Ausdruck „fangt“, der dann nicht natürlich gewählt wäre. Zweitens 
würden dann aie Bezeichnung der Füchse als „Weinbergsverwüster“ 
und der darauffolgende Umstandssatz „während unsere Weinberge 
in Blüte stehen“ einen unnatürlichen Kontrast bilden. Denn die 
Sängerinnen würden den Wunsch, „Weinbergsverwüster“ zu be¬ 
kommen, ganz unnatürlicherweise damit motivieren, daß ihre Wein¬ 
berge gerade in Blüte stünden. Drittens widerstrebt auch die Um¬ 
gebung jener Worte, die in 2, 11—14 ein Bild von wirklichen 
Naturobjekten darbietet, einer Beziehung der Weinberge und der 
Füchse in V. 15 auf das sexuelle Gebiet. 

Bei der modernen Neigung, sexuelle Andeutungen im Hohen- 
liede zu finden, konnten auch solche Naturschilderungen, wie „In 
den Nußgarten stieg ich hinab, um mir die Sprößlinge des Tales 
zu besehen, zu sehen, ob der Weinstock gesproßt hat, die Granaten 
Blüten getrieben haben“ (6, 11), nicht dem Schicksal entgehen, als 
„Bilder für den Liebesgenuß“ (Staerk S. 272) hingestellt zu werden. 
Vollends bei den Sätzen; „Mein Geliebter ist in seinen Garten hinab¬ 
gestiegen, um in den Gärten zu weiden“ (6, 2) meint man die ge¬ 
schlechtliche Deutung durch die Bemerkung: „Herden weiden nicht 
in Gärten“ (Levy in der Zeitschr. f. Sexualwissensch. 1914, S. 278) 
begründet zu haben. Aber dies ist erstens schon an sich keines¬ 
wegs eine sichere Behauptung, denn das Weiden kann auch in ein¬ 
gehegten Bezirken stattfinden, und zweitens wird sie durch den 
Zusammenhang des Textes widerlegt. Denn die Hoffrauen Salomos 
hatten Sulamith in allmählich erwachender Teilnahme gefragt, wohin 
ihr Geliebter gegangen sei, um ihn mit suchen zu helfen (V. 1). 
Auf diese Frage mit diesem Endzweck würde der aus V. 2 über¬ 
setzte Satz „Mein Geliebter usw.“ wenn er sexuellen Sinn besäße, 
eine unsinnige Antwort bilden. 

Indes war dies noch nicht das Ende des sexuellen Martyriums, 
dem das Hohelied neuerdings ausgesetzt worden ist 

In 8, 9 sagen die Brüder Sulamiths, die eine Verletzung der 
jungfräulichen Ehre ihrer Schwester wie einen Angriff auf ihre eigene 
Ehre empfunden hätten (vgl. 1. Mos. 34, 7 ff.): „Wenn sie eine Mauer 
ist werden wir — zur ehrenden Anerkennung — eine silberne 
Mauerzinne über sie bauen, wenn sie aber eine Türe ist werden 
wir — zu ihrer Absperrung — eine Zedernplanke gegen sie stemmen.“ 
Da greift die sexuelle Auslegung nun mit rascher Hand zu, um die 
Türe als einen Teil am weiblichen Körper mit Beschlag zu belegen 
(L. Levy in der Zeitschr. f. Sexualwissensch. 1914, S. 321). Aber 
schon die Logik erhebt Einspruch dagegen. Denn dann müßte der 
entgegengesetzte Ausdruck „Mauer“ ebenfalls auf einen Körperteil 
gedeutet werden. Nein, jene beiden Ausdrücke sind plastische Ver- 

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N. Praetorins. 


anschaulichungen für die spröde Widerstandskraft gegen die Ver¬ 
lockungen hauptsächlich auch zum Eintreten in den Harem dea 
Königs bzw. für die Geneigtheit, dahinzielenden Verführungskünsten 
zum Opfer zu fallen. 

Übrigens mindestens die Neigung zur Veräußerlichung des 
Hohenliedes zeigt sich an folgendem Zuge im Bilde moderner Aus¬ 
legung desselben. Sein Schluß bringt ja das stolze Bekenntnis 
Sulamiths: „Ich war eine Mauer und meine Brüste glichen Türmen: 
Da wurde ich in seinen (ihres vorher erwähnten Friedensstörers) 
Augen wie eine Friedenfindende.“ Davon werden die letzten beiden 
Worte neuestens mit „als kapitulierend“ übersetzt. Das ist nicht 
bloß dem Wortlaute des Textes gegenüber unnatürlich, denn kapitu¬ 
lieren müssen ist nicht gerade gleich Frieden finden. Nein, das 
verkennt sicher auch den Sinn, den diese Aussage nach ihrem voraus¬ 
gehenden und nachfolgenden Zusammenhang haben muß. Denn 
auch wieder unmittelbar dahinter ist davon die Rede, daß Sulamith 
durch keine Anerbietungen Salomos hat verlockt werden 
können. Durch jene neueste Übersetzung wird die Seele des 
Hohenliedes getötet. 

Schon nach dem Vorhergehenden kann kein Zweifel darüber 
bestehen, daß eine Untersuchung über den Umfang, in welchem 
Sexualität in der althebräischen Literatur auftritt, nicht nur eine 
interessante Frage der Ästhetik bildet, sondern auch für die kultur¬ 
historische Würdigung dieser Literatur überhaupt von großer Be¬ 
deutung ist Deshalb dürfte es an der Zeit sein, diese Untersuchung 
auf alle Teile des althebräischen Schrifttums auszudehnen und alle 
hierhergehörigen neueren Funde einer kritischen Betrachtung zu 
unterziehen. Dies aber gedenke ich in einer schon fast fertig vor¬ 
liegenden hermeneutischen Studie über das Gesamtthema „Sexuelle 
und psychoanalytische Deutungen des althebräischen Schrifttums“ 
leisten zu können. 


Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer 
der „Academie franpaise“. 

Von Dr. N. Praetorius. 

Einen seltsamen, eines komischen Beigeschmacks nicht entbeh¬ 
renden Spuk hat das Schicksal der berühmten französischen Aka¬ 
demie gespielt, jener ernsten und würdigen Vereinigung der 40 Un¬ 
sterblichen, dem Hort und Hüter der Klassizität und der Tradition,, 
da sie, wie jetzt neuere Forschungen ergaben), als ihren Gründer den 
Abb6 Boisrobert anerkennen muß, der zwar ein geistvoller, witziger 
Dichter, aber außerdem nicht nur ein lustiger, spaßhafter, leicht¬ 
lebiger Vogel war, sondern auch sein eigenes Geschlecht in sentimen¬ 
taler und sinnlicher Beziehung dem „schönen“ vorzog, und wegen, 
seines Hanges zu Burschen und Pagen ziemlich bekannt war. 

Den Lebenslauf dieses weltlichen Abb4 hat Emile Magne auf Grund neuer Dokumente¬ 
eingehend in einem 1909 im Verlag des „Mereure de France“ erschienenen Buch 1 ) dar- 


0 Emile Magne, Le plaisant abb6 de Boisrobert, Fondateur de l’Academie- 
frangaise, 1592—1662, Documents inidits (Paris, Mereure de France 1909). 


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Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer der „Academie franpaise“. 


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gelegt unter Schilderung des damaligen Milieus, und ein farbiges, bewegtes Bild in einer 
stellenweise sehr impressionistisch kondensierten, aber lebhaft nervigen Darstellungs- 
Weise entrollt. 

Magne hat die homosexuellen Sitten Boisroberts nicht vertuscht, nicht mit pathe¬ 
tischen Klagen bejammert und nicht über Gebühr aufgebauscht, sondern als Schwachen 
und Eigenheiten des Dichters belächelt. Zwar scheint Magne sie als erworbenes Laster 
Boisroberts zu betrachten, doch enthält er sich jeder moralischen Entrüstung und bewertet 
sie im Grunde als Natur gewordenen Trieb, bezeichnet er sie doch direft; ganz richtig 
als „sexuelle Inversion“. 

In dem Buch von Magne tritt in der Masse der Begebenheiten und Charakter¬ 
schilderungen das sexuelle Moment fast ganz in den Hintergrund, obgleich der Autor es 
keineswegs vernachlässigt und gebührend von Zeit zu Zeit darauf hinweist. 

Im folgenden möchte ich nun an der Hand des Werkes von Magne, sowie der 
Berichte des Zeitgenossen von Boisrobert, Tallemant des Kieaux, in seinen Historiettes 
(Ausgabe von Poulin Paris, Paris 1854) diese homosexuelle Seite in dem Charakterbild 
Boisroberts herausheben und versuchen, die zerstreuten Einzelheiten zu einem Ganzen zu- 
sammenzu f assen. 


Francois de Metel, Herr von Boisrobert, geboren 1592 zu Caen, 
praktizierte nach gründlichen Studien zunächst als Advokat in Rouen. 
Dort blieb er nicht lange, und scheint ein ziemlich ungebundenes 
Leben geführt zu haben. 

Boisrobert war damals als ungefähr Zwanzigjähriger offenbar noch im Unklaren 
über seine sexuellen Gefühle, daher folgte er auch dem Beispiel seiner Altersgenossen 
und „liebte“, wie es sich dem allgemeinen Gebrauch nach ziemte, die Mädchen. Von 
einem der Mädchen wurde er angeblich zweimal Vater. Uber die näheren Umstände 
dieses Verhältnisses erfahren wir nichts Genaues, ebenso wenig welche Gefühle und 
Motive ihn zu dem Geschlechts verkehr veranlaßt haben. 

Schlummerte noch seine Homosexualität und ging er zu Mädchen aus Nach¬ 
ahmungstrieb, wenn auch ohne innerliches Bedürfnis, oder wollte er die schon stachelnde 
Sehnsucht nach dem eigenen Geschlecht in seiner Unwissenheit über die eigentliche 
Natur seiner Empfindungen zurück drängen und in Weiberarmen betäuben? 

Wir können es nicht sagen, aber wir müssen nach Analogie der Hunderten der 
heute lebenden Uranier, die sich zuerst ohne Befriedigung zum Verkehr mit dem Weibe 
zwangen, einen ähnlichen Entwicklungsgang mit gutem Grund auch bei Boisrobert 
vermuten. 

Als Boisrobert in Rouen eine Geld-, ja Freiheitsstrafe droht, verläßt er die Stadt 
und eilt nach Paris, versehen mit verschiedenen Empfehlungen an hohe Persönlichkeiten. 

In Paris hat er bald Gelegenheit, einen Kreis schöner Frauen 
kennen zu lernen, und er verfehlt es nicht, jetzt schon, wie er das 
sein ganzes Leben getan hat, sich in der Gesellschaft gebildeter, ele¬ 
ganter Damen zu bewegen, sich ihnen anzufreunden, sie zu be¬ 
lustigen, ihnen zu schmeicheln und ihre Reize in allen Tonarten zu 
besingen. 

Zweifellos erstrebt Boisrobert die Gunst der Frauen auch aus dem Grunde, um 
durch sie seinen Weg in die Welt zu machen, und das gelingt ihm auch, denn bald findet 
man ihn in dem Hofstaat der Königin Mutter, Maria von Medici. Aber dieses Streben 
nach freundschaftlichem Verkehr mit den Damen des Hofes und der Gesellschaft entsprang 
nicht bloß egoistischer Berechnung, bildet vielmehr einen dem eigenen femininen Wesen 
Boiaroberts adäquaten Zug nach geselligem weiblichen Umgang* einem Zug, dem man bei 
manchen Homosexuellen der mehr femininen Sorte begegnet. 

Kein Wunder daher, wenn in der ersten Zeit nach seiner Ankunft in Paris Boisrobert 
«ich über seine eigentlichen Liebesempfindungen täuschte und, anscheinend immer noch 
in der Periode tastenden Gefühlslebens befangen, auch sinnliche Genüsse bei Damen 
suchte, wenigstens berichtet Magne, daß damals Boisrobert sexuellen Umgang mit einer 
oder der andern der umschmeichelten Damen gehabt habe. 

Allerdings läßt sich dieser Schluß hauptsächlich nur aus Äußerungen in den Ge¬ 
dichten Boisroberts ziehen, und man wird sehr skeptisch sein dürfen, ob der Dichter nicht 
absichtlieh gewisser Vergünstigungen sich rühmte, die er vielleicht gar nicht aus¬ 
genutzt hatte. 


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N. Praetorius. 


Als nach der Ermordung des italienischen Abenteurers Conoini 
im Jahre 1617, unter dessen Einfluß die Königin Mutter gestanden 
hatte, der junge 16jährige König, Ludwig XIII., die Zügel der Begie- 
rung in die Hand nimmt und seine Mutter aus Paris verbannt, folgt 
ihr Boisrobert mit ihrem Anhang in die Provinz, und ebenso kehrt 
er nach der Versöhnung des Königs mit Maria de Medici wieder nach 
Paris zurück. 

Gleich nimmt er wieder seinen früheren Verkehr in dem Kreis der eleganten Damen 
auf, sie umschmeichelnd und umschmeichelt, abermals öftere gewisser Erfolge in Gedichten 
sieh rühmend, teilweise in wenig taktvoller Weise, aber vielleicht gerade deshalb so 
ungeniert auf intime Beziehungen mit der einen oder anderen Dame anspielend, weil tat¬ 
sächlich die Rolle des Geliebten ihm gar nicht zukam und allmählich auch seine eigent¬ 
liche Natur hervortrat und auch von den Frauen erraten wurde. 

Es scheint, daß jetzt sein Interesse für junge, hübsche Pagen 
deutlich an den Tag tritt. 

Ein tieferes Gefühl aber packt ihn zu dem jungen Grafen Pontje- 
bault, der allgemein wegen seiner ganz hervorragenden Schönheit 
auffiel. Mit ihm macht er eine Wallfahrt nach Montserrat an dor 
spanischen Grenze. Boisrobert besingt in einem Gedicht die Land¬ 
schaft, die sich so prächtig geschmückt habe aus Liebe zu Pontje- 
bault, um die Wege zu umkränzen, die er beschreite. 

Und in einem Brief an den Grafen schreibt er: Er könne sich 
über die politischen Änderungen in Frankreich nicht freuen, weil 
Pontjebault ferne weile, und er müsse mit seiner Freudestimmung 
warten, bis Pontjebault zurückkehre, selbst wenn er dann an einem 
Exzeß der Freude sterben solle. 

Wie Magne bemerkt, muß der Dichter durch die Grazie dieses Jünglings sehr stark 
gefesselt worden sein, da er gerade in dem Augenblick an nichts anderes als an Ponie- 
bault denkt, wo sich sein zukünftiges Los entscheidet. Denn zu dieser Zeit ist der 
allmächtige Günstling des Königs, der Herzog von Luynes, gestorben und der Kardinal 
Richelieu, auf den Boisrobert alle seine Hoffnungen für seine Zukunft gesetzt hat, wird 
vom König an die Spitze der Regierung berufen. 

Die leidenschaftliche Zuneigung Boisroberts zu dem jungen 
Grafen tritt besonders deutlich hervor, als etwa l 1 /* Jahre später 
Pontjebault in der Blüte der Jugend in einem wegen einer Frau 
geführten Duell erstochen wird von dem eifersüchtigen Ehemann. 
Ganz verzweifelt schreibt Boisrobert an seinen Freund Balzac, und 
in einer Elegie gibt er beredten Ausdruck seiner Liebe und seinem 
Schmerz: 

„Held und Halbgott“ ruft er den Dahingeschiedenen an, „Wunder der Liebe, voll¬ 
endeter Günstling des Himmels und der Erde, schönste Zierde des Jahrhunderts“. 

„Warum hat der Himmel, der ihn mit allen wertvollen Gaben ausgestattet, um ein 
herrliches Kunstwerk unsern Augen zu geben, nur so kurze Zeit ihn leben lassen! Kaan 
der Himmel, der ihn geraubt, dulden, daß die Welt, nachdem er gefallen, noch fort besteht? 

Seine schöne Seele ist an einen anderen Ort geflogen, wo alle Cherubine ihm den 
Hof machen werden. 

Der Himmel hat die einzige Hoffnung der Musen geraubt, ea war auch die meine 
und die Frankreichs. 

Jeder hat mit seinen Tränen seinen Sarg beehrt, Paris ist ganz geändert, der Hof 
ist in Trauer. 

Es scheint, daß mit ihm jedes Ding zugrunde geht und alle unsere Freuden ihm in 
das Grab gefolgt sind. 

Seine Augen, Quellen der Liebe, der Anziehung, der Helle, in denen die keuschesten 
Herzen ihre Freiheit verloren, sind jetzt für uns nur erloschene Lichter, die in unseren 


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Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer der „Academie fran^aise“. 


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• 

Herzen nichts als Wehklagen erzeugen. „Daphnis“ (so nennt er den Freund) „hat anders¬ 
wohin mit sich fortgenommen 6eine Grazie und seine Reize, denen die Liebe ihre Flammen 
und ihre Pfeile entlieh, wenn sie die hartnäckigen, der Verachtung verfallenen Seelen 
beugen wollte. Ach, ich sah erlöschen des Lebens Fackel; weinet Musen, weinet, Daphnis 
liegt im Grab“. 

(Elegie sur la mort de M. le comte de Pontiebault sous le nom de Daphnis in 
„Recueil des plus beaux vers de Messieurs Racan Malherbe, Magnard, Bois-Robert etc.", 

Paris 1688, p. 544^-546.) 

• 

Anscheinend hatte Pontjebault und sein ganzes Wesen eine fas¬ 
zinierende Wirkung auf alle, die ihn näher kannten, ausgeübt. 
Daher ist es begreiflich, daß er nicht nur viele Frauenherzen er¬ 
oberte, sondern auch die Gemüter der für die Schönheit des eigenen 
Geschlechts empfänglichen Männer bezauberte und einen Homo¬ 
sexuellen, wie Boisrobert, berückte. 

So meint auch Magne: 

„Bei Boisrobert und bei Balzac war es dieselbe Bewunderung, dieselbe allzu glühende 
Freundschaft für den schönen Epheben, der durch ganz Frankreich eine einmütige Be¬ 
gierde erweckte. Beide beklagten es, daß Pontjebault sich in tausenden sinnlichen 
Abenteuern verlor und nicht das Vorzügliche eines sokratischen Bundes begriff. Der eine 
oder der andere hätten ihm anch eine durch die Philosophie vergoldete Existenz ge¬ 
sponnen, deren Behaglichkeit zeitweise belebt durch einige stürmische Fleischeewonnen.“ 

Danach müßte man annehmen, daß auch Balzac homosexuelle 
Tendenzen gehabt habe. Magne bringt aber nichts bei, was diese 
Ansicht begründet. Pontjebault jedenfalls verschmähte die „sokra- 
tische Weisheit“. „Die Gefahr zog ihn an,“ sagt Magne, „und die 
gewöhnlichen Beziehungen^ wo in der Alkove alle Sehnsüchte in 
Kämpfe ohne Phrasen sich auflösem“ 

Pontjebault war eben kein geborener Weiberfeind, ein ein¬ 
gefleischter Heterosexueller, und die Zuvorkommenheiten mit sexuel¬ 
lem Untergrund eines Boisrobert, mögen sie sich noch so sehr in 
philosophische Sophismen und Beschönigungen gehüllt haben, 
konnten dien weibertollen Jüngling nicht blenden und ihn nicht von 
dem Weg seiner naturgemäßen Laufbahn abbringen. 

Daß er seine Leidenschaft mit dem Tod durch einen betrogenen 
Ehemann büßen mußte, wird man bedauern, deshalb aber doch daran 
festhalten, daß der Ersatz dieser heterosexuellen Leidenschaft durch 
ein homosexuelles Verhältnis — möge es ihm auch weniger ver¬ 
hängnisvoll geworden sein — weder seiner Natur möglich, noch für 
ihn wünschenswert war. 

Mit derartigen willkürlichen Gefühlsablenkungten kann man 
aber nur rechnen, wenn man mit Magne die homosexuelle Neigung 
als erworbenes Laster betrachtet und die angeborene in der Kon¬ 
stitution liegende Eigenheit des homosexuellen Mannes leugnet 

' (Fortsetzung folgt.) 


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Eduard von Liszt 


Die „sexuellen“ Delikte im österreichischen 
Strafgesetzentwurf vom Jahre 1921. 

Von Dr. Eduard von Liszt, 

Privatdozent des Strafrechts an der Universität Graz. 

Österreich besitzt seit dem Jahre 1921 eineq neuen Strafgesetz¬ 
entwurf. Es fällt eigentlich nicht leicht, die Regierungsvorlage als 
„Entwurf“ anzusprechen, da man sich darunter immer etwas über¬ 
wiegend Neues vorzustellen pflegt; während die Vorlage sich als 
nichts anderes darstellt, denn als eine Überarbeitung des geltenden 
StGB.s v. J. 1852 und also, da dieses wieder nur eine wenig gründ¬ 
liche Überarbeitung des StGB.s v. J. 1803 ist, als eine neue Über¬ 
arbeitung dieses letztgenannten. Doch die der Vorlage beigegebene 
„Begründung“ gebraucht selbst wiederholt die Bezeichnung „Ent¬ 
wurf“, und so sei denn dieses Wort beibehalten. — Der Inhalt des 
geltenden StGB.s ist schon seit dem Jahre 1853 durch zahlreiche 
Novellen und Nebengesetze von verschiedener Extensität und In¬ 
tensität verändert worden, so daß eine Darstellung des wirklich 
geltenden Strafrechts sich als eine Art von Mosaikgemälde dar¬ 
bietet, in welchem antike und moderne Kunst — ebenso wie Natur 
und Kunst — ineinanderfließen. Der neue „Entwurf“ faßt dieses 
bereits geltende Recht verdienstlicherweise in einen einheitlichen 
Guß zusammen und fügt auch seinerseits manches Neue bei. 

Die folgenden Ausführungen werden sich, dem Rahmen dieser 
Zeitschrift entsprechend, auf die Betrachtung jener Bestimmungen 
beschränken, die mit dem sexuellen Gebiete Zusammenhängen. In 
diesem Sinne ist die juristisch imgenaue Bezeichnung des Themas 
in der Überschrift dieses Aufsatzes zu verstehen. Selbstverständ¬ 
lich hat sich gerade auf diesem Gebiete — die neueren Gesetz¬ 
gebungen wenden ihm ja zumeist ein ebenso auffallendes wie ein¬ 
seitiges Interesse zu 1 ) — wieder einmal die wohlbekannte Macht 
des Schlagwortes gezeigt, während an wirklich ernsten, folgen¬ 
schweren Fragen — z. B. der der Fruchtabtreibung — erstaunlich 
leicht vorbeigehuscht wurde. 

Da es sich um eine bloße Teilreform handelt, drängt sich 
die Frage auf, welche Grenze sich die Redaktoren für ihr Werk 
gesetzt haben. Die „Begründung“ sagt darüber, der Entwurf be¬ 
schränke sich „in der Hauptsache auf solche Änderungen, für die 
eine krirainalpolitische Notwendigkeit besteht“ 2 ), ohne allerdings 
dabei einige Nebenzwecke aus dem Auge zu verlieren. Diese Äuße¬ 
rung ist aber nicht ganz richtig, da der Entwurf an gar mancher 
Stelle über die kriminalpolitische Notwendigkeit hinausgeht, an 
anderen Stellen hinter ihr zurückbleibt. So wie er es unterläßt, 
längst und vielfach beklagte, ebenso wie anscheinend durch 70 
bzw. 118 Jahre übersehene Lücken auszufüllen. 

1 ) Vgl. z. B. den österr. Entwurf v. J. 1913 mit seinem 22. Hauptstück und dessen 
wahrhaft überquellender Phantasie in Aufstellung getrennter Tatbestände. Siehe auch die 
völlig überflüssige lehrhafte Aufzählung von Sittlichkeitsdelikten in § 500, Abs. 2 des 
vorliegenden Entwurfs. 

*) „Begründung 41 S. 12. 


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Die „sexuellen“ Delikte im österreichischen Strafgesetzentwurf vom Jahre 1921. 


9 


Aus dem Allgemeinen Teile ist für uns wohl nur die Bestim¬ 
mung der §§ 44/f und 263/m von Bedeutung, welche die Begehung 
einer Straftat mit besonderer Grausamkeit oder Rücksichts¬ 
losigkeit als allgemeinen Erschwerungsumstand erklären. Grausam¬ 
keit ist bekanntlich mit Sinnlichkeit sehr nahe verwandt 3 ), und so 
wird sie dem Richter in der selbstverständlichen Verbindung mit 
Rücksichtslosigkeit häufig genug bei Lustmord und gegebenenfalls 
bei Notzucht 4 ) begegnen. Die Bestimmung ist zweifellos zu billigen. 

Das wichtigste „sexuelle“ Delikt wird wohl immer die Not¬ 
zucht bleiben. Trotzdem wurde auch den einschlägigen §§ 125 bis 
127 gar kein Augenmerk geschenkt. 

§ 125 gibt eine Definition der Notzucht, in welcher zwar die 
Einbeziehung des Mißbrauchs unter arglistiger Betäubung der Sinne 
moderner Auffassung 5 ) nicht ganz entspricht, die aber sonst dem Be¬ 
dürfnis gerecht wird. § 1.27 bedroht dann ebenfalls als Notzucht 
den „an einer Frauensperson, die sich ohne Zutun des Täters im 
Zustande der Wehr- oder Bewußtlosigkeit befindet, unternommenen 
außerehelichen Beischlaf“. Warum diese Tatbestände desselben 
Verbrechens gerade durch die in § 126 dazwischengeschobene 
Strafdrohung auseinandergerissen sind, interessiert uns hier nicht. 
Wohl aber gehört die Frage hierher, wie es bei der gezeigten Um¬ 
grenzung mit dem dolus superneniens stehe. Ein Arzt z. B. betäubt 
seine hübsche Klientin in lauterster Absicht lege artis und koitiert 
sie nach Eintritt der Bewußtlosigkeit infolge eines nun erst auf¬ 
tretenden Gelüstes. Nach dem Buchstaben des Gesetzes ist er jeder 
Bestrafung entrückt § 125 entfällt, weil die Betäubung keine arg¬ 
listige war. § 127 ist nicht anwendbar, weil die Mißbrauchte nicht 
„ohne Zutun des Täters“ sich im Zustande der Wehr- und Bewußt¬ 
losigkeit befindet Von § 128 — Schändung — aber kann gar keine 
Rede sein, weil dieser ausdrücklich „eine andere als die im § 127 
bezeichnete Weise“ des geschlechtlichen Mißbrauchs voraussetzt 
An dieser Unvollständigkeit will der Entwurf nichts ändern. 

Dazu kommt eine weitere Frage betreffs desselben Verbrechens. 
§ 126 gibt die Strafrahmen für dieses in verschiedenen Abstufungen. 
Sein Vorbild — § 111 des eingangs erwähnten StGB.s v. J. 1803 — 
hatte bei Eintritt eines „wichtigen Nachteil(s) der Beleidigten an 
ihrer Gesundheit oder gar am Leben“ schweren Kerker vön 10 bis 
zu 20 Jahren angedroht. Der geltende § 126 fügte dem bei: „Hat 
das Verbrechen den Tod der Beleidigten verursacht, so tritt lebens¬ 
langer schwerer Kerker ein“. Es wäre nun zu wünschen, daß der 
„Nachteil am Leben“ einerseits gegen den bloßen Nachteil au der 
Gesundheit, andererseits gegen den Tod verständlich abgegrenzt 
oder gestrichen würde. Auch das hat der Entwurf unterlassen. 

übrigens sei hier die Anregung zur Erwägung darüber ein¬ 
gestreut, welche Beurteilung dem heimlichen Gebrauche von 
Stimulantien (deren Begriff nach Möglichkeit umschrieben wer¬ 
den müßte) beizumessen wäre. 

*) Vgl. ,J)er mit besonderer Grausamkeit verübte Mord“ S. 12. 

4 ) Vgl. Reukauff 8. 234 und darüber „Der mit besonderer Grausamkeit verübte 
Mord“ S. 11. 

*) Vgl. §§ 314 und 315 des Deutschen Entwurfs v. J. 1919. 


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Eduard von Liszt. 


10 ■ 


An § 129/b (homosexuelle Betätigung) soll nichts geändert 
werden, trotz aller eingehenden ErörteruDgen über den § 175 des 
Deutschen Reichs-StGB. Der Tatbestand wird auch weiterhin nicht 
abgegrenzt, und die Tat bleibt nach wie vor Verbrechen i. e. S. 

Auf das Gebot der Entente hin enthält der Entwurf eine 
Strafdrohung gegen den Mädchenhandel, was ja übrigens 
zweifellos zu billigen ist Die Bestimmung des darauf bezüglichen 
§ 132 V schließt sich zum Teil an den § 434 des Deutschen Ent¬ 
wurfs v. J. 1919 an. Ihr zweiter Teil entspricht in der Hauptsache 
der dort gegebenen Umschreibung, während ihr erster Teil diese 
vorzuziehen scheint 

In Bezug auf das Verbrechen des Mordes gibt der Entwurf 
keinen Änderungsvorschlag, geht also über die Bestimmungen des 
Entwurfs v. J. 1913, § 286/1 6 ) bezw. § 287/1 7 ) einfach hinweg. — 
Auch betreffs des Kindesmordes ändert er weder den Namen 8 ) 
noch sonst etwas. Die völlig unbegründete und unberechtigte Unter¬ 
scheidung nach der Verübung an einem ehelichen oder unehelichen 
Kinde 9 ) soll unverändert beibehalten werden. Ist diese Unterschei¬ 
dung berechtigt, warum führt man sie nicht auch bei Aufstellung 
der Strafrahmen für Fruchtabtreibung und „Kindesweglegung“ ein? 
Ist sie es aber nicht, warum muß sie uns durchaus gerade beim 
Kindesmord erhalten bleiben? Ebenso hält der Entwurf an der 
gleicherweise unberechtigten 10 ) Unterscheidung nach der Begehung 
durch Tun oder Unterlassung fest. Die Strafrahmen sind ausgiebig 
gemildert, was im Hinblick auf die außerordentliche Ausdehnung 
des allgemeinen Milderungsrechtes und die Praxis der Geschworenen 
kaum von großer Bedeutung ist und nur vielleicht zu mehr Schuld¬ 
sprüchen führen wird 11 ). 

Besonders befremdend berührt die Haltung der Redaktoren 
gegenüber der Frage der Fruchtabtreibung. Der Entwurf will 
in dieser Materie keine einschneidende Änderung anbahnen. Er führt 
für diese seine Haltung zunächst 18 ) eine Reihe wenig stichhaltiger 
Gründe ins Feld, die ich hier umso eher übergehen kann, als ich 
sie sämtlich schon in meiner „Kriminellen Fruchtabtreibung“ ge¬ 
würdigt habe 18 ). Verwunderlicherweise bezeichnet die „Begrün¬ 
dung“ dabei bereits seit Jahrzehnten ins Treffen geführte Gründe 
unter Hinweis auf die gegenwärtige wirtschaftliche Not als „An¬ 
schauungen, die die Not der Stunde geboren“ habe. Sodann aber 
gibt sie als Grund der ablehnenden Haltung des Entwurfs den an. 


•) Mord bei Ausführung eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit Vgl. meine Schrift 
über diesen. 

*) Mord mit besonderer Grausamkeit. 

•) Vgl. meine „Vorsätzlichen Tötungen 41 S. 121 ff. 

•) Vgl. „Mord und Totschlag 44 8. 115—117. 

la ) Vgl- „Vorsätzliche Tötungen 44 S. 116/117. — Die von Gf. Gleispach (8. 242) 
mit Recht hervorgehobenen Fälle, in welchen Erschöpfungszustände eine Rolle spielen* 
sind selbstverständlich höchst rücksichtswert. Ihnen müßte der Gesetzgeber durch Auf¬ 
stellung eines Strafrahmens mit sehr geringem Minimum gerecht werden; dies natürlich 
auch zugunsten der ehelichen Mutter. 

Al ) Vgl. „Vorsätzliche Tötungen 44 S. 148/149. 

1Ä ) „Begründung 44 8. 32/33. 

u ) „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 (1910/1911) 8. 21 ff. 


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Die „sexuellen* 4 Delikte im österreichischen Strafgesetzentwurf vom Jahre 1921. 11 


daß — noch kein anderer Staat sich zu einer essentiellen Änderung 
entschließen konnte. Damit würde Österreich auf jede führende 
Rolle in irgendeiner Frage der Strafgesetzgebung ganz offiziell 
verzichten. 

Doch wenn man sich schon zu keiner einschneidenden Neue¬ 
rung im Sinne des im Parlamente eingebrachten Antrages Adelheid 
Popp 14 ) entschließen wollte — die Meinungen divergieren in dieser 
Frage bekanntlich innerhalb der alleräußersten Pole und prallten 
bei ihrer Besprechung in der Kommission stark gegeneinander — 
so wären doch genug andere wichtige Punkte zu klären gewesen. 
Sie wurden glatt ignoriert. So schon einmal die Frage, ob nur die 
Tötung oder auch die „bloße“ Gefährdung der Frucht den Tatbe¬ 
stand des Verbrechens herstellen solle 15 ). Es wurde auch anschei¬ 
nend übersehen, daß die einschlägigen Paragraphen gar keine Straf¬ 
drohung gegen den enthalten, der einer Schwangeren mit ihrer 
Einwilligung die Frucht abtreibt, so daß alle Urteile gegen den so¬ 
genannten „Dritten“ geradezu eine Fiktion zugrunde legen müssen 18 ), 
soferne die Abtreibung nicht ohne den Willen der Schwangeren 
stattfand. Ebenso wurde darüber hinweggegangen, daß nicht nur 
die Abtreibung „wider Wissen und Willen der Mutter“, sondern 
schon die ohne deren Wissen bewerkstelligte strengere Bestrafung 
verdient 17 ). Ebenso, daß gegen eine besonders strenge Bestrafung 
des „Vaters der abgetriebenen Frucht“ (§ 146) die gewichtigsten 
Gründe sprechen 18 ). Desgleichen die schwere Unlogik im Gebrauch 
der Worte „eigene Leibesfrucht“ und „fremde Leibesfrucht“ 19 ). 

Allen diesen gewiß wichtigen Fragen gegenüber ist der Ent¬ 
wurf rein passiv geblieben. Die Erwähnung der ärztlich indizier¬ 
ten Abtreibung ist gewiß kein Gebot der Notwendigkeit, wäre aber 
doch wohl wünschenswert 

Ob sich die Redaktoren über die grundlegende Frage klar 
wurden, welches Rechtsgut eigentlich durch die Strafdrohung gegen 
die Fruchtabtreibung zu schützen sei, scheint mir fraglich. Die 
„Begründung« gebraucht den völlig laienhaften Ausdruck „Schutz 
des keimenden Lebens“, womit sie aber das zu schützende Rechtsgut 
wohl nicht bezeichnen will 20 ). 

§ 339 („Vorschrift für unverehelichte schwangere Frauens¬ 
personen“) enthält eine kleine stilistische und nebensächliche sach¬ 
liche Verbesserung. Die Hauptsache übergeht er. Er bedroht nach 
wie vor „eine unverheiratete Frauensperson* 1 ), die sich schwanger 
befindet“, wenn sie nicht anläßlich der Entbindung gewisse Vor- 


14 ) Straflosigkeit der Fruohtabtreibung, wenn sie mit Zustimmung der Schwangeren 
vor dem Ablaufe des dritten Schwangerschaftsmonats von ärztlicher Seite vorgenommen 
wird („Arbeiterinnenzeitung 44 , Wien, 18. Jänner 1921). — Vgl. damit meine „Kriminelle 
Fruchtabtreibung 41 S. 22/23, 89, 373, 378, 385/386. 

w ) „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 S. 152 ff bzw. 177 ff. 

1# ) „Die kriminelle Fruchtabtreibung“ S. 303 ff. 

1T ) „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 S. 227/228. 

18 ) „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 S. 312 ff. und „Die vorsätzlichen Tötungen 44 
S. 145 ff. 

1Ä ) „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 S. 311. 

*) „Begründung 44 S. 11 und 32. Vgl. dazu „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 S. 97. 

M ) Sollte nicht das Wort „Person 44 oder „Frau 44 genügen ? 


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12 


Eduard von Liszt 


Schriften befolgt Dieser Wortlaut soll unverändert aus dem gel¬ 
tenden StGB, übernommen werden. Man dürfte aber doch nicht 
übersehen, daß auch eine verheiratete Frau zweifellos unehelich 
schwanger sein kann, und daß gerade von einer solchen unter Um¬ 
ständen noch eher ein Angriff gegen das Leben der Frucht oder 
des neugeborenen Kindes erwartet werden kann, als seitens einei 
ledigen Schwangeren. Nach dem Wortlaute des Paragraphen aber 
ist dessen Bestimmung auf sie nicht anwendbar **). Abhilfe gegen 
dieses unwillkommene Ergebnis wäre nicht schwer zu schaffen: 
Man brauchte einfach zu sagen „Eine Person“ — oder „eine Frau“ — 
die sich unehelich schwanger befindet“. 

Aufrichtig gewundert hätte ich mich, wäre die in tiefer sitt¬ 
licher Erkenntnis und wahrem Rechtsgefühl wohlbegründete iS ) Be¬ 
stimmung des alten § 502, wonach wegen Ehebruchs „die Frau 
aber alsdann strenger zu bestrafen“ ist, „wenn durch den begangenen 
Ehebruch über die Rechtmäßigkeit der nachfolgenden Geburt ein 
Zweifel entstehen kann“, nicht von der Egge der modernen Schlag¬ 
worte „nivelliert“ worden. Man hat sie denn auch richtig ge¬ 
strichen, statt daß man sie beibehalten und gerechterweise auf den 
an der Begründung des Zweifels mitschuldigen Ehebrecher aus¬ 
gedehnt hätte 24 ). — Betreffs der Frage des Ehebruchs ist es übrigens 
dankenswert, daß die seit vielen Jahren immer wiederkehrende 
„Forderung“, diesen für straflos zu erklären 25 ), unberücksichtigt ge¬ 
lassen wurde. 

§ 506 (Verführung und Entehrung unter der nichterfüll¬ 
ten Zusage der Ehe) ist — einschließlich des logischen Fehlers, 
wonach die Zusage der Ehe schon zurZeit der Verführung nicht erfüllt 
sein mußte — selbstverständlich beibehalten. Noch dazu mit gänz¬ 
lich unveränderter Textierung, trotzdem jedem Juristen bekannt ist, 
welche Unklarheiten und Streitfragen aus dieser entsprangen. In 
einem zweiten Absätze soll beigefügt werden, daß die Verfolgung 
nur mit Ermächtigung der „Beleidigten“ (dieses Wort stammt aus 
§ 126 [Notzucht] des geltenden StGB, und mit diesem aus § 111 
des StGB. v. J. 1803) stattfinde. Ein Beisatz, der schon aus rein 
kriminalistischen Gründen als überflüssig erhellt. 

Da dieser Paragraph anscheinend noch nicht zu genügend 
vielen Erpressungen Gelegenheit gibt 26 ), wird vom Entwurf eine 
Ergänzung der diesbezüglichen Möglichkeiten vorgeschlagen, iudem 


**) Einer besonderen Erwägung bedürfte es betreffs der Frau, deren Ehe zwar „von 
Tisch und Bett geschieden“ (§§ 103 ff BGB.) ist, quoad vinculum aber zufolge § 111 BGB. 
fortbesteht. Streng genommen ist die Vorschrift des § 339 StGB, auch auf sie nicht 
anzuwenden, da sie nicht „unverheiratet“ ist 

2Ä ) Vgl. „Vorsätzliche Tötungen“ S. 74, „Mord und Totschlag 41 S. 109/110. Ich 
möchte dazu noch bemerken: Ist der Ehebruch an und für sich ein Delikt gegen die 
Heiligkeit der Ehe, so ist der Ehebruch einer verheirateten Frau oder mit einer solchen 
noch außerdem sozusagen ein Delikt gegen den Personenstand (perturbatio sanguinis). 
u ) Siehe „Doppelte Moral?“ S. 166. — Vgl. das bayerische StGB. v. J. 1861, Art. 217. 
“) So neuerdings Stooß 8. 20; vgl. dazu meine Besprechung S. 201. 

*•) Siehe Laker und meine „Pflichten“ S. 98 und 99; betreffs der „Künstlichen 
Jungfrauen“ ebendas. 8. 99 (mit den dort zit. Forel, Mantegazza, Näcke) und 
Fuchs S. 134 mit dem alten (um 1700) Bilde „La reconstruction de la pucelage“. 
Vgl. auch Hans Groß S. 31. 


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„sexuellen“ Delikte im österreichischen 8trafgesetzentwnrf vom Jahre 1921. 13 


untei^em Titel „Verführung“ ein § 510 bestimmen soll: „Wer 
ein Mädchen unter 16 Jahren verführt und entehrt, macht sich einer 
Übertretung schuldig und wird mit strengem Arrest bis zu 6 Monaten 
bestraft. — Die Verfolgung findet nur mit Ermächtigung der Be¬ 
leidigten“ (!) „statt“ Wohl nur wenige Untersuchungsrichter hatten 
nie zur Beobachtung Gelegenheit, wie durch und durch verlotterte 
Mädchen unter 14 Jahren insbesondere ältere Herren in achtbarer 
Lebensstellung mit dem Raffinement einer erwachsenen Dirne ver¬ 
führten und dann die Scheu des Opfers vor der Öffentlichkeit aus¬ 
nützten. Manche dieser Mädchen haben gewiß die Vollendung des 
14. Lebensjahrs als schmerzlichen Abschied von einer lieben Mög¬ 
lichkeit empfunden. Ihnen soll nun wenigstens auf ^weitere zwei 
Jahre geholfen (und mittels des später zu besprechenden § 514 dann 
noch durch zwei weitere Jahre ein Notbehelf gewährt) werden 87 ). 
Daß die Bestimmung uns in der Praxis vor eine Reihe yon Un¬ 
möglichkeiten stellt, sollte nicht erst hervorgehoben werden 
müssen 88 ). 

Nachdem aber auch dieser Paragraph augenscheinlich noch 
nicht hinreicht, um genügend Stoff für Erpressungen zu liefern, soll 
noch ein § 506a jenen wegen Übertretung bedrohen, der „eine 
Frauensperson durch Ausnützung ihrer Notlage oder ihrer 
durch ein Dienstverhältnis begründeten Abhängigkeit dazu be¬ 
stimmt, sich ihm hinzugeben.“ Strafe: Strenger Arrest, selbstver¬ 
ständlich wieder nur mit Ermächtigung der „Beleidigten“. Zwar 
haben schon v. Bar im Jahre 1882 und Merkel i. J. 1889 89 ) mit 
der überzeugenden Kraft ihrer ruhigen Argumentation dargetan, wie 
juristisch unmöglich und ungerecht eine solche Strafdrohung ist, 
und ich glaube auch meinerseits schon i. J. 1907 denselben Beweis 
erbracht zu haben 80 ), wobei ich mich auch auf eine scharfsinnige 
Argumentation Köhlers 81 ) berufen konnte. Ferner habe ich (i. J. 
1914) darauf hingewiesen, daß es sich in diesen Fällen gar nicht 
um die geschlechtliche, sondern um die wirtschaftliche Freiheit der 
der betreffenden Frau handelt 88 ), und (1907) daß wir mit der gerügten 
Bestimmung tatsächlich schon knapp an die strafrechtliche Be¬ 
schirmung der geheimen Prostitution herankommen würden 83 ). Aber 
es handelt sich ja in derartigen Fällen fast nie um Argumente, 


27 ) Über den Begriff der „weiblichen Ehre“ und ihre sehr relative Auffassung vgl. 
meine Besprechung der Schrift von Peschke 8. 712/713; dann „Die vorsätzlichen 
Tötungen“ 8. 133/134 und die dort zitierten (Amschi, v. Fabrice, Makarewicz); 
ferner „Mord und Totschlag“ 8. 117 und die dort zitierten (Gregor und Voigtländer). 
Bezüglich der Erhöhung des „Schutzalters“ möchte ich auf meine „Erwerbsfahigkeit und 
Prostitution“ 8. 16 hinweisen. Speziell über den Nachweis der „Entehrung 41 siehe meine 
„Pflichten 44 8. 98/99; betreffs der „Künstlichen Jungfrauen 44 ebenda 8. 99 (mit den da¬ 
selbst zitierten Forel, Mantegazza, Näcke) und Fuchs 8. 134 mit dem alten (um 
1700) Bilde „La reconstruction de la pucelage“. 

**) Über den „Beweis“ der Verführung siehe meine „Pflichten“; dann auch „Wie 
man Beweise herstellt 44 und „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 Note 334. 

*®l Siehe beide zitiert in meinen „Pflichten“ 8. 146/147. 

**) „Pflichten“ 8. 146—148. Vgl. auch meine Besprechung der 2. Auflage des 

StooB’schen Lehrbuchs 8. 203 und der Schrift von Peschke 8. 712—715. 

**) Siehe „Pflichten“ S. 147. 

**) Siehe Besprechung der Schrift von Peschke S. 713. 

**) Siehe „Pflichten“ 8. 148 und die Besprechung des StooB’schen Lehrbuchs 8. 203. 


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14 


Eduard von Liszt 


sondern fast stets um Schlagworte; und das „Schlagwort“ will eben 
ä tout prix seinen — „Prügelknaben“ finden. 

Damit dieser juristisch unmöglich zu rechtfertigende Paragraph 
— mittels dessen ein allerdings unanständiger und brutaler und 
folglich auch zu mißbilligender, niemals aber rechtswidriger 34 ) Kon¬ 
trakt einseitig unter Strafe gestellt werden soll — nicht allein stehe, 
will ein neuer §514 eine ähnliche juristische Unmöglichkeit beifügen: 
„Wer einem anderen einen Vermögens vorteil verspricht oder ge¬ 
währt, damit er ihm oder einem Dritten eine Person unter 18 Jahren 
oder eine Frauensperson, die nicht gewerbsmäßig Unzucht treibt, 
zu unzüchtigem Verkehre zuführe, macht sich einer Über¬ 
tretung schuldig und wird mit Arrest von einer Woche bis zu drei 
Monaten bestraft“. In Ansehung des nur knappen verfügbaren 
Raums sei mir diesbezüglich der bloße Hinweiß auf Franz von Liszt 
gestattet 88 ). 

Erhalten bleibt uns der alte § 516, welcher „gröbliches und 
öffentliches Ärgernis verursachende Verletzung der Sittlichkeit 
oder Schamhaftigkeit“ unter Strafdrohung stellt Dagegen ist nichts 
einzuwenden, und höchstens könnte hei dieser Gelegenheit die alte 
Streitfrage bereinigt werden, ob der Tatbestand auch schon durch 
solche — vor einer wenn auch beschränkten Öffentlichkeit aus- 
geübte — Handlungen hergestellt werde, welche zur Erregung eines 
öffentlichen Ärgernisses geeignet sind, auch wenn das Ärgernis 
im konkreten Falle nicht genommen wurde. — Anders steht es mit 
dem einzuschiebenden neuen § 509: „Mißbrauch Unmündiger. 
Wer eine unzüchtige Handlung vor einer unmündigen Person vor¬ 
nimmt, um dadurch seinen Geschlechtstrieb zu erregen oder zu be¬ 
friedigen, macht sich eines Vergehens schuldig und wird mit 
strengem Arrest von sechs Monaten bis zu zwei Jahren bestraft“. 
Die Bestimmung ist gut gemeint und kann rein akademisch ge¬ 
billigt werden. Beim Gedanken an die Praxis aber wirkt sie be¬ 
klemmend. Ist die Psychologie der Zeugenaussage schon im Hin¬ 
blicke auf Erwachsene nichts Zweifelfreies, so steht es damit bei 
Kindern geradezu entmutigend; namentlich auf einem Gebiete, 
welches dem Kinde unbekannt ist und Scheu einflößt. Man muß 
es gesehen haben, wie ein ob seiner Hilflosigkeit selbst ver¬ 
ängstigter Richter derlei Dinge aus einem Kinde herauszufragen 
suchte, sie in Wahrheit aber in dieses hineinfragte; indem er 
nämlich mit jedem Worte ungewollt und unbewußt die folgen¬ 
schwerste Suggestion ausübte. Dabei sehe ich noch ab von der 
naturgemäß zumeist bereits zuhause auf das Kind ausgeübten 
Suggestion 86 ). Diese wird gewöhnlich als solche gar nicht beab¬ 
sichtigt worden sein, und doch dürfte dadurch die Sache kaum 
weniger gefährlich werden, als bei absichtlicher „Anlemung“ des 
Kindes zum Zwecke von Rache oder Erpressung. Kaum genügend 
besser, als bei der Vernehmung kleiner Kinder, steht es dies¬ 
bezüglich mit größeren. Nachdrücklich erinnern möchte ich außerdem 


u ) Vgl. v. Bar S. 335. 

M ) Franz von Liszt S. 220. 

M ) Über Kinder als Zengen vgl. Groß S. 119ff. 


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Die „sexuellen“ Delikte im österreichischen 8trafgesetzentwurf vom Jahre 1921. 15 


an wichtige Worte des vielerfahrenen Hans Groß: „In gewisser 
Beziehung ist das heranwachsende Mädchen sogar eine gefährliche 
Zeugin, nämlich dort, wo es selbst an der Sache beteiligt oder gar • 
deren Mittelpunkt ist 37 ).“ Andererseits wird es fraglos auch der 
kindlichen Psychose bekömmlicher sein, wenn man es bei dem 
bedauerlichen Ereignis — das dem Kinde vielleicht fast oder 
gar nicht zum Bewußtsein kam — bewenden läßt, als wenn 
man es nun erst recht und immer wieder nachdrücklichst darauf 
aufmerksam macht und dem unschuldigen Wesen sozusagen mit 
Gewalt die Nase in den Schmutz hineinstößt, dessen üblen Geruch 
es kaum wahrgenommen (ein direkter Angriff auf das Kind fällt 
ja ohnedies unter eine viel strengere Strafdrohung) hätte. Ich bin 
überzeugt, daß gewissenhafte Eltern der behördlichen Abhörung 
ihres Kindes in solchem Falle mit bedeutend größerem Bangen 
entgegensehen, als einem selbst auffallenden Mißbrauch im Sinne 
des in Rede stehenden Paragraphen. 

Es würde zu weit führen, hier noch alle weiteren auf die sexu¬ 
elle Materie bezüglichen Tatbestände zu besprechen 33 ), und ich 
möchte es deshalb auch unterlassen. Hingegen bleibe nicht un¬ 
erwähnt, daß dem an mancher Stelle gezeigten weitgehenden Ent¬ 
gegenkommen gegenüber gewissen Schlagworten auch manche er¬ 
freuliche Reserve gegenübersteht. So enthält der Entwurf allerdings 
erfreulicherweise eine eigene Strafdrohung gegen den „Mißbrauch 
der Arbeitskraft jugendlicher Personen“ (§ 521), sieht aber 
ebenso erfreulicherweise ab von der Sonderbedrohung des Mi߬ 
brauchs der Arbeitskraft einer erwachsenen weiblichen Person ohne 
Gewährung des gleichen Schutzes an einen ausgebeuteten Mann 33 ). 
Wünschenswert wäre ein solcher Schutz für alle Menschen 40 ). Der 
Entwurf sieht ab von der Aufstellung eines eigenen Delikts der 
„Gefährdung durch eine Geschlechtskrankheit“ 41 ), 
welche ja ohnedies — je nachdem sie vorsätzlich oder fahrlässig 
erfolgte — durch andere Paragraphen des Strafgesetzbuchs hin¬ 
reichend getroffen werden kann 43 ) 43 ). Und besonders hervorheben 
möchte ich, daß eine Strafdrohung gegen den, der eine von ihm 


* T ) Groß 8. 122/123, wo auch die Begründung für die festgestellte Erscheinung 
gegeben ist. 

**) Die anderen Verbrechen (i. w. 8.) sind von mir’ in dem Aufsätze „Die österr. 
Strafgesetzreform“ besprochen. 

**) Siehe Besprechung Stooß 8. 204. 

40 ) Vgl. meine „Pflichten“ Note 78. 

41 ) Vgl. den Deutschen „Gegenentwurf“ § 274. 

4t ) Es sei hier der eigentümliche Fall zur Erwägung gestellt, in welchem ein Bursche 
vom Arzt verlangt, er solle ihn mit einer Geschlechtskrankheit infizieren, damit auf einem 
gewissen ümwege sein Todfeind ebenfalls die Krankheit erwerbe. Nach österr. StGB. 
(§ 140) könnte bei Todesfolge in der Person des Todfeinds sogar Totschlag angenommen 
werden. 

M ) Unverändert beibehalten soll der § 379 werden, der eine mit einer Geeohlechts- 
oder sonstigen ansteckenden Krankheit behaftete Person unter Strafdrohung stellt, welche 
unter Verheimlichung dieser Krankheit sich als Amme verdingt. Der Paragraph ist über¬ 
flüssig. Wenn er aber schon beibehalten werden soll, dann sollte wohl auch die Amme 
gegen Ansteckung durch ein luetisches Kind geschützt werden, wie dies der österr. Ent¬ 
wurf v. J. 1913 in seinem § 304 vorschlug. 


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IG Eduard von Liszt, Die „sexuellen 14 Delikte im österreichischen Strafgesetzentwurf. 


angeblich geschwängerte Person 44 ) während ihrer Schwangerschaft 
nicht alimentiert, nicht in Vorschlag gebracht wurde, womit 
wir nach einem Worte von Adolf Gruß eine „Blamage vor ganz 
Europa“ 45 ) vermeiden. Die Strafdrohung des § 518 — Verletzung 
der Pflicht zur Leistung des Unterhalts — bezieht sich allerdings 
leider nur auf Personen unter 18 Jahren und ist folglich zu eng 46 ). 
Aber es ist nun schon einmal beliebt, überflüssige und sogar schäd¬ 
liche Einengungen in Gesetzestexte aufzunehmen. Die beste 
Korrektur wäre auch hier — der Strich. 

Literatur. 

In den vorstehenden Ausführungen sind die folgenden Arbeiten zitiert. Die Schriften 
anderer Verfasser sind durch bloße Nennung der Autornamen, die Schriften des Ver¬ 
fassers des vorstehenden Aufsatzes mit kurzer Titelangabe unter Weglassung des 
Autornamens bezeichnet. 

von Bar L — Handbuch des deutschen 8trafrechts. 1. Band. Berlin, 1882. 

Euch8 Eduard — Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart Die 
galante Zeit. Ergänzungsband. München. 1911. 

Graf Gl ei spach W. — Über Kindesmord. In H. Groß’ „Archiv 44 , 27. Band. Leipzig, 1907. 
Groß Hans — Handbuch für Untersuchungsrichter. 6. Auflage. München, 191<L 
Gruß Adolf — Referat auf dem 14. österr. Ärztekammertag 1909. Laut „österr. Ärzte¬ 
kammerblatt 44 . 11. Jahrgang. Wien, 1910. 

Laker Karl — Über mangelhaften gesetzlichen und behördlichen Schutz gegen maskierte 
Erpressungen weiblicher Personen. Leoben, 1905. 
von Liszt Eduard — Die Pflichten der unehelichen Väter. Wien, 1907. 
derselbe — Weibliche Erwerbsfähigkeit und Prostitution. 2. Auflage. Rodaun, 1907. 
derselbe — Wie man „Beweise 44 herstellt. In H. Groß’ „Archiv 44 , 32. Band. Leipzig, 1908. 
derselbe — Die kriminelle Fruchtabtreibung. Zürich 1910/1911. 
derselbe — Besprechung der 2. Auflage von Karl Stooß* Lehrhuch des österr. Straf¬ 
rechts. In „Sexual probleme 44 , 9. Jahrgang. Frankfurt a. M., 191ß. 
derselbe — Besprechung von Kurt Peschkes bchrift „Der Schutz der geschlecht¬ 
lichen Freiheit in Abhängigkeitsverhältnissen 44 , ln „Zeitschrift für das private und 
öffentliche Recht der Gegenwart 44 , 40. Band. Wien, 1914. 
derselbe — Die vorsätzlichen Tötungen. Wien, 1919. 

derselbe — Mord, Totschlag und die einschlägigen delicta sui generis. In „Zeitschrift 
für die gesamte Strafrechtswissenschaft 44 , 42. Band. Berlin, 1921. 
derselbe — Doppelte Moral? In „Zeitschrift für Sexualwissenschaft 44 ,8.Band. Bonn, 1921. 
derselbe — Der mit besonderer Grausamkeit verübte Mord. Graz, 1921. 
derselbe — Der Mord bei Verübung eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit Graz, 1921. 
derselbe — Die österreichische Strafgesetzreform, ln „Zeitschrift für die gesamte 
Strafrechtswissenschaft 44 . Im Druck. 

von Liszt Franz — Lehrbuch des Deutschen Strafrechts, 22. Auflage. Berlin, 1919. 
Reukauff H. — Motiviertes Gutachten über den „Lustmörder 44 M. D. In H. Grooß* 
„Archiv 44 , 64. Band. Leipzig, 1915. 


u ) Der Deutsche „Gegenentwurf 44 § 234 betont: „Eine von ihm geschwängerte 
weibliche Person 44 . 

") Gruß 8. 296/297. 

*•) Vgl „Die kriminelle Fruchtabtreibung 44 S. 261. 


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Wilhelm Reich, Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 


17 


Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung 1 ). 

Von Dr. Wilhelm Reich 

in Wien. 

Vorwort. 

Die Trieblehre hat in den letzten Jahren manche Wandlung und einen bedeutenden 
Aufschwung erfahren. Von den maßgebenden Sexuologen (Forel, Havelock-Ellis n.a.) 
bis Jung, der am weitesten gegangen ist, gibt es die verschiedensten Richtungen 
und Anschauungen. Eine Zusammenfassung scheint notwendig. Diesem Zweck diene das 
folgende Sammelroferat, welches nur die bedeutsamsten und solche Triebtheorien berück¬ 
sichtigen kann, die geeignet sind, ein Bild auch von der Entwicklung des Triebbegriffes 
zu geben. Das Referat ist hauptsächlich unkritisch gehalten, aus begreiflichen Gründen: 
die Kritik hätte bei der Verschiedenheit von Anschauung und Methodik der einzelnen 
Forscher das Referat erdrückt. Die Anordnung der Einzelreferate folgt aufsteigen¬ 
der Weite des Sexualitätsbegriffs und dem Übergang von deskriptiver zu er¬ 
klärender Triebpsychologie. Zu letzterer wurde der Wog gebahnt durch die Forschungen 
Freuds, welcher die immense Bedeutung des Unbewußten (Verdrängten) und Infantilen 
für unser Seelenleben aufdeckte. An der Einfallskette der Patienten wurde der Weg 
zurückgelegt vom Intellektuellen zum Triebhaften, und so war Freuds Psychologie als 
Tiefenforschung dazu berufen, in der Hauptsache Triebpsychologie zu werden. Sie wird 
diher am ausführlichsten behandelt und zuletzt diegenetische Anschauung Jungs, des 
früheren Freud-Schülers gebracht werden. 

A. Forel, Moll, Havelock Ellis. 

Am allerwenigsten bei Forel*) geht die Triebtheorie über den deskriptiven Stand¬ 
punkt hinaus. Sie scheint besonders bei diesem Forscher, der auf dem Gebiete der Unter¬ 
suchungen über den Instinkt intelligenter Insekten (Ameisen, Bienen, Termiten) Großartiges 
geleistet hat, von diesen seinen Forschungen derart beeinflußt worden zu sein, daß das 
Interesse an den Instinktmanifestationen jener Insekten einen Großteil von Möglichkeiten, 
die Verhältnisse beim Menschen richtig zu sehen, verschüttet hat Die eigenartige Methodik 
der Untersuchung möge an folgendem klar werden: . . Der Sturm des Geschlechts¬ 
triebes bildet bei niederen Wesen die ganze Liebe. 8obald die Funktion erfüllt ist, hört 
die Liebe auf. Erst bei höhereu Tieren kann sich eine dauernde Zuneigung bilden .. . 
Wie von einem Zauber wird auch der Mensch von seiner Liebesbrunst oder, besser ge¬ 
sagt, Geschlechtsbrunst beherrscht. Er sieht die ganze Welt nur noch in diesem Zeichen ... 
Das Gewöhnlichste uüd sogar oft das sonst Ekelhafteste wird ... zum Gegenstand der 
höchsten Begierde .. . Dies in wenigen Zügen die allgemeine Anschauung des Sexual¬ 
triebes .. . „Wir müssen jedoch den Trieb näher analysieren. — Die Naturtriebe sind 
tief ererbte Instinkte, die weit in die Stammesgeschichte unserer Tierahnen zurück¬ 
reichen .. . u Jeder Trieb gehöre zur Bewegungsseite der Nerventätigkeit; er sei ein 
,inneres Etwas 44 , das zu einer Handlung treibt. Zum Trieb gehöre ein ihn auslösendes 
Gefühl sowie gewisse Sinnesreize, die die Gefühle und durch diese „den betreffenden 
Trieb in Bewegung setzen 44 . 

„Man kann also sagen, daß der Mechanismus der Triebe zu den tief phylogenetisch 
ererbten Automatismen gehört, die bekanntlich, obwohl kompliziert und aus zeitlich 
getrennten, aufeinanderfolgenden, koordinierten Reflexbewegungen bestehend, durchaus 
nicht die aktuelle Plastizität der uns Menscheu oberbewußten, rein vom Großhirn abhängenden 
sogenannten Willkürhandlungen besitzen. Sie können sich neuen, unvorhergesehenen 
Umständen nicht anpassen und versagen bei Unterbrechung der sie auslösenden Kette. . 
Wir müssen annehmen, daß die Instinkte oder Triebe von einer unterbewußten Intro¬ 
spektion (Unterbewußtsein) begleitet sind, die direkt als solche zur Verbindung mit 
unserem Oberbewußtsein (unserem gewöhnlichen Bewußtsein im Wachzustände) kaum 
gelangen kann. 44 

Das, was wir bei den Menschen geschlechtlioheLiebe heißen, seien die zur Gro߬ 
hirnrinde, also zum Inhalt des Oberbewußtseins in vereinheitlichter Form gelangten Triebe 
und Gefühle, deren Ausstrahlungen sich hier mit allen anderen Elementen der Groß- 


l ) Aus dem „Seminar für Sexuologie, Wien 44 . 
f ) Die sexuelle Frage. 

Zeitschr. f. Sexual Wissenschaft IX 1. 2 


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Wilhelm Reich, Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung 


hirnrinde, wie Gemüt, Intellekt und Willen verbinden. Diese seien also sekundäre 
Ausstrahlungen des tierischen Sexualtriebes. 

„Die Libido sexualis, die sexuelle Begierde ist die Art, wie sich 
der Geschlechtstrieb des Menschen äußert. 

Die sexuelle Begierde zum Koitus sei beim Manne, als dem aktiven Teil, am stärksten; 
sie erwache normalerweise in der Pubertät, könne jedoch auch früher durch schlechte 
Beispiele gereizt und auf unnatürliche Wege geführt werden. 

Ähnlich, mit den nötigen Abänderungen wird der Geschlechtstrieb der Frau behandelt, 
und schließlich der Flirt definiert als eine Betätigungsart des Geschlechts¬ 
triebes, ohne daß es zum Koitus komme. 

Moll 1 ) unterscheidet einen Kontrektations- und Detumeszenztrieb; ersterer sei mehr 
psychischer Natur, er bewirke das sich zueinander Hingezogenfühleo, während die De- 
tumeszenz physiologische Entspannung bedeute. 

Havelock Ellis akzeptiert diese Einteilung, unterscheidet jedoch vom De¬ 
tumeszenztrieb den Tumeszenztrieb. Nach ihm ist die Tumeszenz die physio¬ 
logische Vorbereitung zum Geschlechtsakt: Erektion des männlichen Gliedes, Aus¬ 
scheidung von Sekret aus den Bartolinischen Drüsen beim Weibe, Steigerung der Spannung 
durch allerlei Handlungen, besonders Reizungen anderer erogener Zonen, wie Küssen, 
Betasten, Beschauen u. a. Hat die Spannung schon intra coitum den Höhepunkt erreicht, 
so erfolgt die Detumeszenz, d. i. die Entspannung beim Manne in Form der 
Ejakulation, beim Weibe (nicht immer) in Orgasmus, konvulsivischen Zuckungen des 
Unterleibs, die sich über den ganzen Körper verbreiten können. 

Wir finden hier bereits eine bedeutende Annäherung an die später zu beschreibende 
Vorlust und Endlust Freuds. 

Moll*) führt darüber des Genaueren aus: 

„Die eigene Beobachtung zeigt sofort, daß zwei ganz verschiedene Vorgänge bei 
ihm (dem Geschlechtstrieb) beteiligt sind. Erstens (Ge Prozesse, die sich an den 
Genitalien abspielen und die teils unbewußt sind, teils durch Gemeinempfindungen oder 
gewöhnliche Tast- und ähnliche Empfindungen dem Bewußtsein bemerkbar werden. 
Zweitens jene höheren physischen Vorgänge, die den Mann zum Weibe, das Weib zum 
Manne führen. Beide Gruppen von Vorgängen sind in Wirklichkeit im normalen sexuellen 
Leben vereinigt, lassen sich aber nicht nur analytisch voneinander trennen, sondern 
auch in manchen Fällen klinisch voneinander isoliert beobachten. Ich habe vor längerer 
Zeit diese Trennung für die Analyse des Gcschlechtstriebes benutzt, indem ich den auf 
die Peripherie sich beziehenden Trieb als Detumeszenztrieb (von detumescere = ab¬ 
schwellen), die auf die körperliche und seelische Annäherung an ein anderes Individuum 
sich beziehenden Prozesse als Kontrektationstrieb (von contrectare = körperlich be¬ 
rühren, seelisch sich mit etwas beschäftigen) beschrieb. Wenn wir uns dies klar¬ 
machen wollen, gehen wir am besten von Fällen aus, wo jene Vorgänge isoliert auftreten. 
Der Detumeszenztrieb ist zuweilen d ; e einzige Äußerung des Geschlechtstriebes. Es gibt 
Idioten, die die Masturbation wie einen physischen Akt ausüben, weil die von den Genital- 
organen ausgehenden Empfindungen ebenso dazu drängen, wie das Jucken der Haut zum 
Kratzen treibt. Sie masturbieren, ohne dabei an eine andere Person zu denken und haben 
sonst auoh niemals den Drang, eine andere Person geschlechtlich zu berühren. Analoges 
sehen wir auch in der Tierwelt, bei der Onanie der Affen, Bullen und Hengste . .. 
Auch die zweite Komponente, der Kontrektationstrieb, kommt, wenigstens zeitweise, iso¬ 
liert vor. Es gibt Knaben, die lange vor dem Eintritt der sichtbaren Pubertät den Drang 
haben, weibliche Personen zu berühren, zu küssen, an sie zu denken, denen aber jeder 
Gedanke an Masturbation oder einen andern Akt mit den Genitalien fehlt u (wir wollen 
hinzufügen: bewußt fehlt). „Sehr oft ist der Betreffende eines Tages selbst überrascht, 
wie diese Vorstellungen auf die Genitalien reflektiert werden, sei es, daß es nur zur 
Erektion kommt, sei es, daß er beim Andrücken eines Mädchens Erektion und Ejakulation 
hat. Beim geschlechtsreifen, normalen Manne sind Detumeszenz- und Kontrektationstrieb 
vereinigt, und hieraus geht der Zwang hervor, bei Berührung des Weibes zu detumes- 
zieren und schließlich den Koitus auszuüben .. . dasselbe gilt vom Weibe . .. 

Die Anregung des Geschlechtstriebes, und zwar jeder der beiden Komponenten, kann 
sowohl durch körperliche wie durch seelische Reize erfolgen, wobei aber festzuhalten ist 
daß beide Komponenten an sich beim normalen erwachsenen Menschen so innig mit¬ 
einander verbunden sind, daß sie nur noch analytisch getrennt werden können . . .“ 

l ) Moll, Handbuch der Sexualwissenschaften. 

*) Moll, Das Seelenleben des Kindes, S. 26. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


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Vom Zusammenhang zwischen den zentralen Vorgängen und den peripheren Wollust¬ 
empfindungen sagt Moll aus: 

„Legen wir uns zunächst die Frage vor, wodurch die Wollust und das gleichzeitige 
Befriedigungsgefühl bewirkt werden . . . Für Auslösung dieser Voxgänge genügt nicht 
immer, wie oft angenommen wird, der Ablauf der peripheren Prozesse an den Genitalien. 
Ein Homosexueller, der beim heterosexuellen Koitus, indem er sich in der Phantasie einen 
Mann vorstellt, bis zur Erektion und Ejakulation kommt, empfindet hierbei keine Wollust 
und kein Befriedigungsgefühl, d. h. obwohl alle peripheren Vorgänge in normaler Weise 
statthaben, bleibt das Befriedigungsgefühl aus, weil der dem Geschlechtstrieb adäquate 
Akt fehlt, während derselbe Homosexuelle bei der Umarmung eines ihm sympathischen 
Mannes die Wollustempfindung und das Befriedigungsgefühl erreicht.“ 

Weiters über die Wollustempfindungen beim Kinde: 

„Hierüber ein klares Bild zu gewinnen ist äußerst schwer . . . insbesondere da die 
Wollustempfindung bei kleinen Kindern als ein ganz subjektiver Vorgang so überaus 
schwer äußerlich erkennbar ist. Immerhin können wir das Folgende sagen: Daß zuweilen 
schon in der Kindheit, selbst in der ersten Kindheit, eine der späteren Wollustempfindung 
gleichartige Empfindung erregt wird, scheint mir sicher. Allerdings müssen wir vor¬ 
sichtig sein, ehe wir dies in einem konkreten Falle annehmen. Gewisse wiegende Be¬ 
wegungen von Säuglingen und anderen kleinen Kindern werden oft genug als Beweis 
onanistischer Vorgänge und bestehender Wollust angeführt, aber, wie ich glaube, vielfach 
mit Unrecht. Solche Bewegungen können ein Ausdruck allgemeinen Behagens (? d. Ref.) 
sein, ohne daß sie auch nur das mindeste mit dem Geschlechtsleben und der spezifischen 
Wollustempfindung zu tun haben. Freilich kommt auch die letztere selbst bei kleinen 
Kindern, vielleicht sogar Säuglingen, vor. Wenn ein Kind mit weitgeöffneten, feuchten 
Augen daliegt und äußerlich allerlei Zeichen der geschlechtlichen Erregung darbietet, wie 
sie beim Erwachsenen beobachtet werden, so sind wir berechtigt, eine solche Wollust¬ 
empfindung anzunehmen.“ 

Daß sexuelle Erregung bei Kindern physiologisch ist, ist eine seither bekannte Tat¬ 
sache. Noch in jedem Falle, der einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen wurde, 
waren bewußte Erinnerungen an Wollust selbst in frühester Kindheit vorhanden. Es 
braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der Zweifel der nicht analytischen Beobachtungs¬ 
weise an der Möglichkeit oder Norm sexueller Empfindungen in der Kindheit darauf beruht, 
daß man dabei auf äußerlich wahrnehmbare Zeichen angewiesen ist, ferner selbst in 
Fällen, wo anläßlich einer psycho-therapeutischen Behandlung Ausfragen der Patienten 
erfolgt, ein gewisser Kontakt mit den Behandelten notwendig ist, um so tiefgreifende 
Geständnisse zu erhalten. Unterliegt doch das Sexualleben aus unbegreiflichen Gründen 
Selbst im ärztlichen Verkehr mit Patienten einer Prüderie, die völlig unangebracht, ja 
oft schädlich ist, da sie wichtige Faktoren des Verständnisses eines Leidens zurüokhält. 
8elbst in der psycho-analytischon Behandlung bedarf es oft wochenlang dauernden 
Wartens auf Herstellung des Kontaktes (Übertragung), bis der Patient aus seiner Reserve 
in sexualibus heraustritt. (Fortsetzung folgt.) 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Die Leitgedanke^ 

der beiden Entwürfe zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 

Von Dr. Dreuw. 

Soeben ist vom Reichsrat der Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Geschlechts¬ 
krankheiten dem Reichstag zur Beratung übergeben worden. Es ist daher wichtig, wenn 
die Sexualwissenschaftler sich mit diesen jetzt aktuellen Fragen beschäftigen, die nicht 
bloß sie, sondern das gesamte Volk betreffen, die ersteren aber besonders angeht 

Drei Systeme beschäftigen sieh mit der staatlichen Bekämpfung der wichtigsten 
Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten, der Prostitution: 

1. der Reglementari8inu8, 1794 in Preußen gesetzlich bingeführt und bis 
heute bestehend, dessen Abschaffung von der preußischen Landesversammlung beschlossen ist; 

*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitang 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliohe Verantwortung! 

2 * 


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Kleinere Mitteilangen, Anregangen and Erörterungen. 


2. der Abolitionismus, der kein positives, sondern nur ein negatives, aber 
sehr wichtiges Programm verfolgt, nämlich den Reglementarismus abzuschaffen (abolea- 
cere = abschaffen); 

3. der Diskretionismus, d. h. das von mir angegebene System der allgemeinen, 
gleichen, diskreten Anzeige- und Bebandlungspflicht aller Geschlechtskranken, das ich 
eben wegen der diskreten Erfassung den Diskretionismus nennen möchte. 

Der Diskretionismus stellt einen vollgültigen Ersatz und eine große Verbesserung 
der Reglementierung dar, er schafft die doppelte Moral in der Gesetzgebung ab und erfaßt 
nicht nur alle Geschlechtskrankheiten, sondern auch einen großen Teil der bisher unfa߬ 
baren Geheimprostitution, er gewährt eine genaue statistische Einschätzung und Kontrolle 
über Zu- oder Abnahme der Geißel der Menschheit und eine Kontrolle der angewandten 
Methoden. 

Von vornherein sei bemerkt, daß das Märchen, als ob irgend jemand durch die 
allgemeine, gleiche, diskrete Anzeige- und Behandlungspflicht belästigt oder diskreditiert 
oder sogar, wie die Gegner behaupten, der Polizei angezeigt würde, als ob die Durch¬ 
führung technisch oder finanziell nicht möglich sei (die Prostituierten kosten heute dem 
Staate Milliarden Mark und die unnützen Beratungsstellen verschlingen große Summen!) 
erfunden ist, um mit gehässigen Mitteln die Sache selbst zu diskreditieren. Die Idee der 
allgemeinen Anzeigepflicht findet immer mehr Anhänger, Gegner sind nur die Führer der 
Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und die jedem wirk¬ 
lichen Fortschritt immer abholde Bureaukratie, die den Standpunkt vertritt: „Was ist, 
ist vernünftig 4 *. 

Wie ist nach meinem Gesetzentwurf der Diskretionismus praktisch durchzu¬ 
führen? Angenommen Herr Albert Müller, geboren am 17. 3. 83 zu Breslau, be¬ 
fürchtet geschlechtskrank zu sein, so ist er verpflichtet, auf Kosten des Staates sich von 
einem für Geschlechtskrankheiten attestierfahigen, d. h. vom Staate zugelassenen Arzt 
untersuchen zu lassen. Er teilt dem Arzt seine Adresse mit, und der Arzt klärt ihn, 
wenn er krank ist, über das Gesetz und seine Krankheit auf, gibt ihm ein Merkblatt und 
meldet dem zur strengsten Diskretion verpflichteten Gesundheitsamte, nicht etwa den 
Namen, sondern den Anfangsbuchstaben des Namens und Geburtsortes sowie die drei 
Geburtszahlen, in diesem Falle also A. M. 17. 3. 83, B. Auf diese Weise ist jede Ver¬ 
wechslung ausgeschlossen, die Diskretion bleibt gewahrt, und der Patient kann diese 
Zahlen nie vergessen. Nur der Arzt weiß von seiner Krankheit. Von diesem Momente 
an ist Herr Müller verpflichtet, jede Woche einmal dem diskreten Gesundheitsamt in der 
Stadt, wo die erste Meldung gemacht wurde, auch wenn er sich auf Reisen befand oder 
befindet, unter dem Zeichen A. M. 17. 3. 83, B. ein von einem attestierfahigen deutschen 
Arzte ausgefülltes Einschreibeformular zu senden. Bei Kassenpatienten kann dies even¬ 
tuell durch Vermittlung der Kasse geschehen. Die Untersuchung, Behandlung und das 
Attest sind auf Kosten des Staates zu machen, wenn der Patient nach weist, daß er unter 
10000 Mark Einkommen versteuert (ln Schweden wird jeder geschlechtskranke Patient 
auf Stptskosten behandelt und ihm freie Arznei gewährt.) Lauft unter dem obigen 
Zeichen kein Einschreibebrief ein, dann hat das Gesundheitsamt das Recht, nach weiterem 
achttägigem Zuwarten bei dem ersten Arzt sich nach dem Namen zu erkundigen und den 
Patienten unter Berechnung einer sofort vollstreckbaren Gebühr von 10 Mark um die 
Einsendung zu ersuchen. Kommt er der Aufforderung nicht nach, dann kann er zwangs¬ 
weise in ärztliche Behandlung oder in ein Krankenhaus gebracht werden. Kommt er 
dann immer noch nicht seiner Pflicht nach, wird er in Strafe genommen. Selbstverständ¬ 
lich kann er den Arzt nach Belieben wechseln, muß aber den Einschreibebrief immer an 
das erste Amt senden, damit keine Doppelzählung stattfindet. Das Gesundheitsamt darf 
weder an das Gericht, noch an die Polizei, noch an sonst jemand, an Behörden oder 
Private Mitteilungen machen. Alle Akten und Aufzeichnungen sind so zu verwahren, 
daß sie Unbefugten unzugänglich sind. Ist der Patient von einem attestierfähigen Arzt 
für gesund erklärt, der sich bezüglich seiner Handlungen der Kontrolle des Gesundheits¬ 
amtes unterwirft, dann schickt er ein Schlußattest ein, eingeschrieben auf Staatskosten, 
and die Sache ist erledigt. Es bleibt also alles wie bisher, nur muß der Erkrankte ein-« 
mal in der Woche sich seiner Pflicht der Allgemeinheit und sioh selbst gegenüber er^ 
innere. Ist dies zu viel verlangt? Wenn die Kurierfreiheit, d. h. das 1869 eingeführte 
Gesetz, daß auch Nichtapprobierte als Krankenbehandler fungieren können, durch Parla¬ 
mentsbeschluß auch für Geschlechtskranke wie bisher erhalten bleibt, sollen die nicht- 
approbierten Krankenbehandler ein Examen machen, um die Meldungen an das Gesund¬ 
heitsamt richtig machen zu können. Hierdurch würde auch eine Kontrolle stattfinden, 
da die Geschlechtskrankheiten langdauemd sind und der Patient erfahrungsgemäß von 
einem Arzt zum andern, von diesem dann zum Nichtapprobierten und umgekehrt geht, 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


21 


und das Nichtmelden zu gefahrvoll sowohl für den Arzt als auch den Niohtapprobierten 
wäre. (Automatische Meldekontrolle.) 

Durch das System des Diskretionismus wird nun auch die Prostitutionsfrage gelöst. 
Die Sittenpolizei und die Reglementierung (der berüchtigte § 361, 6 StGB.) wiid ab¬ 
geschafft. Die Kontrollmädchen werden Bürgerinnen wie alle andern, mit allen Rechten 
solcher, sie werden nicht mehr gehetzt und gejagt. Sie haben, wie jeder andere $e- 
schlechtskranke Bürger, auf Kosten des Staates wöchentlich den Nachweis (durch Ein¬ 
schreibebrief) der Gesundheit an das Gesundheitsamt zu erbringen. Da sie aber — wie 
die Praxis ergibt — dauernd krank oder krankheitsverdächtig und besonders gefährlich 
6ind, müssen sie den Nachweis nicht einmal, sondern dreimal wöchentlich erbringen. 

Jeder deutsche attestierfähige, sich der Kontrolle des Gesundheitsamts unterwerfende 
Arzt darf sie auf Staatskosten untersuchen und attestieren. Höhere als die staatlich fest¬ 
gesetzten Taxpreise darf der Arzt nicht nehmen, insbesondere nicht direkte Bezahlung 
von der Gewerbsmäßigen selbst Bei einer Erkrankung müssen sie unter strenger Straf¬ 
androhung sofort vom Arzte aus das Krankenhaus aufsuchen. 

Ein Pflegeamt, dem ein Arzt und eine sozial ausgebildete Fürsorgerin vorsteht, 
kümmert sich um ihre sozialen und wirtschaftlichen und ethisch- moralischen Verhältnisse, 
soweit sie dem Gesundheitsamt die Nennung ihres Namens gestatten oder selbst dem 
Pflegeamt ihren Namen und ihr Gewerbe mitteilen. Man erkennt also die strenge und 
reinliche Scheidung zwischen der Polizei (die ganz ausgeschaltet ist und sich, wie bei 
jedem anderen Bürger, nur um die Aufrechterhaltung der Ordnung, des Anstandes und der 
Sitte kümmert, und die Befolgung der Gesetze, selbstverständlich auch dieses neuen Gesetzes, 
eventuell erzwingt), zwischen dem rein medizinisch-sanitären Gesundheitsamt und dem 
Pflegeamt, das in Verbindung mit dem Gesundheitsamt in sozialer, ethischer und wirt¬ 
schaftlicher Beziehung wirkt. Suum cuique. (Jedem das Seine.) 

Da die Sittenpolizei (§ 361, 6) beseitigt wird, ohne daß, wie fälschlich geglaubt 
wird, die gesundheitliche Beaufsichtigung der Prostituierten abgeschafft ist (der Reichs¬ 
ratsentwurf Nr. 71 beseitigt leider diese sanitäre Beaufsichtigung!), da ferner die Wohnungs¬ 
frage durch Verbesserung des Kuppeleiparagraphen (§ 180) gesetzlich neu geregelt wird, 
so wird, wie es bisher war, das Ausüben der Prostitution als solches nicht mehr bestraft. 
Hierdurch ist nun die Gelegenheit gegeben, auch die Geheimprostitution gesundheitlich 
mehr zu kontrollieren. Bisher wurde jede Gewerbsmäßige bestraft, es sei denn, daß sie 
sich durch die schmachvolle Reglementierung ihrer Bürger- und Frauenrechte entkleidete 
und unter Polizeiaufsicht stellte und einen Freischein für ihr Gewerbe dadurch erkaufte, 
daß sie sich in die Polizeisklaverei begab. Dann, aber auch nur dann drückte der Staat 
ein Auge zu. Die Selbstmeldung von Prostituierten an das neue, auch für sie wie für 
jeden Bürger zur Diskretion verpflichtete Gesundheitsamt kann nach dem neuen Gesetz 
daher auch keinen Schaden oder Strafe mehr für sie nach sich ziehen, im Gegenteil. Unteii 
diesen Umständen kann also wegen der nunmehrigen völligen Trennung zwischen Polize- 
und Gesundheitsamt von jeder Person, die gewohnheitsmäßig gegen Entgelt, d. h. ge 
wohnheitsmäßig und gewerbsmäßig, wie ich es nennen möchte, Geschlechtsverkehr aus¬ 
übt, unter Strafandrohung gefordert werden, daß sie ebenso wie jeder andere oder jede 
andere Geschlechtskranke (die Gewerbsmäßige ist, praktisch ausgesprochen, immerzu ge- 
schlechtskrank, solange sie ihr Gewerbe ausübt), sich dem rein sanitären Gesundheitsamt 
meldet Das Wort „Unzucht“ ist durch Geschlechtsverkehr in dem Entwurf Schirmacher 
absichtlich ersetzt, da das Amt nur sanitäre, keine moralischen oder ethischen Ziele, die 
dem Pflegeamt überlassen bleiben, verfolgt. Ist der Sinn dieser gewaltigen kulturpolitischen 
Neuerung den Prostituierten und der Öffentlickeit, den Ärzten und Juristen und Sozio¬ 
logen durch staatliche und private Belehrung, Vorträge usw. einmal völlig klar geworden, 
insbesondere, daß ihre Meldung nur zu rein gesundheitlichen, nicht mehr zu polizei¬ 
lichen Zwecken, also nur in ihrem eigenen Interesse erfolgt, daß sie die bisher berech¬ 
tigte Furcht vor der Polizei und der modernen Ächtung und Sklaverei abstreifen können, 
daß ihnen, wie jedem anderen Bürger, die strengste Diskretion auch dem Gericht, der 
Polizei und Behörden ihren Bekannten und Verwandten gegenüber gewährleistet wird, 
dann werden sie im eigenen gesundheitlichen Interesse sich gern dem Amt anvertrauen. 
Es ist Sache der Behörden, diese Aufklärung mit allen Mitteln zu verbreiten. Denn 
dieses Amt will ja weiter nichts als die Gesundheit der Gewerbsmäßigen und dadurch 
die Gesundheit der Allgemeinheit durch die einzige Forderung, zwei- bis dreimal wöchent¬ 
lich zwangsweise einen Arzt aufzusuchen, sicherstellen. 

Um die Wirkung dieses Gesetzes auf diejenigen, die es wirklich begriffen haben, 
zu demonstrieren, erwähne ich bloß folgenden Vorfall aus meiner Praxis. Zu mir kam 
in die Sprechstunde ein Herr, der sofort erklärte seinen Namen nenne er mir nicht, denn 
ich sei ja derjenige, der alle Patienten sofort zur Anzeige brächte, wie ihm ein Arzt ge- 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


sagt hätte. Als ich ihm dann sagte, daß erstens die Anzeigepflicht als Gesetz überhaupt 
noch nicht existiere und von einer Anzeige könne daher heute noch keine Rede sein, aber, 
wenn sie existiere, so würden nur die Anfangsbuchstaben seines Namens gemeldet und 
erst wenn er seine Pflicht, einmal wöchentlich vom Arzt zum Briefkasten zu gehen, nicht 
erfüllen würde, dürfe bei wiederholter Pflichtverletzung das Gesundheitsamt bei mir an- 
fragen, wer er sei. Denn 90 Proz. der Patienten entzögen sich der Behandlung. Es läge 
also an ihm selbst, ob dies eintreten werde. Im übrigen bliebe alles wie bisher, er könne 
zu einem Arzt gehen, zu dem er wolle usw. Daraufhin sagte er sofort: „Herr Doktor, 
mein Name ist so und so. Ich bin völlig falsch von den anderen Ärzten über die Ziele 
der Anzeigepflicht unterrichtet worden 

Wie gestaltet sich nun die Anzeigepfiicht im Sinne des Regierungs- 
entwurfs vom 10. 3. 20, gezeigt an einem praktischen Falle? 

Angenommen Herr Albert Müller, geb. 17. 3. 83 zu Breslau, ist geschleehtskrank 
oder befürchtet es zu sein, so ist er „verpflichtet u (ob er das Geld dazu hat oder 
nicht!) „sich von einem approbierten Arzt behandeln zu lassen 11 . Daß er 
verpflichtet ist v dem Arzte evtl, unter Vorzeigen eines Ausweises seinen richtigen Namen 
unter Strafandrohung zu nennen, erwähnt der Entwurf nicht. Der Arzt „klärt ihn 
nun laut § 6 über die Art der Krankheit und die Ansteckungsgefahr 
auf und händigt ihm ein amtlich genehmigtes Merkblatt aus.“ Nunmehr 
fängt der Arzt, der doch auch bloß Mensch ist, laut § 7 an zu überlegen, ob gerade dieser 
„Patient infolge seines Berufs oder seiner 44 (ihm ja gar nicht bekannten!) „persön¬ 
lichen Verhältnisse andere besonders gefährdet. 44 Kommt er zu diesem 
Resultat (was natürlich, wenn er unparteiisch handelt, bei 100 Proz. aller Patienten der 
Fall ist), dann ist er, ebenso „wenn der Patient sich der ärztlichen Behand¬ 
lung entzieht 44 (was der Arzt nicht, wohl aber ein Gericht auf Grund von Zeugen¬ 
vernehmungen feststellen kann) „verpflichtet (aber auch nur in diesen Fällen), den 
Patienten der sogenannten Beratungsstelle zu melden. 441 ) 

Dann ist der Patient dieser von Ärzten geleiteten Stelle auf Gnade und Ungnade 
ausgeliefert und ohne daß er das Recht der Berufung hat, verpflichtet, „den An¬ 
weisungen derselben Folge zu leisten 44 , ganz gleich, was sie auch von ihm ver¬ 
langt. Tut er das nicht, so „hat diese der in § 3 bezeichneten Gesundheits¬ 
behörde Kenntnis zu geben. 44 Wer diese Gesundheitsbehörde ist, ob die Polizei 
oder das Wohlfahrtsministerium oder das Reichsamt des Innern, wird nicht gesagt. Aber 
diese zuständige Gesundheitsbehörde hat laut §3 folgende Funktionen: „Sie kann (nach 
Belieben!) Personen, die dringend verdächtig sind, geschlechtskrank zu 

l ) Das Reichsversicherungsamt gibt soeben bekannt, daß Ende 1920 164 Beratungsstellen 
für Geschlechtskranke vorhanden waren, die 107995 Personen berieten, 40526 Kranke hatten 
die Beratungsstellen selbst aufgesucht, während die übrigen von Ärzten (20992), Kranken¬ 
kassen (18699), Krankenhäusern (15105), Militärverwaltungen (3831) und anderen Stellen 
überwiesen wurden. Doch ist in all diesen letztgenannten Fällen die Beratung nahezu 
hinfällig, da die Krankheit ja schon bekannt war. Von den 107995 Personen waren 
9710 örtlich nicht zuständig und 11039 waren überhaupt nicht geschlechtskrank. Von 
den 86456 Geschlechtskranken waren 1653 Kinder unter 14 Jahren, ein Zeichen derZeit. 
Im Jahre 1920 waren die Selbstmeldungen auf 40625 gestiegen, gegenüber 38 050 ira 
Jahre 1919. In Nr. 38 der „Sozialen Praxis 44 erklärt Privatdozent Dr. Christian aus dem 
Reichsarbeitsministerium, daß die „Beratungsstellen“ ihren Zweck nicht erfüllen. Wenn 
sich allerdings nur 40000 Patienten, worunter 10 Proz. überhaupt nicht krank sind (in 
Berlin werden schätzungsweise jährlich 500000 Personen behandelt, in ganz Deutschland 
haben wir, ebenfalls schätzungsweise, rund 6 Millionen Kranke) von selbst melden, die 
übrigen aber von Behörden und Instituten den Beratungsstellen zugeführt werden, dann 
bedeutet dies, trotz aller Reklame für diese Stellen, ein ziemlich starkes Fiasko. Melden 
tun sich nach Dr. Christian die „Schlauen, die herausbekommen haben, daß man in den 
Beratungsstellen eine Blutuntersuchung umsonst haben kann, die Gefährlichen aber 
werden nicht erfaßt. 44 Nach Mitteilungen Dr. Hodanns in dem von dem Reichsgesund¬ 
heitsamtsmitglied Dr. Roesle herausgegebenen „Archiv für soziale Hygiene 44 (Nr. 1 1920) 
„hat von 40 Kranken, die der leitende Arzt einer Beratungsstelle für behandlungsfähig 
erklärte, nur ein einziger nach der ersten Behandlung den Arzt wieder aufgesucht. 44 Auch 
diese Tatsache bedeutet den Bankerott der Beratungsstellen. Millionen staatlicher Gelder 
werden nahezu nutzlos verschwendet. Denn mit Recht schreibt Dr. Christian, er müsse 
feststellcn, daß die Beratungsstellen keine starke Handhabe zur Eindämmung der Seuche 
darstellen. Dazu bietet allein die allgemeine, gleiche, diskrete Anzeige- und Behandlungs¬ 
pflicht eine Handhabe. 


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sein und diese Krankheit weiter zu verbreiten, anhalten, ein von 
einem behördlich dazu ermächtigten Arzt ausgestelltes Zeugnis über 
ihren Gesundheitszustand vorzulegen oder sich der Untersuchung 
durch einen solchen Arzt zu unterziehen. 

Diese sagenhafte Behörde kann nach §3 Absatz 2, aber auch, ohne daß der 
Patient eine Berufung hat, rein willkürlich „alle Personen, die geschlechtskrank 
sind oder auch nur verdächtig sind, diese Krankheiten zu verbreiten, 
zwangsweise einem Heilverfahren unterziehen, sie in ein Kranken¬ 
haus zwangsweise verbringen, wenn dies zur Verhütung der Krank¬ 
heit erforderlich erscheint. 11 Also der Willkür dieser sagenhaften Behörde ist 
jeder Deutsche, der auch nur verdächtigt wird (sei es aus Haß oder Mißgunst, aus Neid 
oder Bachsucht, eventuell auf Grund eines anonymen Schreibens) geschlechtskrank zu sein, 
ausgeliefert, d. h., eine moderne Art der Freiheitsberaubung wird in Form der Gesund- 
heitsbehörde auf 60000000 Menschen ausgedehnt. 

* Eine Gegenüberstellung der praktischen Ergebnisse der beiden Entwürfe wird zu dem 
diskretionistischen Resultat führen, das auch die preußische Landesversammlung, beide 
sozialistische und andere Parteien, das der Kölner bevölkerungspolitische Kongreß, das fast 
die gesamte Frauenbewegung, die Rassenhygieniker, kurzum alle logisch denkenden Menschen 
sich zu eigen gemacht haben. Daher schreibt der Stockholmer Universitätshygieniker 
Professor Petterson, „daß die Erfahrungen wahrscheinlich ergeben werden, daß allein 
diskretionistischer Entwurf den Vorzug vor allem schwedischen Spezialgesetz haben wird. 
Da in Schweden das größte Spezialgesetz (31 Paragraphen) existiert, so ist diesem Aus¬ 
spruch eine große Bedeutung zuzumessen. 

Also ein neutraler Beobachter und Forscher kommt auf Grund der Erfahrungen in 
der Praxis zu dem Resultat, daß der Diskretionismus praktisch durchführbar ist. Die 
Behauptung, dies scheitere an den Kosten, trifft nicht zu. Denn die Sittenpolizei mit 
ihren vielen Beamten und Gebäuden und Gehältern wird abgeschafft, ferner die Bordell¬ 
wirtschaft und die Beratungsstellen, die völlig versagt haben usw., und alle diese Er¬ 
sparnisse würden für die Beaufsichtigung aller, arm und reich, Mann und Weib verwandt 
werden, damit endlich die Klassenhygiene und die doppelte Moral aufhören. 

Der Frankfurter Arzt Prof. Max Flesch hat, um die Anzeigepflicht von diesem 
Vorwurf zu befreien, ausgerechnet, daß einer der meist beschäftigtsten Dermatologen Frank¬ 
furts mit einem Tageszuzug von 3 bis 4 Fällen zu rechnen habe, das gäbe auf ein Jahr 
etwa 1200 und für etwa 40 Fachärzte etwa 50000. Dazu käme, was sich noch bei den 
nichtapprobierten Krankenbehandlern und bei den praktischen Ärzten und in den Heil¬ 
instituten befände, also vielleicht die gleiche Anzahl. Es wäre unbestreitbar, daß wir da 
aaf eine Zahl kämen, die kein vernünftiger Mensch für möglich halten würde, in einer 
Stadt von etwa einer halben Million Einwohnern kämen im Jahre 100000 Zugänge. 
(M. E. ist dies wahrscheinlich angesichts der englischen und französischen Statistiken von 
25 Proz.). Das wäre ein Tageszuzug von rund etwa 330 zu registrierenden Meldungen. 
Arbeit für etwa 2 Beamte. Selbst unter dem heutigen tatsächlichen Arbeitstag von bloß 
6y* Stunden würden sie nach der Ansicht von Fachleuten des Registraturwesens das 
leicht bewältigen können. Für die Weiterbearbeitung käme nach Flesch aber nur ein 
Bruchteil in Frage. Es ist verwunderlich (siehe S. 444 meines Buches „Die Sexual- 
revolution u ), daß gerade die Bureaukratie, insbesondere Ministerialdirektor Gottstein, die 
doch am allerwenigsten sonst nach den Kosten fragt, hier immer diese verfehlten Ein¬ 
wände macht, die denn auch (s. S. 444) der Abgeordnete Zimmer mit der gebührenden 
Deutlichkeit zurückgewiesen hat. 

Auch die Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene ist der Auffassung, daß der 
DiBkretionismus die beste Lösung darstellt. Sie faßte folgende Entschließung: 

Die Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene erblickt in dem Gesetzentwurf der 
Regierung gegen die Geschlechtskrankheiten eine stumpfe Waffe im Kampfe gegen 
diese immer bedrohlicher werdenden Krankheiten, weil sie sich nur gegen die Gefahren 
bei der minderbemittelten Bevölkerung richtet und auch diese nur ganz unvollkommen 
erfaßt. Die Pflicht zur Behandlung durch einen Arzt bleibt durch die Unmöglichkeit einer 
wirksamen Aufsicht eine papierene Verordnung. Dahingegen kann der Dr. Dreuwsche 
Gesetzentwurf, Antrag Schirmacher, als ein bedeutsamer Fortschritt gewertet 
werden. Die allgemeine Anzeigepflicht ohne Namensnennung, aber mit steter Möglichkeit 
der Namensfeststellung, die Beaufsichtigung einer geordneten Behandlung durch die 
Gesundheitsbehörde und die Möglichkeit, den sogenannten Gefährdungsparagraphen mit 
Hilfe der Anzeigepflicht wirksam zu machen, sind geeignet, die Verbreitung der Geschlechts¬ 
leiden weitgehend einzudämmen. Die Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene lehnt daher 


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den Regierungsentwurf ab und tritt für den Dr. Dreuw sehen Entwurf (Antrag Schir- 
macher) ein, dessen Annahme sie im Interesse der Volksgesundheit fordert. 

Der preußische Landtag beschloß am 25. 2. 20 folgendes: 

1. Pflegeamt: Die polizeiliche Reglementierung der gewerbsmäßigen Unzucht ist 
zu beseitigen. Zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und zur Überwachung der 
Prostitution ist die bisherige Sittenpolizei unter völliger Loslösung von der Kriminalpolizei 
in ein ausschließlich gesundheitlichen und pfleglichen Zwecken dienendes Amt umzuwandeln, 
an dem neben einem Arzt eine sozial vorgebildete Fürsorgerin arbeiten soll. 

2. Behandlungspflicht: Für alle Geschlechtskrankheiten besteht eine Be¬ 
handlungspflicht, wie sie im Gesetzentwurf des Reichstagsausschusses für Bevölkerungs¬ 
politik festgeiegt worden ist. 

3. Anzeigepflicht: Es ist eine Anzeigepflicht für alle Geschlechtskranken ohne 
Namensnennung an ein zum strengsten Stillschweigen verpflichtetes Gesundheitsamt ein- 
zuführen, das die Kranken so registriert, daß ihre Namen, wenn nötig durch Nachfrage 
bei dem behandelnden Arzt, aus dem von ihm zu führenden Krankenjournal festgeetellt 
werden können. 

4. Belehrungspflicht für Ärzte: Wer eine an einer mit Ansteckungsgefahr 
verbundenen Geschlechtskrankheit leidende Person ärztlich behandelt oder untersucht, 
hat sie über Art oder Ansteckungsfähigkeit ihrer Krankheit sowie über die Strafbarkeit 
der im §3 des Reichsgesetzes vom 11. Dezember 1918 bezeichneten Handlung zu belehren. 
Diese Belehrung ist den Fürsorgepflichtigen zu erteilen, falls der Kranke das 16. Lebens¬ 
jahr noch nicht vollendet hat. Bei der Belehrung soll auch auf die zivilrechtliche Ver¬ 
pflichtung zum Ersatz des durch weitere Ansteckung verursachten Schadens hingewiesen 
und ein vom Reich zu lieferndes Merkblatt überreicht werden. 

5. Behandlungsrecht: Allgemeine unentgeltliche Behandlung aller Geschlechts¬ 
kranken unter Ausscüluß mißbräuchlicher Ausnutzung. Die Kosten gehen zu Lasten des 
Landes. Es darf kein Rückgriff auf die Heimatgemeinde erfolgen. Die Leistung darf 
nicht als armen rechtliche gelten. 

Betrachtungen zum Pall Wyneken. 

Von Prof. Dr. Hans Licht. 

£ In meiner Sammlung von Zeitungsausschnitten befindet sich eine Seite aus dem 
„Be>rl. Tagebl. 44 Nr. 384 vom 30. Juli 1915. Unter der Überschrift „Martyrium eines 
Kindes. Die Leidensgeschichte eines zehnjährigen Knaben“ wird dort über eine Verhand¬ 
lung des Schöffengerichts Berlin-Tempelhof berichtet, vor dem sich eine Landwirtsfrau 
wegen Körperverletzung zu verantworten hatte. In ihrer „Pflege“ befand sich ein zehn¬ 
jähriger Schüler, ein schmächtiger und schwächlicher Knabe, dem sie nicht nur eine für 
ein Kind unmenschlich schwere körperliche Arbeitslast aufbürdete, dem sie auch nicht 
annähernd genügende Nahrung bot. „Fast jeden Morgen mußte das Kind, ohne einen 
Schluck Kaffee oder einen Bissen im Magen zu haben, zur Schule gehen. Das Essen, 
soweit der Knabe überhaupt etwas erhielt, bestand gewöhnlich aus einem Stück Hering 
und einigen Pellkartoffeln.“ Danach hatte er in Küche, Kammer, Keller und auf dem 
Felde schwerste Arbeit zu verrichten, so daß der Zehnjährige, der schon vor l / t ß Uhr 
aufstehen und auf dem platten Fußboden schlafen mußte, erst spät nachts zur Ruhe kam. 
Bei jeder Kleinigkeit wurde das Kind mit Ausklopfer und Besenstiel in roher Weise ge¬ 
schlagen: vor Gericht wies es am ganzen Körper Wunden und Striemen auf. Die 

Schöffen erkannten — „da die Angeklagte bisher unbescholten war“ — auf-100 

(hundert) Mark Geldstrafe. 

An diese Scheußlichkeiten der Landwirtsfrau mußte ich denken, als durch die Be¬ 
sprechung von Wynekens Buch „Eros“ aus der Feder des Dr. Fritz Dehnow in der 
Februarnummer dieser Zeitschrift der Fall Wyneken erneut in mein Gedächtnis zurück¬ 
gerufen wurde. Man mag über Wyneken als Lehrer und Erzieher denken wie man will 
(ich selbst gehöre keineswegs zu seinen „Parteigängern“) — aber daß er durch sein Er¬ 
ziehungswerk in Wickersdorf, von seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit gar 
nicht zu reden, etwas mehr für die Allgemeinheit geleistet hat als jene Landwirtsfrau, 
dürfte wohl kaum zu bestreiten sein. Für scheußliche Roheiten 100 Mark Geld¬ 
strafe — für Handlungen, die ich gewiß nicht billige, die doch aber letzten Endes auf 
Liebe beruhen, das Gefängnisl Mit dieser Parallele will ich keinen Vorwurf gegen die 
Rudolstädter Richter erheben, diese schalten für mich völlig aus, obzwar ich freilich als 
Laie nicht begreife, warum man nicht auch Wyneken, „weil er bisher unbescholten war 41 , 
zu einer Scbeinstrafe verurteilte. Ich habe mich gefragt, wie ich als Vater des „be¬ 
lästigten 44 Jungen mich zu der Frage stellen würde, und da trage ich kein Bedenken, zu 


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erklären, daß ich eine oder meinetwegen auch mehrere „unkeusche“ Berührungen durch 
einen Mann wie Wyneken für ein weitaus geringeres Obel empfinde als jene Roheiten 
der L&ndwirtsfrau. Ich kenne ja jenen Jungen nicht, aber ich glaube bestimmt, daß es 
ein ziemlich entwickelter Knabe ist. Da sage ich mir nun weiter: es ist schlechterdings 
unmöglich, seine Genitalien bis zu dem Augenblicke, da er dereinst „standesamtlich und 
honett“ in das Ehebett steigen wird, von der Außenwelt hermetisch abzuschließen: 
vielleicht ist er selbst schon so weit, daß er gelegentlich mit eigener Hand das Glied 
liebkost (es soll das nämlich bei he ran reif enden Knaben Vorkommen). Wenn nun wirklich 
Wyneken sich zu zärtlicher Berührung hat hinreißen lassen, so kann ich das zwar nicht 
billigen, aber als ein Verbrechen kann ich das auch nicht ansehen. Ich würde wenigstens 
als Vater keine ruhige Stunde mehr haben, wenn durch meinen Sohn ein Mann wie 
Wyneken wegen einiger intimer Berührungen ins Gefängnis gebracht würde. Denn ich 
würde dabei nicht vergessen, was dieser Mann seinen Schülern gewesen ist, ioh würde 
mich daran erinnern, mit welcher Erbitterung, ja welchem Haß sehr viele, wenn nicht die 
meisten (seien wir doch ehrlich I) an ihre Schulzeit zurückdenken: hier ist nun mal ein 
Lehrer, an dem die Jugend mit begeisterter Liebe hängt, bei dem eine Mutter, wie sie 
in der Eltern Versammlung sagte, ihren Jungen lassen würde und wenn er ins Zuchthaus 
käme — und dieser Mann soll ins Gefängnis, weil er meinen Sohn intim berührt hat! 
Wie gesagt, ich würde als Vater keine ruhige Stunde mehr haben. 

Ich fürchte nicht, durch meine bisherigen Ausführungen in den Verdacht zu kommen, 
als wolle ich Dehnows Frage bejahen, ob man denn etwa „zwölfjährige Schüler sexuellen 
Belästigungen durch grauköpfige Lehrer aussetzen solle“. ln dieser Verallgemeinerung 
ausgesprochen ist der Satz Dehnows für jeden halbwegs vernünftigen Menschen selbst¬ 
verständlich. Nein, gewiß, das soll man nicht. Wohl aber trenne ich mich von Dehnow, 
indem ich der Überzeugung bin, daß der Fall Wyneken gar nicht verallgemeinert werden 
darf. Genau so wie das, was die Schüler zu Wyneken empfanden, etwas ganz anderes 
ist als die jugendliche Verehrung, die wohl hie und da einige Schüler einem besonders 
beliebten Lehrer entgegen bringen, nämlich: wirkliche Liebe; ebenso war auch Wyneken 
von einem Gefühl beseelt, das zwar der sinnlichen Grundlage nicht entbehrt, selbst¬ 
verständlich nicht, aber etwas ganz anderes ist, als was der § 174, 3 des StGB s mit 
schwerer Strafe bedroht. Was es in Wirklichkeit ist, hat Wyneken in seiner Schrift 
„Eros“ dargelegt. Ich kann das hier nicht wiederholen, schon aus Raummangel nicht, 
es wäre aber auch zwecklos, denn wenn es Wyneken, der in die 72 Seiten seines Buches 
ßein Herzblut hat ausströmen lassen, nicht gelungen ist, Herrn Dr. Dehnow und mit ihm 
sicherlich viele andere den Pulsschlag seines Empfindens spüren zu lassen, so würde es 
mir, der ich unbeteiligt an dem Ganzen diese Betrachtungen niederschreibe, noch viel 
weniger gelingen. Was ich tun kann, ist die Bitte: jeder möge Wynekens Buch lesen, 
unbefangen und ohne Vorurteil, langsam und mit dem beständigen Bemühen, sich von 
dem (begreiflicherweise) schon fertigen Urteil, daß es sich um Unerlaubtes handle, los¬ 
zumachen; oder anders ausgedrückt, er möge das Buch nicht als Verteidigungsschrift lesen, 
sondern als Bekenntnis, als Versuch, anderen einen Einblick in eine Gefühlswelt zu er¬ 
möglichen, die zwar der Majorität der heutigen Menschheit unverständlich ist, in der 
sich aber verhältnismäßig wenige zwar, aber nicht die schlechtesten Männer aller Kultur¬ 
völker und zu allen Zeiten heimisch fühlten. Wenn er das Buch so liest, wird er zwar 
sicherlich immer noch in manchen Einzelheiten widersprechen, wird vielleicht vom Geiste 
unserer Zeit beseelt das Ganze ablehnen, aber er wird doch eine Ahnung von jener an¬ 
deren Welt bekommen und wird ebenso Bedenken tragen, den Menschen Wyneken 
zu verurteilen, wie Jesus sich hütete, auf die Ehebrecherin den ersten Stein zu werfen. 
Wynekens ganze Schuld besteht darin, daß er mit der Griechenseele im Deutschland 
des zwanzigsten Jahrhunderts lebt. Wem das nicht einleuchtet, der mag die Kapitel in 
Platos „Gastmahl“ nachlesen, in denen Alkibiades erzählt, wie er Sokrates zu reizen 
Buchte, ihm die letzten Wonnen sinnlicher Liebe zu bereiten. Man kann nicht ein¬ 
wenden, daß Alkibiades damals angeheitert war, als er dies vor allen Gästen erzählte, 
denn einmal offenbart nach der allgemeinen Anschauung der Griechen der Wein den 
wahren Charakter des Menschen, und dann war Alkibiades damals, als sich das Erlebnis 
mit Sokrates, das er berichtet, abspielte, durchaus nüchtern. Er erzählt es auoh nicht 
etwa, um die Gäste mit einem pikanten Histörchen zu unterhalten, sondern weil es für 
sein Empfinden die natürlichste und selbstverständlichste Sache von der Welt ist, daß 
die ungeheure Liebe und Verehrung, die er für seinen Lehrer empfindet, und der er in 
seiner vorausgehenden Lobrede auf Sokrates ein Denkmal gesetzt hat, wie es in mensch¬ 
licher Sprache nie schöner und herrlicher geschehen ist, dem verehrten Lehrer auch das 
Recht über seinen Körper verleiht. Dabei war das, was Alkibiades von Sokrates ver¬ 
langte, eine Handlung, die nioht nur unser Gesetz mit schwerer Strafe bedroht, sondern 
die man heute auch nur mit Namen zu nennen Bedenken tragen möchte. Im alten 


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Griechenland aber war sie nicht nur erlaubt, nicht nur eine Selbstverständlichkeit, ohne 
die selbst die geistig höchststehenden Männer das Leben als schal und wertlos empfanden, 
sondern sie wurde sogar (an manchen Orten wenigstens) unter religiösem Zeremoniell 

S 'eiert, und man nahm offizielle Protokolle darüber auf, von denen sich mehrere er- 
ten haben. Wenn ein großes Volk, dessen Kultur wir noch heute bewundern und 
lieben, durch die Jahrhunderte hindurch so dachte, sollte man da nicht wenigstens einen 
Funken von Verständnis dafür aufbringen können, wenn ein Mann von der Art Wynekens 
im Überschwange der die ganze Seele erfüllenden Liebe und entzückt von der jugend¬ 
lichen nackten Gestalt einen Augenblick vergißt, daß wir nicht mehr im alten Griechen¬ 
land leben und seine Hand zu einer „unkeuschen 11 Berührung ausstreckt? Dazu kommt, 
daß man in Wickersdorf ganz anders lebte als es sonst in einer Schulgemeinschaft üblich 
ist: Die Jungen waren den ganzen Tag mit Wyneken zusammen, teilten mit ihm das 
Ganzalltägliche, hielten Ordnung in seinem Zimmer, arbeiteten und lasen mit ihm, 
machten mit ihm Ausflüge, trieben mit ihm Sport usw. 

Zielen nun meine Ausführungen etwa dahin, daß Wynekens Verurteilung zu Un¬ 
recht erfolgt sei? Ich habe schon anfangs bemerkt, daß ich mich mit den Richtern in 
Rudolstadt nicht auseinanderzusetzen gedenke; das würde ich ohne genaue Kenntnis der 
Akten, nur auf die kurzen Zeitungsberichte hin für sehr leichtsinnig und verkehrt halten. 
Daher wage ich nicht daran zu zweifeln, daß die Richter bei der jetzigen Fassung der 
in Frage kommenden Paragraphen des StGB.s zu einer Verurteilung gelangen mußten. 
Aber das eine Opfer muß genügen, die Tragödie darf sich nicht wiederholen. So gewiß 
es ist, daß es Gesetze geben muß, die die unmündige Jugend vor sexuellem Mißbrauch 
schützen, so unabweislich ist die Forderung, daß die Gesetze so gefaßt sein müssen, daß 
sie den Richter nicht zwingen, einen Mann wie Wyneken ebenso abzuurteilen wie einen 
verkommenen Menschen, der von momentaner Brunst ergriffen, ein unmündiges Kind auf 
der Straße anspricht, abseits lockt und unzüchtig betastet. So nähere ich mich schließlich 
wieder der Anschauung Dehnows, mit dessen Beurteilung des Wynekenschen Buches ich 
in so vielen Einzelheiten nicht übereinstimme; auch Dehnow sagt nämlich, wenn auch in 
hypothetischer Ferm: „Fiel das Strafmaß gegen Wyneken zu schwer aus, so lag die 
Schuld nicht bei dem Gericht, sondern in der Rigorosität der geltenden Sexualstraf¬ 
gesetzgebung 11 . 


Aus den Briefen eines Mannes. 

Mitgeteilt von Dr. Ernst Kantig. 

Die folgend mitgeteilten Proben aus zwei Briefen haben nachstehende Vorgeschichte. — 
Ein junger Mann lernte vor vielen Jahren ein Mädchen kennen. Beide aus guten Häusern 
und materiell vollkommen unabhängig. Sie lernten sich lieben. Der junge Mann war 
nicht eben ein Asket, immerhin aber ein ruhiger und anständiger Mensch. Da er das 
Mädchen herzlich lieb gewonnen hatte und an eine eheliche Verbindung dachte, benützte 
er einmal einen unbewachten Moment zu einem Kuß in allen Ehren. Das ungemein 
streng erzogene Mädchen riß aber aus und verschwand, und das Verhältnis war jäh zerstört. 
Das Mädchen heiratete zwar, doch ihre Liebe gehörte nach wie vor dem Manne, der sie 
mit seinem Kuß so sehr erschreckt hatte. Der Mann blieb unvermählt. Etwas über 
25 Jahre nach obigen Vorfällen führte ein trauriges Ereignis die beiden wieder zusammen. 
Die Frau — noch immer wie ein junges Mädchen in ihrer Erscheinung — war nicht 
glücklich verheiratet gewesen und inzwischen zur Witwe geworden. Die alten Flammen 
schlugen wieder hoch, und nun sollte auch die amtliche Verbindung fürs Leben erfolgen. 
Doch widrige Umstände, deren Behebung nicht sofort möglich war, erforderten Aufschub. 
Der Mann, der sich durch ein verständiges Leben seine besten Kräfte bewahrt hatte, 
wurde nach halbjährigem traulichen Verkehr von der Sinnlichkeit gequält und lag der 
Geliebten in den Ohren, das eheliche Recht vorweg zu nehmen. Die Frau aber hatte 
ihre alten überstrengen Grundsätze bewahrt und widerstrebte; wie sie zugab, sehnte sie 
sich selbst nach dem vollen Beisammensein, doch wollte sie es nicht über sich bringen 
können. Das verstimmte den Mann, der bei einer verheiratet gewesenen Frau angesichts 
der ohnedies bald folgenden Ehe in ihrem Benehmen keinen Sinn erblicken konnte. Aus 
dieser seiner Stimmung entflossen die beiden Briefe, aus denen ich Fragmente hier 
wiedergebe. 

ln dem ersten Briefe sagt der Mann, daß er einen „Verkehr 11 mit der Frau, die 
ihn ohne verständigen Grund so lange quäle, nun für sich selbst entwürdigend finde. 
Er fährt fort: 

„Mich Dir heute hinzugeben ? Der Mann gibt doch unleugbar trotz aller 
männlich — masochistisch — galanten albernen Phrasen ganz unvergleichlich mehr, als 


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Bücherbesprechungen. 


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das wichtigtuerische Weib. Der Manu gibt sich mit Leib und Seele, während das Weib 
eigentlich doch nur gerade da ist uud sich’s wohl sein läßt. Ich habe gebeten, gefleht. 
Wie man es ohne Verlust jeder Selbstachtung nur dann tun kann, wenn man an wirkliche 
liebe und wirkliche Scheu glaubt. Wer könnte aber daran denken, daß ich an alles das 
heute noch glaube? Und jetzt sollte ich den „süßen Lohn u so quasi unter dem Deck- 
mantel des Mitleids entgegennehmen, als frumber Bettler nahen dürfen dem Altar, an 
dem das Brot der Unwürdigen ausgeteilt wird? Wer könnte mir das noch zumuten? 
Es sieht öd und vereist in mir aus. Und wenn ich gar an den staatlichen Erlaubnis¬ 
schein 4 denke, mit dem ich Unwürdiger erst eine Art von Ausgleich hersteilen sollte 
zwischen der ganzen Wertlosigkeit meiner Hingabe und dem unendlichen Gnadengeschenk, 
das mich dafür erwartet! 

Immer, immer wieder fahren mir trotz Sträubeus die zwei Geschichten durch den 
Kopf: 1. Die edle römische Prinzessin, die mit der weißen Rose an der Brust durch die 
Stadt fuhr, als sie sich dem Geliebten zum erstenmal gegeben hatte. Für welche wahre, 
süße, tief keusche Poesie freilich die ,Geschäftsmoral 4 (Schopenhauer) kein Verständnis 
hat. Und 2. Feneions Märchen vom Neidigen: Zeus stellt ihm eine Bitte frei mit dem 
Beisatz, der Binder werde das Doppelte erhalten. Und der Neidige antwortet: Stich 
mir ein Auge aus! — Und nun denke man sich eine Frau, die sich angeblich durch ein 
Vierteljahrhundert nach einem Mann gesehnt hat, um dann seine Bitte abzulehnen. 
Gewiß hätte sie selbst Wonne und Seligkeit, aber auch er hätte das! Und das darf 
nicht sein. Vgl. Schopenhauer, ,Paranäsen und Maximen 4 über ,weibliche Ehre 4 und 
.esprit de corps 4 ! Wo ist da das ,sittliche Verhältnis 4 Hoffmannsthals ? fct — 

Ein bald darnach geschriebener weiterer Brief des Mannes läßt arge Erbitterung 
über den noch immer währenden Widerstand der Frau blicken. Er spricht per „Sie 44 , 
ist ein unverblümter Absagebrief, aus dem allerdings schweres Herzweh klingt, und ent¬ 
hält folgende Stellen: 

„Sie haben von mir echte, wahre, tiefe — aber eben gerade deshalb auch heiße — 
Liebe gehabt; die trotz mancher Liebelei zusammengestaute Liebe eines Lebens. Und 
Sie hätten sie bis zum Tod eines von uns haben können. Die geschäftliche Form eben¬ 
falls dazu, freilich als Nebensache, Ihnen aber war die geschäftliche Form die 
Hauptsache. Nicht um die Sache war Ihnen zu tun, sondern um die Emballage. Nicht 
die Liebe, sondern die Zeremonie galt Ihnen als Bedingung für unsere Zu¬ 
sammengehörigkeit. — Und was einstweilen der „Heißgeliebte 44 litt, wie er herunterkam, 
wie seine Leistungsfähigkeit in jeder Beziehung von Tag zu Tag unter der steten Qual 
abnahm; wie aber auch Sie die Liebe selbst zur Dirne machten, die nur nach 
Kontraktabschluß dient, das alles berührte Sie nicht. Die Liebe macht sonst sehend 
und mitfühlend. Sie hingegen blieben kalt und — schlossen die Augen. 

Mich aber ekelt es unter diesen Umständen vor der Zeremonie, die für mich — 
eben unter diesen Umständen — nichts ist, als eine tiefe Demütigung. Eine Zeremonie, 
der ich mich unterziehen sollte, um zu beweisen, daß ich Sie wahrhaft liebte; während 
Ihre Liebe erst aus dem Studium des Trauscheines erblühen w r ollte. . . . Eine weitere 
Korrespondenz zwischen uns hätte keinen Zweck mehr. Und vielleicht macht es Ihnen 
Spaß, es zu hören: Ich gewänne es in meiner charakterlosen Schwäche Ihnen gegenüber 
kaum über mich, noch einen Brief von Ihnen zu öffnen. Ich hänge an der lieben alten 
Zeit, die nun ebenso um ist wie die Aera vor dem Krieg. Und nachdem Sie für mich ge¬ 
storben sind, so möchte ich doch das liebgewonnene Bild aus der Lebenszeit in Erinnerung 
behalten. Dessen würden mich aber etwaige unfreundliche Worte ebenso berauben wie 
ein etwaiger Hohn mit einer neuen Beteuerung Ihrer angeblichen Liebe oder vielleicht 
mit den höhnenden Trostworten vom .gerne gewollt, aber nicht gekonnt 4 oder dergl. mehr. 44 


Bücherbesprechungen. 

1) Holländer, E.: Wunder, Wundergeburt und Wundergestalt. Stuttgart 1921. 
F. Enke. 230 Mk. 

Von Dr. Max Marcuse. 

Das neue prachtvolle Werk Holländers zieht in den Bereich seiner Darstellungen 
und — vielfach hier erstmaliger — Abbildungen den gesamten Volksglauben an Wunder¬ 
und Fabelwesen von der Antike bis ins 18. Jahrhundert, deckt seine psychischen Wurzeln 
und seine sozialen und politischen Auswirkungen auf und bietet so einen wissenschaftlich, 
literarisch und buchkünstlerisch wertvollen Beleg und Kommentar für eine Gruppe von 
Kultur-Kuriosa, die auch die besondere Aufmerksamkeit der Sexuaiforschung beansprucht. 


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Bücherbeepreohungen. 


In der Mythologie der Griechen und Römer spielen allerhand seltsame Phänomene 
eine große Rolle. Wie ihnen diese zngewiesen worden ist, sucht eine immerhin be¬ 
merkenswerte Theorie von 8 oh atz zu erklären, indem sie die antiken Religionen auf 
naturwissenschaftlichen Unterlagen sich aufbauen läßt Aber nicht nur wer einige sozio¬ 
logische Kenntnisse, sondern auch wer eine Spur religionspsychologischen Sinnes besitzt 
sieht ohne weiteres, daß jene Hypothese den Zusammenhängen nicht gerecht wird. 
Holländer widerlegt sie an einer großen Reihe von Beispielen, deren belangvollstes zugleich 
das sexuologisch interessanteste ist: den Hermaphroditen. Wie wenig die Idee des 
göttlichen Hermaphroditos etwa im Sinne Schatz 1 die olympische Projektion einer mensch¬ 
lichen Beobachtung ist, zeigt der vergleichend kunst- und religionswissenschaftliche Über¬ 
blick Holländers, aus dem sich ihr erotischer und kultischer. Ursprung deutlich 
heraushebt. Man kann sie bis zu den Anschauungen der früheren christlichen Kirche 
verfolgen. Eng mit dem Begriff des Hermaphroditismus verbunden ist die Erscheinung 
der Geschleohtswandlung. Auch sie wurde im Altertum in das „stark erotisch 
geschürzte Gewand der Mythe* 1 gekleidet; sie setzte im Mittelalter Ärzte und Juristen in 
Aufregung und fordert noch heutzutage „einen langen Polizeikampf u heraus. Die „Flie¬ 
genden Blätter 11 aus der Erstlingspresse bis zur Zeit des Rokoko bieten Holländer dann 
eine unerhörte Fundgrube von Volksphantasien und Glaubensseligkeiten, wie sie sich 
namentlich in Teufelsvisionen, Hexenwahn, Heiligenwundern offenbaren, und denen selbst 
Würdenträger und Geistesgrößen der damaligen Zeit zum Opfer fielen. Als besondere 
Bereicherung sexuologischer Forschungsarbeit seien die Kapitel „Geburtswunder 14 
und „Das Versehen“ hervorgehoben. Durchweg ist die Betrachtung eine kultur¬ 
psychologische, die über den medikohistorischen Gedanken, der dem Werke zugrunde 
liegt, weit hinausgewachsen ist. Diese Beziehung verschafft ihm den seltenen Erfolg, 
ohne alle Grenz Verwischungen eine feinsinnige Verknüpfung zwischen den leitenden Ideen 
naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Einstellung wenigstens auf dem 
engeren von ihm bearbeiteten Gebiete aufzufinden. Die Ausstattung des Werkes verdient 
hohes Lob. 

2) Birnbaum, K.: Kriminalpsychopathologie. Berlin 1921. Julius Springer. 212 8. 

45 Mk., geb. 51 Mk. 

Von Prof. Dr. L. W. Weber. 

Ein erfahrener Kenner des Geisteszustandes der pathologischen Rechtsbrecher 
gibt hier eine systematische Darstellung des Gesamtgebietes. Es handelt sich dabei 
nicht um eine neue „gerichtliche Psychiatrie“, sondern der Vf. macht den — im 
ganzen gelungenen — Versuch, systematisch und übersichtlich gruppiert alle Erschei¬ 
nungen darzustellen, in welchen die Beziehungen des Rechtsbrechers zum Pathologischen * 
zum Ausdruck kommen, und die Grundlage der Darstellung ist immer die naturwissen¬ 
schaftliche Erkenntnis —, das, was durch objektive Beobachtung festgestellt and mit 
naturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden kann. So gliedert sich seine Dar¬ 
stellung in 3 Teile: Die Kriminalpsychopathologie i. e. S. behandelt die allgemeinen 
Beziehungen zwischen Psychopathologie und Verbrechen. Ausführlich werden hier dar- 
gestcllt die Grundphänomene der Kriminalpsychopathologie: sozialpsychische Funktionen 
und ihre Abartungen, die Symptomenkomplexe und Krankheitstypen in ihrer krimino¬ 
logischen Wertigkeit, weiter in großen Zügen die Verbrecher und Verbrecher typen und 
ihr Vorkommen bei einzelnen krankhaften Zuständen. Ein besonderes Kapitel dieses Ab¬ 
schnittes ist der Erörterung des naturwissenschaftlichen Verbrecherproblems gewidmet: 
unter Ablehnung der Lombrososchen Theorie in ihrer ganzen Schärfe stellt B. fest, daß 
der Verbrecher im allgemeinen kein einheitlicher und spezieller naturwissenschaftlicher 
Typus ist, aber er gibt zu, daß man den unsozialen Gewohnheitsverbrecher als eine 
pathologische Varietät auf degenerativer Basis bezeichnen kann, ohne daß auch hier 
körperliche und geistige Merkmale auf die Verbrechereigenschaft, wohl aber auf die 
degenerative Anlage hinweisen. Der 2. Abschnitt, die „Poenalpsychopathologie“, erörtert 
die Beziehungen der Haft zur Entstehung und Form psychopathischer Erscheinungen, 

Art und Stellung der Haftpsychosen, Einfluß der Strafbehandlung auf den Geisteszustand, 
wobei die praktischen Gesichtspunkte der Strafvollzugsfähigkeit, Vernehmungs- und 
Verhandlungsfähigkeit, in einem besonderen Kapitel auch die Simulationsfra^e be- 

S rochen werden. Im 3. Abschnitt werden die kriminalforensische Psychopathologie, die 
eoretischen Grundlagen der strafrechtlichen Begutachtung, die Frage der Willens¬ 
freiheit, Unzurechnungsfähigkeit besprochen. 

Entsprechend seinem Programm beschränkt sich der Vf. streng auf die mit der 
Kriminalität in Zusammenhang stehenden pathologischen Erscheinungen und betont 
nachdrücklich, daß die Ergebnisse der Kriminalpsychopathologie nicht ohne weiteres auf 


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die allgemeine Kriminologie übertragen werden können. Er zeigt aber doch da und dort, 
wie wertvoll gerade die pathologischen Erscheinungen des Verbrechertums sein können 
für die Erkenntuis mancher normalen Vorgang« in d»*r Kriminologie und besonders der so 
wichtigen Grenzzustände. Ein schönes Beispiel hierfür ist seine Darstellung der psy¬ 
chischen Induktion mit dem Hinweise auf das psychische Verhalten der Masse und das 
Kollektivdelikt. Nachdrücklich wird bei jeder Gelegenheit auf die pathologischen Ge- 
fühlserscheinungen als reiche Quelle des asozialen kriminellen Verhaltens hirgewiesen, 
was mir besonders wichtig erscheint angesichts der — beim Arzt wie beim Krimina¬ 
listen — lange Zeit üblichen Gberschätzung der Verstandesfunktionen. 

Von besonderer Bedeutung sind die Bemerkungen zur Sexualpathologie, die sich 
nach dem Rahmen der Arbeit an verschiedenen Stellen des Buches finden. In Überein¬ 
stimmung mit der modernen Anschauung wird noch einmal das Vorkommen pathologisch- 
krimineller Einzeltriebe verneint. Auch die Sexualperversion erwächst auf dem Boden 
einer abnormen Sexualkonstitution und degenerativen Gesamtkonstitution, welch letztere 
in vieler Beziehung das Zustandekommen und Betätigen der abnormen Sexualneigung 
begünstigt. Daß dabei die kriminelle Tendenz sich auf das sexuelle Partialgebiet be¬ 
schränken kann, wird zugegeben, andererseits können sich daraus die bekannten Bilder 
schwerer unbeeinflußbarer rückfälliger Sexualverbrecher entwickeln. Etwas mi߬ 
verständlich drückt sich der Vf. an zwei Stellen (S. 42 und S. 126) aus, wenn er einmal 
von der Sexualtriebanomalie sagt, daß bei ihr „das pathologische Kausalmoment seinen 
spezifischen Ausdruck im Delikt selbst findet“, und andererseits hervorhebt, daß das 
„Sexualdelikt nur zum kleineren Teil Äußerung eines pathologischen Sexualtriebes sei, 
sondern oft Ergebnis einer allgemeinen pathologischen Entgleisungstendenz mit mehr 
zufälliger Richtung ins sexuell Abwegige sei“. Gerade weil der Vf. im übrigen an ver¬ 
schiedenen Stellen der Frage des pathognomischen Wertes einer Tat oder eines Deliktes 
sehr kritisch gegenübersteht, wäre etwas schärfer und deutlicher zu sagen gewesen, 
daß gerade bei den Sexualhandlungen die Art der Handlung für sich allein selten für 
eine pathologische Grundlage spricht. Es hätte in diesem Zusammenhang interessiert, 
zu hören, was er als abnorme Sexualkonstitution und als Sexualperversion auffaßt 
Praktisch wichtig ist der Hinweis, daß die pathologische Natur eines Sexualtriebes des¬ 
halb noch nicht eine krankhafte Stärke seiner Betätigungstendenz bedingen muß. Uber 
die Prostitution und ihre pathologischen Grundelemente hätte man gern etwas mehr 
gehört als den kurzen Hinweis S. 127. 

Zur Durchführung einer methodischen Gliederung des Stoffes waren viele teils be¬ 
kannte, teils neugebildete Bezeichnungen nötig. E6 würde sicher dem Verständnis des 
Werkes auch bei Juristen und Soziologen förderlich 6ein, wenn diese Bezeichnungen 
* etwas mehr erläutert würden. Wichtig wäre auch, in einer Arbeit wie der vo rliegenaen 
einmal die Begriffe ,Regenerativ“ und „psychopathisch“ näher zu bestimmen. Die Gruppe 
der degenerativen Persönlichkeiten ist in dem Bestreben nach methodischer Sichtung viel¬ 
leicht etwas zu reich gegliedert 

Auf weitere Einzelheiten kann hier nicht ein^egangen werden. Aber der hohe 
Wert des Buches als systematische Grundlage für eine wirklich naturwissenschaftliche 
Fassung des reichen Stoffes kann nicht genug hervorgehoben werden. Jurist wie Medi¬ 
ziner, soweit sie überhaupt für diese Fragen Interesse und Verständnis haben, werden 
hier eine reiche Quelle der Anregung finden und auch an den Punkten, bei denen sie nicht 
völlig zustimmen können, nicht ohne Gewinn vorübergehen. 

3) Steinberg, Julius: Liebe und Ehe in Sehleiermaehers Kreis. Dresden 1921. 

Carl Reißner. 

Von cand. phil. Richard Samuel. 

Der Verfasser geht weit über das in der. Buohaufschrift angedeutete Thema, das 
einen Beitrag zur Gesellschaftspsycbologie in der Romantik verspricht, hinaus. Der 
Berliner Romantikerkreis scheidet sich durch die beiden Gestalten Schleiermacher und 
Wilhelm von Humboldt deutlich von dem temperamentvolleren, hemmungsloseren Gemein- 
schaftsleben in Jena ab, ganz besonders durch die entgegengesetzte Gemeinsohaftslehre 
und Ethik ihrer Hauptvertreter. Für Schleiermacher und Humboldt war das Haupt¬ 
lebensproblem die Ehe. Ehe-Sehnsucht und Ehe-Ideale durchziehen in immer neuer 
Mannigfaltigkeit die wundervollen Briefsammlungen Schleiermachers an Henriette vonWillich 
und Humboldts an Karolina Dachenröder. Aber Sen leiermach ers und Humboldts Aus¬ 
sprüche über liebe und Religion, Ehe und Freundschaft, Pflicht und Neigung nimmt 
8teinberg nur zum Ausgangspunkt allgemeiner Betrachtungen über die Fragen der Ge¬ 
schlechterbeziehungen. Man könnte den Gesamtinhalt des Buches als populäre Eher 


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Bücherbesprechungen. 


Philosophie bezeichnen, die aber zu den aufgeworfenen Problemen: „Liebe und Sinnlich¬ 
keit“, „Idee der Liebe und Treue“, „Elastizität der Seele 11 , „Sonderart der Geschlechter**, 
„Erziehung zur Ehe“ usw. ziemlich wahllos die Ansichten fast aller bedeutenden Persön¬ 
lichkeiten des 19. Jahrhunderts heranzieht. Dadurch kommt der Grundstandpunkt des 
Durchschnittsmenschen, den de# Verfasser einnimmt, ständig in Reibung mit dem indivi¬ 
dualistischen. das Recht der eigensten Persönlichkeit wahrenden Standpunkt der heran¬ 
gezogenen Kronzeugen. Des jungen Schleiermacher Gleichberechtigungsfordeningen von 
Sinnlichkeit und Sittlichkeit in den „Vertrauten Briefen über die Lucinde“, Goethes 
Liebeserlebnisse und Nietzsches Theorien über Frau, Ehe und Keuschheit müssen stets 
abgeschwächt werden. Trotz der freiwertenden Grundeinstellung des Verfassers vermag 
er sich hierdurch nicht über eine „bürgerliche“ Denkweise zu erheben. „Nur bergen 
derartige Lehren“ — so heißt es über Goethes Lebensauffassung — „insofern stets eine 
große Gefahr, als auch Unberufene sich für berechtigt halten, sie für ihren |>ersönlichen 
Gebrauch in Anspruch zu nehmen, während sie in Wahrheit nur für starke und er¬ 
lesene Schöpfernaturen Gültigkeit haben“ (S. 92). 

Durch diese Vermischung von historischer Darstellung mit lebendigen Gegenwarts¬ 
fragen entgeht dem Buch eine plastische innere Gliederung. Weder ist der junge 
Schleiermacher, der ganz im Glutfeuer der romantischen Bewegung aufgeht, von dem 
reifen, die Ordnung bejahenden, die Ehe suchenden geschieden, noch der Berliner Kreis 
gegen den Jenaer weltanschaulich abgegrenzt. Zu der Darstellung Schleiermachers und 
Humboldts muß bemerkt werden, daß Schleiermachers Ehe viel weniger harmonisch, 
Humboldts Ehe und Eheauffassung viel weniger gebunden gewesen sind, als Steinberg 
glauben macht. Nichtsdestoweniger gibt die reiche Zusammenstellung der Aussprüche 
bedeutendster Menschen von den Romantikern aller Schattierungen über Goethe, Nietzsche, 
Schopenhauer, Wagner, Kierckegaard, Maeterlink bis Paulsen, Simmel, Ellen Key, Helene 
Lange und Joh. M. Verweyen mannigfache Anregungen. 

4) Goldstein, Julius: Rasse und Politik. 2. verbesserte Auflage. Schlüchtern 1921. 

Neu werk-Verlag. 

Von Dr. Max Marcuse. 

Die Vorrede über „Christentum, Deutschtum und Judenfrage“ ist von Lizentiat 
Dr. Heinrich Frick verfaßt und protestiert „aus Gründen wissenschaftlicher Wahrhaftig¬ 
keit gegen den Rassenantisemitismus“. „Als Christ“ fühlt und erkennt Frick „eine weite 
Übereinstimmung zwischen gläubigem Judentum und lebendigem Christentum“, und „die 
gemeinsame Bejahung des Prophetentums und seiner sittlichen Grundsätze“ hat ihü an 
die Seite des Verfassers geführt. „Als Deutscher“ stellt er fest, „daß die deutsche Volks¬ 
seele mit ihr Bestes dem Judentum verdankt“, und zwar nicht nur dem Judentum des 
Altertums, das dem deutschen Geist die Bibel gebracht hat, sondern „daß auch in der 
Moderne das Wachstum der deutschen Seele von Juden reich gefördert worden ist* 4 . 
Und er fordert die Beantwortung folgender drei Fragen „im Geiste strenger Wissen¬ 
schaftlichkeit und guten Willens 44 , um eine gerechte und vernünftige Behandlung der 
Judenfrage zu ermöglichen: 1. Was gibt der Partei der Antisemiten eine derart eigene 
Färbung, daß sie sich für das Gefühl fein empfindender Menschen von allem sonstigen 
Partei wesen als etwas Besonderes abhebt? 2. Ist die Rasse das maßgebende Merkmal 
der Nation, so daß Nation = Abstammung ist? Kann man also europäische und besondere 
deutsche Geschichte vom Standpunkt der Rassenfrage aus begreifen? 3. Wieweit liegen 
den Behauptungen der Antisemiten, daß es (insbesondere schlechte) Rassenmerkmale des 
semitischen Geistes gebe, Tatsachen zugrunde, und handelt es sich dabei um angeborene 
Rasseneigentümlichkeiten oder um geschichtlich gewordene, also auch geschichtlich bedingte 
und darum wandelbare, wieder veränderliche Erscheinungen? — Aus der Erörterung 
dieser drei Fragen ist das vorliegende Buch erwachsen. 

Es ist für mich eine leidige Pflicht — aber doch eben eine Pflicht —, die von so 
viel Feinsinnigkeit und Gerechtigkeitsgefühl erfüllten Auseinandersetzungen Fricks und mehr 
noch die blutvollen und gedankenreichen Darlegungen Goldsteins selbst als im Grund¬ 
sätzlichen fehlgehend aufzudecken. Der prinzipiellen Irrtümer gibt es hier mehrere, 
die eng miteinander verknüpft sind. Ich hebe nur die folgenden hervor: Anerkennung 
des politischen Antisemitismus als einer wissenschaftlichen Idee und der wissenschaftlichen 
Kritik als zuständig für seine Aburteilung; Unkenntnis der Entstehung und des Wesens der 
wissenschaftlichen Rassenlehre; Durcheinandergebrauch von „Rasse 44 im anthropologisch- 
systematischen und im biologisch-konstitutiven 8inne; kulturphilosophische Bewertung 
naturwissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse. Zu dem letzten Punkte muß gesagt 
werden, daß der Verfasser den naturwissenschaftlichen Fundamenten des ganzen Fragen - 
und Tatsachen-Komplexes ahnungslos gegenübersteht. Das ist ja nun erklärlich — denn G. 


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Referate. 


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ist meines Wissens Philosophie-Professor an der Technischen Hochschule io Darmstadt —, 
nur sollte unter diesen Voraussetzungen eine wissenschaftlich-literarische Stellungnahme 
zu dem Rasse-Problem doch wohl besser unterbleiben; sie ist im vorliegenden Falle aller¬ 
dings damit einigermaßen zu entschuldigen, daß der Verfasser eben die Rassenbiologie mit 
einer „parteipolitisch gefärbten Geschichtsphilosophie“ verwechselt. Einen schwereren 
Vorwurf zieht sich seine Schrift dadurch zu, daß ihre Beweisführung von dei 
ihrem Wesen nach ähnlichen Affekten und tendenziösen Mitteln getrübt wird wie die 
der von ihr befehdeten Richtungen und Gruppen; das zeigt sich namentlich in der Aus¬ 
wahl der Zitate von „hüben“ und „drüben“ und in der ausgedehnten Verwendung von 
Schlagworten. Es muß ausgesprochen werden, daß der Verfasser zu denjenigen gehört, 
die einem unserer vorzüglichsten Vererbungsbiologen Recht zu geben scheinen, wenn er 
jüngst gewissen Gruppen und Persönlichkeiten — nicht ohne antisemitische Spitze — eine 
„Idiosynkrasie“ gegen das Wort und den Begriff „Rasse“ naclisagen zu dürfen glaubte. 

Erfüllt das Buch Goldsteins also ernste wissenschaftliche Anforderungen nioht, so 
könnte es gleichwohl einer sehr notwendigen Aufklärung und Belehrung erfolgreich dienen. 
Denn vieles Wesentliche, was es an geschichtlichen, soziologischen und volkspsychologischen 
Tatsachen bringt, trifft aufs Haar zu und zeigt die gedankliche und sittliche Leichtfertigkeit 
der durchschnittlichen antisemitischen Phraseologie, und wie sehr sie mit ihrem Mangel 
an Verantwortungsbewußtsein eine deutsche Gefahr ist. 


Referate. 

1) W ygodzinski, Martha: Zur Kritik der Anträge betreffs Aufhebung resp. Änderung 
der Abtrcibimg8]NUiigr&phen. Zeitschr. f. soziale Hygiene, Fürsorge- u. Krankenhaus¬ 
wesen. 1922. N. 7. 

ln äußerst scharfer, temperamentvoller Weise geht die Verfasserin, die politisch zur 
Mehrheitssozialdemokratie gehörige Berliner Ärztin, mit dem Antrag Bohm-Schuch-Radbruch 
eines sehr erheblichen Teils ihrer eigenen Reichstagsfraktion ins Gericht. Sie bezeichnet 
ihn kurzerhand als eine Vernachlässigung „jedes ärztlichen Sachverständigenurteils“ und als 
„Laienüberheblichkeit-. Fast restlos stimmt sie dagegen den im Gutachten Grotjahns 
„Die Abtreibung der Leibesfrucht“ gegen die Straflosigkeit der Abtreibung enthaltenen 
Erwägungen bei. Die Begründung, die Radbruch dagegen seinem Standpunkt zuteil 
werden läßt, wird als „mehr als leichtherzig“, ja als „direkt frivol“ abgelehnt. Nur darin 
pflichtet sie ihm bei, daß bevölkerungspolitische Gründe für das Verbot der Abtreibung 
nicht angeführt werden können, „da der Gebrauch der Präventivmittel für die Ein¬ 
schränkung der Geburtenzahl ungleich belangreicher ist, als die Zahl der Abtreibungen, 
so groß sie auch immer sein mag“. 

Die sehr kurz gehaltenen und der außerordentlichen Schwere des Problems nicht 
gerecht werdenden Ausführungen W.s wirken nicht überzeugend, irgendeinen neuen 
Gesichtspunkt vermögen sie nicht beizubringen. Ganz verfehlt ist es, den — u. E. 
durchaus schlagenden — Hinweis auf die Wirkungslosigkeit der Straf¬ 
androhung der Abtreibung dadurch entkräften zu wollen, daß die Verf. erklärt, hier¬ 
durch ließe sich der Streichung des gesamten Strafgesetzbuchs das Wort reden. Denn 
faktisch gelangen doch seit jeher in den Kulturstaaten der gesamten Welt — auch zur¬ 
zeit in Deutschland — die weitaus meisten aller begangenen Verbrechen und Vergehen 
zur Anzeige uud Aburteilung. Die Zahl der nicht abgeurteilten Diebstahlsfälle z. B., 
insbesondere der schweren, ist nur eine verhältnismäßig geringe. Das ist darauf 
zurückzuführen, daß eben das gesunde Volksempfinden ausnahmslos und einhellig 
den Diebstahl wirklich als Vergehen betrachtet, während bei der Abtreibung gerade 
zwischen dem geschriebenen Recht des Strafgesetzbuchs und dem Empfinden der weitaus 
überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes, insbesondere aller proletarischen und 
„proletaroiden“ (Werner Sombart) Schichten, d. h. aller solchen Klassen, die in ihrem 
Standard of life den Wirtschaftsverhältnissen des eigentlichen Proletariats angenähert sind, 
keine Spur mehr eines Empfindens für eine grundsätzliche und ausnahmslose Un- 
gitdichkeit und Strafbarkeit der Abtreibung besteht. 

Allerdings darf — das hat Referent in seinem Aufsatz „Straflosigkeit der Abtreibung?“, 
Bd. VIII, S. 337 ff. dieser Zeitschrift, selbst mit allem Nachdruck betont — die Vornahme 
der Abtreibung nicht dem rein willkürlichen Ermessen der Schwangeren überlassen 
bleiben. In der scharfen Ablehnung dieser radikalen Forderung des Bohm-Radbruchschen 
Antrags vermag ich W. nur durchaus zuzustimmen. Nur zur Errettung aus einem 


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Referate. 


schweren gesundheitlichen oder sozialen Notstand darf die Abtreibung gestattet sein. 
Über sein Vorliegen wird zuvor eine durchaus objektiv urteilende Behörde — über deren 
zweckmäßigste Zusammensetzung man durchaus verschiedener Ansicht sein kann — zu 
entscheiden haben. Die Abtreibung, stets ein gefahrdrohender Akt, soll stets die Aus¬ 
nahme bleiben. Nur bittere Not soll sie entschuldigen. Unerträglich ist es — wie 
Bohm-Radbruch es wollen —, sie auch dann zuzulassen, wenn „der Frevelmut unnatürlicher 
Mütter aus Eitelkeit oder Bequemlichkeit sich der Mutterschaft entziehen 1 * wollen. 

Einigkeit dürfte zwischen den Anhängern und Gegnern der sozialdemokratischen 
Anträge bestehen über die Notwendigkeit „eines rastlosen Kampfes für menschenwürdige 
Lebenshaltung aller Geborenen und Ungeborenen, für die Rechte des unehelichen Kindes 
und gegen die gesellschaftliche Ächtung der unehelichen Mütter.“ Aber hierdurch wird 
* das Problem nicht erschöpft. Bovensiepen. 

2) Abraham, Karl: lafierangsformen des weibliehen Kastrationskomplexes. Intern. 

Zeitschr. f. Psychoanalyse. VII. Jahrg. 1921. H. 4. 

Unter weiblichem Kastrationskomplex werden die nachhaltigen und oft folgenschweren 
Einwirkungen verstanden, den der Nichtbesitz der männlichen Organe auf das weibliche 
Seelenleben hervorbringt. Das kleine Mädchen, unfähig eine primäre Benachteiligung seiner 
Person anzuerkennen, stelle sich den peinlich empfundenen Mangel als einen sekundären 
Verlust infolge einer Kastration vor, wobei oft das weibliche Genitale als Wunde, 
d. h. als Kastrationsspur betrachtet wird. Sie tröste sich zunächst mit der Hoffnung, 
daß ihr die männlichen Organe noch wachsen werden odor daß sie sie durch eigene 
Herstellung (Kot) oder auf dem Wege des Geschenkes vom Vater erhalten werde. Schlägt 
diese Hoffnung fehl, so erwarte sie nun, vom Vater als Ersatz für das nicht gewährte 
Glied ein Kind zu erhalten, und zwar auch als Geschenk. Die auf den Vater gerichteten 
libidinösen Bestrebungen und der Neid auf den Kinderbesitz der Mutter bedürfen der 
Sublimierung. Nach der nun eintretenden Latenzzeit erwecke das Pubertätsalter die W ünsche, 
welche dem ersten Liebesobjekt galten, aufs neue. Um diese Zeit müsse die Libido von 
der Person des Vaters auf ein anderes Objekt übertragen werden. Vollzieht sich dieser 
Prozeß günstig, so sei das normale reife Weib mit der beiderseitigen Sexualrolle aus¬ 
gesöhnt, begehre die Befriedigung in passiver Funktion und verlange nach dem Kinde. 
Sehr häufig werde aber dieses normale Endziel der Entwicklung nicht erreicht. Die 
Vorgänge der Menstruation (blutende Wunde) und der Defloration erschweren 
die Überwindung des Kastrationskomplexes. Dem normalen Ausgange stehen der 
Raohetypus und der Wunscherfüllungstypus gegenüber. Die am weitesten 
gehende Wunscherfüllung drücke sich in den träumen bzw. Symptomen der Neurotischen 
aus, die die Tatsache der Weiblichkeit ins Gegenteil verkehren. Ein anderes neuro¬ 
tisches Symptom sei die Enuresis nocturna, d. h. die unbewußte Tendenz, den Mann 
beim sexuellen Verkehr mit Urin (Sperma) zu benässen. In anderen Fällen übernehmen 
Nase oder Auge die Bedeutung eines männlichen Genital Surrogates. Andere Frauen 
stellen das männliche Organ als entbehrlich dar; hierher gehören die Symptome im Sinne 
der unbeflecktenEmpfängnis. Zu den Reaktionsfoimen des Rachetypus gehöre der 
Vagini smus, die Heiratsangst und die Tendenz, den Mann zu enttäuschen, 
beispielsweise durch Frigidität. Kompromißbildungen seien Verschiebung der Libido 
auf andere nicht spezifisch weibliche Organe wie Mund und Anus. Zum Schluß weist 
der Verfasser daraufhin, daß solche neurotischen Frauen ihren Kastrationskomplex auf 
ihre Kinder verpflanzen. Käthe Hoffmann. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Marease in Berlin. 
1« Marens 4 E. Wehere Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck : Otto Wlgaad’sche Baehdraekerel 6. m. k. H. in Lelpxlg. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

IX. Band Mai 1922 2. Heft 


Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer 
der „Academie frangaise“. 

Von Dr. N. Praetorius. 


(Fortsetzung und Schluß.) 


Einen Trost für seine grenzenlose Verzweiflung über den Ver¬ 
lust seines geliebten Pontjebauit findet Boisrobert bald in der Be¬ 
friedigung seines Ehrgeizes. Endlich gelingt es ihm, von Richelieu 
des näheren beachtet zu werden und von ihm einen festen Posten 
zu erhalten. Er wird eine Art Hausdichter, Privatsekretär und gei¬ 
stiger Belustiger des Kardinals und gelangt zu nicht geringem Ein¬ 
fluß und 1 glänzenden Einkünften. 

Seine neue Stellung gibt ihm Gelegenheit und Vorwand, äußer¬ 
lich in Kleidung und Tracht glänzend aufzutreten. Hier begegnen 
wir auch bei Boisrobert einem für eine ganze Gruppe von Homo¬ 
sexuellen charakteristischen weiblichen Zug: der bis zur Putzsucht 
und kleinlichen Eitelkeit gesteigerten Sorgfalt für auffällige Ele¬ 
ganz und luxuriöse Ausstaffierung im Anzug und der ganzen Auf¬ 
machung. 

„Er vernarrt sich in schöne Kleider. Der Besitz eines mit Gold gezierten Bandes 
bietet für ihn ein ganz anderes Interesse als die Eroberung einer Provinz. Die Spiegel 
— an Stelle der Bücher — überhäufen sein Zimmer. Er läßt aus Italien seine Parfüms 
und seine Handschuhe kommen. Mit Moschus parfümiert, gepudert, mit Spitzen umwölkt, 
gleicht er einer zarten Statuette“ (Magne S. 98). 

Ein Zeitgenosse, entzückt ob seiner Feinheit, dichtet ihn an 
wie folgt: 

„Er sieht ganz reizend aus, 

Er ist gar wohlgestaltet, 

Wenn er spricht, spricht er in galanter Weise, 

Man bewundert ihn, wenn er plaudert.“ 

Und ein ähnliches Porträt entwirft von ihm der Abbe de Ma- 
rolles, der ganz betäubt wird durch den Himbeerwohlgeruch, den 
Boisrobert ausstrahlt. 

Mit seinen etwas kleinlichen Besorgnissen und seiner Toiletten¬ 
sucht gesellt ©ich aber bei Boisrobert keineswegs, wie so oft bei 
Höflingen und Modefexen, die Geistesarmut. Im Gegenteil. Unter 
der Menge der manchmal recht seltsamen Schmeichler und Günst¬ 
linge, mit denen Richelieu sich umgibt, ragt Boisrobert durch seinen 
Geist, seinen Witz, seinen Humor hervor. Das geringste Wort aus 
seinem Munde bekommt einen besonderen Reiz. 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft IX. 2 . 3 


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N. £raetoriuS. 


Er versieht es meisterhaft, die lächerlichen Seiten einer Begebenheit und die 
Schwächen der Leute herauszuschälen und in prächtigen, beißenden Sätzen zu for¬ 
mulieren. 

Richelieu gebraucht ihn mit Vorliebe dazu, diejenigen durch seine Sarkasmen zu ohr¬ 
feigen, die er beseitigen will. 

Aber trotzdem weiß Boisrobert geschickt mit den Adligen und Höflingen umzu¬ 
gehen und für sich und seine Vorteile zu gewinnen: durch Lobsprüche ihrer eigenen 
Person oder Beräuchern ihrer Frauen oder Mätressen, wobei er dann nicht nur den Mann 
sich geneigt macht, sondern noch die Frau zur Beschützerin und Gönnerin erhält. 

Unter den Frauen, in deren Haus er verkehrte, verdient besonders eine genannt zu 
werden, Frl. von Gournay, eine alte eigenartige Jungfer in den Sechzigern. Ganz ver¬ 
runzelt und zusammengeschrumpft, ist sie noch von lebhafter Intelligenz und auffällig 
jungfräulich von Körper und Geist derart, daß sie — der Reinen ist alles rein — ohne 
Scheu die gewagtesten Sätze ihrem Mund entgleiten läßt. So hat sie sich ihr eigenes 
Bild von der antiken Weisheit zurecht gelegt und in ihrer Bewundrung für die Griechen 
und Römer erklärt sie die Päderastie für löblich, weil sie ihre Vortrerflichkeit von dem 
göttlichen Sokrates gelernt hat. 

Boisroberts dichterische Talente kommen auch zur Kenntnis des Königs, und eines 
Tags wird er vor ihn gerufen, um einige Verse zu der Melodie zu verfassen, welche der 
König für das damals von ihm verehrte Frl. von Hautefort komponiert hatte. Bald darauf 
bringt ihm der Dichter seine Arbeit, Lobsprüche erhoffend für die Art und Weise, wie 
er die Reize der Dame gefeiert. Aber der König erklärt ihm: „Ihre Verse sind sehr gut, 
aber man müßte das Wort ,Begierde* entfernen, denn ich ,begehie* nichts.“ 

Enttäuscht kommt Boisrobert zu Richelieu, der ihm lachend anrät, aus den Namen 
der Musketiere ein Gedicht anzufertigen. Boisrobert tut es, und der König spricht ihm 
über die mit den verwickelten und rollenden Namen gespickten Verse, die jetzt nicht mehr 
Ludwigs Schamgefühl verletzen, sein Entzücken aus. 

Die Anekdote ist sehr charakteristisch für Ludwig XIII; sie zeigt, welcher Art sein 
ganz von Sinnlichkeit freies Gefüllt der Verehrung und Freundschaft für Frl. von Haute¬ 
fort war und wie ihm schon der Gedanke, er solle ein Weib „begehren“, unsympathisch 
war. Sein wahres Liebesgefühl hatte überhaupt nicht das Weib, sondern den Mann zum 
Gegenstand, obgleich auch die homoerotische Empfindung anscheinend hauptsächlich in 
ihrer idealeren Seite, in leidenschaftlicher Herzensneigung ausgebildet war. (Zu vergl. 
über Ludwigs XIII. Homosexualität meine Arbeit: „Das Liebesieben Lud- 
wigs XIII. von Frankreich“, Bd. 2, H. 6 der „Abhandlungen aus dem Gebiete der 
Sexualforschung“, Jahrg. 1919/20, Bonn, Marcus & Weber.) 

Um bei Frl. von Hautefort selber nicht in Ungnade zuj fallen, weil er kein für sie 
geeignetes Gedicht verfaßt hat und weil sie das Lied mit den Musketiernamen als Bos¬ 
heit betrachten könnte, widmet Boisrobert ihr im eigenen Namen ein Gedicht voll über¬ 
schwenglicher Bewunderung ihrer in allen Einzelheiten gepriesenen Schönheit und stellt 
sich selbst in die Reihe ihrer Anbeter. 

Auch an andere Damen der Hofgesellschaft richtet er schmeichelhafte sentimentale 
Verse, insbesondere überhäuft er mit galanten Madrigalen die Umgebung der Königin 
und der I^rinzessinnen, aber, wie Magne (S. 126) bemerkt, „alle wissen, daß Boisrobert im 
Grunde nichts nach ihren Reizen fragt und daß im Liebesgarten die männlichen Blumen 
ihm die würdigsten scheinen, gepflückt zu werden.* 1 

Daraus erhellt, daß nicht nur die homosexuelle Richtung: jetzt 
Boisrobert völlig beherrschte, sondern daß er auch seiner Neigung 
freien Lauf ließ und sogar bei den Damen als Homosexueller be¬ 
kannt war. 

Vielleicht ist es gerade die Liebesleidenschaft zu Pontjebault 
gewesen, die Boisrobert die Augen über sein Gefühlsleben öffnete, 
falls er nicht schon vorher sich darüber Rechenschaft gab, jedenfalls 
scheint die Liebe zu Pontjebault die einzige tiefere und edlere Leiden 
schaft des Dichters gewesen zu sein, denn es wird fortan nur be¬ 
richtet über seine sinnlichen Beziehungen zu Pagen, später auch zu 
Dienern u. dgl. Er hat sich also anscheinend in vorübergehenden 
bequemeren Liebschaften verzettelt 

Magne — seinem Irrtum über das Wesen der homosexueUen 
Neigung und seinem Glauben an willkürliche Gefühlsablenkungen 


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Der homosexuelle Abbe Boisrohert, der Gründer der „Academie franpaise“. 35 


folgend — gibt S. 126 eine seltsame Erklärung für Boisroberts 
Homosexualität. Er meint: 

„Die männlichen Blulnen verweichlichen nicht durch zu heftigen und zu dauernden 
Geruch. Man nimmt sie und läßt sie. Man denkt nicht mehr daran, sie genommen zu 
haben. Die anderen dagegen, die fortfahren, die Betäubung zu bewirken, töten die Energie 
und hindern, daß man sich von ihnen ablenkt zu nützlicher Beschäftigung. Boisrobert 
hatte aber seine ganze Geistesklarheit nötig, um mit sich zu Rate zu gehen wegen der 
wichtigen Begebenheiten, die zur Zeit drohten, den allmächtigen Minister, den er so viele 
Mühe gehabt hatte zu gewinnen, wegzuschwelnmen.“ 

Den Heterosexuellen erscheinen natürlich die männlichen Blumen duft- und reizlos, 
auf die Homosexuellen üben sie aber eine ebenso starke Anziehungskraft wie auf die 
Heterosexuellen die weiblichen. Deshalb ist es nur natürlich, daß auf Boisrobert die 
männlichen Blumen, die schönen jungen Männer, einwirkten, wie die hübschen Weiber 
es gegenüber den Heterosexuellen vermögen, und deshalb ist der zu literarischem Aufputz 
hergeholte Erklärungsversuch von Magne ein Nonsens. 

Der Homosexuelle ist nicht seiner Natur nach ein oberflächlicher, nur flüchtige vor¬ 
übergehende kleinliche Wollust suchender Genußmensch, er kann es sein, aber ebenso 
gut eilen viele Heterosexuelle von Blume zu Blume, ohne tiefere Neigung und ohne 
ernstere seelische Beteiligung. Die Tiefe der Empfindung und die Macht der Leidenschaft 
hat mit der Triebrichtung nichts zu tun, viele Homosexuelle sind übrigens gerade be¬ 
sonders schwärmerisch und sentimental veranlagt und ihr ganzes seelisches Leben wird 
meist sehr stark von ihrer Leidenschaft für das eigene Geschlecht beeinflußt und an¬ 
gegriffen. 

Auch bei Boisrobert beweist die schwärmerische Anhänglich¬ 
keit, die ihn an Pontjebault gefesselt hatte, und seine Verzweiflung 
beim Tod des Angebeteten, daß auch ihn die Leidenschaft bis ins 
Innerste auf wühlen und erschüttern konnte, nur war eben die Frau 
nicht imstande, eine derartige Gemütsumwälzung in ihm hervorzu¬ 
rufen, aber nicht weil Boisrobert absichtlich sich nicht von ihr 
fesseln lassen wollte, um seine Gemütsruhe und Geistesklarheit 
zu bewahren, sondern weil sein natürlicher Trieb ihn in die Lieb¬ 
haberralle zu den Geschlechtsgenossen zwang und der sinnlichen 
Hingabe an die Frau hindernd im Wege stand. 

Es dauerte nicht lange und Boisrobert bekam die Gelegenheit, 
das Land kennen zu lernen, das damals den besonderen Huf einer 
Pflanzstätte des Eros Uranios genoß, nämlich Italien. 

Der Staatssekretär Bouttilier unternimmt eine Reise dorthin 
und bittet Boisrobert, ihn zu begleiten. Mit Freude ergreift Bois¬ 
robert das Anerbieten. In Rom wird er in die höchsten Kreise ein¬ 
geführt und erfreut überall durch seinen Witz, seinen Geist, seine 
Geschmeidigkeit. Auch dem Papst Urban VIII. darf er sieh nähern, 
ja er weilt eine Zeitlang im Vatikan, später wohnt er dünn in dem 
Palais des Kardinals Barberini, wo eine ganze Schar von Klerikern, 
Edclleulen und Schöngeistern den berühmten Kardinal umschwärmt. 
Auch andere Eminenzen ergötzt Boisrobert durch die Schätze seines 
sprudelnden, geistvollen Wesens. 

Als sichtbares Zeichen seiner Gunst verleiht ihm sogar der 
Pabst ein Priorat in der Bretagne unter der Verpflichtung, die Dis¬ 
ziplin und die Tugend dort hoöhzuhalten. 

Boisrobert verläßt ziemlich plötzlich Rom, dazu gezwungen 
durch anscheinend wichtige Ereignisse. Welcher Art diese Be¬ 
gebenheiten waren, wissen wir nicht, insbesondere nicht, ob etwa 
homosexuelle unvorsichtige Abenteuer den Dichter zur schnellen 
Rückkehr nach Frankreich bewogen. 

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N. Praetoritis. 


Nach Magne hätte der Aufenthalt Boisroberts in Italien seine 
sexuelle Inversion gekräftigt infolge seines Verkehrs mit galanten 
Klerikern und verfeinerten Edelleuten. Italien habe zu jener Zeit 
den Fluch Sodoms verdient und Rom, wo die Frau wegen ihrer ver¬ 
derblichen Versuchungen nach der Theologie verbannt sei, treffe 
dafür die Verantwortung. 

Nun, es wird sich wohl damals kaum anders mit Italien verhalten haben als heute. 
Der Italiener aus dem Volk wird dem homosexuellen Verkehr leichter zugänglich ge¬ 
wesen sein als der Franzose. Deshalb war aber die Homosexualität in Frankreich keine 
besondere Seltenheit, denn in der Kultur- und Sittengeschichte Frankreichs im 16. und 
17. Jahrhundert begegnet man auf Schritt und Tritt zahlreichen Homosexuellen. 

In der — gerade in seiueller und homosexueller Beziehung — wohl toleranten ita 
lienischen Atmosphäre wird allerdings Boisrobert seiner Neigung keinen Zwang angetan 
haben, aber festgelegt war seine Gefühlsrichtung längst, und auch schon vor der 
italienischen Reise hat er keine Enthaltsamkeit beobachtet, wie sein Ruf eines platonischen 
Damenfreundes und weniger idealen Pagenliebhabers beweist. 

In Paris übernimmt Boisrobert gleich wieder seine Rolle bei 
Richelieu als literarisches Faktotum, schriftstellerischer Gehilfe, be¬ 
lustigender Sorgenbrecher. Sein Einfluß und seine Macht steigen 
immer mehr und bald umwedeln ihn Dutzende von Schmeichlern, 
Bittstellern, Intriganten, die durch ihn Geld oder Stellung von 
Richelieu erstreben. Richelieu gibt seinem Wohlwollen für den 
Dichter Ausdruck, indem er ihm ein Kanonikat in Rouen schenkt. 
Deshalb ändert aber Boisrobert kaum seine Lebensweise. Er ist zwar 
nach Rouen gereist, um den Besitz des Kanonikats anzutreten und 
er schreibt auch in heuchlerischen Phrasen den Damen des Hofes, 
er müsse jetzt der Welt und seiner Lust seiner neuen Würde zuliebe 
entsagen. Er dürfe die schönen Damen nicht mehr mit den bis¬ 
herigen Augen betrachten, sondern nur als vollendetes Werk Gottes, 
er dürfe sie nur noch lieben, wie man göttliche Dinge liebe. Er 
müsse sich jetzt ganz von der Zahl ihrer Anbeter trennen und habe 
nichts gemein mehr mit diesen. Er bittet, sie, allen ihren Freun¬ 
dinnen seine heilige Metamorphose mitzuteilen und sie mögen sich 
gefaßt machen, ihn nach seiner Rückkehr ganz geändert zu finden. 

Wahrscheinlich haben die vornehmen Damen gewußt, was sie 
von diesen hohlen Deklamationen halten sollten, daß die Versiche- 
i'ung einer fortan nur hehren, keuschen Bewunderung der Frauen¬ 
schönheit ihm bei seiner homosexuellen Natur wenig Überwindung 
kostete, und daß auch seine seitherigen Gefühle gegenüber dem Weib 
schon sowieso jeglichen sinnlichen oder sexuell-sentimentalen Bei¬ 
geschmacks entbehrten. 

Boisrobert selber wird im stillen über sein Pathos gelächelt 
und überhaupt nicht daran gedacht haben, irgendwie seine welt¬ 
liche Lebensweise zu ändern. Das bevües er bald selbst. Nach 
schneller Erledigung der vorgeschriebenen Förmlichkeit zur Besitz¬ 
ergreifung des Kanonikats und kurzem Aufenthalt in Rouen eilt er 
nach Paris zurück und nimmt seine früheren Beschäftigungen und 
Gewohnheiten wieder auf. Die Priesterglatze erspart er sich, und 
der violettene Priesterrock ohne die übrigen Attribute seines geist¬ 
lichen Berufes bildet das einzige Merkmal seiner neuen Würde. Bald 
beglücken neue Titel, Privilegien und Renten den fortdauernd hoch 
in der Gunst des Kardinals stehenden Dichter. 


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37 


Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer der „Academie franeaise“. 


In dieser Zeit pflegte eine Anzahl von Schriftstellern in einem 
Winkel eines entlegenen Stadtteils von Paris wöchentlich einmal zu- 
sajnmenzukommen, um Fragen der literarischen Kritik und der 
französischen Sprache zu erörtern. Boisrobert, der in diesen Kreis 
eingeführt wird, hat Gefallen an dieser Versammlung mit ihrem 
freien Ton und ihren kritischen Debatten, und noch an demselben 
Abend berichtet er darüber seinem Mäcen. Dieser, nach anfäng¬ 
lichem Widerstreben, schließt sich dem Plan Boisroberts an, aus 
dieser Literatenyereinigung eine ständige, mit Statuten versehene 
literarische Gesellschaft zu gründen; denn er zählt darauf, in ihr ein 
Instrument zu finden, das er sich ganz dienstbar machen kann, um 
die zahlreichen, Pamphlete schreibenden Feinde und ihren Anhang 
durch Gegenschriften zu erdrücken und nur sein Lob und seinen Preis 
anstimmen zu lassen. 

Unter Boisroberts Impuls und Leitung wird die Akademie der 
40 „Unsterblichen“ organisiert und bald streitet sich eine Unmenge 
von Schriftstellern um die Ehre der Mitgliedschaft, die meist auf 
Grund der Fürsprache von Boisrobert verliehen wird. 

In der gelehrten Versammlung thront Boisrobert mit Autorität, gleichsam als 
Vater und Gründer der Akademie. Er vertritt die Höflichkeit, die Eleganz, die Feinheit. 

Gegenüber der in tönenden und vergänglichen Phrasen ausbrechenden Pedanterien 
steht er da wie das Symbol der Einfachheit“ (Magne S. 243). 

Richelieu kann Boisrobert zu allem benutzen, nicht nur zu offi¬ 
ziellen Diensten, sondern auch zu geheimen Aufträgen und Ver¬ 
mittelungen intimerer Natur. Denn der Kardinal liebt die schönen 
Frauen und sein geistlicher Charakter hat ihn nie gehindert, seiner 
Sinnlichkeit freien Lauf zu lassen. Unter seinen Liebschaften ist 
besonders sein Verhältnis zu seiner eigenen Nichte, Frau d’Aiguillon, 
bekannt geworden, der anderseits manches nachgesagt wurde, unter 
anderem auch homosexuelle Beziehungen zu Frau de Vigeau. 

Ein an und für sich unbedeutendes Ereignis sollte der glänzen¬ 
den Stellung Boisroberts verhängnisvoll werden. 

Zur Einweihung des großen Thcatersaales im Palast des Kardinals wurde ein Stück 
gewählt, an dem Richelieu selbst mitgearbeitet hatte. Niemand außer einigen geladenen 
hohen Gästen sollte bei der Generalprobe zugegen sein, trotzdem schmuggelte Boisrobert 
eine unbedeutende Schauspielerin, die als eine der größten Kokotten von Paris galt, auf 
ihre dringenden Bitten in den Saal ein. Auch bei der ersten Vorstellung, der der König 
in Person beiwohnte, wurden von Boisrobert, der die Einladung der Damen zu besorgen 
hatte, mehrere unter falschen Namen eingelassen, die sich nicht auf der vom Kardinal 
aufgestellten Liste befanden. 

Als dem König hinterbracht wird, welche zum Teil gemischte Gesellschaft ihn in 
dem Theater umgeben hat, macht er seinem Minister spöttische Bemerkungen über das 
zahlreiche „Geflügel“, das bei seiner Komödie anwesend gewesen sei, und der Bruder 
des Königs, Gaston d’Orleans, meint lachend: Es sei ja das kein Wunder, da bei der 
Generalprobe, zu der er, Gaston, nur mit Mühe Zutritt erlangt, eine der bekanntesten 
Dirnen von Paris zugelasscn worden sei. Boisrobert zur Rede gestellt, kann seinen Fehler 
nicht leugnen, Richelieu ist zwar sehr erbost über ihn, würde ihm aber verzeihen und 
sucht den König zu besänftigen, aber dieser erklärt ihm rundweg: „Boisrobert entehrt 
Ihr Haus“. Richelieu, den Wink und versteckten Befehl verstehend, fordert Boisrobert auf. 
Paris zu verlassen und sich in seine geistlichen Benefizien zurückzuziehen. Schweren 
Herzens muß Boisrobert gehorchen und sich in sein Kanonikat zu Rouen begeben. 

Die an und für sich nicht sehr belangreiche Taktlosigkeit, die 
Boisrobert gegen Richelieu und indirekt gegen (len König begangen 
batte, dürfte wohl ni f cht die eigentliche Ursache seiner Verbannung 


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38 


N. Praatorius. 


gewesen sein, sondern nur Vorwand und Anlaß abgegeben haben, 
um die vom König wohl aus anderen Gründen gegen Boisrobert ent¬ 
standene Antipathie zum Ausdruck zu bringen und seine Entfernung 
durchzusetzen. Diese anderen Motive dürften in der dem König ge¬ 
meldeten homosexuellen Neigung des Dichters und' ihrer Betätigung 
liegen. Wie dies gewöhnlich der Fall ist, war diese Denunziation ein 
niedriger Racheakt seitens einiger Feinde von Boisrobert. 

Zwei Edelleute, Saint Georges und Appellevoisin (Tallement des Reaux nennt den 
letzteren Talevoisin), beide Offiziere der Leibwache des Kardinals, zählten zu den er¬ 
bittertsten Gegnern des Dichters, da er einst ihre Unredlichkeiten in früheren Stellungen 
aufgedeckt hatte. Um sich zu rächen, hatte Saint Georges erzählt, Boisrobert habe seinen 
Sohn, der Page beim Kardinal waT, sexuell belästigt. Palevoisin hatte vor 14 Personen 
das gleiche behauptet. Als Boisrobert das erfährt, nimmt er den ihm befreundeten 
Marschall von Grammont beiseite und sagt ihm': „Lassen wir den Pagen kommen, er 
liegt zu Bett, wir wollen ihn wecken.“ Der Page, der nichts von der Behauptung seines 
Vaters wußte, bestreitc-t auf das Hartnäckigste die gegen Boisrobert erhobene Beschuldi¬ 
gung. Durch die Bemühungen des Marschalls von Grammont gelang es dann, daß sich 
Boisrobert damit zufrieden gab, daß Palevoisin öffentlich erklärte: Alle, die Derartiges 
über Boisrobert gesagt, hätten gelogen. 

Ob und inwieweit gerade die Beschuldigung hinsichtlich der 
sexuellen Attacke auf den Sohn von Saint Georges der Wahrheit 
entsprach, läßt sich nicht feststellen, wohl aber die allgemein be¬ 
kannte Vorliebe Boisroberts für schöne Jünglinge, die er, wie wir 
noch sehen werden!, selbst zugab. 

Daß Boisrobert sich auch gerade an Pagen des Kardinals heran- 
machte, dürfte auch kaum zweifelhaft sein. So hat Jean d’Aspre- 
morit, Sieur de Vandy, dem Historienschreiber Tallement des Reaux 
selbst rnitgeteilt: Als er Page bei Richelieu gewesen sei, habe er 
seinen Kameraden Nanteuil, einen schönen Burschen von 18 Jahren, 
gegen 18 Pfund Gold dem Günstling des Kardinals zugeführt. Er 
selbst habe den Jungen scherzend in das Zimmer Boisroberts ge¬ 
bracht. Tallemant fügt allerdings hinzu, daß Vandy sich mit Nan¬ 
teuil verfeindet habe und daher seine Angabe verdächtig sei (Talle¬ 
mant des Reaux, Edition Paulin, Paris, Bd. II, S. 399—400). Daß 
sie aber Vandy deshalb rein erfunden habe, möchte ich doch nicht 
annehmen. Jedenfalls war der homosexuelle Ruf von Boisrobert 
unter den Höflingen ein offenes Geheimnis«, das aber wohl der König 
lange Zeit nicht kannte. , 

Talevoisin hatte während der Generalprobe des oben erwähnten 
Theaterstückes an der Türe Wache gehabt, durch welche Boisrobert 
die berüchtigte Schauspielerin eingelassen hatte und er hatte das 
Vergehen Boisroberts auch ausdrücklich später dem Kardinal be¬ 
stätigt. Talevoisin und Saint Georges haben nun anscheinend die 
Gelegenheit benutzt, um dem König überhaupt von den Sitten Bois¬ 
roberts Mitteilung zu machen. Ludwig XIII., obgleich er selbst 
homosexuell war, aber zu der Klasse der „Edeluranier“ gehörte und 
große Scham und Züchtigkeit in seinem Leben und in seinen An¬ 
schauungen an den Tag legte, wird das ungebundene Draufgänger¬ 
tum in sexualibus seitens Boisroberts, über das ihm wohl berichtet 
wurde, verhaßt gewesen sein, deshalb ist es keine zu gewagte Aus¬ 
legung, wenn man die Worte des Königs an Richelieu: „Boisrobert 
entehrt Ihr Haus“ nicht bloß auf sein Verhalten in der Theater¬ 
angelegenheit, sondern auf seine homosexuellen Sitten bezieht, j 


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Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer der „Academie francaistv 1 . 39 


In Rouen bleibt Boisrobert zwanzig Monate, vom 23. 1. 1641 bis 
zum 16. 11. 1642, schriftstellernd und mit seinen zahlreichen Pariser 
Freunden korrespondierend. Er erfährt, daß Richelieu ihm keines¬ 
wegs abhold geworden ist und nur des Königs wegen eine Zeitlang 
das Exil aufrecht erhalten muß! 

Im November 1642, als Richelieu schon krank und tief melan¬ 
cholisch von Südfrankreich und Lyon, wo er die Verschwörung von 
Cinq-Mars (des früheren heißgeliebten Freundes des Königs) blutig 
rächte, nach Paris zurückkehrt, gedenkt er seines in der Verbannung 
schmachtenden Günstlings und ruft ihn zu sich. Boisrobert hat noch 
gerade Zeit, an das Krankenlager des in der Nähe von Paris tod¬ 
krank liegenden Kardinals zu eilen, dessen Hinscheiden er bald be¬ 
weinen muß. 

Niemand, sagt Magne, hat wohl den Kardinal so wahrhaft be¬ 
trauert, als Boisrobert. Der Schmerz über den Tod seines mächtigen 
Gönners ruft Anwandlungen von Frömmigkeit bei Boisrobert her¬ 
vor und in einer langen Ode an die Jungfrau Maria sucht er den 
Trost des Himmels. Wie Magne (S. 287) nicht ohne Ironie bemerkt : 
„In logischer Vergeltung sucht seine Seele jenseits von der Welt., 
die Ergüsse nach der Frau, die sein Leib auf dieser Welt verachtet.“ 

Nach diesen frommen Stanzen an die Jungfrau Maria sollte 
man meinen, Boisrobert wolle nun endgültig allen weltlichen Freu¬ 
den entsagen. Aber nur kurze Zeit dauert seine Zerknirschung. 
Bald kehrt sein alter Humor, seine alte Lebenslust, sein Epikureis¬ 
mus zurück, und wieder erheitert der lustige, lächelnde, pfiffige 
Boisrobert die Kreise der eleganten Welt, der Kunst und Literatur. 

Wie früher hofiert er galant die Damen, deren Tugend durch 
ihn keine Gefahr läuft, wie früher sehen alle ihn gern, obgleich er 
Liebesgefühlen zu ihnen unzugänglich bleibt und obgleich die homo¬ 
sexuelle Neigung in alter Frische bei dem jetzt 50jährigen weiter 
blüht. 

Verschiedene und überlieferte amüsante Episoden zeigen, wie 
Boisroberts homoerotische Leidenschaft anscheinend gar nicht die 
Entrüstung der Damen hervorrief, sondern nur ihr Lächeln oder 
ihre Neugierde, vielleicht auch etwas Spott weckte. 

So scheint die durch einen herrlichen Körper ausgezeichnete Herzogin von Longue- 
ville in echt weiblicher Eitelkeit es gerade darauf abgesehen zu haben. Boisrobert auf die 
Probe zu stellen, ob er wirklich der Einwirkung weiblicher Reize völlig verschlossen sei. 
Denn welche schöne Frau kann es fassen, daß nicht jeder Mann ihr zu Füßen sinkt und 
daß es Männer geben soll, die ihren Lockungen gegenüber kalt bleiben. 

Als der Dichter einst die Herzogin besucht, steigt sie gerade aus dem Bad und 
empfängt ihn von Wohlgerüchen duftend, geschmückt mit ihrem wallenden Haar wie mit 
einem Kranz, mit nackten Armen, Schultern, entblößter Brust, ihn mit ihren Saphir¬ 
augen verführerisch anblickend. Boisrobert bewundert diese entzückende lebende Schön¬ 
heit, die „die Scham wie einen unnützen Mantel wegwirft“. Aber an seinem Enthusias¬ 
mus haben die Sinne keinen Anteil. „Er würde, in der Tat, nicht mit einem einzigen Vers 
den Stolz bezahlen, den Schatz dieses samtenen Körpers zu besitzen, während er sich 
teuer kosten läßt, das süße Glück, die Lippen der Pagen zu genießen“ (Magne S. 315). 
(Hiertnit spielt Magne auf die oben mitgeteilte Erzählung hin, wonach Boisrobert 18 Pfund 
Gold für den Pagen Nauteuil hergab.) „Ganz und gar ist er von der Frau abgelenkt 
durch eine unüberwindliche Abneigung.“ 

„Welches sind die Leute, an die sich seine invertierte Begierde 
wendet?“ frägt’Magne (S. 310). Er meint, es sei dies unmöglich mit 


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40 


N. Praetorius. 


Bestimmtheit zu sagen in einem Zeitalter, in dem die Frömmig¬ 
keit alle Spuren dieser Unkeuschheiten zu vernichten strebt. 

„Wir neigen dazu,“ fährt Magne fort, „zu glauben, daß Boisrobert, als das Alter 
gekommen war, seine schwarzen Messen in seinem Hause feierte mit seinen Lackaien und 
einigen freiwilligen Jünglingen. Denn als einer dieser Lackaien eines Tages von einem 
Pförtner einige Fußtritte in den Hintern wegen einer Unverschämtheit erhalten hatte, 
zeigt der Dichter eine im Vergleich zu dieser Züchtigung außergewöhnliche Wut. Und 
viele Leute riefen aus: 

„Er hat Recht. Das ist viel beleidigender als für einen anderen. Denn der Hinter¬ 
teil ist ja der edelste Teil dieser Herren.“ (Wie man sieht, also stets das Vorurteil, als ob 
Homosexuelle Pädikatio treiben müßten, obgleich man doch nicht weiß und sicherlich 
damals auch nicht wußte, welche Befriedigungsart Boisrobert eigen war.) 

Auf die Lakaienliebe spielt auch das geistvolle Frl. Nelson an: 

Als Boisrobert ihr erzählte, er habe Angst, daß einer seiner Diener aufgehängt 
würde, antwortete sie: „Bedenken Sie doch, daß die Diener Boisroberts nicht für den 
Galgen gemacht sind, sie haben nur das Feuer zu fürchten“ (Talleniant des Riaux II, 418). 

(Damit wollte Frl. von Nelson sagen, daß die Diener des Dichters, weil sie mit ihm 
sexuell verkehrten, die für diese Handlung damals vorgesehene Strafe des Feuerhkles ver¬ 
wirkt hätten.) 

Besonders befreundet war Boisrobert mit der schönen und be¬ 
rühmten Kurtisane Ninon de Lenclos, und bei ihr scheint er großes 
Verständnis und ein offenes Ohr für die Beichte seiner homosexuel¬ 
len Abenteuer gefunden zu haben. 

Als Ninon sich in das Kloster von Lagny zurückziehen mußte, schreibt sie ihm 
über die liebenswürdige Behandlung seitens der Nonnen und fügt scherzend hinzu: „Ich 
denke, daß ich, Sie nachahmend, anfangen werde, mein eigenes Geschlecht zu lieben.“ 

Boisrobert besucht seine „Göttliche“, wie er Ninon nennt, und steigt jedesmal in 
einem Gasthof der Stadt in Begleitung eines Lackaien ab. 

Eines Tages nach seinem Weggang fragt das Stubenmädchen des Hotels, da Bois¬ 
robert immer nur ein Zimmer mit einem Bett für sich und seinen Diener inne hat, einen 
anderen Reisenden, ob auch für ihn und seinen Lackaien nur ein einziges Bett bereitet 
werden solle. 

Als Ninon den Sachverhalt und die Frage des Stubenmädchens erfährt, sagt sie bei 
seinem nächsten Besuch zu dem Dichter: „Ich möchte wenigstens keine Lackaien.“ 

„Sie verstehen sich nicht darauf“, erwidert ihr Boisrobert, „die Livree, das ist der 
besondere Reiz“ („la livröe Test le ragout“). 

Ninon im Gegensatz zu anderen koketten Frauen ärgert sich nicht darüber, daß 
Boisrobert sich nicht sinnlich durch sie bestricken läßt. 

Sie betrachtet ihn wie ein Phänomen, überrascht und gefesselt. Nur macht sie sich 
oft einen Spaß, ihn etwas zu necken. 

So hat schon mehrmals, als sie vom Kloster nach Paris zurückgekehrt ist, und 
gerade wenn Boisrobert sie besucht, ein Bursche nach dem Dichter im Hause Ninons ge¬ 
fragt. „Dieser kleine Kerl, sagt sie, kommt immer zu Ihnen.“ „Ja,“ antwortet Boisrobert, 
ich bemühe mich vergebens, ihn in eine Stellung unterzubringen.“ 

„Das kommt davon“, meint Ninon schalkhaft, „weil man ihm nirgends das macht, 
was Sie ihm machen.“ Boisrobert erzürnt sich nicht über die Sticheleien Ninons, ja er 
offenbart ihr die Unannehmlichkeiten, die ihm einige Leute bereiten. 

Offenbar hatte er, wie auch heute so manche HoniosexueUe, oft 
Betteleien und Erpressungen zu erdulden. So eilt er eines Morgens 
ganz bestürzt zu Ninon: 

„Meine Göttliche“, ruft er aus, „ich werde ein Noviziat bei den Jesuiten durch¬ 
machen. Ich weiß kein anderes Mittel mehr, um die Verleumder zum Schweigen zu 
bringen. Ich bleibe drei Wochen und gehe dann im Stillen weg, so daß man mich noch 
dort glaubt. „Doch“, fügt er sofort bedenklich hinzu, „was mich ärgert, ist, daß diese 
Leute (die Jesuiten) mir Fleisch gespickt mit ranzlichem Speck und als Wildpret höchstens 
ein Speicherkaninchen geben werden. Ich kann mich nicht dazu entschließen.“ 

Am anderen Tag neuer Besuch Boisroberts. „Ich habe nachgedacht“, sagt er, 
„drei Tage genügen. Es wird denselben Effekt machen.“ 


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Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer der „Aeademie franpaise“. 


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Boisrobert geht dann zu den Jesuiten, die mit einem Wort seinen Ruf klären 
können. Er belustigt, bezaubert die Mönche und gewinnt sie zu Helfershelfern, die die 
bösartige und indiskrete Neugierde von seiner Person abzulenken bemüht sind. 

Trotzdem gelingt es ihm aber doch nicht, einen durch seinen 
homosexuellen Ruf veranlaßten Skandal in der Akademie von sich 
abzuwenden. 

Der Schlag kam von dem Grammatiker Gilles Menage. Bois¬ 
robert hatte sich zwar stets liebenswürdig und hilfsbereit gegenüber 
Menage gezeigt und ihm keinerlei Gründe zur Feindschaft gegeben. 
Aber dieser pedantischen, trockenen Philosophenseele war das geist¬ 
volle, glänzende, schillernde Wesen des höfischen Dichters und 
Salonmannes offenbar höchst antipathisch, und so gereichte es dein 
Grammatiker zur Genugtuung, den gefeierten Dichter an seiner ver¬ 
wundbaren Stelle, seinem Liebesieben, zu treffen. 

Menage gTeift zunächst die gesamte Akademie an wegen der 
linguistischen Arbeit des Lexikons. Er klagt den Akademiker Seri- 
soy an, daß er die Monomanie habe, alle Wörter zu feminisieren und 
wirft dann Boisrobert vor, „diem Freund des männlichen Ge¬ 
schlechts“, wie er ihn direkt nannte, daß er sich nicht mit Energie 
dieser effeminierten Sprache widersetze. Das anzügliche Wort ver¬ 
breitet sich wie ein Lauffeuer. Man lacht über den Witz und mur¬ 
melt ihn in Gegenwart von Boisrobert selber. Als Boisrobert wütend 
im Namen der Akademie eine heftige Erwiderung gegen Menage 
veröffentlicht, entschuldigt sich dieser, aber erfreut über den Er¬ 
folg seiner Stichelei, kann er nicht widerstehen, in der „Miscellanea“, 
die er publiziert, sein „bon mot“ aufzunehmen. Boisrobert will ihn 
durch einen seiner Neffen, einen soliden, zu allem entschlossenen 
Burschen dürchprügeln lassen, aber Menage weiß dem Auflauernden 
zu entgehen und Boisrobert verzeiht schließlich^ nachdem sich sein 
Zorn gelegt. 

Die literarische Tätigkeit unseres weltlichen Abbes nimmt in 
der zweiten Hälfte seines Lebens immer mehr zu, besonders auch 
seine Theaterproduktion steigt ins Ungemessene. Er selbst sorgt 
für die gute Aufführung seiner Stücke und wohnt den Vorstellungen 
bei wie früher 1 , immer der elegante, geschniegelt und gestrichelte, 
parfümierte Abbe in glänzenden Schuhen, schönen Strümpfen, 
leuchtendem Kragen. / 

Auch Ludwig XIV., der seinem bald nach dem Ableben Riche- 
lieus gestorbenen Vater im Jahre 3643 auf den Thron gefolgt ist, 
hört gern die Stücke des berühmten Dichters, denn aus ihnen schallt 
ihm tönendes Lob auf den Herrscher entgegen. Obgleich Boisrobert 
bei dem neuen Minister, dem Kardinal Mazarin, nicht die Stellung 
errungen hat, die er bei Richelieu besaß, spielt er, der angehende 
Sechziger, doch, wie früher, die Rolle eineir angesehenen, geschätz¬ 
ten Persönlichkeit in den Hofkreisen. 

Eine Unvorsichtigkeit bringt ihm abermals einen neuen Sturz. 
Diesmal war es die Spielleidenschaft, die sein Unglück verschuldete. 

Eines Abends spielt er mit den Nichten Mazarins. Als er fortgesetzt verliert, ent¬ 
schlüpft ihm ein Fluch auf den Namen Gottes. Er hat somit ein in der damaligen Zeit 
mit den schwersten Strafen bedrohtes Verbrechen begangen. Mazarin und seine Nichten 
würden verzeihen, aber der gestrenge Pater Annat zeigt den Sünder an. der auf Befehl 
des Königs sofort Paris verlassen muß. 


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42 


N. Praetorius. 


Schon lange hatten alle Frömmler am Hof den lustigen Abbe 
mit scheelen Augen angesehen. Denn zahlreich sind die "Überschrei¬ 
tungen, die er gegen die Gebote der Religion sich zuschulden kom¬ 
men ließ. Er flucht schon lange, er beobachtet nicht die Fastenzeit, 
er legt oft das geistliche Gewand ab, um im Bürgerrock mit langem 
Bart und Haar zu weltlichen Gelagen zu eilen. Trotzdem er 
auch den Titel eines Predigers des Königs erhalten hatte, wird be¬ 
hauptet, er sei unfähig, auch mir einen Bibelvers zu erörtern. 

In Rouien, wo er jetzt in seinem Kanonikat in der Verbannung lebt, 
muß er seine Emanzipation aufgeben und streng alle kirchlichen 
Pflichten und Regeln befolgen. Sein ganzes Trachten geht aber 
dahin, möglichst bald wieder nach Paris zurückkommen zu dürfen. 

Er sammelt Zeugnisse von einflußreichen Klerikern über sein erbauliches Leben 
in Rouen und über seinen religiösen Glauben, anderseits bedauern die Damen des Hofes 
das Verschwinden ihres beliebten AbWs, der so angenehm ihnen die Zeit zu vertreiben 
wußte, sie bemühen sich, ihn beim König möglichst rein zu waschen. Unter diesen 
Damen zeigt sich besonders eine, die Marquise von Saint-Ange, von unvergleichlichein 
Eifer. Sie war ein Blaustrumpf ohne große Schönheit, die viel auf ihre poetischen Er¬ 
zeugnisse hielt. Da ihr Mann ihren Dienerinnen nachlief, rächte sie sich ihrerseits durch 
Untreue. Von Boisrobert erwartete sie nur die geistige Zerstreuung und Verehrung, da 
sie wußte, daß seine speziellen Neigungen ihn an intimeren Beziehungen mit dem 
Weib hinderten.. Ein trostreiches Sonnet, das Boisrobert anläßlich eines Unfalles des 
jungen Mancini, des Neffen Mazarins an diesen richtete, machte besonderen Eindruck auf 
den Kardinal und bewog ihn, den Verbannten zurückzurufen. Vor versammeltem Hof hört 
Boisrobert seine Gnade aus dem Munde der Königin Mutter. 

Wieder wird er der allgemeine Liebling, wie früher glänzt er 
als der lustige amüsante Abbe, nur beobachtet, er jetzt, um die 
Frömmler zu schonen, mehr als früher die Pflichten seines geist¬ 
lichen Standes und liest auch manchmal die Messe. Alles reißt sich 
wieder um seine Gegenwart. Die Damen sind stolz, ihn zu ihren 
Gästen zu zählen, er ist der Direktor „des Königreichs der Koket¬ 
terie“, der arhiter elegantiarum der weiblichen Mode, er philoso¬ 
phiert und spielt den galanten Erzieher. 

Er bespricht die Neuigkeiten des Tages, er trägt abends die Lieder vor, die er 
tags verfaßte, er improvisiert und gibt Rätsel auf, er entwickelt Liebesdissertationen, 
denen die jungen Dafrien mit Behagen lauschen. Die Frauen bedauern, daß kein Jugend¬ 
bronnen den Sechzigjährigen verjüngt und namentlich, daß kein Heilmittel ihm die un¬ 
liebsame Manie wegnimmt, die Lakaien den Damen im Punkte des Eros vorzuziehen. 
Aber er tröstet sie sowohl „von seinem Alter als von seiner speziellen Inversion, indem er 
sie in seinem Wagen in die Umgegend von Paris führt und mit Leckerbissen stopft'* 
(Magne S. 378). 

Denn immer und überall muß er ein zahlreiches lärmendes Auditorium von Be¬ 
wunderern und duftenden Damen Um sich haben. In seinen letzten Jahren bereitet ihm 
seine Spielleidenschaft noch manche Sorgen, da er durch sie schwere Vermögensverlustc 
erfährt. Allmählich leidend geworden und von der Gicht befallen, stirbt er, 08 Jahre 
alt, im Jahre 1662 nach kurzem Krankenlager, an das noch manche der Damen, die er so 
oft belustigt, bekümmert um ihn und tröstend eilte. 

Fassen wir das Charakterbild Boisroberts zusammen, so tritt 
uns in ihm so ziemlich der Typus des eher weiblich gearteten Ura- , 
niers entgegen. Äußerlich war er anscheinend von grazilem, zarteu 
Körperbau, von kleiner Statur, sonst hätte er nicht vor Zeitgenossen 
mit einer zerbrechlichen Statuette verglichen werden können. Von 
seinem körperlichen und geistigen Wesen ging offenbar ein gewisser 
undefinierbarer instinktiver Charme, eine Art magnetische An¬ 
ziehung aus, wie man sie bei manchen Homosexuellen findet und 


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Der homosexuelle Abbe Boisrobert, der Gründer der „Academie frangaise“. 


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wofür auch die neueste Geschichte in Deutschland bekannte Bei¬ 
spiele aufweißt. 

Diesen Zauber hat Boisrobert in hohem Maße besessen und er 
übte namentlich eine berückende Wirkung auf gebildete Frauen 
aus, eine Wirkung, die nicht, wie sonst oft seitens Heterosexueller, 
ihren Grund hatte in d)er überragenden, unterwerfenden Männlich¬ 
keit, sondern in den als harmonisch empfundenen weiblichen Eigen¬ 
heiten einer glanzvoll schimmernden Schwesterseele. 

Mannigfach in der Tat waren die mehr weiblichen Züge bei 
Boisrobert ausgebildet: mit dem bis zur Putzsucht gesteigerten Sinn 
für äußeres schmuckes und dekoratives Auftreten, mit Eleganz und 
Grazie verbanden sich anmutige, ansprechende Geistesgaben: keine 
männliche Kraft und Tiefe, aber Witz, Humor, Frische, Beweglich¬ 
keit, Geschmeidigkeit. Mit Unrecht hat man schon versucht, Bois¬ 
robert zu einem bloßen Hofnarren zu stempeln' während er einen 
mit allen geistigen und physischen Reizen geschmückten Hof mann 
repräsentierte. 

Obwohl er die geistliche Würde erhalten hatte, blieb er stets 
Welt-, ja Lebemann und verschmähte nie die Genüsse des Lebenr. 
Spiel und Theater zog er dem Kirchenbesuch vor. 

Auch in der Liebe scheint er meist mehr von flüchtigen Ge¬ 
fühlen als aufwühlender Leidenschaft erfaßt worden zu sein, denn 
nur einmal wird von einer tieferen Empfindung (zu Pontjebault) be¬ 
richtet, während er später anscheinend nur Augenblicksneigungen 
in der für viele Homosexuellen charakteristischen Form — zu sozial 
niedriger stehenden jungen Burschen — ihn fesselten, wobei auch' die 
bei vielen Homosexuellen anzutreffende, an das Fetischistische gren¬ 
zende Bevorzugung der Uniform, der kleidsamen Tracht, zutage tritt. 

Wenn auch der Moralist manche Schwächen in Boisroberts 
Charakter rügen mag, so wird man bei ihm jedoch vergeblich 
schwere Fehler suchen', die das Leben anderer verbitterten oder die 
Mitmenschen schädigten, ja, auch seine Schwächen werden auf¬ 
gewogen durch seine großen Vorzüge, insbesondere seinen Altruis¬ 
mus und seine unermeßliche Güte und Hilfsbereitschaft, die ihn 
dazu trieben, alle Bedrängten und Leidenden zu unterstützen, und 
ihn auch dazu brachten, mehr die Taschen der andern als die seinigeu 
zu füllen. 

In seiner dichterischen Produktion spiegeln sich die Eigen¬ 
schaften und Talente, die ihn als Menschen so beliebt und begehrt 
machten: auch hier ragt er hervor durch seinen Geist, seine Grazie, 
seine sprudelnde Verve, seine Fröhlichkeit und Eleganz. 

So verkörpert er, kann man sagen, auch eine ganze Anzahl 
liebenswürdiger Züge des französischen Charakters. Seine bleibende 
Bedeutung wird man aber darin erblicken müssen, d’aß er als der 
eigentliche Urheber und Gründer der berühmten französischen Aka¬ 
demie zu gelten hat. 


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44 


Wilhelm Reich. 


Trieb- und Libidobegriffe von Porel bis Jung. 

Von Dr. Wilhelm Reich 

in Wien. 

(Fortsetzung.) 

B. Oie psychoanalytische Triebtheorie. 

I. Begriffsbestimmung der Sexualität. 

Ein Referat über den psychoanalytischen Trieb- und Libidobegriff ist unmöglich 
ohne Vorausschickung des psychoanalytischen Sexualitätsbegriffes. 

Sind für uns von der Sexualität nur die manifesten Betätigungen des Ge¬ 
schlechtstriebes einer direkten Beobachtung zugänglich, so müssen wir diese zumindest 
nach einem Merkmal charakterisieren können, das, allen Sexualhandlungen gemeinsam, 
uns die Einreihung einer Handlung in die Reihe eines scharfumschriebonen Komplexes 
von bestimmten Vorstelfüugsinhalten ermöglichen könnte. 

Freud verweist auf den Umstand, daß die größten Schwierigkeiten im Verständnis 
der komplizierten Sexualvorgänge, die Gefahr des Nichtsehenkönnens (oder Wollens) 
gewisser Sexualhandlungen aus der Verwechslung von ..genital*“ und „sexuell“, ferner 
aus der Identifizierung von Sexualität und Fortpflanzung resultieren; Sexualität ist der 
weitere Begriff, sonst dürften z. B. die Perversionen nicht dazu gerechnet werden. 

Die Vor-Freudsche Sexuologie kennt eine normale Sexualität, deren Zweck 
die Fortpflanzung ist, wobei auch schon all* das dem Begriffe subsumiert wird, was auch 
nur indirekt der Erhaltung der Art. dient und die Perversionen, d. h. jene Sexual¬ 
handlungen, die von Individuen begangen werden, welche auf die Fortpflanzung verzichtet 
haben oder infolge „Entartung“ dieselbe perhorreszieren. Wir erinnern an den alten Streit, 
der wegen der Inversion geführt wird, an die extremen Anschauungen über „Degeneration“ 
und „das auserwählte dritte Geschlecht -. 

Freud hat den Begriff der Sexualität um zwei Momente erweitert, das eine, die 
normale infantile Sexualität, war schon früher, jedoch lediglich al's abnormal an. 
erkannt; das zweite, die neurotischen Symptome (Neurose als Negativ der Perversion) 
hat den größten Widerspruch der kompetenten Kreise in bezug auf das, von der Psychol 
analyse postulierte, stets vorhandene, ätiologisch wirksame sexuelle Moment erregt. Nach, 
dem die offenkundige Tatsache der hauptsächlich sexuellen Ätiologie der Neurosen un^ 
soweit bis nun festgestellt, vieler Psychosen infolge der Arbeiten der Freudsche , 
Schule nicht mehr zu übersehen war, wurde zwar zugegeben, daß die Sexualität einn 
von vielen Ursachen der Neurose sein könne, jedoch entschieden die Behauptung Freude 
zurückgewiesen, daß der sexuelle Faktor in der Ätiologie immer wieder zu finden seis 
während die andern fehlen oder in der Häufigkeit uod Intensität ihres Auftretens variieren, 
können (s. später das über den Konflikt Gesagte). 

Wir können hiermit vier Hauptgruppen von Sexualhandlungen unterscheiden : Normale 
Sexualität (d. h. die mit FortpflanzuDgstendenz), Perversionen, infantile Sexualität und den 
Großteil der neurotischen Symptome. (Nach Freud ist das neurotische Sympom 
die Folge von verdrängter, unbefriedigter Libido, der Ersatz für eine Sexualhandlung, 
die der Neurotiker sich aus irgend einem Grunde [Näheres später] versagen mußte.) 

Kehren wir nun zu unserer ersten Fragestellung nach einem Merkmal, das allen 
Sexualhandlungen gemeinsam, zurück, so finden wir, daß wir mit dem der Fortpflanzung 
nicht weiterkommen, da dies nur der normalen Sexualität Erwachsener eigen ist, und auch 
hier müssen Einschränkungen gemacht werden. Denn es wird niemand die Behauptung 
aufrechterhalten können, daß zwei zum Koitus schreitende Menschen immer und ganz vom 
Gedanken beseelt sind, Kinder zu zeugen. Dies ist vielmehr höchst selten und in jenem 
Sinn der reinste Fall einer sexuellen Handlung, zu der das Individuum mit dem 
bewußten Fortpflanzungswünsch schreitet. Kann dies ein Kriterium sein, wenn bekannter¬ 
maßen das Gros der Menschheit aus ganz anderen Motiven heraus sich geschlechtlichen 
Betätigungen gröbster und feinster Art hingibt? Und diese Motive? Es ist nur eins: 
die sexuelle Lust 1 ). 

In „Jenseits des Lustprinzips 41 ist Freud über diese Erklärung der Triebmotivierung 
an manchen Punkten hinausgegaügen. Ausgehend von der Betrachtung der traumatischen 

l ) Auf die Frage, ob es auch eine andere, nichtsexuelle Lust gebe, kann hier nicht 
eingegangen werden. — 


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Trieb- und Libidobegriffe von Forel biß Jung. 


45 


Neurose, dem Verhalten mancher Patienten in der Kur, die unangenehme, unlustvolle 
Situationen aus ihrem Leben immer wieder agieren, u. a. kommt Freud zu dem Schlüsse, 
daß zwar das Lust-Unlustprinzip die Triebe regiere, ihnen aber über dieses hinaus ein 
Wiederholungszwang zugrunde liege. „Die Äußerungen eines Wiederholungs¬ 
zwanges . . . zeigen im hohen Grade den triebhaften, und wo sie sich irn Gegensatz zum 
Lustprinzip befinden, den dämonischen Charakter.“ Weiters: „. . . . cs ist sinnfällig, 
daß die Wiederholung, das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet.“ 
Die Sexualtriebe seien die eigentlichen Lebenstriebe: „Es ist wie ein Zauber¬ 
rhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt nach vorwärts, um das 
Endziel des Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere schnellt an einer gewissen 
Stelle dieses Weges zurück, um ihn von einem bestimmten Punkt an nochmals zu machen 
und so die Dauer des Weges zu verlängern. u 

Der Wiederholungszwang steht ira Dienste der Bindung von Erregungen, die den 
Organismus zu überwältigen drohen (z. B. traumatische Neurose). Die Bindung der 
Triebregung sichert die Herrschaft des Lustprinzips, in dem dann die Abführlust möglich 
wird. — 

Freud weist darauf hin, daß das Wort „Lust“, zwei Bedeutungen hat: Lust als 
Verlangen, also gerichtet, und Lust als spezifisches Gefühl bei gewissen Hand¬ 
lungen und Gedanken, also nchtungslos. Das Schwierige einer genauen Begriffsbestimmung 
ergibt sich, von individuellen Eigenheiten und der Kompliziertheit des Lust-Uolust- 
mechanismus überhaupt abgesehen, auch aus dem Umstande, daß es eine Lust (Ver¬ 
langen) nach Lust geben kann, welches Verlangen an sich bereits lustvoll ist. Wir sehen 
schon jetzt, daß in der richtigen Verwendung des Wortes Lust vorsichtig zu Werke ge¬ 
gangen werden muß und man von Lust in unserem Sinn nur sprechen darf bei spezifisch 
sexuellen Gefühlen, wozu bemerkt wird, daß vieles, das unserem Bewußtsein als Unlust 
erscheint, auf kompliziertem Wege aus Lust hervorgegangen ist (neurotische Angst: 
Abwehr von verbotener Lust durch das höher entwickelte Ich). 

Das auf Erlangen der ungerichteten, durch einen eigenen Empfindungskomplex 
charakterisierten Lust gerichtete Begehren führt uns zu einer Handlung, ohne welche 
die Befriedigung des Verlangens l ) unmöglich ist: also stehen zueinander in kausaler Be¬ 
ziehung Verlangen — Handlung — Lust; diese Handlung plus der 
durch sie hervorgerufenen Lust ist eine sexuelle und bildet den einzig 
manifesten Teil der Sexualität. Aus Obigem ergibt sich, daß wir, um der Erkenntnis 
des sexuellen Phänomens näherzukommen, es von zwei Seiten aus untersuchen müssen: 
vom Standpunkt des individuellen, subjektiven Lustprinzips und dem der 
biologischen, objektiven Fortpflanzungstendenz aus. Beim normalen 
Menschen treffen sich beide Komponenten der Sexualität im Koitus des Mannes 
mit dem Weibe. Wir könnten sagen, hier kommen Individuum und Keimplasma auf 
ihre Rechnung. Der Perverse hat sich in seiner Sexualität außerhalb des Dienstes im 
Sinne der Fortpflanzungstendenz gestellt, die ihm einmal verliehene Fähigkeit des Lust¬ 
gewinnes als Prämie (Freud) für seine Leistungen im Interesse des Keimplasmas, kann 
ihn, da er sich seiner Aufgabe entzogen hat, nicht mehr genommen werden. — Beim 
Kinde sind die Organe der Fortpflanzungsfunktion noch nicht ausgebildet, wohl aber die 
zur Erlangung von Lust. Das Fehlen der einen Komponente ist aber diesen letzteren 
Kategorien gemeinsam. Der Neurotiker ist sexueller Hyperästhet oder Perverser mit 
negativem Vorzeichen, d. h. einer, der sein übergroßes oder mit dem Realitätsprinzip 
(Freud s. u.) nicht zu vereinbarendes sexuelles Verlangen verdrängen mußte, ohne daß 
es ihm jedoch gelang, so daß die verdrängte Libido in Symptomhandlungen Abfuhr findet. 

Betrachten wir diese Hauptgruppen in ihrer Relation zueinander, so finden wir, daß 
sie sich in bezug auf Libidobetätigung und Besetzung der Sexualfelder hauptsächlich 
quantitativ unterscheiden. 

Wir wollen uns im Folgenden mit den neurotischen Symptomen nicht mehr befassen. 

In bezug auf die eine Komponente, die Fortpflanzungstendenz, stimmen infantile 
Sexualität und Perversionen im gänzlichen Fehlen derselben überein. Die Ursache jedoch 
ist eine verschiedene: während sie im ersteren Falle gegeben ist in der Unreife des 
Geschlechtsapparates i. e. S., wird sie im letzteren erklärlich aus dem Verhalten der 
anderen Sexualkomponente (individuelles Lustprinzip) in allen drei Hauptgruppen, besonders 
aus der Entwicklung der infantilen Sexualität: Perversionen sind Infantilismen, sich 
dokumentierend im Verweilen bei den Akten des Vorlustmechanismus, Folgen gestörter 


l ) Dies bewußte Verlangen, Sehnen, wäre eine beiläufige Umgrenzung des Libido¬ 
begriffes der Vor-Freudsehen Sexuologie (s. Forel). 


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46 


Wilhelm Reich. 


Entwicklung (Fixierung der Libido). Ebenso die Neurosen mit dem Unterschiede der 
erfolgten, aber mißglückten Verdrängung 1 ). 

Wir erwähnten bereits, daß sich die Sexualfelder des Normalsexuellen und 
Perversen von jenen des Kindes quantitativ, d. h. in ihrer Besetzungsintensität 
(Libidobesetzung) unterscheiden. Nun muß hinzugefügt werden, daß die Zahl der 
Sexualfelder beim Kinde eine viel größere ist; eine ganze Reihe von ihnen schwindet 
im Laufe der Entwicklung auf Grund eines später zu beschreibenden Mechanismus der 
Triebentwicklung (Sublimierung und Reaktionsbildung). Das eine oder andere dieser 
Sexualfelder kann jedoch bei Erhaltenbleiben des entsprechenden Triebes persistieren und 
imponiert uns dann als Perversion (z. B. Koprophilie, bei Unterbleiben der Reaktion: 
Ekel und andere Perversionen, deren Vorbilder wir im Vorlustmechanismus der Normalen 
nicht vorfinden). Hinwiederum gibt es Perversionen, die nicht als direkte Fortsetzungen 
oder aus dem Erhalten bleiben eines homologen Sexualfeldes mit verstärkter Libido erklärt 
werden können, sondern zurückzuführen sind auf eine höchst komplizierte Kompromi߬ 
bildung infantiler Partialtriebe (z. B. Homosexualität aus einer Wendung von der Mutter 
zum Vater). 

Im allgemeinen gelten folgende Grundsätze, wie sie auf Grund der psychoanalytischen 
Lehren aufzustellen sind: Die infantilen Sexualfelder stehen mit Rücksicht 
auf ihre Beanspruchung durch die entsprechenden Partialtriebe gleich¬ 
wertig nebeneinander. Beim Normalsexuellen prävaliert dasjenige, 
das der genitalen Libido untergeordnet ist, während die anderen teils 
zu Nebenfunktionen rückgebildet werden, teils infolge Sublimierung 
der entsprechenden Teiltriebe vollkommen „veröden 14 . In der Perver¬ 
sion hat eines jener Betätigungsfelder den Vorrang inne, das beim 
Normalen zu einem der vielen Werkzeuge des Vorlustmechanismus 
hinabgedrückt ist und mit der eigentlichen Genitalfunktion nicht direkt 
zusammenhängt oder von ihr sogar vollkommen unabhängig ist (Sadismus, 
Fetischismus). Daß die Befriedigung auch hier stets im Orgasmus und Ejakulation erfolgt, 
braucht nicht erst gesagt zu werden. Das Wesentliche ist in dem Umstande gegeben, 
daß der Weg zur Befriedigung nicht über die direkte Betätigung des 
Genitalapparates führt. Hier gilt eine Einschränkung bezüglich jener Perversionen, 
die Freud unter der Gruppe: Inversion in bezug auf das Sexualobjekt (d. h. Homo¬ 
sexualität und Sodomie) zusammengefaßt hat. Hier erfolgt zwar eine direkte Betätigung 
des Genitalapparates, doch sind das jene Perversionen, die auf Grund einer Kompromi߬ 
bildung infantiler Teiltriebe entstanden, d. h. nicht direkte Fortsetzungen infantiler Sexual¬ 
betätigungen darstellen. 

Grundriß der infantilen Sexualität. Das infantile Sexualstadium erstreckt 
sich vom Zeitpunkt der ersten Sexualäußerungen bald nach der Geburt bis in die Puber¬ 
tätszeit, d. h. jenem Zeitpunkt, in dem mit vollendeter Ausbildung des Genitalapparates 
die Sexualität des Kindes (mit ausgebildeter Fähigkeit zur Samenproduktion) um die Fort¬ 
pflanzungskomponente bereichert wird uud die Elemente der individuellen Lustkomponente 
die letzten Umgestaltungen erfahren. 

Innerhalb des infantilen Sexualstadiums unterscheidet Freud wieder mehrere 
Perioden. — 

Erste Sexualperiode. Als erste Sexualhandlung tritt beim .Säugling das 
Lutschen auf, die Betätigung der Oralerotik, die, anfänglich mit dem Nahrungstrieb 
vereint sich bald von diesem sondert und selbständig nach Befriedigung verlangt. Über 
die sexuelle Natur des Lutschens kann wohl kein Zweifel mehr herrschen, wenn man 
ein Kind beobachtet, das mit „geröteten Wangeu, glänzenden, ins Unendliche gerichteten 
Augen 44 an seinem Lutscher saugt, dann ermattet zurücksinkt, um sofort in tiefen Schlaf 
zu fallen. Freud weist darauf hin, daß das orgastische Symptome sind, wie sie sich 
bei Erwachsenen wiederfinden und erhöhte Vasodilatation, herabgesetzte Empfänglichkeit 
für äußere Reize, in Schlaf-Versinken stets Merkmale sexueller Herkunft seien. Den end¬ 
gültigen Beweis liefert die Suche nach einer homologen Sexualhandlung beim Erwachsenen, 
und da finden wir sie in Form des Küssens („Kußfeinschmecker 44 ) wieder. Ebenso er¬ 
brachte die Psychoanalyse den Nachweis, daß Raucher oder Näscher starke Ludler ge¬ 
wesen waren. 

Den Ort der Sexualbetätigung gibt die Mundschleimhaut ab, die wie alle andern 
Körpersteilen, wo Schleimhaut in Haut übergeht, eine „erogene Zone 44 ist Die Tätigkeit 


l ) Dieser Unterschied ist jedoch nicht strikt: auch perverse Züge können durch 
mißglückte Verdrängung entstehen, z. B. die homosexuelle Liebe zu femininen Jünglingen 
durch Wiederkehr der verdrängten Vorstellung, die Mutter habe einen Penis. 


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Trieb- und tibidobegriffe von £orel bis jung. 


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des Latschens bleibt aber nicht lange auf den Lutscher und die Mutterbrust beschränkt, 
sondern erstreckt sich bald auf andere Körperteile, wie Finger, Zehen usw. Das Kind 
nimmt so allmählich Kenntnis von seinem Körper und gelangt auf der Suche nach neuen 
Stellen, die ihm Lust verschaffen könnten, auch an die genitale Zone. Infolge deren (wahr¬ 
scheinlich) phylogenetisch begründeten hervorragenden Prädisposition zur Erogenität gibt 
sie den Ort ab zu einer nun neu auftretenden Sexualhandlung, der (Säuglings-)Onanie. 
Sehr zahlreich sind die Beobachtungen dieser infantilen Handlung, von deren rein sexuellem 
Charakter, abgesehen vom Betätigungsmittel, dem Genitale, der Zustand des masturbierenden 
Kindes (Röte der Wangen, konvulsivische Zuckungen, schweres Atmen) Zeugnis gibt. 
Freud betont daß die Intensität dieser Sexualhandlung, sowie die Reizung der genitalen 
Zone durch die Reinigung, die hier besonders oft vorgenommen werden muß, zu den 
wichtigsten Faktoren der Festlegung des Primats der Genitalien für die spätere, normale 
Sexualentwicklung zählen. 

Es ist das Stadium des Autoerotismus, der mehrere Sexualhandlungen 
umfaßt, welche an am eigenen Körper gelegenen Sexualfeldern ablaufen. 

Der Autoerotismus erfährt noch eine Erweiterung dadurch, daß das Kind auch den 
Funktionen einzelner Körperteile größere Aufmerksamkeit schenkt, aus denen Lust 
resultiert. 

Die Afterschleimhaut tritt als erogene Zone auf. Der Durchtritt der Fäzes 
durch den Anus bereitet dem Kind Lustgefühle, und um diese möglichst hochgespannt 
zu erlangen, hält es die Defakation solange zurück, bis sie reflektorisch erfolgt. Es ist 
die Analerotik, die gewöhnlich gepaart ist mit der Urethralerotik, der Lust beim 
Urinieren. 

Unsere Beobachtungen gehen weiter: welche Lust strahlt aus den Augen des noch 
nicht sprechenden Kindes, wenn es uns an den Haaren, an der Nase zaust, seine Finger 
in unsere Wangen gräbt, und wie sehr erhöht sich sein Jauchzen, wenn wir Schmerz 
heucheln. Es handelt sich um die Lust beim Zufügen von Schmerzen, dem Be¬ 
tätigungsgebiet des sadistischen Teiltriebes. (Daß die Verhältnisse nicht so einfache sind, 
die Frage des Sadomasochismus und seiner Grundlage, der Haut- und Muskelerotik noch 
vielfach nicht geklärt ist, ist bekannt. Hier sei auf die Arbeiten von Sadger 1 ) und 
Federn 2 ) verwiesen.) 

Das Kind will, wenn man so sagen darf, zeigen, daß es auch körperlich auf der 
Welt ist, und wie kann es dies besser, als wenn es jene Teile zur Schau stellt, die ihm 
am wertvollsten, ihm die größten Lustquellen sind: das Genitale. Esexhibitioniert, 
geht aber bald zum Verlangen nach der Gegenleistung über, es will, daß ihm gezeigt 
werde, es wird Voyeur. 

Und so unterscheidet Freud in diesem Zeitraum von der Geburt bis zur ersten 
Objektwahl im ungefähr 4. Lebensjahre die orale (Betätigung an der Mundschleimhaut: 
Lutschen) und die prägenitale-sadistisch-anale Sexualorganisation, des¬ 
halb, weil die Betätigung des Genitalapparates fast vollkommen zurückbleibt, Sadismus, 
Anal- und Urethralerotik im Vordergrund der Sexualbetätigungen steigen. Exhibition und 
Voyeurtum treten erst am Übergang vom autoerotischen zum Stadium der ersten Objektwahl 
auf und sind wie letztere viel inniger an das Genitale geknüpft. Alle diese Betätigungen 
sind realiter entweder als potentia vorhanden oder zum Teil oder überhaupt manifest zu 
konstatieren. Beim einen Individuum überwiegt das eine, beim anderen das andere. Daraus 
resultiert die Annahme einer allgemeinen polymorph-perversen Anlage des 
Kindes (Freud). 

Die zweite S e x u a 1 p e r i o d e. Von allen Sexualfeldern der ersten Sexualperioden 
veröden beim Übergang in die zweite (unter normalen Umständen) infolge Sublimation 
der entsprechenden Teiltriebe und Reaktionsbildung die Anal- und Urethralerotik, sowie 
die Lust am Spiel mit den eigenen Exkrementen vollkommen, die Oralerotik persistiert 
in Form des Küssens, sadistische und masochistische Betätigungen bilden sich weit zurück, 
ohne jedoch vollkommen zu verschwinden, die erst am Übergange schwach auftretenden 
Betätigungen der Schau- und Zeigelust hingegen erfahren eine Verstärkung mit Hinblick 
auf ihre Verknüpfung mit dem Genitalapparat, der jetzt in der ersten Genital¬ 
oder zweiten Sexualperiode als vorwiegendstes Betätigungsmittel des Geschlechts¬ 
triebes in den Vordergrund tritt. Ebenso im Ansteigen begriffen ist die früher nicht 
eiwähnte, jedoch in der ersten Periode schon vorhandene Haut- und Muskelerotik. 
Besonders die letztere erfährt bei den ersten, freieron Bewegungen des Kindes in der Zeit 
vom ungefähr 5. Lebensjahr bis in die Pubertätszeit ihren Höhepunkt, um sich dann beim 


*) Der sado-masochistische Komplex. 

*) Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus. 


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Wilhelm Reich. 


normalen, physisch gesunden Menschen bis ins Klimakterium, jedoch kontinuierlich ab¬ 
nehmend, fortzusetzen. 

Ungefähr mit dem 3.-5. Lebensjahr erfolgt die erste 1 ) Objektwahl: Gegen¬ 
stand der eisten Liebe ist eine oder eiuige der das Kind wartenden Personen (Mutter, Vater, 
ältere Geschwister, Dienstmädchen usw.). Diese Zeit ist eine der Hochperioden im Verlauf 
der Sexualentwicklung, in ihr fassen die meisten jener Komplexe Wurzel, die, wenn sie 
besonders stark entwickelt sind, die Grundlage abgeben für sofortige Fixierung oder in 
späterer Zeit durch äußere Umstände bewirkte Regressionen in eben dieses infantile 
Stadium 2 * ). 

Die Objektwahl fällt auf eines der Elternteile, für gewöhnlich den heterosexuellen, 
der Sohn wünscht sich an Stelle des Vaters zu setzen und die Mutter zu heiraten, die 
Tochter Mutterstelle einzunehmen und vom Vater Kinder zu haben, natürlich noch ohne 
jede strikte Vorstellung vom Koitus, wie überhaupt in diesem Stadium die gesamte Zone 
nicht über die anderen sonderlich hervorragt, es sei denn, daß das Kind einen Koitus 
belauscht oder gar gesehen hat, was viel öfter vorkommt als man glaubt, dann mit der 
Mutter „dasselbe machen“ will wie der Vater. 8 ) All das und w r as damit zusammenhängt, 
hat Freud den Ödipuskomplex genannt und ihn als den Kernkomplex sämt¬ 
licher Neurosen bezeichnet. Hierher gehört auch die feminine Einstellung des Sohnes 
zum Vater (Identifizierung mit der Mutter), von großer Bedeutung für das Verständnis 
des Stotterns, des Minderwertigkeitsgefühle usw. 

Aus dem Ödipuskomplex resultiert dann durch die Hintansetzung durch den Vater, 
oft auch durch direkte Androhung des Penisabschneidens, die Kastrationsangst beim 
Knaben, aus dem Anblick des Gliedes beim Knaben der Penisneid beim Mädchen. Die 
Vorstellung, der Penis wäre ihr abgeschnitten worden oder er sei noch klein und würde 
schon wachsen, spielen da eine große Rolle. Beide werden unter der Bezeichnung 
Kastrationskomplex zusammen ge faßt. Doch muß davor gewarnt werden, den Be¬ 
griff der Kastration zu eng zu fassen, darunter nur das Abschneiden des Penis verstehen 
zu wollen, vielmehr gehört jedes Minderwertigkeitsgefühl 4 ), auf welchem Gebiet 
immer, zum Kastrationskomplex. Minderwertigkeitsgefühle sind nichts anderes, als die 
direkte Fortsetzung jener Einstellung des Sohnes zum Vater (besondere zum strengen) 
welche im Abhängigkeitsgefühl, nicht zum kleinsten Teil in der Wahl und Überlegenheit 
des letzteren wurzelt und in der Vorstellung gipfelt: der Vater kann und darf mehr 
tun als ich. 

Der Kastrationskomplex vereinigt sich oft mit dem Sadismus zur sogenannten 
sadistischen Auffassung vom Koitus, wenn das nach Aufklärung verlangende 
Kind einen Koitus der Eltern belauscht oder gar sieht und aus dem Stöhnen derselben, 
den Geräuschen u. a. darauf schließt, der Vater tue der Mutter wehe, das dann im 
Kastrationssinne ausgelegt wird. Der Kastrationskomplex vereint mit dem Ödipuskomplex 
und Bado-Masochismus kann dann'zur passiven und aktiven Kastrationslust (im Gegen¬ 
satz zur Kastrationsangßt) werden. Nur in der Kindheit, ferner bei Erwachsenen 
in Fehlhandlungen und Träumen, sind diese und ähnliche Äußerungen des Kastrations¬ 
komplexes direkt als solche zu erkennen, indem sie ihre direkte Herkunft aus der Spxual- 
konstitution offenbaren. Schwieriger, ja meist erst nach monatelanger Analyse, gelingt 
der Nachweis, daß auch andere psychische Merkwürdigkeiten Erwachsener ihren Ursprung 
im Kastrationskomplex haben, wie z. B. das so gut bekannte Minderwertigkeitsgefühl Er¬ 
wachsener, das auf den ersten Blick völlig in der Ich-Konstitution verwurzelt erscheint. 
Dr. A. Adler hat auf diesem Minderwertigkeitsgefühl seine Lehre vom „Willen zur Macht“ 
aufgebaut, der mit Ehrgeiz gepaart zum Kern der Neurosen wird. Dr. Adler hat hier 
ganz Bedeutendes geleistet, indem er auf zeigte, wie das einmal bestehende Minderwertig¬ 
keitsgefühl das Individuum zur Kompensation zwingt, welche Bedeutung der daraus ent¬ 
wachsene Machtwille für Bein und Werden eines Menschen hat. Adlers Lehre ist nicht 

1 ) Richtiger zweite Objektwahl, da als erste Objekte w*ohi die Mutterbrust wie 
alle andern lustspendendeu Gegenstände der Außenwelt, die introvertiert (s. unten) 
werden, auf zu fassen sind. 

2 ) Nach Freud ist die Weite der Regression maßgebend für die Entstehung einer 
bestimmten Erkrankung: Zwangsneurose und Hysterie durch Regression ins Stadium der 
eisten Objektwahl, bzw. das der sadistisch - analen Organisation, Psychosen in das 
narzißtisch-autoerotische Stadium. 

8 ) Speziell darüber in Freuds: Drei Abhandlungen, Analyse der Phobie eines 
5jährigen Knaben usw., ferner Hugh-Hellmut: Aus dem Seelenleben des Kindes, 
und Jung: Konflikte der kindlichen Seele. 

4 ) Weininger: ,,Der Jude und das Weib u in Geschlecht und Charakter. 


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Trieb- und Libido begriffe von Forel bis Jung. 


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anders als die Verfolgung und der Ausbau von der Erkenntnis des F reudschen Kastrations¬ 
komplexes in der Ichkonstitution, unter Leugnung seiner sexuellen Herkunft, d. i. der Sexual¬ 
einschüchterung des dem Lustprinzip frönenden Kindes durch den Vater und die gesamte 
Erziehung. Jede tiefer dringende Analyse ist imstande, diesen Nachweis zu erbringen. 
Dort, wo der Kern einer Neurose nicht der Kastrationskomplex, sondern ein anderes in¬ 
fantiles Trauma ist, z. B. neurotische Erkrankung infolge verdrängter Homosexualität, ver¬ 
sagt auch die Erklärung mittels Adlers Lehre vom Machtwillen. 

Auf dieses Stadium der ersten Objektwahl im ungefähr 4.-5. Lebensjahr folgt das 
Stadium der sexuellen Latenzperiode, worunter man jedoch keine vollkommene 
Stagnation der Sexualität verstehen darf, da auch in diesem Stadium die Gipfel der 
konstitutionell stärksten Sexualfelder immer wieder zum Durchbruch kommen, während 
das gesamte sexuelle Niveau gleichsam gesunken ist. Analysen Erwachsener haben jedoch 
gezeigt, daß auch in diesem Stadium die Sexualität „arbeitet 11 , nicht im Bewußtsein, aber 
doch im Unbewußten, In der Zeit durchschnittlich vom 5.-12. Lebensjahre werden 
psychische Dämme, Reaktionsbildungen aufgebaut gegen jene Partial triebe, 
die kulturell minderwertig sind: Ekol gegen die Analerotik, Scham gegen den Exhibitio¬ 
nismus, wie überhaupt jede zur Moral gehörige psychische Bildung hier ihren Anfang 
nimmt. Diese Reaktionsbildungen werden unterstützt und beschleunigt durch die Er¬ 
ziehung in Schule und Haus, wie auch ganz allgemein durch den Zwang, der dem Kinde 
bei seiner ersten Einführung in die soziale Gemeinschaft (Kindergärten, Schule usw.) auf¬ 
erlegt wird. Völlig irrig ist die Ansicht, Ekel, Scham, Moral usw. seien ein Produkt der 
Erziehung und nur durch diese in ihrem Auftreten bedingt. Erziehung ist lediglich der 
Katalysator, der den Reaktionsbildungsprozeß beschleunigt, vielleicht festigt, aber: wo 
nichts ist, kann nichts werden, die infantilen Partialtriebe geben das Rohmaterial ab, aus 
dem die Elemente jeder Kulturforderung gezimmert werden. Ekel und Scham können 
als ureigene psychische Gebilde weder verschenkt, übertragen uoch „gelehrt“ werden. 
Die Erziehung weckt lediglich den Nachahmungstrieb des Kindes. Einen armen Teufel 
werden die besten Ratschläge niemals über die Art, wie man das Leben am besten 
genießen soll, einen Unintelligenten niemals die besten Lehrmethoden auf den 
richtigen Weg bringen. Erste Forderung bleibt, daß zu verarboitendes Rohmaterial vor¬ 
handen sei. 

Eine andere Aufgabe der sexuellen Latenzperiode besteht in der Sublimierung 
gewisser Partialtriebe, worunter Freud die „Ablenkung eines Triebes von einem sexuellen 
auf ein höher gelegenes asexuelles Ziel“ versteht. Am deutlichsten kann das 
Wesen der Sublimierung bei Betrachtung der künstlerischen und dichterischen Eigen¬ 
schaften erkannt werden. 

Des weiteren wird in diesem Stadium die Inzestschranke aufgerichtet, wahr¬ 
scheinlich unter dem Drucke der Sexualeinschüchterung durch den Vater. 

Mit der vollendeten Reife der eigentlichen Fortpflanzungsorgane wird die Sexualität, 
wie eingangs erläutert, um die Fortpflanzungskomponente bereichert, es wäre müßig, die 
zur Genüge bekannten somatischen Veränderungen beim Manne und Weibe in der Pubertät 
auseinanderzusetzen, nicht aber, mit allem Nachdruck hervorzuheben, daß es ein Er¬ 
wachen des Geschlechtstriebes in der Pubertät nicht gibt, wie man es in 
jedem physiologischen, biologischen, aber auch in vielen sexuologischen Lehrbüchern lesen 
kann. Es handelt sich hier vielmehr um eine SyntheseallerEinzelstrebungen, 
Partialtriebe zu einem einheitlichen Ganzen mit besonderer Betonung 
der genitalen Zone. Die Aufrichtung des „Primates der Genitalien“ ist 
wohl eine der wuchtigsten und bedeutungsvollsten Vorgänge der Pubertät. Ein gewaltiger 
Libidoschub (bedingt durch die erhöhte Tätigkeit der Leydigschen Zellen?) lenkt alle 
Aufmerksamkeit auf die genitalen Sensationen und die bei der ersten Ejakulation empfundene 
höchste, bisher nie gekannte Lust, festigt von psychischer Seite her die Fixierung der 
Libido an das normale Sexualziel — die Ejakulation und das Sexualobjekt — das Weib 
beim Manne und vice versa. Ein unbewußtes Wiederaufflammen des Ödipuskomplexes, 
sich äußernd in einer zärtlichen Strömung (im Gegensätze zur deutlich sinnlichen des 
Kindes, zärtlich d. h. gemildert infolge der unterdessen erfolgten Errichtung der Inzest¬ 
schranke) hilft die normale heterosexuelle Richtung einschlagen, eine Mutter- bzw. Vater- 
irnago wird gewählt. (2. Objekt wähl): die Partialtriebe der Kindheit sinken zu Motiven 
des Vorlustmechanismus herab, so daß wir jedes neue Liebeswerben mit Koitus 
als Ende der Phase, als kurze Wiederholung der Entwicklung der infantilen Sexualität 
bis zur Pubertät auffassen können. Nicht immer erfolgt die Loslösung vom ersten Liebes- 
objekt so leicht und gar nicht, wenn die Eltern an ihre Kinder unnötige Zärtlichkeit ver¬ 
schwenden, da diese geeignet ist, den für die Gesundheit des Individuums wichtigen Los¬ 
lösungsprozeß vollständig zu hemmen. 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft IX. 2. 4 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


Jedes Ding hat zwei Seiten: Härte ünd Lieblosigkeit der Eltern schädigt nachweisbar 
die Liebesfähigkeit des Kindas, es ist andererseits Aufgabe und Pflicht der Eltern, dem 
zwecks Förderung der 2. Objektwahl unbewußt und durch Erziehung gemilderten Auf- 
llammen des Ödipuskomplexes nicht eine sinnlose Kindesliebe entgcgenzutragen. Fördernd 
auf das Einlenken in die heterosexuelle Bahn wirkt nebst anderem auch die autoritative 
Hemmung der Gesellschaft; wo diese nicht vorhanden, gibts auch vermehrte Inversion. 
Das Weib hat in seiner Pubertätsentwickluug auch noch eine andere notwendige Aufgabe 
zu erfüllen: Verdrängung der Klitorissexualität und Übertragung derselben auf die Yaginal- 
schleimhaut. Die bisher aktive, männliche, aggressive Libidoströmung muß in die passive 
Bahn einlenken, doch ist auch da teilweise Erhaltung der Klitorissexualität notwendig. 
Da es keine passiven Triebe gibt, ist, wenn man den weiblichen Trieb verstehen will, 
notwendig zu betonen, daß das Weib in der Pubertät lediglich das aktive gegen ein 
passives Ziel eintauscht. 

Eine besondere Bedeutung gewinnt die in der Pubertät regelmäßig (wieder) auf¬ 
tretende Onanie, ausgelöst und begleitet von rege gewordenen ubw. Inzestwünschen. 
Als einzig manifest erscheint ein mächtiges Schuldbewußtsein, dem von dem Laien die 
„seibstbefleckende“ Onanie zugrunde gelegt wird; in der Tat entströmt das Schuldbewußt¬ 
sein dem ubw. Inzeste; der infantile Kastrationskomplex trägt das Seine dazu bei, um 
die Pubertätsonauie zu einer gefährlichen, oft schwer zu umsegelnden Klippe zu machen. 
Unverstand, Schundliteratur und Unorientiertheit mancher Ärzte in sexualibus helfen da 
mit. Die Psychoanalyse konnte zeigen, daß die Onanie unschädlich ist (abgesehen natür¬ 
lich von Fällen exzessiver Masturbation), alle angeblichen Folgeerscheinungen der Onanie 
(Depression, usw.) dem Schuldbewußtsein entspringen. Mit Aufdeckung des latenten 
Inhaltes der Onaniephantasien, die nicht immer bewußt sind, schwinden auch die 
pathologischen Erscheinungen. (Fortsetzung folgt) 

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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Kehlkopf, Nase, Ohr in ihren Beziehungen zu den sexuellen Phasen. 

Von Dr. V. Desogus (Cagliari). 

In der Rassegna di Studi sessuali-Anno I. Nr. 4. veröffentlicht Guglielmo Bilancion i 
eine Arbeit, in der die Zusammenhänge zwischen der Hals-, Nasen-, Ohr- und der 
sexuellen Sphäre gewürdigt werden, die schon uralter Volksweisheit und etlichen mittel¬ 
alterlichen Ärzten nicht unbekannt waren. 

Eine erste Reihe von Tatsachen betrifft jene merkwürdigen Stimmveränderungen, 
die nicht nur von großem laryngologischen, soDdern auch pädagogischen, sozialen und 
künstlerischen Interesse sind. Es gibt multiple Stimmveränderungen (Bergeron), wie es 
auch bisweilen eine frühzeitige Veränderung gibt; ebenso ist es nicht selten, bei dem 
Weibe eine Stimmveränderung zu finden, die mit der Menopause, und beim Manne eine 
solche zu konstatieren, die mit dem kritischen Alter zusammen fällt. 

Die Verschiedenheit der Stimme je nach dem Geschlechte ist nicht nur der mensch¬ 
lichen Rasse eigen, sondern man beobachtet sie auch bei zahlreichen Wirbeltieren und 
besonders bei den Singvögeln. Hier sind die Beziehungen zwischen Geschlecht und Pho¬ 
nation noch ausgedehnter und deutlicher als beim Menschen. Nach Darwin ist die vokale 
Funktion eng mit der Zeugungsfunktion verbunden, insofern dio erster© mit der Geschlechts¬ 
wahl verbunden ist. Die Geschlechtsorgane sind die wesentliche Ursache dieses Unter¬ 
schiedes der Stimme der beiden Geschlechter, so daß bekanntlich die Verstümmelung 
der Hoden vielfach ausgeübt wurde, zum Teil noch wird, um die hellen Stimmen zu er¬ 
zielen. Die Entwicklung des Kehlkopfes, Hauptursache der Veränderung des Tones der 
Stimme beim Jüngling, findet bei den entmannten Individuen, die ihre kindliche Stimme, 
zwar etwas stärker infolge der Zunahme der Brust-, Mund- und Nasenhöhlen, bewahren, 
nicht statt. 

Sexueller Mißbrauch verursacht leicht phonische Veränderungen: die Anhänger der 
Venus Pandemia haben fast alle eine rauhe, fast männliche Stimme. Giulio Masini hat 


♦) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
©in für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


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bei den, sagen wir, konstitutionellen Prostituierten die Häufigkeit der männlichen Charak¬ 
tere im Kehlkopf gefunden. 

Die beste Bestätigung dieser Beziehung zwischen dom Geschlechtsapparate und dem 
weiblichen Kehlkopf finden wir, wenn wir uns der Stimmstörungen erinnern, welche der 
Kastration der Frau folgen. Nicht selten sieht man Sängerinnen oder Lehrerinnen, die 
sich nach einer Hysterektomie nicht mehr ihrer Stimme bedienen konnten. Umstritten 
ist der Einfluß der Oophorektomie auf die Stimme der Frau. Sicher ist, daß sie einen 
gewissen Einfluß auf die weiblicho Stimme ausübt. 

Um diese Störung genau studieren zu können, muß man, wie Moure, Gelegenheit 
haben, Sängerinnen zu beobachten. Man bemerkt dann, daß die Abtragung der Eierstöcke, 
bei noch jungen Frauen, in einigen Fällen wenigstens, die Tonart der Stimme herabsetzt. 
Diese nach der Kastration eintretende Klangveränderung muß von einer Veränderung 
abstammen, deren Resultat die Zunahme des Kehlkopfes und die Verlängerung der Stimm¬ 
bänder ist. 

Diese Störungen sind bei den Frauen, bei denen die Eierstöcke entfernt wurden, nicht 
beständig, denn sie treten innerhalb der Grenzen eines gewissen Alteis auf. Das Auf¬ 
treten dieser Stimm- und Tonlage-Änderung kann als eine Art Wechsel erklärt werden, 
wie er beim Manne in der Reifezeit auftritt, wenn infolge der Entwicklung des Kehlkopfes 
fdeh die Stimmbäuder verlängern und so den Ton der Stimme ändern. Man begreift 
daher, warum die nach der Pubertät vorgenoramene Kastration weder beim Manne noch 
bei der Frau einen Einfluß auf dio Stimme hat. 

Bei den Tieren ändert die Kastration die Charaktere und den Ton der Stimme. 
Bisweilen hat dieselbe den Verlust der Stimme (nicht in absoluter Weise) zur Folge 
(Wallach, Kapaun). 

Die fortdauernde Falset- oder Eunuchenstimme stellt sich, obwohl sie nicht in direkter 
Verbindung mit den Veränderungen der Geschlechtsorgane steht, wie man seinerzeit an¬ 
genommen, gewöhnlich einige Zeit nach der Pubertät ein, nicht selten wird sie von Ent¬ 
wicklungsveränderungen des Knochenskelettes begleitet und besonders von solcher des 
Kehlkopfes. 

Die funktionellen Storungen und die Krankheiten des weiblichen Geschlechtsapparates 
ändern in verschiedener Weise die Stimme, was Piorry schon seit 1822 behauptet hatte, 
indem er sagte, „daß zwischen der Gebärmutter und dem Sprachorgan eine enge Sym¬ 
pathie bestehe“. 

Die Verhältnisse zwischen dem weiblichen Geschlechtsapparate und der Phonation, 
auch wenn sie dem Laien entgehen, dürfen vom Arzte nicht ignoriert werden. Es ist 
nicht selten der Fall, daß während der Menstruation die Stimme eine bedeutende Ver¬ 
tiefung erfährt, und es ist bedauerlich, daß die Gesanglehrer nicht immer von dem Ein¬ 
tritt der Menses benachrichtigt werden, damit sie in jenen Zeiten den phonetischen Apparat 
ihrer Schülerinnen gebührend schonen können. 

Außer der Veränderung der Stimme trifft man bisweilen während der Menstruation 
den paroxistischen Husten, oder den Glottiskrampf. Dieselben Störungen treten bisweilen 
während der Schwangerschaft und im kritischen Alter auf. Andreas Clark hat die Auf¬ 
merksamkeit der medizinischen Gesellschaft in London auf den Krampfhusten gelenkt, 
den man bisweilen bei der Jugend beider Geschlechter beim Eintritt der Pubertät bemerkt. 
Auch Gowers hat bei Knaben, welche dem Onanismus huldigten, als isoliertes Symptom 
einen Krampfhusten wahrgenommeu. Auch Goldstein hatte einen ähnlichen Husten sui 
generis, bisweilen deutlich paroxistisch, bisweilen rhythmisch, beschrieben. 

Besonders beim Weibe haben die beständigen und periodischen Störungen des Ge¬ 
schlechtslebens einen Einfluß auf die Stimme, indem sie derselben eine verschiedene 
Färbung, bald Sopran, bald schrille, bald rauhe, ungleiche und zweideutige verleihen. 

Sibut hat bei einem 20jährigen Mädchen, das im Alter von 18 Jahren an Ovario- 
tomie operiert worden war, eine dio Menstruation ersetzende Tonsillenkongestion be¬ 
schrieben. 

Im Zusammentreffen mit der Menstruation sind Fälle von Blutschwitzen und wirk¬ 
liche Kehlkopfblutungen beschrieben worden: Fraenkel, Strübing, Sota y Lastra, Stephanow, 
Rault. Mours, Compaired haben hiervon typische Fälle geseheu. Es handelt sich um eine 
Steigerung der Veränderungen, die während der Regeln im Kehlkopf auftreten und die 
in einer mehr oder weniger heftigen und verallgemeinerten Hyperämie des Rachen-Kehl- 
kopftraktus bestehen. Corradi hat eine nervöse Heiserkeit bei dysmenorrhoischen Indivi¬ 
duen beschrieben. 

Hoffbauer, dem die Veränderungen im Tone, in der Reinheit und der Fülle der 
Stimme der Schwangeren (in 60 auf 80 Untersuchte) aufgefallen war, fand bei der laryn- 
goskopischen Untersuchung Rötung und Schwellung der falschen Stimmbänder, auf der 

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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


vordem Wand der arytenoiden und in der interarytenoiden Zone, die bisweilen so in¬ 
filtriert -war, daß sie konvex zu sein schien. Diesen klinischen Veränderungen, die bei 
den Multiparen ausgeprägter sind, entsprechen feine anatomische Veränderungen. Eine 
von Poli beobachtete 30 jährige Frau, in deren Vorgeschichte sich nichts Besonderes befand 
und die normale Schwangerschaften durchgemacht hatte, wurde während der drei späteren 
vpn schweren Atmungsstörungen befallen, die auf eine intensive Kongestion der Schleim¬ 
haut des Vestibulum, mit Beschränkung der Bewegungen der Stimmbänder, und auf reichliche 
und dicke Hypersekretion mit stenosierender Wirkung, die derart waren, daß einmal ein 
Abort im 4. Monat mit asphiktischem Fötus und ein andermal ein zur Unterbrechung 
der Schwangerschaft im 5. Monat gerichteter Eingriff eingeleitet werden mußte, zurück- 
zuführen waren. Nach der Entbindung verschwanden die Kehlkopferscheinungen schnell. 
Lungen, Herz und Nieren waren frei. 

Betti sah bei einer 40jährigen Pluripara in den ersten Monaten der Schwangerschaft 
einen Kehlkopfkrampf, der während der ganzen Schwangerschaft bestand und nach der 
Geburt in weniger als einem Monate verschwand. Diese K^hlkopfkrämpfe sind Reflex- 
erscheinungen, die dem Geschlechtssysteme entstammen und durch eine Hyperämie des 
ersten Lufttraktus begünstigt werden. 

Przedborski hatte ebenfalls nervöse Störungen des Kehlkopfes Schwangerer beobachtet. 

In den letzten Monaten der Schwangerschaft sind die Kehlkopfleiden schwerer: 
unter diesen ist besonders die Kehlkopftuberkulose hervorzuheben. 

Avellis, Dumont-Lenoir, Lewy, Lohnberg, Veis, Yoshimura u. a. haben zahlreiche 
Untersuchungen des Kehlkopfes bei Schwangeren gesammelt, und Bayer, der schon auf 
dem Londoner Medizinischen Kongresse die Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen 
den Geschlechtsorganen des Weibes und dem Stimmorgane gelenkt hatte, berichtet über 
ein junges Mädchen, das seit 6 Jahren an Kehlkopf- und Lungentuberkulose litt. Der 
von schwammartigen Gebilden angefüllte Kehlkopf war während der Menstruation oft der 
Sitz von das Leben bedrohenden Ödemen, die nach wenigen Tagen verschwanden. 

Diese Erwägungen gelten für Gerber außer für die Tuberkulose auch für die Sklerome 
der ersten Luftwege. 

Imhofer fand bei 50 Proz. der Schwangeren nicht spezifische Verletzungen der 
Kehlkopfschleimhaut, die in einem Erschlaffungszustande und Turgur des Bindegewebes, 
einer Art Erweiterungshyperämie bestehen. Auf diesem Boden nimmt die Tuberkulose, wenn 
sie keine Hindernisse antrifft, einen bösartigen und schweren Verlauf an. 

Die Beziehungen zwischen dem Geschlechtsapparate und dem Gebiete der Rhino- 
laryngologie entfalten sich mittels höchst wichtiger Reflexerscheinungen, die von der Nase 
ausgehen oder unter verschiedenen Bedingungen dorthin gelangen. 

Seit 1869 lenkte Chrobak die Aufmerksamkeit auf Reflexerscheinungen der Nase 
und des Kehlkopfes, von denen bisweilen die Reflexion der Gebärmutter begleitet ist Budd 
uud Eisberg empfanden die häufige, enge Beziehung zwischen Gebärmutterkrankheiten 
und Geruchsneurosen. Opitz meint, daß sich die Beziehungen zwischen Nase und Uterus 
durch das wohlbekannte Gesetz der Headschen hyperageeischen Zone erklären lassen. 

Die meisten Schwangeren weisen eine Hyperämie der Nasenschleimhaut und Hyper¬ 
trophie des Turbinatus inferior auf. Die Nasenblutungen sind häufig. Während der 
Geburt nimmt die Naseükongestion zu. 

Rosenberg berichtet einen Fall, indem die Nasenblutung regelmäßig jeden Monat 
während der ganzen Schwangerschaft auftrat, in einer Periotizität, die an einen vicariri- 
ierenden Prozeß denken läßt. 

Die Rhinitis hypertrophica erfährt eine Exazerbation während der Zeit der Menses 
(Mackenzie, Peyer, Oppenheimer), bisweilen besteht eine wahre Abwechslung zwischen 
den uterinen Kongestionsschüben und der Nasenverletzung (Monod, Moure). Delie hat 
die Beziehungen der Nasenkrankheit mit verschiedenen Äußerungen von seiten der der 
Geschlechts-Harnorgane gezeigt. 

Eine wichtige Frage, die zu weitläufigen akademischen Erörterungen Gelegenheit 
gegeben hat, ist die des Einflusses gewisser Nasenreize auf die Dysmenorrhöe. Die 
durch Anwendung dieser Kenntnisse erzielten Erfolge gestatten es, auszuschließen, daß 
es sich um einen einfachen Zufall oder um eine suggestive Wirkung auf junge und 
nervöse Frauen handelt. 

Fließ hat nachgewiesen, daß, wenn man die Nase einer Frau oder eines Mädchens 
während der Menses untersucht, man die Nasenschleimhaut stark geschwollen und kon- 
gestioniert findet, was mit dem Abklingen der Menses verschwindet. Auf der Zirbeldrüse 
befinden sich zwei Geschlechtspunkte, das vordere Ende des Turbinator inferior und das 
tuberculum septi. In vielen Fällen von Dysmenorrhöen hören die Schmerzkrisen auf, 
indem man bloß auf die Nase einwirkt. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


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Eine Gruppe von Krankheiten, die stark von den Zuständen der Geschlechtsorgane 
beeinflußt werden, wird durch die zahlreichen Formen von Ohrenkrankheiten geliefert. 
Die Schwangerschaft beschleunigt die Entwicklung der Otoskleroso, sei es, daß sie die 
leichte Schwerhörigkeit verschlimmert, sei es, daß sie ein starkes Ohrensausen hervorruft. 
Zu befurchten sind die nachfolgenden Schwangerschaften, besonders wenn das Stillen 
seinen schädlichen Einfluß hinzufügt. 

Die Frauen mit überstandenem Ohrenleiden oder mit einer besonderen Veranlagung 
dazu, weisen nicht selten während der Schwangerschaft und noch häufiger während des 
Puerperiums Gehörstörungen auf. die sich mit der Rückkehr zum normalen Zustande 
korrigieren, die aber wieder auftreten und sich verschlimmern bei jeder nachfolgenden 
Schwangerschaft. Das Aufflackern der Katarrhe der Sklerose scheint auf die mit der 
Schwangorschaftsamenorrhöe verbundenen Kougestionszustände zurückzuführen zu sein. 
Bonnier beschreibt eine Form von Taubheit, die bisweilen fast eine totale werden kann, 
selbst wenn man die Aufmerksamkeit ablenkt, die vollständig verschwinden kann 
und die absolute Unversehrtheit des Organs und die Funktion des peripheren Gehör¬ 
organs sehen lassen kann. Es ist dies eine Art stufenförmiger Abwesenheit der 
Gehörsfähigkeit. Er beobachtete sie dreimal: Zweimal bei Knaben, die von Leisten- 
ektopie resp. Monorchidie befallen waren, und einmal bei einem Mädchen, das der 
Masturbation huldigte. 

Von besonderer Bedeutung sind bei vielen Säugetieren die Spuren von aphrodisi¬ 
schen Gerüchen, welche aus den Drüsen der Schleimhaut der Geschlechtsdrüsen bei der 
Zusammenkunft der Geschlechter herauskommen. Auch beim Menschen ist nicht zu 
leugnen, daß die Geruch reize ein nicht zu übersehender Faktor des Geschlechtslebens 
sind. Den Beobachtungen Marius nach zeigt der Geruchssinn des Weibes unter andern 
einen solchen Zusammenhang bei Heraunahen der Pubertät. 

Die Hyperosmie steht bisweilen mit Veränderungen des Geschlechtsorgans im Zu¬ 
sammenhang. Nicht selten ist die Menopause von Anosmie begleitet. 

Während der Schwangerschaft, des Stillens und der Menopause leiden die Frauen 
leicht an zeitweiliger Hyperosmie und Parosmie. Gottschalk (1891) berichtet über eine 
Frau, die nach Abtragung beider Eierstöcke zuerst von Hyperosmie und dann von Anosmie 
befallen wurde, während sie ein normales Geruchsvermögen besaß und nie an den oberen 
Atmungswegen litt. Ficano (1889) veröffentlichte eine klinische Beobachtung von allmäh¬ 
lichem Verluste des Geruchsinues mit schweren Menstruationsstörungon. ln einer neueren 
Arbeit weist der Verf. nach, daß nicht seiten Störungen des nervösen Geruchapparates 
ihren Ursprung vom pathologischen Zustande der Geschlechtsorgane ableiten. 


Knabenliebe. 

Von Prof. Dr. Hans Licht. 

In der noch im Werdon befindlichen Neubearbeitung der jedem Philologen un¬ 
entbehrlichen Realenzyklopädie cfer klassischen Altertumswissenschaft (Stuttgart, J. B. 
Metzlersche Verlagsbuchhandlung) ist das Thema Knabenliebe vom Herausgeber 
W. Kroll behandelt worden (Bd. XI, Spalte 897—906). Dem Verf. ist zunächst darin 
unbedingt beizupflichten, daß er den Gegenstand „unter Ausschaltung moralischer Ge¬ 
sichtspunkte 14 gewürdigt hat, eiue in wissenschaftlichen Büchern zwar selbstverständliche, 
aber bei diesem Thema keineswegs immer befolgte Voraussetzung. Mit großÄi Geschick 
hat der Verf. auf engem Raume eine Fülle von Notizen und Zeugnissen des Altertums 
zusammengestellt und besprochen, so daß der Artikel den Anspruch erheben darf, einen 
sehr beachtlichen Abriß der antiken Knabenliebe darzustellen, wenn ich auch freilich 
wünschte, daß manches noch viel ausführlicher behandelt wäre. 

Der erste Abschnitt bringt „Allgemeines 14 . Die Wurzeln der Knaben liebe liegen 
naöh Kroll in dem „Vorhandensein eines konträren Geschlechtsgefühls, das im Süden 
wohl häufiger ist als in Ländern mit gemäßigtem Klima“. Ich kann dieser Meinung nicht 
beipflichten, die dadurch nicht richtiger wird, daß man sie immer wieder hört. Wenn 
ganze Völker (und es handelt sich ja keineswegs nur um das griechische) durch die 
Jahrhunderte hindurch von einem Geschlechtsgefühl vorwiegend beherrscht werden, so 
ist dies eben kein konträres. Das, was die südlichen Länder auszeichnet, ist nicht das 
„Konträre 44 des Geschlechtsgefühls, sondern die Naivität und Selbstverständlichkeit, mit 
der man den sexuellen Dingen gegenüberstand. Die altgriechische Knabenliebe erklärt 
sich ganz ungezwungen aus zwei Prämissen: einmal war es den Griechen eine un¬ 
umstößliche Tatsache, daß vom rein ästhetischen Standpunkte aus der Knabe und Jüng- 


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54 Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


ling das schönere Geschlecht darstellt 1 ), zweitens ist ihnen Liebe nichts anderes als Sehn¬ 
sucht nach Schönheit. Da der Grieche im Knaben die höhere Schönheit sah, mußte er 
auch in ihm das würdigere Objekt der Liebe erblicken. Wenn man einmal versucht 
sich von dem jahrhundertealten Vorurteile frei zu machen, und wenn man die beidei. 
Prämissen anerkennt, so wird man merken, wie die Vorstellung des ,,Konträren" mehr 
und mehr schwindet und wie die Knabenliebe der Griechen sich als ein durchaus natür¬ 
liches Produkt ihrer ganzen Geistesentwicklung darstellt. Ich kann diese Dinge hie: 
nur andeuten und verweise auf die ausführliche Begründung in der Einleitung meiner 
Ausgabe von Lukians „Erotes“ 2 ). 

Kroll bespricht, dann, daß die antike Ehe nur zur Erzielung der legitimen Nach¬ 
kommenschaft diente, daß also „die Veredlung des sinnlichen Triebes“ nur von der 
Knabenliebe ausgehen konnte. 

Es ist im Interesse der wissenschaftlichen Wahrheit mit großer Freude zu begrüßen, 
daß diese Tatsache in einem so wichtigen und weitverbreiteten Handbuche rückhaltlos 
ausgesprochen wird. Denn so ist es in der Tat: Die Knabenliebe wurde für die Griechen, 
weil sie nicht verfolgt, sondern zum Teil sogar staatlich anerkannt wurde, eine unerschöpf¬ 
liche Quelle des Edelsten und Schönsten. Ja man kann sagen: Alles das, weswegen wir 
die Kultur der Griechen noch heute so lieben und bewundern, das ist mehr oder weniger 
das Produkt der Bevorzugung des Männlichen im öffentlichen Leben und im Liebesieben 
des Einzelnen. Diesen Punkt hätte Kroll noch mehr herausarbeiten sollen*, und hier 
scheint mir seine Darstellung nicht ganz der ungeheuren Bedeutung des Themas gerecht 
zu werden. Die Knabenliebe stellt so sehr im Mittelpunkte der griechischen Kultur, daß 
diese ohne die Knabenliebe ganz andere Wege eingeschlagen hätte. Der Jüngling beherrscht 
das gesamte gesellige Leben, die Knabenliebe befruchtet die Literatur in allen ihren Ab¬ 
arten, die griechische Kunst ist ohne die Knabeuliebe undenkbar, uud selbst die philo¬ 
sophische Spekulation kann ihrer nicht entbehren. Wie sieh das gesamte Leben der 
Griechen um den Jüngling dreht, das wird aus dem Krollschen Artikel nicht genügend 
deutlich, und hier muß ich zur Ergänzung auf meine eigenen Arbeiten 8 ) verweisen. 

Nachdem Kroll von den schönen bei Tische aufwartenden Knaben und ihren eroti¬ 
schen Beziehungen zu den Gästen gesprochen hat, handelt er von den Sklaven. Es ist 
bezeichnend und entspricht durchaus der von uns vertretenen Auffassung vom Wesen 
der Knabenliebe, daß Liebesverhältnisse mit Sklaven zwar natürlich nicht etwa verboten 
waren, wohl aber als minderwertig galten, und daß wir daher von solchen zumal aus 
römischer Zeit hören, in der die Knabenliebe mehr und mehr das Seelische verlor und 
mehr ins Sinnliche abschwenkte. 

Weiter wendet sich Kroll zur Betrachtung der Knabenliebe bei den einzelnen 
Stämmen, und zwar handelt er im zweiten Abschnitte von den Dorern, ira dritten von 
Athen. Bei den Dorern ist die Knabenliebe eine gesetzlich und religiös anerkannte 
Einrichtung. Nach dem Muster des Brautraubes fand seit uralten Zeiten ein (scheinbarer* 
Knabenraub statt; interessant sind die dabei üblichen Zeremonien. Keinen Liebhaber zu 
finden, galt für einen Knaben als größte Schande, während andererseits die geraubten 
Knaben hohe Ehren im öffentlichen Leben genossen, ja sogar durch ein Ehrenkleid aus¬ 
gezeichnet wurden. Tiefe Einblicke in die Urgründe der Knabenliebe gewährt hier die 
Sprache: der Liebende ist der dortvM m?, d. h. der deni’Knaben die Mannestugenden Eiu- 
blasende. Kroll erwähnt, aber ohne ihrer Bedeutung ganz gerecht zu werden, die glän¬ 
zende Arbeit von Erich Bethe 4 ), der (für mich absolut überzeugend) uacliwies, wie selbst 
in dem physischen Akte der inmissio penis in anum uralte Symbolik mitspielt, nach der 
der Same der Träger aller Mannestugend ist. Daß das keine Phantasiön sind, beweisen 

Was selbst ein so ausgesprochener Frauen verein er wie Goethe erkannt hat; vgl. 
Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller, Nr. 205 vom 7. April 1830: 
... . . nach rein ästhetischem Maßstab ist der Manu immerhin weit schöner, vorzüglicher, 
vollendeter als die Frau“. Weitere Zeugnisse Goethes und anderer in dem Anmerkung 2 
genannten Buche, S. 20 ff. 

2 ) Erotes. Ein Gespräch über die Liebe von Lukian. Aus dem Griechischen zum 
ersten Male ins Deutsche übersetzt und eingeleitet von Hans Licht. Mit acht Steinzeich¬ 
nungen nach Originalen von Werner Schmidt. 1S8 Seiten. München 1920, Georg Müller. 
In der Einleitung dieses Buches werden die Voraussetzungen und die Erscheinungsformen 
der griechischen Knabenliebe ausführlich und mit beständigem Nachweise der Quellen 
besprochen. 

s ) Vgl. den Schluß dieses Referats. 

4 ) Erich Bethe, Die dorische Knabenliebe. Ihre Ethik und ihre Idee. Rheinische 
Museum für Philologie, Bd. 62 (1907), S. 438—475.. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


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die auch von Kroll erwähnten, aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert stammenden Felsen¬ 
inschriften der Insel Thera 6 ). Dort fand in unmittelbarer Nähe des Apollotempels auf 
dem heiligen Berge unter feierlichem Zeremoniell nach vorausgegangenera festlichen 
Reigentänze der Knaben der Vermählungsakt statt und wurde dem Gedächtnis der Späteren 
durch die unverwüstliche Stimme der Steine auf bewahrt, just dort, wo man das Gymnasium 
der Epheben erbaute und wo die Knaben und Jünglinge tagtäglich es lasen und lesen 
mußten. Dies war heilige Sitte, die sich lange erhalten hat. 

Zu alledem paßt, daß der Liebhaber als gesetzlicher Vormund des Knaben galt, der 
für seine Erziehung verantwortlich war, paßt, was wir sonst von den Formen der Knaben¬ 
liebe hören, in Theben und Elis (Kroll 900), paßt die religiöse Weihe der Liebesbüudnisse, 
das heldenmütige Benehmen der „heiligen Schar“, die aus lauter Liebespaaren bestand, 
paßt die ritterliche Einschätzung der Knabenliebe in Chalkis und so noch vieles andere. 

In Athen (Kroll 901) findet die Knabeniiebe einen besonders günstigen Nährboden: 
Der große Staatsmann und Dichter Solon, den das Altertum zu den sieben Weisen rechnet, 
war ausgesprochener Päderast. Kroll bespricht dann die Gesetze, die Solon bezüglich der 
Knabenliebe gab: Natürlich handelt es sich nicht um Verbote im Sinne unseres Straf¬ 
gesetzbuches, sondern er schloß uur die Sklaven von der Knabenliebe aus und suchte 
der gewerbsmäßigen Knabenliebe, also Prostitution zu steuern. Weiter zeigt Kroll, wie 
die Knabenliebe in der Literatur, zumal in der Komödie, und in der Kunst eine immer 
größere Rolle spielt; er. hätte ruhig sagen können, daß sie den Mittelpunkt der Kunst 
und Literatur bildet. Die früher immer wiederholte Behauptung, daß sich bei Homer 
noch keine Spur der Knabenliebe fände, steht bei Kroll (903, oben) zwar nur mit Ein¬ 
schränkung — ich habe an anderer Stelle 6 ) nachgewiesen, daß die Knabenliebe auch bei 
Homer unbedingte Voraussetzung ist —, aber Kroll schweigt davon, daß fast die gesamte Lyrik 
der Griechen pädophilen Inhalts ist, und daß auch die Tragödie reich ist an Konflikten 
auf pädophiler Grundlage. Ausführlicher verweilt er bei der Darstellung päderastischer 
Motive in der Kunst 7 ), zumal auf Vasenbildern. 

Der vierte Abschnitt zählt einige mythische und historische Liebespaare auf. Hier 
muß ich dem Verf. in einigen Punkten widersprechen. Es ist nicht riehiig, daß man 
erst später in das Freundschaftsverhältnis zwischen Achilles und Patroklos erotische 
Motive hineingelegt habe, vielmehr ist schon bei Homer die Grundlage dieses Freund- 
xchaftsbundes unverkennbar erotisch, und das Altertum hat es nie anders aufgefaßt 8 ). 
Der Ganymedesraub erhält nicht erst durch Plato seine erotische Erklärung, sondern 
schon Homer (11. 20, 235) sagt ganz unzweideutig, daß Ganymedes wegen seiner Schön¬ 
heit geraubt sei. Nicht die Liebe des Laios zu dem schönen Knaben Chrysippos ist der 
Grund des auf dem Labdakidenhause lastenden Fluches, sondern daß Laios den Knaben 
raubt, ihn wider Willen des Vaters entführt: nicht die Triebrichtung macht den Laios 
schuldig, sondern die von ihm angewendote Gewalt. Zwar hat sich, wie wir früher sahen, 
der Raub als religiöse Zeremonie mehrfach bis in die Zeiten höchster Kultur erhalten, 
aber ebenso gewiß ist, daß der Raub ein scheinbarer bleiben muß, und daß die An¬ 
wendung wirklicher Gewalt von der öffentlichen Meinung wie vom Gesetz in gleicher 
Weise verurteilt wurde 9 ). 

Etwas dürftig ist die dann von Kroll gegebene Liste historischer Knabenliebhaber: 
Hieron, Pheidias, Epameinondas, Onomarchos. Alexander der Große, Antigonos. Eine wesent¬ 
lich umfangreichere Liste gab ich in der Einleitung meiner Ausgabe von Lukians Erotes, 
Seite 24 ff. 

Nicht ganz befriedigt mich der fünfte Abschnitt, der über die Dichtung und 
Philosophie handelt; die Bemerkungen über die Philosophie freilich sind ausgezeichnet, 
aber der Abschnitt über die Dichtung (zusammen 40 Halbzeilen) enthält von den Dichtern, 


Ä ) Näheres in den „Erotes“, S. 39. Eine der Thera-Inschriften ist abgebildet bei 
A. Moll, Handbuch der Sexualwissenschaften. Leipzig 1912. F. C. W. Vogel. S. 385. 

6 ) ln dem Aufsatz Homoerotik in den homerischen Gedichten. Siehe den Schluß 
dieses Referats. 

7 ) Die in Frage kommenden archäologischen Werke sind dem Nichtfachmanne nicht 
immer leicht zugängig; mehrere homoerotische Liebesszenen der antiken Kunst, darunter 
einige ebenso schöne wie gewagto Sympleginata (Umarmungen) sind abgebildet in dom 
Aufsatz von Römer, Die androgynische Idee des Lebens (Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle 
Zwischenstufen Bd. V, Leipzig 1903, Zweite Abteilung, Seite 709 ff.). 

8 ) Nachweise in dem Anmerkung ü genannten Aufsatz. Ansichten wie Xen. symp. 8, 31 
stehen ganz vereinzelt da. Vgl. Hug zn Plat. conv. p. 180. 

9 ) Nähere Begründung’ in meinem Aufsatz über die Knabeniiebe iu der griechischen 
Tragödie; siehe den Scijduß dieses Referats, 


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56 Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


die die Knabenliebe verherrlichten, nur die allerbedeutendsten. Hier durften Namen wie 
Plato, Alkaios, Stesichoros nicht fehlen; Dichter wie Theognis, Sophokles, Pindar, Theokrit 
und andere mußten in diesem Zusammenhänge viel ausführlicher behandelt werden 10 ). 

In dem philosophischen Abriß bin ich nur mit der Bemerkung nicht einverstanden, 
daß Sokrates „in böswilliger Verleumdung als Päderast 44 bezeichnet sei. Es muß immer 
wieder betont werden, daß aus homoerotischem Verkehr an sich niemand im Altertume 
einem andern einen Vorwurf machte: wenn man derartiges aus den Schriftstellern heraus¬ 
zulesen meint, so übersieht man gewöhnlich die Neben umstände, uuter denen der Vor¬ 
wurf erhoben wird. Ob Sokrates zu den Päderasten zu rechnen sei, darüber ausführlich 
in der Einleitung zu Lukians Erotes, Seite 32 ff. 

Der sechste Abschnitt bespricht in gedrängter Kürze die Knabenliebe bei den 
Römern. Schon die Komödie des Plautus strotzt von Anspielungen dieser Art. Catuli 
ist trotz des Lesbiaiomans glühender Päderast, was Kroll nicht deutlich genug hervor¬ 
hebt, ebenso daß wir aus Martial eine fast unglaubliche Verbreitung der Knabenliebe er¬ 
sehen. An den Wänden Pompejis liest man unzweideutige päderastische Inschriften; von 
den päderastischen Ausschweifungen der Kaiser Tiberius, Caligula, Nero mag manches 
mit Kroll als Klatsch gedeutet werden dürfen, os bleibt doch noch übergenug, um auch 
für diese Zeit die Herrschaft des Eros zu erweisen. Auswüchse der Knabenliebe wurden 
am Ende der Republik durch Geldstrafen geahndet; mit der rigorosen Moral des ein¬ 
dringenden Christentums setzen härtere Strafen ein, die allmählich bis zur Hinrichtung 
des „Verführers 14 gesteigert werden. Nietzsche hat Recht, wenn er sagt: „Das Christen¬ 
tum gab dem Eros Gift zu trinken; er starb nicht daran, aber er entartete zum Laster. 44 

Der siebente Abschnitt endlich bringt Literaturangaben. Es ist Pflicht, hier 
meine eigenen einschlägigen Arbeiten, die Kroll — offenbar weil in nichtphilologischen 
Zeitschriften erschienen — entgingen, nachtragsweise zu nennen, da sie für die be¬ 
handelten Gebiete vollständige Quellensammlungen enthalten. Es erschienen 
als Bausteine für eine spätere vollständige Geschichte der antiken Homoerotik: Hans 
Licht, Der 7irwdW (Knabenliebe) in der griechischen Literatur. 1. Die lyrische 
und bukolische Dichtung (in Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. VIIJ. 
Leipzig 1906, Seite C19—684). — II. Die Gedichte der Anthologie (ebenda, Bd. IX, 1908, 
Seite 213—312). — III. Die attische Komödie (in Krauß’ Anthropophyteia, Jahrbücher 
für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlecht¬ 
lichen Moral, Bd. VII, Leipzig 1910, Seite 128—179). — IV. Die homerischen Gedichte 
(ebenda, Bd. IX, 1912, Seite 291—300). — V. Die attische Tragödie (ebenda, Bd. IX. 
Seite 300—316). — VI. Briefe des Philostratos (ebenda, Bd. VIII, 1911, Seite 216—224). — 
VII. Lukian, Erotes. Übersetzt, eingeleitet und erläutert. München 1920, Georg Müller; 
vgl. Anmerkung 2. — VIII. Lukiaoos von Samosata, Bonn 1921, Marcus & Weber. — 
Außerordentlich reiches Material zur Kenntnis der antiken Knabenliebe enthalten auch 
die wichtigen Handbücher von Iwan Bloch, Der Ursprung der Syphilis. Eine medi¬ 
zinische und kulturgeschichtliche Untersuchung. Zwoite Abteilung, Jena 1911, Seite 5l3ff., 
und M. Hirschfeld, Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Berlin 1914, 
L. Marcus; jetzt in neuer Auflage. Endlich sei noch auf die neuen, zum Teil über¬ 
raschenden Ergebnisse verwiesen, die L. Gurlitt in seinen Erotica Plautina gefunden 
hat, München 1921, Georg Müller. 


Zur Psychologie der Kirchenschändung im Kriege. 

Von Dr. Paul Cohn. 

Es gibt gesunde Verbrecher und kranke Verbrecher; Verbrecher aus gesunden und 
Verbrecher aus kranken Trieben. Das „gesunde 4 * Verbrechen ist eigentlich der natürliche 
Zustand des Menschen; sich aneignen wollen, was einem gefällt, ist ein natürlicher Trieb. 
Die Erziehung hat nur eine künstliche Hemmung geschaffen, welche diesem natürlichen 
Trieb entgegensteht (Gewissen, Furcht vor Strafe). Jede Handlung, auch die des Ver¬ 
brechens, ist ein Produkt aus Erregung und Hemmung; die Größe der Erregung oder 
die Schwäche der Hemmung entscheiden (Verbrecher aus Plus der Erregung oder aus 
Minus an Hemmung). Der Mensch ist nun in jedem Augenblicke ein Produkt aus An¬ 
lage, Erziehung und Umständen; und es kommt darauf an, welcher von diesen Faktoren 
gerade überwertig ist. Unter den Verhältnissen des Krieges haben die Umstände 


l0 ) Zur Ergänzung II. Licht, Die Knabonliebe in der lyrischen und bukolischen Dich¬ 
tung; siehe den Schluß dieses Referats. 


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Bücherbesprechungen. 


57 


— Not, leichte Gelegenheit, Fortfall von Aufsicht usw. — dazu geführt, daß eine große 
Zahl sonst gesunder Menschen Handlungen begingen, welche sie selbst früher als Ver¬ 
gehen angesehen hätten (die Gewohnheit davon wirkt tief bis in die Friedensjahre fort 
und hat zu der ja noch anhaltenden Zunahme der Verbrechen nach dem Kriege 
geführt). Zu den noch verhältnismäßig geringfügigen Handlungen dieser Art gehört auch 
die Kirchenschändung: das Stehlen, Rauben, besonders aber auch das Zerstören, 
Besudeln, Schänden heiliger Gegenstände. Die Gründe, welche hier Zusammenkommen, 
sind ziemlich einfache. Zunächst der Aneignungstrieb gegenüber unbewachtem 
Eigentum. Der Stehltrieb ist wie oben gesagt der Aneignungstrieb, bezogen auf das Gut 
eines anderen Menschen. Wo die Gesamterregung an sich stärker ist und die Hemmungen 
fortfalleu, wie im Kriege, im fremden Lande und ohne Aufsicht, kommt dieser natürliche 
Aneignungstrieb nackt und unverhüllt heraus. Dies ist durchaus nicht nur eine Eigen¬ 
tümlichkeit der niederen Menschenklassen. Man sollte einmal die Gebildeten sehen, 
wenn etwa plötzlich die Schätze der Museen zum Plündern freigegeben würden, der 
„Mein“-Triob hier ohne Zwang sich austoben könnte! 

Mit dor ungehinderten Befriedigung eines Triebes beginnt nun sofort die Ver¬ 
wilderung der Triebe überhaupt. Es ist als ob die Hemmungen sich gegenseitig stützten 
und hielten. Wenn eine Hemmung fällt, fallen alle; denn alle diese Hemmungen sind 
ja nur künstliche. Zunächst beginnt dann also der Zerstörungstrieb am fremden Eigentum, 
das nicht des Stehlens wert ist. Und hier kommt bereits der zweite Haupttrieb zum 
Verbrechen heraus, der erotische. Der Aneignungstrieb befriedigt ja auch eine 
Lüsternheit,* in ihm ist bereits eine verwandelte Sexualität rege. Im Zerstörungs¬ 
trieb kommt #ohon ein sadistisches Element übertragen auf leblose Dinge, hinzu. 
Es ist dasselbe Element das bei brutalen Menschen etwa bei der Defloration einer 
Jungfrau dazu kommt. Im Zerstören genießt der verwildernde Soldat seine erotische 
Lust; es ist ein Äquivalent für ihn. Je höher das Zerstörte steht — heiliges Gefäß, 
Madonnenbild (!) — desto größer ist diese Lust Auch das mit Kot oder Harn Ver¬ 
unreinigen solcher Objekte, wie wir es durch die Russen erlebt haben, ist teilweise ein 
solches erotisches Äquivalent. Besonders stark wirkt dies wahrscheinlich beim Stehler, 
der im Geheimen stiehlt; der dabei seine geheime Lust, eine Art Onanismus des Ver¬ 
brechens, genießt. Hinzu kommt die Wollust des Durchbrechens einer Barre, gegenüber 
dem Reiz des Verbotenen; es ist die Lust der Entfesselung der Triebe. (Schon in 
der Neugier auf das „Verbotene“ — Weib! — ist ein leisester erotischer Trieb rege, 
der eben gerade mit den „Reiz des Verbotenen 44 macht.) Wahrscheinlich ist dieser Trieb 
des Auslassens am wehrlosen, also stummen, Objekt — das nichts verraten kann! — 
beim Schwachen und Feigen am stärksten; es werden am ehesten desertierende und 
plündernde Soldaten sein, welche solche Handlungen begehen. Es ist der Lustmord am 
toten Objekt. 

Daß bei solchen Handlungen, besonders in der Masse, nicht zuletzt auch der 
Macht trieb, im frivolen Verhöhnen, Vernichten, Besudeln des Hochgestellte u, seine 
psychologische Rolle spielt, bedarf keiner Bemerkung. Die sonst hemmunglösendo Wirkung 
des Alkohols wird im letzten Kriege bei unseren Truppen kaum erheblich mitgespielt haben. 


Bücherbesprechungen. 

1 ) Sadger, J.: Die Lehre von den Geschlechtsverlrrnngen (Psychopathia sexualis) 
auf psychoanalytischer Grundlage. Leipzig u. Wien 1921. Franz Deuticke. 458 S. 

Von Dr. Karl Birnbaum. 

Das Werk fußt, worauf schon der Titel hinweist, in seinen Grundanschauungen 
auf den Freudschen sexual theoretischen Lehren, geht aber vielfach über diese 
hinaus und steht insbesondere in der kritischen Stellungnahme zu den Auffassungen 
anderer Sexualforscher selbständig da. Es behandelt zunächst in einem allgemeinen Teil 
— entsprechend der Bedeutung des infantilen Sexual- und anderer Erlebnisse für die 
Gestaltung der neurotischen und sonstigen Persönlichkeit — das Geschlechtsleben des 
Kindes und dessen Stellung in der Familie, geht auf die als pathogenetisch besonders hoch¬ 
wertig eingeschätzten Komplexe — Ödipus- und Kastrationskomplex — ausführlich ein 
und gibt allgemeine Anschauungen über die Sexualentwicklung und die Perversionen. 
Der spezielle Teil erörtert im einzelnen die Sonderformen: Männliche Impotenz und weib¬ 
liche Sexualanästhesie, Onanie, Homosexualität, Sado-Masochismus. Fetischismus und Ex¬ 
hibitionismus. 


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Bücherbesprechungen. 


Die Darstellung ist anschaulich und einprägsam, wiewohl mit Kasuistik gespart ist. 
Dabei ist die Arbeit systematisch aufgebaut, so daß der Leser einen guten [Überblick 
über die Zusammenhänge erhält. Wie weit er den vorgebrachten Anschauungen sich an¬ 
zuschließen vermag, wird naturgemäß von seinen speziellen sexualpathologischen Erfah¬ 
rungen wie vor allem von seinen allgemeinen klinischen Anschauungen abhängen. Immer¬ 
hin wird man zugeben können, daß manches, was gedruckt wenig beweiskäftig erscheint, 
ausreichende Überzeugungskraft entfaltet, wenn man es unmittelbar vom Patienten erfährt 
und bei ihm erlebt. Und insbesondere wird man gegenüber der heute vorherrschenden 
Tendenz im Gebiete der Sexualanomalien alles restlos auf innersekretorische Störungen 
zurückzuführen, bei aller Anerkennung der notwenigen Berücksichtigung des somatischen 
Unterbaues die allgemeinen Auffassung des Verfassers von der vorwiegend psyehogene- 
tischen Determierung der Sexualperversionen weitgehend beipflichten können, ohne sich 
auf die Einzelheiten festzulegen. 

2) Friedländer, Kurt F.: Die Impotenz des Weibes. Leipzig 1921. Ernst Bircher 
Verlag. 25 Mk. 

Von Dr. Karl Urbach. 

Heftiger denn je tobt in letzter Zeit der Kampf um die Entscheidung in der Frage, 
ob es denn überhaupt eine selbständige interstitielle Drüse beim Menschen gäbe. Aber 
auch dann, wenn man nicht mit Robert Meyer die Pubertätsdrüse für „ein leeres Schlag¬ 
wort 11 hält, und wenn man die Existenz einer männlichen und weiblichen Pubertätsdrüse 
als gegeben betrachtet, auch dann ist noch die Berechtigung nachzuweisen, beide Drüsen 
in Analogie zu setzen, auch dann erst der Ursprung der Thekalutein- und Granulosazellen 
genau zu erforschen, bevor man irgendwie Stellung nehmen kann. Solange jene zwei 
Forderungen nicht erfüllt und die mit ihnen verknüpften Probleme nicht geklärt sind, 
bleibt alles nur mehr oder minder literarisch verteidigte Hypothese. 

Friedländer versucht in vorliegender Arbeit den Nachweis zu erbringen, daß die 
Libido ein Ausdruck der inneren Sekretion der Keimdrüsen sei. Als Impotenz der Frau 
bezeichnet er Zustände, die einer Impotenz des Mannes analog zu setzen sind.“ Nach 
eingehender Schilderung des weiblichen Geschlechtstriebes, wobei sich der Verfasser an 
die Definition Magnus Hirschfelds hält, erläutert er in ausführlicher Weise die Inner¬ 
vation der Potenz und berührt auch das Problem eines lokalisierten Sexual Zentrums im 
Gehirn, indem er die moderne Anschauung Müllers und Dahls vertritt, nach der erst 
unter Einwirkung innerer Sekretion das Großhirn imstande sei, auf Grund von Assoziation 
mit einer geschlechtslustigen Stimmung zu antworten. Kurz wird die Klinik der genitalen, 
spinalen und zerebralen Triebimpotenz, Unfähigkeit, den Beischlaf zu beginnen und zu 
vollziehen, besprochen. Die Gründe der germinalen Impotenzform sind nach Friedländer 
Störungen in der Keimdrüsenfuuktion, und damit ist auch die Unterscheidung einer extra- 
sekretorisch und intrasekretorisch bedingten germinalen Impotenz gegeben. Eingehend 
befaßt sich der Verfasser »mit der inneren Sekretion der Keimdrüsen, speziell des Ovariums 
und nimmt an, daß die Theca interna-Zellen keinen rein bindegewebigen Charakter be¬ 
sitzen und mit den Granulosazellen einen gemeinsamen Ursprung haben. In Annäherung 
an Aschner. R. Meyer und Schröder, spricht er „allen Bildungen, die von den Follikel¬ 
zellen abstammen“ eine Inkretion in verschiedener Richtung zu. Als ultima ratio komme 
homoioplastische Ovarienimplantation in Betracht, wenn einseitige Röntgenbestrahlung, 
Injektionsbehandlung mit Hypophysenpräparaten, Thelygan usw. ohne Erfolg geblieben 
sind. Schließlich spricht Friedländer von einer Entspannungsimpotenz (Lustimpotenz) und 
versteht darunter im Gegensatz zur Triebimpotenz, die Unfähigkeit des Weibes, den Bei¬ 
schlaf bis zur vollen Entspannung durchzuführen. Auch hier die gleiche Einteilung in 
genitale, spinale, zerebrale und inkretorisch bedingte germinale Entspannungsirapotenz. (Es 
gäbe keine extrasekretorisch bedingte germinale Entspannungsimpotenz, da die Abspaltung 
der Keimprodukte nicht mit Wollust verknüpft sei). Die inkretorisch bedingte germinale 
Entspannungsimpotenz sei wohl stets mit einer inkretorischen germinalen Triebimpotenz 
vergesellschaftet. Im letzten Kapitel geht der Verfasser auf den Zusammenhang zwischen 
Keimdrüsen und Blutdrüsensystem näher ein und betont, daß es keine von den Keim¬ 
drüsen isoliert ausgehende Wirkung gäbe. Er erwähnt den Einfluß der Schilddrüse und 
Epiphyse, weist auf die deutliche Relation zwischen Thymus und Keimdrüse hin und be¬ 
spricht schließlich ausführlich die Wechselbeziehungen zwischen Hypophyse und Genitale. 

Die vorliegende Monographie Friedländers ist eine gediegene und bemerkenswerte 
Arbeit, die ihren augenscheinlichen Zweck, den Kundigen eine Gesamtübersicht zu bieten, 
erreicht hat, aber auch dem mit der Materie nicht so vertrauten Arzte und Naturwissen¬ 
schaftler empfohlen sei. Gerade der Umstand, daß der Verfasser in anerkennenswerter 
Objektivität auch widersprechende Theorien angeführt und gegenteilige Ansichten nicht 


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Bücherbesprecliungen. 


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verschwiegen hat, macht die fleißige Studie besonders lesenswert. Zwar dürften manche 
Behauptungen Friodländers nicht unwidersprochen bleiben (so ist die Annahme einer 
Entspannungsimpotenz z. B. Ansichtssache) aber immerhin, dieses ganz vortreffliche Büch¬ 
lein sollten alle lesen, die der Sexualwissenschaft Interesse entgegenbringen. 

3) Lundborg, Hermann: Rassenbiologische Übersichten und Perspektiven. 

Jena 1921. G. Fischer. 

Von E. Hoffmann (Berlin). 

Lundborgs rassenbiologische Übersichten und Perspektiven können in ihrer leicht¬ 
faßlichen und maßvollen Form sehr dazu beitragen, die Bestrebungen der Rassenhygiene 
zum geistigen Gemeingut weiter Volksschichten zu machen. Die Schrift ist ein Versuch, 
der fortschreitenden Rassen Verderbnis entgegenzu wirken und neue Möglichkeiten zu er¬ 
wägen, die durch kräftige Unterstützung der natürlichen Auslose zur Rassenveredlung 
führen. Ihre weite Verbreitung ist sehr wünschenswert. 

1 ) Flatau,W. S.: Weibliche Gesundheitspflege. 4. Aufl. Leipzig 1922. Kabitzsch. 23 Mk. 

Von Dr. H. Kramm. 

Das vorliegende Buch hängt nur noch genetisch mit seiner 1. Auflage zusammen, 
die seinerzeit von L. Fürst verfaßt worden ist. Denn die Erneuerung betrifft sowohl 
die Form wie den Inhalt. Auch diese Ausgabe will aber ausschließlich populären Zwecken 
dienen: den Frauen dasjenige Maß von Wissen und Schutz zu vermitteln, deren nicht nur 
sie selbst zur Erhaltung ihrer eigenen Gesundheit, sondern auch Familie und Volk zur 
Sicherung ihrer biologischen und moralischen Existenz bedürfen. Die Art der Aussprache 
mit seinen Leserinnen wählt jeder Autor derartiger Schriften mit allem Rechte nach 
eigenem Geschmack. Daß dieser hier nicht durchweg dem des Referenten entspricht, be¬ 
deutet nicht ohne weiteres einen Tadel. Die Abbildungen sind zweckmäßig ausgewählt 
und gut ausgeführt; nur die Wiedergabe der „weiblichen Idealfigur“ nach einem Gemälde 
Leightons ist überflüssig und nicht gelungen. Alles in allem gehört das Buch zu der 
brauchbaren und empfehlenswerten popularhygienischen Literatur. 

ö) Goesch, F: Das Gemeindebestimmungsrecht. (Ein Volksreclit zur Abwehr des 

Alkoholismus.) Hamburg 1922. Neulandverlag. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. 

Der starke Zusammenhang der sexuellen mit der Alkoholfrage rechtfertigt die Be¬ 
sprechung einer kleinen Schrift, die sich die Bekämpfung des Alkoholmißbrauches an¬ 
gelegen sein läßt. Durch Einführung eines ..Gemeindestimmrechtes“ über die Erteilung 
neuer Schankerlaubnis, an dein sich alle wahlberechtigten Mitbürger beteiligen dürfen, 
soll der Zunahme der Schankstätten entgegengetreten werden. Es liegt eine große Hoff¬ 
nungsfreudigkeit darin, von solchen Massenabstimmungen die Bekämpfung gerade letzten 
Grundes durch die Verbraucher, also das Volk schlechthin zu erklärender Unsitten ab¬ 
hängig zu machen. Andererseits ist die Berechtigung der Ansicht anzuerkennen, daß die 
Verführung durch all dio Likörstuben und Schankstätten mit an der Ausbreitung des 
Alkoholismus schuld ist. Immerhin ist es mit einer ähnlichen Gesetzgebung in Schott¬ 
land angeblich geglückt, in einigen Bezirken die Zahl der Schankstätten einzuscliränken. 

0) Krieg, J.: Turnen und Sport für das weibliche Geschlecht. Hamburg 1922. 

Verlag von C. Boysen. Geh. 4 Mk. 

Von Dr. Kurt Finken r a 1 h. 

Allgemeinverstäudliche Auseinandersetzung über die Vorzüge, aber auch die Grenzen 
weiblicher Leibespflego durch Turnen und Sport. Der Bedeutung der Vorperiode fin¬ 
den Verzicht auf bestimmte Turnübungen wird ein breiter Raum geschenkt. 

7 ) II ug-Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes. 2. erweiterte Auflage. 

Leipzig u. Wien 1921. F. Deuticke. 

Von Dr. Max Mareuse. 

Das Buch ist im Rahmen der Schriften zur angewandten Seelenkunde erschienen 
•jpd nur psychoanalytisch orientiert. Es könnte also viel Anlaß zu Anzweiflungen und 


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Referate. 


sittlichen Entrüstungen geben. Daß letztere eine vor wissenschaftliche Methode der 
Kritik darstellen, für solche Leser, die selbst ernst genommen werden wollen, also nicht 
in Betracht kommen können, versteht sich von selbst. Aber mir will scheinen, als ob 
in diesem Falle auch die sachlichen Einwände gegen die psychoanalytische Auffassung 
infantil psychischer Vorgänge und Äußerungen an der durchschnittlichen Sicherheit ein¬ 
büßen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Erörterungen hier überzeugender wirken 
als sonst psychoanalytische Anschauungen und Deutungen ; aber die schlichte Klarheit 
des Ausdruckes und die lebendige Behandlung des Stoffes bewirken, daß die Möglichkeit, 
es könnte so sein, nirgends ernstlich in Frage gestellt erscheint. Natürlich setzt auch 
dieses Ergebnis die Bereitschaft und Fähigkeit zur affektlosen Aufnahme antikonventioneller 
und außerhalb rein wissenschaftlicher Stellungnahme noch immer peinlicher Vorstellungen 
voraus. Wenn jedoch in Wirklichkeit die Zusammenhänge auch ganz anders sein sollten, 
als Frau Dr. v. Hug-Hellmuth sie sieht, so würde gleichwohl ihr Buch wertvoll bleiben, 
da es infolge seiner literarischen Vorzüge und seines Gehaltes an ausgezeichneten Be¬ 
obachtungen jedem verständigen Leser viel Genuß und Anregung bereitet; namentlich 
die Schilderungen des typischen Verhaltens der Kinder und die Wiedergabe anscheinend 
ganz „zufälliger 41 Einzelheiten in ihrem Benehmen überraschen den unbefangenen, aber 
scharfen Beobachter der infantilen Lebensäußerungen durch ihre treffsichere Feinheit. 


Referate. 

1 ) Posner, C.: Eine bisher anbekannte Form der Azoospermie. Klinische Wochen¬ 

schrift. I. Nr. 6. 

Den bisher allein bekannten Fällen von Azoospermie (völligem Fehlen der Samen¬ 
fäden im Samen) entweder infolge von (konstitutioneller oder erworbener) Inaktivität 
der Hoden oder infolge von (meist durch eine gonorrhoische Nebenhodenentzündung 
bedingtem, jedenfalls immer durch eine örtliche Erkrankung bei Lebenszeit hervorgerufenem) 
Verschluß der Ausführungsgänge fügt P. auf Grund von fünf eigenen Beobach¬ 
tungen eine dritte Gruppe hinzu: „angeborene Obliterations-Azoospermie 44 . 
Ohne alle sonstigen nachweisbaren Veränderungen, insbesondere bei normalem Vorhanden¬ 
sein der übrigen Samenbestandteile und ohne irgendeine voraufgegangene Krankheit, ist 
das Ejakulat ohne Samenfäden, dagegen enthält sie das Hoden p unk tat in großer 
Menge, in dem einen in dem Aufsatz näher beschriebenen Falle sogar viele in reicher 
Bewegung befindliche. Wo die Ursache dafür liegt, daß die Samenfäden in diesen Fällen 
keinen Ausgang findeu, ist nicht zu ermitteln. Ihre praktische Bedeutung beruht dar¬ 
auf, daß die Diagnose einzig und allein durch eine Hodenpunktion zu sichern und daß 
in therapeutischer Beziehung eine Aussicht höchstens von seiten einer künstlichen Be- 
frucntung zu gewinnen ist. Max Marcuse. 

2 ) Schröder, Rob.: Der Ovarialzyklus und sein Einfluß auf die Veränderungen 

des Uterus. Klin. Wochenschr. 1921. S. 403 ff. 

Die zyklische Funktion des Eierstocks beherrscht die ganze weibliche Sexualsphäre 
und erklärt auch viele physiologische und pathologische Tatbestände, deren Zusammen¬ 
hänge bisher mißverstanden wurden. Über die zeitlichen Verhältnisse dieses Zyklus 
orientiert folgende Übersicht, bei der vom 1. Tage der Menstruationsblutung ab gerechnet 
wird: 5.— 14. Tag Eireifung — Foliikelreifung — in der Gebärmutter Bildung einer 
neuen lockeren Schleimhautschicht, der Funktionalis, der Trägerin der Umwandlungen; 
14.—16. Tag Ovulation; 16.—28. Tag Eireife — Corpus luteum (gelber Körper) — 
Sekretionsphase in der Funktionalis [im Falle der Befruchtung: Fortbestand des Corpus 
luteums und Eieinbettung; im Falle der Nichtbefruchtung (Eitod): Rückbildung des Corpus 
luteums und Abstoßung der ganzen Funktionalis]; 1.—5. Tag Restitution der Gebärmutter- 
Schleimhaut; dann neuer Zyklus. Die Menstruationsblutung kommt nur beim Primaten¬ 
geschlecht vor. Die bei einigen Tieren deutlichen blutigen Abgänge in der Brunst sind 
lediglich auf Durchtritt von Blut durch die Wände der starkgefüllten Blutgefäße, nicht 
wie die Menstruation — auf Abstoßung einer Schleimhautschicht und Gefäßzerreißungen 
zurückzuführen. Aber der sexualbiologische Sinn ist bei beiden Vorgängen derselbe: 
zyklischer Ablauf der Eierstockfunktion. Von den niederen Tieren bis zum Affen und 
Menschen hinauf bestehen fließende Übergänge, ans denen das periodische Geschehen in 
Eierstock und Gebärmutter als eine festgefügte Funktionseinheit und die Menstruation^ 


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Referate. 


61 


blutung nur als ein sekundäres, auf bestimmten Gewebsvorgänge im Uterus der Primaten 
beruhendes Symptom zu erkennen sind. Max Marcuse. 

3) Harms, W.: Verwandlung desBidderschen Organs ln ein Ovarium beim Männchen 

von Bnfo inlgaris Laur. Zool. Anz. Bd. 53. Nr. 11/13. 1921. 

Bei Krötenmännchen, deren Biddersches Organ auch einige richtige Eizellen enthält, 
entwickelt sich nach Entfernung der Hoden aus einem Teile des Bidderschen Organs ein 
mächtiges Ovar, die Krötenmännchen sind also potentielle echte Zwitter. Die männlichen 
Sexualcharaktere (Brunstschwielen, Brunstlaut, Potentia coeundi, ailg. Habitus) blieben bei 
den Versuchstieren erhalten, offenbar durch die Inkretion des unverwandelten Teiles des 
Bidderschen Organes, jedenfalls aber nicht durch die von Zwischenzellen, da diese mit den 
Hoden sämtlich entfernt worden waren. B. Siotopolsky. 

4) Stein, M., u. E. Herrmann: Über künstliche Entwicklungshemmung männlicher 

sekundärer Geschlechtsmerkmale. Arch. f. Entwicklungsmech. Bd. 48. Heft 4. 1921. 

Durch Injektion von Corpus luteum-Substanz wurde bei männlichen Ratten, Kaninchen 
und Meerschweinchen eine mit Reduktion der Muskulatur, Degeneration der Epithelien 
und Wucherung des Bindegewebes eingehende Atrophie der Keimdrüsen, akzessorischen 
Geschlechtsdrüsen und des äußeren Genitale bewirkt, während interessanterweise Mamma 
und Uterus masculinus auffallend hypertrophierten. B. Siotopolsky. 

5) Lipschütz, A., B. Ottow u. Ch. Wagner: Sur le ralentissement de la mascnlini- 

sation dans la castratlon partielle. Cpt. rend. des seances de la soc. de biol. 
Bd. 85. Nr. 28. 1921. 

Die Verzögerung der sexuellen Entwicklung nach Entfernung eines Hodens und eines 
mit dem Nebenhodenkopf inVerbindung stehenden größeren Teiles des anderen beruht nach dem 
histologischen Befunde an 22 Meerschweinchen und an 3 Kaninchen entweder auf narbiger 
Schrumpfung bzw. einem Schwunde des Hodenrestes oder auf einem Juvenilbleiben des¬ 
selben in allen seinen geweblichen Bestandteilen, nicht aber auf einem quantitativen 
Minus an Inkreten; von normaler Hodensubstanz genügen auch minimale Mengen, um 
die normale Maskulinisation zu bewirken (Pezards „Alles- oder Nichts-Gesetz“). 

B. Siotopolsky. 

6 ) Jaffe, R.: Pathologisch-anatomische Veränderungen der Keimdrüsen bei Kon- 

stitntionskrankheiten, insbesondere bei der Pädatrophie. Verh. d. Deutschen 
pathol. Ges., 18. Tagung, zu Jena 1921. Erg.-Heft zum 31. Bd. des Zentralblattes 
f. allg. Path. und pathol. Anat. 

In Hoden von pädatrophischen Kindern bedeutende Vermehrung der Zwischen¬ 
zeilen, die reichlich Fett enthalten (bei sekundären Hodenatrophien des Kindesalters 
keine derartigen Veränderungen, nur einfache Bindegewebswucherung). Bezüglich der 
Funktion der Zwischenzellen läßt sich aus diesen Befunden nur schließen, daß sie 
„irgendeine bestimmte Funktion im endokrinen Stoffwechsel haben“. 

B. Siotopolsky. 

7) Meyer, Robert: Ein Mahnwort zum Kapitel „Interstitielle DrUse 44 . Zentral¬ 

blatt f. Gynäk. 1921. Nr. 17. 

Im menschlichen Ovar existiert keine selbständige interstitielle Drüse. Die Theka- 
zellen sind bei jungen Mädchen keineswegs vermehrt, also keine „Pubertätsdrüse“; ihr 
Lipoidgehalt braucht nicht der Eindruck einer Inkretion, er kann auch gut der einer 
Degeneration sein. Es besteht die Gefahr, daß die „Lipoide bald an Stelle der Lebens¬ 
kraft treten“. In den Leistenhoden äußerlich durchaus weiblicher Individuen große 
Mengen typischer Leydigscher Zellen: in einem vom Verf. untersuchten derartigen 
Falle physisch und psychisch eindeutige Weiblichkeit, in den Keimdrüsen aber keine 
Spur ovariellen Gewebes, atrophische Samenkanälchen und sehr viel Zwischenzellen. 
Die Funktion der Zwischenzellen ist einstweilen durchaus unklar. 

B. Siotopolsky. 


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Referate. 


62 


8 ) Jarasch, C. u. W.: „Über die praktische Aufgrabe und Bedeutung psychologischer 

und psychophysischer Jugendforschung 44 . Fortschr. d. Med. 39. Jahrg. Nr. 28. S.962. 

Beide Verfasser hoffen durch die wissenschaftlichen Untersuchungen der seelischen 
Besonderheiten des Jugendalters der irrenden „Jugendkultur“ dereinst maßgebliche Richt¬ 
linien geben zu können. Schon jetzt kann die alte Lehrmeinung, daß das Kind der ver¬ 
kleinerte Erwachsene sei, als abgetan betrachtet werden, da sich in überraschender Weise 
im Kindesalter gesteigerte Eigenschaften finden, die späterhin in fortgeschrittenen 
Lebensaltern erlöschen. Hier kommt eine in der Jugend weitverbreitete Fähigkeit der 
optischen Anschauungsbilder in Frage. Über das Maß des bloßen „Wiederverstellens“ 
findet ein „buchstäbliches Wiedersehen“ mit der Eigenart der damaligen Empfindungen Statt, 
das sich in größerem oder kleinerem Umfange bei einzelnen später erhält. Seelische 
Unterschiede erklären sich auch aus der Zugehörigkeit zu verschiedenen Konstitutions¬ 
typen. Hier eröffnen medizinische Gesichtspunkte die phannakodynamische Beeinflussung 
seelischer Eigentümlichkeiten. Die an geistige Erkrankungen grenzenden überstarken 
Anschauungsbilder tetaneider Konstitutionstypen ließen sich durch Kalkzufuhr eindämmen. 
Die Untersuchungen fanden an Marburger Schulkindern statt und erfolgten in enger Zusammen¬ 
arbeit zwischen Institut und Klinik, Psychologen und Mediziner. Finkenrath. 

9) Eckstein, A: Zum Mutterschutzproblem. Klin. Wochenschr. I. Jahrg. Nr. 5. S. 131. 

Zur Feststellung des Einflusses von Arbeitsleistungen der Schwangeren auf ihr 
Kind wurden 174 Schützlinge eines Heimes für ledige Mütter und Säuglinge ent¬ 
sprechend ihrer Berufszugehörigkeit und Berufstätigkeit in den zwei letzten Schwanger¬ 
schaftsmonaten auf das Geburtsgewicht der Neugeborenen hin untersucht. Die 109 Frauen, 
die die letzten zwei Monate im Heim zubrachten, gebaren gegenüber den G5 bis 
zu ihrer Entbindung außerhalb tätigen Frauen um durchschnittlich 200 g schwerere 
Kinder. E. zieht daraus den Schluß, daß schwere körperliche Arbeit bis gegen Ende 
der Schwangerschaft das Geburtsgewicht ungünstig beeinflussen. Schwierig gestaltet es 
sich im Heim, die Mutter zu längerem Stillen zu veranlassen. Nur bei 5 Proz. gelingt 
es, die Kinder über drei Monate an der Brust zu halten, wogegen die ehelichen Mütter 
des Mittelstandes (Freiburg i. B.) in weit größerem Umfange ohne Brust erst über den 
dritten Monat hinaus stillen. Den wesentlichen Unterschied sieht E. hier in der psychischen 
Einstellung zum Kind seitens der ledigen Mütter, die den Stillwillen und damit die Stiil- 
üchtigkeit beeinflußt. Finkenrath. 

10) Fick, Johann: Ein Vorschlag zum Kapitel „Bckttmpftmg der Syphilis 44 . Zeitschr. 

f. Bek. d. Geschlechtskrankh. Bd. 20. H. 5—7. 

Fick schlägt eine zwangsweise Vornahme einer Blutuntersuchung nach Wassermann 
bei allen Staatsangehörigen in jährlichen Zwischenräumen vor. Das Ergebnis ist in einer 
Karte, die als Ausweis wie ein Paß und Impfschein amtliche Eigenschaften hat, einzutragen. 
Hierdurch verspricht er sich ein „baldiges Verschwinden der unrichtigen, weil ungenauen 
Vorstellung, daß die Syphilis eine Geschlechtskrankheit und deshalb von den von ihr 
Befallenen zu verheimlichen sei“. Alle Bedenken der einschneidenden Wirkung solcher 
Zwangsmaßnahmen werden beiseite gestellt. Unberücksichtigt bleibt die immer noch 
nicht restlos geklärte Bedeutung einer Wassermannschen Reaktion für den Syphilis¬ 
verlauf überhaupt. Finkenrath. 

11 ) Vossen, Karl: Die Fürsorge für Geschlechtskranke bei der Landesyersiehemngs« 

anstatt der Rheinprovinz. Zeitschr. f. Bek. d. Geschlechtskrankh. Bd. 20. H. 5—7. 
S. 85. 

Da die Krankenkassen sich in der Bereitstellung genügender Heilmittel für die ge- 
schlechtskranken Mitglieder als unzureichend erwiesen haben, insbesondere durch die 
Beschränkung auf die Kostendeckung für die erste Kur und auch da nur unter Begrenzung 
der Anzahl der Salvarsandosen, hat die Landesversicherungsanstalt der Rheiuprovinz die 
Behandlung der Geschlechtskrankheiten in den Rahmen ihrer Beratungsstellen sowie ihrer 
anderen Maßnahmen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten hereingezogen. Durch 
ein ausgedehntes Melde- und Karteiverfahren werden alle faßbaren Geschlechtskranken 
zur Behandlung angehalten. Die Kosten decken Kassen und Land es Versicherung zu 
gleichen Teilen. Die Durchführung der Kuren liegt in den Händen der Ärzte der Patienten 
selbst oder solcher Fach- und anderen Ärzten, die sich die Kranken selbst wählen dürfen, 
und die nach bestimmten Sätzen von der Landesversicherung bezahlt werden. 

Finkenrath. 


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Referate. 


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12) May r, J. K.: Gedanken der Sexualpädagogik. Zeitschr. f. Bek. d. Geschlechtskranke 
Bd. 20. H. 5-7. S. 109. 

Trotz aller Anerkenntnis der Notwendigkeit geschlechtlicher Belehrung und Erziehung 
ist bisher Wesentliches noch nicht geschehen. Die Schwierigkeiten liegen in dem Hinein¬ 
spielen von Weltanschauungsfragen in die ganze Aufgahe. Auf der einen Seite stehen 
die Dualisten mit ihrer Zweiteilung von Seele und Leib, auf der anderen die Männer 
naturwissenschaftlicher, materialistischer, monistischer Lebensauffassung. Die Dualisten 
sehen in der geschlechtlichen Erziehung immer die ethische Grundlage. Hier ist der 
Rahmen gegeben im 6. Gebot, der Ehe, der Jungfräulichkeit. Jede Fassung des Geschlechts¬ 
lebens vom Standpunkte des Genusses schlechthin gilt als unsittlicher Betrachtungswinkel, 
und die Keuschheit ist hier mehr als eine hygienische Maßregel. 

Die Naturalisten gehen von der Physiologie des Gattungs- und Fortpflanzungslebens 
in der Pflanzen- und Tierwelt aus, um durch die natürliche Belehrung dem Geschlechts¬ 
leben und seinen Vorgängen die Sonderstellung zu nehmen. Die Schwierigkeiten einer 
geschlechtlichen Erziehung werden durch diesen biologischen Entwicklungsweg nicht be¬ 
seitigt, da der Sprung vom Tier zum Menschen doch einmal gemacht werden muß. Solche 
Auseinandersetzungen selbst sind aber auch allzu häufig nur Aufklärung und nicht 
geschlechtliche Erziehung mit allen ihren leitenden, lenkenden und bewahrenden 
Absichten. Weiterhin aber steht einer geschlechtlichen Erziehung in der Schule die 
ungleich geeignete, verschieden geartete, verschieden alte und rassengemischte Schulklasse 
entgegen. Doch kann man in der großen Zahl der Fälle von den Eltern nicht die Lösung 
einer erzieherischen Aufgabe erwarten, die sie für sich selbst in ihrem Leben vielleicht 
nicht einmal zu lösen verstanden haben. Ein Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sieht 
Mayr in der Einrichtung von Schülersprechstunden, in denen geeignete Lehrer den 
fragenden Schülern unter vier Augen oder in gleichgearteten Kreisen von Altersgenossen 
neben anderen Schülerfragen auch die Dingo des Geschlechtslebens in reiner, sauberer 
Weise unterbreiten. 

Das Erfreuliche dieser ausführlichen Darstellung ist einerseits die klare Erkenntnis 
der weltanschaulichen Schwierigkeiten, der Mängel einer Belehrung in der Klasse oder 
im Elternhause, ist zum andern die deutliche Abrückung von der rein wissensmäßigen Über¬ 
lieferung natürlichen Anschauungsstoffes, der ohne seine sittliche, letzten Endes mensch¬ 
liche oder göttliche Wertung keinen erziehlichen Wert hat. 

Das Betrübende aber ist, daß diesen hoffnungsvollen Erwartungen des Verfassers, 
die er an seinen ausgezeichneten Gedanken der Sprechstunden anknüpft, ein großer 
Zweifel entgegengestellt werden muß. Zuerst können wir solange nicht einer geschlecht¬ 
lichen Erziehung an den Stätten, die darüber zu urteilen haben, das Wort reden, solange 
nicht überhaupt eine sittliche Wertanschauung über das Geschlechtsleben Allgemeingut 
der Gebildeten oder des Volkes in irgendeiner Form ist. Der Zwiespalt aller Arten ist 
am zwiespältigsten hier. Die Gegensätze sind größer als sie M. anfänglich nannte, es 
stehen hier Ausleben und Verantwortung, Pflicht und Genuß gegenüber. Ferner aber 
wird das lebendige Erleben des Geschlechtslebens der Eltern, sei es in seinem Tatsäch¬ 
lichen, sei es in seinen Auswirkungen, gemütlich und damit einschneidender die junge 
sich entwickelnde Seele beeinflussen und für das ganze Leben zeichnen, als die letzten 
Endes mehr belehrenden, mehr geistigen als durchfühlten Erörterungen in der Sprech¬ 
stunde, ohne daß man deshalb ihren gegebenenfalls ausgleichenden, ja vorbauenden 
Einfluß unterschätzen muß. Finkenrath.. 

13) Sack, Wäldern.: über die psychogene Komponente des Pruritus und der pruri¬ 
ginösen Dermatosen. Münch, med. Wochenschr. 1922. S. 148. 

Stärkere nervöse Erregbarkeit, gesteigerte Aufmerksamkeit lassen unbewußt bleibende 
Juckempfindungen in das helle Bewußtsein treten. Aber auch im Freudschen Sinne findet 
sich das Jucken und Kratzen als Form einer „Affektverschiebung 11 . „Seelische Konflikt¬ 
stoffe“, die nicht wunschgemäß gelöst werden können, drängen nach „Abreaktion 11 in 
andere Richtungen, wobei es sich nicht immer, wie es Freud und seine Schule annehmen, 
um rein sexuelle Beweggründe handelt. Auch Steckeis Ansicht, daß es sich beim Jucken 
um den Ersatz des sexuellen Orgasmus handele, ist nach Sacks Ansicht einseitig, und 
nur in einem Falle seiner Beobachtungen fand er die Juckattacken mit sexuellem Orgasmus 
gepaart. Die Behandlung erfolgte entsprechend der Ursachenannahme durch Hypnose 
und war in den angeführten Fällen meist erfolgreich. Finkenrath. 


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Dr. Iwan Bloch zum 50. Geburtstage. — A. Ölaschko +. 


Dr. Iwan Bloch zum 50. Geburtstage. 

Am 8. April war Iwan Bloch 50 Jahre alt geworden. Leider wurde er vor 
einigen Monaten von einer schweren Krankheit befallen, die für sein Leben fürchten ließ 
und die Amputation eines Beines nötig machte. So hat Bloch seinen Geburtstag auf dom 
Krankenbette begehen müssen; aber wir dürfen die Hoffnung haben auf eine baldige Ge¬ 
nesung und Wiederaufnahme seiner Arbeit. 

Blochs Verdienste als Sexuologe hegen gleichermaßen auf dem Gebiete der Theorie 
wie der Praxis. Er ist nicht nur einer der Begründer und eifrigsten Förderer der Sexual¬ 
wissenschaft, sondern auch ein unermüdlicher Vorkämpfer der Sexualreforin. Gemeinsam 
mit Albert Eulenburg gründete Bloch die Zeitschrift für Sexualwissenschaft, deren Re¬ 
daktion er übernahm und trotz der Kriogsschwierigkeiteu mit Erfolg führte. Blochs wissen¬ 
schaftliche Untersuchungen sind ausschließlich derjenigen Wissenschaft gewidmet, deren 
Namen er geprägt hat. Von grundlegender Bedeutung ist sein großes Werk „Die Prosti¬ 
tution“; es baut sich auf einem außerordentlich reichen historischen Material auf, dessen 
Verarbeitung den kritischen Geist des Forschers erkennen läßt. Auch zur Geschichte 
der Syphilis hat Bloch wertvolle Beiträge geliefert; so in seinen beiden Arbeiten „Der 
Ursprung der Syphilis“ und „Das erste Auftreten der Syphilis in der europäischen Kultur¬ 
welt“. Die „Sexualpsychologische Bibliothek“, welche bisher 5 Bände mit interessanten 
Beiträgen aus den verschiedensten Gebieten der Sexualwissenschaft gebracht hat, wird 
von Bloch herausgegeben. Auf die Sexualreform hat Bloch den größten Einfluß geübt 
durch sein in vielen Zehntausenden von Exemplaren verbreiteten Buch „Das Sexual¬ 
leben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur“; ein großer Teil der 
Gebildeten in Deutschland verdankt diesem Buche seine sexuelle Belehrung. 

Bloch blickt jetzt auf eine mehr als 20 jährige an Arbeit und Erfolgen reiche 
Tätigkeit zurück. Mögen noch viele ebenso reiche und wissenschaftlich fruchtbare Jahre 
vor ihm liegen ! Dr. V a e r t i n g. 


A. Blaschko f. 

Der Tod Alfred Blasehkos bedeutet auch einen schweren Verlust für die Sexual¬ 
wissenschaft. Weniger infolge entscheidender Leistungen, die Blaschko in ihrem Bereiche 
vollbracht hätte — denn seine überragenden Verdienste liegen auf dem Gebiete der 
Dermatologie, der Venereologie und der sozialen Hygiene — als wegen der Erhöhung 
und Festigung ihrer Geltung, die sie seiner vorurteilslosen und einsichtigen Stellung¬ 
nahme in den zahlreichen Fällen zu danken hat, in denen die sexuologischen Erkenntnisse 
und Tatbestände sich mit gewissen Empfindungen und Strebungen, namentlich in 
moralischer und pädagogischer Hinsicht, in Widerspruch setzten. An derlei Konflikten 
reich war insbesondere Blaschkos Wirksamkeit an der Spitze der Deutschen Gesellschaft 
zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Wie die Dinge lagen, konnte er freilich 
nicht immer hier seiner besseren wissenschaftlichen Überzeugung folgen, sondern mußte 
manchen praktischen und taktischen Bedürfnissen nachgeben; aber er tat dies immer nur, 
indem er in solchen Fällen das Überwiegen dieser über die wissenschaftlichen Gesichts¬ 
punkte mit Rücksicht auf die besonderen Aufgaben der DGBG. aneikannte, niemals 
jedoch, indem er eine Verfälschung der sachlichen Ergebnisse der Sexualforschung billigte 
odej: gar mitmachte. Gleichwohl kann nicht geleugnet werden, daß Blaschkos gediegene 
Begabung und ernster Sinn für wissenschaftliche Arbeit durch seine Beziehungen 
zu einem wesentlich praktischen (u. a. auch politischen) Aufgabenkreis in ihrer Ent¬ 
faltung und Auswirkung erheblich behindert worden sind, ohne daß man sich für diesen 
Ausfall als hinreichend entschädigt betrachten dürfte. Sehr wertvolle Beiträge zur 
Sexualwissenschaft sind Blaschkos Buch „Hygiene der Geschlechtskrankheiten“ (Leip¬ 
zig 1920) zu entnehmen, das in dieser Zeitschrift besonders eingehend gewürdigt 
worden ist. 

Wollte man diese Worte des Gedenkens, dom Brauche der Nekrologen folgend, 
mit der Bemerkung schließen, daß Blaschko zwar manche Widersacher seiner Ansichten, 
aber keinen persönlichen Gegner gehabt habe, so würde das hier eine unwahrhaftige 
Phrase sein, die nur die ungewöhnliche Bedeutung dieser ausgeprägten Persönlichkeit 
zu schmälern vermöchte. M. M. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Msrcase in Berlin. 
A. Marens 41 E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Boaa. 
Druck : Otto Wigand'«ehe Baehdraekerel 6. m. b. H. in Lelpslg. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

IX. Band Juni 1922 3. Heft 


Die Erotik in den epischen Gedichten der Griechen 
mit besonderer Berücksichtigung des Homo¬ 
erotischen. 

Von Prof. Dr. Hans Licht. 

Das gewählte Thema bedarf kurzer Erklärung und Begründung. 
Von den beiden größten und wertvollsten Epen der Griechen, 
Homers Ilias und Odyssee, soll hier nicht gesprochen werden, weil 
über die Erotik dieser Gedichte bereits in einem früheren Aufsatze») 
des Verfassers alles Wichtige gesagt ist. Auch diejenigen Epiker 
der späteren Zeit, deren Werke vollständig auf uns gekommen 
sind, wie z. B. Apollonius Rhodius und Nonnus, werden in dem 
vorliegenden Aufsatze nicht behandelt, sondern bleiben späterer 
Bearbeitung Vorbehalten. Wir haben es hier nur mit den Epikern 
zu tun, deren Gedichte in größeren oder kleineren (meist nur sehr 
kleinen) Fragmenten erhalten sind und die daher, außer den Philo¬ 
logen von Fach, so gut wie unbekannt sein dürften. Gerade des¬ 
halb aber schien es mir richtig, zunächst diese Bruchstücke der 
griechischen Epik zu behandeln. Der Aufsatz bildet die (neunte) 
Fortsetzung meiner Arbeiten über den xaCdov tgag (Homoerotik) in 
der griechischen Literatur 2 ); auch er wird, wie alle früheren 
Arbeiten, die außerordentliche, den meisten von uns fast unver¬ 
ständliche Bedeutung erweisen, die der Homoerotik in den Schrift¬ 
werken der Hellenen zukommt; daß das Thema erweitert wurde 
und alles bei diesen Epikern vorkommende Erotische registriert 
wird, dürfte eher Zustimmung als Tadel finden. Soweit die Bruch¬ 
stücke der hier behandelten Dichter erhalten sind, hat sie G. Kinkel 

*) Hans Licht, Homoerotik in den homerischen Gedichten (Krauß, Anthropophy- 
teia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungs¬ 
geschichte der geschlechtlichen Moral, Bd. IX, Leipzig 1912, Seite 291—300). 

*) Bisher sind erschienen: Hans Licht, Der naidtov (Knabenliebe) in der 
griechischen Literatur. I. Die lyrische und bukolische Dichtung (in Hirschfelds Jahr¬ 
buch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. VIII, Leipzig 1906, Seite 619—684). — II. Die 
Gedichte der Anthologie (ebenda, Bd. IX, 1908, Seite 213—312). — 111. Die attische 
Komödie (in Krauß’ Anthropophyteia, Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und 
Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral, Bd. VII, Leipzig 
1910. Seite 128—179). — IV. Die homerischen Gedichte (ebenda, Bd. IX, 1912, Seite 291 
bis 300). — V. Die attische Tragödie (ebenda, Bd. IX, Seite 300—316). — VI. Briefe 
des Philostratos (ebenda, Bd. VIII, 1911, Seite 216—224). — VII. Lukian, Erotes. Ein 
Gespräch über die Liebe. Übersetzt, eingeleitet und ei läutert. München 1920, Georg 
Müller. — V1H. Lukianos von Samosata. Bonn 1921, Marcus & Weber. 

Zeitsehr. f. Sexualwissenschaft IX. 8 5 


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Hans Licht. 


in seiner noch heute maßgebenden Ausgabe 8 ) zusammengestellt. 
Auf die Bedeutung der einzelnen Dichtwerke im Rahmen der 
griechischen Literaturgeschichte kann hier selbstverständlich, schon 
aus Raummangel, nicht eingegangen werden; hier handelt es sich 
nur um das erotische Moment, und literarische oder sonstige Er¬ 
läuterungen werden nur dann gegeben, wenn sie zum Verständnis 
für den Nichtphilologen notwendig erscheinen. 

I. Die mythische Vorzeit. 

Nach einer bekannten Bemerkung des Cicero 4 ) hat es schon 
vor Homer Dichter gegeben. Das ist unzweifelhaft richtig, und 
Spuren davon finden sich in den homerischen Gedichten in nicht 
geringer Anzahl. Aber von all den Gedichten, die vor Homer ent¬ 
standen, hat sich nichts erhalten; ihre Schöpfer waren die Pfad¬ 
finder, die dem Homer die Wege bahnten, die Sprache modulierten 
und den epischen Vers, die Langzeile des Hexameters, schufen; 
ihre Werke gerieten in Vergessenheit, als am literarischen Himmel 
die Sonne der homerischen Poesie aufging. Gleichwohl ist man¬ 
cherlei Kunde auch aus dieser Zeit auf uns gekommen, und die 
griechische Literaturgeschichte berichtet von einer stattlichen An¬ 
zahl von Dichtem, die vor Homer gelebt haben, wenn auch frei¬ 
lich die meisten davon nur Namen sind, Erfindungen einer späteren 
Zeit, um das älteste poetische Schaffen mit der plastischeren Vor¬ 
stellung bestimmter Dichter verknüpfen zu können. 

Einer der ältesten dieser sagenhaften Dichter war Pamphos, 
von dem Pausanias (IX 27, 2) berichtet, daß er Hymnen auf Eros 
gedichtet habe. Diese Notiz ist deswegen für uns wertvoll, weil 
wir daraus ersehen, daß die Griechen bereits für die älteste Zeit 
ihrer Literaturgeschichte die Verehrung des Eros annehmen, und 
so kann man mit vollem Rechte behaupten, daß Eros am Anfänge 
der hellenischen Kultur steht, wenn auch freilich in den home¬ 
rischen Gedichten der Gott Eros (zufälligerweise) mit Namen nicht 
genannt wird. Wohl aber wird in der Theogonie des Hesiod (V. 120) 
Eros durchaus folgerichtig unter den ältesten Göttern, d. h. unter 
denen, die seit den frühesten Zeiten existieren, erwähnt. 

Wesentlich bekannter als der wohl ganz mythische Pamphos 
ist der halb sagenhafte Orpheus, der als ein Sinnbild der Ver¬ 
einigung dionysischer und apollinischer Religion zu betrachten sein 
dürfte 6 ). Wenn auch Aristoteles 6 ) seine Existenz leugnete, so 
wurde er doch so sehr zum Träger der poetischen Produktion 
seiner Zeit, daß die Literaturgeschichte noch heute von der Orphi- 
schen Vorzeit spricht. Das Befremdende ist nun, daß jedem, 
auch wenn er sonst nicht viel vom klassischen Altertume weiß, 
doch wohl bekannt ist, wie Orpheus in die Unterwelt hinabstieg, 


*) Epicorum Graecorum fragmenta collegit disposuit commentarium criticum adiecit 
Godofredus Kinkel. Vol. I. Leipzig 1877, B. G. Teubner. 
j 4 ) Cic. Brat. 18, 71: nec dubitari debet, quin faeiint ante Homerum poetae. 

* ) Vgl. E. Rhode, Psyche, Bd. 2, Seite 52ff. (3. Aufl.), und E. Rhode, Kleine 

Schriften, Bd. 2, Seite 300 ff. 

®) Cic. de nnt. deor. 1 38, 107. 


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Oie Erotik in den epischen Gedichten der Griechen. 


67 


um seine durch einen Schlangenbiß früh verstorbene Gattin Eury¬ 
dike von dem Beherrscher der Unterwelt durch die Macht seines 
Gesanges- zurückzuerbitten, daß aber nur wenige wissen, wie die 
Geschichte weiter ging. Hades, der Gott der Unterwelt, ließ sich 
nämlich durch den wundervollen Gesang des Orpheus rühren und 
gestattete ihm, seine Gemahlin in das Leben zurückzuführen, je¬ 
doch unter der Bedingung, daß sich Orpheus nicht nach ihr um¬ 
blickte, bevor er an das Tageslicht gekommen sei. Diese Be¬ 
dingung war zu hart für einen Sterblichen: von Sehnsucht be¬ 
zwungen, blickte Orpheus zurück, und die Gattin entschwand als 
ein Schatten auf Nimmerwiedersehen zurück in das Reich des 
Hades 7 ). Nun kommt das Seltsame. Also vereinsamt zieht sich 
Orpheus in seine thrazische Gebirgswelt zurück, wo der wegen 
seiner rührenden Gattenliebe berühmte Sänger von allen Frauen 
und Mädchen umschwärmt wird. Er weist aber „alle weibliche 
Liebe zurück, sei es, weil er mit ihr schlechte Erfahrungen ge¬ 
macht hatte, sei es, weil er der Gattin nicht die Treue brechen 
wollte. Wohl aber lehrte er die Thrazier, die Liebe auf zarte 
Jünglinge übertragen und solange die Jugend noch lacht, den 
kurzen Lenz des Lebens und seine ersten Blumen genießen“. So 
erzählt Ovid 8 ); eine außerordentlich wichtige Stelle, weil wir aus 
ihr lernen einmal, daß der vereinsamte Gatte sich mit Knabenliebe 
entschädigt, und zweitens (was noch bedeutungsvoller), daß nach 
der antiken Auffassung homoerotischer Verkehr nicht als 
Verstoß gegen die eheliche Treue empfunden wurde 
(„weil er der Gattin nicht die Treue brechen wollte“). Und so sehr 
huldigt er fortan dieser ureigensten griechischen Form der Liebe, 
daß nicht nur die Ehe für ihn zur Episode wird und er nur noch 
der pädophilen Liebe lebt, sondern daß auch die von ihm nun¬ 
mehr gesungenen Lieder nichts anderes als glühende Verherrlichung 
der Päderastie darstellen 9 ). So wird das Paradoxe zur Tatsache: 
der noch heute den weitesten Kreisen als Muster ehelicher Treue 
bekannte Orpheus ist dem Altertume der Mann, der in seiner Heimat 
Thrazien die Knabenliebe einführte und ihr selbst derart huldigte, 
daß die Mädchen und Frauen, weil sie sich verschmäht fühlen, 
schließlich über ihn herfallen, ihn töten und gräßlich verstümmeln. 
Die Sage berichtet weiter, daß sein Haupt in das Meer geworfen 
und schließlich an der Insel Lesbos angespült wurde 10 ). An Les¬ 
bos? Das ist natürlich kein Zufall, denn dort erstand später die 
große Sappho, die den Griechen die glühendste Prophetin der 
gleichgeschlechtlichen Liebe wurde. So webt die Sage geheimnis¬ 
voll ihre Fäden ineinander, und es kommt nur darauf an, das 

7 ) Die Sage überliefern zumal Apollod. I 14 und Conon 45. Dichterisch hatte sie 
nach Athen. XIII 597 Hermesianax im dritten Buche seiner Jtonwv betitelten Elegien 
behandelt, danach Vergil, georg. IV 454 ff., Övid, met. 10, 1 ff. 

*) Ovid met. X lff. 

9 ) Die Lieder, die Ovid a. a. 0. den Orpheus singen läßt, sind: Die Liebe des 
Apollo zu dem schönen Knaben Cyparissus (86—142; von Ovid selbst erzählt); 
Raub des Ganvmedes durch Zeus (155—161); Die Liebe des Apollo und Hya- 
cinthuö (162—219). 

l0 ) So hatte Phanokles erzählt (nach Stob. flor. 64, 14); ähnlich Luc. adv. ind. 1L 
Ovid, met. XI 50 ff. 

5 * 


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68 


Hans Licht. 


dunkle Gespinst zu entwirren. Natürlich hat Ovid diese Form 
der Sage nicht erfunden, sondern erzählt sie nach griechischen 
Quellen; so wissen wir, daß Phanokles in seinen Erotes ausdrück¬ 
lich gesagt hatte : 

„Aber die thrazischen Fraun, drob Unbeil sinnend, erstachen 
Ihn mit geschliffenem Schwert, rings ihn umdrfingend in Wut, 

Weil er zuerst die Thraker gelehrt, der männlichen Liebe 

Sehnsucht und die Brunst weiblicher Herzen verschmäht“ 11 ) 

Phanokles hatte die Liebe des Orpheus zu dem schönen Jüng¬ 
linge Kalais ausführlich erzählt. Die daraus erwachsene Eifer¬ 
sucht der Weiber gibt auch Pausanias als Motiv der Ermordung 
des Orpheus an 1 *). 

II. Der epische Kyklos und die kleineren „homerischen“ Gedichte. 

Mit diesem Namen faßt man diejenigen Gedichte zusammen, 
die das in Ilias und Odyssee betretene Sagengebiet ergänzen und 
zu Ende führen. 

Die Oedipodea erzählte die Geschicke des Königs Ödipus, 
aber in manchen Einzelheiten von der Form abweichend, wie sie 
uns aus der späteren Tragödie bekannt sind. In Fr. 2 wird die 
Schönheit des Hämon, des Sohnes des Kreon, mit den Worten 
gerühmt, daß er „der schönste und liebreizendste von allen“ ge¬ 
wesen sei. 

Vorher war erzählt, wie Laios, der Vater des Ödipus, eine 
heiße Liebe zu dem schönen Knaben Chrysippos, dem Sohne des 
Pelops, faßt, so sehr, daß er ihn schließlich mit Gewalt entführt 
Seitdem galt Laios den Griechen als der erste, der Knaben liebte ,s ). 
Man beachte, wie also die Griechen die Päderastie in die aller- 
ältesten Zeiten ihrer Kultur zurück verlegen, nicht nur durch den 
lange vor Homer gedachten Orpheus, sondern auch durch den ur¬ 
alten König Laios. 

Weiter wurde erzählt, daß Pelops über den Räuber einen furcht¬ 
baren Fluch ausstieß, der dann, sich unheimlich forterbend, über 
dem Sohne und den Enkeln des Laios fortwaltete. Hier aber muß 
man sich vor einem Irrtume hüten, in den manche sonst treffliche 
Kenner der Antike verfallen sind. Nicht, daß Laios einen Knaben 
liebt, treibt dessen Vater zum Fluche, also nicht etwa das „Wider¬ 
natürliche“ der Neigung, wie man nach der heutigen Auffassung 
der Knabenliebe annehmen könnte, sondern einzig, daß Laios den 

11 ) . . . . otivszft tiqujto? deiner £vi &QtjXE<j<ny tQanac ÜQ^evctf ovdh nd&otx jjv&se 
rhjkviEQWi'. Phanokles erzählte weiter, daß die Männer der Möiderinnen ihre Frauen mit 
einem Male gezeichnet hätten zur Erinnerung an die abscheuliche Tat. So erklärt die 
Sage die bei den thrazischen Völkern teilweise vorhandene Sitte des Tätowierens; vgL 
Herod. V 6. Dio Chrys. XIV p. 442. Plut mor. p. 557 d. 

12 ) Paus. IX 30, 5; vgl. auch Verg. ge. IV 520. Friedr. Schlegel, Werke, Bd. IV. 
Seite 51. 

1S ) Athen. XIII 602: „Die Knabenliebe ist von den Kretern zuerst nach Griechen¬ 
land gekommen, wie Tiraaios behauptet; andere aber sagen, daß mit dieser Liebe Laios 
angefangen habe, als er bei Pelops zu Gaste war, und daß er sich in dessen Sohn 
Chrysippos verliebt und ihn auf seinem Wagen nach Theben entführt habe.“ Vgl. Aelian. 
hist. an. VI 15: Apollod. III 44; Aelian. var. hist. XIII 5. 


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Die Erotik in den epischen Gedichten der Griechen. 


69 


Knaben raubt, ihn wider Willen des Vaters entführt. Zwar 
ist der Raub der in primitiven Zeiten allgemein übliche Beginn 
jeder sexuellen Gemeinschaft und wir wissen, daß der Mädchen¬ 
oder Knabenraub 14 ) als religiöse Zeremonie sich bis in die Zeiten 
höchster Kultur mehrfach erhalten hat; aber ebenso sehen wir 
überall, daß der Raub ein scheinbarer bleiben muß, und daß die 
Anwendung wirklicher Gewalt vom Gesetz wie von der öffentlichen 
Meinung in gleicher Weise verurteilt wurde. 

Die Aethiopis des Arktinos von Milet, benannt nach den 
Äthiopen, die unter Memnons Führung den Trojanern zu Hilfe kamen, 
enthielt auch den Liebesbund zwischen Achilles und seinem jugend¬ 
lichen Freunde Antilochos. Auch die Odyssee 15 ) berichtet, daß 
Antilochos nach dem Tode des Patroklos dessen Stelle bei Achilles 
einnahm, das heißt also, daß sich die Griechen den Haupthelden 
ihrer größten Dichtung ohne Geliebten überhaupt nicht vorstellen 
konnten. ' Achilles, Patroklos und Antilochos wurden in einem ge¬ 
meinsamen Grabmal beigesetzt, wie die drei auch im Leben oft 
zusammen genannt werden. 

Die kleine Ilias des Lesches schilderte die Ereignisse vom 
Streite um die Waffen des Achilles bis zur Einnahme Trojas durch 
die List mit dem hölzerneu Pferde. In diesem Gedichte war der 
Raub des schönen Knaben Ganymedes durch Zeus erzählt oder zum 
mindesten erwähnt; nach Lesches war Ganymedes ein Sohn des 
troischen Königs Laomedon, dem Zeus zum Entgelt für den ent¬ 
führten Knaben einen von der Kunst des Hephäst aus Gold ge¬ 
fertigten kostbaren Weinstock schenkte, während bei Homer, der 
diesen Raub ebenfalls kennt, Ganymedes ein Sohn des Königs Tros 
ist und dieser als Ersatz ein Paar edler Rosse erhält 16 ). Noch 
ausführlicher wird der Raub des Ganymedes in dem vierten der 
sogenannten homerischen Hymnen erzählt (V. 202ff.): 

„Den Ganymedes raubt’, den bloudgelockten Knaben, 

Der weise Zeus, von seinem Reiz entflammt. 

In seinem Himmelssaal als Liebling ihn zu haben, 

Um zu verwalten ihm des Mundschenks holdes Amt. 

An seinem Anblick nun sich alle Götter laben, 

Und Röte färbt ihm hold der Waogen weichen Samt: 

Doch Tros im Herzen hegt der Trauer schwere Wunden, 

Solang’ er nicht erfuhr, wohin sein Sohn entschwunden. 

Mitleidig gab ihm Zeus für den geraubten Jungen 
Schnellfüß’ger Rosse zwei, wie nie ein Mensch gesehn. 

Auf seinen Wink kam Hermes schnell gesprungen, 

Den hieß er schleunigst auf die Erde gehn, 

Zu künden Tros, daß Zeus von Lieb’ bezwungen 
Zu seinem Liebling sich den Knaben ausersehn: 

Da ward aus Trauer Stolz, entzückt vom Glück des Sohnes 
Erfreut’ er dankbar sich des ihm gebotnen Lohnes.“ 

u ) Über den Knabenraub und die dabei üblichen Zeremonien habe ich aus¬ 
führlich gehandelt in Hirschfelds „Zeitschrift für Sexualwissenschaft“ (Leipzig 1908), 
Seite 489 ff. Etwas weniger ausführlich in Krauß’ Anthropophyteia, Leipzig 1912, Bd. IX, 
Seite 302 f. 

1Ä ) Od. 24, 78. Grabmal: 24, 80; gemeinsam genannt: 3, 109ff.; 11, 467ff.; 
24, 15 ff. 

1# ) Ilias parva fr. 6. Hom. 11. 20, 231 ff.; 5, 266. Welcker, Kleine Schriften, 
Bd. 2, Seite 89. 


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70 


Hans Licht. 


Abgesehen von einer kurzen Schilderung der Schönheit des 
jugendlichen Dionysos (7, 3 ff.) und der sehr ausführlich und nicht 
ohne Pikanterie ausgemalten Erzählung des Liebesabenteuers der 
Aphrodite mit Anchises (Hymn. IV) bieten die homerischen Hymnen und 
die anderen, unter Homers Namen (fälschlich) überlieferten kleineren 
Gedichte nichts für unser Thema 17 ). Was von den Epikichlides, 
dem „Krammetsvogellied“ überliefert wird, gestattet nur die Ver¬ 
mutung, daß darin die Schönheit der Knaben geschildert und mit 
schönen Sprüchen gepriesen wurde 18 ). Das Lied Eiresione end¬ 
lich hatte seinen Namen von dem mit Wolle umwundenen und zu 
einem Kranze vereinigten Ölzweige, mit dem die Knaben von Samos, 
die es von Homer gelernt haben sollten, am Apollofeste, das Lied 
singend, von Tür zu Tür zogen, um freundliche Gaben zu heischen 19 ). 

/ 

ED. Hesiodos. 

1. Die Theogonie. 

In diesem Gedichte macht Hesiod den Versuch, die mannig¬ 
fachen Gestalten der griechischen Götterwelt in ein System zu 
bringen. Nach V. 120 ist Eros der schönste aller unsterblichen 
Götter; neben ihm wird Himeros (Cupido) wegen seiner Schönheit 
gerühmt (201). Des Herakles Liebling, Iolaos, über den später noch 
zu sprechen ist, wird V. 317 erwähnt. 

Einen breiten Raum nimmt in der Theogonie die Erzählung 
von der Erschaffung des Weibes ein (V. 570—612). Nachdem schon 
früher (V. 512) einmal kurz angedeutet war, daß alles Elend durch 
das Weib in die Welt gekommen ist, gibt nun der Pandoramy¬ 
thus dem Dichter ergiebige Gelegenheit, seine Überzeugung, daß 
die Begriffe Weib und Elend identisch sind, zu begründen. Pan¬ 
dora, die griechische Eva, wird von Hephäst aus Erde in Gestalt 
einer sittsamen Jungfrau gebildet und von den Göttern mit hoher 
Schönheit begabt und mit prächtiger Kleidung geschmückt Sie ist 
ein Wunder zu schauen, aber der Dichter kann sich nicht genug 
darin tun, das Verderbliche des neuerschaffenen Weibes hervor¬ 
zuheben. Sie ist ein Unheil (570), ein schönes Unheil (585), ein 
raffinierter Trug, dem die Menschen erliegen (589). Pandora wird 
die Stammutter aller anderen Weiber, 

„und so tarn das verderbliche Geschlecht der Weiber in die Welt, ein großes Übel für 
die Männer. In besoheidenes Leben wollen sie sich nicht schicken, alles muß aus dem 
Vollen gehen und so gleichen sie den Drohnen, die selbst keine Arbeit verrichten und 
nur die Mühe anderer in ihren Bauch ernten. So hat Zeus die Weiber den Männern 
als Plage geschickt, voll von bösen Plänen: wer also der Ehe entgeht und den schänd¬ 
lichen Werken der Weiber und nicht heiratet, der hält sein Hab und Gut zusammen; 
wer aber solch verderbliches Geschöpf zu sich nimmt, dessen Leben ist eine be¬ 
ständige Plage und das Leid ist unerträglich. 14 (V. 591—612.) 

1T ) Erwähnt sei noch Qymn. 2, 23 ff.: Das schöne Bild des jugendlichen tanzenden 
Apollo; 3, 55: Schöne Jünglinge in heiterer, neckender Laune. 

18 ) So nach Klearchos bei Athen. XIV 639 a: vgl. I 65 a; Kinkel Seite 63 und 312. 

19 ) Die Eiresione ist, allerdings verstümmelt, erhalten; abgedrucki z. B. von Bau¬ 
meister, hymni homerici etc., Seite 90. Leipzig 1888, B. G. Teubner. Zu vergleichen 
ist das Schwalbenlied der rhodischen Knaben bei Athen. VIII 360. Ausführliche Ab¬ 
handlung über diese Art von Liedern, auch aus unserer Zeit (Epiphanienlieder) von 
C. D. Ilgen, opuscula varia philologica Bd. 1, Seite 129—184. Erfurt 1797. 


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Die Erotik in den epischen Gedichten der Griechen. 


71 


So ergeht sich der Dichter in breiten Anklagen gegen das 
weibliche Geschlecht: man erkennt, wie verkehrt die oft geäußerte 
Ansicht ist, als habe erst Euripides mit der griechischen Gering¬ 
schätzung der Weiber begonnen 20 ). 

2. Werke und Tage. 

Wie sehr den Dichter die Gedanken von der Minderwertigkeit 
des weiblichen Geschlechtes beherrschen, zeigt sich auch darin, 
daß er in seinem zweiten Hauptwerke den Pandoramythus noch¬ 
mals, aber wesentlich ausführlicher darstellt (V. 49—104). Den 
Mythus dem Dichter hier nachzuerzählen, verbietet der knappe zur 
Verfügung stehende Raum, ist aber auch nicht nötig, da die Dar¬ 
stellung bis auf für unsere Arbeit belanglose Abweichungen mit 
der in der Theogonie gegebenen übereinstimmt; doch seien von 
den absprechenden Bemerkungen über das weibliche Geschlecht 
wenigstens die am meisten charakteristischen erwähnt 21 ). Hermes 
stattet die Pandora mit „hündisch-schamloser Gesinnung und ver¬ 
schlagenem Sinne“ aus (67), „mit Lug und Trug und schmeichelnd- 
betörender Rede“ (78). Pandora wird dann auf die Erde geschickt, 
wo sie von Epimetheus, dem törichten Bruder des klugen Prome¬ 
theus, aufgenommen wird, der nicht ahnt, was er für ein Un¬ 
heil damit empfängt (83—89). Dann öffnet Pandora die berühmte 
„Büchse“, aus der nun alles Elend und Leid auf die Menschen 
herausströmt, die doch bis dahin so glücklich gelebt hatten (90 ff.). 

A Auch im weiteren Verlaufe des Gedichtes läßt es Hesiod nicht 
an bösen Ausfällen gegen das weibliche Geschlecht fehlen. 

„Lass’ dich nimmer vom Weib, dem steißkoketten**), umgarnen, 

Durch ihr schmeichelnd Geschwätz, das dich einzufangen bestrebt ist: 

Lieber vertrau’ einem Dieb, eh’ einem Weibe du trauest. 11 (373 ff.) 

Vor den Frauen, die den Mann nur „ausdörren und ihn einem 
traurigen Alter überliefern“, warnt der Dichter an einer späteren 
Stelle (703 ff.). 

Uns Moderne sehr eigenartig berührende Vorschriften über das 
Urinieren gibt der Dichter an einer Stelle, die kulturhistorisch 


*°) Ganze zwei (!) Verse (608 f.) hat Hesiod für die Möglichkeit übrig, in der Ehe 
ein braves Weib zu bekommen. 

* 4 ) Die bereits in der Theogonie vorkommenden Schmähungen sind hier nicht wieder¬ 
holt; vgl. „Werke und Tage“, V. 82. 

**) Im Original Txvyoard'kos, die durch kokette Bewegungen des Hintern ihre poste¬ 
rioren Reize hervorzuheben bestrebt ist, die also den Mann mit dem zu ködern sucht, 
was (nach der Meinung der Griechen) der vernünftige Mann am Jüngling so besonders 
schätzt, derart, daß es Lukian (amor. 14) wagen darf, den Hintern überhaupt mit dem 
Ausdruck t ä ncadixu uiqrj (Jünglingsteil) zu benennen; vgl. meine Übersetzung von 
Lukians Erotes (München 1920, Georg Müller), Seite 70, 148, und über die Analerotik 
der Griechen überhaupt ebenda, Seite 11 ff., 43ff. So enthält der Vers des Hesiod 
durch dieses eine Beiwort eine neue pikante Spitze, die, soweit ich sehe, bisher noch 
kein Erklärer des Hesiod bemerkt hat. Sehr ausführlich und pikant ist das Motiv, wie 
eine Frau durch Hervorkehrung ihrer kallipygischen Reize ihren Mann von seiner Vor¬ 
liebe für Knaben abzubringen sucht, in einer Novelle des Franzesco M. Molza verwertet, 
die Franz Blei im „Amethyst* 1 , Leipzig 1906, Seite 10 ff., in deutscher Übersetzung mit¬ 
geteilt hat. 


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72 


Hans Licht. 


interessant genug ist, um hier in Prosaübersetzung mitgeteilt zu 
werden (727ff.): 

„Du sollst nicht der Sonne zugewandt stehend harnen, nur wenn sie untergegangen 
ist, vergiß das nicht, und nur bis sie wieder aufgeht. Auch sollst du nicht a«if dem 
Wege oder außerhalb des Weges im Gehen harnen, noch auch dich gänzlich entblößend: 
die Nächte sind den Göttern heilig. Sitzend 2 *) besorgt das ein frommer Mann, der auf 
Sittsanikeit hält, oder an der Mauer des wohlumfriedeten Hofes. Auch sollst du nicht, 
wenn dein Schamglied noch von Samen naß ist, dich im Hause dem Herde nähern; das 
wäre Sünde. Du darfst auch nicht unmittelbar von einem Grabe zurückkelirend den 
Beischlaf ausüben.“ Und später (757): „Du solisf nicht in die zum Meere wallenden 
Ströme harnen, noch in Quellen; das wäre Sünde.“ 54 ) 

3. Der Schild des Herakles. 

Dieses Gedicht schildert den Kampf des Herakles mit dem Un¬ 
hold Kyknos; seinen Namen hat es von der, einen großen Teil des 
Gedichtes einnehmenden Beschreibung des Schildes des Herakles. 
t | Im Anfänge erzählt der Dichter, wie Zeus, um der Welt einen 
Retter und Heiland zu schenken, in heißer Liebe zu der schönen 
Alkmene, der Gattin des thebanischen Königs Amphitryon, ent¬ 
brennt (1 ff.): 

„Sie übertraf bei weitem alle anderen irdischen Frauen an Schönheit und stattlicher 
Gestalt; an klugem und sittsamem Sinne kam ihr keine gleich. Von ihrem Antlitze und 
aus ihren dunklen Augen strahlte ein Liebreiz, wie bei der guldgeschmückten Aphrodite. 
Während Amphitryon, der, um eine Blutschuld zu sühnen, seine Gattin nicht berührt, 
auf einem Kriegszuge begriffen ist, naht sich ihr Zeus. Nachdem er ihre Liebe ge¬ 
nossen und sich entfernt hat, kehrt der Gatte zurück, dem gewaltige Sehnsucht nach der 
Gemahlin das Herz erfüllte. Wie wenn ein Mann mit Freuden einer schweren Krank¬ 
heit oder schlimmen Gefangenschaft entgangen ist, so freudig kehrte Amphitryon damals 
von harter Kriegsarbeit und gern in sein Haus zurück. Den ganzen Rest der Nacht lag 
er in den Armen seiner lieben Gemahlin, sich erfreuend an den Gaben der goldgeschmück¬ 
ten Aphrodite.“ 

Alkmene wird schwanger und gebiert Zwillingsknaben, von 
Zeus den Herakles, von Amphitryon den Iphikles (dessen Sohn 
Iolaos später der Liebling des Herakles wird). 

Als Herakles sich dann zum Kampfe mit Kyknos rüstet, ruft 
er seinen Liebling und Waffenbruder Iolaos herbei, den „ihm bei 
weiten liebsten unter allen Menschen“ (78). Die Gespräche der 
beiden können wegen ihrer Länge hier nicht mitgeteilt werden; 
die zärtlichen Anreden und der ganze Ton beweisen, daß schon 
Hesiod sich den Iolaos nicht nur als Waffengefährten, sondern auch 
als Liebling des Herakles gedacht hat, wie ja das Altertum das 
Verhältnis der beiden auch nie anders aufgefaßt hat 25 ). 


2S ) Diese merkwürdige Vorschrift scheint sich indessen doch nicht eingebürgert zu 
haben, wenigstens sagt Herodot (II 35), daß die Ägypter in manchen Bräuchen von den 
anderen Menschen abweichen, daß bei ihnen die Weiber stehend, die Männer sitzend 
urinierten. Plinius (hist, nat XXVIII 19) erklärt die Vorschrift Hesiods so, daß durch 
das Sitzen vermieden werden solle, daß ein Gott an der Entblößung Anstoß nehme. 

^ 2i ) Nach Plutarch (de stoic. rep. 22) hatte der stoische Philosoph Chrysippos alle 

diese Vorschriften Hesiods gebilligt mit dem Zusatze, man dürfe nicht etwa deswegen 
dagegen verstoßen, weil ja Hunde, Esel und kleine Kinder sich auch nicht danach richteten. 

**) Nachweise bei R. Beyer, Fabulae Graecae quatenus quave aetate puerorum 
amore commutatae sint. Diss. inaug. Lips. 1910, Seite 10 ff. In Theben zeigte man 


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Die Erotik io den epischen Gedichten der Griechen. 


73 


4. Die Fragmente. 

Die wenigen aus den nicht erhaltenen Dichtungen Hesiods auf 
uns gekommenen Bruchstücke bieten für unsere Zwecke nur ge¬ 
ringe Auslese. Zunächst erfahren wir, daß Hesiod selbst einen 
Jüngling, namens Batrachos, liebte; auf seinen wohl früh erfolgten 
Tod hatte er ein Klagelied gedichtet 26 ). 

Bei Gelegenheit der Mitteilung, daß man in Olympia in den 
ältesten Zeiten zwar nackt, jedoch mit einem Schurz um die Ge¬ 
schlechtsteile, gerungen, diesen Schurz aber später abgelegt habe, 
wird erwähnt, daß in einem Gedichte des Hesiod (fr. 41) Hippo- 
menes völlig nackt mit der schönen Atalante gerungen hat 27 ). — 
Nach fr. 137 war Ileus, der unter dem Namen Oileus bekannter ist, 
als Knabe ein Liebling des Apollo. Diese Liebschaft seiner Knaben¬ 
zeit hinderte ihn nicht, später der Vater des Ajas zu werden, der 
als einer der tapfersten Helden vor Troja sich auszeichnete. Ein 
anderer Lieblingsknabe des Apollo wird in fr. 161 erwähnt, näm¬ 
lich Melampus, der später berühmte Seher und Arzt Fr. 167 be¬ 
richtet, daß Magnes, nach dem ein Teil von Thessalien Magnesia 
hieß, einen „über die Maßen schönen Sohn, namens Hymenäos, 
hatte; als Apollo ihn sah, verliebte er sich dergestalt in den Knaben, 
daß er das Haus des Magnes nicht mehr verließ. Hermes aber be¬ 
nutzte die Gelegenheit und raubte mehrere Rinder aus der Herde 
des Apollo“ 28 ). 

Wie naiv und natürlich, frei von aller uns anhaftenden Prü¬ 
derie die Griechen dem Sexuellen gegenüberstanden* 9 ), lehrt das 
interessante Fragment 179: „Hesiod und viele andere erzählen von 
Teiresias, daß er einst in Arkadien zwei Schlangen zugeschaut 
habe, wie sie sich begatteten. Er verwundete die eine: da wurde 
er aus einem Manne zu einem Weibe und verkehrte auch von 
da ab mit Männern. Apollo aber sagte ihm, wenn er den beiden 
Schlangen wieder aufpaßte, wie sie sich begatteten, und er dann 
die eine verwunde, werde er wieder zum Manne werden. Das ge¬ 
schah denn auch. Nun stritten sich einmal Zeus und Hera dar¬ 
über, wer beim Beischlaf den höheren Genuß empfände, der Mann 

später das Grab des Iolaos; auf ihm schwuren sich liebende Jünglingspaare nach dem 
Zeugnisse des Aristoteles Treue. Nach lotaos hieß in Theben ein Gymnasium, und ihm 
zum Gedächtnis wurden die Ioleia gefeiert; vgl. Beyer, a. a. 0. 

* 6 ) So nach einer Notiz des Suidas s. v. ‘Haioöos, bei Kinkel, nach dem wir die 
Hesiodfragmente zitieren, Seite 78. 

* 7 ) So die Scholiasten zu Horn. D. 23, 683. Die Wettläufer zu Olympia legten den 
Schurz im Jahre 720 v. Chr. ab, Ringer und Faustkämpfer nach Böckh C I G 1 p. 555 
erst viel später. Über die Verhüllung der Geschlechtsgegend bei sonst völliger Ent¬ 
blößung des Körpers habe ich ausführlich gesprochen in meiner Ausgabe von Lukians 
Erotes (s. oben Anm. 2) Seite 4ff.; zu den dort besprochenen Stellen ist nachzutragen 
Plut Dem. 4; Luc. cyn. 14; Dion. Hai. Vil 72. 

t8 ) Diese Liebschaft des Apollo, der Rinderraub mit seinen tragikomischen Folgen 
war ein sehr beliebter Vorwurf der alexandrinischen Dichter, worüber Wernicke in PauJy- 
Wissowas Realenzyklopädie, Seite 29, handelt. Wernicke bestreitet, daß schon bei Hesiod 
das Motiv dieser Knabenliebe vorgekommen sei. Nach unsero bisherigen Erörterungen 
liegt kein Grund vor, an dem ausdrücklichen Zeugnis des Antoninus Liberalis (cap. 23), 
daß diese Liebe von Hesiod dargestellt sei, zu zweifeln. 

t9 ) Hierüber ausführlich in meinen Lukian-Erotes, Seite 3 ff. 


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74 Hans Licht, Die Erotik in den epischen Gedichten der Griechen. 


oder das Weib s Da nun Teiresias beides aus eigener Erfahrung 
kannte, befragten sie ihn danach und erhielten zur Antwort: 

,Von der Wollust genießt beim Beischlaf der Mann nur ein Zehntel, 

Ganz nur kostet aus das Weib zehn* 0 ) Zehntel der Wonne. 4 

Diese Antwort nahm (natürlich!) Hera übel und machte den 
Teiresias blind, Zeus aber verlieh ihm zur Entschädigung die Gabe 
der Weissagung und ein langes Leben.“ 31 ) 

Daß Orion mit Hephästos und später mit Helios geschlechtlich 
verkehrt habe, lehrt das sehr merkwürdige Fr. 15, das aber zu lang 
ist, als daß es hier übersetzt werden könnte. 

IV. Die anderen Dichter. 

Von Hylas, dem schönen Lieblinge des Herakles, der beim 
Wasserschöpfen von den Quellnymphen, die von seiner Schönheit 
entzückt waren, in das Wasser hinabgezogen wurde, hatte der 
spartanische Dichter Kinaithon 3 *) erzählt. — Nach einer reichlich 
dunkeln, hier nicht zu erläuternden Stelle (fr. 11) aus den Gedichten 
des Epimenides aus Kreta waren die Dioskuren, Kastor und 
Pollux, doppelgeschlechtlich. — Eine (wenig wertvolle) Notiz des 
Suidas berichtet, daß der aus Rhodos stammende Dichter Pei¬ 
sander als Knabe der Liebling des Sängers Eumolpos gewesen 
sei. — Von demselben Suidas stammt die wohl nicht zu bezwei¬ 
felnde Nachricht, daß Choirilos aus Samos, der spätere Geschichts¬ 
schreiber, als Knabe aus Samos habe flüchten müssen; er sei dann 
mit dem Historiker Herodot bekannt geworden, und der habe ihn 
wegen seiner wunderbaren Schönheit zu seinem Liebling gemacht 33 ). 
Daß Eurystheus der Liebling des Herakles gewesen sei und daß 
dieser nur deshalb die von Eurystheus befohlenen zwölf „Arbeiten“ 
auf sich genommen habe, hatte der Dichter und Schulmeister Dio- 
timos behauptet.— In dem „Minyas“ genannten Gedichte eines 
unbekannten Verfassers spielte der Liebesbund des Theseus und 
Peirithoos eine, nach dem dürftigen Bruchstück (fr. 1) heute frei¬ 
lich nicht mehr näher zu bezeichnende Rolle. 


“) So nach scholl, vett. Lyc. 683; nach anderen (s. Kinkel) geniefit das Weib •/,„ 
der Mann l / 10 . 

sl ) Wir haben der Raumersparnis wegen die verschiedenen Berichte (s. Kinkel, 
Seite 153 f.) zusammengezogen und verkürzt. 

**) Über die Liebe des Herkules zu Hylas und ihren tragischen Ausgang habe ich 
ausführlicher gesprochen in Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. VH1, 
Seite 669 ff. Leipzig 1906. 

M ) Suidas s. Xoiqü.os . . . . evEidfj nuw ztjv . . . ovuvos twrdv xcn Tuadtxn ye- 

yovivca tpaaiv. 


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Wilhelm Reich, Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 


75 


Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 

Von Dr. Wilhelm Reich 

in Wien. 

(Fortsetzung und Schluß.) 

II. Trieb und Libido. 

Nun wenden wir uns dem Begriff der Libido und des Triebes zu, wie er sich in 
der Freudschen bzw. psychoanalytischen Schule dargestellt findet. 

Vorerst wird eine Scheidung getroffen zwischen Trieb und anderem physio¬ 
logischen Reiz. 1 ) 

Unter Reiz versteht man etwas von außen Kommendes, das auf die Nerven¬ 
endigungen unseres Nervensystems einwirkt Mittels des uns gegebenen Reflexbogens 
sind wir nun imstande, uns der Einwirkung des Reizes durch Muskelaktion (wörtlich 
nach Freud: Muskelflucht) zu entziehen, indem jener von außen hergebrachte Reiz 
wieder nach außen abgeführt wird. Man könnte nun den Trieb in ein Verhältnis zum 
Reiz bringen, und zwar in das der Subsumption, indem man den Trieb als einen Reiz 
für das Psychische erklärt. An dieser Gleichsetzung hindert uns jedoch die'Er¬ 
wägung, daß es fürs Psychische auch noch andere Reize als Triebreize gibt, die physio¬ 
logischen viel ähnlicher sind. Freud zitiert hier als Beispiel das Auffallen eines starken 
Lichtes auf unser Auge, stellt dies der Austrocknung der Schlundschleimhaut (Hunger) 
gegenüber und meint ersteres sei kein Trieb reiz, wohl aber letzteres. 

Gesichert erscheint die Scheidung von Triebreiz und anderen physiologischen Reizen 
durch die Tatsache, daß hier Unterschiede vorliegen, die nicht einmal eine Analogie 
zwischen beiden hersteilen lassen; während der letztere aus der Außenwelt kommt hat 
der erstere seinen Drsprung im organischen Innern. Reize können durch Muskel¬ 
flucht abgebaut, d. h. abgeführt werden, während dies bei Trieben unmöglich 
ist. Ein Hauptunterschied liegt in der Art des Auftretens: ein Reiz ist vergleichbar einem 
einmaligen dynamischen Stoß und kann, wenn er scheinbar dauernd wirkt, bei 
genauer Betrachtung in Einzelstöße zerlegt werden, die in ihrer Summation statischer Art 
zu sein scheinen. Der Trieb hingegen ist geradezu charakterisiert durch seine statisch 
drängende konstante Kraft, die höchstens quantitativ schwanken kann. Aus dieser Be¬ 
trachtung ergeben sich die adäquateren Ausdrücke „Bedürfnis“ für Triebreiz, 
„Befriedigung“ für die Art seiner Erledigung. 

Zusammengefaßt ist der Trieb charakterisiert 1. durch seinen Ursprung aus dem 
Innern, 2. der Unbezwingbarkeit durch Muskelflucht, 3. durch kon¬ 
stante Kraft. 

Dies die physiologische Betrachtung. 

Vom biologischen Standpunkt des Zweckmäßigkeitsgesetzes aus betrachtet, wird 
die Aufgabe unseres Nervensystems durch Einführung von Triebreizen äußerst kompliziert. 
Während wir bei gewissen physiologischen Reizen die Zweckmäßigkeit in der Reiz- 
bewältigung, d. i. dem Abbau der Reize durch Muskelflucht erkennen, finden 
wir, daß wir bei Triebreizen uns von den Reizobjekten nicht nur nicht entfernen, sondern 
vielmehr zu ihnen hinstreben, da nur auf solche Art eine (momentane) Befriedigung er¬ 
folgen kann. 

Die Zweckmäßigkeit der Triebe liegt also wohl in ihrer Eigenschaft als Motoren 
des Fortschrittes, denn diese sind nur bei innigem Kontakt des Individuums 
mit der Außenwelt möglich, welcher niemals durch physiologische Reize, immer 
jedoch durch Triebe erlangt wird, denn die Befriedigungsobjekte der Triebe liegen in der 
Außenwelt und zu ihnen müssen wir hin. 

Freud trägt auch der Möglichkeit Rechnung, daß Triebe in der Phylogenese ent¬ 
standen sein könnten, durch Niederschläge äußerer Reize, welche Annahme sich 
mit Semons Engrammtheorie*) vollkommen decken dürfte. 

Man kann also vom biologischen Standpunkt aus den Trieb definieren als: 
„Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als psychischen 
Repräsentanten der aus dem Körperinnern stammenden, in die Seele 
gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem 


l ) Freud: Triebe und Triebechicksale (Neurosen-Lehre Bd. IV 7 ). 
*) „Die mnemi8chen Empfindungen“. 


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76 


Wilhelm Reich. 


Seelischen infolge seines Zusammenhanges mit dem Körperlichen auf¬ 
erlegt ist“. 

Am Trieb kann man vier ihn charakterisierende Elemente unterscheiden, die nicht 
fehlen dürfen, wenn von Trieb gesprochen werden soll: Drang, Ziel, Objekt, Quelle. 

ad 1. Der Drang ist das Maß der Arbeitsanforderung, das der Trieb repräsentiert 
und zugleich dessen motorisches Moment. 

Passive Triebe gibt es nicht, höchstens solche mit passivem Ziel. 

ad 2. Ziel ist die Befriedigung, die Aufhebung des Reizzustandes an 
der Triebquelle. 

Zum Ziel gelangt der Trieb immer auf bestimmten Wegen, doch kann es Vorkommen, 
daß der Trieb eine Hemmung oder Ablenkung mit teil weiser Befriedigung erfährt, dann 
spricht man von ziel ge hemmten Trieben. 

ad 3. Objekt ist das die Befriedigung Gebende. Dies kann ein Objekt oder 
Organ der Außenwelt oder ein Teil des eigenen Körpers sein. 

Ein Trieb kann mehrere Objekte haben, ein Objekt mehreren Trieben dienen. (Nach 
Adler: Triebverschränkung.) 

Das Objekt kann stets gewechselt werden, es kann jedoch auch eine dauernde 
Fixierung des Triebes an ein Objekt stattfinden, ein Moment, welches, wie wir später 
hören werden, in der Ätiologie der Neurosen die größte Rolle spielt. 

ad 4. Unter Quelle versteht Freud ,jenen somatischen Vorgang in einem 
Organ oder Körperteil, dessen Reiz im Seelenleben durch den Trieb 
repräsentiert wird“. 

Eine Einteilung der Triebe nach Objekt oder Zielen ist wegen deren Variabilität un¬ 
möglich, ebenso die nach dem drängenden Charakter; denn dieser ist allen Trieben, wenn 
auch quantitativ verschieden, eigen. 

Es bleibt noch die Einteilung nach den Quellen, und da gelangt man auf zwei nicht 
weiter zerlegbare Urtriebe: die Selbsterhaltungstriebe und die Sexualtriebe. 
Erstere dienen der Erhaltung des Individuums, letztere der der Art. 

Die Einteilung hat sich in der Psychoanalyse aus der Erkenntnis der Ätiologie der 
sog. Übertragungsneurosen (Hysterie und Zwangsneurose) ergeben. Auch vom Standpunkte 
der Biologie scheint diese Einteilung (siehe oben) gestützt. Allerdings gibt es hier zwei 
Ansichten: 

1. Das Individuum ist selbständig, die Sexualität eine seiner Betätigungen. 

2. Das Individuum ist ein Anhang an das unsterblicho Keimplasma. 

Freud ist der Ansicht, daß die Quelle des Sexualtriebes in spezifisch sexuellen, 
chemischen l ) Vorgängen zu suchen sei, daß unser Organismus von Sexualstoffen duich- 
flossen sei, deren Anhäufung an gewissen Stellen (glans plenis, Klitoris, Mund, After) 
diese zu erogenen Zonen mache. 

Freuds sexueller Chemismus liegt aber nicht nur dem Bestehen des Triebes, 
sondern auch seiner quantitativen Veränderung zugrunde. Durch äußere Reize werden 
sexuelle (chemische) Vorgänge und mit ihnen die treibende Kraft der Libido (also mittelbar) 
verstärkt. Allerdings sind das Probleme, die der Erforschung harren. 

Wir finden hier mehr als bloße Beschreibung der Äußerungen des Geschlechts¬ 
triebes; Freud versucht das Rätsel der Trieb-Genese zu lösen, er erhebt die Libido, 
zu einem Begriff der Energie, die durch Umsetzung einer anderen (siehe chemische 
Theorie) entstanden, sich teils in ihrer spezifischen Eigenschaft als Fortpflauzungseneigie 
in die Energie eines neuen Lebewesens, teils durch Umsetzung in geistige 
Errungenschaften (Sublimierung) betätigt 

Der Freudsche Begriff der Libido läßt sich ungefähr in folgender allgemeiner 
Definition zusammen fassen: Der Geschlechtstrieb ist eine quantitativ ver¬ 
änderlich treibende Kraft. Er ist beim Erwachsenen eine Vereinigung vielfacher 
Regungen des Kindes zu einer Einheit, einer Strebung mit einem Ziel. — Seine 
Energie, die Libido, ist jedoch grundverschieden von der anderen psychischen Er¬ 
scheinungen zugrunde liegenden Energie wegen besonderen Ursprungs und erhält mithin 
auch einen qualitativ anderen Charakter! Diesem qualitativ besonderen Charakter liegt 
(wahrscheinlich) ein besonderer Chemismus zugrunde, der die Libido von anderen psychischen 
Erscheinungen scheidet. 


l ) Ähnliche Theorien sind von biologischer Seite oft aufgestellt vrorden: 0. Hert- 
wigs, „Sexuelle Affinität“ (Allg. Biologie); Pfeffer, Die Samenfäden werden durch 
von den Eizellen ausgeschiedenen Substanzen angelockt; Nägelis Theorie: Die sexuelle 
Anziehung bestände in elektrisch(-chemisch) wirksamen Kräften (zitiert nach 0. Hertwig). 


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Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 


77 


Beim Kinde ist die Libido eine rein narzißtische sogenannte Ichlibido, die 
von sämtlichen Körperteilen beinahe gleichmäßig beliefert wird. In diesem Stadium 
charakterisiert sie sich dadurch, daß auch all das dem Ich ein verleibt wird, was, obwohl 
in der Außenwelt liegend, dem Kinde doch Quelle von Lustgefühlen ist (Introversion). 

Diese narzißtische Libido ist das Primäre, Ursprüngliche, aus dem sich 
mit vorrückender Entwicklung die Objektlibido entwickelt, d. h. Besetzung von 
sexuellen Objekten mit „Feldwachen“ des „Hauptpostens“ Ichlibido. Hier erst 
wird die Libido untersuchungsfähig, das Individuum leitet die sexuellen Betätigungen an 
rein sexuellen Objekten mit seinem Willen und stattet effektiv asexuelle Interessen mit 
libidinösen Zuschüssen aus. Befriedigung dieser Objektlibido bedeutet soviel, 
wie teiiweises Erlöschen — Zurückziehen der Objektlibido (meist nur für kurze 
Zeit), die jetzt wieder zur Ichlibido wird. Dieses Zurückziehen der Objektlibido und der 
libidinösen Zuschüsse kanu jedoch auch pathologisch wirken, wie bei der Schizophrenie 
(Höhepunkt: katationer Stupor). 

Dio Betätigungen an den erogenen Zonen wirken erhöhend auf die eventuell 
bereits vorhandene Spannung, die in uns Lustgefühle und Begehren nach noch höherer 
Lust aaslöst (die sog. Vorlust). Die End last ist die Befriedigung und Entspannung, 
jedoch erst mit physiologisch gereiftem Gesehlechtsapparat neu hinzugekommen*), während 
der Vorlastmechanismus bereits in der infantilen Sexualität zu finden ist 

Doch birgt die VQrlust in sich dieselben Gefahren, wie die Partialtriebe 
der Kindheit. Auch hier kann Fixierung an ein Element des Vorlustmechanismus er¬ 
folgen, besonders dann, wenn der betreffende Partialtrieb auch in der Kindheit stark be¬ 
tont war. Folge davon ist dann das stete Verweilen bei den vorbereitenden Akten. 

Was die weitere Entwicklung der Libido bei Mann und Weib an belangt, so ist dabei 
folgendes zu beachten: 

ln der Kindheit ist die Art der Betätigung der Libido, die auf Lustgewinn ausgeht, 
bei Mann und Weib identisch, bei beiden aktiv. Neben den anueren erogenen 
Zonen erfolgt bei beiden die Erlangung vou Lust am morphologisch selben Organ: beim 
Knaben am Penis, beim Mädchen am rudimentären Penis, der Klitoris. Erst 
in der Pubertät erfolgt die Differenzierung der weiblichen Libido; soll das Weib sexuell 
normal werden, so ist es unbedingt notwendig, daß sich die Erogenität von der 
Klitoris auf die Vaginalschleimhaut verschiebe, die K1 itorissexualität 
muß verdrängt werden. Beim Weibe treten auch die Reaktionsbildungen meist 
früher auf, im allgemeinen ist beim Weibe eine größere Verdrängung nötig, denn sie 
muß in die Passivität hinüberlenken, während sie vorher ebenso wie der Mann aktiv 
libidinös war. 

Während nun beim Manne der Libidodurchbruch in der Pubertät auch weiterhin 
in denselben Bahnen verläuft, resultieren beim Weibe ans der notwendigen Verdrängung 
der Klitorissexualität 8exnalhemmnisse, die einen besonderen Reiz abgeben für die 
Aggression der männlichen Libido und mit einen Grund bilden für die damit verbundene 
Sexualüberschätzung. Anästhetische Frauen sind stets solche, die ihre 
Klivorissexualität nicht oder ungenügend verdrängt haben. In diesem notwendigen Ver- 
drängungsrneehanismus ist auch der Grund für die größere Neigung der Frauen zur 
Hysterie zu suchen. 

Zusammengefaßt bestehen die Aufgaben der Pubertät: 

1. In der Vereinigung der Partialtriebe unter das Primat der Genitalien 
(beim Weibe außerdem Verschiebung der Sexualität von Klitoris auf Vagina). 

2. in der Objektfindung. (Über die Gefahren s. S. 28.) 

Nach Freud können Triebe vier Schicksale erfahren: 

I. Verkehrung ins Gegenteil. 

II. Wendung gegen die eigene Person. 

III. Sublimierung. 

IV. Verdrängnng. 

ad. I. Z. B. Sadismus in Masochismus, Schaulust in Exhibition (Wendung von der 
Aktivität zur Passivität). 

ad. II. Besteht in der Verkehrung des Objektes (im Gegensatz zur Verkehrung des 
Zieles bei I) z. B. 8adismus (Objekt: fremde Person) — Masochismus (Objekt: 
eigene Person). 

ad. III. Z. B. Ablenkung des homosexuellen Triebes auf die Gemeinschaft (vgl. 
Blüh er: „Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft 11 ) oder die künstlerische 
Produktivität. 

l ) Das Wesen des kindlichen Orgasmus ist noch nicht aufgeklärt. 


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Wilhelm Reich. 


Die Partialtriebe des Kindes unterliegen vom ungefähr 4.-5. Lebensjahr (dem Beginn 
der Latenzperiode) an teils der Sublimierung und Verdrängung, Schicksale, 
die in ästhetischer, ethischer und kultureller Beziehung von größter Bedeutung sind, teils 
erfahren sie eine Verstärkung mit Fortpflanzungstendenz. 

Die Sublimierung ist ein Vorgang am Trieb, die geglückte Verdrängung 
am Objekt; von mißglückter Verdrängung wird gesprochen, wenn mit oder ohne 
Objekt auch der Trieb verdrängt wurde. In diesem Falle ist Sublimierung ausgeschlossen. 
Diese setzt als Operation am Trieb eine glückliche Verdrängung des Objektes voraus. 
Bei der Sublimierung behält der Trieb seine Richtung, nachdem das ursprüngliche Objekt 
verdrängt wurde zum Unterschiede von der Reaktionsbildung: diese (z. B. Ekel) ist so¬ 
zusagen ein gegen sich selbst gewendeter Trieb (anale Erotik). 

Die Reaktionsbildungen, Ekel, Scham, Moral, gehen hervor aus der Ko- 
prophilie, Anal- und Urethralerotik, Exhibitionismus u. a. m. (Freud: 
Charakter und Analerotik) in der Zeit vom 5.—10. Lebensjahr, die homosexuelle 
Triebkomponente, ebenso die Klitorissexualität müssen (letztere in der 
Pubertätszeit) verdrängt werden. (Damit ist die Zahl der dem Sublimierungs- und Ver¬ 
drängungsmechanismus dienenden Objekte noch lange nicht erschöpft.) 

Sowohl in der Phylogenese als auch Ontogenese ist zu beobachten, daß mit fort¬ 
schreitender Entwicklung der psychischen Funktionen die Sublimierung wächst und zwar: 
teils als Umsetzung der Triebe in höhere, verfeinerte Erotik (Forel: psychische 
Ausstrahlungen des Geschlechtstriebes), teils in Form der desexualisierten Trieb¬ 
kräfte (Jung) und deren libidinöser Zuschüsse. 

An das vierte Moment, die Verdrängung (im pathologischen Sinn: mißglückte 
Verdrängung) knüpft die gesamte psychoanalytische Neurosenlehre an; hier soll von ihr 
nur das hervorgehoben werden, was für das Verständnis der Libidoschicksale von Be¬ 
deutung ist. Von der Verdrängung gewisser infantiler Triebkomponenten zum Zwecke 
normaler Sexualentwickluog sprachen wir bereits. Auch hier wird oft mit der notwendigen 
Verdrängung der Grund gelegt für früher oder später hervorbrechende Störungen 
der Psyche, wenn nämlich der betreffende Partial trieb besonders betont war oder sonst 
der Neurose günstige hereditäre und konstitutionelle Bedingungen vorliegen. 

Unter Verdrängung im allgemeinen versteht man „jenen Vorgang, bei dem ein 
Erlebnis oder Gedanke, der nicht traumatischer Natur, aber bewußtseinsfähig sein muß, 
und dem Bewußten oder Vorbewußten angehört, unbewußt gemacht oder überhaupt nicht, 
wenn es sich um einen bewußtseinsfähigen Akt handelt, ins Vorbewußtsein gelassen wird. a 
(Freud „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ und „Kleine Schriften zur 
Neurosenlehre“.) 

Eine häufige und praktisch wichtige Folge der Triebverdrängung ist die Angstent¬ 
wicklung: Angst ist Libido mit negativem Vorzeichen (S. Freud: die Schick¬ 
sale des kleinen Hans in „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben.“) Z. B. Eine 
geliebte Person wird nach deren Verdrängung (Objekt) durch eine Ersatz Vorstellung er¬ 
setzt, z. B. Hund für Vater; die Liebe zum Vater schlägt dann in Angst vor dem 
Hunde um. 

Der Libido drohen auf dem Wege ihrer Entwicklung zwei Gefahren, die der 
Hemmung, welche eine Fixierung zur Folge hat, und die der Regression. Können 
Anteile libidinöser Funktionen beim Passieren gewisser vorbereitender Phasen dieselben 
nicht überwinden, dann erfolgt eine teilweise Fixierung, d. h. „ein Verharren eines 
Tailes der sexuellen Funktion auf frühen Stufen der Entwicklung“. — Stoßen Funktionen 
in höheren Entwicklungsstadien auf starke äußere Hindernisse, dann kehren sie auf jene 
Stufe der Entwicklung zurück, in der der Erreichung ihres Befriedigungszieles weit 
weniger Hindernisse im Wege stehen. Die Regression wird umso stärker, umfassender 
sein und leichter stattfinden, je größer jene Hindernisse sind und je größere Fixierungen 
bereits stattgefunden haben. Und zwar kann man hier zwei Fälle unterscheiden: eine 
Rückkehr der Libido zu der von ihr in früheren Entwicklungsstufen besetzten Objekten, 
die meist inzestuöser Natur sind, ferner eine Rückkehr der gesamten Sexual¬ 
organisation zu einer früheren Stufe. 

Die Regression darf mit Verdrängung nicht verwechselt werden. Erstere ist kein 
rein psychischer Vorgang, sondern von organischen Faktoren mit bestimmt. Hier 
spielt das Rückläufige die Hauptrolle. Die Verdrängung hingegen ist ein „psycho- 
topisch-dynamischer u Begriff, bei dem es auf das Rückläufige nicht ankommt. 
Die Verdrängung ist der Regression untergeordnet und wesentlich topisch bestimmt. 

Zur Entstehung einer Neurose sind drei Momente notig: 

1. Die äußere Versagung (als exogener Faktor), d. h. die fehlende Möglichkeit 
der Libidobefriedigung. Als Ersatz für die versagte Befriedigung tritt dann 


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Trieb' und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 


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das Symptom auf, doch maß nicht jede versagte Befriedigung neurotische Erkrankung 
zur Folge haben. Die sexuellen Partialtriebe haben nämlich das Eigentümliche an sich, 
daß bei Versagung des einen ein anderer in verstärktem Maße an seine Stelle tritt oder 
Sublimierung erfolgt. Die Fähigkeit zur Sublimierung ist individuell verschieden, 
auch kann nicht immer der ganze Partialtrieb sublimiert werden. Die Vertretbarkeit 
und Sublimierung sind also Mittel, die verhindern, daß Versagungen immer Ursache 
pathologischer Erscheinungen werden. 

2. Libidofixierung (als endogener Faktor). Unvollkommene Entwicklung der 
Libido bewirkt Libidofixierung, die der realen Befriedigung entgegensteht, weshalb 
sie ebenfalls Veranlassung zu neurotischen Erkrankungen gibt — Bei jeder Neurose 
ist eine Fixierung nachzuweisen, nicht aber vice versa. 

ln der Ätiologie der Neurose spielen sowohl Sexuaikonstitutionen 
(-Fixierung), als auch akzidentelles oder traumatisches Erleben (z. B. 
Versagung) eine Holle; beide bilden in ihrer Summation eine Konstante: Sexual - 
konstitution und akzidentelles Erleben ist eine Ergänzungsreihe. — 
Die Disposition durch Libidofixierung bildet allein wieder die Konstante 
einer Ergänzungsreihe; Konstitution (prähistorisches Erleben) und, 
infantiles Erleben. 

Im ganzen ist aber eine Neurose bestimmt durch: 

1. Prähistorisches Erleben. 

2. Infantiles Erleben. 

3. Rezentes Erleben. 

Alle drei müssen vorhanden sein und zwar als Ergänzungsreihe. Über wiegen erstere 
Glieder, so genügt ein geringfügiger rezenter Anlaß zum Verfall in die Neurose und 
vice versa. 

3. Psychische Konflikte: Diese bestehen im Kampfe zwischen Wunsch¬ 
regungen und werden durch die Versagung herauf beschworen. Damit ein Konflikt pathogen 
werde und zur Neurose führe, muß zur äußeren Versagung die innere Versagung 
dazu kommen. Zur Erreichung der Libidobefriedigung gibt es (bei Versagung) mehrere 
Wege, Verstellung und Sym ptombildung. Die äußere Versagung nimmt die eine 
Möglichkeit, die innere schließt jede andere aus, und so entsteht der Konflikt aus beiden. 
Die bedeutungsvollsten Konflikte sind die zwischen Ich- und Sexualtrieben, indem 
letztere durch erstere gehemmt werden, sodaß man die psychischen Konflikte definieren 
kann als Kampf zwischen Ich und Sexualität. (Ich im psychoanalytischen Sinne als 
das Bewußtseinsfähige, sozial Gerechte). 

Die Entwicklung des Ichs läuft der der Libido parallel mit gegenseitiger Einflu߬ 
nahme. Wird die Libido an irgendeinem Punkte fixiert, dann gibt es zwei Möglichkeiten: 
1. Das Ich gibt nach, dann entsteht Perversität oder 1 nfantilismus. 2. Das Ich 
gibt nicht nach, dann erfolgt der Konflikt, Verdrängung der Libido und Neurose. 

Der Unterschied zwischen Ich- und Sexualtrieben läßt sich folgendermaßen 
zusammenfassen. Ichtriebe sind charakterisiert: 1. durch Anerziehungsmöglichkeit in 
der Ontogenese. 2. Änderung der Objekte mit Zeit und Ort. 3. Beeinflu߬ 
barkeit durch das Realitätsprinzip, d. h. Ausgehen auf später eintretenden, modi¬ 
fizierten, verminderten Lustgewinn. 

Die Sexualtriebe: 1. DurclTdie deutliche phylogenetische Entwicklung 
(in der Ontogenese lediglich Eindämmung). 2. Immer dieselben Objekte, 
sonst Autoerotismus. 3. Unverständigkeit und Unbeeinflußbarkeit unter¬ 
liegen dem Lustprin zip, d. h. Ausgehen auf Gewinnung von rascher, großer Lust. 


III. Primärer Narzißmus. 

Unter Narziß mus 1 ) versteht man im allgemeinen jene Perversion, in der das 
Individuum seine Libido nicht auf ein außerhalb seiner Person gelegenes Sexualobjekt 
richtet, sondern seine eigene Person zu einem solchen macht und es durch sexuelle Hand¬ 
lungen an sich selbst (Masturbation vor dem Spiegel, Beschauen, Betasten und Streicheln 
des eigenen Körpers) zum Orgasmus bringt. Nun hat aber die psychoanalytische Forschung 
anfzeigen können, daß dem Narzißmus nicht nur Bedeutung als Perversion zukommt, 
er vielmehr in der Sexualentwicklung eines jeden Menschen eine ganz bestimmte Stelle 
einnimmt, innige Beziehungen zum Ich, anderen Perversionen (Homosexualität) und 
gewissen Psychosen (Paranoia und Dementia praecox) hat. 


l ) Freud, Zur Einführung des Narzißmus (Neurosen-I^ehre Bd. IV). 


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Wilhelm Reich. 


Freud verweist auf die Schwierigkeiten, die sich dem Studium des Narzißmus 
entgegenstellen und sagt wörtlich: „ .. . und endlich Jag die Vermutung nahe, daß eine 
als Narzißmus zu bezeichnende Unterbringung der Libido in viel weiterem Umfange in 
Betracht kommen und eine Stelle in der regulären Sexualentwicklung des Menschen be¬ 
anspruchen könnte. Auf die nämliche Vermutung kam man von den Schwierigkeiten der 
psychoanalytischen Arbeit an Neurotikern her, denn es schien, als ob ein solches nar¬ 
zißtisches Verhalten derselben eine der Grenzen ihrer Beeinflussung herstellte. Narzißmus 
in diesem Sinne wäre keine Perversion, sondern die libidinöse Ergänzung zum Egoismus 
des Selbsterhaltungstriebes, von dem jedem Lebewesen mit Recht ein Stück zugeschrieben 
wird. u 

Die Notwendigkeit der Annahme eines primären normalen Narzißmus hätte sich 
aus der Beobachtung der Dementia praecox (Kräepetin, Paraphrenie-Freud, Schizophrenie- 
Bleuler) ergeben. Solche Kranke zeigen zwei fundamentale Charakterzüge: Größen¬ 
wahn und Abwendung ihres Interesses von der Außenwelt Besonders 
letzteres Moment bewirke ihre Unzugänglichkeit und Unbeeinflußbarkeit durch psycho¬ 
analytische Behandlung. 

Die Abwendung des Interesses sei eine Folge des Aufgebens der Objektbesetzungen 
(durch Iibido); diese (früher Objektlibido) wird zur Ich-Libido, erleidet eine Intro¬ 
version. Dies ist die von Jung eingeführte Bezeichnung für jenen Vorgang, bei dem 
die Psychoneurotiker (Hysteriker und Zwangsneurotiker) ihre auf Objekte ausgesendete 
Libido von diesen zurückziehen und Phantasien zuwenden, zum Unterschiede 
von der Schizoph renie, die die zurückgezogene Li bido nicht mitPhan- 
tasien besetzt. Die Folge davon sei dann der Größenwahn, der hiermit auf Kosten 
freigewordener Objektlibido entstanden ist. Nun ist ab« r der Größenwahn die Verdeut¬ 
lichung, die pathologische Verzerrung eines schon früher bestandenen Zustandes, welch 
letzterer auf jenem primären, normalen Narzißmus aufgebaut ist, während der durch die 
Einziehung der Objektlibido (Größenwahnbildung) entstandene als sekundärer aufzufassen 
ist, der den primären überdeckt. 

Ähnliche Erscheinungen seien im Seelenleben primitiver Völker 1 ) und dem der 
Kinder zu beobachten. Bei ersteren eine „Überschätzung der Macht ihrer Wünsche 14 , 
„Glauben an die Zauberkraft der Worte 44 und schließlich die „Magie 41 , die als Technik 
gegen die Welt aufzufassen sei, „als konsequente Anwendung dieser größensüchtigen 
V oraussetzungen. 44 

Aus all diesen Beobachtungen habe sich die Auffassung einer ursprünglichen Libido¬ 
besetzung des Ich ergeben, von der dann Besetzungen an Objekte ausgesandt worden, 
die jedoch jederzeit zurückgezogen werden können. Die Libido (Sexualenergie) ist nur 
im Zustande der Objektlibido untersuchungsfahig. In der Ichbesetzung verschmelze sie 
mit den Ichtrieben und sei hier von letzteren ununterscheidbar. 

Ich- und Objektlibido stehen zueinander in verkehrt proportionalem Verhältnis, jede 
Verarmung der einen bringt eine Bereicherung der anderen, und umgekehrt. Die größte 
Verarmung dor Ichlibido ergibt sich im Zustande der Verliebtheit, in der alle Libiao aufs 
Objekt abströrat. Den Gegensatz zu dieser (Verarmung der Objektlibido) bilde die Phan¬ 
tasie der Paranoiker vom Weltuntergang. 

Wenn es nun einen Zustand des Ich mit primärer Libidobesetzung gäbe, in dem 
Ich- und Sexualtriebe ununterscheidbar und vorläufig ununtersuchbar seien, so erhebe sich 
die Frage, wozu es dann noch notwendig sei, Sexualenergie (Libido) von einer Energie 
der lchtriebe zu trennen. 

Freud gibt die Möglichkeit zu, daß die Sexualenergie, die Libido, „im tiefsten 
Grunde und in letzter Ferne 44 das Differenzierungsprodukt einer allgemeinen psychischen 
Energie sein könne, doch habe sich die Unterscheidung von Ich- und Sexualtrieben aus 
den Untersuchungen der Übertragungsneurosen ergeben und bewährt; jene Behauptung 
sei nicht belangreich, denn jene Uridentität sei so weit entfernt von den gegenwärtigen 
Problemen und habe „mit den analytischen Interessen so wenig zu tun, wie die Ur¬ 
verwandtschaft aller Menschenrassen mit dem Nachweis der von der Erbschaftsbehörde 
geforderten Verwandschaft mit dem Erblasser 44 . Außerdem sei die Einteilung in Sexual- 
und lchtriebe auch biologisch gestützt durch die Herren, denen sie zu dienen haben: 
Keimplasma und Individuum. Das letztere hält (von seinem „individuellen Lustprinzip 44 
ans) die Sexualität für eine seiner Absichten, während man vom Standpunkt der „objek¬ 
tiven Fortpflanzungstendenz* 4 aus das Individuum als Anhängsel des Keimplasmas betrachten 
könne. Jene Uridentität von Sexual- und Ichtrieben hat nämlich Jung 2 ) angenommen 

l ) Freud, Totem und Tabu. 

-) Jung: Wandlungen und Symbole der Libido (siehe Referat darüber unten). 


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Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 


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und behauptet, Freud hätte die Libidotheorie für Paranoia und Dementia praecox er¬ 
weitert, da die Anwendung derselben bei letztgenannten Psychosen sich als unmöglich 
erwiesen habe. Jung meint seinerseits, Introversion der Libido führe immer in die 
Neurose, niemals jedoch in die Dementia praecox; er will den Realitätsverlust bei den 
Psychosen verursacht wissen aus der Rückziehung des Interesses überhaupt (nach Freud: 
Rückziehung nur des libidmösen Interesses, Besetzung des Ich mit Libido und Rück¬ 
wirkungen dieses Vorganges auf die Beziehungen des Ich zur Außenwelt), läßt dann 
Libido mit Interesse überhaupt zusammenfallen und erklärt dies mit seiner ,genetischen 
Libidotheorie“. 

Freud ist der Ansicht, daß ebenso, wie die Übertragungsneurosen eine Erforschung 
der Sexualtriebe ermöglicht hätten, jene der Ichtriebe auf dem Wege über das 8tudium der 
Psychosen erfolgen werde und verweist auf drei andere Möglichkeiten, den Narzißmus 
zu erforschen : durch die Betrachtung der organischen Krankheit, der Hypochondrie und 
das Liebesieben der Menschen. 

Es ist eine Beobachtung, die jeder machen kann, daß organisch Erkrankte ihre 
Libido von den Objekten zurückziehen, während der Dauer ihrer Krankheit zu lieben 
auf hören und diese freigewoidene Libido dem erkrankten Organ zuwenden. Ein ähnliches 
Zurückziehen der Libido bringe der Sihlafzustand mit sich, wozu noch der Egoismus der 
Träume komme, ln beiden Fällen Änderung der Libidoverteilung, hervorgerufen durch 
Veränderungen im Ich. 

Der Hypochondrische zieht sein Interesse und ganz besonders deutlich die Libido 
zurück und konzentriert sie auf dasjenige Organ, dem die schmerzhaften Empfindungen 
angehängt sind, da es sich hier zum Unterschiede von der organischen Krankheit 
nicht um wirkliche Sensationen handelt. Und doch muß, wie Freud sagt, „die Hypo¬ 
chondrie Recht behalten, die Organverändorungen dürfen auch bei ihr nicht fehlen“. 
Es kommt nämlich allen Organen eine gewisse Erogenität (d. i. die Fähigkeit sexuell 
erregende Reize ins Seelenleben zu schicken) zu und jeder Steigerung oder Herabsetzung 
derselben an einem bestimmten Körperteil könnte «ehr wohl eine Veränderung der 
Libidobesetzung im Ich parallel gehen. 

Jede Libidobesetzung im Ich wird mit der durch sie bewirkten höheren Spannung 
als Unlust empfunden und die Frage, was denn das Individuum nötige, über den nar¬ 
zißtischen Standpunkt hinauszugehen und Objektbesetzungen auszusenden, ist damit be¬ 
antwortet, daß eben jene durch Libidostauung bewirkte unlustvolle Spannung die Aus¬ 
sendung von Libido bewirke. „Ein starker Egoismus schützt vor Erkrankung, aber endlich 
muß man beginnen zu lieben, um nicht krank zu werden, und muß erkranken, wenn 
man infolge Versagung nicht lieben kann“. 

Unser seelischer Apparat hat die Fähigkeit, Reizgrößen zu verarbeiten und es ist 
für die Verarbeitung gleichgültig, ob sie an realen oder imaginierten Objekten erfolgt. 
Der Unterschied trete erst später in Form der Libidostauung bei Introversion (irreale 
Objekte) hervor. Der Größenwahn der Paraphrenien ist eine ähnliche Verarbeitung der 
ins Ich zurückgekehrten Libido. Bei dei Angstneurose schlägt die gestaute Libido in 
neurotische, bei der Hypochondrie in hypochondrische Angst um. Der Unterschied besteht 
darin, daß es sich dort um gestaute Objektlibido (an Phantasieobjekten), hier um 
gestaute Ichlibido (im Ich) handelt. 

Das Studium des Narzißmus ist ferner zugänglich gemacht durch Beobachtungen 
des Liebeslebens der Menschheit. Und da lassen sich zwei Typen der Objektwahl unter¬ 
scheiden: der Anlehnungs- und der narzißtische Typus. Im ersteren Falle liebt 
man nach dem Vorbild jener Personen, die mit der Wartung des Menschen in seiner 
ersten Kindheit betraut waren; im letzteren liebt man das, was man selbst ist Diese 
Einsicht hat das Studium der narzißtischen Perversion und Homosexualität gelehrt. Doch 
lieht man niemals nach einem dieser Typen allein, vielmehr bilden beide innerhalb eines 
Individuums eine Ergänzungsreihe. 

Hier ergeben sich auch Unterschiede in der Objektwahl bei Mann und Weib. 
Charakteristisch für ersteren ist die Objektwahl nach dem Anlehnungstypus. Die auf¬ 
fallende Sexualüberschätzung entstammt dem kindlichen Narzißmus und entspricht einer 
Übertragung desselben auf das Objekt. Beim Weibe jedoch gehe mit der starken Ent¬ 
wicklung der Sexualorgane in der Pubertät eine Verstärkung des primären Narzißmus 
einher, welche die Gestaltung einer mit Sexualüberschätzung ausgestatteten Objektliebe 
unmöglich macht. Bei großer Schönheitsentwicklung stellt sich eine Selbstgenügsamkeit 
ein, die eine Entschädigung sein kann für die dem Weibe verwehrte freie Objektwahl. 
Aber auch im Bewerbungsmechanismus spielt der Narzißmus des Weibes eine große Rolle, 
wie der Reiz des Kindes auf dessen Selbstgenügsamkeit und Unzulänglichkeit, der vieler 
Tiere, Katzen und großer Raubtiere, darauf beruht, daß sie sich um uns nicht zu be- 
Zaitachr. f. Sexualwissenschaft IX. 3. t> 


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82 


Wilhelm Reich. 


kümmern scheinen. Frauen lieben in der Mehrzahl in dem Maße, als und nur deshalb, 
weil man sie liebt 

Aber auch die Frau sei der Objektliebe zugänglich in zwei Fällen: sie bringt dem 
Kinde als Projektion eines Teils ihrer Ichs in die Außenwelt volle öbjektliebe entgegen; 
sie, die selbst vor der Pubertät männlich gefühlt haben und diese Eigenschaft dann auf¬ 
geben mußten, liebt im Manne das männliche Ideal, das eine Fortsetzung ist ihres auf¬ 
gegebenen knabenhaften Wesens. 

Und da das Kennzeichen der Überschätzung sich als ein sicheres 
narzißtischesStigma erweist, ist auch die Elternliebe nichts anderes, als der wieder¬ 
geborene Narzißmus derselben. Ist doch die Überschätzung der guten Eigenschaften 
der eigenen Kinder eine allbekannte Tatsache, man schreibt dem Kinde zu und wünscht 
ihm all das, was den Eltern versagt geblieben war. „Krankheit, Tod, Verzicht auf Genuß, 
Einschränkung des eigenen Willens sollen für das Kind nicht gelten, die Gesetze der 
Natur wie der Gesellschaft vor ihm haltmachen, es soll wirklich wieder Mittelpunkt und 
Kern der Schöpfung sein u . 

Für die Wege der Objektwahl gibt Freud folgende kurze Übersicht: 

Man liebt nach dem narzißtischen Typus: 

1. Was man selbst ist (sich selbst). 

2. Was man selbst war. 

3. Was man selbst sein möchte. 1 ) 

4. Die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war (das Kind). 

Man liebt nach dem Anlehnungstypus: 

1. Die nährende Frau. 

2. Den schützenden Mann. 

Beim normalen Erwachsenen sieht man den infantilen Narzißmus nur noch verwischt, 
und da nicht angenommen werden kann, daß alle Libido als Objektlibido verausgabt ist, 
bleibt die Frage nach dem Verbleib Ae r Ichlibido offen. Wir wissen, daß alle libidinösen 
Triebregungen, die mit den ethischen und kulturellen Vorstellungen in Konflikt geraten, 
verdrängt werden, und zwar geht die Verdrängung von der Selbstachtung des leb 
aus. Ein Ideal-Ich wird aufgerichtet und die Messung des aktuellen Ich an jenem gibt 
die Bedingung für die Verdrängung ab. Bei Menschen, die in sich ein solches Ideal 
nicht aufgerichtet haben, erleiden jene Triebregungen auch keine Verdrängung. Dieses 
Ideal-Ich ist nun Objekt der Selbstliebe, die in der Kindheit dem Lust-Ich galt Die 
Unfähigkeit der Libido, auf einmal genossene Befriedigung zu verzichten, das Nicht- 
aufgebenwollen der narzißtischen Kindheit, bewirkt die Aufstellung jenes Ideals, das nur 
ein Ersatz für jene ist. 

Die Idealbildung ist aber wohl zu unterscheiden von der Sublimierung. 
Letztere ist ein Vorgang an der Objektlibido, indem diese von einem sexuellen auf 
ein asexuelles Gebiet gelenkt wird. Erstere geht am Objekt vor sich, indem dieses 
psychisch erhöht wird. 

Die Idealbildung fördert zwar eine Sublimierung, diese kann durch sie angeregt 
aber niemals erzwungen werden. Die Spannungsdifferenz zwischen Idealausbildung und 
Sublimierungsfähigkeit ist einer der wichtigsten Faktoren in der Neurosenätiologie. In 
bezug auf die Verdrängung und mit dieser auf die Neurose sind sie sogar antagonistisch : 
die Idealbildung erhöht die Anforderung an das Ich, begünstigt daher die Verdrängung, 
während die Sublimierung das einzige Mittel ist, ohne Verdrängung oder Perversions¬ 
bildung die Konflikte zwischen Ich und Sexualität zu lösen. 

Das Gewissen ist jene Instanz, welche über die narzißtische Befriedigung aus dem 
Ideal-Ich zu wachen hat. Der paranoische Beobachtung swahn ist nichts anderes, 
als das nach außen projizierte Gewissen, das jetzt in regressiver Form (so wie es ent¬ 
standen) dargestellt wird; denn Ich-Ideal und sein Wächter, das Gewissen, sind entstanden 
aus Anregungen von außen her, unter dem kritischen Einfluß der Eltern, Erzieher, öffent¬ 
liche Meinung usw., so daß jetzt das eigene Gewissen als Fortsetzung jenes äußeren er¬ 
scheint. Das Sträuben der Paranoiker gegen jene „zensorische Instanz“ sei in der Art 
zu erklären, daß zum Aufbau des Ich-ldeals ein großer Teil homosexueller Libido ver¬ 
wendet wurde und nun diese, da das Individuum sich von jenen Einflüssen freimachen 
will, zurückzieht. Aus der paranoischen Klage sei auch zu schließen, daß das Gewissen 
mit der Selbstbeobachtung, auf der es auf gebaut ist, zusammenfällt. 

Auch auf anderen Gebieten, wie z. B. dem des Traumes, sei jener kritisch beobach¬ 
tende Zensor zu erkennen und Freud glaubt, daß die Traumzensur das Werk jenes 

l ) Wird später erklärlich. 


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Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 


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lch-Ideals und des Gewissens sei, darauf schließend aus dem „funktionellen Phänomen u 
H. Silberers; dieser hatte nämlich gezeigt, daß es eine Selbstbeobachtung während des 
Traumes gäbe im Zustande zwischen Schlafen und Wachen, wo man das Umsetzen von 
Gedanken in visuelle Bilder direkt beobachten könne. Doch handle es sich hierbei nicht 
um Darstellung eines Gedankeninhaltes, sondern um die des momentanen Zustandes des 
Schläfers, der in visuelle Bilder umgesetzt in den Trauminhalt verwoben wird. 

Das Selbstgefühl ist der Ausdruck der Ichgröße und wird durch all das, was man 
erreicht hat und besitzt, gesteigert. Es befindet sich in starker Abhängigkeit von der 
narzißtischen Libido, Nichtgeliebtwerden erniedrigt, Geliebtwerden (das Ziel der narzi߬ 
tischen Objektwahl) erhöht das Selbstgefühl. Lieben d. h. (in der Libidoformel ausgedrückt) 
Besetzung von Objekten mit Libido, wirkt erniedrigend infolge Abhängigkeit vom geliebten 
Objekt Eine ähnliche Beobachtung sei auch bei den Übertragungsneurosen zu machen, 
bei denen das Besetzen von phantasierten Objekten mit Libido eine Herabsetzung das 
Selbstgefühls bewirkt, im Gegensatz zur Steigerung desselben bei Paraphrenikem. Befrie¬ 
digung der Objektlibido ist an der Bildung und Erhaltung des Selbstgefühls mitbeteiligt 
Nachdem nun die Funktion des Ich-Ideals klar ist, erklärt sich jene narzißtische 
Objektwahl (3): man liebt, was man selbst sein möchte. Wenn die narzißtische Befriedigung 
auf reale Hindernisse stößt, tritt an ihre Stelle das Sexualideal (das durch Überströmen 
von Objektlibido zum Ideal erhobene Objekt) zur Ersatzbefriedigung. Man liebt dann am 
Objekte jene Vorzüge, die man selbst nicht besitzt oder eingebüßt hat 

Da das Ideal-Ich außer seinem individuellen auch noch einen sozialen Anteil hat 
(das Ideal eines Standes, einer Nation), ist es von Bedeutung für dieMassenpsycho- 
1 ogie. Schuldbewußtsein oder soziale Angst ist in Angst umgeschlagene homosexuelle 
Libido, die neben der narzißtischen an den sozialen Anteil des Ideal-Ich gebunden war 
und durch Nichtbefriedigung desselben frei wurde. Ursprünglich war das Schuldbewußt- 
sein „Angst vor der Strafe der Eltern, richtiger gesagt: vor dem Liebesverlust bei ihnen; 
an Stelle der Eltern ist später die unbestimmte Menge der Genossen getreten“. So er¬ 
kläre sich die häufige Verursachung der Paranoia durch Kränkung des Ich infolge Nicht¬ 
befriedigung im Bereiche des Ich-Ideals. 


C. Jungs „Genetische Theorie*'. 

Wir haben bereits gehört, daß nach Freud die Libido eine Energie von außer¬ 
ordentlicher Verlagerungsfähigkeit sei, indem nichtsexuelle Triebkräfte imstande sind, 
gewisse Beträge sexueller Triebkraft aufzunehmen. Dies nennt Freud „den libidinösen 
Zuschuß“. Dadurch können Objekte oder Funktionen, an sich asexuelL, sexuellen Charakter 
annehmen; dies ist aber nicht immer und nicht überall der Fall. 

Freud sagt wörtlich in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie u : „Ich muß 
vorausschicken, daß diese Psychoneurosen, Hysterie und Zwangsneurose, soweit meine 
Erfahrungen reichen, auf sexuellen Triebkräften beruhen. Ich meine dies nicht etwa so, 
daß die Energie des Sexualtriebes»einen Beitrag zu diesen Kräften liefert, welche die 
krankhaften Erscheinungen unterhalten, sondern ich will ausdrücklich behaupten, daß 
dieser Anteil der einzige konstante und die wichtigste Energiefülle der Neurose ist, so 
daß das Sexualleben der betreffenden Personen sich entweder ausschließlich oder vor¬ 
wiegend oder nur teilweise in diesem Symptom äußert.“ Den Realitätsverlust bei der 
Schizophrenie erklärt Freud aus dem Zurückziehen des sexuellen Interesses allein, 
meint aber, daß die Introversion der Libido zu einer Besetzung des „Ich“ 
führe, wodurch möglicherweise dieser Realitätsverlust zustande komme. 

Jung hat diese Möglichkeit übersehen und seinerseits gemeint, daß die Wirklich¬ 
keitsfunktion allein nicht nur vom libidinösen Zuschuß, sondern auch von anderen sexuellen 
Triebkräften oder erotischem Interesse getragen werde, denn in den meisten Fällen von 
Dementia praecox und Paranoia tritt ein Wegfall der Wirklichkeit ein, der aus Zurück¬ 
ziehung der libidinösen Zuschüsse allein nicht zu erklären ist. 

Hier ist demnach die Teilung der Realitätsfunktion in libidinösen Zuschuß 
und anderen sexuellen Trieb unanwendbar, denn Libidoregression führt regel¬ 
mäßig in die Hysterie oder Zwangsneurose, niemals jedoch in die Dementia praecox. 
Bei den Übertragungsneurosen wird die Libidobesetzung zurückgezogen, introvertiert und 
beschreitet regressiv frühere Bahnen, während die asexuellen Triebkräfte in Relation zur 
Wirklichkeit bleiben. 

„Bei der Dementia praecox hingegen fehlt der Wirklichkeit nicht bloß das Stück 
Libido, das sich aus der uns bekannten spezifischen Sexualverdrängung erübrigt, sondern 
weit mehr als man der Sexualität sensu strictori aufs Konto schreiben könnte. Es fehlt 
ein dermaßen großer Betrag an Wirklichkeitsfunktion, daß auch noch Triebkräfte im Ver- 

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Wilhelm Reich, Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung. 


Inst begriffen sein müssen, deren Sexualcharakter durchaus bestritten werden muß, denn 
es wird niemandem einleuchten, daß die Realität eine Sexualfunktion ist. 41 

Jung stellt der deskriptiven Definition der Libido in den ,,Drei Abhand¬ 
lungen 44 Freuds seine genetische Definition gegenüber und wirft die Frage auf, 
ob nicht die Wirklichkeitsfunktion, die heute zum kleinsten Teil aus libidinösen Zuschüssen, 
zum größten Teil jedoch aus anderen, nichtsexuellen Tiebkräften besteht, phylogene¬ 
tisch in den meisten ihrer Äußerungen sexueller Provenienz sei. 

Zur Lösung dieser Frage verweist Jung auf den Propagationstrieb. Man könne 
bei genauer entwicklungsgeschichtlicher Forschung sehen, daß die meisten unserer heutigen 
Wirklichkeitsfunktionen nichts anderes als Abspaltungen jenes allgemeinen Propagations¬ 
triebes sind. 

In dem aufsteigenden Tierreiche lassen sich Verschiebungen in den Prin¬ 
zipien der Propagation nachweisen: 

Die Masse der Fortpflanzungsprodukte und die Zufälligkeit der 
Befruchtung wurden eingeschränkt zugunsten einer sicheren Befruchtung und 
eines wirksamen Brutschutzes. Es erfolgt also eine Umsetzung der Energie der 
Ei- und Samenproduktion in die der Anlockungs- und Brutschutzmaschinen. 

„So erblicken wir die ersten Kunsttriebe in dem Tierreiche im Dienst des Propa¬ 
gationstriebes beschränkt auf die Bmnstsaison. Der ursprüngliche Sexualcharakter dieser 
biologischen Institutionen verliert sich mit ihrer organischen Fixation und funktionellen 
Selbständigkeit. 44 

Man kann für keinen Fall die Musik als sexuell bezeichnen (vielleicht in ihren 
Wirkungen), sie ist jedoch sexueller Herkunft 

Von dieser Betrachtung aus könne Libido vom Hungertrieb nicht prinzipiell geschieden 
werden, denn in der Natur (besonders der Urtiere) gebe es keine solche Scheidung. 

Während wir bei Freud gehört haben: Die Ichtriebe dienen der Erhaltung des 
Individuums, die Sexualtriebe der Art, können wir Jungs diesbezügliche Anschauungen 
in folgende Form kleiden : Die Erhaltung der Art wird ermöglicht durch einen Trieb 
des Individuums, dieser aber ist undenkbar ohne einen anderen Trieb, der der Erhaltung 
des Individuums dient, beide sind untrennbar und subsummieren sich unter dem 
Begriff des Propagationstriebes. Hiermit erweitert sich die Libido zu 
einem philosophischen Begriff, zum Begriff eines Willens, einem kon¬ 
tinuierlichen Lebenstrieb, „der durch die Erhaltung des Individuums 
die Fortpflanzung der ganzen Art erreichen will 44 . 

Wollen (Libido) erscheint in verschiedensten Anwendungen und Formungen. 
So erscheint es in der Kindheit ganz in der Form des Ernährungstriebes, während später 
die Trennung und Ausbildung der Sexualität erfolgt; hier tritt sie als eigentlicher 
Propagationstrieb auf (hier erst erlangt der Terminus Libido seine Berechtigung) zunächst 
als undifferenzierte Urlibido, die eine Wachstumsenergie darstellt Die Teilung 
der beiden Triebe tritt besonders klar hervor beim Schmetterling, wo das Ernährungs¬ 
stadium (Raupe) vom Sexualstadium (Schmetterling) durch das Puppenstadium getrennt ist 

Aus der sexuellen Urlibido (Erzeugung von Millionen Eiern und Samen aus 
einem kleinen Geschöpf) entwickeln sich Abspaltungen, die die Fruchtbarkeit einschränken; 
es entsteht eine speziell differenzierte Libido, die desexualisiert erscheint, der ursprüng¬ 
lichen Funktion der Ei- und Samenerzeugung entkleidet ist und zu jener ursprünglichen 
Funktion nicht wieder zurückgebracht werden kann. So wurde die Urlibido im Laufe 
der Phylogenese in sekundäre und tertiäre Funktionen aufgezehrt Wenn aber ein Teil 
der Libidoenergie zum Nestbau organisiert wurde und mithin zu nichts anderem ver¬ 
wendbar ist, dann „gibt es auch keinen Grund, alles andere Wollen, wie z. B. Essen- 
w r ollen vom Nestbauen wollen zu sondern 44 . 

Die Triebkraft der Wirklichkeitsfunktion (Freuds Realitätsprinzip) 
ist demnach keine sexuelle, sie war eine sexuelle. Der Prozeß der Aufzehrung der 
Urlibido schreitet fort in Form der „sexuellen Zuschüsse 44 . 

Eine Überweisung von Sexuallibido aus dem Gebiete der übriggebliebenen 
Urlibido an Nebenfunktionen findet immer statt Geschieht dies ohne Nachteil für 
das Individuum, dann spricht man von Sublimation, ein Mißlingen bringt die Ver¬ 
drängung. 

Der deskriptive Standpunkt Freuds sieht also eine Vielheit der Triebe, 
als Partialphänomen den Sexualtrieb, der genetische Standpunkt Jungs eine 
relative Einheit in Form einer Urlibido als Propagationstrieb, von der 
sich Triebe abspalten, die immerfort libidinöse Zuschüsse aus dem Rest aufzunehmen im¬ 
stande sind. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


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Erst durch diese Auffassung wäre die Anwendung des Libidobegriffes auf die 
Päranoia möglich: heißt es in diesem Sinne, ein Kranker entzieht seine Libido der 
Wirklichkeitsfunktion, dann ist darunter nicht nur die Zurückziehung der libidinösen 
Zuschüsse, sondern aller anderen desexualisierten Triebe zu verstehen, von denen 
die Wirdichkeitsfunktion unterhalten wird. 

Wir sehen also, daß die Jungsche Libidotheorie die Freud sehe nicht nur an 
Dehnung des Begriffes übertrifft, sondern mit ihr in gewissen Punkten geradezu in 
Widerstreit gerät. 

Eine größere Schwierigkeit ergibt sich aus der Anwendung des Jungschen Libido¬ 
begriffes, von den Psychoneurosen abgesehen, auf unser sexuelles Leben. Man müßte, 
um diese Schwierigkeit zum Teil abzuschaffen, Jungs Libido wieder einteilen in eine 
Libido in weiterem Sinne, welche gleich wäre der Summe sämtlicher 
desexualisierten Triebe plus Libido sensu strictiori, die sich einzig und 
allein auf dem Gebiete der Sexualität betätigt. Eine solche Teilung würde jedoch noch 
größere Verwirrung schaffen, und der Erkenntnis vom Wesen der Libido wäre damit 
nicht gedient Oder zwecks Vermeidung jeder Komplikation einen neuen Terminus für 
die Libido i. e. 8. schaffen? Dann bleiben wir lieber bei der Freudschen Einteilung 
in Selbsterhaltungs- und Sexualtriebe, denn mit einem Libidobegriff als alles umfassenden 
Propagationstrieb auf rein sexuellen Gebieten zu operieren, ist schon deshalb undenkbar, 
weil man immerfort alle effektiv nichtsexuellen Momente in Betracht ziehen und eliminieren 
müßte, ein Umstand, der die ohnedies schwierige Problemlösung nur noch mit unnötigen 
Arbeitsaufwand belasten würde. 

Immerhin sind die Jungschen Anschauungen von hohem theoretisch-biologischen 
Interesse, wenn sie auch vorläufig bloß von philosophischer Bedeutung zu sein scheinen. 
Dem Referenten erscheint die Möglichkeit, von einer psychischen sexuellen Keimzelle zu 
sprechen, sehr verlockend, in vielen Beziehungen (wissenschaftlich) gefährlich — dennoch 
darf gie nicht übersehen werden. Weiteres Studium der Sublimierung einerseits, der 
organischen Grundlagen der Libido andererseits könnte Licht in dieses Problem tragen. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Erwiderung. 

Von Dr. F. Dehnow in Hambuig. 

Neuerdings ist, wer eine homosexuelle Persönlichkeit anzugreifen wagt, ähnlich leb¬ 
hafter Opposition ausgesetzt, wie es ein Jahrzehnt vordem derjenige war, der eine solche 
Persönlichkeit in Schutz nahm. Er muß nicht nur gewärtig sein, in jener „exaltierten 
und degenerierten Literatur zur Verherrlichung geistiger Homosexualität“ eine ent¬ 
sprechende „Würdigung“ zu finden (so nennt Liepmann dieses Schrifttum in seinem 
neuen, besonders lesenswerten Buche „Die Reform des deutschen Strafrechts“, in dem 
er im übrigen die Reduzierung des § 175 befürwortet); in dieser Literatur auch nur er¬ 
wähnt zu werden, gehört nicht zu den Annehmlichkeiten. Er muß angesichts der der¬ 
zeitigen Inversionswelle und der von ihr ausgehenden Suggestion erwarten, daß er auch 
von anderen Seiten her alsbald als ein ganz verstaubter, verknöcherter Pedant und Phi¬ 
lister betrachtet werden wird, der nur den „standesamtlichen und honetten“ Geschlechts¬ 
verkehr tolerieren möchte; der „unkeusche“ Berührungen perhorresziert und an der¬ 
gleichen mit „dem fertigen Urteil, daß es sich um Unerlaubtes handelt“, herantritt; der 
den „Pulsschlag fremden Empfindens“ nicht versteht. 

Auf meine ablehnende Besprechung von Wynekens Schrift „Eros“ im Februarheft 
dieser Zeitschrift hat im Aprilheft Herr Prof. Dr. Licht in dem gekennzeichneten Sinne 
entgegnet Er stellt in Parallele zu dem Falle Wyneken einerseits einen Fall, in dem 
vor sechs Jahren ein Berliner Schöffengericht für roheste Kindesmißhandlung nur auf 
100 Mark Geldstrafe erkannt hat, andererseits die bekannte nächtliche Episode Alcibiades- 
Sokrates. 


*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliohe Verantwortung! 


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Kleinere Mitteilungen, Anr egungen und Erörterungen. 


Indessen der offenbare Justizmißgriff des Berliner Schöffengerichts kann ja nicht 
irgendwie präjudiziell sein. Eine einzelne Episode aus längstvergangenen Zeiten aber, 
wie die immer wieder zitierte des Alcibiades, aus ihren tatsächlichen Umständen wirklich 
verstehen und würdigen zu wollen, ist ein wenig aussichtsvolles Beginnen; ob dabei der 
Geist der Zeiten oder der Herren eigener Geist herausschaut, wird oft zweifelhaft sein. 

Der Fall Wyneken liegt klar genug, um aus sich selbst heraus verstanden zu werden. 
Es bedarf zu seiner Aufhellung keiner Parallelen aus früheren Jahren und aus früheren 
Jahrtausenden. 

Ein Lehrer, als Pädagoge von ungewöhnlicher Bedeutung. Von vielen seiner 
Schüler besonders verehrt, wenngleich keineswegs von allen; einer der besten, Otto Braun, 
der Frühvollendete, ist ihm aus Wickersdorf fortgelaufen. 50jährig, geschieden, ohne 
weiblichen Verkehr, lebt er fast ausschließlich unter seinen Zöglingen und für sie. Die 
Stimmen des Blutes schweigen nicht in ihm. Er wendet sich mit seinem niemals ab¬ 
träniert gewesenen, bereits verfallenden Körper an einen oder zwei, wenn nicht mehr* 
Schüler im Alter von etwa zwölf bis vierzehn Jahren. 

Dies ist sicherlich kein Kapitaldelikt. Aber diese Handlung unterf&llt nicht dem 
Begriff des Guten, sondern dem des Schlechten. Sie ist ein grober Mißbrauch der Er¬ 
zieherstellung. Der Knabe wird von einem alten Manne, zu dem er bei gesundem Gefühl 
keinerlei körperliche Zuneigung empfinden kann, zu geschlechtlicher Berührung veranlaßt; 
es wird auf ihn dahin eingewirkt, daß er körperliche Zuneigung zu einem alternden 
Manne sich aneigne, und sein Gefühl wird dadurch verfälscht. — Diese Handlung ist 
— darüber kann die Phraseologie in Wynekens Schrift nicht hinwegtäuschen — lediglich 
eigennützig. Vergebens lenkt Wyneken die Aufmerksamkeit von diesem springenden 
Punkte ab, indem er die Sachlago so schildert, als erwiese er mit „nackten Umarmungen iL 
seinen Schülern höchste pädagogische Wohltaten. 

Sexuelle Disziplin braucht nicht von einem Zwanzigjährigen, aber sie muß von einem 
Fünfzigjährigen gefordert werden. Zumal der Lehrer muß seinen Schülern gesunde 
Straffheit Vorleben. Wiederum sucht Wyneken dieser selbstverständlichen Forderung 
vorzubeugen: „Gesundheit“ — so schreibt er — „ist das Ideal der Feigheit“! Es gehört 
in der Tat ein gewisser „Mut“ dazu, unter so unerhörten Entstellungen eigene Ungesundheit 
zu bemänteln, Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht zu verkehren. 

Gleichgeschlechtliche Handlungen Jugendlicher untereinander stehen auf einem 
anderen Blatt. Wüßte ich, daß ein Sohn von mir in einem Erziehungsheim mit einem 

Kameraden dergleichen übt, so hielte ich es für verfehlt, mich darum zu kümmern. 

Hörte ich aber, daß ihn ein Lehrer sexuell belästigt, so würde ich ihn am nächsten Tage 
abholen. — Der Schüler selber, dem ein alter Lehrer sich sexuell nähert, wird den 
hierin liegenden groben seelischen Defekt im allgemeinen mit gesundem Instinkt sofort 
herausfühlen; er wird den Lehrer nicht mehr für voll und nicht mehr ernst nehmen. 

Auch der zwölfjährige Wickersdorfer Schüler hat sich über das Verhalten Wynekens 

naturgemäß mokiert. 

Herr Prof. Dr. Licht nimmt generell an, daß die Wickersdorfer Schüler „wirkliche 
Liebe“ zu Wyneken empfänden. Der Begriff der „wirklichen liebe“ darf und muß wohl 
in einer sexualwissenschaftlichen Zeitschrift in Zweifel gezogen werden. Jedenfalls wird 
nicht ernstlich behauptet werden, daß die Wickersdorfer Schüler eine Neigung zu geschlecht¬ 
lichen Berührungen mit Dr. Wyneken zu haben pflegen. Darum ist es unrichtig, den 
Sachverhalt so darzustellen, als sei Wyneken nur Gefühlen seiner Schüler entgegen¬ 
gekommen. 

„Wynekens ganze Schuld besteht darin, daß er mit der Griechenseele im Deutsch¬ 
land des zwanzigsten Jahrhunderts lebt,“ so schreibt Licht, und kurz zuvor: „Ich fürchte 
nicht, durch meine bisherigen Ausführungen in den Verdacht zu kommen, als wolle ich 
Dehnows Frage bejahen, ob man denn etwa zwölfjährige Schüler sexuellen Belästigungen 
durch grauköpfige Lehrer aussetzen solle.“ Ich halte diese beiden Äußerungen nicht für 
miteinander vereinbar. 

So ist denn das Gesetz im Recht, wenn es die vom Landgericht Rudolstadt fest¬ 
gestellte Handlung unter Strafe stellt. Freilich sind bei allen herkömmlichen Sexual¬ 
delikten die gesetzlichen Strafrahmen unverantwortüch hoch. Das abergläubische Ent¬ 
setzen, mit dem das Gesetz verpönte Sexualhandlungen betrachtet, habe ich anderenorts 
gekennzeichnet. Im Falle Wyneken wäre nach meinem Dafürhalten eine Geldstrafe von. 
etwa fünf- bis zwanzigtausend Mark angezeigt gewesen. 

Eine Persönlichkeit sollte nicht eines Sexualdeliktes wegen, das unter Umständen 
nicht mehr als ein faux pas ist, ohne weiteres abgelehnt werden. Wyneken indessen 
finde ich am schwersten belastet durch die von ihm veröffentlichte Schrift. Diese Schrift 
versucht keineswegs, wie Licht vermeint, „anderen einen Einblick in seine Gefühlswelt 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


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zu ermöglichen' 1 ; sie versucht ganz im Gegenteil, die klaren Tatsachen zu verschleiern 
und sie in Begriffs- und Phrasennebel zu hüllen. Unaufrichtigkeit, literarische Phraseologie* 
schimpfende Polemik bestimmen den Charakter dieser Schrift: ich habe sie im Februar¬ 
heft näher gekennzeichnet. Nicht durch sein Sexualvergehen, so schrieb ich dort, aber 
durch diese seine nachträgliche Haltung hat Wyneken ausgespielt. 

Während noch das Ermittelungsverfahren gegen ihn schwebte, war ich aus Wickers¬ 
dorf ersucht worden, zu seinen Gunsten für den Prozeß eine Erklärung einzusenden. 
Ich hatte dem Ersuchen gern entsprochen; nach den mir zugegangenen Mitteilungen hatte 
ich geglaubt, unbefangene Handlungen seien geschwätzig aufgebauscht worden. „Der ganz 
gewöhnliche Spießer wittert nämlich päderastische Bestrebungen hinter den neuen grund¬ 
gesunden Tendenzen, im Unterricht ein Gemeinschaftsleben und damit zugleich eine 
Lebensgemeinschaft zwischen Lehrer und Schüler anzubahrien. Und da er ohnehin ein 
unbesiegbares Mißtrauen gegen alles hat, was „neuer Geist" heißt und von dem Trott 
muffig gewordener Traditionen abzuweichen wagt, so hat er damit zugleich eine ebenso 
bequeme, wie gemeingefährliche, genauer: gemeine und gefährliche Handhabe gewonnen, 
um gegen solche pädagogischen Tendenzen zu intrigieren und ihre Leiter zu Falle zu 
bringen oder wenigstens sie so zu verekeln, daß sie ihrer Aufgabe müde werden und 
resignieren" (Liepmann). 

Nachträglich habe ich mich vergewissert, daß bei Wyneken die Tatsachen anders 
liegen. Das Erscheinen der Schrift „Eros" vollends hat mich veranlaßt, von ihrem Ver¬ 
fasser entschieden abzurücken. Die Besprechung im Februarheft, durch die ich diese 
Stellungnahme zum Ausdruck brachte, hat Verständnis gefunden sogar bei homosexuellen 
Persönlichkeiten — bei solchen freilich, die nicht in homosexualer Gefühlsduselei be¬ 
fangen und auch nicht aus ihrem Fehler eine Tugend zu machen bestrebt sind. Sie ist 
auch ^verstanden worden in Kreisen der Jugendbewegung, in der man anderweit — teil¬ 
weise nur aus „taktischen" Gründen — Wynekens Partei gehalten hat. 

Zur sexuellen Sozial-Hygiene. 

Von Dr. med. Julie Bender, Frankfurt a. M. 

In der klinischen Wochenschrift (25. Februar 1922, Nr. 9) tritt Kreismedizinalrat 
Ascher, Frankfurt a. M., unter Anführung von Beweismaterial für die Aufrechterhaltung 
der Reglementierung der Prostituierten ein, unter besonderem Hinweis darauf, daß die 
Landesversicherung ihre Beihilfe zur Behandlung geschlechtskranker Patienten von der 
Beibehaltung der Reglementierung abhängig machen will. Man darf wohl sagen, daß die 
Landesversicherung keinerlei Veranlassung hat, ihre Unterstützung zu versagen, wenn 
die Reglementierung von der Krimiualpolizei losgelöst und einem selbständigen Pflegeamt 
untergeordnet wird in der Form, in der es Dr. Dreuw in dieser Zeitschrift, April 1922, 
auseinandergesetzt hat. Ich stimme ihm durchaus bei, daß man zu erwarten hat, daß 
unter solchen Verhältnissen ein großer Teil der heimlichen Prostituierten sich freiwillig 
diesem Amte unterordnen wird. Das entspricht der Auffassung, die ich in der West¬ 
deutschen Ärzte-Zeitung 1919 (Nr. 21) geäußert habe, daß wir die Fürsorge für Geschlechts¬ 
kranke so betreiben müssen, daß die Patienten dadurch zur Selbstmeldung bereit sind. 
Soweit es aber Prostituierte an belangt, wird man sehr bald die Erfahrung machen, daß 
man bei einem großen Prozentsätze derselben zu Verschärfungen greifen muß. Ich 
berufe mich dabei auf eine Besprechung mit einer pflichttreuen Dirne, die ich 1921 (Nr. 7) 
in der Westdeutschen Ärzte-Zeitung veröffentlicht habe, und die ich hier zitieren möchte. 
Ich begann die Unterhaltung mit den Worten: „Die Frauenbewegung will haben, daß die 
Visite in ihrer heutigen Form aufgehoben wird!" Antwort: „Das geht nicht; es gibt zu 
viel Nachlässige." Frage: „Wie denken Sie darüber, wenn die Visite von der Polizei 
losgetrennt und mit Hilfe eines Pflegeamtes bei freier Arztwahl ausgeübt wird?" Ant¬ 
wort: „Das ist besser als die vollkommene Aufhebung; aber es wird auch nicht ganz 
genügen." Ein wand meinerseits: „Man könnte ja bei Versäumnissen die Polizei heran¬ 
ziehen!" Antwort: „Dann gebt’s vielleicht." Bemerkung meinerseits: „Man müßte voraus¬ 
sichtlich die Polizei sehr oft heranziehen." Antwort: „Das ist ganz sicher!" Hierzu 
möchte ich weiter bemerken, daß die Zukunft bald lehren wird, in welcher Form man 
diese Verschärfungen gegenüber den Dirnen bei Nachlässigkeiten vorzunehmen hat. Viel¬ 
leicht wird Irmgard Jäger sich bald nach Inkrafttretung des neuen Gesetzes veranlaßt 
fühlen, einen Nachtrag zu ihrem Artikel „Frauenfürsorgetätigkeit bei der Polizei" zu 
schreiben, der in dem von A. Pappriz herausgegebenen Buche: Einführung in das Studium 
der Prostitutionsfrage (Verlag v. Joh. Ambros. Barth, Leipzig 1919) erschienen ist Wenn 
solche Verschärfungen von vornherein ohne Nachsicht in Anwendung treten, so werden 


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Kleinere Mitteilungen, Anregangen and Erörterungen. 


wir bald das haben, was ich eigentlich schon länger anlehnend an die Einrichtungen 
in Frankfurt vorschlagen wollte. Hier sind die Prostituierten je nach ihrer Zuverlässig¬ 
keit in drei Klassen eingeteilt Ich dachte, daß der normale Verlauf der Entwicklung 
der wäre, daß man die 1. Klasse, d. h. die Zuverlässigen, einem Pflegeamt übergibt 
Ebenso wie hier in Frankfurt jederzeit der Aufstieg zur 1. Klasse ermöglicht ist, ebenso 
könnte mit Selbstverständlichkeit eine Überweisung von der Polizei an das Pflegeamt 
erfolgen. Das würde die heimlich Prostituierten von einer Meldung nicht zurückhalten, 
da ja überhaupt nur zu erwarteu steht daß von ihnen sich diejenigen freiwillig melden, 
die. selbst soigfältig auf ihre Gesunderhaltung bedacht sind. Es ist selbstverständlich 
auch der Weg möglich, daß alle erst dem Pfiegeamt übergeben und dann im not wenigen 
Falle verschärfter Aufsicht überwiesen werden, wobei sicher die Polizei nicht ganz aus¬ 
zuschalten sein wird. Die Zeit wird bald lehren, daß ich mit meinen Mutmaßungen 
Recht hatte, und die Landesversicherung sollte nicht einfach mit ihrem Rücktritt drohen, 
sondern sie sollte fordern, daß von vornherein mit Bedacht und Hinsicht eine solche 
Musterung und Einteilung vorgenommen wird, die sich bei dem Dreiklassensystem hier 
in Frankfurt längst bewährt hat. 

Soweit es aber den Diskretionismus in dem Antrag Dreuw-Sohirmacher für die 
Allgemeinheit angeht mit der geforderten wöchentlichen Benachrichtigung eines Gesundheits¬ 
amtes durch einen eingeschriebenen Brief, so kann ich nur den Ein wand von Dr. Rösch¬ 
mann (Ärztliches Vereinsblatt, 9. Marz 1922, Nr. 1253) unterstützen, den ich wörtlich 
zitieren möchte: „Man kann eine tiefe Verbitterung der Frauen auf diesem Gebiete 
verstehen, denn bisher haben sich alle Maßnahmen in sehr einseitiger Weise nur 
gegen das weibliche Geschlecht gewandt. Sie überblicken aber die Folgen nicht, sonst 
würden sie schon aus Rücksicht auf ihre erkrankten Mitmenschen der allgemeinen 
Anzeigepflicht nicht zustimmen; denn man versetze sich nur einmal in die Lage 
eines jungen Mädchens in einer Provinzstadt oder auf dem Lande, das gezwungen ist, 
einen derartigen Einschreibebrief, — der sehr bald nicht nur den Postbeamten, sondern 
auch den regelmäßigen Besuchern des Postamtes bekannt sein würde — an das Gesund¬ 
heitsamt allwöchentlich auf die Post zu tragen.“ Daran anschließend möchte ich auf 
einen Aufsatz von Kurt Aram: „Die Leiden der Liebe“ (Die Zeit, 29. Aprü 1922) hin- 
weisen, in weichem er seine Eindrücke über eine Versammlung in Berlin schildert, in 
welcher ein bekannter Arzt nach einem einleitenden Vortrage eine Reihe Fragen beant¬ 
wortet hat, die einer Aufforderung folgend vorher schriftlich aus dem Kreise der zahl¬ 
reichen Zuhörerschaft gestellt waren. Das Publikum setzte sich nach Bericht zusammen 
aus jungen Kaufleuten, Studenten, weiblichen Angestellten, die letzteren — die den Haupt¬ 
teil der Besucher ausmachten — in ihrer Mehrheit ehemalige Volksschülerinnen, die Gesamt¬ 
heit in dem Alter von 20—30 Jahren. Er hebt die sachliche und taktvolle Beant¬ 
wortung der vielen Fragen hervor, die großes Interesse des Publikums für die sexuelle 
Frage beweisen. Er kommt aber zu dem Schlüsse, daß solche öffentliche Besprechungen auch 
ohne Namensnennung des Fragestellers die Jugend verplatten und entseelen muß. Wohin 
aber wird es erst führen, wenn wir auch ohne Namensnennung die Jugend einer Gro߬ 
stadt in Massen an die Postschalter antreten lassen, um ihre eingeschriebenen Briefe im 
Dienste des Diskretionismus abzuliefern. Stellt man sich in Gedanken dieses Treiben 
vor, das in den geschäftsfreien Stunden sich an den Postämtern notgedrungen abspielen 
müßte, so muß man unwillkürlich in aufwallendem Schamgefühle sagen: „Mubo, verhülle 
dein Haupt!“ 

Vielleicht aber wird das lebhafte Interesse,, das das jugendliche Publikum an¬ 
läßlich des Vortrages für sexuelle Fragen an den Tag legte, dazu beitragen, daß man die 
„Beratungsstellen für Geschlechtskrankheiten“ erweitern wird zu „Beratungsstellen für 
sexuelle Fragen“, wodurch voraussichtlich ein Zugang in Massen erfolgen wird. Damit 
kann der größte Segen für das Volksw ohl von den Beratungsstellen ausgehen, deren Hauptarbeit 
vielleicht darin bestehen wird, durch private Belehrungen die Übertragung der Geschlechts¬ 
krankheiten zu verhüten. Das ist die beste Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 

Betreffs der Beratungsstellen verweise ich auf meine Besprechung in dieser Zeit¬ 
schrift 1922, Heft 11. 


Ein Fall von Priapismus. 

Von Dr. med. Hubert Kahle in Köln a. Rh. 

Wegen der Seltenheit dieses Phänomens sei hier über folgende Beobachtung kurz 
berichtet: 

Bei einem anscheinend ganz gesunden 30jährigen Manne blieb nach stürmischer 
Kohabitation der Phallus in Erektionsstellung. Kleidertragen wurde wegen der Empfind- 


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Sexual Wissenschaft liehe Rundschau. 


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lichkeit des Gliedes unerträglich; im Bette mußte der Druck der Decke durch ein Draht¬ 
gestell ausgeschaltet werden. 

Die Ünteisuchung ergab keinerlei Anhaltspunkte für die Entstehungsgründe dieser 
Erscheinung. Insbesondere waren die Leukozyten nicht vermehrt, auch fand sich kein 
Zeichen von Tabes. W.-R. negativ. Der Mann gab an, nie, auch nicht venerisch, krank 
gewesen zu sein. 

Krampflösende innere Mittel versagten, nur die schließlich angewandten warmen 
Sitzbäder schienen günstig zu wirken, wenigstens ging seit deren Anwendung die Erektion 
ganz langsam innerhalb einer Woche zurück. 

Der erigierte Zustand hatte 36 Tage gedauert. Sechs Monate später schrieb der 
Mann, daß er wieder kohabitieren könne, nur sei eine gewisse Schwäche zurückgeblieben. 

Da eine befriedigende Erklärung dieses Krankheitsbildes noch nicht vorliegt, habe 
ich mir vorläufig folgende Ansicht gebildet: 

Bei der Erektion erweitern sich die corpora cavernosa durch eine erotische Vor¬ 
stellung, die vom Gehirn aus den Sympathikus reizt, dessen nervi erigentes penis die 
Gefäßerweiterung bewirken. D^s arterielle Blut schießt in die Hohlräume, wobei ein 
hoher Druck entstehen kann. Nach der Ejakulation erweitern sich die Venen und das 
in Stagnation befindlich gewesene Blut fließt schnell ab. ln diesem Fall aber hat sich 
der venöse Apparat nicht geöffnet Die Stauung dauerte zu lange, und das Blut ge¬ 
rann. Die Erektion kann nun nicht eher zurückgehen, bis das Blut der corpora cavernosa 
resorbiert ist, was hier 36 Tage dauerte. 

Die Frage wäre noch zu beantworten, warum sich der venöse Apparat nicht ge¬ 
öffnet hat Ich führe das auf mechanische Schädigungen der venösen Abflußeinrichtungen 
zurück, die bei sehr stürmischer Erektion entstehen können. 


Sexualwissenschaftliche Rundschau. 

Zur Geschichte und Bedeutung der Beschneidung bei den Juden. 

In dem Abschnitt „Hygienische Gedanken und ihre Manifestationen in der Welt¬ 
geschichte 41 seiner „Skizzen 44 schreibt der bedeutende Medikohistoriker Prof. K. Sudhoff: 

Daß die Beschneidung der Mannes den Juden aus Ägypten überkommen ist, steht 
heute außer Zweifel, ebenso ihre Herkunft für beide Geschlechter aus dem inneren Afrika. 
Das würde ihr natürlich ihre objektive hygienische Bedeutung nicht nehmen, so wenig 
wie jedem anderen Brauch, der in völlig differenten Gedankenkreisen .wurzelt, deshalb 
seine objektive Wirkung in der Richtung der Hygiene abgestritten werden kann, weil 
ihm die subjektive hygienische Prägung abgeht Aber die hygienische Bedeutung der 
Beschneidung des Mannes im Altertum wird mit dem Tage gering, an dem die Nicht¬ 
existenz der Syphilis vor Kolumbus in der Alten Welt, die heute allgemein angenommen 
wird, bewiesen ist. Angeborene Bildungsfehler, wie die Phimose, als Argument für eine 
generelle Beschneidung des Mannes anzuführen, heißt die Frage auf ein anderes Gebiet 
verschieben. Die auf dem gleichen kultischen Boden erwachsene Beschneidung der Frau 
hat noch niemals jemand als hygienische Maßnahme proklamiert. Daß das Judentum 
nicht auch diesen ägyptischen Priesterbrauch herübernahm, erklärt sich leicht daraus, 
daß die Frau im Tempelkult der Juden damals keine Rolle spielte, ja den Tempel gar 
nicht betreten durfte; es liegt aber auch die Frage nahe, ob im Volke Israel eine Periode 
gewesen ist, in der nur der Priesterstamm beschnitten war, oder ob von Anfang an das 
gesamte Volk durch seine Beschneidung als ein pnesterliches charakterisiert werden sollte. 

Das Recht der Frau in Assur 

in Tontafeln, welches bei Grabungen der Deutschen Orientgesellschaft an der 8tätte des 
alten Assur gefunden worden ist und aus der Zeit Tiglat-pilesars I. (ca. 1100 v. Chr.) 
stammt, wird in Mitteilungen aus der Vorderasiatischen Abteilung der Staatlichen Museen 
zu Berlin in deutscher Obersetzung von H. Ehelolf veröffentlicht. Es enthält zum größten 
Teile die Rechte der Ehefrau in zivil- und strafrechtlicher Beziehung. Neben Sätzen des 
Eherechts, namentlich des ehelichen Güterrechts, stehen Strafbestimmungen gegen un¬ 
treue Ehefrauen und gegen diejenigen, die sich an einer Ehefrau vergehen. Interessant 
ist, daß die Ehe in diesem Rechtsbuch keineswegs durchweg eine häusliche Gemeinschaft 
der Ehegatten voraussetzt: vielmehr enthält eine Reihe von Paragraphen einen Tatbestand, 
wonach die Frau im Hause des Vaters wohnt. Im übrigen ist die Gewalt des Mannes 


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BüöherbespreohongeiL . 


über seine Frau sehr weit ausgedehnt Er kann sie, wenn er sie beim Ehebruch eru^pt, 
töten, in anderen Fällen kann er ihr die Ohren abschneiden und dergleichen. Überhaupt Jceimt 
das Rechtsbuch eine große Zahl vielfach recht barbarischer Strafen. (Die Umschau, 1922, Nr. 19.) 

Verjüngungsoperation vor 3500 Jahren. 

Dr. Caroline Ransom Williams hat in der Bibliothek des New York Historical 
Society einen medizinischen Papyrus entdeckt, der nach Untersuchung durch den 
bekannten Ägyptologen Prof. Breadsted den in Berlin und Leipzig (Papyrus Ebers) be¬ 
findlichen, sowie dem Hearat Papyrus in Kalifornien an Bedeutung gleichkommt Der 
etwa 1600 vor Christi Geburt geschriebene Papyrus umfaßt 500 Zeilen und beschreibt 
47 Krankheitsfälle. Sehr genau wird immer das befallene Organ bezeichnet meist handelt 
es sich um Erkrankungen des Kopfes. Auch ein Fall von Erkrankung des Mastdarms 
ist beschrieben. Am Schluß des Papyrus hat Steinach einen Vorgänger gefunden, 
indem eine Reihe von Winken gegeben wird, um einen alten Mann zu verjüngen; „der 
Erfolg wird 4 * — fügt der Berichterstatter in der Deutschen medizinischen Wochenschrift, 
Dr. J. P. zum Busch, hinzu — „wohl nicht viel schlechter gewesen sein, als der heute erzielte 44 . 


Bücherbesprechungen. 

1) Bühler, Charlotte: Das Seelenleben der Jagendlichen. Versuch einer Analyse 

und Theorie der psychischen Pubertät. Jena 1922. G. Fischer. 103 S. 16 Mk. 

Von Dr. Karl Birnbaum. 

Die Arbeit ist aus einer Sammlung von Lehrerfortbildungsvorträgen über das Seelen¬ 
leben des Mädchens in den Entwicklungsjahren hervorgegangen. Sie versucht eine ein¬ 
heitliche Gesamtauffassung der Pubertätspsyche zu entwickeln, die aus verschiedenen 
Quellen: Unterricht und Verkehr mit Jugendlichen, eigenen Pubertätserfahrungen, Tage¬ 
büchern und sonstigen literarischen Niederschriften Juveniler geschöpft ist Das Bio¬ 
logische ist nur kurz berührt,» den Hauptumfang nehmen die einzelnen psychischen 
Funktionen und Äußerungen der seelischen Pubertät ein, die als seelische Ergänzungs¬ 
bedürftigkeit definiert wird. Im einzelnen werden Instinkt und Gefühl, Wille und Intellekt, 
Ethik und Religion, Kunst- und Literaturverständnis der Jugendlichen erörtert. Wie 
schon diese kurze Inhaltsangabe zeigt, sind es vor allem die höheren psychischen Funk¬ 
tionen, die hier zur Darstellung kommen und zwar durchweg anschaulich und mit kon¬ 
kreten Belegstücken. Eine ausgewählte Literaturzusammenstellung beschließt die bemerkens¬ 
werte Arbeit, der ein erhebliches Niveau zugesprochen werden darf. 

2) Boas, Franz: Kultur und Rasse. 2. unveränderte Aufl. Berlin u. Leipzig 1922. 

Vereinigung wissenschaftl. Verleger. 256 S. 25 Mk. (40 Mk.) 

Von Dr. Max Marcuse. 

Daß die neue Auflage eine „unveränderte 44 ist, muß man bedauern. Schon das 
Literaturverzeichnis weist nach, daß das Buch nicht mehr ganz dem derzeitigen Stande 
der Wissenschaft entspricht. Aber es ist nicht so sehr dieser Mangel, der zu mancherlei 
Beanstandungen nötigt, wie der Umstand, daß die Erhebungen und Darlegungen des Ver¬ 
fassers einer von vornherein bestimmten Richtung zu folgen scheinen. Daß diese dem 
humanitären Ziel der Völker- und Rassen Versöhnung zugewendet ist, sichert zw ar der 
Denk- und Gefühlsw'eise des Verfassers die Sympathie aller Geistigen, aber vermindert 
nicht die Zweifel in die strenge Sachlichkeit seiner Forschungen. Boas beginnt gleich 
mit einer Polemik gegen die „Rassenvorurteile 44 , zu denen er wesentlich auch die Auf¬ 
fassung von der Verschiedenheit der intellektuellen Begabung und kulturellen Befähigung 
der Rassen zählt, insbesondere auch die Meinung von der in diesem Sinne überlegenen 
Konstitution der weißen Rasse gegenüber den Negern. Würde die Ansicht des Verfassers 
von der Beziehungslosigkeit zwischen Rassenanlage und Kulturleistung sich als Ergebnis 
aus seinen Forschungen und Überlegungen herauskristallisieren, so würde sie ernstlicher 
Beachtung wert sein. An den Anfang seines Buches gestellt, verstimmen sie den Leser, 
der eine vorurteilslose wissenschaftliche Untersuchung erwartet. Die Auseinander¬ 
setzungen des Verfassers sind oft nur dialektischer Art und führen dabei zu einer 


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Bücherbeeprechungen. 


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ganzjichen Verwischung des Rasseobegriffes. Wenn B. einen Wesensunterschied zwischen 
individuellen und rassischen Unterschieden leugnet, so kann das nach seinen eigenen 
Feststellungen über Vererbung nicht bedeuten, daß es „Rasse“ nicht gibt, sondern 
vielmehr, daß jedes Individuum selbst „Rasse“ ist. Diese Formulierung könnte man sich 
gefallen lassen, wenn anders sie genügende Rücksichtnahme auf die mehr oder weniger 
große konstitutive Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit dieser verschiedenen Rasse-Individuen 
und eine Gruppierung nach solchen Gesichtspunkten ermöglichte. Durchaus im Rechte ist 
B. mit seinem Widerspruch gegen die Identifizierung von Rasse und Nation, gegen die 
mechanistische Inbeziehungsetzung geistiger Eigenschaften zu körperlichen Merkmalen und 
gegen die Wertbestimmung des Menschen nach anthropologischen Maßstäben. Auch die 
Betonung des weiten Umfanges der Beeinflußbarkeit verm ein tl ich er Rassenmerkmale 
durch die Umwelt erfolgt mit zwingenden Gründen. Überhaupt ist das Buch reich an 
klaren und sicheren Aufschlüssen über eine Fülle von Denk- und Beobachtungsfehlern 
der durchschnittlichen Rassen-Theoretiker, von den Demagogen und Fanatikern unter 
ihnen zu schweigen. Vor allem aber liefert es zur Ethnologie und Soziologie der Primi¬ 
tiven zahlreiche Beiträge von hohem Wert und Interesse. 

3 ) Spuhl, Rudolf: Gesetzgeberische Sexualdiktatur. Berlin-Friedenau 1922. Selbst¬ 

verlag. 19 S. 

Von Oberlandesgerichtsrat Dr. jur. et phil. Bovensiepen. 

Die Schrift bringt eine scharfe kritische Besprechung und Ablehnung des seinerzeit 
dem Deutschen Reichstag vorliegenden Gesetzentwurfs zur Bekämpfung der Geschlechts¬ 
krankheiten vom 8. Februar 1922. Er ist dem temperamentvollen Verfasser völlig un¬ 
annehmbar, denn er errichte über ein 60 Millionenvolk „einen gut organisierten Spitzel¬ 
und Schnüfflerdienst, er verleihe zweitens einer gewissen Anzahl von Deutschen, nämlich 
den approbierten Ärzten, Rechte über Leben und Tod, über Glück und Gesundheit eines 
jeden Menschen, es schaffe drittens eine Gesundheitsbehörde und verewigt Beratungs¬ 
stellen, die vom grünen Tische aus Entscheidungen erlassen“. Eine individuelle Behand¬ 
lung der Patienten, wie sie unbedingt geboten sei, werde nicht ermöglicht Der Entwurf 
sei weiter „das schlimmste Klassengesetz, das überhaupt besteht, schlimmer als das 
Jesuitengesetz und als das Sozialistengesetz. Jeder Kranke ist der Willkür des Arztes 
preisgegeben. Dieser entscheidet, ob der Kranke gemeldet werden muß oder nicht“. 
Statt dessen schlägt Spuhl selber vor: Aufklärung der Jugend in den Schulen und den 
Fortbildungsschulen und zwar rein referierend und ohne irgendwelche sexualkapitalistische, 
politische oder religiöse Färbung, Sport, Behandlung von Geschlechtskranken nur durch 
Privatärzte, Verbot von Schundfilmen und Schundausstellungen, insbesondere des Schauer¬ 
films „Es w*erde Licht“, sowie endlich Aufhebung der privaten und städtischen Beratungs¬ 
stellen. „Sie kosten nur und nützen nichts.“ In vielen seiner Forderungen und 
Ausstellungen wird man dem Verf. beipflichten können; stark übertrieben erscheint uns 
freilich seine Behauptung: die ärztlichen Beratungsstellen „nützen gar nichts“, unrichtig 
seine grenzenlos optimistische Behauptung: „Die Zahl der Geschlechtskranken steigt nicht 
mehr“ (S. 12 oben). Trotz ihrer Einseitigkeiten ist u. E. die kleine Schrift verdienstvoll. 

4) Miller, Kurt: § 175*: Die Schmach des Jahrhunderts. Hannover 1922. Verlag 

Paul Steegemann. 132 S. 30 Mk. 

Von Dr. F. Dehnow. 

„Ein Lump wäre ich, ergriffe ich in jenem Streit zwischen Zetschen und Zwergen, 
die sich für Richter halten, und Ihnen nicht vorbehaltlos für Sie Partei; aber ich wäre 
ein Lügner, ließe ich dieses ungesagt.“ . . . „Und der Reichspräsident müßte ein Trottel 
sein, wollte er usw.“ . . . „Ich bitte aber, mir zu glauben, daß ich, was ich behaupten 
werde, auch zu beweisen verstünde.“ Die Wiedergabe einiger solcher Stilproben scheint 
erforderlich, um die Art dieser Schrift anschaulich zu machen. 

Seit Hiller 1913 seine bemerkenswerten beiden Bände „Die Weisheit der Langen¬ 
weile“ herausgab, ist seine literarische Entwicklung immer weniger erfreulich geworden. 
In der vorliegenden Schrift, einer Sammlung von Aufsätzen aus den Jahren 1911 bis 1921 
(darunter Aufsätzen aus der Zeitschrift „Die Freundschaft“, zu deren Mitarbeitern Hiller 
neuerdings gehört), ist der erste, zugleich zeitlich erste, Aufsatz der beste und enthält 
zutreffende Bemerkungen: „Der Geist der Askese feiert noch im Reichsstrafgesetzbuch 
Triumphe . . . Sinne sind ihm Sünde; und jede geschlechtliche Tat, falls sie nicht durch 
das, Ehe genannte, Blankett-Privilegium polizeilich eingesegnet ist,*gilt ihm als ,Unzucht 1 .“ 


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Bücherbesprechungen. 


Die Stellungnahme des letzten Strafgesetzentwurfes nennt Hiller in einem späteren Auf¬ 
satz einen „Hohn auf die Forscher- und Aufklärerarbeit vieler Jahrzehnte, und was er 
(seil, der Entwurf) in seiner ,Begründung 4 darüber sagt, das ist so minderwertig, daß ein 
Studiosus juris im zweiten Semester sich schämen würde, in einer schwachen Stunde 
solche Gedankenlosigkeiten hervorgebracht zu haben. 44 Der maßlosen Form dieser 
Äußerung ist zugute zu halten, daß in der Tat für die unverantwortliche Behandlung 
der Frage im Entwurf maßvolle Worte nicht leicht zu finden sind; hoffentlich bringt der 
neue Entwurf, dessen Veröffentlichung noch in diesem Jahre zu erwarten steht, eine 
ernsthaftere Behandlung der Sexualdelikte. 

Aber eine stark auftragende und lärmende Sprache herrscht auch anderweit in der 
8chrift vor. Sophistik und Rhetorik herrschen vor und Aphorismen jener Art, von denen 
das Gegenteil ebenso wahr ist. Oberflächlichste Demagogik wird getrieben: „Schafft jedem 
Arbeit, dann wird die Liebe sich nirht mehr zu verkaufen biauchen. Gebt die Liebe 
frei! Dann wird sie nicht mehr gekauft werden müssen. 44 Wohl jeder Sittenpolizei¬ 
beamte beurteilt die tatsächlichen Zusammenhänge richtiger. Unsere Gesellschaft nennt 
der Verfasser „die elendeste aller Gesellschaften* 4 , wie denn die ganze Schrift aus mi߬ 
mutiger Stimmung geboren scheint. 

Lärmend und unsachgemäß ist auch der Titel „Die Schmach des Jahrhunderts 44 . 
Der typische homosexuale Egozentrismus gehört dazu, diese Kennzeichnung auf Verhält¬ 
nisse anzuwenden, die für das Ergehen der Rasse gleichgültig und auch anderweit doch 
nur von nebengeordneter Bedeutung sind. Es ist augenfällig, daß der Verfasser pro domo 
schreibt. Nur eine besondere Bestätigung hierfür ist es, daß er ausdrücklich einer offenen 
Erklärung über die Frage seiner persönlichen Interessiertheit sich mit Sophismen entzieht 
— „Gesetzt, ich bin ,so 4 44 und „Gesetzt aber, ich bin nicht ,so 4 41 —. Es bleibt dem¬ 
gegenüber und auch im Hinblick auf die Stilart der Schrift eindruckslos, wenn er äußert: 
er habe diese Schrift publiziert, „weil es sich ziemt und sittlich ist* 4 . . 

Wenn Vf. in der „Vorrede 4 * bemerkt, seine Schrift wolle „der großen Welt einen 
recht kräftigen Ruck geben 44 , so befindet er sich recht sehr im Irrtum darüber, was die 
Schrift tatsächlich bietet. Die ihr als Auhang beigefügte Hirschfeldsche Petition enthält 
in ihren sechs Seiten Klareres und Zuverlässigeres als der sämtliche übrige Inhalt der 
Schrift. Wenngleich der Buchtitel Aufmerksamkeit erregen wird, so ist doch dieses Buch 
am allerwenigsten geeignet, zu einer wohlwollenden Auffassung über die Homosexualität 
jemanden umzustimmen, der eine solche Auffassung noch nicht hat; eher wird es im 
umgekehrten Sinne wirksam sein können. Die Argumentierung Hillers ist besonders 
dürftig und beschrankt sich im wesentlichen darauf, daß homosexueller Verkehr niemanden 
„schädigt 44 und „keiner Fliege ein Haar krümmt 44 . Diese Urteilsweise, die vor allem 
jeden, ohne Rücksicht auf seinen Wert, vor „Schaden 44 bewahren will, wofern er nur 
selbst niemanden „schädigt 44 , und die des Sinnes für Rassentüchtigkeit ermangelt, ist als 
kurzsichtig und als schwachmütig längst erkannt worden. 

Eine ausführlichere Besprechung an dieser Stelle findet die Schrift deswegen, weil 
sie für die weitgehende Unbefangenheit symptomatisch ist, mit der Vertreter der Homo¬ 
sexualität neuerdiügs auftreten, nicht nur Duldung fordernd, sondern mit beträchtlichem 
Selbstgefühl sich in Szene setzend. Der Homosexuelle sollte lieber bereitwillig anerkennen, 
daß die Art seiner Sexualität einen Fehler, ein Minus seiner Persönlichkeit bedeutet, 
trotz dessen er ein achtbarster und wertvoller Mensch sein kann. Nur auf dieser 
Basis wird eine Verständigung möglich sein. 

Der Berichterstatter, der die Hirschfeldsche Petition mitunterzeichnet und auch 
anderweit bei mehreren Gelegenheiten sich scharf gegen den § 175 geäußert hat, hatte 
noch vor kurzem die Absicht, die Materie monographisch zu behandeln. Die rechtswissen- 
schaftliche Literatur hat nämlich insofern eine Lücke gelassen, als sie diese Materie 
konsequent peinlichst meidet; von den unzähligen juristischen Monographien und Disser¬ 
tationen aus den letzten zwanzig Jahren betnfft keine einzige den § 175. — Aber 
der Berichterstatter muß gestehen, daß die Art des auf diesem Gebiete an wachsenden 
Schrifttums ihn davon zurückhält, auf dieses Gebiet sich zu begeben. 

5) u. ß) Stein,Otto: Geschlechtskrankheiten. 191S. — Pau IM ul zer: Die syphilitischen 
Erkrankungen in der Allgemeinpraxis. 336 S. Beide bei J. F. Lehmann, 
München 1922. 90 Mk., geb. 110 Mk. 

Von Dr. Max Marcuse. 

Das Buch von Stein ist inhaltlich das umfassendere, da es alle sogenannten 
Geschlechtskrankheiten behandelt. Daß man von „sogenannten 44 Geschlechtsleiden sprechen 
muß, zeigt die Definition —* diese angebliche Definition — des Verfassers wieder ganz 


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Bücherbeeprechungen. 


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dentlich. Die spezifische Bezeichnung und Gruppierung dieser Erkrankungen bleibt eben 
einigermaßen willkürlich und wesentlich nur durch äußerliche Momente gerechtfertigt. 
In dem Bteinschen Buche werden Balanitis und Phimosis, Paraphimosis, Phthiriasis pubis 
und Tache bleue. Condyloma acuminatum, Herpes genitalis, Molluscum contagiosum, 
Ulcus acutum vulvae, ülcus moile, die Syphilis und die Gonorrhöe behandelt — mit einer 
Gediegenheit und Gründlichkeit, die angesichts des engen Raumes und der knappen Dar- 
stellungsweise besonders bemerkenswert ist. Nichts wirklich Wesentliches von der wissen¬ 
schaftlichen und praktischen Bedeutung der verschiedenen Krankheiten und Krankheits¬ 
formen ist übergangen, und in der Art der Übermittlung seiner Kenntnisse und Erfahrungen 
folgt der Verfasser mit großem Geschick didaktischen Richtlinien. Der ungewöhnliche 
Wert des Buches aber wird durch die vorzüglichen 32 Farbdrucktafeln bedingt, die durch 
Photographie der herrlichen Moulagen der Wiener Klinik (Prof. Finger) gewonnen 
worden sind. 

Das Buoh von Mulzer beschränkt sich auf die Darstellung der Syphilis, gibt 
von dieser aber ein annähernd lückenloses Bild, an dem außer dem Herausgeber selbst 
eine Reihe engerer Fachmänner mitgewirkt haben. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit 
ist ein ausgezeichneter Grundriß der Haut- und Schleimhaut-Lues (Mutzer), der Ein¬ 
geweide- (G. Sittmann), Ohr- (F. Wanner), Augen- (W. Gilbert), Nerven-Syphilis 
(L. v. Maleise), der syphilitischen Erkrankungen der oberen Luft- und Speisewege 
(H. Neumayer), der kongenitalen Lues (J. Husler) und der besonderen Beziehungen 
zwischen Lues und Chiruigie (Ledderhose). Der allgemeine Teil, wieder von Mulzer selbst 
bearbeitet, behandelt sehr einprägsam die grundsätzlichen Fragen der Syphilis-Diagnose 
und -Prognose. 

Beide Bücher wenden sich selbstverständlich ausschließlich an Ärzte (und Medizin¬ 
studierende). Laien bieten sie nichts, und ihre Anzeige an dieser Stelle erfolgt nur mit 
Rücksicht auf die Berufsgenossen des Referenten unter den Lesern dieser Zeitschrift 

7) Forel, August: Hygiene der Nerven und des Geistes Im gesunden und kranken 

Zustande« 7. durchgesehene u. erweiterte Aufl. Stuttgart 1922. E. H. Moritz. 352 S. 

Von Dr. F. Dehnow. 

Dieses Werk enthält weit mehr, als sein Titel verspricht. Abschnitten über Anatomie 
und Physiologie der Nerven folgen solche über Sexualethik, Pädagogik und andere Gebiete 
individualer und sozialer Ethik: ,,es kann und darf kein Widerspruch zwischen Hygiene 
und Ethik bestehen* 1 (238). Bei der Anzeige der vorliegenden neuen Auflage seien diese 
letzteren Abschnitte hervorgehoben, die die zentralsten ethischen Gebiete erörtern und, 
,,für gebildete Laien und für Studierende bestimmt“, überall fördernd und gesundend 
wirken werden. Forel tritt hier als Mitbegründer und beredter Verfechter der modernsten 
auf Kenntnis der menschlichen Naturbeschaffenheit fußenden Anschauungen über Lebens¬ 
führung auf. Wenn er früher manchem ironischen Widerspruch begegnet ist und wenn 
öfters Schöngeister ebenso wie manche Herren vom Fach ihn nur als „oberflächlich“ 
haben gelten lassen wollen, weil sie über der Klarheit dieser Wasser ihre Tiefe über¬ 
sahen, so hat dies nicht gehindert, daß Forel8 Anschauungen in immer steigendem Maße 
von der Zeitanschauung übernommen worden sind. Dieser Dj eiundsiebzigjährige ist in der Tat 
geistig einer der Jüngsten. Ich glaube in ihm einen der verdienstvollsten Kulturpioniere 
unter den lebenden Vertretern der europäischen Wissenschaft zu sehen. 

8) Baeuerle, Emil: Steinach. Hornverlag 1921. 

Von Dr. Kurt Finkenrath. ' 

Anknüpfend an die volkstümlichste Idee aus den Arbeiten Steinachs, an die „Ver¬ 
jüngung“, leitet Verfasser geschickt über zu einer Veijüngungslehre alt-arischer 
Religion. Die Arbeit ist somit sexualwissenschaftlich und wissenschaftlich belanglos. 




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Referate. 


Referate. 

1) Sand, Knud: Etudes experimentales sur les glandes sexuelles chez les mammi« 

föres. (Deuxieme memoire.) Exp6rienees sur la r&eetion du „vas d6ferens u . 

Journal de Physiologie et de Pathologie generale 1921. 

Die betreffenden Versuche von ßouin uQd Ancel nachprüfend, hat S. bei Meer¬ 
schweinchen, Kaninchen und Hatten einseitige Vasektomie mit Kastration auf der anderen 
Körperseite kombiniert und durchaus in Übereinstimmung mit ß. u. A. gefunden, daß 
es dabei zu einer Atrophie der Samenkanälchen mit partieller Degeneration 
auch der Sertolizellen und zu einer starken Hypertrophie der Zwischen zellen kommt 
unter Erhaltung der Sexuszeichen und Steigerung der Geschlechtslust. S. sieht darin mit 
B. und A. einen Beweis für die Lieferung des geschlechtsspezifischen Inkretes durch die 
Zwischenzellen; ob aber deren Hypertrophie bei der oben genannten Versuchsanordnung 
wirklich eine kompensatorische ist, d. h. ob sie wirklich auf die dabei parallel mit der 
Vasektomie gemachte Entfernung des andersseitigen Hodens zurückzuführen ist (was ein 
vollkommenerer Beweis für die inkretorische Rolle der Zwischenzeilen wäre), wagt S. 
auf Grund seiner bisherigen Versuche nicht zu entscheiden; im übrigen bringen diese 
eine Bestätigung auch der Angabe von B. u. A., daß die Wirkung der Vasektomie erst 
nach Beginn der Pubertät eintritt. ß Slotopolsky. 

2) Sand, Knud: Etudes experimentales sur les glandes sexuelles chez les mammi- 

feres. (Troisieme memoire.) Cryptorehidie experimentale. Journal de Physiologie 

et de Pathologie generale 1921. 

Bei Versuchen mit künstlichem Kryptorchismus (an Kaninchen, Meerschweinchen 
und Ratten), welcher infolge der hierbei rascher eintretenden Rückbildung des generativen 
Hodenanteils zur Erreichung dieses Effektes der Vasektomie vorzuziehen ist, ergab sich, 
daß bei einseitiger Versenkung des Hodens in die Bauchhöhle mit gleichzeitiger Exstirpation 
des andersseitigen der verbliebene kryptorchische Hoden stark hypertrophiert (bis auf das 
2 1 /, fache des Gewichtes eines entsprechenden Hodens bei einem Kontrolltier mit ein¬ 
seitigem experimentellen Kryptorchismus ohne gleichzeitige andersseitige Kastration), daß 
diese Hypertrophie lediglich die Zwischenzellen betrifft und nicht die Sertolizellen in den 
atrophierten Samenkanälchen, und daß dabei die Sexualcharaktere sich normal entwickelten. 
In dieser allem Anschein nach wirklich kompensatorischen Hypertrophie der Zwischen¬ 
zellen erblickt S. mit Recht einen einleuchtenden Beweis für ihre inkretorische Rolle, 
für die er auch aus anderen Erwägungen heraus noch nachdrücklich eintritt. 

B. Slotopolsky. 

3) Lipschütz, A. (B. Ottow, C. Wagner and F. Bormanu): On the llypertrophy 

of the Interstitial Cells in the Testicle of the Guinea-Plg under different 

Experimental Conditions. (Über die Hypertrophie der Zwischenzellen im Hoden 

des Guineaschweines unter verschiedenen experimentellen Bedingungen.) Proc. of the 

Royal Society, B. Vol. 93. 1922. 

Bei Versuchen mit partieller Kastration (Entfernung eines Hodenstückes mit oder 
ohne gleichzeitige Exstirpation des Hodens der anderen Seite) am Guineaschwein ergab 
sich, daß eine vollkommene Maskulinierung sogar noch bei einem Hodenrest von 1 Proz. 
des Gesamthodengewichtes möglich ist: in solchen Hodenresten war mitunter eine starke 
Hypertrophie und Vermehrung der Zwischenzellen zu konstatieren. Da dies aber nicht 
die Regel war und überdies auch bei Belassung des Hodens der anderen Seite vorkam, 
kann die erwähnte Hypertrophie keine kompensatorische gewesen sein (was im Sinne der 
Steinachschen Lehre nahe liegen würde, anzunehmen); sie ist vielmehr, wie die Verf. 
überzeugend nachweisen, die Folge einer in den Zirkulationsverhältnissen des Hodens 
begründeten Überernährung des betreffenden Hodenrestes. Die Versuche zeigen, wie 
vorsichtig man in der Beratung der Ergebnisse auf diesem Gebiete sein muß. 

B. Slotopolsky. 


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Referate. 


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4) Simmonds: Über das Verhalten des menschlichen Hodens bei narbigem Verschluß 

des Samenleiters. Verh. d. Deutsch, pathol. Ges., 18. Tag., zu Jena 1921. Erg.-Heft 
zum 31. Bd. des ZentralbL f. allgem. Pathol. u. pathol. Auat. 

Bei narbigem jahrelang zurückliegenden, insbesondere auf gonorrhoische Deferentitis 
zurückzuführenden Verschluß des Samenleiters in der Regel kein Sistieren der Spermio¬ 
genese, dabei Abfuhr der produzierten Spermien durch die Lymphgefäße. Unter 40 der¬ 
artigen Hoden zeigte nur einer deutliche Zwischen zell Wucherung. Bezüglich der Funktion 
der Zwischenzellen nimmt S. ähnlich, wie Berblinger, einen vermittelnden Standpunkt ein, 
aber in anderem Sinne: er glaubt, daß generative Elemente und Zwischenzellen bei der 
Inkretion vikariierend für einander ein treten können, die Zwischenzell Wucherung bei 
Atrophien der Samenkanälchen hält er für eine kompensatorische Hypertrophie. 

B. Slotopolsky. 

5) Sternberg, C.: Zur Frage der Zwischenzeiten. Verh. d. Deutsch, pathol. Ges., 

18. Tag., zu Jena 1921. Erg.-Heft zum 31. Bd. des Zentralbl. f. allgem. Pathol. u. 
pathol. Anat. 

In atrophischen und ektopischen Hoden, sowie bei denen von Pseudohermaphroditen und 
Eunuchoiden fand S. die Zwischenzellen bald vermehrt, bald nicht; in den Hoden dreier 
Homosexueller waren die von Steinach beschriebenen Verhältnisse nicht nachzuweisen. 
Die Funktion der Zwischenzellen hält S. für noch ungeklärt, die „Pubertätsdrüse“ lehnt 
er völlig ab. B. Slotopolsky. 

6) Berblinger: Über die Zwischenzeiten des Hodens. Verh. d. Deutsch, pathol. Ges., 

18. Tag., zu Jena 1921. Erg.-Heft zum 31. Bd. des Zentralbl. f. allgem. Pathol. u. 
pathol. Anat. 

B. fand bei Späteunuchoidismus Atrophie der Samenkanälchen und hochgradige 
Wucherung der Zwischenzellen, bei schweren Hodenatrophien ohne Veränderung der 
Sexuszeichen in den Samenkanälchen immer Sertoiizellen und Spermatogonien und die 
Zwischenzellen nicht vermehrt, dasselbe beim Kryptorchismus, bei dem ja die Sexuszeichen 
ebenfalls fast normal erhalten sind. B. schließt daraus, daß nicht die Zwischenzellen 
allein die endokrine Drüse bilden können, er stellt sich vor, daß die Spermatogonien 
(eventuell auch die ihnen prinzipiell gleichwertigen Sertoiizellen) die Hormone produzieren, 
die Zwischenzellen sie aber weiter geben, daß also beide „eine funktionelle Einheit“ 
büden. B. Slotopolsky. 

7) Lipschütz, A., F. Bormann u. K. Wagner: Über Eunuchoidismus beim Ka¬ 

ninchen in Gegenwart von Spermatozoen in den Hodenkanälchen und unter¬ 
entwickelten Zwischenzellen. Deutsche med. Wochenschr. 1922. Nr. 10. 

Bei einem bei Gelegenheit anderer Untersuchungen einseitig kastrierten Kaninchen, 
dessen Penis infantil blieb, enthielt der belassene hypertrophierte Hoden bei vollkommener 
8permiogenese sehr protoplasmaarme Zwischenzellen mit kleinen Kernen; die innere 
Sekretion des Hodens könne deshalb nicht ausschließlich an dessen generativen Anteil 
gebunden sein, sondern sei jedenfalls auch von dem Verhalten der Zwischenzellen ab¬ 
hängig. Die Möglichkeit einer Verursachung des Eunuchoidismus in dem vorliegenden 
Falle durch mit der Erbanlage gegebene Momente oder durch Versagen anderer endokriner 
Drüsen bei womöglich normaler Inkretion des betreffenden Hodens wird von den Verf. 
erwogen, abgelehnt, aber nicht eigentlich widerlegt. B. Slotopolsky. 

8) Alverdes, Fr.: Rassen- und Artbildung. Abh. z. theoret Biologie (herausgeg. 

von J. Schaxel). Heft 9. 1921. 

Die Schrift behandelt in zwangloser Form das Zusammenspiel der äußeren und 
inneren Faktoren, die Phänovariationen, Mutationen und Genovariationen durch Faktoren¬ 
kombination; für ein kurzes Referat ist sie nicht geeignet. B. Slotopolsky. 

9) Vogt, A.: Über geschlechtsgebundene Vererbung von Augenleiden. Schweiz. 

med. Wochenschr. 1922. Nr. 4. 

Durch Stammbaumnachforschungen bei Rotgrünblinden gibt Verf. eine höchst 
eindrucksvolle Bestätigung der modernen Theorie der geschlechtsbegrenzten Vererbung. 


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Dr. Albert Moll zum 60. Geburtstage. 


Da nach dieser Theorie das geschlechtsgebundene Leiden auf einen Defekt der geschlechts- 
bestimnenden Erbeinheit (d. h. der Geschlechtschromosomen) zurückzuführen ist, so muß 
(bei Heterozygotie des männlichen Geschlechtes und bei Dominanz des Normalzustandes) 
eine Ehe zwischen einem (natürlich manifest) affizierten Mann und einer latent affizierten 
Frau (Q Konduktor) auch manifest affizierte Töchter, eine Ehe zwischen einer manifest 
affizierten Frau und einem affizierten Mann lauter manifest kranke Kinder (sowohl Söhne, 
wie Töchter) hervorbringen. Ganz dementsprechend fand Vogt bei zwei rotgrünblinden 
Schulmädchen — in dem einen Falle den Vater (manifest) und die Mutter latent affiziert 
(der Konduktorencharakter der Mutter wurde durch die Konstatierung der Affiziertheit 
ihres Vaters sichergesfrlit), in dem anderen Falle beide Eltern manifest affiziert und 
(immer ganz nach der Theorie) ebenfalls Bruder und Schwester des Kindes. 

B. 81otopol8ky. 

10) Spindler, E. A.: Über die Häufigkeit von Verwandtenehen in drei wfirttem- 
bergisehen Dörfern. Arch. f. Rassen- u. Gesellschaftsbiologie. Bd. 14. H. 1. 1922. 

Zur Entscheidung der Frage, ob ein bestimmtes Leiden besonders häufig bei der 
Deszendenz von Blutsverwandten vorkommt, muß zunächst festgestellt werden, wie häufig 
überhaupt Verwandtenehen Vorkommen und in welcher Häufigkeit die einzelnen Formen 
der Verwandtenehe. Lenz schäfzt nach Mayets Statistik für Deutschland die Häufigkeit 
der Vetternehen auf 1 Proz. und der entfernteren Verwandtenehen bis zu Ehen zwischen 
Vettern und Basen zweiten Grades auf 2,3 Proz. S. hat zur Nachprüfung dieser Schätzung 
eine Stichprobe an drei Ortschaften unweit Tübingens vorgenommen, für die weder eine 
besondere Häufigkeit noch eine besondere Seltenheit von Verwandtenehen zu vermuten 
war: an den Dörfern Nirschem, Wurmlingen und Unterjesingen. Während für die 
näheren Verwandtenehen die hier erhobenen Zahlen der Lenzschen Berechnung ungefänr 
entsprach, überschritt das Vorkommen von Vetternehen zweiten Grades in diesen Ort¬ 
schaften den von Lenz angenommenen Durchschnitt erheblich. S. erklärt diesen Befund 
mit der relativen Häufigkeit von Heiraten zwischen weiteren Verwandten gerade auf dem 
Lande, weil hier solche Eben überhaupt nicht mehr als Verwandtenehen, die vielleicht 
schädlich sein könnten, gelten und weil ferner auf dem Laude auch entferntere Ver¬ 
wandte viel regelmäßiger in den gleichen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen 
verbleiben als in der Stadt. Max Marcuse. 


Dr. Albert Moll zum 60. Geburtetage. 

Vom 4. Mai 1862 bis 4. Mai 1922 sind fraglos volle 60 Jahre. Wenn man diese 
Tatkraft, dieses Temperament, diese geistige und körperliche Beweglichkeit immer wieder 
staunend sieht, erscheint es fast unglaubhaft, daß hier bereits die Schwelle zum siebenten 
Jahrzehnt eines ungewöhnlich kampf- und arbeitsreichen Lebens überschritten worden ist — 
Albert Molls wissenschaftliche Leistungen haben im wesentlichen zwei Forschungs¬ 
gebiete stark befruchtet: die medizinische Psychologie und die Sexuologie. 
Es heißt nicht, seine Verdienste auf jenem Gebiete schmälern, wenn wir ihn an erster 
Stelle doch als Führer in unserem Wissenschaftsbereich in Anspruch nehmen. Mit 
seinem Werk über die „Konträre Sexualempfindung u und seinen „Untersuchungen über 
die Libido sexualis“ hat er die Fundamente zur modernen Sexualforschung gelegt, 
denen er im Laufe von bald drei Jahrzehnten in unermüdlichem Erkenntnis- und Be¬ 
kenntnis-Drang Baustein auf Baustein hinzugefügt hat. Wir heben aus der großen Zahl 
seiner späteren Arbeiten nur die folgenden Sonderveröffentlichungen heraus: Das Geschlechts¬ 
leben des Kindes, Berühmte Homosexuelle, Handbuch der Sexualwissenschaft, Behandlung 
der Homosexualität — chemisch oder psychisch? — Unserer „Zeitschrift“ und unseren 
„Abhandlungen“ steht er als Mitherausgeber und Mitarbeiter besonders nahe. 

Wir wünschen Albert Moll, der Wissenschaft und der großen Schar derjenigen, 
die bei ihm ärztlichen und lebenskundigen Bat suchen und immer zu Nutz und Trost 
erhalten, daß ihm noch eine lange Folge schaffensfroher Lebensjahre beschieden werde. 

M. M. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mare—e in Berlin. 
A. Mare— 4 B. Weher* Verlag (Dr. jnr. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck: Ölte Wigand'ache B-hdr—keref G.-.b.B. in Ltfpalg. 


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Dr. A. Czeliitzer. 


begleitete ihn durch sein Leben, Verbitterung blieb ihm fern, ob¬ 
gleich die verdiente Anerkennung seiner Bedeutung und Würdigung 
seiner Verdienste erst 20 Jahre nach seinem Tode einsetzte! 

Die Zahl seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist außer¬ 
ordentlich klein. Er brachte (und zwar in den Verhandlungen des 
natprforschenden Vereins in Brünn) drei Abhandlungen über 
Meteorologie und zwei über Pflanzenbastarde! Diejenige, die zur 
Keimzelle des großen Lehrgebäudes geworden ist, das man wohl 
„Mendelismus“ heißt, führt den Titel „Versuche über Pflanzen- 
hyöriden“ und erschien 1865 nach achtjährigen sorgfältigen Zucht¬ 
versuchen. Wie präzis und kurz das Genie sich ausdrücken kann, 
geht daraus hervor, daß diese Abhandlung gerade-44 Oktav¬ 

seiten füllt! 

Mendel stellte sich die Aufgabe, und zwar ein Erbsen, weil 
diese für Zuchtversuche besonders geeignet sind, durch Bastardierung 
zwischen 2 Pflanzen, die nur in einem Mörkmal unterschieden 
sind, zunächst einmal die Nachkommenschaft weiter zu untersuchen, 
aber „in einem Umfang und in einer Weise, daß es möglich wird, 
die Anzahl der verschiedenen Formen, unter welchen die Nach¬ 
kommen auftreten, zu bestimmen ... und die gegenseitigen nume¬ 
rischen Verhältnisse festzustellen“ (Mendel). 

Das Gesamtresultat Mendels bezeichnet Tschermak sehr 
treffend als die Erkenntnis von der „gesetzmäßige*n Ver¬ 
schiedenwertigkeit der Merkmale für die Vererbung“. 

Wir pflegen gewöhnlich von Mendelschen Regeln zu sprechen 
und verstehen unter der Spaltungsregel die Erscheinung, daß bei 
den Enkeln (nach Punnett „F,-Generation“) die Merkmale der 
Großeltern(Punnett: P-Generation) wieder beide getrennt auftreten, 
während sie bei den Eltern (= F^Generation) nur in einer einheit¬ 
lichen Form erschienen, z. B. ein Großelter hat rote Blüten, das 
andere Großelter weiße, die Eltern rosa. Bei den Enkeln aber 
stößt man außer rosa blühenden wieder auf rote und weiße! 

Die zweite Regel, die sogenannte Dominanzregel, besagt, daß 
meistens bei den F\ nicht eine Mischung (rosa aus rot und- weiß) 
eintritt, sondern die eine Komponente des Merkmalpaares prävaliert, 
z. B. rot, so daß alle Angehörigen dieser Generation ähnlich dem 
einen, dem roten P gleichen, während die nächste, die F 2 -Generation 
zerfällt in prävalierende (von Mendel „dominant“ getaufte) rote und 
weiße (rezessive) und zwar im Zahlenverhältnis 3:1! 

Mendel erklärte diese Beobachtungen und insbesondere diese und 
andere Zahlenverhältnisse durch die ebenso geniaje wie einfache 
Hypothese von den Erbfaktoren oder Genen, die für jede einzelne 
der unzähligen Eigenschaften eines Lebewesens bestimmend in der 
Erbmasse vorhanden seien. Exemplare, die zwei gleiche Faktoren 
besitzen, nannte er homozygotisch (rein-erbig); solche aber, 
die als echte „Bastarde“ zwei verschiedene beherbergen, hetero- 
zygotisch (gemischt-erbig). Alle die' unzähligen Eigenschaften 
aber vererben sich unabhängig voneinander, so daß ein Wesen in 
bezug auf diese Eigenschaft rein-erbig sein kann, in bezug auf 
jene aber misch-erbig. — Wir wissen heute, daß diese Mendelsche 
oder „alternierende“ Vererbung nicht bloß für Erbsen oder für 


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Zum hundertsten Geburtstag von Gregor Mendel. 


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Pfjanzen, sondern auch für die Tiere und für den Menschen gilt; 
wahrscheinlich gibt es überhaupt keine andere Form der Vererbung. 
Die Schwierigkeit, den Erbgang irgend einer Eigenschaft klar- / 
zustellen und in der Erbformel init mathematischer Exaktheit aus¬ 
zudrücken, liegt nur darin, daß es sowohl Eigenschaften gibt, die auf 
mehreren Faktoren beruhen wie Faktoren, die mehrere Eigen¬ 
schaften bedingen. Während bei Monohybridie (1 Eigenschaft 
1 Faktor) die Zahlenverhältnisse sehr einfach und durchsichtig sind, 
kompliziert sich dies bei Polyhybridie rasch und in einer Weise, 
die hier nicht besprochen werden kann. Erwähnt sei nur, daß die 
Zytologie uns inzwischen gelehrt hat, in den Chromosomen die 
Träger und Substrate jener hypothetischen Faktoren zu erblicken und 
— so vieles hier auch noch unklar ist! — mindestens in der Re¬ 
duktionsteilung eine plausible Vorstellung vom Zustandekommen 
der „Spaltung“, des Auseinanderweichens zeitweilig aneinander ge¬ 
koppelter Einheiten. 

So viel nun auch von Mendel in der neueren biologischen 
und medizinischen Literatur die Rede ist, so wenig werden doch 
auch heute noch häufig die oben ganz kurz skizzierten Grund¬ 
anschauungen und elementaren Regeln berücksichtigt. Da die Erb¬ 
faktoren sich rein nach dem Gesetz des Zufalls kombinieren, sind 
naturgemäß große Zahlenreihen notwendig, wenn das numerische 
Verhältnis der Häufigkeit richtig zutage treten soll. Bei der 
Kleinheit der Kinderzahl für Menschen und Tiere im Vergleich zu 
Pflanzen sind also statistische Zusammenfassungen erforderlich und 
es ist ein Unding, in einer menschlichen Familie mendelistische 
Zahlenproportionen zu erwarten. 

Ebenso unsinnig ist das (allerdings weniger bei Wissenschaftlern 
als bei den halbgebildeten Kreisen der Rassenpolitiker) übliche 
Gerede von „Menschen reiner Rasse“ im Gegensatz zu „Halbblut“ usw. 
Es gibt eben keine allgemeine Reinerbigkeit, es gibt nur Homo- 
zygotie für eine oder die andere Eigenschaft. Vermutlich ist jeder 
Mensch für bestimmte Eigenschaften homozyg, für andere und zwar 
die bei weitem überwiegende Mehrzahl heterozyg, daher die ver¬ 
wirrende Kompliziertheit der menschlichen Erblichkeitsphänomene! 

Auch heute noch glauben viele an die Möglichkeit, durch bloße 
Selektion gewisse erwünschte Eigenschaften (z. B. Begabungen) 
reinzüchten, sowie unerwünschte (z. B. Krankheiten) ausmerzen zu 
können. Das ist unmöglich, wenn bloß nach dem Phänotypus, dem 
äußeren Erspheinungsbilde ausgelesen wird, denn diese Selektion 
vermag ja dominante Homozygoten von den äußerlich ebenso aus¬ 
sehenden Heterozygoten nicht zu trennen. Durch die letzteren 
wird ja aber der rezessive (nicht erkennbare) Faktor immer wieder 
weiter erhalten und kann sich sofprt wieder manifestieren, wenn 
zufällig zwei solche Heterozygoten einander heiraten (Verwandten¬ 
ehe!!). Er kann dies tun; natürlich braucht dies nicht immer sofort 
einzutreten, sobald irgendwo die Möglichkeit vorhanden ist! 

Wenn ich zum Schlüsse die Bedeutung Mendels für die zu¬ 
künftigen Sexualprobleme formulieren soll, so wage ich die Prophe¬ 
zeiung, daß eine Zeit kommen kann und kommen wird, wo es 
möglich ist, aus der gewonnenen Kenntnis des Erbganges somatischer 

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Dr. Günther Just. 


und psychischer Eigenschaften im gegebenen Falle der Eheschließung 
zweier Individuen, deren Genotypus aus ihren eigenen Sanitäts¬ 
pässen sowie denjenigen ihrer gesamten Vorfahren einigermaßen 
klarstellbar ist, die Vorhersage der zu erwartenden Kinder wenigstens 
mit derjenigen Sicherheit zu stellen, mit der heute schon für einige 
wenige Fälle (Morgans Taufliege oder Baurs Löwenmäulchen¬ 
pflanze) die Vorhersage gestellt werden kann. 

Eine solche Vorhersage bedeutet aber nicht mehr und nicht 
weniger als eine Weltwende; eine Revolution in allen menschlichen 
Lebensbeziehungen, deren Konsequenzen kaum vorstellbar sind, 
denn sie schließt in sich die Möglichkeit, nicht bloß die meisten 
Krankheiten, sondern auch die meisten sittlichen Minderwertigkeiten, 
Laster und Verbrechen auszuschalten. . 

Wenn es jemals gelingen wird, an Stelle der Bevölkerungs¬ 
politik eine bewußte Sexualpolitik zu treiben, so wird diese 
sicherlich sich gründen auf das Werk jenes bescheidenen Mannes, 
auf das Werk Gregor Mendels! 


^ Dem Andenken Gregor Mendels. 

Von Dr. Günther Just 

in Berlin-Dahlem. 

Mit einem Bildnis Mendels. 

Im Jahre 1866 erschien bei Georg Reimer in Berlin Ernst 
Haeckels „Generelle Morphologie der Organismen“. 
Zwei starke Bände von mehr als tausend Seiten, in denen der im 
frühen Mannesalter stehende Jenenser Zoologe, dem nach anderthalb¬ 
jähriger glücklicher Ehe an seinem dreißigsten Geburtstag, am 
• 16. Februar 1864, sein junges Weib entrissen worden war und der 
diesen Schlag nicht glaubte überwinden zu können, in einer ge¬ 
waltigen Synthese den Gesamtschatz seines Wissens und die Fülle 
der in ihm lebenden Ideen zu einem Neubau der biologischen Wissen¬ 
schaft verarbeitet hatte. Im gleichen Jahre erschien im IV. Bande 
der Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn eine 
noch keine fünfzig Seiten lange Abhandlung des Augustinerpaters 
und Lehrers an der Brünner Oberrealschule Gregor Mendel, 
die den Titel: „Versuche über Pflanzenhybriden“ führte. 

Fünfunddreißig Jahre später! Jahrhundertwende! Kampf tobt 
von allen Seiten um Arbeit und Wert des Mannes, der 1866 seine 
„Generelle Morphologie“ hatte herausgehen lassen, Kampf um ein 
Buch, das der nunmehr Sechsundsechzigjährige über die „Welträtsel“ 
geschrieben und in dem über Mensch, Seele, Welt und Gott von ihm 
noch einmal, wie so oft schon vorher, der Standpunkt eines mo¬ 
nistischen Naturforschers klar und scharf, oft überscharf, dargestellt 
wurde. Kampf um ein Buch, das selber ein Kampfbuch war. Aber 
dieses Buch führte seinen Kampf zum großen Teil schon nicht mehr 
um Gebiete, die es erst zu erobern galt, sondern zur Verteidigung 
solcher, die bereits in Besitz genommen waren. Es führte seinen 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


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Kampf nicht mehr durchaus gegen eine Übermacht, sondern es 
standen Tausende und Tausende hinter ihm, zujubelnd, anspornend, 
miteilend. Denn zwischen diesen beiden Büchern, der schweren 
fachwissenschaftlichen „Generellen Morphologie“ und dem „leichter 
geschürzten“ ,,Welträtsel“-Buch, lag ein Menschenalter angespann¬ 
tester Arbeit in Wort und Schrift, in Lehrtätigkeit und Forschung, 
lag ein Menschenalter unermüdlicher Wirksamkeit, die der Ver¬ 
tiefung und der Ausbreitung des Entwicklungsgedankens galt. Die 
„Natürliche Schöpfungsgeschichte“ war in Tausenden von Exem¬ 
plaren in die ganze zivilisierte Welt hinausgegangen, die „Anthro- 



pogenie“ war ihr nachgefolgt, und diesen umfangreicheren Werken 
hatten sich zahlreiche kleinere Schriften und Vorträge angeschlossen, 
ganz abgesehen von den rein fachlichen Werken, die die unerschöpf¬ 
liche Arbeitskraft H a e c k e 1 s hervorgebracht hatte. Eine ungeheure 
Wirkung war von alledem ausgegangen, draußen in der weiten Welt, 
wo der Gedanke einer natürlich-schlichten Einbeziehung des Menschen 
ins Naturganze fester und fester Fuß faßte, sodaß viele von uns 
Jüngeren ihn schon beinahe wie eine Selbstverständlichkeit über¬ 
nehmen können, wenngleich wir von einer allgemeinen Erfassung 
der fundamentalen Bedeutung dieses ganzen Gedankenkomplexes 
noch himmelweit entfernt sind, — eine nicht geringere Wirkung 

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Dr. Günther Just 


aber auch drinnen in den Fachkreisen biologischer Forschung, wo 
ganze große Gebiete nach Haeckelschen Gesichtspunkten durch¬ 
gearbeitet wurden und wo es wenige gab, die sich nicht so oder 
so, für oder wider ihn, hätten aussprechen, immer aber um ihn und 
die von ihm aufgeworfenen Probleme hätten kümmern müssen. Ein 
arbeitsfrohes Leben nicht nur, sondern auch ein an Erfolg und An¬ 
erkennung reiches Leben lag hinter Haeckel, als er ins Vorwort 
seiner „Welträtsel“, stolz auf das Erreichte, aber in bescheidenem 
Bewußtsein der Grenzen alles menschlichen Erkennens, die Worte 
schrieb: „Auch bin ich ganz und gar ein Kind des neunzehnten 
Jahrhunderts und will mit dessen Ende einen Strich unter meine 
Lebensarbeit machen.“ 

Von Gregor Mendel wußte, als das Jahrhundert zu Ende 
ging, niemand etwas. Irgendwo in der Ecke eines Bibliotheks¬ 
schrankes in einem Vereinszeitschriftenband, schlummerte jene kurze 
Abhandlung, stumm und staubig gleich Hunderten und Hunderten 
anderer Spezialarbeiten, die keiner las außer hier und da einem 
Spezialisten, der eine Einzelheit brauchte und in den alten Bänden 
nachschlug. Da wurde sie mit dem Beginn des zwanzigsten Jahr¬ 
hunderts plötzlich zu neuem Leben erweckt 

Correns, ein junger Botaniker damals in Tübingen, jetzt der 
Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie in Dahlem, war 
im Laufe der Literatur-Durchsicht bei Vererbungsexperimenten, wie 
sie in ähnlicher Weise unabhängig von ihm und voneinander und 
nahezu gleichzeitig de Vries in Amsterdam und Tschermakin 
Wien durchgeführt hatten, auf jene völlig vergessene Sdhrift ge¬ 
raten, in der das, was die drei gefunden hatten, bereits in gültigster 
Form erwiesen un<J in klarstem Aufbau zur Darstellung gelangt war. 
Schon 1901, ein Jahr nach der Wiederentdeckung, erschienen die „Ver¬ 
suche über Pflanzenhybriden“ zusammen mit einer zweiten, nur ein 
paar Seiten umfassenden Mitteilung: „Über einige aus künstlicher 
Befruchtung gewonnene Hieraciumbastarde“, die im VIII. Band jener 
Verhandlungen abgedruckt war, in einer Neuausgabe in Ostwalds 
„Klassikern der exakten Wissenschaften“. Und als wärep die Ge¬ 
danken dieser Schrift durch ihre jahrzehntelange Fesselung um so 
ungestümer geworden, eilten sie, Mendels Namen verkündend, in 
wenigen Jahren über die ganze Welt, und heute, rund zwanzig Jahre 
seit Jahrhundertbeginn, ist der „Mendelismus“ ein riesenhaftes 
Wissensgebäude geworden, das bis in alle Fugen und Winkel hinein 
zu übersehen einem Einzelnen nicht mehr möglich ist, und Biologen 
, ' der ganzen Welt rüsten sich, Mendels Andenken an der Stätte 
seiner stillen Wirksamkeit zu ehren. Mendel selber aber ist 
lange tot 

Er ist vor 38 Jahren, zwei Jahre nach Darwin, am 6. Januar 
1884, im Alter von noch nicht 62 Jahren, an chronischer Nieren¬ 
entzündunggestorben. Seine letzten Lebensjahre hatten auch einem 
Kampf gegolten, — einem zähen, verbissenen, nutzlosen, mißmutig 
machenden Kampf mit der Regierung um die Rechte des Klosters, 
zu dessen Prälaten er 1868 gewählt worden war, einem Kampf aber, 
in dem die Entscheidung wieder erst einige Jahre nach seinem .Tode 
in seinem Sinne fiel. 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


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So stand Nichtverstandensein doppelt über dem Alternden, in 
wissenschaftlicher und in menschlicher Beziehung, dort völliges 
Unbekanntbleiben seiner Abhandlung, die nur ein einziger großer 
Botaniker, Nägeli in München, studiert, aber in ihrer großen Be¬ 
deutung nicht erfaßt hatte, hier die Nichtanerkennung eines Rechts¬ 
standpunktes, den er als den richtigen erkannt und dessen Ver¬ 
teidigung und Durchsetzung er sich mit der gleichen Gewissen¬ 
haftigkeit widmete, die seine Lebensarbeit überall durchzogen 
haben muß. 

Denn das ist einer der Haupteindrücke, den man aus seinen 
Briefen an Nägeli, die Correns veröffentlicht hat, aus der dort 
wiedergegebenen Handschriftprobe, aus der Schilderung, die sein 
Neffe, Dr. Alois Schindler, von seinem Leben gibt*), vor allem 
aber aus der Lektüre seiner Abhandlungen gewinnt: daß Mendel 
•ein Mann peinlicher Sorgfalt gewesen ist, die sich in allem äußerte, 
in seiner Forschungsarbeit, seinem Unterricht, seiner amtlichen und 
außeramtlichen Verwaltungstätigkeit Und vier andere Eigenschaften 
sind es dazu, die zu dem Bilde dieses Mannes gehören: sein Fleiß, 
seine Bescheidenheit, seine Güte — und sein leuchtend klares 
Denken. 

Sein Fleiß hat ihn, den Sohn eines Heinzendorfer Bauern, zum 
Prälaten des Brünner Klosters werden lassen. Mit 11 Jahren kam 
■er in die 3. Klasse der höheren Volksschule in Leipnik, von dort 
ins Troppauer, dann ins Olmützer Gymnasium, aber er konnte, trotz¬ 
dem er sich aufs äußerste einschränkte und Stunden gab, das Gym¬ 
nasium schließlich nur dadurch zu Ende besuchen, daß seine damals 
noch unverheiratete jüngere Schwester ihm einen Teil ihres Erbes 
zur Verfügung stellte. Nach Absolvierung des Gymnasiums trat er, 
auf Grund einer Probepredigt als einer von 4 unter 13 Bewerbern 
für fähig erachtet, als Novize ins Königskloster in Brünn ein, sich 
so nach dem Wunsche seiner Mutter die geistliche Laufbahn wählend. 
Gregor wurde sein geistlicher Name; sein Taufname war Johann. 
Nach seiner Weihe zum Priester widmete er sich mehrere Jahre 
lang der Seelsorge. Dann konnte er von 1851 bis 1853 auf Kosten 
des Klosters, das pflichtgemäß einige Mittelschulprofessoren aus 
seinen Insassen heranzubilden hatte, zum Studium der Mathematik, 
Physik und Naturwissenschaften nach Wien auf die Universität 
gehen.' Bald nach seiner Rückkehr wurde er Lehrer für Physik 
und Naturgeschichte an der Staats-Ober-Realschule in Brünn und 
war in dieser Stellung bis zu seiner Wahl zum Prälaten tätig. 
„Seine ausgezeichnete Lehrmethode, seine Gewissenhaftigkeit und 
Gerechtigkeit“ — sagt sein Neffe Alois Schindler, der zugleich 
in Brünn sein Schüler gewesen ist, in seiner Biographie über ihn — 
„gepaart mit Güte und Milde, machten ihn sehr beliebt. Er ließ 
fast Niemanden durchfallen und hatte es auch nicht notwendig, 
den Schrecken als pädagogisches Hilfsmittel zu gebrauchen; er brachte 


l ) Als Quellen für Mendels Leben haben dem Verfasser in erster Linie Schindlers 
nicht im Buchhandel erschienene Gedächtnisrede vom Jahre 1902, ferner der Lebens¬ 
abriß in Batesons Werk: Mendels Vererbungstheorien (deutsche Übersetzung von 
A. Winckler (Leipzig und Berlin 1914), und Gregor Mendels Briefe an Carl 
Nägeli 186(5—1873, herausgegeben von C. Correns (Leipzig 1905), gedient. 


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Dr. Günther Just 


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es im Gegenteile durch seinen klaren, lichtvollen Vortrag, durch die 
Macht der Aneiferung und durch freiwillige Nachhilfe zustande, daß 
selbst die schwächsten Schüler das angestrebte Lehrziel erreichten 
und daß sie seine Gegenstände gerne betrieben.“ 

Riesenhafter Fleiß, verbunden mit unendlicher Geduld, waren 
neben der Sorgfalt die Vorbedingungen für die Durchführung jener 
Vererbungsexperimente, die Mendels Namen so berühmt machen 
sollten, und wir wissen, daß er außer denVersuchen, deren Ergebnisse 
in seinen beiden Abhandlungen niedergelegt sind, noch viele andere 
botanische Versuche mit gleicher Zielsetzung durchgeführt hat, von 
denen er in seinen Briefen an Nägeli spricht, und daß ihn auch 
Versuche mit Bienenrassen beschäftigt haben. Neben seinen aus¬ 
gedehnten botanischen Studien, die ihrerseits ja neben seiner Lehr¬ 
tätigkeit einhergingen, betrieb er, jahrelang auch als Verwalter der 
Brünner meteorologischen Beobachtungsstation, wetterkundliche und 
im Zusammenhang damit auch astronomische Studien, führte 16 Jahre 
hindurch regelmäßige Wasserstandsmessungen im Conventsbrunnen 
des Klosters durch und hat über beide Arbeitsgebiete, wiederum 
in den Brünner Vereinsverhandlungen, Mitteilungen gemacht; seine 
letzte Veröffentlichung bezieht sich auf eine Windhose, die er 1870 
zu beobachten Gelegenheit hatte. Dazu kommen, die Reihe seiner 
Schriften schließend, zwei botanische Veröffentlichungen aus seinen 
Universitätsjahren, die in den Verhandlungen des zoologisch-bota¬ 
nischen Vereins in Wien erschienen sind. 

Daß er ein gütiger Mensch war, das geht nicht nur aus der 
Bemerkung Schindlers hervor, daß seinem Leichenzuge „auch 
viele Arme“ folgten, „denen Mendel bei seiner großen Mildtätig¬ 
keit oft der einzige Helfer und Retter war“, nicht nur aus dem, 
was der gleiche Gewährsmann uns vorhin über seine Persönlichkeit 
als Lehrer berichtete, nicht nur daraus, daß er drei Söhne jener 
Schwester, die ihm als jungem Menschen den Aufstieg ermöglicht 
hatte, nach Brünn holte und für ihre Gymnasial- und Hochschul¬ 
ausbildung sorgte, — über dem Gesicht des Vierzigjährigen, wie unser 
Bild es wiedergibt, über diesem Gesicht mit dem scharfgeschnittenen 
Mund, der Energie und Klarheit heißt, liegt dieser leise Schimmer 
der Güte, ja, vielleicht huscht etwas darüber hin wie ein freund¬ 
licher Humor, der gelegentlich in einen sachlich ernsten Brief an 
den „Hochgeehrten Herrn“ Professor Nägeli die Bemerkung ein¬ 
flicht, daß den Briefschreiber „der Himmel mit einem Übergewichte 
gesegnet hat, welches sich bei weiteren Fußpartien, namentlich 
aber beim Bergsteigen, in Folge der allgemeinen Gravitation, sehr 
fühlbar macht.“ 

Ein sehr wichtiger Charakterzug Mendels ist seine große 
Bescheidenheit. Sie spricht deutlich aus jeder Zeile seiner Schriften 
und aus seinen Briefen an Nägeli. Sie mag ihn auch mit in erster 
Linie gehindert haben, seinem Werke die Geltung zu verschaffen, 
die ihm zukam. 

In der Einleitung zu seinen „Versuchen über Pflanzenhybriden“ 
sagt er von seiner Experimentalmethode, sie schiene „der einzig 
richtige Weg zu sein, auf dem endlich die Lösung einer Frage er¬ 
reicht werden kann, welche für die Entwicklungsgeschichte der 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


105 


organischen Formen von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.“ 
Und er soll, wie in Batesons biographischem Abriß zu lesen ist, 
inbezug auf sein so ganz und gar unbeachtetes Werk „das feste 
Vertrauen gehabt haben, daß es früher oder später doch noch Würdi¬ 
gung fände und öfter geäußert haben: ,Meine Zeit wird schon 
kommen! 1 “ Aber in seinem ganzen Briefwechsel mit Nägeli findet 
sich kein Wort, das zum Ausdruck brächte, daß es sich bei seinen 
Entdeckungen um Dinge von fundamentaler Wichtigkeit handele, 
vielmehr dreht sich diese Korrespondenz wesentlich um spezielle 
Bastardierungsfragen, und seine Abhandlung selber hat Mendel 
offenbar außer an den hervorragenden Münchener Botaniker an 
niemanden geschickt. 

Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, daß die ganz abweichen¬ 
den Ergebnisse, die Mendel bei seinen Hieracium-Untersuchungen 
erhielt und die erst sehr viel später ihre Aufklärung erfuhren, den 
gewissenhaften und kritisch denkenden Mann an der Allgemein¬ 
gültigkeit der einige Jahre vorher von ihm entdeckten Gesetzmäßig¬ 
keiten zweifeln ließen, sodaß er, eben im Hinblick auf diese nicht 
zu analysierenden Widersprüche, an Nägeli schrieb: „Wir haben 
es hier offenbar nur mit einzelnen Erscheinungen zu tun, die der 
Ausfluß eines höheren allgemeinen Gesetzes sind.“ Und diese Un¬ 
sicherheit, zusammen mit seiner bescheidenen Zurückhaltung, mag 
der Grund gewesen sein, weshalb er sein Werk nicht stärker ins 
Licht gerückt hat. 

Es wäre aber immerhin möglich, daß Mendel die Tragweite 
seiner Entdeckungen in ihrem ganzen Umfange selber nicht ganz 
überschaut hätte. Es ist selbstverständlich, daß dies der Bedeutung 
des genialen Mannes keinen Abbruch tun könnte. Sein Werk bleibt 
sein Werk. Aber es war zu groß, als daß seine Zeit es so leicht 
hätte verstehen können; es war — vielleicht — zu groß, als 
daß er selbst es in seiner umfassenden Bedeutung erkannt hätte. 

Soweit es sich um die fehlende Würdigung der Arbeit 
Mendels durch seine Zeitgenossen handelt, kommen drei 
Gesichtspunkte in Betracht: einmal der versteckte Erscheinungsort 
— die Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn —, 
dann die mangelhaften Kenntnisse seiner Zeit auf Gebieten, die, 
wie das Studium der Kernverhältnisse, der Keimzellbildung, der Be¬ 
fruchtung, erst in der Zwischenzeit mit besonderem Eifer und reichstem 
Erfolg gepflegt worden sind, schließlich wohl noch ein dritter Punkt, 
der zwar nicht leicht zu beurteilen ist, da eben nicht bekannt ist, wer 
denn wirklich Mendels Abhandlung damals in Händen gehabt hat, 
aber in diesem Zusammenhang nicht unerörtert bleiben darf. 

Das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ist ja die Periode 
der Kämpfe und Auseinandersetzungen um die durch Darwin, 
Haeckel und ihre Mitstreiter aufgeworfenen Fragen. Es galt, ein 
ungeheures Tatsachenmaterial, durch Hunderte von Beobachtern 
zusammengetragen, unter den neuen Gesichtspunkten zu ordnen, 
zu ergänzen, erneut zu bearbeiten. Die Fülle der Erscheinungen 
des Lebens, die ungeheure Breite der organischen Formgestaltung, 
hieß es in einheitlicher Auffassung darzustellen. Die Generalprinzipien 
der Deszendenz, der Selektion, der Anpassung usw. erheischten so- 




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Dr. Günther Jost 


viel Arbeit mit Hirn und Hand, daß anderes demgegenüber in den 
Hintergrund trat. Es ist recht zweifelhaft, ob Ha e ekel, ebensowenig 
wie er die Bedeutung der Entwicklungsmechanik erkannt hat, auch 
den Men de Ischen Entdeckungen, wenn sie ihm in jüngeren Jahren 
bekannt geworden wären, die Bedeutung zugeschrieben hätte, die 
sie besitzen. Zu sehr war seine Gedankenarbeit auf die Phylogenie 
gerichtet und durch deren Probleme in Anspruch genommen. 

Ungerecht, wer aus solchen Erwägungen heraus Haeckel ver¬ 
urteilt! Der intensiv in bestimmter Richtung Schaffende sieht eben 
manches in falschem Lichte. Sah es. doch umgekehrt nun wieder 
in der ersten überschäumenden Begeisterung der mendelistischen, 
der exakten Forschungsrichtung so aus, als sollte all jene deszendenz¬ 
theoretische und phylogenetische Arbeit in Bausch und Bogen der 
Verdammung anheimfallen: der eine sah Darwins Selektionstheorie 
wie ein Kartenhaus zusammenfallen, der andere blickte auf die 
Stammbaum-Konstruktionen Haeekels wie auf abwegige Phan¬ 
tastereien. Allmählich sind wir aber wohl doch wieder in ein 
ruhigeres Fahrwasser gekommen, in dem wenigstens mancher ein¬ 
sieht, daß beide Richtungen ihr Recht und ihre Bedeutung haben, 
die deduktive Deszendenzlehre der Darwin-Haeckel-Zeit und 
die induktive Artbildungsforschüng, wie sie heute im Vordergründe 
unseres Interesses steht. Nicht um Gegensätze handelt es sich, 
wie man auf beiden Seiten glauben mochte, sondern um Ergänzungen, 
um zwei Wege zu einem gemeinsamen Ziel. 

Doch zurück zu Mendel! Das Bild seiner Persönlichkeit ab¬ 
zurunden, muß noch von einem Letzten die Rede sein: von der großen 
Klarheit, mit der dieser Mann seine Gedanken dachte. Schritt vor 
Schritt. Jeden einzelnen Gedanken aufs strengste kontrollierend 
und an der Erfahrung prüfend. Mit sicheren Schritten auf ein klar 
geschautes Ziel zuschreitend: „ein allgemein gültiges Gesetz für 
die Bildung und Entwicklung der Hybriden aufzustellen“, aber keinen 
Weg gehend, bevor er nicht sorgfältig auf seine Wegsamkeit geprüft 
worden wäre. Es ist in diesem Zusammenhang von Interesse, von 
seinem Neffen zu hören, daß Mendel „ein sehr guter Schachspieler“ 
war; „er löste mit Vorliebe Schachaufgaben und hat selbst einige 
Probleme komponiert.“ 

Man muß aber, um einen ganz deutlichen Eindruck von dieser 
Struktur des Mannes zu bekommen, seine „Versuche über 
Pflanzenhybriden“ zur Hand nehmen, dieses wahrhaft klassische 
Zeugnis exakter Biologie, mit dem strengen gedanklichen Aufbau, 
in dem kein Sprung gemacht und in dem anderseits jeder Gedanke 
bis zu Ende gedacht wird. 

Es ist allerdings heute, in einer Zeit, in der über der sachlichen 
Seite der wissenschaftlichen Forschung und Lehre gar zu leicht 
ihre geistige Seite in Vergessenheit gerät, nicht gerade üblich, daß 
die Jünger der Wissenschaft zu den Schriften derer greifen, auf 
deren Schultern sie in ihrer Arbeit stehen; aber vielleicht widmet 
der eine oder andere Leser dieses Aufsatzes doch einmal eine 
müßige Stunde der Lektüre von Mendels klassischer Abhandlung, die, 
wie Goldschmidt mit Recht sagt, „in ihrer Kürze und wunder¬ 
vollen Klarheit noch heute, wo so viel Material gleicher Art vor- 


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Dem Andenken Gregor Hendels. 


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liegt, die beste Lektüre zur Einführung in die moderne Bastardlehre 0 
darstellt Um zu dieser Lektüre anzuregen, dann aber, um auch 
darin den Meister zu ehren, dessen Andenken diese Zeilen gelten, 
lassen wir ihn selber ausführlich zu Worte kommen, wenn wir uns 
jetzt dem Inhalt seiner Lehre zuwenden. 

Worin liegt die Bedeutung der Versuche Mendels? Darin, 
daß hier zum ersten Male an einem in jahrelanger müh¬ 
seliger Arbeit gezüchteten Pflanzenmaterial eine 
exakte, zahlenmäßige Analyse von Erbmerkmalen 
durchgeführt wurde und daß die bei diesen Versuchen 
auftretenden Zahlenverhältnisse eine bis auf den 
heutigen Tag gültige und auf die Grundgeschehnisse 
derVererbung und damit auf allgemeinste biologische 
Zusammenhänge helles Licht werfende Interpretation 
erfuhren. 

Mehr als 10000 Erbsenpflanzen wurden auf dem Wege der 
Kreuzung gezüchtet und genau untersucht, und zwar lautete die 
klare und eindeutige Fragestellung der Ausgangs versuche: 
Wie verhalten sich bei der Bastardierung von Pflanzen, die sich 
in einem einzigen Merkmal, beispielsweise in der Gestalt 
der reifen Samen, unterscheiden, die Nachkommen in bezug auf 
diesen Unterschied? Sieben solcher unterschiedlichen Merkmals¬ 
paare — z. B. Samen entweder kugelrund bzw. rundlich oder 
unregelmäßig kantig, tief runzelig usw. — wurden benutzt, und die 
unmittelbare Nachkommenschaft — die erste Filial-Generation (F t ), 
wie wir heute sagen — zeigte in allen sieben Versuchsreihen ein 
deutliches „Dominieren 0 jeweils des einen elterlichen Merkmals, 
während das andere Merkmal, das des zweiten Elters also, ganz 
oder fast ganz unterdrückt wurde: „rezessiv“ nennt Mendel 
ein solches zurücktretendes oder verschwindendes Merkmal. In un¬ 
serem Beispiel besaßen alle F x -Pflanzen runde oder rundliche Samen; 
Kantigkeit verhielt sich rezessiv. Wurden nun diese F^Pflanzen 
untereinander gekreuzt, so treten in der folgenden Generation 
— F 2 nennen wir sie heute — „nebst den dominierenden 
Merkmalen auch die rezessiven in ihrer vollen Eigentüm¬ 
lichkeit wieder auf, und zwar in dem entschieden ausgesprochenen 
Durchschnittsverhältnisse 3:1, so daß unter je vier Pflanzen aus 
dieser Generation drei den dominierenden und eine den rezessiven 
Charakter erhalten.“ 

Kurz werden, Versuch für Versuch, die empirischen Zahlen ge¬ 
geben: 

„1. Versuch/ Gestalt der Samen. Von 253 Hybriden wurden 
im zweiten Versuchsjahre 7324 Samen erhalten. Darunter waren 
rund oder rundlich 5474, und kantig runzelig 1850 Samen. Daraus 
ergibt sich das Verhältnis 2,96 :1.“ ... 

„Werden die Resultate sämtlicher Versuche zusammengefaßt, 
so ergibt sich zwischen der Anzahl der Formen mit dem domi¬ 
nierenden und rezessiven Merkmale das Durchschnittsverhältnis 
2,98 :1 oder 3 :1.“ 


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108 


Dr. Günther Just 


Und nun folgt die grundsätzliche Überlegung: „Das dominierende 
Merkmal kann hier eine doppelte Bedeutung haben, nämlich 
die des Stammcharakters oder des Hybridenmerkmales. In welcher 
von beiden Bedeutungen dasselbe in jedem einzelnen Falle vor¬ 
kommt, darüber kann nur die nächste Generation entscheiden. Als 
Stammerkmal muß dasselbe unverändert auf sämtliche Nachkommen 
übergehen, als Hybridenmerkmal hingegen ein gleiches Verhalten 
wie in der ersten Generation beobachten.“ [Unter der „ersten Gene¬ 
ration“ ist dabei die vorhin als F 2 bezeichnete Generation zu ver¬ 
stehen.] 

Es muß also die Nachkommenschaft dieser F 2 -Pflanzen unter¬ 
sucht werden. Bevor wir Mendels Schrift darüber weiter zitieren, 
schalten wir aber hier, damit der unbewanderte Leser den Faden 
nicht verliere, ein kleines Schema ein, das sich bei M e n d e 1 nicht 
findet, aber die Übersicht, auch für das Folgende, erleichtert. 


Ausgangspflanzei 


F, 


F, 


f 3 


F« 


. Was ergibt nun die Prüfung der Nachkommenschaft von F 2r 
die Prüfung also von F s ? 

„Jene Formen, welche in der ersten Generation [F*] 1 ) den re¬ 
zessiven Charakter haben, variieren in der zweiten Generation [F s ] 
in bezug auf diesen Charakter nicht mehr, sie bleiben in ihren 
Nachkommen konstant.“ 

„Anders verhält es sich mit jenen, welche in der ersten Gene¬ 
ration das dominierende Merkmal besitzen. Von diesen geben zwei 
Teile Nachkommen, welche in dem Verhältnisse 3: 1 das domi¬ 
nierende und rezessive Merkmal an sich tragen, somit genau das- 


*) Die Zusätze in eckigen Klammem stehen nicht bei Mendel. 


Übersichtsschema. 

runder Samen X kantiger Samen 
A A I aa 

^* ' 

alle rund 
Aa 



nur kantig 


nur rund nur rund 3 rund 1 kantig nur kantig nur kantig 
AA AA AA Aa aa aa aa 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


109 


selbe Verhalten zeigen, wie die Hybridformen; nur ein Teil bleibt 
mit dem dominierenden Merkmale konstant.“ 

Die Versuchszahlen zeigen das im einzelnen: 

„1. V e r s u c h. Unter 565 Pflanzen, welche aus runden Samen 
der ersten Generation [F ? ] erzogen wurden, brachten 193 wieder 
nur runde Samen und blieben demnach in diesem Merkmale kon¬ 
stant; 372 aber gaben runde und kantige Samen zugleich, in dem 
Verhältnisse 3 : 1. Die Anzahl der Hybriden verhielt sich daher 
zu der Zahl der Konstanten wie 1,93 : 1.“ 

Letzteres Verhältnis aber, das der erneute „Aufspaltung“ zei¬ 
genden F,-Pflanzen — „Aufspaltung“ sagen wir heute — zu den 
„rein weiterzüchtenden“, immer nur gleichartige Nachkommenschaft 
ergebenden F 2 -Pflanzen, ist der Proportion 2: 1 stark angenähert, 
und die anderen Versuche bestätigen dieses Verhältnis. So kann 
das Fazit gezogen werden: 

„Das Verhältnis 3 : 1, nach welchem die Verteilung des domi¬ 
nierenden und rezessiven Charakters in der ersten Generation [F 2 ] 
erfolgt, löst sich demnach für alle Versuche in die Verhältnisse 2:1:1 
auf, wenn man zugleich das dominierende Merkmal in seiner Be¬ 
deutung als hybrides Merkmal und als Stammcharakter unterscheidet. 
Da die Glieder der ersten Generation [F 2 ] unmittelbar aus dem 
Samen der Hybriden [FJ hervorgehen, wird es nun ersichtlich, 
daß die Hybriden [Fj] je zweier differierender Merk¬ 
male Samen bilden, von denen die eine Hälfte wieder 
die Hybridform entwickelt, während die andere 
Pflanzen gibt, welche konstant bleiben und zu glei¬ 
chen Teilen den dominierenden und rezessiven Cha¬ 
rakter erhalten.“ 

Um sichere Grundlagen für die allgemeine Gültigkeit dieser 
zahlenmäßig erfaßbaren Verhältnisse zu haben, werden 2 Versuche 
im ganzen durch 6 Generationen, 2 weitere durch 5, die übrigen 3 
durch 4 Generationen durchgeführt, immer mit dem gleichen Re¬ 
sultat: „Die Nachkommen der Hybriden teilten sich in jeder Gene¬ 
ration nach den Verhältnissen 2:1:1 in hybride und konstante 
Formen.“ 

Und kurz formelhaft läßt sich das Gesamtergebnis so ausdrücken: 
„Bezeichnet A das eine der beiden konstanten Merkmale, z. B. das 
dominierende, a das rezessive, und Aa die Hybridform, in welcher 
beido vereinigt sind, so ergibt der Ausdruck: 

A + 2 An + a 

die Entwicklungsreihe für die Nachkommen der Hybriden je zweier 
differierender Merkmale.“ [Wir schreiben diese Reihe heute: 
AA + 2Aa + aa.] 

Nachdem so die Spaltungsverhältnisse bei, wir würden heute 
sagen: monohybriden Bastarden, d. h. bei solchen, deren Eltern 
in nur einem Merkmal differieren, analysiert waren, bestand der 
nächste wichtige Schritt in einer Analyse zunächst der Di-, 
dann der Trihybriden usw. Es galt hier, „zu untersuchen, 
ob das gefundene Entwicklungsgesetz auch dann für je zwei diffe- 


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110 


Dr. Günther Just 


rierende Merkmale gelte, wenn mehrere verschiedene Charaktere- 
durch Befruchtung in der Hybride vereinigt sind.“ 

Sorgfältige Experimente ergeben wieder bestimmte Zahlen¬ 
verhältnisse, aus denen sich die Gesetzmäßigkeit des selbstän¬ 
digen und voneinander unabhängigen Aufspaltens der 
einzelnen Charaktere ableiten läßt: „Die Nachkommen 
der Hybriden, in welchen mehrere wesentlich ver¬ 
schiedene Merkmale vereinigt sind, stellen die 
Glieder einer Kombinationsreihe vor, in welchen difr 
Entwicjtlungsreihen für je zwei differierende Merk¬ 
male verbunden sind. Damit ist zugleich erwiesen,, 
daß das Verhalten je zweier differierender Merkmale 
in hybrider Verbindung unabhängig ist von den 
anderweitigen Unterschieden an den beiden Stamm¬ 
pflanzen.“ 

Die Konsequenz dieses Satzes sind weitere mühevolle Versuche,, 
deren Ergebnisse wiederum in ein paar kurzen und in dieser Kürze 
prachtvollen Sätzen ihren Niederschlag finden: 

„Alle konstanten Verbindungen, welche bei Pisum durch Kom¬ 
binierung der angeführten 7 charakteristischen Merkmale möglich 
sind, wurden durch wiederholte Kreuzung auch wirklich erhalten_ 
Ihre Zahl ist durch 2 7 = 128 gegeben. Damit ist zugleich der fak¬ 
tische Beweis geliefert, daß konstante Merkmale, welche 
an verschiedenen Formen einer Pflanzensippe Vor¬ 
kommen, auf dem Wege der wiederholten künstlichen 
Befruchtung in alle Verbindungen treten können,, 
welche nach den Regeln der Kombination möglich 
sind.“ Welche Unsumme von Arbeit steckt in diesen drei Sätzen! 

Um nun den Zahlen, die sich bei all seinen Experimenten mit- 
so großer Deutlichkeit gezeigt hatten, auf den Grund zu kommen,, 
stellt Mendel eine Serie von Experimenten an, „deren Erfolg geeignet 
erscheint, Aufschlüsse über die Beschaffenheit der Keim- und Pollen¬ 
zellen der Hybriden zu geben.“ Von zwei Annahmen geht er aus, 
einmal, „daß in den Fruchtknoten der Hybriden so vielerlei Keimzellen 
(Keimbläschen) und in den Antheren so vielerlei Pollenzellen gebildet 
werden, als konstante Kombinationsformen möglich sind, und 
daß diese Keim- und Pollenzellen ihrer inneren Beschaffenheit nach 
den einzelnen Formen entsprechen.“ Die zweite Annahme besteht 
darin, „daß die verschiedenen Arten von Keim- und Pollenzellen 
an der Hybride durchschnittlich in gleicher Anzahl gebildet werden.“ 

Diese Annahmen waren bei einer bestimmten Versuchsanordnung 
einer experimentellen Prüfung zugänglich, deren Resultate sich Vor¬ 
hersagen ließen und im Ausfall des Versuchs dann ihre Bestätigung 
zu finden hatten. Die Versuche bestanden in „Rückkreuzungen“ 
der F^Bastarde mit den elterlichen Ausgangspflan¬ 
zen. Dabei mußten in allen Versuchen Mendels theoretisch 4 Sor¬ 
ten von Pflanzen auftreten, die die untersuchten Merkmale in den 
4 überhaupt möglichen Kombinationen aufwiesen, und alle diese- 
4 Sorten mußten theoretisch in einer gleichen Anzahl von Exem¬ 
plaren zum Vorschein kommen. 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


111 


„Die Ernte entsprach den gestellten Anforderungen vollkommen“. 
Und wieder werden in knappster Form die Detail-Nachweise gegeben. 

Jetzt nun läßt sich die Gesamtheit der beobachteten Tatsachen: 
„die Verschiedenheit der Formen unter den Nachkommen der Hy¬ 
briden, sowie die Zahlenverhältnisse, in welchen dieselben beobachtet 
werden,“ einheitlich und einfach darstellen, — und wir stellen diese 
Dinge heute noch inhaltlich ganz ebenso und in der Formel¬ 
schrift fast ganz ebenso dar wie Mendel 1866. Darum zitieren 
wir diese Schlußabsätze des Kapitels über „die Befruchtungs¬ 
zellen der Hybriden“ in besonderer Ausführlichkeit. 

„Den einfachsten Fall bietet die Entwicklungsreihe für j e z w e i 
differierendeMerkmale. Diese Reihe wird bekanntlich durch 
den Ausdruck: A 4- 2Aa + a bezeichnet, wobei A und a die Formen 
mit den konstant differierenden Merkmalen und Aa die Hybrid¬ 
gestalt beider bedeuten. Sie enthält unter drei verschiedenen 
Gliedern vier Individuen. Bei der Bildung derselben werden Pollen- 
und Keimzellen von der Form A und a durchschnittlich zu gleichen 
Teilen in die Befruchtung treten, daher jede Form zweimal, da vier 
Individuen gebildet werden. Es nehmen demnach an der Befruch¬ 
tung teil: 

die Pollenzellen A + A + a + a 
die Keimzellen A + A + a + a 

„Es bleibt ganz dem Zufalle überlassen, welche von den beiden 
Pollenarten sich mit jeder einzelnen Keimzelle verbindet Indessen 
wird es nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit im Durchschnitte 
vieler Fälle immer geschehen, daß sich jede Pollenform A und a 
gleich oft mit jeder Keimzellform A und a vereinigt; es wird daher 
eine von den beiden Pollenzellen A mit einer Keimzelle A, die 
andere mit einer Keimzelle a bei der Befruchtung Zusammentreffen, 
und ebenso eine Pollenzelle a mit einer Keimzelle A, die andere 
mit a verbunden werden. 


Pollenzellen 

A 

A 

a 


i 

V 



Keimzellen 

A 

A 

a 


„Das Ergebnis der Befruchtung läßt sich dadurch anschaulich 
machen, daß die Bezeichnungen für die verbundenen Keim- und 
Pollenzellen in Bruchform angesetzt werden, und zwar für die Pollen¬ 
zellen über, für die Keimzellen unter dem Striche. Man erhält in 
dem vorliegenden Falle: 


A A a a 

1 + T + Ä + ~ä 


„Bei dem ersten und vierten Gliede sind Keim- und Pollen¬ 
zellen gleichartig, daher müssen die Produkte ihrer Verbindung 
konstant sein, nämlich A und a [AA und aa ist, wie erwähnt, die 
heutige zweckmäßigere Schreibart]; bei dem zweiten und dritten 
hingegen erfolgt abermals eine Vereinigung der beiden differierenden 
Stammerkmale, daher auch die aus diesen Befruchtungen hervor¬ 
gehenden Formen mit der Hybride, von welcher sie abstammen, 




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Dr. Günther Just. 


ganz identisch sind. Es findet demnach eine wiederholte 
Hybridisierung statt. Daraus erklärt sich die auffallende Er¬ 
scheinung, daß die Hybriden imstande sind, nebst den beiden Stamm¬ 
formen auch Nachkommen zu erzeugen, die ihnen selbst gleich 

sind; ~ und ~ geben beide dieselbe Verbindung Aa, da es, wie 

schon früher angeführt wurde, für den Erfolg der Befruchtung keinen 
Unterschied macht, welches von den beiden Merkmalen der Pollen¬ 
oder Keimzelle angehört. Es ist daher 

^ 4 - —- + % + a = A + 2 Aa 4- a .“ [AA + 2.4a + aa.l 
A a A a 


In ähnlicher Weise wird auch „die Entwicklungsreihe für Hy¬ 
briden, in denen zweierlei differierende Merkmale ver¬ 
bunden sind“, abgeleitet: „Zwischen den verschiedenen Merkmalen 
der Stammpflanzen A, a und B, b sind 4 konstante Kombinationen 
möglich, daher erzeugt auch die Hybride die entsprechenden 4 Formen 
von Keim- und Pollenzellen: AB, Ab, aB, ab und jede davon wird 
im Durchschnitt 4 mal in Befruchtung treten, da in der Reihe 16 In¬ 
dividuen enthalten sind. Daher nehmen an der Befruchtung teil die 

Pollenzellen: AB + AB + AB + AB + Ab + Ab 4- Ab + Ab 

+ aB 4" aB 4~ aB + aB 4~ ab + ab -}- ab 4- ab . 

Keimzellen: AB -\- AB -\- AB -\- AB -\- Ab -\- Ab Ab Ab 


4 - aB 4- aB + aB + aB 4 ~ ab -{-ab -I -ab 4~a6. 

„Im mittleren Verlaufe der Befruchtung verbindet sich jede 
Pollenform gleich oft mit jeder Keimzellform, daher jede von den 
4 Pollenzellen AB einmal mit einem von den Keimzellarten AB, Ab, 
aB, ab. Genau ebenso erfolgt die Vereinigung der übrigen Pollen¬ 
zellen von den Formen Ab, aB, ab mit allen anderen Keimzellen. 
Man erhält demnach: 


AB AB AB AB , Ab 

-1_-i- u - --1- 

AB ^ Ab ^ aB ab ~ AB ' 


Ab Ab Ab aB 
Ab + all + hb + Zü 


+ 


aB aB 


Ab 


+ ~aB + 


aB 
a b 


ab 


ab 


ab 


+ -1- ..... -f - 4- 

AB^AbaB 


a b 
ab 


oder 


Die Trihybriden-Ableitung läßt sich entsprechend durch¬ 
führen. 

Die beiden letzten verhältnismäßig umfangreichen Kapitel der 
Mendelschen Schrift teilen „Versuche über die Hybriden 
anderer Pflanzenarten“ mit und bringen „Schlußbemer¬ 
kungen“. Beide Abschnitte sind reich an wertvollen Gedanken, 
auf deren Wiedergabe wir aber verzichten müssen. Nur zwei kleine 
Zitate mögen noch, aus den „Schlußbemerkungen“ ausgeschrieben, 
hier ihren Platz finden. 

„Bezüglich jener Hybriden, deren Nachkommen veränderlich 
sind, dürfte man vielleicht annehmen, daß zwischen den diffe¬ 
rierenden Elementen der Keim- und Pollenzelle wohl insofern eine 
Vermittlung stattfindet, daß noch die Bildung einer Zelle als Grund- 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


113 


läge der Hybride möglich wird, daß jedoch die Ausgleichung der 
widerstrebenden Elemente nur eine vorübergehende sei und nicht 
über das Leben der Hybridpflanze hinausreiche. Da in dem Ha¬ 
bitus derselben während der ganzen Vegetationsdauer keine Än¬ 
derungen wahrnehmbar sind, müßten wir weiter folgern, daß es 
den differierenden Elementen erst bei der Entwicklung der Be¬ 
fruchtungszellen gelinge, aus der erzwungenen Verbindung heraus¬ 
zutreten. Bei der Bildung dieser Zellen beteiligen sich alle vor¬ 
handenen Elemente in völlig freier und gleichmäßiger Anordnung, 
wobei nur die differierenden sich gegenseitig ausschließen. Auf 
diese Weise würde die Entstehung so vielerlei Keim- und Pollen¬ 
zellen ermöglicht, als die bildungsfähigen Elemente Kombinationen 
zulassen.“ . . . „Die unterscheidenden Merkmale zweier Pflanzen 
können zuletzt doch nur auf Differenzen in der Beschaffenheit und 
Gruppierung der Elemente beruhen, welche in den Grundzellen der¬ 
selben in lebendiger Wechselwirkung stehen.“ 

„Die Geltung der für Pisum aufgestellten Sätze bedarf allerdings 
selbst noch der Bestätigung. . . . Dem einzelnen Beobachter kann 
leicht ein Differentiale entgehen, welches, wenn es auch anfangs 
unbedeutend scheint, doch so anwachsen kann, daß es für das 
Gesamt-Resultat nicht vernachlässigt werden darf. Ob die ver¬ 
änderlichen Hybriden anderer Pflanzenarten ein ganz überein¬ 
stimmendes Verhalten beobachten, muß gleichfalls erst durch Ver¬ 
suche entschieden werden; indessen dürfte man vermuten, daß in 
wichtigen Punkten eine prinzipielle Verschiedenheit nicht Vorkommen 
könne, da die Einheit im Entwicklungspläne des organischen 
Lebens außer Frage steht.“ 

Damit schließen wir Mendels kleine Schrift 

Wer einen Meister ehren will, darf nicht nur von dem sprechen, 
was er selber geschafft, sondern muß auch von dem reden, weis 
sich an seine Arbeit angeschlossen hat Und er ehrt damit zugleich, 
auch ohne sie zu nennen, die Männer, deren Arbeit das stolze Ge¬ 
bäude errichtet hat, das „Mendolismus“ heißt, und die bis zur 
Stunde mit seinem Ausbau und Weiterbau beschäftigt sind. Von 
diesen Fortschritten ausführlich zu sprechen, hieße indessen einen 
Grundriß der Vererbungslehre schreiben, und so kann unsere Auf¬ 
gabe heute vielmehr nur darin bestehen, in gröbsten Linien anzu¬ 
deuten, welche Grunderfahrungen und Anschauungen in engeren 
Zusammenhang mit den Mendel sehen Tatsachen — von denen wir 
heute wissen, daß es sich bei ihnen um fundamentale Tatsachen 
handelt, die sich bei Pflanze, Tier und Mensch in gleicher Weise 
aufzeigen lassen — und mit den Mendelschen Ideengängen ge¬ 
kommen sind und welche Arbeiten im augenblicklichen Zeitpunkt 
die Vererbungslehre besonders intensiv beschäftigen. 

Zwei wichtige Verknüpfungen vor allem haben dem tieferen 
Ausbau des „Mendelismus“ und in Wechselwirkung zugleich der 
Vertiefung der mit dem Mendelismus in Beziehung gebrachten 
Forschungsgebiete gedient. 

Schon frühzeitig, sehr bald nach der Wiederentdeckung der 
Mendelschen Regeln, bemerkte man den auffälligen Parallelismus, der 

Zaitschr. f. Sexualwissenschaft IX. 4. 


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114 


Dr. Günther Just. 


zwischen der Auffassung der mendelistischen Tatsachen, zwischen 
der Deutung des Spiels der Erbfaktoren — der Gene, wie man heute 
mit Johannsen sagt —, und einer morphologischen Tat¬ 
sachenreihe besteht Dort die Zusammenarbeit gedoppelter An¬ 
lagen innerhalb des Organismus und ihre reinliche Scheidung für 
jedes Merkmalspaar bei der Keimzellenbildung, — hier das Ver¬ 
halten der Chromosomen, die in doppelter Zahl — in diploider 
Garnitur — in den Körperzellen, in einfacher Zahl — in haploider 
Garnitur — in den Geschlechtszellen vorhanden sind. Dort die 
Vereinigung väterlicher und mütterlicher Erbanlagen bei der Be¬ 
fruchtung, die im Organismus solange Zusammenwirken, bis die 
nächste Keimzellenbildung sie wieder auseinandferführt, — hier die 
Vereinigung der väterlichen und mütterlichen Chromosomengarnitur 
zur diploiden des befruchteten Eis, das diese doppelte Zahl allen, 
seinen Furchungsabkömmlingen mitgibt, bis bei der Keimzellenreifung 
im Reduktionsvorgang wieder die Herabsetzung der Chromosomen¬ 
zahl auf die Hälfte erfolgt. Die genauere Tatsachen-Durcharbeitung 
im Verein mit einer intensiven gedanklichen Analyse erlaubt — 
das darf man heute sagen — die Aussage, daß zwischendenErb- 
faktoren im Sinne des Mendelismus und den Chromosomen 
ein gesetzmäßiger Zusammenhang derart besteht, daß die 
letzteren in irgendeiner Weise die „Träger“ der ersteren sind: der 
Mechanismus, der sich vor unseren ins Mikroskop gerichteten Augen, 
im Zusammengehen und Auseinanderweichen körperlicher Teile,, 
nämlich eben der Chromosomen, abspielt, ist identisch mit dem 
Mechanismus, der Vereinigung und Trennung der Erbfaktoren besorgt. 

Gerade die zweite Hälfte der mendelistischen Ära hat für diesen 
Zusammenhang Beweisstücke von immenser Wucht gesammelt. Daß 
die Mendelsche Regel vom unabhängigen Erbgang der einzelnen Merk¬ 
male viele Ausnahmen zeigt, wußte man schon länger. Aber Mor¬ 
gan hat in einer Reihe glänzender Untersuchungen, die er mit 
einem Stabe von Mitarbeitern an der Fruchtfliege Drosophila, 
an D. melanogaster vor allem, ausgeführt hat und in die er im 
Laufe der Jahre ein Tiermaterial von geradezu phantastischem Um¬ 
fang einbeziehen konnte, den Nachweis geführt, daß die bei dieser 
Tierart in einer Zahl von mehreren Hundert analysierten Erbfaktoren 
genau so viele Gruppen gekoppelter Faktoren stellen, als 
der haploide Chromosomensatz Chromosomen zählt. Die 
Chromosomenzahl einer Fortpflanzungszelle dieser Fliegenart ist 4, 
während die Körperzellen natürlich den diploiden Satz von 8 Chro¬ 
mosomen aufweisen, und die sämtlichen Erbfaktoren lassen sich in 
4 Gruppen ordnen, deren einzelne Glieder jeweils untereinander 
gekoppelt sind, d. h. gemeinsam vererbt werden. Dazu sind "die 
Chromosomen von Drosophilamelanogaster von verschiedener 
Größe; von den 4 Chromosomen der haploiden Garnitur ist eines 
ganz klein, während die drei anderen sehr viel länger sind. Dem 
entspricht eine Koppelungsgruppe, die nur 2 Faktoren umfaßt, während 
die übrigen drei Koppelungsgruppen jede rund 100 Faktoren auf¬ 
weisen. Zuguterletzt sind die Faktoren der drei großen Koppelungs¬ 
gruppen aber nicht so fest untereinander verschmiedet, daß sie nicht 
aus ihrem Zusammenhang herausgerissen werden könnten: keine- 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


115 


absolute Koppelung also, sondern nur eine relative. Indessen gerade 
die bewunderungswürdige Analyse der Koppelungsdurchbre- 
chungen, so hypothetisch sie in ihren Ergebnissen sein mag und 
so sehr das dafür verwandte Tatsachenmaterial der „Austausch¬ 
prozentsätze“ noch dringend erst weiterer Untersuchungen bedarf, 
spricht doch, wie auch die schließliche Entscheidung in dieser im 
Augenblick viel untersuchten Frage fallen wird, eine eindringliche 
Sprache dafür, daß das Studium der Chromosomen zugleich ein 
Studium der Erbträger ist. 

Auch das zweite große Gebiet, das bald nach 1900 in engeren 
Zusammenhang mit dem Mendelismus geriet, hat zu der Einsicht 
in die nahen Beziehungen zwischen Chromosomen und Vererbung 
wichtigstes Material beigesteuert. Dieses zweite Gebiet ist das der 
, Geschlechtsvererbung. Schon Mendel hatte gelegentlich 
eines Versuchsresultats Überlegungen angestellt, die in diese Richtung 
weisen, und er schreibt dieserhalb anNägeli: Schließlich erlaube 
ich mir noch ein Kuriosum mitzuteilen, welches das Zahlenverhält¬ 
nis betrifft, ... 

„Ist es bloß Zufall, daß hier die männlichen Pflanzen in dem 
Verhältnisse 52:203 oder 1:4 Vorkommen, oder hat dieses Verhältnis 
dieselbe Bedeutung wie in der ersten Generation der Bastarde mit 
veränderlichen Nachkommen? Ich möchte das letztere bezweifeln, 
schon wegen der sonderbaren Folgerungen, die sich aus diesem 
Falle ergeben würden. Anderseits läßt sich die Frage nicht so leicht 
von der Hand weisen, wenn man erwägt, daß die Anlage für die 
funktionsfähige Entwicklung entweder bloß des Stempels, oder nur 
der Staubgefäße schon in der Organisation der Grundzellen aus¬ 
gesprochen sein mußte, aus welchen die Pflanzen hervorgegangen 
sind, und daß dieser Unterschied in den Grundzellen möglicherweise 
davon herrühren könnte, daß die Eichen sowohl, als auch die Pollen¬ 
zellen in bezug auf die geschlechtliche Anlage verschieden waren. 
Ich will die Sache deshalb doch nicht ganz fallen lassen.“ 

Gerade in den allerletzten Jahren sind die Fragen der Geschlechts¬ 
bestimmung, zumal von zoologischer Seite, lebhaft bearbeitet worden, 
und wir verfügen heute bereits über so viele tatsächlichen Befunde, 
daß die Frage des Mechanismus der Geschlechtsüber¬ 
tragung von Generation zu Generation für eine Reihe 
vonFormen ihre endgültige Lösung gefunden hat. Wir 
wissen, daß es in den Kreisen der Gliedertiere, der Würmer und 
der Wirbeltiere bei zahlreichen Arten sog. Geschlechtschromo¬ 
somen gibt, deren bei den beiden Geschlechtern verschiedene Zahl 
oder Gestaltung die Unterscheidung männlicher und weiblicher 
Chromosomen-Sortimente gestattet, und daß im Zusammenhang 
damit das eine der beiden Geschlechter, bei den Schmetter¬ 
lingen das weibliche, bei den übrigen Insekten, den Würmern und 
den Säugetieren das männliche, zweierlei Sorten von Keimzellen 
produziert, die sich im einfachsten Falle durch den Besitz oder 
Nichtbesitz des Geschlechtschromosoms voneinander unterscheiden 
und von denen die eine Sorte bei der Befruchtung zusammen mit 
den Chromosomen der zweiten Keimzelle das männliche, die andere 

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Dr. Günther Just. 


Sorte das weibliche Chromosomen-Sortiment ergibt. Das folgende 
Schema mag das dem Uneingeweihten verdeutlichen. 


Schema der Geschlechts Vererbung. 


Chromosomen 

Sortimente 


Chromosomen¬ 
besitz der Keim¬ 
zellen 


2 Befruchtungs¬ 
möglichkeiten 


W eibch en: 

6 Chromosomen 
+ 2 Geschlechts¬ 
chromosomen 
bildet 

nur eine 
Eisorte 


1) Nur 3 Chromosomen, 2) 3 Chromosomen 3 Chromosomen 
kein Geschlechts- + 1 Geschlechts- -f- 1 Gesohlochts- 

chromosom Chromosom Chromosom 



1) 6 Chromosomen 2) 6 Chromosomen 

-f- 1 Geschlechtschromosom -j- 2 Geschlechtschromosomen 

= Männchen = Weibchen 


Männchen: 

6 Chromosomen 
-f- 1 Geschlechts 
Chromosom 


bildet 

zweierlei Sorten 
von Spermien 



Neben derzytologischen Erforschung der Geschlechtschromosomen 
ist für dieses Gebiet die Erscheinung der geschlechtsgebundenen 
Vererbung von größter Wichtigkeit geworden. Geschlechtsge¬ 
bunden vererben sich alle diejenigen Merkmale, die in ihrem Erb¬ 
gang an das Geschlechtschromosom gebunden sind, sodaß konstante 
und gesetzmäßige Beziehungen zwischen dem Auftreten dieser 
Merkmale und dem Geschlecht des Individuums, das die Merkmale 
trägt, bestehen. Für das Studium dieser Zusammenhänge sind zuletzt 
wieder die Arbeiten an Drosophila von entscheidender Bedeutung 
gewesen. — Mehr als diese kurzen Andeutungen über ein Gebiet, das 
für den Leserkreis dieser Zeitschrift ja von hervorragendem Inter¬ 
esse ist, lassen sich in diesem Zusammenhänge indessen nicht geben. 

Dieses beides, die Chromosomenlehre der Vererbung und die 
Lehre vom Mechanismus der Geschlechtsbestimmung, dürften die¬ 
jenigen Gebiete sein, auf denen im Laufe der zwei Jahrzehnte 
mendelistischer Arbeit nicht nur die größten Fortschritte, sondern 
auch ein gewisser Abschluß erzielt werden konnten. 

Einer der nächsten, für eine gedeihliche Weiterarbeit vielleicht 
der wichtigste Schritt mußte der Versuch sein, allmählich die Wege 
zu einem physiologischen Verständnis der Vorgänge freizulegen, 
von denen der rein mendelistischen Forschung ja zunächst nur die 
Ergebnisse als Zahlen und Daten vorliegen und von ihr in der 
Form nackter „Erbformeln“ ausgedrückt werden. In diese Gedanken¬ 
richtung gehören Goldschmidts Untersuchungen über die Inter¬ 
sexualität, das Erscheinen von verschiedengradigen sexuellen 
Zwischenformen als Folge von Rassebastardierungen beim Schwamm¬ 
spinner, Untersuchungen, in deren Verlauf sich eine Interpretation 
des physiologischen Geschehens bei der Geschlechtsbestimmung 
als eines quantitativ faßbaren Vorgangs gewinnen ließ. Und 
Goldschmidt hat bereits begonnen, diese quantitativen Vor¬ 
stellungen auf das Gebiet der Artbildungsfragen zu übertragen 


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Dem Andenken Gregor Mendels. 


117 


Die Fragen der Artbildung sind überhaupt in letzter Zeit 
immer stärker in den Vordergrund getreten. Die zahlreichen Er¬ 
fahrungen über Mutationen, wie sie im Tierversuch hauptsächlich 
die Morgansche Schule, im Pflanzenversuch — am Löwenmaul, 
Antirrhinum, — Baur gewonnen hat, wollen zu allgemeinen 
Vorstellungen über die Rolle dieser Mutationsvorgänge im phylo¬ 
genetischen Geschehen verarbeitet sein. Mannigfache Erörterungen 
der jüngsten Zeit betreffen das alte Problem der Vererbung er¬ 
worbener Eigenschaften, und die kommenden Jahre werden, wenn 
nicht alles trügt, einen heftigen Kampf um die deszendenztheore¬ 
tischen Probleme bringen. Heute kann von einer irgendwie ein¬ 
heitlichen Auffassung der Vererbungsforscher in diesen Fragen keine 
Rede sein. 

Ein drittes Problem, das immer mehr in den Vordergrund rückt, 
ist das der Grenzen des Mendelschen Erbgeschehens, 
die Frage, ob es neben den Mendelschen GesetzmäSigkeiten noch 
andere Grundgesetzmäßigkeiten gibt, neben den durch die Chromo¬ 
somen 'vermittelten Vererbungsvorgängen noch eine plasmatische 
Vererbung. 

Das dürften die Hauptgesichtspunkte sein, unter die sich die 
Arbeit der nächsten Zukunft wird einordnen lassen: die physio¬ 
logische Vertiefung des Mendelismus, der Geltungsbereich des 
Mendelschen Erbgeschehens, die Auswertung der vererbungswissen¬ 
schaftlichen Erfahrungen für eine induktive Abstammungslehre. 

Über all diesen theoretisch ungeheuer bedeutungsvollen Pro¬ 
blemen bleibt — das bedarf eigentlich keiner besonderen Ver¬ 
sicherung — die Fülle der praktisch wichtigen Arbeit nicht ver¬ 
gessen. Daß der Mendelismus für Tier- und Pflanzenzucht die 
wertvollste Unterstützung bedeutet und daß der hohe volkswirt¬ 
schaftliche Wert einer Zusammenarbeit von praktischem Züchter 
und Vererbungswissenschaftler erst in der Zukunft deutlich werden 
wird, genüge hier als kurze Andeutung. 

Unvergleichlich wichtiger ist aber der Zweig der angewandten 
Vererbungswissenschaft, dessen Objekt der Mensch ist. Tüchtige 
Arbeit ist in den vergangenen kaum zwanzig Jahren, seit man be¬ 
gann, die Gültigkeit der Mendelschen Gesetzmäßigkeiten 
auch für den Menschen zu untersuchen, geleistet worden. Eine 
besondere Methodik mußte für die menschliche Erbforschung aus¬ 
gebildet werden, und neben theoretischen Schwierigkeiten stehen 
praktische aller Art dem Forscher im Wege. Die Gültigkeit 
der Mendelschen Regeln für eine große Anzahl mensch¬ 
licher Erbanlagen kann aber heute keinem Zweifel 
mehr unterliegen, wenngleich die Hauptforschungsarbeit auf 
diesem Gebiet der menschlichen Erbkunde der Zukunft Vorbehalten 
ist. Trotzdem liegt für eine kritische und besonnene eugenische 
Arbeit Material genügend vor, und es ist dringend zu wünschen, 
daß da, wo sich klare Schlüsse ziehen und erfolgreiche Schritte 
tun lassen, diese Schlüsse auch klar gezogen und diese Schritte 
folgerichtig getan werden. 


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118 


Dr. Günther Just, Dem Andenken Gregor Hendels. 


Noch einmal schweifen die Gedanken hinüber in jene Jahre 
nach 1866, wo der jugendfrohe Jenenser Kämpe Sieg auf Sieg er¬ 
stritt für die eine große Sache, deren Diener er war. 

Was hat dem „Darwinismus“ — das Wort hier einmal in seinem 
allerweitesten Umfang genommen — die gewaltige Stoßkraft ge¬ 
geben, was ihn zu der starken Erschütterung werden lassen, die er 
für das Geistesleben unseres Volkes bedeutet hat? Die paar Männer 
in erster Linie, die die neuen Erkenntnisse in die breiten Massen 
hinausgetragen, dieses Neue unermüdlich immer wieder neu aus¬ 
einandergesetzt, vorgestellt, geradezu gepredigt haben. In vorderster 
Reihe wieder Haeckel. Tausende sind durch ihn und seiner Mit¬ 
kämpfer Arbeit einer natürlichen Auffassung natürlicher Gescheh¬ 
nisse zugeführt worden. 

Mir scheint, als brauche unsere Zeit wieder solche Aufklärungs¬ 
arbeit Und weniges scheint mir als Ausgangspunkt, als Grund¬ 
material so geeignet wie die Gesetzmäßigkeiten, die Mendel zuerst 
entdeckt hat Gesetzmäßigkeiten, die induktiv erarbeitet' wurden 
und täglich neu bestätigt werden können, die Allgemeingültigkeit 
für das ganze Reich des Lebendigen besitzen, die zahlenmäßig fa߬ 
bar sind, beim Menschen so gut wie bei Pflanze und Tier — gibt 
es etwas, was das Denken stärker anregen, es leichter in gesunden 
Bahnen halten kann als solche Kenntnis vom Gesetz gerade hier? 

Ich weiß, daß mancher jedem Gedanken der Popularisierung: 
ablehnend oder jedenfalls nicht zustimmend gegenübersteht. Ich 
weiß natürlich auch, daß reine Wissenschaft eine esoterische An¬ 
gelegenheit ist und bleibt. Aber Wissenschaft als Trägerin tatsäch¬ 
licher Ergebnisse, Wissenschaft als Synthese des bekannten Er¬ 
fahrungsschatzes auf einem Gebiete menschlicher Forschungsarbeit, 
Wissenschaft als Weg zu kritischer und klarer Betrachtung der 
Vorgänge in Welt und Leben — diese Wissenschaft gehört allen, 
die denken können und wollen. Und das sind viele. 

Und es sind zugleich die, die mithelfen müssen, wenn euge- 
nisches Verständnis und eugenisches Wollen allgemeineres Gut unseres 
Volkes werden soll. Ob auch einmal wirklich allgemeines? 

Die Aufklärungsarbeit des letzten Drittels des vergangenen 
Jahrhunderts hat sicherlich manchen denken lassen, das ginge ihn 
persönlich ja eigentlich nichts mehr an, diese Abstammungs¬ 
vorgänge vor all den vielen tausend Jahren. Wer aber heute die 
Tatsachen des Mendelismus kennenlernt, der weiß: das geht.ihn 
etwas an. . , 

Tatsachen und Gedanken der Vererbungs Wissenschaft weit hinaus¬ 
tragen, ein schlichtes, natürliches Denken über natürliche Vorgänge 
überall und unermüdlich fördern — wie weit sind wir von diesem 
Ziel entfernt —, Verständnis dafür schaffen, daß der Mensch, ein¬ 
geschlossen zunächst in einen Ring unentrinnbarer Abläufe, doch 
immer wieder auch ip ihn einzugreifen vermag: vielleicht heißt 
auch das — Gregor Mendel ehren. 

Wie hieß sein Wort? — „Meine Zeit wird schon kommen.“ 


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Dr. Max Maroase, Der Zeugungswert der Verwandtenehe and der Mlsohehe. HQ 



Der Zeugungswert 

der Verwandtenehe und der Mischehe. 


Von Dr. Max Marcuse. 

Verwandtenehe und Mischehe (diese hier immer nur in konstitu¬ 
tivem Sinne verstanden) sind Sonderfälle von Inzucht und Kreu¬ 
zung. Ihre biologische Bedeutung wird annähernd gleichermaßen 
umstritten; von beiden werden etwa dieselben Vorteile und Nach¬ 
teile behauptet Aus der historischen, soziologischen und anthropo¬ 
logischen Betrachtung kann aber im vorhinein erkannt werden, daß 
■die Wirkungen sowohl der Inzucht wie der Kreuzung weder schlecht¬ 
hin verderblich sein können; denn einerseits stammen alle Men¬ 
schen aus Inzucht, andrerseits sind alle zur Zeit existierenden Kul¬ 
turvölker aus verschiedenen mehr oder weniger erheblichen Rassen¬ 
mischungen hervorgegangen; noch daß sie schlechthin Leben und 
Gedeihen der Nachkommenschaft gewährleisten; denn fortgesetzt 
nahe Innenzucht und dauernd wilde Außenzucht sehen wir bei Volks¬ 
stämmen und Familien in Tod oder Entartung enden oder — um 
nichts zu präjudizieren: diese nicht verhindern. 

Folgende Tatsachen im einzelnen dienen der biologischen Be¬ 
wertung der Verwandten- und der Misch-Ehe wesentlich zur Grund¬ 
lage. Tiere lassen bei wiederholter Inzucht eine Abnahme 
der Größe und der Fruchtbarkeit erkennen, aber gerade ihre 
besten Erfolge bauen die Tierzüchter doch auf der Inzestzucht 
auf. BeimMenschen zeigen Kinder blutsverwandter Eltern 
Krankheiten und Mißbildungen in besonderer Häufung 
und Schwere; die Degeneration und das Aussterben vieler Adels¬ 
geschlechter, die Rassenpathologie der Juden und die endemischenKon- 
stitutionsminderwertigkeiten namentlich in Gebirgsdörfern, in denen 
die Bewohner nur miteinander sich zu vermischen pflegen, scheinen 
die Gefahren der Verwandtenheiraten zu beweisen; aber wir treffen 
auch eine besonders gute Gesundheit in bestimmten bäuerlichen 
Gegenden mit starker Inzucht, und im Gegensatz zu jenen andren 
gibt es Adelsfamilien von hoher biologischer Tüchtigkeit bei inten¬ 
siver Verwandtenzucht — besonders in England; und einige Bürger¬ 
familien, in denen der „Ahnenverlust“ ungewöhnlich groß ist, bewähren 
besonders vorzügliche Qualitäten — z. B. das Erfindergeschlecht 
Siemens. Talente entstammen auffallend häufig Familien mit der 
Geflogenheit von Verwandtenheiraten, während die Ge nie-Anlage 
gewöhnlich das Produkt der Vermischung zweier Individuen ver¬ 
schiedener Inzuchtfamilien ist (Reibmayr). In Verwandten-Ehen 
sowohl wie in Misch-Ehen ist Kinderarmut die Regel, Kinder¬ 
losigkeit sehr häufig, andrerseits ist in vielen Fällen ihre Kinder¬ 
zahl besonders groß. 

Wie lösen sich diese — und mancherlei andere — Wider¬ 
sprüche? Wo Blutsverwandtschaft oder Rassendifferenz der Gatten 
zu Wert- oder Zahlminderung der Nachkommenschaft zu führen 
scheint, da sind regelmäßig andere Tatbestände auffindbar, die 
ihrerseits entweder schon allein die ungünstigen Folgen erklären 
oder sich doch als mitwirkende Bedingungen erweisen. Ebenso 


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120 


Dr. Max Marcuse. 


lassen sich überdurchschnittliche Fortpflanzungsresultate auf andere 
oder kompliziertere Zusammenhänge zurückleiten. In keinem ein¬ 
zigen Falle ist die Verwandten- und die Misch-Ehe in ihrem Wesen 
durch nichts Anderes als eben durch diese biologische Eigen¬ 
art bestimmt, vielmehr ist sie, wie jede Ehe schlechthin, eine „Ge¬ 
sellschaft zu Zweien“ von besonderer Struktur, wie sie in völliger 
Kongruenz aller inneren und äußeren Bedingungen nicht noch 
ein Mal ent- und besteht. Es liegt also niemals die Wirkung 
der Inzucht als solcher oder der Kreuzung als solcher ausschlie߬ 
lich, sondern stets nur in Verbindung mit anderen verur¬ 
sachenden und bedingenden Faktoren vor. Das wird schon deutlich, 
wenn man die Verschiedenheit der Motivation der Verwandten- 
und der Mischheiraten bedenkt, die etwa dreierlei Art ist: Mangel an 
Auswahl, ökonomische Interessen, psychische (erotische) Tendenzen. 

Je nach dieser ihrer besonderen Begründung sind die Ehen ihrem 
Wesen und somit auch ihrem Zeugungswerte nach verschieden. 

So st,ehtz. B. die Kinderarmut der Verwandten- sowie der Misch¬ 
ehen in unverkennbarer Abhängigkeit von dem Motiv zur Gatten¬ 
wahl und zur Heirat im einzelnen Falle: rationalistische und indi¬ 
vidualistische Ehetypen sind durchweg durch ihren „fortpflanzungs¬ 
feindlichen Sinn“ gekennzeichnet Und andererseits eröffnet be¬ 
denkenlose Hingabe an sexuelle Augenblicksinstinkte oder nur 
materiell orientierte Zweckbedachtheit auch für die Qualität der 
Nachkommenschaft und ihrer Aufzucht zweifelhafte Aussichten. Diese 
Erwägung beleuchtet zugleich die außerordentliche Bedeutung des 
„persönlichenElementes“ (Steinmetz) für die Frage nach der 
biologischen Wirkung der Misch- und der Verwandten-Ehen. Es 
ist z. B. selbstverständlich, daß „von der Verbindung eines euro¬ 
päischen Taugenichts mit einer ebenso nichtswürdigen farbigen 
Frau nicht hochwertige Kinder zu erwarten“ sind (v. Luschan), 
ebenso andererseits daß z. B. die Blutsverwandtschaft zwischen einem 
schwer psychopathischen Juden und seiner hysterischen Frau an 
der Unwahrscheinlichkeit eines tüchtigen Nachwuchses nichts ändern 
wird. 

Wenn man versucht, alle Fehlerquellen auszuschalten, die das 
Problem des Zeugungswertes der Verwandten- und Mischehen zu 
verfälschen geeignet sind, so ergibt sich, daß für sie besondere 
biologische Bedingungen nicht zu existieren scheinen, vielmehr alle 
Folgen aus solchen Verbindungen an den allgemeinen Gesetz¬ 
mäßigkeiten der Vererbung erklärbar sind. Diese allgemeinen 
Gesetzmäßigkeiten sind im wesentlichen die von GregorMendel 
gefundenen Normen. 

Was zunächst die auffällige Häufigkeit oder Schwere von 
Krankheiten und Mißbildungen bei den Kindern blutsver¬ 
wandter Eltern betrifft, so ist zu bedenken, daß jede Inzucht und , 
Verwandtschaftszucht das In-Erscheinung-treten elterlicher 
latenter Erbanlagen bei der Nachkommenschaft fördert. „Eine 
erbliche Belastung mit rezessiven Erbübeln haben sehr viele 
Familien, meist ohne daß den Familienangehörigen etwas davon 
bekannt ist In der einen Familie steckt dieses, in der anderen 
jenes Übel. Heiraten außerhalb der Familie lassen die erbliche- 


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Der Zengangswert der Yerwandtenehe und der Mischehe. 


121 


krankhafte Anlage nicht homozygotisch heraustreten, Heiraten in 
der Familie begünstigen das Auftreten“ (E. Baur), und zwar muß 
man um so häufiger die Verwandtenehe bei den Eltern der Er¬ 
krankten finden, je seltener die Krankheitsanlage ist (Lenz). Mit 
anderen Worten: Der Zeugungswert der Geschlechtsver- 
bindungen zwischen Blutsverwandten wird durch die 
Erbkonstitution ihrer Familie bestimmt. Wo ein gutes 
Keimplasma gegeben ist, schadet die Verwandtenheirat nicht der 
Nachkommenschaft, kann ihr im Gegenteil sehr förderlich sein, 
da es auch wertvolle Erbanlagen gibt, die bei jedem der Eltern 
vorhanden, aber latent sind und durch deren Zusammentreffen 
erst ihre sichtbare Auswirkung bei den Kindern erfolgt. Oder 
es wird eine Festigung von zwar schon in der Elterngeneration 
manifesten konstitutiven Eigenschaften erzielt, die jedoch bei der 
Vermischung mit einer nicht verwandten, jener Besonderheiten 
ermangelnden Erbkonstitution abgeschwächt würden. Darauf beruht 
wohl z. B. die Rassenzähigkeit der Juden. Beobachtungen beim 
Menschen, die zur Annahme schädlicher Wirkungen der Inzucht 
als solcher zwingen, also ohne daß sie in der familialen Erb¬ 
konstitution vorbereitet sind, existieren nicht. Und den in der 
Wirklichkeit gegebenen Verhältnissen gegenüber (z. B. bei Ehe¬ 
beratungen) ist die Frage der Verwandten-Heirat nach dem Ge¬ 
sichtspunkt der allgemeinen Konstitutions- und Vererbungs¬ 
biologie zu beurteilen, in jedem einzelnen Falle also erst bei 
genauer Kenntnis der familialen Gesundheitsgeschichte zu beant¬ 
worten. Beim Vorkommen erblicher Krankheiten oder Krank¬ 
haftigkeiten ist zwischen solchen mit dominantem und solchen 
mit rezessivem Erbgange zu unterscheiden. Im Falle der D o m i - 
nanz sind die Individuen, die nicht selbst von dem Leiden 
befallen sind, trotz schwerster familärer Belastung ohne 
jede Gefahr für ihre Nachkommen; es sei denn daß es sich um 
ein Leiden handelt, das ohnehin erst im späteren Lebensalter auftritt, 
die gesunden Gatten oder einen von ihnen also noch im Laufe der 
Zeit befallen kann. Ist das Familienleiden aber von rezessivem 
Typus, so gefährdet die Blutsverwandtschaft auch der persön¬ 
lich gesunden Eltern die Kinder durch die Homozygose. Und 
da rezessive Erbübel, also solche, die an dem Individuum unerkenn¬ 
bar, weil „überdeckt“ sind, eine außerordentliche Verbreitung haben, 
müssen Verwandtenehen in der Mehrzahl der Fälle fort¬ 
pflanzungshygienisch bedenklich erscheinen. Außerdem ist zu er¬ 
wägen, daß schon die Neigung selbst zur Eingehung einer Bluts¬ 
verwandtenehe oft einer psychopathischen Anlage entstammt 
(„neurotische Endogamie“; K. Abraham). Dennoch sollte solchen 
Heiraten nicht ohne weiteres widerraten werden, da durch sie ja 
auch eine Homozygotisierung erwünschter Erbanlagen bewirkt 
werden kann (Siemens). 

Was die erbbiologischen Folgen der Mischehe betrifft, so ist 
hier die Geltung der Mendelschen Regeln sehr deutlich: 
Spaltung der Gene und freie Kombination der Gene. D. h. es 
können durch Blutvermischungen allein niemals neue Rassen ent¬ 
stehen (die bewirkenden Faktoren sind Auslese und Ausmerze); 


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122 


Dr. Max Marouse. 


und ferner: es gibt kein Übergewicht einzelner Rassen bei der Ver¬ 
erbung, sondern nur die einzelnen Anlagen vererben sich (dominant 
oder rezessiv), so daß die Vorstellung, daß gewisseRassen (nach der 
herrschenden Laienansicht: die „minderwertigen“) sich bei Kreuz¬ 
ungen besonders stark durchsetzen, falsch ist Die Annahme be¬ 
ruht wesentlich auf fehlerhafter Deutung auffälliger Einzel- 
«rscheinungen am Individuum. Ebenso irrig ist der Glaube, daß 
insbesondere der Charakter der Mischlinge von der einen Stamm¬ 
rasse mehr bestimmt werde als von der anderen (auch er soll 
mit Vorliebe der „schlechteren Hand“ folgen). Die bisher vor¬ 
liegenden Untersuchungen über die fortpflanzungsbiologische Be¬ 
deutung der Rassenkreuzungen, deren weitaus belangvollste und 
aufschlußreichste sich auf die Rehoboter Bastarde beziehen 
{E. Fischer), scheinen eine irgendwie nachteilige Wirkung solcher 
Vermischungen auszuschließen. Dennoch bleibt für weit aus¬ 
einanderentwickelte Rassen — aber auch für sehr heterogen 
konstituierte Individuen derselben Rasse — die Möglichkeit 
„inadäquater Keimmischungen“ offen („Blutchaos“ in Südamerika). 
Diese würden bedeuten, daß die Begegnung einander nicht 
entsprechender Chromosomen innersekretorische Störungen des 
fötalen Aufbaues bewirken. Sichergestellt sind solche Beziehungen 
nicht, da bei allen Beobachtungen, die in diesem Sinne ver¬ 
wertet werden, die notwendige Voraussetzung einer hinreichenden 
Erforschung nicht nur des Phaenotypus, sondern auch und vor 
allem des Genotypus der Erzeuger nicht erfüllt ist Dieser 
Mangel nimmt z. B. auch den meisten der bisherigen Beobachtungen 
an den christlich-jüdischen Mischehen den wissenschaftlichen 
Wert, gleichviel ob der „Eindruck“ einer besonders hochwertigen 
oder der einer minderwertigen Nachkommenschaft vertreten wird. 
Überdies wird gewöhnlich nicht einmal der Unterschied zwischen 
„organischer“ und „traditioneller“ Vererbung beachtet, 
der bei den Mischehen überhaupt von großem Belang ist, da sie 
durchschnittlich nicht nur unter ungewöhnlichen personalen, 
sondern auch unter abweichenden sozialen Bedingungen stehen. 
Die Frage nach der fortpflanzungshygienischen Zulässigkeit einer 
Mischehe dürfte* kaum je an den ärztlichen Eheberater herantreten, 
da hier, soweit überhaupt eine sachliche Prüfung der Eheabsicht statt¬ 
findet, sie aus andern als biologischen Bedenken zu erfolgen pflegt. 
Die Antwort aber würde, wie in bezug auf die Verwandten-Ehen, 
auch hier den Richtlinien der allgemeinen Vererbungs- und Kon¬ 
stitutionsbiologie zu folgen haben, d. h. von der Beschaffenheit der 
Erbmasse der zwei Partner abhängig zu machen sein. In diesem 
Zusammenhänge ist, wiederum wie bei der Verwandtenehe, auch 
bei der Mischehe daran zu denken, daß die Neigung, eine solche 
einzugehen, nicht ganz selten Ausdruck einer psychischen Abartig¬ 
keit ist („neurotische Exogamie; K. Abraham.) 

Eine kurze Sonderbetrachtung verdient noch die Frage nach 
dem qu antitati venZeugungswert der Verwandten- und der Misch¬ 
ehe. Es wurde bereits betont, daß ihre verhältnismäßig häufige Un- 
und Minderfruchtbarkeit ebenfalls nichts Spezifisches darstellt, 
sondern — im wesentlichen auf dem Willen zur Kinderarmut und 


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Der Zengnngswert der Yerwandtenehe und der Mischehe. 


123 


Kinderlosigkeit beruhend — der Eigenart aller rationalistischen 
und individualistischen Ehetypen entspricht. Es mag aber hin¬ 
zugefügt werden: 1. mit Bezug auf die Verwandtenehen: daß 
für manche Forscher der Eindruck bestehen bleibt, daß „bei lange 
fortgesetzter engster Inzucht auch bei tadelloser Beschaffenheit des 
Keimplasmas eine Abnahme der Lebenskraft und Fruchtbarkeit der 
Nachkommen eintritt“ (Gruber und Rüdin). Der Grund hierfür ist 
früher in der allzu großen Ähnlichkeit der Keimplasmen gesucht 
worden, durch die eine Verminderung der biologischen Energie be¬ 
wirkt werde (Darwin, Spencer); nach moderner erbphysiologischer 
Auffassung würde das heißen: die Voraussetzungen für eine günstige 
Hormonwirkung werden infolge unzureichender oder fehlender Er¬ 
gänzung der Chromosomen des einen Keimplasmas durch die des 
anderen geschwächt — oder gar aufgehoben; in diesem Falle resul¬ 
tiere Unfruchtbarkeit (Wo die „Inzucht-Sterilität“ auf „Verlustmu¬ 
tationen“ im Sinne Johannsens und Bromäns beruht, liegt nicht reine 
Inzuchtwirkung vor, sondern das Ergebnis des Zusammentreffens 
zweier mit demselben Defekt behafteter Keimzellen.) 2. mit Bezug 
auf die Mischehen: daß mit ähnlichen Anschauungen, die aber 
natürlich mit den entgegengesetzt gerichteten Faktoren rechnen 
müssen, das Aussterben einiger Naturvölker auf ihre starke Kreuzung 
mit Weißen zurückgeführt wird (Fehlinger): die Chromosomen sind 
einander zu unähnlich, um überhaupt eine Verschmelzung eingehen 
zu können, oder wenn sie auch zum gemeinsamen Aufbau eines neuen 
Organismus gelangen, so erweisen sich die Keimzellen dieses 
doch als zu disharmonisch gebildet, um selbst zeugungsfähig zu 
sein. Darf man, wie das oben auch schon im Hinblick auf Qua- 
iitätsmängel von Mischlingen geschehen ist, die Möglichkeit „in¬ 
adäquater Keimmischungen“ zugeben, so bleibt doch die Vorstellung 
•einer „Keimfeindscbaft“ bei Rassenmischungen, die so stark 
sein könne, daß sie Unfruchtbarkeit im Gefolge hat oder doch eine 
Sterilität der Nachkommenschaft bedingt, unbewiesen und bei der 
Arteinheit homo sapiens ganz unwahrscheinlich. 

Zum Schluß noch diese grundsätzliche Anmerkung: Die rein 
naturwissenschaftliche Betrachtung kann selbstverständlich nur die 
stofflichen Bedingungen der Zeugung und des Erbganges feststellen 
und ihre Zusammenhänge aufzeigen. Das Wesen dieser Vorgänge 
vermag sie nicht zu erfassen, und alle physikalischen, chemischen, 
mechanischen, zytologischen und serologischen Methoden, kurz: 
alle Mittel der empirischen und exakten Wissenschaften vermögen 
noch nicht einmal an das eigentliche Problem, die generative Weiter¬ 
gabe organischer Formen und teleologischer Fähig¬ 
keiten (W. Stern), heranzuführen. So kann auch die besondere 
Frage nach dem Zeugungswert der Verwandten- und der Misch-Ehe 
von der modernen Vererbungsforschung, die ihre Grundlegung den 
genialen V ersuchen und Beobachtungen GregorMendels verdankt, 
nur eben auf ihren stofflichen Gehalt eine Antwort 
bekommen. Was sie an metaphysischen Beziehungen birgt, 
liegt — hier wie überall — jenseits aller äußeren Erfahrung. 


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124 


Sexual wissenschaftliche Rundschau. 



Sexualwissenschaftliche Rundschau. 

Rassen-Untersuchungen an Blut. 


Mittels serologischer Methoden ist es bereits seit längerer Zeit möglich, Menschenblut 
von Tierblut zu unterscheiden. Impft man (nach Uhlen huth) ein Tier mit dem Blut 
eines von anderer Art, so entstehen im Blutserum des ersteren sog. Präzipitine, Sub¬ 
stanzen, die im Blutserum von Tieren, die zur anderen Rasse gehören, Fällungen hervor- 
rufen. Auf diese Weise läßt sich Eiweiß noch in Verdünnungen von 1:100000 nach- 
weisen, in Konzentrationen, in welchen es durch die üblichen chemischen Methoden nicht 
mehr erkennbar ist. Noch wichtiger ist aber, daß sich damit verschiedene Eiweißarten 
voneinander unterscheiden lassen, was mit chemischen Methoden nicht möglich ist. Impft 
man z. B. ein Schaf mit Menschenblut, so wird nach einiger Zeit das Blutserum des 
Schafes Präzipitine gegen Menschen-Serum, nicht aber gegen Hunde-, Ochsen- usw. Serum 
enthalten. Man benutzt das zum gerichtlichen Blutnachw’eis, wenn z. B. von einem 
Blutfleck bei Kriminalfallen nachgewiesen werden soll, ob es sich um Menschen- oder um 
Tierblut handelt Gibt z. B. eine Lösung selbst eines alten eingetrockneten Blutfleckes 
mit auf Menschenblut eingestelltem Schafserum Fällung, so stammt der Blutfleck von 
einem Menschen her. 

Man kann auf diese Weise aber nicht nur zeigen, um was für Blut es sich handelt, 
sondern man kann auch zwischen verschiedenen Tieren eine Rassen¬ 
verwandtschaft nach weisen. Die Reaktion ist im allgemeinen spezifisch. Auf 
Menschenblut eingestelltes Serum gibt nur mit Menschenblut, auf Hundeblut eingestelltes 
nur mit Hundeblut Fällungen. Doch hat sich herausgestellt, daß Huhn und Taube, Pferd 
und Esel, Fuchs und Hund mit den gleichen Sera Reaktionen geben. Also blutverwandte 
Tiere zeigen oft gemeinsame Reaktionen, so daß man diese Untersuchungsmethode dazu 
benutzen kann, verwandtschaftliche Verhältnisse zwischen Tierrassen zu entdecken. 

Nuttall hat 4(5 Affensorten untersucht. Mit auf Menschenblut eingestelltem 
Präzipitinserum entsteht von allen Tierarten nur in dem der anthropoiden Affen 
eine Fällung, was die nahe biochemische Verwandtschaft mit diesen beweist. 

Versuche, das Blut verschiedener Menschen voneinander, besonders auch 
das von Blutverwandten von anderen zu unterscheiden, haben auf diesem Wege 
bisher zu keiner befriedigenden Methode geführt, dagegen haben Untersuchungen 
auf einem anderen serologischen Gebiet uns weiter gebracht, so daß es jetzt möglich 
wird, gelegentlich zwischen einzelnen Individuen und besonders zwischen Völker¬ 
rassen auf Grund ihrer biochemischen Struktur Unterschiede zu finden. 

Blut von artfremden Tieren gibt noch eine andere Reaktion. Das Serum des einen 
fällt (agglutiniert) die Blutkörperchen des anderen aus (Heteroagglutination). Aber selbst 
das von verschiedenen Menschen kann gegenseitig solche Wirkung haben (Isohäm¬ 
agglutination). 

Bringt man das Blut eines Individuums mit dem Blut (oder Blutserum) eines 
zweiten zusammen, so werden in gewissen Fällen die roten Blutkörperchen des ersteren 
ausgefällt (agglutiniert); sie ballen sich in groben Haufen zusammen. Die Menschen 
teilen sich bezüglich dieser ihrer lsohämagglutinine in 4 Gruppen. Es gibt Personen, 
die die roten Blutkörperchen keiner oder aller anderen Menschen agglutinieren, solche, 
die nur die gewisser anderer Menschen agglutinieren, und solche, deren Serum wieder 
umgekehrt die Blutkörperchen der vorigen agglutiniert. Amerikanische Autoren unter¬ 
scheiden so eine I., 11., 111. und IV. Gruppe. Düngern und Hirschfeld sprechen 
wiederum von einer Eigenschaft A und B, sowie Individuen, die A -{- B, und solche, die 
keine dieser Eigenschaften enthalten. Wie die folgende Tabelle, die diese Verhältnisse 
darstellt, zeigt, ist es Regel, daß, wenn die roten Blutkörperchen eines Blutes von einem 
Serum agglutiniert werden, umgekehrt das Serum des ersteren die roten Blutkörperchen 
des letzteren agglutiniert. Niemals agglutiniert (+) jedoch das Serum Blutkörperchen 
von Personen, die zur selben Gruppe gehören. 


Blutkörperchen, 

Gruppe 


1 

2 

3 

4 


Serum Gruppe 

1 1 2 | 3 

1 4 

1! - 

+-H l 

1 -{-1 + i 

i 

+ 

+ 

+ 


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Sexualwissenschaftliche Rundschau. 


125 


Diese von Landsteiner in Wien zuerst entdeckte Tatsache wurde von 
Düngern und Hirschfeld in Heidelberg weiter verfolgt. Letztere fanden nach 
Untersuchung zahlreicher Personen die folgende Häufigkeit der einzelnen Gruppen in 
Mitteldeutschland: 

I (AB) 5 Proz., H (A) 43 Proz., 1H (B) 12 Proz., 1Y (0) 40 Proz. 

In Amerika, wo sich Moss mit der Frage besonders aus praktischen ärztlichen 
Gründen beschäftigte, war die Verteilung der Gruppen ähnlich: 

I 3 Proz., II 43,4 Proz., III 7,2 Proz., IV 46,4 Proz. 

In Ungarn beschäftigte sich Prof. Dr. E. Verzar, Direktor des Instituts für all¬ 
gemeine Pathologie an der Universität Debreczen, zusammen mit Weszeczky mit dieser 
Frage und fand wesentlich andere Zahlen: 

I 12,2 Proz., H 38,0 Proz., HI 18,8 Proz., IV 31,0 Proz. 

Das erregte schon den Verdacht, daß es sich um Rassenunterschiede handeln 
müsse. Wie Verzar und Weszeczky später erfuhren, hatten das schon L. und P. Hirsch - 
feld bewiesen. Sie arbeiteten als Bakteriologen in der Ententearmee in Saloniki, wo sie 
14 verschiedene Völkerrassen untersuchen konnten und die folgenden Zahlen fanden. 
Außer der Gruppen Verteilung ist besonders das Verhältnis der Eigenschaft A/B charak¬ 
teristisch, welches sie biochemischen Rassenindex nannten. Von jeder Rasse wurden 
500—1000 Individuen untersucht und so die Häufigkeit in Prozenten berechnet. 


Häufigkeit der Blutgruppen: 



Prozent 

Prozent 

A 

B 

A/Il 

B/Ill 

AB/I 

O/IV 

Alle 

B 

Alle 

A 

Engländer. 

43,4 

7,2 

3,0 

46.4 

46,4 

10,2 

4,5 

Franzosen. 

42,0 

11,2 

3,0 

43,2 

45,6 

14* 

3,2 

Italiener. 

38,0 

11,0 

3,8 

47,2 

41,8 

14,8 

2,8 

Deutsche. 

43,0 

12,0 

5,0 

40,0 

48,0 

17,0 

2,8 

Österreicher. 

40,0 

10,0 

8.0 

42,0 

48,0 

18,0 

2,6 

Serben. 

41,8 

15,6 

4,6 

38,0 

46,4 

20,2 

2,6 

Griechen. 

41,6 

16,2 

4.0 

38,2 

45.6 

20,2 

2,5 

Bulgaren. 

40,6 

14,2 

6,2 

39,0 

46,8 

20,4 

2,5 

Araber. 

32,4 

19,0 

5,0 

43,6 

37,4 

24,0 

1,5 

Türken. 

38,0 

18,6 

6,6 

36,8 

44,6 

25,2 

1,8 

Russen. 

31,2 

21,8 

6,3 

40,7 

37,5 

28,1 

1,3 

Juden . 

33,0 

23,2 

0 

39,8 

38,0 

28,2 

1,3 

Malaien. 

26,2 

23,7 

4,5 

45,5 

30,7 

28,2 

1,1 

8enegalneger. 

22,6 

29,2 

5,0 

43,2 

27,6 

34,2 

0,8 

Annamiten. 

22,4 

28,4 

7 ( > 

* i« 

42,0 

29,6 

35,6 

0,8 

Indier. 

19,0 

41,2 

8,5 I 

31,3 

27,5 

49,7 

0,5 


Wie man sieht, ist die Eigenschaft A am häufigsten im Norden und Westen bei 
Engländern, Deutschen usw., die Eigenschaft B dagegen am häufigsten im Süden und 
Osten bei Indiern, Negern usw. Der biochemische Rassenindex A/B sinkt so von 4 bei 
den Engländern auf 0,5 bei den Indern. Dazwischen liegen die anderen Völker etwa 
ihrer geographischen Verbreitung entsprechend. 

Um zu sehen, ob es sich hier tatsächlich um mit der Rasse in Verbindung stehende 
Eigenschaften handelt, haben V. und W. drei Rassen untersucht, die eng vermischt seit 
Jahrhunderten nebeneinander leben. Eie untersuchten zuerst 1500 Ungarn der Umgegend 
von Debreczen, die die oben erwähnten Zahlen gaben mit einem biochemischen Rassen- 

index -g =1.8, der in der Tabelle von Hirschfeld am nächsten zu jenem von den 

Türken steht. Nun sind die Ungarn ein uralaltaisches Volk (das zum finnisch-ugrischen 
Völkerstamm gehört) und sind erst seit dem Ende des 9. Jahrhunderts in ihrer jetzigen 
Heimat ansässig. Diese Eigenschaft dürfte also eine Rassen Verwandtschaft mit ural- 
altaischen (auch türkischen) Völkern zum Ausdruck bringen. Allerdings hat diese Zahl 
noch keinen endgültigen Wert, weil die untersuchte Bevölkerung aus einer Gegend stammt, 


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126 


Sexu alwissenschaftliche Rundschau. 


wo es im Laufe der Jahrhunderte zu mannigfaltigen fremden Ansiedlungen gekommen 
ist (Kumanen, türkische Besetzung). 

Dann wurden aber auch deutsche Kolonisten untersucht, die in Dörfern um 
Budapest etwa seit 1710 ansässig sind. Sie ergaben die folgenden Zahlen, die vollständig 
mit denen übereinstimmen, die heute in Mitteldeutschland gefunden werden, wie oben 
die Zahlen von Düngern und Hirschfold zeigen: 

I. 3,1 Proz., II. 43,5 Proz., III. 12,6 Proz., IV. 40,8 Proz. 
mit einem Index A = 2.9. 

Und endlich haben V. und W. noch Zigeuner untersucht. Nach der geschicht¬ 
lichen und Sprachforschung sind diese um 1400 zum erstenmal in Deutschland erschienen 
und wahrscheinlich um 1200 aus Indien ausgewandert. 

Die Häufigkeit ihrer Blutgruppen ist genau dieselbe, wie sie fiuch heute bei Indiern 
gefunden wird: 

I. 5,8 Proz., II. 21,1 Proz., HI. 38,9 Proz., IV. 34,2 Proz. 

Ihr biochemischer Rassenindex ist genau derselbe, 0.6 wie jener. Eine 7—800 Jahre¬ 
alte Verwandtschaft äußert sich hier also in der Blutstruktur. 

Die Blutuntersuchung mit Isohämagglutination zejgt also ganz über¬ 
raschende Unterschiede zwischen verschiedenen Völkerrassen. Man 
kann zwar das einzelne Individuum nicht von einem einer anderen Rasse unterscheiden^ 
aber bei Massenuntersuchungen wird die Differenz klar. Es ist bisher kein Volk bekannt, 
das nur die Eigenschaft A oder nur B enthielte. In weitvergangenen prähistorischen 
Zeiten ist eine so intensive Vermischung zwischen den Trägern der Eigenschaft A und 
jenen von B erfolgt, daß heute beide ebenso unter Negern, bald unter Weißen gefunden' 
werden. Wie Hirschfelds ausführen, muß die Wiege der Eigenschaft A im Norden 
N und Westen, jene von B im Süden und Osten gelegen sein. 

Ganz neue Ausblicke ergeben sich hier zur Geschichte des Menschengeschlechts f 
Hatte es zwei Ursprungstellen? Die Anthropologen sprechen von Pygmäen und einer 
anderen großen Rasse, die sich in Urzeiten gemischt haben und deren Spuren man in 
Afrika ebenso wie in Europa findet. Haben wir hier einen Fingerzeig auf diese Ur¬ 
geschichte der Menschheit? Man kann heute noch nicht darauf antworten. Eine 
systematische Untersuchung aller Rassen ist dazu zuerst nötig, mit Expeditionen nach 
den Tropen zur Untersuchung primitiver Völkerrassen. Uns Forschern Mitteleuropas 
— schreibt Prof. Verzar — wird das Ausarbeiten dieser Fragen, die Teilnahme an 
Forschungsreisen zu diesem Zwecke, durch die schweren materiellen Verhältnisse unserer 
Heimat leider unmöglich sein I (Die Umschau, XXVI, Nr. 22, 28. V. 22.) 


Vererbliche Kurzfingrigkeit. 

Bei seinen familiengeschichtlichen Studien sammelte Dr. Heller die zahlenmäßigen 
Unterlagen für das Vorkommen von Kurzfingrigkeit, die in dbr Familie seiner Mutter 
seit beinahe 150 Jahren nachweisbar ist. Er berichtet darüber folgendes in der „Umschau 41 
(1922, S. 361 ff.). 

Kurzfingrigkeit (Brachydaktylie) kommt recht selten vor. Immerhin sind aber 
mehrere Familien bekannt, bei denen diese Eigentümlichkeit in zahlreichen Fällen auftritt 
So lebt eine kurzfingrige Familie in Pennsylvanien, eine andere in England, und zwischen 
diesen wird sogar ein Zusammenhang vermutet, da eine Auswanderung kurzfingriger 
Engländer nach Amerika nachgewiesen ist. Wie alle Vererbungsfragen hat man auch 
diese Frage in England und Amerika sehr gründlich studiert. 

Über die Familie meiner Mutter besitze ich Unterlagen, die acht Generationen um- 
fassen. In den Generationen 1— III ist von Kurzfingrigkeit keine Rede. Dann aber in 
der IV. Generation heiratet mein normalfingriger Urgroßvater die am 5. 1. 1784 in Gollnow 
geborene Friederica Braun, und von ihr wissen wir mit Sicherheit, daß sie in hohem 
Grade kurzfingrig war. Ob sie nun freilich diejenige gewesen ist, bei der die Eigentüm¬ 
lichkeit zuerst aufgetreten ist, oder ob sie dieselbe bereits von einem ihrer Eltern er¬ 
worben hatte, das entzieht sich jeder Kenntnis. 

Die Nachkommenschaft dieser Frau beträgt bisher 41 Personen, und diese sind zur 
Hälfte kurzfingrig, zur Hälfte normal, genauer 21:20. Das verteilt sich aber nun keines¬ 
wegs gleichmäßig auf die nachfolgenden Generationen, — wir können vielmehr eine deutliche 
Abnahme beobachten. Bemerkt sei, daß die Brachydaktylie sowohl von männlichen wie 
weiblichen Kurzfingrigen übertragen wird. Normale Nachkommen haben stets wieder nur 


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Sexual wissenschaftliche Rundschau. 


127 


normale Sprößlinge aufzuweisen. Das Überspringen einer Generation muß bei diesem. 
Merkmal als ausgeschlossen gelten. 

Bei der von Farabee studierten Familie stehen in fünf Generationen 36 Kurz- 
fingrige 33 Normalen gegenüber. Nach den Vererbungsgesetzen haben nämlich diejenigen 
Anormalen, die normale Individuen heiraten, etwa gleichviel normale und anormale Nach¬ 
kommen. Und dieses Gesetz läßt sich bei der Farabee-Familie in jeder einzelnen Generation 
beweisen; die Zahlenverhältnisse sind immer nahezu 50 Proz. (50—58—56—46 Proz.). 

Das ist nun bei uns freilich nicht der Fall. Bei uns sind in der V. Generation alle 
drei vorhandenen Kinder kurzfingrig gewesen, und auch die VI. Generation hat unter 
15 Personen noch 12 Anormale. Aber dann schwindet die Mißbildung zusehends, und 
so lauten bei uns die für die einzelne Generation errechneten Zahlen: 100—80—29—0Proz. 

Immerhin kann unsere Kurzfingrigkeit heute noch nicht als erloschen bezeichnet 
werden. Es kommen noch zwei Kurzfingrige in Betracht, die das Merkmal sehr wohl 
noch in die VDI. Generation übertragen könnten, die bisher davon frei ist 

Das Röntgenbild einer kurzfingrigen Frauenhand ans der VI. Generation zeigt diu 
Kurzfingrigkeit an beiden Händen gleichmäßig. Die zweiten Knöchel beim Zei^e-, Mittel¬ 
und kleinen Finger erscheinen nur als kleine Würfel. Der Ringfinger hat einen etwas 
längeren zweiten Knöchel, dafür ist hier eine Verkürzung des Mittelhandknochens ein¬ 
getreten. Der Zeigefinger zeigt eine leichte Krümmung. 

Zu erwähnen ist noch, daß die Zehen keinerlei Verkürzung zeigen, während das 
in anderen Familien auch schon beobachtet worden ist. Ein englischer Forscher hat 
festgestellt, daß Kurzfingrige gegenüber Normalen auffallend klein sind. Das trifft auch 
hier zu und läßt sich nicht nur bei den Lebenden, sondern aus familiengeschichtlichen 
Papieren, Pässen usw., sogar für Verstorbene noch nachweisen. 

Nicht nur zahlengemäß, sondern auch nach der Art des Auftretens ist unsere Form 
der Brachydaktylie im Schwinden. Wir wissen, daß die früheren Generationen überhaupt 
nur ein Fingergelenk besaßen und die beiden vorderen Knöchel verwachsen waren. Das 
war echte Brachydaktylie. Jetzt aber sind alle Fingerknöchel frei vorhanden, in der 
VI. Generation nähert sich ein Finger dem Normalen, und in der VII. Generation sind 
schon zwei Finger normal 

In Berücksichtigung dieser Tatsachen und der erwähnten Zahlenergebnisse haben 
wir wohl das Recht, von einem Schwinden der Mißbildung zu sprechen. 


Inzucht — Kreuzung. 

In seiner ungemein reizvollen Schrift über Adel (erschienen im Verlag „Der neue 
Geist“, Leipzig 1922) nimmt Graf R. N. Coudenhove auch zu den Problemen der 
Inzucht und Kreuzung Stellung. Es ist offenbar, daß der Verfasser — in der 
männlichen Linie aus nordbrabantischem Uradel, von den weiblichen Vorfahren her mit 
vielerlei Blut in seinen Adern — zu seinen Gedanken im wesentlichen nicht auf Grund 
wissenschaftlicher Untersuchung, sondern innerer Erfahrung gebracht ist und daß ihr eigener 
Wert gerade in der intuitiv-künstlerischen Konzeption und Formgebung gelegen ist: 

„Meist ist der Rustikal mensch Inzuchtprodukt, der U rbanmensch Mischling.— 

Eltern und Voreltern des Bauern stammen gewöhnlich aus der gleichen, dünn¬ 
bevölkerten Gegend; des Adeligen aus derselben dünnen Oberschicht. In beiden Fällen 
sind die Vorfahren untereinander blutsverwandt und daher meist physisch, psychisch, 
geistig einander ähnlich. Infolgedessen vererben sie ihre gemeinsamen Züge, Willens¬ 
tendenzen, Leidenschaften, Vorurteile, Hemmungen in gesteigertem Grade auf ihre Kinder 
und Nachkommen. Die Wesenszüge, die sich aus dieser Inzucht ergeben, sind: Treue, 
Pietät, Familiensinn, Kastengeist, Beständigkeit, Starrsinn, Energie, Beschränktheit; Macht 
der Vorurteile, Mangel an Objektivität, Enge des Horizontes. Hier ist eine Generation 
nicht Variation der vorhergehenden, sondern einfach deren Wiederholung: an die Stelle 
von Entwicklung tritt Erhaltung. 

In der Großstadt begegnen sich Völker, Rassen, Stände. In der Regel ist der Urban¬ 
mensch Mischling aus verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In ihm heben 
sich die entgegengesetzten Charaktereigenschaften, Vorurteile, Hemmungen, Willens¬ 
tendenzen und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf oder schwächen ein¬ 
ander wenigstens ab. Die Folge ist, daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungs¬ 
losigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosigkeit und Treulosigkeit mit Objek¬ 
tivität, Vielseitigkeit, geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vorurteilen und Weite des Hori- 


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Sexualwissenschaftliche Randschau. 


zontes verbinden. Mischlinge unterscheiden sich stets von ihren Eltern und Voreltern; 
jede Generation ist eine Variation der vorhergehenden, entweder im Sinne der Evolution 
oder der Degeneration. — 

Der Inzuchtmensch ist Einseelenmensch — der Mischlmg Mehrseelen¬ 
mensch. In jedem Individuum leben seine Ahnen fort als Elemente seiner Seele: 
gleichen sie einander, so ist sie einheitlich, einförmig; streben sie auseinander, so ist der 
Mensch vielfältig, kompliziert, differenziert. ’ 

Die Größe eines Geistes liegt in seiner Extensität, das ist in seiner Fähigkeit, alles 
zu erfassen und zu umfassen; die Größe eines Charakters liegt in seiner Intensität, das 
ist in seiner Fähigkeit, stark, konzentriert und beständig zu wollen. So sind, in gewissem 
Sinne, Weisheit und Tatkraft Widersprüche. 

Je ausgesprochener die Fähigkeit und Neigung eines Menschen, die Dinge-als Weiser 
von allen Seiten zu sehen und sich vorurteilsfrei auf jeden Standpunkt zu stellen — desto 
schwächer ist meist sein Willensimpuls, nach einer bestimmten Richtung hin unbedenklich 
zu handeln: denn jedem Motiv stellen sich Gegenmotive entgegen, jedem Glauben Skepsis, 
jeder Tat die Einsicht in ihre kosmische Bedeutungslosigkeit. 

Tatkräftig kann nur der beschränkte, der einseitige Mensch sein. Es gibt aber nicht 
bloß eine unbewußte, naive: es gibt auch eine bewußte, heroische Beschränktheit. 
Der heroisch Beschränkte — und zu diesem Typus zählen alle wahrhaft großen Tat¬ 
menschen — schaltet zeitweise freiwillig alle Seiten seines Wesens aus, bis auf die eine, 
die seine Tat bestimmt. Objektiv, kritisch, skeptisch, überlegen kann er vor oder nach 
seiner Tat sein: während der Tat ist er subjektiv, gläubig, einseitig, ungerecht. 

Weisheit hemmt Tatkraft — Tatkraft verleugnet Weisheit Der 
stärkste Wille ist wirkungslos, wenn er richtungslos ist; auch ein 
schwacher Wille löst stärkste Wirkung aus, wenn er einseitig ist. 

Es gibt kein Leben der Tat ohne Unrecht, Irrtum, Schuld: wer sich scheut, dieses 
Odium zu tragen, der bleibe im Reiche des Gedankens, der Beschaulichkeit, der Passivität. — 
Wahrhafte Menschen sind immer schweigsamdenn jede Behauptung ist, in gewissem 
Sinne, Lüge; herzensreine Menschen sind immer inaktiv; denn jede Tat ist, in gewissem 
Sinne, Unrecht. Tapferer aber ist es, zu reden, auf die Gefahr hin, zu lügen; zu handeln, 
auf die Gefahr hin, Unrecht zu tun. — 

Inzucht stärkt den Charakter, schwächt den Geist — Kreuzung 
schwächt den Charakter, stärkt den Geist. Wo Inzucht und Kreuzung unter 
glücklichen Auspizien Zusammentreffen, zeugen sie den höchsten Menschentypus, der 
stärsten Charakter mit schärfstem Geist verbindet. Wo unter unglücklichen Auspizien 
Inzucht und Mischung sich begegnen, schaffen sie Degenerationstypen mit schwachem 
Charakter, stumpfem Geist. 

Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein! Die heutigen Rassen und 
Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer 
fallen. Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen 
ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen. 
Denn nach den Vererbungsgesetzen wächst mit der Verschiedenheit der Vorfahren die 
Einförmigkeit der Nachkommen. In Inzuchtfamilien gleicht ein Kind dem anderen: dehn 
alle repräsentieren den einen, gemeinsamen Familientypus. In Mischlingsfamilien unter¬ 
scheiden sich die Kinder stärker voneinander: jedes bildet eine neuartige Variation der 
divergierenden elterlichen und vorelterlichen Elemente. 

Inzucht schafft charakteristische Typen — Kreuzung schafft ori¬ 
ginelle Persönlichkeiten. 

Vorläufer des planetaren Menschen der Zukunft ist im modernen Europa der Russe 
als slawisch-tartarisch-finnischer Mischling; weil er, unter allen europäischen Völkern, am 
wenigsten Rasse hat, ist er der typische Mehrseelenmensch mit der weiten, reichen, all¬ 
umfassenden Seele. Sein stärkster Antipode ist der insulare Brite, der hochgezüchtete Ein¬ 
seelenmensch, dessen Kraft im Charakter, im Willen, im Einseitigen, Typischen liegt. Ihm 
verdankt das moderne Europa den geschlossensten, vollendetsten 'fypus: den Gentleman. — u 


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Bücher b etprao h mgBtt. 


129 


Bücherbesprechungen. 

1) Goldschmidt, R.: Mechanismus und Physiologie der Gesehleehtabestlminiuig. 

Berlin 1920.. Gebr. Bornträger. Mit 113 Abbild. 105 Mk. 

Von Dr. B. Slotopolskj. 

Das Buch enthält die sehr bedeutsamen Schlußfolgerungen des Verf. aus seinen 
Untersuchungen über experimentelle Intersexualität inbezug auf die Physiologie der 
Geachlechtsbestiminung, gleichzeitig aber auch in elementarer, abgerundeter Form eine 
Darstellung des gesamten Geschlechtsproblems, die das .Werk auch für einen weiteren 
Kreis wertvoll macht; der Verf. hat dabei speziell die Ärzte im Auge gehabt An pas¬ 
sender Stelle eingefügte sehr geschickte kurze Einführungen in die Elemente des Mende¬ 
lismus und der Chromosomenlehre tragen zur Verständlichkeit des Buches auch für Nich't- 
biologen wesentlich bei; das Buch ist aber keine leichte Lektüre, sondern erfordert gründ¬ 
liche Vertiefung. 

Der von G. gewählte Titel bedarf einer Erläuterung. Unter Mechanismus der 
Geschlechtsbestimmung versteht er den zellulären V organg, durch den die geschlechts¬ 
bestimmenden Faktoren im Sinne des Geschlechtsverhältnisses verteilt werden; unter 
Physiologie der Geschlechtsbestimmung die Natur jener geschlechtsbestim¬ 
menden Faktoren und die Art und Weise, wie sie wirken. Im ersten Hauptabschnitt 
wird demgemäß dargelegt, wer das Geschlecht bestimmt: es sind die Geschlechtschromo¬ 
somen, deren zahlenmäßig verschiedene Verteilung auf die Nachkommen das verschiedene 
Geschlecht derselben hervorruft. Im zweiten Hauptabschnitt, dem wesentlichsten Teile 
des Buches, wird eine Theorie entwickelt, wie die Geschlechtschromosomen das Geschlecht 
bestimmen; G. leitet diesen Vorgang ab aus seinen Untersuchungen über experimentelle 
Intersexualität 

Die experimentell beliebigabstufbarelntersexualität bei Kreuzungen verschiedener 
Rassen des Schwammspinners kann befriedigend erklärt werden, wenn man bei den ver¬ 
schiedenen Rassen eine verschiedene quantitative Wertigkeit des (hier männlich determi¬ 
nierenden) X-Chromosoms annimmt, das soll heißen, eine verschiedene Konzentration des 
in den X-Chromosomen enthalten zu denkenden geschlechtsbestimmenden Enzyms, das 
seinerseits die die spätere Differenzierung bewirkende geschlechtliche Hormonbildung hervor¬ 
ruft. Die Theorie gestaltet sich dann folgendermaßen: 

Jedes Geschlecht enthält die Anlagen für beide Geschlechter. Wenn wie in dem von 
G. analysierten Falle das ß Geschlecht heterozygotisch ist, also zweierlei Gameten, solche 
mit und solche ohne X-Chromoson, bildet, enthält jede Eizelle (vielleicht im Protoplasma) 
eine bestimmte Quantität q des ß bestimmenden Enzyms F, jedes X-Chromosom ein be¬ 
stimmtes Quantum n des 3 bestimmenden Enzym M, das mithin in der Hälfte der reifen 
Eier und in sämtlichen Spermien sich vorfindet; eine aus einer Eizelle ohne X-Chromosom 
hervorgegangene Zygote enthält dann nur eine Dose (5 bestimmendes Enzym (nur eiü 
X-Chromosom), eine aus einer Eizelle mit X-Chromosom entstandene zwei solche Dosen 
(zwei X-Chromosomen); nun ist aber q > n, andererseits aber 2 n > q zu denken. In 
Zygoten mit nur einem X-Chromosom erfolgt demgemäß die Produktion der die ß Differen¬ 
zierung bewirkenden Hormone schneller, als die der (3 differenzierenden, in solchen mit 
zwei X-Chromosomen geht es umgekehrt. Im ersten Falle fällt in die (für jede Spezies 
mehr oder weniger festgelegte) ontogenetische Differenzierungszeit das Maximum der ß 
differenzierenden Hormonbildung, — es resultiert ein ß, im letzten Falle ist es die Pro¬ 
duktion der (J differenzierenden Hormone, deren Höhepunkt innerhalb der geschlechtlichen 
Differenziernngszeit liegt, — es resultiert dann ein <3 Der Geschlechtsfaktor, der auf 
den Geschlechtschromosomen verteilt wird, ist also ein Geschlechtsdifferentiator, der ent¬ 
scheidet, welche der beiden Anlagen zum Vorschein kommt; dabei handelt es sich um ein 
quantitatives Verhältnis, nämlich darum, ob das befruchtete Ei ein oder zwei X-Chromo¬ 
somen enthält, in denen sich nun entweder (bei ß Heterozygotie) (3 bestimmendes, oder 
(bei (3 Heterozygotie) Q bestimmendes Enzym in bestimmter Konstruktion vorfmdet, dem 
im Eiplasma entgegengesetzt wirkendes Enzym in ebenso bestimmter zweckentsprechender 
Menge gegenübersteht. 

Der n ormale G eschlechtsvererbnngsmeohanism us sorgt für die Richtigkeit des 
quantitativen Verhältnisses, indem er den einen Komplex konstant läßt (das rein mütterlich 
vererbte Enzym, sei es nun F oder M) und den anderen regulär in halber oder ganzer 
Quantität (ein oder zwei X-Chromosomen) verteilt. Indem nun bei verschiedenen Rassen 
einer Spezies die absoluten Werte der Enzymkonzentration im Eiplasma und in den 
X-Chromosomen schwanken, kann bei deren Kreuzung Intersexualität Zustandekommen. 

Zeitiehr. 1 Stzuilwisuniehift IX. 4. 9 


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130 


Bücherbespreohungen. 


Wenn bei einer solchen Kreuzung (es sei Q Heterozygotie angenommen, wie sie bei G.’s 
Schwammspinnerversuchen vorlag) u. U. schon das eme X-Chromosom des befruchtenden 
Spermiums eine Enzymkonzentration mitbringt, die der des Q differenzierenden Enzyms 
im Eiplasma allzunahe- oder ihr gleichkommt, oder sie sogar übertrifft, kurz, das $ diffe¬ 
renzierende Enzym relativ zu konzentriert ist, so schneiden sich die Kurven der ($ und 
der fi differenzierenden Hormonbildung noch innerhalb der Differenzierungszeit, und es 
kommt statt zur Bildung eines <2, zur Intersexualität. Oder umgekehrt: Wenn die Zygote 
zwei X-Chromosomen erhält, sollte normalerweise ja hier ein $ entstehen; ist aber bei 
der betreffenden Kreuzung das <J bestimmte Enzym relativ zu wenig konzentriert, so 
entsteht trotz der Doppeldose 3 bestimmende? Enzyms kein 3, sondern auch hier ein 
Intersex. Für $ Heterozygotie, wie sie sonst im Tierreich verbreitet ist, liegen die Ver¬ 
hältnisse ganz entsprechend. % 

In der Entwicklung der sekundären Geschlechtscharaktere gibt es zwei große 
Gruppen im Tierreich: Bei den Insekten ist der Geschlechtstypus einschließlich der sekundären 
Geschlechtsmerkmale mit der Befruchtung bereits festgelegt; Kastration, auch mit nach¬ 
folgender Transplantation der heterologen Keimdrüse, hat auf die sekundären Geschlechts¬ 
charaktere keinen Einfluß, anders bekanntlich bei den Wirbeltieren. Bei den Insekten 
werden offenbar die geschlechtsbestimmenden Hormone in jeder einzelnen Zelle produziert, 
bei den Wirbeltieren besteht eine zentralisierte Hormonproduktion von den endokrinen 
Drüsen aus,*die als Zwischenglied in die Geschlechtsentwicklung eingeschaltet wird. Hier 
ist dann Intersexualität unabhängig von der zygotischen Konstitution zu erzielen, weil 
die Hormonproduktion auf Organe lokalisiert ist, die entfernt oder transplantiert werden 
können, sodaß ihre Wirkung unabhängig von der zygotischen Konstitution, die ursprüng¬ 
lich ihre Entstehung verursachte, studiert werden kann. Als derartige Intersexualität 
mäßigen Grades faßt G. die Kastrationsfolgen beim Menschen auf, den sogenannten Pseudo¬ 
hermaphroditismus und die Homosexualität aber als zygotisch bedingte Intersexuatität; 
diese führe hier zunächst zur Ausbildung einer intersexuellen interstitiellen Drüse und 
deren Hormonproduktion dann zum Pseudohermaphroditismus bzw. zur Homosexualität 
Bezüglich des Ortes der Produktion der geschlechtsspezifischen Inkrete akzeptiert G. übrigens 
ganz die Steinachsche Pubertätsdrüsenlehre; die gegen diese gerichteten bemerkens¬ 
werten Kritiken, die die seit dem Erscheinen von G.’s Buch verflossene Zeit gebracht 
hat, müssen uns aber in diesem Punkte zur Vorsicht mahnen. 

Die Halbseitenzwitter (bzw. die Mosaikzwitter überhaupt) will G. Gynandromorphe 
genannt wissen. Gynandromorphismus ist durch Abnormitäten in der GeschlechtschromQ- 
somenverteilung bei der Befruchtung oder Furchung zu erklären. Ein Gynandromorph 
ist das Produkt einer 8törung des „Mechanismus 11 der Geschlechts Verteilung, ein Intersex 
das Produkt einer Störung der „Physiologie“ der geschlechtlichen Determination. 

Aus der Fülle von Einzelproblemen, die das Buch im übrigen behandelt, kann hier 
nur einiges Wenige herausgegriffen werden. Sehr wesentlich sind die Darlegungen über 
Parthenogenese. Die Biene benutzt zur Herstellung des Geschlechtsverhältnisses nicht 
den sonst üblichen Weg der Heterogametie, sondern erzielt genau den gleichen Effekt in- 
bezug auf die quantitative Kombination der Geschlechtsenzyme durch Verwendung der 
Parthenogenese bei Hormogametie beider ^Geschlechter. Bei Tieren, die sich dauernd parthe- 
nogenetisch fortpflanzen, unterbleibt die Chromosomenreduktion, bzw. es tritt Befruchtung 
durch ddn Polkörperchenkem ein, womit die Erbkonstitution und damit das Q Geschlecht 
dauernd gewahrt bleibt 

Die mendelistische Theorie der Geschlechtsvererbung postuliert ein Ge¬ 
schlechtsverhältnis von 1:1. Die tatsächlich bestehende Abweichung von dieser Norm kann 
bedingt werden durch Beeinflussung der Physiologie der Geschlechtsdifferenzierung im Falle 
des Geschlechtsumtausches als extremer Form von Intersexualität, durch richtende Be¬ 
einflussung des Mechanismus der Geschlechtsverteilung (Beeinflussung der Reifeteilungen, 
Zugrundegehen einer Art von Spermien), durch spätere selektive Elimination eines Ge¬ 
schlechtes bei zunächst normalem Geschlechtsverhältnis und durch Hervorbringung von 
det* Norm abweichender Zygotenzahlen infolge von verschiedenen Befruchtungschancen 
der Gameten. Es ist tatsächlich ein Wettlauf um die Befruchtung zwischen den Sperma¬ 
tozoon anzunehmen, bei denen die kräftigeren die bessere Chance haben, und manches 
spricht dafür, daß die beiden 8permienarten bei <5 Heterozygotie eine verschiedene Konstitution 
haben. Insofern kann auch eine Beziehung des Geschlechtsverhältnisses zum 
Begattungstermin angenommen werden: bei verschiedener Lage des Eies im Genitaltrakt 
könnte die Befruchtungswahrscbeinlichkeit durch die eine oder andere Spermiensorte bei 
einer verschiedenen Fortbewegungseneigie der beiden Spermienarten verschieden sein. Es 
kommt schließlich auch eine verschiedene Suszeptibilität alter und junger Eier für die 
beiden Spermiensorten in Betracht. 


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Bücherbesprechungen. 


131 


Zum 8oblus8e möchte Ref. noch auf das einleitende Kapitel über das Wesen der 
Sexualität besonders aufmerksam machen, das zwar mit dem eigentlichen Inhalt des Buches 
in keinem engeren Zusammenhang steht, aber an sich sehr lesenswerte Betrachtungen enthält. 
O. hebt mit Recht hervor, daß Sexualität und Befruchtung (bzw. zweigeschleehtliche 
Fortpflanzung) nicht identische Begriffe sind, wobei er sich auf die Tatsachen der natür¬ 
lichen und künstlichen Parthenogenese stützt Die so definierte Geschlechtlichkeit steht 
in enger Beziehung zur Sterblichkeit der Lebewesen, sie ist ebenso allgemein wie diese, 
kommt den Protozoen iu gleicher Weise zu wie den vielzelligen Tieren. Der somatische 
Teil des Organismus ist im Laufe des Lebens sich summierenden aus dem Stoffwechsel 
resultierenden Schädigungen unterworfen, die seinen schließüchen Tod herbeiführen, der 
geschlechtliche Teil (bei den Metazoen die Geschlechtszellen, bei den Protozoen ein TeH 
des Protoplasmas und die Geschlechtskerne) frühzeitig sich sondernd (Keimbahn der Meta¬ 
zoen, Mikromiklei bei Protozoen) und später vom Körperstoffwechsel ferngehalten, ist potentiell 
unsterblich und sichert die Eihaltung der Art Die in den betreffenden Ausführungen de6 
Verf. gleichzeitig enthaltene Stellungnahme zur Frage nach der potentiellen Unsterblich¬ 
keit der Einzelligen und nach dem Ursprung des Todes ist angesichts der auf diesem 
Gebiete herrschenden Verwirrung und der traditionellen Diskussions weise darüber besonders 
zu begrüßen. G. geht von dem fruchtbaren Grundgedanken aus, daß die Protozoen nioht- 
zeilig sind, also nicht einem Teile des Metazoenkörpers, sondern einem ganzen Metazoon 
morphologisch und physiologisch entsprechen. Den mit der Geschlechtlichkeit verknüpften 
unausweichlichen Partialtod findet er nun hier wie dort: auch in den berühmten Wood¬ 
ruf fschen Paramäziumkulturen sind geschlechtliche Vorgänge nicht hintanzuhalten; die 
zweigeschlechtliche Fortpflanzung (die Konjugation) kann hier (offenbar dauernd) verhin¬ 
dert werden, dafür tritt dann aber unvermeidbar Parthenogenese ein; der dabei zugrunde¬ 
gehende Macronucleus ist der somatische Anteil des Infusorienleibes, die bei deren ge* 
schlechtlicher Fortpflanzung zurückbleibende Leiche. 

Die diesbezüglichen Darlegungen G.’s zeigen, wie klar und bündig sich die Frage 
nach der Unsterblichkeit der Einzelligen behandeln läßt, wenn man sich auf den einzig 
richtigen Standpunkt stellt, daß sie mit der Frage nach einem unabwendbaren Partialtod 
bei den Protisten zusammenfällt 

2) Meisenheiiner, Johannes: Geschlecht und Geschlechter Im Tierreich. 
I. Band: Die natürlichen Beziehungen. Jena 1921. Gustav Fischer. XIV u. 896 S. 
mit 737 Abbild, im Text. 180 Mk., geh. 210 Mk. 
t Von Dr. Günther Just 

Das Werk, dessen erste Hälfte in Gestalt eines rund 900 Seiten starken, gut aus¬ 
gestatteten und unter den heutigen Verhältnissen billig zu nennenden Bandes vor uns liegt, 
wird auf lange Zeit hinaus ein Lern- und Nachschlagebuch für jeden sein, der sich mit 
Problemen, die das Gebiet der tierischen Sexualität betreffen oder die in dieses Gebiet 
hineinreichen, intensiver beschäftigt. Zwar wird hei der Lektüre besonders der Arzt 
des gelegentlichen Nachschlagens in einem Lehrbuch der Zoologie nicht entraten können, 
er wird aber seine Mühe reichlich belohnt finden. 

Das Gesamtgebiet alles dessen, was Geschlecht und Geschlechter im Tierreioh irgend¬ 
wie, auch in mehr loseren Zusammenhängen, berührt, zur Darstellung zu bringen, ist der 
Plan des Buches, und zunächst finden in diesem ersten Band die natürlichen Beziehungen 
ihre ausführliche Behandlung, während der zweite Teil die theoretischen Probleme in der 
gleichen eingehenden Weise erörtern will. In den ersten drei Kapiteln des Bandes werden 
die Begriffe der Gameten, der Gametocyten und der Gametocytenträger 1. und 2. Ordnung, 
immer an Hand reichlich ausgebreiteten Tatsachenmaterials, abgeleitet; die Sexualverhält¬ 
nisse im Pflanzen- und im Tierreich lassen sich so miteinander in Vergleich setzen. Damit 
sind dann die Grundbegriffe gewonnen, auf denen aufbauend nun in der ganzen Reihe 
der weiteren Kapitel die Erscheinungen der Geschlechtlichkeit beim höheren vielzelligen 
Organismus, der einen Gametocytenträger 1. Ordnung darstellt, abgehandelt werden können. 
Zwei Kapitel über Zwittertum und Getrenntgeschlechtlichkeit und über die Eigenart 
zwitteriger Organismen bilden den Anfang dieser Erörterungen. Daran anschließend werden 
in einer langen Reihe von Kapiteln, immer mit gleicher Ausführlichkeit, immer unter 
Ausbreitung einer Fülle von Material, die folgenden Tatsachengebiete behandelt: Die primi¬ 
tiven Begattungsformen, die unechten Begattungsorgane und ihre Betätigung, die echten 
t Begattungsorgane in ihren Vorstufen, Anfängen und primitiven Zuständen und in ihren 
komplizierteren Ausgestaltungen, die Korrelationen zwischen männlichen Begattungsorganen 
und weiblichen Empfangsorganen, die im Dienste geschlechtlicher Betätigung stehenden 
Haft-, Greif- und Klammerapparate, die spezifisch geschlechtlichen Reiforgane mecha- 

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Bncherbeepreohungen. 


niecher Art und die Wdlastorgane, denn 5 Kapitel hindurch die Formen der geschlecht¬ 
lichen Annäherung, die Methoden der Bewerbung und der Gewinnung der Weibchen, 
I. Der Kontroktationfitrieb und die Mittel zu seiner Betätigung, II. Die Vermittelung 
sexueller Annäherung und Empfindung durch den Tastsinn, III. Die Produktion und Ver¬ 
wendung von Schmeck- und .Riechstoffen im Dienste der geschlechtlichen Annäherung, 
IV. die sexuellen locktöne, V. die ornamentalen Sexualcharaktere, an diese Kapitalfolge 
sich dann anschließend: die sexuellen Waffen, die Hilfsorgane der Eiablage, die Ver¬ 
wendung des elterlichen Körpers im Dienste der Brntpflege, I. Die Gewährung von 
Schutz und günstigen Außenbedingungen, II. Die Darbietung des Lebensunterhaltes. Von 
den drei Schlnßkapiteln des Buches behandelt eines die Stufen sexueller Organisations¬ 
hohe, ein weiteres die Übertragung spezifischer Geschlechtsmerkmale von Geschlecht zu 
Geschlecht, and das 24. und letzte, die Probleme der geschlechtlichen Zuchtwahl auf¬ 
rollend, Herkunft und Ausbildung peripherer Geschlechtsmerkmale. — Überall wird je¬ 
weils der ganze große Bereich tierischen Formenreichtums und tierischer Lebensäuße¬ 
rungen auf dem Gebiete der Sexualität abgesohritten, unter Einbeziehung auch des 
Menschen, dessen sexuelle Gestaltung und Betätigung in allen wesentlichen Punkten zur 
Sprache kommt und dabei, in jenes umfassende Ganze hineingestellt, zwar nur mehr ein 
Einzelfall unter hunderten anderer ist, so aber erst, im Rahmen dieser vergleichend-bio¬ 
logischen Betrachtungsweise, seine richtige Einordnung erfährt. 

Mancher wird vielleicht an dem Buch die erdrückende Fülle des Materials, die Bei¬ 
bringung auch speziellerer Einzelheiten, die Heranziehung von Tatsachengebieten, die mit 
der geschlechtlichen Tätigkeit im engeren Sinne nur in mehr loser Verbindung stehen, 
ausznsetzen haben; er wird finden, daß weniger mehr gewesen wäre und daß solche Be¬ 
schränkung es leichter gemacht hätte, dieses voluminöse Werk einheitlich anfzunehmen. 
Wir müssen solchen Einwänden aus zweierlei Gesichtspunkten heraus widersprechen. 
Einmal: Wer die oft sehr großen Schwierigkeiten kennt, das für eine ihn vielleicht bloß 
nebenher beschäftigende Frage m Betracht kommende Tatsachenmaterial znsammenznsuchen, 
der kann dem Verf. nur dankbar sein, daß er jahrelange Mühe auf die Sammlung des 
hier vorgelegten Materials verwendet hat. Und ein solches Werk mit der ansgesprochenen 
^bsicht auch der Tatsachensammlung kann niemals zu viel, sondern höchstens noch immer 
zu wenig bringen, und nur technische, nicht sachliche Gesichtspunkte zwingen schließlich 
zur Beschränkung auf emem Gebiet, das unermeßlich in seinem Umfange und unerfindlich 
vielfältig in seinen Beziehungen ist. Zweitens aber — und das ist wichtiger —: Das 
Buch ist überhaupt gar nicht etwa nur eine ungeheure MateriaLsammlung, sondern es 
bringt ein zwar gewaltiges, aber wohlverarbeitetes und zweckdienlich geordnetes Material. 
Es ist nicht einfach ein großer Berg von Tatsachen angehäuft, durch den sich der Leser 
mühsam hindurcharbeiten muß, sondern es ist in geschlossener Durcharbeitung Kapitel 
für Kapitel und Kapitel nach Kapitel ein einheitlicher Bau errichtet worden, dessen ein¬ 
zelne Räume unter Führung des Verf. zu durchwandern gewiß Aufmerksamkeit und ernste 
Mitarbeit erfordert, dann aber auch ein wirkliches Vergnügen ist. Schlicht und klar ist 
der Text, völlig frei von Literaturnachweisen, die vielmehr am Ende des Bandes kapitel¬ 
weise zu einem insgesamt mehr als 70 Seiten umfassenden Verzeichnis zusammemresteUt 
sind und auf die durch kleine Zahlen im Text verwiesen wird. Da, wo eine verschieden¬ 
artige Beurteilung vorliegenden Materials möglich ist, bleibt die Einheitlichkeit des Auf¬ 
baues durch die klare Stellungnahme des Verf. gewahrt. Der Text wird ergänzt durch 
die Überfülle des beigegebenen Bildmaterials, und auch für diese reiche Illustrierung, 
die vieles sonst nicht gerade leicht Zugängliche bringt, muß man den Verf. Dank wissen. 
So ist dieses Buch, die erste umfassende Gesamtdarstellung der Erscheinungen der Ge¬ 
schlechtlichkeit im Tierreiche, aufs wärmste zu begrüßen, und ihm sind in allen biologisch 
interessierten Kreisen, zumal bei Ärzten und Lehrern, aufmerksame Leser zu wünschen. 

3) Bumke, Oswald: Das Unterbewußtsdn. Berlin 1922. J. Springer. 15 Mk. 

Von Dr. Max Marouse. 

Die Schrift übt tiefschürfende Kritik an der Hypothese des Psychisch-Un¬ 
bewußten, die wesentlich von Frend und der psychoanalytischen Schale vertreten 
wird und allein geeignet sein soll, die seelischen Funktionen gerade in ihren dunkelsten 
Verwicklungen verständlich zu machen. Bumke glaubt alle Versuche, ein solohes Un¬ 
bewußtes aus den äußeren und inneren Erfahrungen nachzuweisen, als fehl$reifend be¬ 
trachten zu dürfen und sieht nirgends die Notwendigkeit, vollends nirgends me Wirklich¬ 
keit eines nicht im Bewußtsein sich vollziehenden Denkens. Nur diese 
psychologische, nicht aber irgendeine metaphysische Seite des Problems sollen die klaren und 
feinsinnigen Auseinandersetzungen des Verfassers beleuchten, und das Licht, das von ihnen ans- 


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Bücherbesprechungen. 


133 


gebt, läßt in der lat die Fehlerhaftigkeit und Halbheit in Beobachtung und Urteil sehr 
amtlich werden, die durchschnittlich zur Annahme eines Untefbewußtseins führen und 
sich einbilden, damit Wesentliches zur Erkenntnis gewonnen zu haben. Daß das 
Problem, auch wenn die Existenz eines unbewußten psychischen Geschehens festgesteüt 
wäre, durch solche Einsicht nur eine Vordatierung, aber keine Lösung erfahren würde, — 
darin ist Bumke unzweifelhaft beizupflichten; ob ihm ebenso sicher gelungen ist, das 
sachliche Bedürfnis nach jener Hypothese mit dem Hinweis auf die verschiedenen „Stufen 
der Bewußtheit 11 , auf die „Lebenslügen“ und „Hilfskonstruktionen“ als unbegründet zu., 
erweisen und die seelischen Vorgänge, wie sie in gewissen Erscheinungsformen der Neu¬ 
rose, im künstlerischen Schaffen, in Tag- und Nachtträumen, in manchen Fehlhandlungen 
u. a. m. zum Ausdruck gelangen, durch die Bedeutung der Gefühle sowie eines un¬ 
anschaulichen,unlogischen („antistischen w ) Denkens zu erklären, diese Frage wage 
ich nicht zu bejahen. Mir scheint allerdings, daß der ganzen Diskussion ein guter Teil 
bloßer Dialektik eigen ist Besteht doch Einigkeit darüber, daß die Lehre vom Unter¬ 
bewußtsein auch in der Form, wie sie die Freudsche Schule vertritt, eine notwendige Phase 
in der psychologischen Entwicklung darstellt und daß „die Geheimnisse der menschlichen 
Seele, die Entstehung des Bewußtseins, der Zusammenhang alles psychischen Bestehens 
und die Beziehungen zwischen Körper und Geist“ für alle Zeiten zu jenem „Unerforsch- 
tioben“ gehören werden, das „ruhig zu verehren“ neben der Erforschung des Erforsohlichen 
das höchste Glück des denkenden Menschen bleibt (Goethe). 

Bumkes Schrift zu lesen und zn verarbeiten ist ein hoher Genaß und bringt reichen 
Gewinn. 

^- 4) Hof f mann, J.: Handbuch der Jugendkunde und Jugenderziehung. 4.-7. Tausend. 

Freiburg 1922. Herder & Co. 416 S. 82 Mk., geb. 100 Mk. 

Von Dr. Fritz Giese. 

Es ist Eigenart der katholischen Psychologie, daß sie die Menschen an ihrer innersten 
Persönlichkeit, das will wissenschaftlich bedeuten: den Komplexen faßt. Auch dies Buch 
spricht nicht von dem Elementaren, der Oberfläche. Es behandelt nach Erörterung der 
körperlichen Grundlagen die drei großen Gebiete: das rationelle Leben, die emotionale 
Lebensspbäre und das Religiöse. Ein Schlußabschnitt befaßt sich mit der Pathologie, den 
Störungen und Krisen der geistig-körperlichen Entwicklung des Jugendlichen. Die Lite¬ 
ratur geht bis auf neueste Arbeiten und berücksichtigt auch durchaus Arbeiten nicht¬ 
katholischer Verfasser. Wer weiß, daß zurzeit die Pubertät als Forschungsgegenstand mehr 
und mehr zu interessieren beginnt und wer ferner die mannigfachen Unklarheiten auf 
diesem Gebiete kennt, vrird einer Schrift, die nun über die Forschung hinausgehend dem 
Praktiker Leitfaden und Hilfsmittel zur Erziehung des Nachwuchses sein will, lebhaft 
begrüßen. Es ist kein Wunder, daß die erste Auflage in knapp zwei Jahren vergriffen 
war, und diese Neubearbeitung wird ebenfalls sehr schnell ihren Weg Anden. Denn gerade 
auch auf dem Gebiet der Sexualpsychologie — beim Jugendlichen durch die Stiohworte 
Pubertät, Homosexualität, Masturbation, Koedukation Kernpunkt vieler Erziehungsschwierig¬ 
keiten — bringt H. die Äußerungen der Wissenschaft referierend von ziemlich allseitigen 
Gesichtspunkten, und er weist nur zusammenfassend auf die Stellungnahme christlicher 
Erziehungslehre hin. So wird kein Urteil aufgezwungen und ist Objektivität dem Leser 
nahegelegt. Nach allem wird die Veröffentlichung ihre volle Anerkennung Anden, auch in 
Kreisen, die sonst nur forschen oder die grundsätzlich auf anderem Weltanschauungsboden 
stehen als der Verfasser. 

> 5) Hirsch, Max: Hie Gatten wähl. Ein ärztlicher Ratgeber für die Eheschließung. 

Leipzig 1922. Kurt Kabitzsch. 10 Mk. 

/ Von Dr. Kurt Finkenrath. 

Ausgehend von der Bedeutung der Ehe und der Familie, die nach Hirsch hohe Ent¬ 
wicklungsstufen von Formen des menschlichen Gemeinschaftslebens darstellen, werden 
kurz, scharf und allgemeioverständlich Nutzen der Ehe, Beweggründe zu ihrer Schließung 
sowie Bedingungen, unter denen Kranke überhaupt eine Ehe schließen dürfen, geschildert 
Dabei werden alle Krankheitsgruppen durchgesprochen, sodaß der Kranke jeder Art sich 
hier gewissermaßen Rat holen kann. Die Abfassung ist so geschickt, daß die Darstellung 
sich mehr allgemein hält und die eigentliche Entscheidung immer wieder in die Hände 
des zu befragenden Arztes selber legt Es besteht somit keine Gefahr, daß diese wetteren 
Kreisen zugängliche Schrift Unheil anstiftet. Die Darstellung ist nüchtern ärztlich und 


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Referate. 


weicht erheblich von den sonstigen, an dichterischen Verbrämungen reichen Darbietungen 
ab. ln der Einleitung spricht Hirsch über die Mängel der Ehe und Familie, und er glaubt 
sie aus politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen erklären zu müssen. 
Hier vermisse ich ein Eigenschaftswort, das ich gern später eingefügt sähe: nämlich aus 
menschlichen. Man schiebt von einer gewissen Einstellung aus heute noch zu viel 
auf die äußeren Verhältnisse, ohne der Entwicklungsstufen «des rein Menschlichen zu ge¬ 
denken. 

Die Ausstattung ist in Papier und Druck gut, besonders in Hinsicht auf den Preis. 

Das Buch dürfte zur Unterstützung des ärztlichen Rates in Ehefragen bei der Be¬ 
deutung, die dem gedruckten Wort anhaftet, wertvoll sein. 


Referate. 

1) Detlefsen, J. A., und F. M. Holbrook: Skunk-Kreuzungen mit Bemerkungen 

über Mutationen und ihr genetisches Verhalten. Journal of Heredity. 12. 243. 1921. 

Verff. fanden fünf verschiedene Typen von Mutationen beim Skunk. Drei ver¬ 
schiedene albinotische Typen ließen sich durch Rückkreuzung mit der Wildform als 
monohybrid und rezessiv erweisen; die anderen beiden, extremeren Formen von Albinis¬ 
mus verhielten sich komplizierter und zeigten ein entschiedenes Vorherrschen der weib¬ 
lichen über die männlichen Tiere. Bei dem genus Mephitis sind Mutationen nach den 
Erfahrungen der Verff. verhältnismäßig häufig anzutreffen. Siemens. 

2) Lundborg, Hermann (Upsala): Mischlingstypen des Menschen. Rassenmischung 

als Ursache ausgesprochener morphologischer Veränderungen des Oesichtstypus. 

Journal of Heredity. 12. 274. 1921. 

Verf. beobachtete an dem Material seines rassenbiologischen Institutes in Upsala, 
daß menschliche Rassenmischlinge im Durchschnitt eine größere Körperlänge und ein 
schmaleres und längeres Gesicht (besonders in seinem oberen Teil) haben als beide Aus¬ 
gangsrassen. Er erläutert diese Tatsache an 24 Abbildungen. Die genannten Symptome 
der Rassenmischung, die nicht immer bereits in der ersten Generation aufzutreten brauchen, 
sind besonders ausgesprochen in den (nach Ansicht des Verf. besonders stark gemischten) 
fürstlichen Familien, finden sich aber auch bei Kreuzungen zwischen Schweden und Lappen, 
Schweden und Finnen, Schweden und Zigeunern, Schweden und Juden. Entsprechende 
Beobachtungen wurden von anderen Autoren gemacht bei Kreuzungen zwischen Ostasiaten 
und Melanesiern (Hagen), zwischen Weißen und nordamerikanischen Indianern (Boas) 
und zwischen Buren und Hottentotten (E. Fischer). Siemens. 

3) Klingensmith, R. E. (Pittsburgh): Brüder beim Fußballspiel. Journal of Here¬ 

dity. 12. 287. 1921. 

Eine Zusammenstellung von 29 Brüderpaaren ergab, daß bei 24 Paaren beide Brüder die 
gleiche Stellung im Spiel einnahmen, während nur 5 Paare in verschiedenen Stellungen 
spielten. Der Bericht zeigt also, daß Brüder, die Fußball spielen, häufiger, als sich durch 
den bloßen Zufall erklären läßt, die gleiche Stellung beim Spiel einnehmen. 

Siemen s. 

4) Woods, Frederick Adams: Was erkennt man aus den Gesichtszügen 1 1. Die 

Grüße der Nase. Journal of Heredity. 12. 301. 1921. 

Verf. verglich eine große Anzahl Bilder von großen Männern einerseits, von Be¬ 
wohnern von Canada (Soldaten, Studenten usw.) andererseits.» Er fand, daß die meisten 
großen Männer große (d. h. lange) Nasen haben. Wenngleich große oder lange Nasen 
auch bei mittelmäßigen und minderwertigen Leuten angetroffen werden, so haben geistig 
bedeutendere Leute doch sehr viel häufiger eine große Nase, als es dem Durchschnitt in 
der Bevölkerung entspricht Ausnahmen sind relativ so selten, daß sie diese Regel nur 
bestätigen. Siemens. 


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Referate. 


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5) Ball, Alexander Graham (Washington): Klth und kin. Journal of Heredity. 

12. 364. 1921. 

Die amerikanische Sprache ist überaus arm an Ausdrücken, welche die verwandt¬ 
schaftlichen Beziehungen von Gliedern einer Familie bezeichnen. Verf. schlägt deshalb 
eine eingehende und klare Terminologie vor. Mit „kin“ werden Personen bezeichnet, 
welche einen gemeinsamen Vorfahren haben, mit „kith“ Personen, welche einen gemein¬ 
samen Nachkommen haben. Demnach sind also Geschwister „first kin“, Vettern ersten 
Grades „second kin“, Onkel und Neffe „first and second kin“, usf.; Eheleute, die ein 
gemeinsames Kind haben, sind „first kith“, Großeltern „second kith“ usw. Verf. erhofft 
von dieser Terminologie eine wesentliche Erleichterung genealogischer Arbeit. 

Siemens. 


6) Kindred, James Ernest: Erblichkeit eines Grübchens in der Haut des linken 
Ohres. Journal of Heredity. 12. 366. 1921. 

Verf. untersuchte eine Frau, die am linken Ohr, und zwar am oberen Ansatz des 
Helix, ein kleines Grübchen besaß (bei uns als Fistula auris congenita bezeichnet. Ref.). 
Die Frau gab an, daß noch mehrere Verwandten von ihr mit diesem Grübchen behaftet 
waren, und Verf. zeichnete nach diesen Angaben einen Stammbaum, aus dem man ersieht, 
daß die Anomalie sich durch vier Generationen vererbt, und daß mehrmals nicht behaftete 
Personen das Grübchen auf ihre Kinder übertragen; es liegt also offenbar unregelmäßige 
Dominanz vor. — Ähnliche Stammbäume sind auch schon früher veröffentlicht; von 
prinzipieller Bedeutung erscheint nur die Angabe, daß bei allen Behafteten ausschließlich 
das linke Ohr befallen gewesen sei. Über Vererbung derartiger einseitiger Anomalien 
ist bisher wenig Sicheres bekannt, und es ist deshalb sehr zu bedauern, daß die anderen 
Familienmitglieder vom Verf. nicht nachuntersucht wurden, daß sich vielmehr alle Angaben 
auf die erfahrungsgemäß erstaunlich unzuverlässige Anamnese gründen. Siemens. 


7) Schofield, Richard: Erblichkeit einer Schwimmhaut zwischen den Zehen. 

Journal of Heredity. 12. 400. 1921. 

In der Familie des Verf. ist eine Schwimmhaut zwischen der 2. und 3. Zehe beider 
Füße seit vier Generationen erblich. Die Anomalie ist bei den einzelnen Behafteten in 
verschiedenem Grade ausgebildet, sonderbarerweise jedoch stets am rechten Fuß stärker 
als am linken. Die 14 männlichen Glieder der Familie sind sämtlich behaftet, alle Weiber 
und deren Nachkommen frei. Die Anomalie vererbt sich eigentümlicherweise demnach 
offenbar wie ein männlicher sekundärer Geschlechtscharakter. Siemens. 

8) Allen, Bennett M. (Kansas): Der Einfluß der Schilddrüse und der Hypophyse 

auf die Körpergröße und die Entwicklung. Journal of Heredity. 12. 414. 1921. 

Die Versuche des Verf. ergaben, daß nach operativer Entfernung der Schilddrüse 
oder des vorderen Lappens der Hypophyse die Entwicklung der Kaulquappen des Leoparden- 
froechs nur bis zu einem bestimmten Punkte fortschreitet und dann ziemlich plötzlich 
stillsteht. Bei der gemeinen Kröte verhält sich alles ebenso, nur daß hier der Entwick¬ 
lungsstillstand in einem etwas späteren Zeitpunkt erfolgt. Der Zustand der Reife, welcher 
unter den angegebenen Umständen noch erreicht wird, ist also jeder einzelnen Spezies 
eigentümlich. Die Entwicklung bis zu diesem Zustand verläuft im wesentlichen normal. 
Der Zeitpunkt, in dem die Entwicklung aufhört, ist der gleiche, ob man die Schilddrüse, 
den vorderen Hypophysenlappen oder boide zugleich entfernt hat Eine weitere Entwick¬ 
lung kann durch Transplantation oder Verfütterung der entfernten Drüsen erzielt werden. 

Die Resultate derartiger Versuche lassen erhoffen, daß wir eines Tages in den Stand 
gesetzt werden, auch die Entwicklung des Menschen willkürlich zu beeinflussen, und daß 
wir vielleicht überhaupt in Zukunft einmal unsere Ansicht über das, was die normale 
Größe und die normale Entwicklung ist, werden ändern können. Die Amphibien er¬ 
scheinen dazu ausersehen, bei solchen Experimenten eine besonders hervorragende Rolle 
zu spielen, etwa analog der Rolle, welche den Insekten in der Zykologie und bei den 
Kreuzungsexperimenten zufällt Denn die Amphibien sind die nächsten Verwandten des 
Menschen, bei denen die genannten Drüsen operativ leicht erreicht werden können, und 
bei denen sich Fütterungsexperimente schon in einem frühen Entwicklungsstadium durch¬ 
führen lassen. Siemens. 


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Referate. 


9) Reche, Otto: Saeee umi Sprache. Arch. f. Anthropologie. 1922. 8. 2081L 

Über das Verhältnis von Rasse and Sprache bestehen zwei Auffassungen: die eine 
geht dahin, daß ein organischer Zusammenhang besteht, die andere, daß die beiden Merk¬ 
male im Grunde nichts miteinander zu tun haben. Die Lösung der Streitfrage schien 
zunächst nur möglich, indem die Anthropologie den Rassetypus der sprachlich verwandten 
Völker, z. B. der Inder und der Schwenden, miteinander verglich: dabei war die In¬ 
kongruenz von Rasse und Sprache festzustellen. Die letzten Jahrzehnte haben aber 
ein so großes biologisches und sprachwissenschaftliches Material zusammengebracht, daß 
man auf sehr viel breiterer Grundlage an das Problem herangehen kann. Wir wissen 
jetzt, daß es sowohl Bevölkerungsgruppen gibt, die einen einigermaßen einheit¬ 
lichen und reinen Rassetypus aufweisen, z. B. die Schweden, die Araber, die süd¬ 
afrikanischen Buschmänner, und andere, die offenbar das Ergebnis starker Rassen¬ 
mischungen sind, z. B. die Magyaren, die Inder, die Hottentotten, — wie auch Sprachen, 
die einheitlich, harmonisch und organisch gewachsen erscheinen, und andere, die ans 
einem Gemenge von Elementen sehr verschiedener Herkunft bestehen. R. prüft nun an 
einer großen Zahl von charakteristischen Beispielen die Beziehungen der beiden bio¬ 
logischen zu den beiden sprachlichen Gruppen und kommt in sorgfältiger Beweisführung 
zu dem Ergebnis, daß ursprünglich Rasse und Sprache sich stets gedeckt haben, 
aus der gleichen Umwelt gemeinsam entstanden sind. Mit anderen Worten: „Im Zustande 
der Isolierung entstanden die menschlichen Rassen als Produkt von Erbanlage, Auslese 
und Inzucht, uod diese gleiche Isolierung mußte gleichzeitig einen homogenen Sprach- 
typus schaffen als Frucht der körperlichen und geistigen Veranlagung der ent¬ 
fliehenden Rasse 11 . R. schließt seine Untersuchung mit dem Satze: „Und wenn sich 
in späteren Zeiten infolge der Ausbreitung und Vermischung der Rassen das ursprünglich 
so klare Bild verwischt hat, an der Grundtatsache des geistigen Zusammen¬ 
hanges von Rasse und Sprache kann das nichts ändern: die Sprache ist ein 
Teil der Rassenseele.“ Beiläufig sei angemerkt, daß diese Theorie die Vemhiedenbeit 
der.psychischen Anlagen der Menschenrassen in sich schließt. Max Marcuse. 

9) Lazarus, K.: Der Arzt und die Erneuerung des Volkes. Klinische WochenBchr. 
1922. S. 1000. 

Die Berl. med. Ges. hatte dem immer wieder erwachenden ärztlichen Bedürfnis, 
über den Rahmen der Berufsgrenzen hinaus am Wohle der Volksgemeinschaft and damit 
der Menschheit zu arbeiten, in mehreren Abenden am Ende des vergangenen Jahres Ge¬ 
legenheit zum Meinungsaustausch gegeben. Die regen Aussprachen knüpften an den 
Vortrag von Lazarus „Der Arzt und die Erneuerung des Volkes“ an, der jetzt im 
Druck vorliegt Der Aufsatz selbst stellt eine so gedrängte Übersicht wichtiger mensch¬ 
licher, gesellschaftsbildender, gesundheitlicher und rassischer Aufgabenstellung dar, daß 
nur eine kurze Andeutung auf die Fülle des Gesagten uud Durchdachten aufmerksam 
machen kann. 

Äußere und innere Schädigungen führen zum Verfall der Kulturen. Zu den ersteren 
gehört „die Ausrottung der Besten durch dem Krieg!“ Von den inneren Schädigungen, 
die den Wert und die Zahl des Volkes herabsetzen, sind die Verirrungen der in Gro߬ 
städten zusammengeballten Menschenmassen, die Landflucht mit ihrer Verwandlung des 
Landmanns in den Industriearbeiter, die ungesunde Mietskaserne zu nennen. Für uns 
sind wertvoll einige Zahlen über die GeschLechtakrankenfrage, wonach die Wahrschein¬ 
lichkeit, geschlechtskrank zu werden, in den Großstädten 18 mal größer als auf dem Lande 
ist. Die Verhütungsmittel allein sind nicht imstande, hier Abhilfe zu schaffen. „Es ist 
nicht angängig, daß der folgenschwerste Akt des Daseins lediglich vom desinfektorischen 
Gesichtspunkte beurteilt wird.“ — Hilfe wird in Förderung der Frühehe und der Ge¬ 
sundung des Familienlebens gesehen. Wesentlich aber für die Lösung dieser Aufgaben 
sind auch der Kampf gegen den Alkohol- und Tabakmißbrauch. Das volkswirtschaftliche 
Vermögen, das die Mühlen der Genußmittelfabrikanten im Laufen hält, könnte nutz¬ 
bringender für Kleinsiedlung und Hebung der Landwirtschaft angewandt werden. Auf 
jeden Fall muß eine stärkere Unterstützung der Landwirtschaft gefordert werden; denn 
dort wohnen die gesunden Kräfte des Volkes. Auf der anderen Seite müssen die Gro߬ 
städte abgebaut werden. Finkenrath. 


Für die Bedaktion verantwortlich Dt. Mn Barme in Berte. 
JL Wmtm A B. Weben Verte (Dr. jur. Albert Ahn) in Wmm, 
Druck: Otto Wfeaad’Mhe BeeMruehsrel 0. m. b. H. in Ldptlf. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

IX. Band August 1922 5. Heft 


Bemerkungen zum Prozeß gegen Karl Großmann. 

Von Dr. med. et phil. Kronfeld 

in Berlin. 

Vor dem Berliner Schwurgericht wurde vom 1. Juli bis zum 
5. Juli 1922 gegen den 60jährigen Händler Karl Grolinmnn ein Pro¬ 
zeß wegen dreifachen Mordes verhandelt. Die Verhandlung wurde 
durch den Selbstmord des Angeklagten am Morgen des 5. Juli, in 
seiner Zelle durch Erhängen mit dem Taschentuch mit großer Ener¬ 
gie verübt, vor der Anhörung der ausführlichen ärztlichen Gut¬ 
achten über den Geisteszustand und vor den Plaidoyers des An¬ 
klägers und des Verteidigers abgeschlossen. Lediglich der Tat¬ 
bestand ist aufgehellt worden, und sämtliche Gutachter konnten sich, 
in einem vorläufigen Gutachten über die Anwendbarkeit des § 81 
StrPO., auch über den Geisteszustand wenigstens summarisch 
äußern. Der Fall Karl Groß man ns hat in der Öffentlichkeit durch 
die schrecklichen Einzelheiten, welche über die Untaten des Ange¬ 
klagten durchgesickert waren, und wegen des besonderen Milieus, 
innerhalb dessen diese Untaten zustande kamen, ungeheures Auf¬ 
sehen erregt. Die Öffentlichkeit war während der ganzen Dauer der 
Verhandlung ausgeschlossen. Die Zeitungsberichte über diesen ein¬ 
zig dastehenden Fall sind keine einwandfreie Quelle für das in dem 
gesamten Verfahren gewonnene Material. Es scheint mir deshalb 
zweckmäßig, daß die Lehren dieses Falles an der Hand eingehender 
Kenntnis des objektiven Materials, der Akten und Gutachten, der 
Zeugenaussagen tind der ärztlichen Bekanntschaft mit dem Ange¬ 
klagten selber für die wissenschaftliche Forschung in größter Kürze 
zusammengestellt werden; und dem sollen die folgenden Mitteilungen 
dienen. 

Die Anklageschrift vom 6. Juni 1922 weist nach, daß Großmann in seiner 
Wohnung in der Langestraße, in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs, im Osten Berlins, 
im August 1921 mit etwa wöchentlichen Abständen drei Mädchen getötet hat Sie 
behauptet, daß diese Tötungen vorsätzlich und mit Überlegung erfolgt seien, und zwar 
lediglich aus geschlechtlicher pe.rverser Veranlassung. Es sei sogleich bemerkt, daß 
die Erhebungen sich auf einen weit größeren Kreis von verschwundenen Mädchen er¬ 
streckt hatten, und daß in drei weiteren Fällen ebenfalls der Verdacht dringend war, 
diese Mädchen seien durch G.roßmann getötet wurden; jedoch reichten die Indizien 
nicht zur Erhebung der Anklage aus. Großmann weilte seit seiner Entlassung aus 
dem Zuchthaus im Jahre 1914 in Berlin, wo er stets angemeldet an mehreren Stellen 
nacheinander in den Straßen des Ostens wohnte, die nahe dem Schlesischen Bahnhof 
und dem Andreasplatz gelegen sind und als besondere Schlupfwinkel niederster 
Dirnen, der Armut und des Verbrechertums gelten. In seiner Wohnung in der Lange¬ 
straße wohnte er etwa zwei Jahre lang. Vorher wohnte er etwa ein Jahr lang in einer 
Laube der Laubenkolonien des Ostens. Er lebte vom Handel mit Briefpapier und 
Zeitschr. f. Sexualwissenschaft IX» 5, 10 


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138 


Kronfeld. 


kleinen Gebrauchsgegenständen und war stets mit Geldmitteln veraeben. Es steht fest, 
daß er diesen Beruf regelmäßig und eitrig betrieb. Ferner aber gelang es den polizei¬ 
lichen Ermittelungen, für die ganze Zeit seines Berliner Aufenthaltes, und insbesondere 
für die letzten Jahre, eine Fülle von Feststellungen über seine Lebensführung in ge¬ 
schlechtlicher Hinsicht zu machen. Diese werfen ein so grelles Schlaglicht auf Groß- 
manns pervers-sadistisches Sexualverhalten in seinen besonderen Roheiten 
und Scheußlichkeiten, daß sie eine Rekonstruktion derjenigen Tatbestände zulassen, in 
denen die Tötung von Mädchen durch Großmann feststeht, sowie derjenigen Tat¬ 
bestände, in denen die Tötung von Mädchen zwar mehr oder weniger wahrscheinlich 
ist, sich aber nicht bis zu einem die Anklage stutzenden Indizienbeweis hat durch¬ 
führen lassen. Geht man von der Tatsache aus, daß im August 1921 allein drei 
Tötungen von Mädchen durch Großmann sicher nachgewiesen wurden, und daß ferner 
Großmann damals keineswegs in anderer geistiger oder sozialer Situation war wie 
vorher, daß auch sein geschlechtliches Verhallen vorher ganz das gleiche war wie im 
August, so gibt 'dies einen Maßstab für die Zahl der Tötungen aus geschlechtlichen 
Gründen, deren sich Großmann in seinen Berliner Jahren wahrscheinlich schuldig 
gemacht hat, ohne daß sich diese Wahrscheinlichkeit bis zum sicheren Nachweis hätte 
verdichten lassen. Wer der Verhandlung gegen Großmann und den vielen unauf¬ 
geklärten Einzelheiten, die dabei zur Sprache kamen, folgte, der hatte gleichsam die 
subjektive Gewißheit, daß die zur Anklage stehenden drei Fälle nur ein kleiner 
Bruchteil der Lustmorde gewesen sind, deren sich Großmann tatsäch¬ 
lich schuldig gemacht hat. Dieser Umstand macht den Fall zu einem SO fürchter¬ 
lichen. Dabei hat Großmann außerordentlich geschickt verstanden, die Spuren seiner 
Untaten zu verwischen. 

Seine Opfer suchte er sich unter den halb verhungerten und ob¬ 
dachlosen Mädchen, die aus Furcht, mit der Polizei zu tun zu be¬ 
kommen, als Prostituierte eingeschrieben zu werden, in Fürsorge zu¬ 
rückverbracht zu werden, irgendeine verhängte Strafe abzubüßen, 
vor der sie geflohen waren, und aus ähnlichen Motiven unange¬ 
meldet und ohne Beziehung zu ihren Angehörigen in jenen traurigen 
und finsteren Gegenden des Ostens herumlungerten. In der Regel 
war es der Hunger, den Großmann ihnen zu stillen versprach, oder 
das Geld, welches er ihnen zeigte, ohne es ihnen zu geben, oder das 
Obdach, das er ihnen als „Wirtschafterin“ in seiner Wohnung ver¬ 
hieß, was sie der Spinne ins Netz trieb. Nach geschehener Tat zer¬ 
stückelte Großmann die Leichname auf der gleichen Bank, auf der 
er seine Opfer festgebunden und gepeinigt hatte, und auf welcher 
er auch, nebenbei gesagt, sein Essen anrichtete. Des öfteren wur¬ 
den im Landwehrkanal einzelne Leichenteile gefunden; die Identifi¬ 
zierung derselben glückte aber nur in zwei von den drei Fällen, die 
zur Anklage standen. Wie raffiniert Großmann bei der Verbergung 
seiner Schandtaten vorging, zeigte sich z. B. daran, daß er den Kopf 
von einem der identifizierten Opfer abgehäutet und bis zur Unkennt¬ 
lichkeit entstellt hatte. 

Eine unmittelbare Rekonstruktion des Tatbestandes ließ daher 
nur der eiue Fall zu, der dem Wüten dieses Menschen ein Ziel setzte. 
Bei diesem Fall wurde er sozusagen in flagranti erwischt und — am 
21. August — verhaftet. Nachbarn hatten zum ersten Male gewagt, 
als sie das Schreien und Röcheln des Opfers hörten, die Polizei zu 
alarmieren. Dieses Schreien und Röcheln von Mädchen war seit 
Jahren im Hause und auch in den früheren Wohnungen Großmanns 
von Nachbarn belauscht und gehört worden: aber niemand hatte 
sich gefunden, der interveniert hätte. Zaghafte Reklamationen 
beim Hausverwalter, die grob abgewiesen wurden, waren alles, wozu 
sich die Indolenz und Gefühlsstumpfheit dieser tiefen sozialen 


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139 


Bemerkungen zum Prozeß gegen Karl Großmann. 


Sphäre aufzuraffen vermocht hatte. Und was noch erstaunlicher 
ist: unter unzähligen Sittendirnen und obdachlosen oder verwahr¬ 
losten Mädchen, welche von Großmann geschlechtlich gebraucht und 
gepeinigt worden waren, aber dem traurigen Lose seiner Todesopfer 
entrinnen konnten — Dutzende davon traten im Gerichtssaal als 
Zeuginnen auf — fand sich keine einzige, die ^ur Polizei ge¬ 
gangen wäre und dort ihre Erlebnisse mit Großmama, mitgeteilt 
hätte! Sie alle fürchteten offenbar die Polizei mehr als das weitere 
Wirken des Verbrechers. Freilich hat sich Großmann auch gegen 
die Möglichkeit einer solchen Anzeige gewappnet: wochenlang lief 
er täglich zu seinem Polizeirevier und beschuldigte die Mädchen, mit 
denen er gerade zu tun gehabt hatte, des Diebstahls. Er wurde zu¬ 
letzt auf dem Polizeirevier nicht mehr ernstgenommen und hinaus¬ 
gewiesen. Tatsächlich ist ein derartiger Beischlafsdieb^tahl nur in 
einem einzigen Falle feststellbar gewesen; aber auch wenn öfter der¬ 
artige Dinge, die in dieser sozialen Schicht ja eigentlich selbst¬ 
verständlich sind, vorgekommen sein sollten, so können sie doch nur 
einen Bruchteil der Denunziationen betragen haben. Auf diese 
Weise hätte Großmann vermutlich ein Mädchen, welches ihn wegen 
seiner Quälereien bei der Polizei angezeigt hätte, seinerseits von 
vornherein wegen ihres angeblichen Diebstahls unglaubwürdig ge¬ 
macht. Aber wie gesagt, soweit kam es niemals; dem rechtzeitigen 
Eintreffen der Polizei am 21. August 1921 ist es allein zu verdanken, 
wenn wenigstens ein einzelner sonnenklarer Tatbestand vorgefun¬ 
den wurde, der Großmanns Verhalten bei seinen Tötungen zu 
illustrieren geeignet ist. Dieser Tatbestand ist der folgende: 

Am Sonntag den 21. Augu 9 t 1921 war Großmann in mehreren Lokalen und trank 
dort Bier und Schnäpse, gemeinsam mit Bekannten, den ganzen Abend über. Plötzlich 
sprang er auf und sagte: „Ich gehe mir jetzt eine holen.“ In der Koppenstraße traf 
er gleich darauf die Köchin Marie N., welche an dem gleichen Tage aus dem Unter¬ 
suchungsgefängnis entlassen war. Sie folgte seiner Aufforderung und ging mit ihm 
noch in andere Lokale, wo sie jeder drei Bier und drei Schnäpse tranken und zuletzt 
durch angetrunkenes lautes Benehmen die übrigen. Gäste störten, so daß sie vom Wirt 
hinausgewiesen wurden. Auf derr. Wege nach Großmanns Wohnung tranken sie 
nochmals Schnaps. Gegen neun Uhr abends sah eine Zeugin sie gemeinsam über den 
Hof des Großmannschen Hauses gehen lind hörte, wie die N. zu dem Großmann sagte: 
„Ach hast du mich besoffen gemacht.“ Auf dem Flur seiner Wohnung sagte Großmann 
zu einem dort wohnenden Zeugen: „Max. weißt du was, schließ mir mal die Tür auf, 
ich finde das Schlüsselloch nicht.“ Die N. war in ihrem Rausch bis auf den Dach¬ 
boden hinauf gelaufen und mußte erst zurückgerufen werden. Der Zeuge ging mit 
beiden in Großmanns Wohnung hinein und steckte dort die Lampe an, weil Großmann 
in seiner Trunkenheit nicht dazu imstande war. Großmann stellte die Lampe auf einen 
Tisch, während die N. sich zu entkleiden begann und der Zeuge das Zimmer verließ. 
Kurz darauf hörten die Nachbarn aus Großmanns Zimmer einen hellen Schrei und 
lautes Röcheln. Dann hörten sie mehrere dumpfe Schläge. Der erwähnte Zeuge wollte 
daraufhin in Großmanns Zimmer eindringen, zog es jedoch vor, die Polizei zu holen. 
Als diese erschien — es mochte eine halbe Stunde vergangen sein — und Großmann 
zum öffnen der Tür aufgefordert wurde, rief er: „Ich kann nicht aufmachen, ich schlafe 
schon, kommt morgen früh wieder.“ Die Polizeibeamten traten aber durch die Tür 
ein, da diese nicht verschlossen war. Das Zimmer war durch die schwach brennende 
Küchenlampe erleuchtet. Es war ein recht verwahrloster Raum, schmutzig und modrig 
riechend. In ihm waren eine Holzbettstelle und ein Feldbett. Großmann stand in der 
Mitte des Zimmers völlig nackt. In der Hand hatte er eine Tasse, in welcher er mit 
einem Löffel herumrührte. Seine rechte Körperseite, hauptsächlich an der Brust und 
an den Oberschenkeln, den Genitalien und dem Gesicht, war mit Blut besudelt. Auf 
der Feldbettstelle lag völlig entkleidet die N. Ihr Kopf war blutig, auch der Körper 
war mit Blut besudelt. Die Hände w^aren mit starken Bindfäden auf dem Rücken ge- 

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140 


Kronfeld. 


bunden, das linke Bein war oberhalb des Knies abgeschnürt und ans Bett gefesselt. 
In dem weit aufgesperrten Munde stak ein zusammengedrücktes Handtuch. Das 
Mädchen zeigte noch schwache Herztätigkeit. Neben ihr lag ein Kartoffelstampfer 
sowie eine hölzerne Kelle, beide mit Blut befleckt. Ein Polizeibeamter entriß dem 
Großmann die Tasse, diese enthielt eine Zyankalilösung. Großmann sagte: „Ich habe 
bloß Rache geübt, weil sie mich bestohlen hat“ Der sofort geholte Arzt konnte nur 
noch den Tod der N. feststellen. Auf der Polizeiwache sagte Großmann: „Gott sei 
Dank, daß das Aas tot* ist, die hat mich genug geärgert“ Er hielt auch später die 
Fiktion aufrecht, als sei er von der N. bestohlen worden; es sei schon hier bemerkt, 
daß sich in dem abgezogenen Strumpf der N. ein Teil von Großmanns Geld vorfand, 
aber blutbesudelt, so daß es keinem Zweifel unterliegt, daß Großmann selber vor oder 
beim Eintreffen der Polizei mit seinen blutigen Händen das Geld in den Strumpf ge¬ 
deckt hat, um die Fiktion des Diebstahls als Motiv seines Handelns glaubhaft er¬ 
scheinen zu lassen. Die Obduktion der Leiche (Geheimrat Straßmann, Professor 
Strauch) ergab als schwerste Verletzung eine große Zerreißung des Mastdarms vom 
After aus, aber sehr hochsitzend. Kot w r ar in die Bauchhöhle getreten. Ferner fanden 
sich folgende Verletzungen: Eine solche der Geschlechtsteile, ein Schleimhautriß der 
Scheide, eine Zungenzerreißung und eine Zerreißung der Rachenwand. Alle diese 
Verletzungen sind während des Lebens entstanden, diejenige des Rachens wahrschein¬ 
lich durch das Einpressen eines stumpfen Gegenstandes, die übrigen durch sturapf- 
wirkende, quetschende Gewalt. Der Tod ist entweder durch Erstickung an einem 
Fremdkörper im Rachen, vielleicht in Verbindung mit der Betäubung durch die Schläge 
auf den Kopf eingetreten, oder es haben alle Verwendungen zusammen den Tod durch 
Erschöpfung hei beigeführt. Die Darmzerreißung ist mit einem langen harten Gegen¬ 
stände, wahrscheinlich mit dem Kochlöffel, ausgeführt werden, da sie so hoch liegt. 
Anus ipse manuum impetu graviter violatus. Vulvae atque vaginae vulnera et manu 
et instrumentis effecta sunt. Die Zerreißung der hinteren Rachenwand beruht auf der 
Hineinpressung des Knebels. Außerdem ist die N. mit den Händen gewürgt werden. 
Die Verletzungen am Kopfe rühren von Schlägen mit dem Kartoffelquetscher her. Alle 
Verletzungen entstanden am lebenden Körper. Keine von ihnen war für sich allein 
absolut tödlich. 

In ähnlicher Weise hat Großmann — wie er bei den Verneh¬ 
mungen im Untersuchungsverfahren eingestand — Anfang August 
1921 die „Martha“ und am 13. August 1921 die „Johanna“ getötet 
und nach dein Tode ihre Leichen zerstückelt. Nach Entdeckung des 
Mordes der N. entstand der Vordacht, daß Großmann mit den in 
jener Zeit erfolgten Funden von Leichenteilen im Kanal in Verbin¬ 
dung zu bringen sei. Durch Untersuchung der im Ofen Großmanns 
Vorgefundenen Aschenreste (Prof. Strauch) wurde festgestellt, 
daß im Ofen mindestens zwei menschliche Hände, ein Teil eines 
menschlichen Brustkorbes und eine große Anzahl weiblicher Klei¬ 
dungsstücke verbrannt waren. Die Untersuchung der in der Woh¬ 
nung stehenden Holzbank sowie zweier Vorgefundener Messer er¬ 
gaben, daß mit den Messern auf der Holzbank Menschenfleisch zer¬ 
kleinert worden sein mußte. Auch hatte man Großmann häufig des 
Nachts und gegen Morgen seine Wohnung mit ziemlich schweren 
übelriechenden Paketen verlassen sehen. Man hatte beobachtet, wie 
er diese Pakete in die Wasserstraßen nahe seiner Wohnung ge¬ 
worfen hatte. Endlich konnte man Kleidungsstücke aus Groß- 
manns Besitz als dös Eigentum von zwei vermißten Mädchen fest¬ 
stellen 1 ). Die Leichen dieser Frauen hat er in seiner Wohnung auf 
der Holzbank zerstückelt und die Teile ins Klosett geworfen, teils 
verbrannt, teils in den Kanal versenkt. 

Aus den Zeugenaussagen im Untersuchungsverfahren sowie 
während des Termins seien folgende für sein Verhalten bezeich- 

l ) Aus einem Rock einer Getöteten hatte er sich eine Weste machen lassen „zum 
Andenken“. wie er sa^te. 


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Bemerkungen zum Prozeß gegen Karl Großmann. 


141 


iiende Einzelheiten mitgeteilt: Sowohl in seiner Wohnung wie vor¬ 
her in seiner Laube hatte Groömann täglich Besuche von Frauen 
und Mädchen, die er zum Zweck des Geschlechtsverkehrs dort hin¬ 
führte. Wiederholt brachte er täglich drei bis vier verschiedene 
Frauen in seine Behausung. Häufig waren mehrere Frauen zu glei¬ 
cher Zeit bei ihm und wurden in völlig entkleidetem Zustande am 
Fenster sichtbar. Neben diesen kurzen Besuchen waren ständig 
Mädchen oder Frauen mehrere Tage oder Wochen als angebliche 
Wirtschafterinnen bei ihm. Diese letzteren, aber auch der größte 
Teil der ersteren rekrutierte sich aus mittel- und obdachlosen, 
schlecht gekleideten und hungrigen Mädchen, die Großmann auf 
dem Andreasplatz angesprochen hatte. Vielfach hörten die Woh¬ 
nungsnachbarn aus seiner Wohnung heraus Schreie, Stöhnen und 
Hilferufe von Frauen und klatschende Schläge’,, die offenbar von 
Mißhandlungen herrührten. Wiederholt suchten ferner die mi߬ 
handelten Frauen bei den Nachbarn Schutz. Als die Lauben-Nach- 
bam gegen Großmann einschreiten wollten, verkaufte er die Laube 
und zog fort. Einmal wurde er in der Laube von den Zuhältern 
einer mißhandelten Dirne überfallen, aber sobald diese Geld und 
Wertgegenstände sahen, vergaßen sie den eigentlichen Zweck ihres 
Kommens, nahmen die Wertgegenstände mit und verschwanden. 

Nach den übereinstimmenden Bekundungen der Mädchen folgten 
sie dem Großmann aus Not, weil er ihnen Essen versprach. Auch 
im Termin spielten die „Schrippen“, mit denen er die Mädchen vor 
dem Geschlechtsverkehr belohnte, nach Großmanns Meinung eine 
ihn besondere entlastende Rolle. Geld hat er ihnen wohl meist nur 
gezeigt, ohne es ihnen wirklich zu geben. 

Sein geschlechtliches Verhalten war im allgemeinen folgendes: Puellarum manus 
et femora ligavit, totam manum suam in vaginam introduxit, uterum et vaginam trivit 
et vulneravit, ut sanguinem et dolore9 produceret. Saepe digitum et in urethram et in 
anum pressit, aut instrumenta in genitalia et anum imposuit. Stets geschahen alle 
Handlungen auf rohe und gewalttätige Weise. Auch fuhr er den Mädchen mit der 
Hand in den Mund und stieß ihnen die Finger tief in die Kehle. Bisweilen würgte er 
sie durch Griff am Halse. Ein 25jähriges, leicht schwachsinniges, verwahrlostes 
Mädchen sagt aus: Großmann habe sie auf das Bett geworfen, nachdem er ihr die 
Hände mit einer Schnur gebunden habe. Manu in vaginam quam profundissime in- 
vasit. Das Mädchen hatte heftige Schmerzen. Großmann äußerte, das sei notwendig, 
um die Jungfernhaut zu entfernen. Eundem actum in ano effecit. Deinde cum puella 
sanguine conspersa doloribu 9 percussa coitum perfecit. Ähnliche Dinge erzählen die 
meisten Zeuginnen. Einige band er auf der Holzbank fest, um sie auf diese Weise zu 
quälen. Eine riß sich los und entfloh nackend. Sie hatte später schwere hysterische 
Zustände, die auch während ihrer Vernehmung auftraten. Eine andere erzählt, sie 
habe in Großmanns Wohnung ein anderes unterleibskrankes Mädchen getroffen, die 
nicht gehen konnte vor Schmerzen, und die in einem Augenblick des Alleinseins sie 
angefleht habe: „Gehen Sie sofort weg, sonst werden Sie so schwer krank wie ich es 
bin.“ Daraufhin habe sie sich geflüchtet. Wieder eine andere erzählt, daß Großmann 
sie durchschnittlich dreimal in jeder Nacht gebraucht habe, außerdem war noch an 
dem Tage zwischen den beiden Nächten, die sie in Großmanns Wohnung war, ein 
anderes Mädchen da, mit dem Großmann fünfmal den Verkehr ausgeübt habe. 
Magnam voluptatem sanguine ei paratam esse videtur. Inter menses cum puellis 
coitum perficere dilexit. Quin etiam urinam sanguine mixtam bibebat. Um das 
Greuliche noch zu übersteigern: Er scheint sogar von den Leichenteilen der zer¬ 
stückelten Frauen gegessen zu haben und auch einzelnen Mädchen, ohne daß sie es 
wußten, davon abgegeben zu haben. Wenigstens lassen einige Zeugenaussagen darauf 
schließen. 

Weitere Einzelheiten übergehen wir. 


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142 


Kronfeld. 


Sämtliche Mädchen sagen aus, daß Großinann zu Beginn seiner 
geschlechtlichen Betätigung keinen anderen Eindruck auf sie ge¬ 
macht habe als andere Männer auch. Einzelne gaben an, daß er 
„wütend wie ein Tier“ gewesen sei, andere wieder, daß er einen bei¬ 
nahe ruhigen Eindruck auf sie gemacht habe. Erektionen wurden 
von allen beobachtet. Aber in allen Fällen hat er sich äußerlich 
immer so verhalten, daß den Mädchen irgendein Rückschluß auf eine 
Krankhaftigkeit aus seinem Verhalten nicht kommen konnte. 

Über die Persönlichkeit und die Vorgeschichte ist von den wäh¬ 
rend des Vorverfahrens tätigen Gerichtsärzten (Prof. Strauch und 
Dr. Stürmer) mit größter Sorgsamkeit ein unabsehbares Material 
zutage gefördert worden, von dem ich an dieser Stelle nur das Wich¬ 
tigste wiedergebe. 

Großmann ist der Sohn eines Lumpenhändlers, der als ganz besonders brutaler 
und jähzorniger Säufer geschildert wird, und Hunderte von Krampfanfällen aller Grade 
gehabt hat. Seine Ehefrau hatte schwer unter ihm zu leiden. Diese war eine gut¬ 
mütige Frau, die sich ihrer Kinder mit Sorgfalt annahm und nur im Alter etwa* 
geistesschwach wurde. Ihr Vater, ein Landwirt, soll zwanzig Jahre lang gelähmt ge¬ 
wesen sein. Weiteres zur Aszendenz beider Eltern ließ sich nicht ermitteln. Gro߬ 
manns Mutter war vor ihrer Ehe mit Großmanns Vater bereits einmal verheiratet. 
Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter und ein Sohn hervor. Die eine Tochter leidet an 
Asthma. Der SohnbegingalsUnteroffizieraufWache die Schän¬ 
dung eines Dienstmädchens, erhielt lö Jahre Zuchthaus, beging alsbald 
nach der Entlassung erneute Notzucht an einem Kinde und erhielt aber¬ 
mals 15 Jahre Zuchthaus. Während der Verbüßung dieser Strafe ist dieser Stief¬ 
bruder Karl Großmanns gestorben. Die asthmatische Schwester dieses Menschen hat 
vier Kinder, von denen zwei deutliche epileptische Episoden auf¬ 
weisen. Die beiden anderen sind gesund. Großmanns Mutter hatte von Großmanns 
Vater in ihrer zweiten Ehe fünf Kinder. Karl Großmann ist der Älteste. Es folgt ein 
Bruder, der an Paralyse starb, und von dessen vier Kindern eines geistesschwach ist. 
Dann folgt eine Schwester, die dem Arzt bei der persönlichen Untersuchung in 
psychischer Hinsicht auffällig war: übermäßig gesprächig, weitschweifig und heftig. 
Sie hat eine Tochter, die an Geisteskrankheit leidet, und zwei gesunde Kinder. Die 
andere Schwester Großmanns ist gesund und kinderlos. Die letzte Schwester ist 
psychisch auffällig, ohne daß dies näher charakterisiert wird, und hat unter ihren 
Kindern eine epileptische Idiotin. Es handelt sich also um eine außerordentlich 
schwere Belastung von seiten beider Eltern. 

Großmann wuchs ohne wesentliche Erziehung auf, war in der 
Schule immer der Letzte und kam nur bis zur dritten Volksschul¬ 
klasse. Einen Beruf lernte er nicht, da er von seiner ersten Lehr¬ 
stelle entlief und später nur einige Wochen in dem Berufe als 
Schlächter aushielt. Er lebte sein ganzes Leben über asozial und 
unständig und ist 25mal vorbestraft. Die erste Strafe erhielt er mit 
18 Jahren wegen Betteins und Landstreicherei. Im Urteil dieser 
ersten Strafe heißt es, daß er schon mehrfach wegen Betteins und 
Arbeitsscheu vorbestraft 6ei. Darüber hat sich nichts Näheres fest¬ 
stellen lassen; jedenfalls beginnt die Asozialität Großmanns sehr 
früh. Es folgen dann mehrere Strafen Großmanns wegen Dieb¬ 
stahls, versuchter Erpressung, Bedrohung, Sachbeschädigung und 
vor allem vier Strafen wegen einfacher und wegen qualifizierter 
Körperverletzung (zuletzt ein Jahr Gefängnis). Dies sind also vor¬ 
wiegend Personen-, Affekt-, Roheits- und wohl auch Rauschdelikte. 
Mit 24 Jahren erfolgte die erste Zuchthausstrafe wegen Sittlichkeits- 
Verbrechens. Es handelte sich um gewaltsame Unzucht mit einem 
vierjährigen Mädchen. Dann folgen wieder Strafen wegen Land- 


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Bemerkungon zum Prozeß gegen Karl Großmann. 


143 


streicherei, Betteins und Hausfriedensbruchs, aber auch wegen Per¬ 
sonen- und Sachbeschädigung. Vom 33. Lebensjahr bis zum 36. er¬ 
litt Großmann drei schwere Strafen wegen verschiedener Sitt¬ 
lichkeitsverbrechen. 

Das erste ist merkwürdig. Er wurde in der Nacht zum 3. Januar 1890 im Ziegen¬ 
stall eines Gärtners angetroffen. Der Gärtner wurde durch das schmerzliche Schreien 
der Ziege aufmerksam und fand den Großmann im Stall zu Füßen der Ziege liegend 
mit einem Mantel bedeckt. Er stellte sich schlafend, aber ein Polizist bemerkte, daß 
der Hosenschlitz offen stand und daß der Geschlechtsteil der Ziege erheblich an¬ 
geschwollen war. Das Gericht hielt widernatürliche Unzucht für erwiesen 
und verurteilte den Großmann in Würdigung der sittlichen Gesunkenheit des dem 
Landstreichertum verfallenen Angeklagten und wegen der Roheit seiner Gesinnung zu 
10 Monaten Gefängnis. Das zweite Delikt, für welches er 15 Monate Zuchthaus er¬ 
hielt, ist ein Unzuchtsdelikt mit einem 12jährigen Mädchen, bei 
welchem es nicht zu Gewaltakten kam. Kaum war Großmann aus dem Zuchthaus 
entlassen, da beging er an einem Tage zwei Sittlichkeitsverbrechen. Er lockte 
am Vormittag ein 10jähriges Mädchen an sich und beging — nicht ge¬ 
waltsame — Unzucht mit ihr, am Nachmittag des gleichen Tages beging er 
eine Notzucht an einem viereinhalbjährigen Kinde in einem Abort 
Diese Notzucht war von besonderer Roheit: Als das Kind 9chrie, verstopfte er ihm den 
Mund mit einem Taschentuch und vollzog dann so gewaltsam den Geschlechtsakt, daß 
er dem Kinde schwere Weichteilverletzungen beibrachte, an welchen es einige Monate 
später auch verstorben ist, nachdem es zweimal operiert worden war. Es handelte 
sich um einen vollkommenen Dammriß mit gleichzeitiger Aufreißung von Mastdarm 
und Scheidenwand. Außerdem hat er das Kind mit Tripper infiziert. Das Kind wurde 
jammervoll schreiend mit gespreizten Beinen und sehr stark blutend im Abort gefunden. 
Großmann hatte es ohne jede Regung des Mitleids da liegen lassen, wo er es gebraucht 
hatte, und war davongegangen. Bei der Verhaftung fand der Polizeiin9pektor Gro߬ 
manns Hände „derart voll Blut, als wäre er beim Schlachten eines Tieres tätig ge¬ 
wesen“. Auch zeigte sein Hosenschlitz und sein Hemd frische Blutspuren. Großmann 
wurde damals auch gerichtsärztlich beobachtet, jedoch sind die Gutachten bei den 
Akten nicht mehr vorhanden. Er erhielt 15 Jahre Zuchthaus. Nach Verbüßung dieser 
Zuchthausstrafe kam er nach Berlin und verübte die eingangs geschilderten Verbrechen. 

Ans den Akten über die Vorstrafen Großmanns gellt eine außer¬ 
ordentliche Affekterregbarkeit, insbesondere zu zornmütiger 
Gereiztheit hervor, welche durch Alkoholwirkung noch ge¬ 
steigert wurde. So wird von dem Zwanzigjährigen bereits gesagt, 
daß ihm die Herberge w r egen seines Betragens verboten werden 
mußte, daß ihm keine Getränke mehr verabreicht wurden. Einem 
Wirte, der ihm Getränke verweigerte, gab er eine solche Ohrfeige, 
daß ihm die Backe anschwoll. Angetrunken machte er großen Lärm, 
erzeugte einen Menschenauflauf. Auf der Straße schrie und lärmte 
er. Am anderen Orte heißt es von ilmi, daß er sich bei seiner 
Sistierung heftig widersetzte, nach den Zeugen 9tieß, sich auf den 
Boden warf, sich weigerte, weiter zu gehen, und sich auch nicht güt¬ 
lich Zureden ließ, sondern sich immer wiedter zu Boden fallen ließ. 
Schließlich mußte man ihn in eine Droschke tragen. Bei einer Ver¬ 
haftung „stellte er sich ohnmächtig“; er war angetrunken. Ganz 
besonders bezeichnend ist sein Verhalten in den Strafvollzügen. 
Wie vor allem die Nachforschungen Dr. Stürmers ergaben, hat er 
in den Strafvollzügen fortgesetzt Konflikte schwerer und schwerster 
Art gehabt. Insbesondere während seiner 15jährigen Zuchthaus¬ 
strafe erhielt er 55 Bestrafungen. Monatelang legte man ihn in 
Ketten. Es kam ständig sein überaus gewaltsames, impulsives und 
rohes Temperament zum Durchbruch. Sowohl den Aufsehern, als 
auch den Mitgefangenen gegenüber ließ er sich zu den schwersten 


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144 


Kronfold. 


Gewalttätigkeiten hinreißen. Auch er selber wurde dabei vielfach 
von Mitgefangenen körperlich mißhandelt. Einmal schlug er einem 
Mitgefangenen ein schweres Handwerkszeug ins Gesicht. Ein 
andermal stürzte er sich auf einen Aufseher und versuchte ihm den 
Säbel zu entreißen, um ihn niederzuschlagen. Bemerkenswert ist 
psychiatrisch, daß alle diese Dinge aus kleinen Anlässen heraus 
motiviert und nirgends endogene Verstimmungen mit Sicherheit be¬ 
obachtet wurden. 

In der Beobachtung erwies sich Großraann als geordnet und im 
allgemeinen ruhig. Seine Auffassung bot hinsichtlich aller der auf 
konkrete Tatbestände hingehenden Fragen keinerlei Schwierig¬ 
keiten; seine Merkfähigkeit und sein Gedächtnis waren ausge¬ 
zeichnet. Bei seinen Äußerungen fiel immer wieder seine ungewöhn¬ 
liche Weitschweifigkeit und Umständlichkeit auf. Es war ihm an¬ 
scheinend versagt, auf irgendeine Frage präzis zu antworten, und 
wäre es auch nur mit ja oder nein. In ununterbrechbarer Weise, 
wie ein aufgezogenes Uhrwerk, legte er auf jede Frage mit einer 
endlosen Antwort los, in der ohne jedte Trennung vom Wesentlichen 
und Unwesentlichen und mit großer formaler Unbeholfenheit eine 
Fülle von Einzelheiten aneinandergereiht wurden, die mit dem 
Sinne der Frage oftmals nichts zu tun hatten. Nicht selten ging ihm 
der Faden völlig verloren. Auch im Vorhandlungstermin bot Gro߬ 
mann diese weitschweifige, an lauter Einzelheiten klebende, Belang¬ 
volles und Belangloses durcheinanderwirbelnde, formal unbeholfene 
und schwer unterbrechbare Form der geistigen Produktion. Sie 
wurde ihm von richterlicher Seite als eine Klugheitsmaßnahme aus¬ 
gelegt, als ein Raffinement der Verschleierung und der Taktik, und 
sogar einer der Gerichtsärzte stand dieser Auffassung nicht fern. 
Eine derartige Möglichkeit ist zwar nicht sicher ausgeschlossen, aber 
im Zusammenhang mit allem, wias wir von der Persönlichkeit Gro߬ 
manns objektiv wissen, ist es mir doch wahrscheinlicher, ebenso wie 
den anderen Gerichtsärzten, daß diese Redeweise Großmanns der 
Ausdruck einer geistigen Schwäche war. Wir finden sowohl 
beim Epileptiker als beim Imbezillen eine derartige Distinktions¬ 
unfähigkeit, eine am Konkreten klebende Intelligenzschwäche for¬ 
maler Art ja sehr häufig. Die Frage der Intelligenz Großmanns ist 
jedenfalls durch die gerichtsärztlichen Untersuchungen allein nicht 
hinreichend geklärt worden, weder in bezug auf das Vorliegen einer 
solchen Schwäche, noch in bezug auf deren Umfang, Grad und 
Qualität. Es soll nicht geleugnet werden, daß selbst die Annahme 
eines angeborenen Schwachsinns auf Grund der geschilderten 
geistigen Eigenart im Falle der Großmannschen Delikte forensisch 
belanglos gewesen wäre; denn darin allein hätte noch kein Grund 
zum Ausschluß der freien Willensbestimmung gelegen. — Viel ein¬ 
deutiger entschleierte sich die Eigenart seines Affekt- und 
Willehslebens. Sowohl die affektive Erregbarkeit trat deut¬ 
lich in die Erscheinung, wenn auch nur gelegentlich, als auch ganz 
besonders ein Defekt im Gefühlsleben, besonders der Sym¬ 
pathiegefühle, des Mitleids und der Gefühlsgrundlagen ethischen 
Verhaltens — ein Defekt von einer Größe, die erschreckend war. 
Dauernd hatte Großmann nicht nur nicht das geringste Gefühl für 


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______ Bemerkungen zum Prozeß g egen Karl Großmann. 145 

die Schwere seiner Delikte, für ihre sittliche Verworfenheit, sondern 
er haute auch keinerlei Gefühl für die Wirkung seiner Worte auf 
*^ u hörer. Er war niemals auch nur in der leisesten gefiihls- 
mal/ gen Fühlung mit Richtern, Geschworenen und Zeugen. So er- 
klärt sich die abstoßende Wirkung seiner Persönlichkeit auf diesen 
ganzen Menschenkreis nicht allein aus seinen Handlungen, sondern 
auch aus diesem Gefühlsdefekt, der alle Regungen seiner Persön¬ 
lichkeit schwer verständlich und widerwärtig machte. So bezeich- 
nete er regelmäßig die Äußerungen der Zeuginnen als „Quatsch“ 
und „stinkige Lügen“, um dann in seiner eigenen Darstellung, mit 
lächerlichen Korrekturen belangloser Einzelheiten, genau dasselbe 
auszuführen, was die Zeuginnen vorher gesagt hatten. Zum Schluß 
kam dann stereotyp: „Und überhaupt habe ich sie sehr gut be¬ 
handelt, das muß die Zeugin selbst zugeben, sie hat sich dürfen 
Kaffee kochen und ich habe ihr Schrippen gegeben.“ Oder wenn 
von seinem Sch^nutz in der jWohnung die Rede war: „Bei mir ist es 
ganz sauber, da hätten Sie können vom Fußboden essen, meine 
Herren.“ Dies im gleichen Augenblick, wo das Herumliegen von 
Kadaverteilen während mehrerer Tage feststand! Auch in kleinen 
Einzelheiten zeigt sich diese Roheit des Gefühlslebens: so wenn 
Großmann sich aus dem Samt rock einer Getöteten geständlich eine 
Weste machen ließ „zum Andenken“; oder wenn er die Mädchen 
veranlaßte, die blutige Wäsche ihrer Vorgängerinnen zu waschen; 
oder wenn er seine Schrippen auf der gleichen Bank zubereitete, auf 
welcher er vorher die Leichen zerstückelt hatte; oder wenn er es 
geradezu selbstverständlich fand, daß die Mädchen, die ihn oder 
seine Wirtschafterinnen besuchten, sich ihm dafür hingeben mußten; 
und noch in vielen andteren Einzelzügen. Diese Roheit und Stumpfheit 
im Punkt alles höherwertigen Fühlens leitete auch die Stellung¬ 
nahme zu seinem Leben und zu seinen Handlungen. 
So unfaßbar es klingt, so kam er sich in der ganzen Dauer der Vor¬ 
untersuchung und der Verhandlung gewissermaßen als das harm¬ 
lose, unschuldige Opfer der Niedertracht der Zeuginnen vor. Die 
„verfluchten Huren“ hatten sich verabredet, ihn reinzulegen. Neben 
dieser tückischen Absicht der „Huren“ — andere Frauen als „Huren“ 
kennt er überhaupt nicht, und von den männlichen Bekannten und 
Verwandten derselben spricht er stets nur als von ihren „Luden“ — • 
wiegen seine eigenen Delikte nach seiner Meinung gar nichts. Dabei 
ist er aber sorgsam bemüht, das Motiv dieser Delikte stets als 
außerhalb des eigentlich sexuellen Gebietes liegend 
hinzustellen. Großmann hat keine einzige seiner sadistischen Hand¬ 
lungen als im engeren Sinne sexuell motiviert zugegeben; er hat sie 
entweder abgestritten, oder aus anderen Ursachen zu motivieren ver¬ 
sucht. Ein Mädchen wollte er „untersuchen“, weil sie über den 
Unterleib klagte, einer anderen wollte er „eine Salbe einschmieren“, 
einer Dritten wollte er „eine Haut im Geschlechtsteil entfernen“, 
ans reinem Mitleid! Die Quälereien d>er Mädchen sind ein Lügen¬ 
netz, welches man ihm über den Kopf geworfen hat, um ihn zu ver¬ 
derben, weil er die vielen Diebstähle der Mädchen angezeigt habe. 
Von den drei eingestandenen Tötungen — das Geständnis der ersten 
zieht er übrigens im Verfahren halb und halb zurück — hat er die 


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146 


Kronfeld 


eine begangen, weil das Mädchen ihn belogen habe, die zweite au« 
Eifersucht, weil das Mädchen die ihr gespendete Nahrung nicht zu 
einer Freundin, sondern zu einem Freunde gebracht habe, und die 
dritte, weil das Mädchen ihn bestohlen habe. Auf die Einzelheiten 
seiner Ausreden kommt es nicht an, sie sind zum Teil grotesk. Die 
Ausführung der Taten und sein Verhalten während und nach den¬ 
selben schildert er in allen drei Tötungsfällen mit allen Einzelheiten. 
Freilich wissen wir in zwei Fällen nicht, ob er auch nur in einem 
einzigen Punkte die Wahrheit sagt, und im dritten Falle, nach dessen 
Ausführung er unmittelbar verhaftet wurde, sagt er bestimmt die 
Unwahrheit, denn der Sektionsbefund und der Vorgefundene Tat¬ 
bestand widerlegen seine Behauptungen schlagend. Aber es geht 
doch aus seinem Verhalten hervor, daß er volle Erinnerung an die 
Einzelheiten besitzt und eine Bewußtseinstrübung zur Zeit der Taten 
nicht bestand. Auf Erörterungen über Einzelheiten seines Seelen¬ 
lebens ließ er sich überhaupt nicht ein. Gewiß hat er dieses Ver¬ 
teidigungssystem und die Motivierung seiner Handlungen aus 
n ic h tgeschlechtlichen Gründen nicht etwa aus Schamgefühl oder 
sonst einer höherwertigen Regung gewählt, sondern ans irgend¬ 
welchen anderen unklaren Gründen. Es ist ja bekannt, daß in Ver¬ 
brecherkreisen selber der Sittlichkeitsverbrecher als ein Mensch 
geringeren Wertes gilt als andere Verbrecher. Er wird von ihnen 
nicht für voll genommen und häufig sogar gemieden. Diese merk¬ 
würdige, aber jedem Kenner vertraute Tatsache könnte Großmanns 
Verhalten ebenso motivieren, wie die irrige Annahme, bei seiner Art 
der Verteidigung mildere Richter zu finden. Auch seinem sonstigen 
Vorleben stand Großmann gefühlsmäßig völlig verständnislos 
gegenüber. Bei den Sittlichkeitsverbrechen, wegen deren er ver¬ 
urteilt war, leugnet er im Verfahren entweder die geschlechtlichen 
Handlungen oder sucht sie als ganz harmlos hinzustellen. 

Sämtliche Gerichtsgutachter waren sich darüber einig, daß es 
sich um einen schwer belasteten Mann handele, der von 
Kindheit auf asozial und antisozial war, bei .dem starke 
Defekte des ethischen Verhaltens und des Gefühls¬ 
lebens überhaupt vorliegen, bei dem eine ungeheure 
affektive Erregbarkeit immer wieder zum Durchbruch ge¬ 
langt, und bei dem eine abnorm gesteigerte und perverse 
Sexualität im Sinne des Sadismus eine Haupttriebfeder 
seines Handelns bildete. Inwieweit eine geistige Schwäche 
vorlag, blieb dahingestellt, ebenso die Möglichkeit einer epilep¬ 
toiden Komponente. In forensischer Hinsicht reichten diese 
Befunde nicht aus, um generell einen Zweifel an seiner Zu¬ 
rechnungsfähigkeit zu begründen. Zur Zeit der Taten, so wurde 
allgemein angenommen, bestand Erinnerung an alle Einzelheiten, 
und starke Affekte krankhafter Art, insbesondere der sexuellen 
Sphäre, wirkten in der Motivierung entscheidend mit. Die Frage 
der Überlegung im einzelnen kam durch den Selbstmord Gro߬ 
manns nicht mehr zur Erörterung. Es gab keinen Gutachter, 
der auf Grund dieses Materials sich hätte ent¬ 
schließen können, die Zurechnungsfähigkeit Gro߬ 
manns für die in Frage stehenden Delikte zu verneinen. 


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Bemerkungen zum Prozeß gegen Karl Großmann. 


147 


Nichtsdestoweniger erschien mir 1 , wie ich hinzufügen möchte: 
als einzigem Gutachter, der Fall in forensischer Hinsicht nicht 
genügend geklärt. Ich stellte den Antrag aus § 81 der StrPO. auf 
eine sechswöchentliche Anstaltsbeobachtung. Der Antrag fand aber 
bei den Kollegen keine Unterstützung und wurde abgelehnt. Auch 
heute noch, nach dem Tode Großmanns wenige Stunden nach der 
Sachverständigendebatte, kann ich von der Überzeugung nicht ab- 
kommen, als sei meine damalige Auffassung berechtigt gewesen. 
Gewiß war G roßmann von hervorragenden Männern der forensischen 
Praxis eingehend studiert worden. Gewiß konnte nichts gründlicher 
sein als die Erhebungen von Professor Strauch und Dr. Stürmer. 
Ebenso ist die Frage der Anstaltsbeobachtung praktisch xiicht 
sehr belangvoll: denn darüber besteht ja nicht der geringste Zweifel, 
daß ein Mensch wie Großmann unter keinen Umständen jemals 
wieder auf die menschliche Gesellschaft losgelassen werden durfte. 
Mir scheint noch heute der Fall’in vierfacher Hinsicht nicht ge¬ 
nügend geklärt: Erstens verschleierte das von Großmann gewählte 
Verteidigungssystem den Hergang der Tötungshandlungen in einer 
"Weise, die ein forensisches Urteil zu seinen eigenen Gunsten äußerst 
erschwerte. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder hat Großmann, 
wie die Anklage glaubt, die Mädchen vorsätzlich und mit Überlegung 
ermordet; d. h. er hat vom Augenblick an, wo er sie anlockte, den 
Plan ihrer Ermordung aus sexueller Begier gehabt und in der Hand¬ 
lung verwirklicht. Oder er hat zunächst nur sexuelle perverse Triebe 
gehabt, denen er nachging, und diese Triebe haben ihn im Laufe 
der einzelnen Triebhandlungen immer weiter fortgerissen, bis die 
Mädchen ihm unter den Händen starben. Es ist ferner die Frage 
der Überlegungsfähigkeit im allgemeinen, die bezüglich 
Großmanns bei allen seinen Handlungen aus sexuellem Triebe oder 
Affekte generell gestellt werden muß. Diese Frage könnte eine 
Antwort nur finden, wenn Großmanns Verteidigungssystem durch 
ärztliches Eingehen auf seine Eigenart erschüttert würde. — 
Zweitens müßte man die einzelnen Zeuginnen über sein Verhalten 
bei sexueller Betätigung ärztlich befragen. Die Zeuginnen waren 
vor Gericht fast alle schamhaft und befangen, wie es ja natürlich ist. 
Und selbst die feinfühligsten Befragungen durch den Richter ver¬ 
mögen nicht, wenn sie angesichts einer Anzahl von zuhörenden 
Männern und unter dem Eindruck des Gerichtsverfahrens stattfinden, 
diese Befangenheit so zu lösen, wie dies ein ärztliches Gespräch 
unter vier Augen vermag. Der Eindruck von Großmanns Verhalten 
in geschlechtlicher Hinsicht auf die in diesen Dingen doch er¬ 
fahrenen Zeuginnen wäre aber ein besonderer Hinweis auf seine 
forensische Zurechnungsfähigkeit gewesen. Drittens ist der Fall ja 
k 1 i n i s-c h ungeklärt. Es ist leicht möglich, daß epileptoide 
Episoden, endogene Verstimmungen usw., in der klinischen Beobach¬ 
tung in Erscheinung getreten wären, die bei gerichtsärztlichen Be¬ 
suchen im Gefängnis der Aufmerksamkeit entgehen mußten. Be¬ 
sonders ungeklärt ist ja auch die Frage seiner Intelligenz in kli¬ 
nischer Hinsicht. Und viertens endlich ist seine Alkohol toi eranz 
eine ungelöste Frage. Auch sie ist forensisch bedeutsam, denn min¬ 
destens eine der Tötungen wurde unter starker Mitwirkung des 


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148 Kronfeld, Bemerkungen zum Prozeß gegen Karl Großmann. 


Alkohols begangen. Ich schlug vor, das Alkoholexperiment K r a e * 
peliris in der klinischen Beobachtung mit ihm anzustellen. Und 
ich kann die in der Verhandlung gemachten Einwendungen gegen 
seine Bedeutung auch heute nicht als berechtigt anerkennen. 

So ist der Fall Großmann ärztlich nicht restlos geklärt worden. 
Und es ist bedauerlich, daß ebenso wie in dem Falle des Massen¬ 
mörders Schumann auch in diesem Falle die praktischen Bedürf¬ 
nisse des Verfahrens über das grundsätzliche Interesse der Wissen¬ 
schaft den Sieg davongetragen haben. Es steht meiner Meinung 
nach allzusehr im Belieben der Untersuchungsbehörde und der 
— dem § 81 StrPO. oft prinzipiell nicht günstig gesonnenen — Ge¬ 
richtsärzte, derartige Ausnahmefölle rätselhafter Art einer notwen¬ 
digen klinischen Begutachtung zu entziehen, bevor sie ab ge¬ 
urteilt werden. Im Termin ist es meistens zu spät. Gerade von 
Großmann würde Friedreichs berühmtes Wort zu gelten haben: 
Die Ehre des Menschengeschlechtes verbietet es, ein derartiges Sub¬ 
jekt als gesund zu bezeichnen. Dies Wort ist gewiß keine Maxime 
für die Begutachtung; wohl aber drückt es das Gefühl aus, das wohl 
Jeden angesichts so ungeheuerlicher Verbrechen beschleicht: Jeden 
möglichen Weg wissenschaftlicher Klärung zu gehen, ehe man dahin 
resigniert, den Verbrecher als in der Breite des Gesunden befindlich 
gelten zu lassen. 

Mein persönliches Urteil geht dahin, daß Großmann ein epi¬ 
leptoider Imbeziller mit stärksten moralischen 
Defekten und erethischer Hemmungslosigkeit und 
Affekterregbarkeit war, bei dem eine sadistische und 
hypersexuelle Disposition durch seinen Lebensverlauf, 
insbesondere durch die 15jährige Zuchthausstrafe, eine phantastische 
Steigerung erfahren hat. Ich habe bezüglich der Tötungshandlungen 
den Eindruck des überlegten und planmäßigen Vorgehens, nicht 
bloßer Triebhandlungen. Die Überlegungsfähigkeit zur Zeit der 
Tötungshandlungen würde ich für herabgesetzt halten, aber bejahen. 
Es handelt sich um einen Menschen, den von Gilles de Rays und ähn¬ 
lichen historisch berüchtigten Sexualverbrechern bloß der Mangel 
an geistigem Niveau trennt. Aber dies ist, wie gesagt, nur ein per¬ 
sönlicher Eindruck. 

Ebenso erschütternd wie die Existenz einer derartigen Persön¬ 
lichkeit war aber während der Verhandlung für jeden Beteiligten 
etwas anderes: Mit schrecklicher Deutlichkeit e<rlebte man die Ur¬ 
sachen und den Werdegang der niedersten Prosti¬ 
tution. Man erlebte in einer Weise, die alle Abhandlungen über 
die Minderwertigkeit und den angeborenen Schwachsinn der Pro¬ 
stituierten Lügen strafte, mit monotoner Regelmäßigkeit bei den 
vielen Zeuginnen den sozialen Faktor der Prostitution, 
die Not. Gewiß waren diese Mädchen größtenteils dem Daseins¬ 
kampf psychisch schlechter angepaßt als der Durchschnitt. Aber 
von dieser Tatsache bis zu der Monotonie, mit welcher sie aus 
Hunger und Not in jene schlimmen Quartiere des Berliner Ostens 
gelangten, voller Angst vor der polizeilichen Reglementierung als 
ihrem unentrinnbaren Schicksal, klafft doch ein gewaltiger 4-bgrund. 
Diß Schrecken der Reglementierung, die Schrecken der Obdachlosig- 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 149 


keit und des Hungers, die Schrecken der Arbeitslosigkeit und des 
Ausgestoßenendaseins aus allen menschlichen Beziehungen — sie 
waren es, die dem Großmann alle seine Opfer in. den Weg führten. 
Sie haben diesem 60jährigen, verlotterten, abstoßenden Gesellen für 
ein Butterbrot Dutzende und Dutzende von jungen Geschöpfen für 
alle seine Quälereien und Scheußlichkeiten zugänglich gemacht. 
Wer wie ich bisher den endogenen Faktor auch in der Entstehung 
der sozialen Lebensgestaltung für das Wesentliche hielt, gerade 
auch in bezug auf das Pro6titutionsproblein, der ist, das gestehe ich 
offen, mit anderer Meinung aus dieser Verhandlung hervorgegangen. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
/V Erörterungen *). 

Deutsches Nonnenleben. 

“Das Leben der Schwestern zu TSB und der Nonne von Engeltal Büchlein 
von der Gnaden Oberlast. 

Von eand. phil. Richard Samuel. 


Die beiden Schweizer Klosterchronikea von fuß und Engeltal von Margarethe 
Weinhandl stimmungsgetreu zum erstenmal ins Neuhochdeutsche übertragen und 
mit eingehender kulturhistorischer Einleitung versehen, liefern einen besonders wert¬ 
vollen, symptomatisch zu nehmenden Beitrag zur Geschichte der mittelalterlichen 
Lebensformen 3 ). Nicht als Kunstwerk geformt wie in Mechthild von Magdeburgs 
..fließendem Licht“, noch unterbaut von einem kühnen Gedankenwerk, wie in den 
Büchern des Meister Eckehart, sondern als unreflektierte, ursprüngliche Selbstzeugnisse 
einfältiger Seelen stellt sich hier ein besonderer Zweig mittelalterlichen Frömmig¬ 
keit siebe 11 s in seinen psychologischen Grundlagen und Zusammenhängen dar. Jede 
der beiden Chroniken vertritt wieder in sich eine besondere Schicht mittelalterlichen 
Frauentums. Die Tüßer Chronik, etwa 40 Nonnenviten enthaltend, von Elsbeth Stagel, 
der treuen Schülerin Seuses. aufgezeichnet, gibt die Geschichte eines adligen Frauen- 
klosters, dessen Insassen über eine verhältnismäßig hohe Geistesbildung verfügten. 
Das Büchlein von der Gnaden überlast erzählt die Geschichte eines Beghinenhauses, 
in dem sich, durch die wirtschaftliche Gesamtlage der Zeit gezwungen, ehelose Frauen 
einfachen Standes auf kommunistisch-religiöser Grundlage, aber ohne die Strenge der 
Klestcrregel, zu einer Laiengemeinschaft zusammen fanden, und das sich allmählich 
duich immer straffere Organisation zum Kloster entwickelt. Die deutsche 
F r a u e n in y s t i k , die Marg. Weinhandl mit Hecht •■mc „Geistesbewegung“ nennt, 
die — - in der Zeit der anbrechenden Gotik entstanden — ganze Scharen von Frauen 
generationenlang in die Klöster und Boghinenhäuser trieb und die insbesondere den 
deutschen Westen, den Rhein von den Niederlanden bis zur Schweiz ergriff, nimmt' 
eine eigentümliche Stellung in der Geistesgeschichte der deutschen Mystik ein. Für 
die Frage: „Die Sexualität und ihre Auswirkung auf das religiöse Leben“ liefert die 
„Brautmyslik“ eine Fülle von Beobachtungsmöglichkeiten. 

Die Frauenmystik grenzt sicli zunächst gegen das Mönchsleben ab; denn nur in 
den Nonnenklöstern wurde ein ununterbrochenes kontemplatives Leben geführt, das 
Tag und Nacht dem religiösen Dienste geweiht war; die Mönche hingegen halten durch 
ihre wissenschaftliche und seelsorgerische Tätigkeit und das vielfach damit verbundene 
Reisen immer wieder aktiv in die ,,Welt“ einzutreten. Insbesondere aber ist die 
Frauenmystik abzugrenzen gegen die spekulativ-theoretisch gerichtete Mystik, deren 
Hauptvertreter Meister Eckehart, der Verächter von Askese, Ekstase und Verzückung 
ist. Die Frauenmystik ist praktische Mystik; sie äußert sich in Handeln und Erleben, 


*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 

*) 0. C. Recht Verlag, München 1921. 


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150 Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 

nicht in Erkennen und Lehren; das ganze religiöse Tun und Trachten ist eingestellt 
auf ein Umsetzen der mystischen Philosophie in die Wirklichkeit. Was Eckehart und 
seine Schiller predigen (was Seuse allerdings auch schon vorgelebt hat): jene „hohen 
vernünftigen, überschwänglichen Gedanken von der reinen Gottheit, von aller Dinge 
Nichtigkeit, vom Lassen seiner selbst in das Nichts, von aller Bilder Bildlosigkeit“ 
(S. 126), jenes sich-Gott-ganz-Geben, Gott-in-sich-wirkenlassen, damit Gott im Seelen¬ 
grund geboren werde, jenen Gott, der ganz unpersönlich gedacht ist, als „das höchste 
Eine, das reinste Sein“ (Eckehart), ergreift die Frauenmystik mit glühender Fröm¬ 
migkeit, formt ihn zur persönlich vorgesiellten Ideal gestalt um, in die sie die Fülle 
ihrer durch Askese, Bußübungen und Andach tsvei Senkungen niedergezwungenen 
Leidenschaften hineingießen. So werden die Abstrakta einer spekulativen Philosophie 
zu sinnlich greifbaren Wesenheiten gemacht. Ihre Ziele und Ausblicke — theoretische 
Folgerungen eines Systems — steigern sich zur zehrenden Sehnsucht, die ihre Er¬ 
füllung nur in dem sinnlich-spürbaren Aufgehen des eigenen Seins in das höchste 
Eine findet. Diese unmittelbare Erfahrung Gottes — das Gotteinungserlebnis — meist 
durch ein langes, Dornen besätes Leben vorbereitet und als Gnade erwirkt, ja wie es 
oft heißt „erzwungen“ — bedeutet dann das Aufhören des schmerzhaften Dualismus 
von Körper und Geist, von Ich und Du, von Subjekt und Objekt und findet statt in den 
Rauschzuständen der Ekstase und Verzückung. „Ich aber lobe mir die Abgeschieden¬ 
heit vor aller M i n n e“, sagt im Gegensatz zu diesem leidenschaftlichen Frömmig¬ 
keitsleben Meister Eckehart. Er deutet also Selbst an, daß die seiner theoretischen 
„Unendlichkeitsmystik“ entgegengesetzte Richtung der „personalen Gottesmystik“ *) 
in Analogie zu erotischen Lebensformen zu setzen ist. Die erotische Begriffs- und 
Symbolwelt erfüllt denn auch fast ausschließlich die sogenannte „Brautmystik“ der 
Nonnen, die an Stelle des unpersönlichen Gottesbegriffs der Philosophen die lebendige 
durch die Überlieferung und Phantasie bis ins Kleinste gezeichnete Gestalt Jesu ge¬ 
setzt hat, nach dessen Kuß und Umarmung die Nonnenbraut sich unaufhörlich sehnt 

Für die erotisch gefärbte Vorstellungswelt der Nonne seien einige Beispiele ge¬ 
geben. Man verwirft ein längeres Leben, denn „mein Herz hat ein so groß Sehnen 
nach ihm, ich mag ihn nicht länger entbehren“ (S. 290). Schwester Beli von Sure in 
Töß hatte „allzeit ein süßes minnereiches Herz ... sie brannte in göttlicher Liebe... 
unser Herre hatte sie mit sein zarten Trost lieblich verwöhnt . . . daß sie Leid nie¬ 
mals klagte, sondern ging zu ihrem einzigen Lieb, von dem sie in Lieb und Leid er- 
getzt ward ... Ihr Leben war recht überfließend vor Minne und Süße. Etwann weinte 
sie so herzlich“ und auf Befragen „war es nichts andres als Sehnsucht nach Gott“. 
Kurz vor ihrem Tode lag sie lange krank, „redete voll Süße von tiott und es erglühte 
ihr Antlitz wie eine Rose“. Als sie in solchem „Liebesschmachten“ lag, führte man 
einen guten Arzt zu ihr, der sprach: „sie hätte keine Krankheit, als daß ihr Herz er¬ 
griffen sei von einer übermäßigen Liebe. Sie mochte wohl sprechen: Ich sieche in 
der Minne meines Herrn Jesu Christi mit willigem Schmerz“ (S. 126, 177). — Als 
Engeltal Kloster wurde, wählte man eine Priorin mit „brennendem Herzen“ (S. 272). 
Ein Kind im Kloster „blühte wie eine Himmelsro 9 e in allen Tugenden und brannte wie 
eine Fackel in der Minne Gottes“ (S. 272). Die Gegenliebe Jesu wird durch den Weg 
der „unmenschlich schönen“ Harfnerin Hailrat verkündet: Ich habe dich geminnt in 
ewiger Minne; darum habe ich dich zu mir gezogen in meiner Barmherzigkeit.“ Zu 
den pathologischen greifbaren Zuständen gehört die Bemerkung, daß der Konvent, als 
er dies hörte „ward sinnelos und sie fielen nieder wie die Toten und lagen also“ . . . 

So werden in immer neuen Abwandlungen die konkreten Bilder der weltlichen 
Liebespoesie in das Kloster- und Nonnenleben mit hineingetragen. Es ist aus 
Pfisters Abhandlung „Uber Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner 2 )“ bekannt, 
wie sich das Phantasieleben ausdehnt auf Maria und die jungfräuliche Geburt: „und 
sie erkannte auch klar, wie das ewige Wort zu Fleisch geworden war in der Magd 
Leib (S. 225)“, wie sämtliche Phasen der Schwangerschaft nacherlebt werden, wie das 
Säugendürfen des Jesuskindlein ersehnt wird und eine Nonne andrerseits „einen herz¬ 
lichen Jammer darnach hatte, daß ihr ein Tröpflein von der Milch zuteil werde, die 
unsrer Frau entfiel, da sie unsern Herrn säugte“. 

Hatte noch Bernhard von Clairveaux, der erste glühende Verkünder der am 
Hohen Lied genährten Jesusmystik die „geistliche Minne“ als Analogie zur weltlichen, 
vielleicht als eine willensmäßige Höherschichtung des leiblich-seelischen Eros in die 

*) Begriffe der vergleichenden Religionspsychologie. Auf Grund von Heiler: 
„Das Gebet usw.“ S. 26. 

2 ) Zentralbl. f. Psa. Bd. I. 1920. Wiederabdruck in ,,Zum Kampf um die Ana¬ 
lyse“. Zürich 1920, S. 212 ff. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


151 


Sphären des rein Geistigen erfaßt, so vermischen sich in der Nonnenmystik, die in 
diesem Falle Bernhards Lieder und Seuses, seines Nachfolgers, vorleuchtendes Bei¬ 
spiel 3 ) bis zur reinsten Konsequenz durchsetzen will, die Sphären reiner Erotik und 
an das Leibliche gebundener Sexualität, die der Psychoanalytiker oder Psychiater in 
ihren Differenzierungen fachbegrifflich festlegen mag. Hier seien nur einige willkür¬ 
lich ausgewählte Belege für das hemmungslose Durchbrechen des gestauten und 
verdrängten Sexualtriebes angeführt, das sich in rein pathologischen Zuständen kund¬ 
gibt. Es liegt in diesen einfachen Seelen, denen gewiß nicht in der Tragik ihres 
Kampfes ein Zug der Größe abgesprochen werden soll, die Unmöglichkeit vor, die 
Stofflichkeit des „schmählichen“ Leibes, der nur als wertlose Seelenhülle geschaut wird, 
zu überwinden und seine wertschaff enden Triebkräfte rein und dauernd in die Sphären 
der künstlerisch-religiösen Geistigkeit hinüberzuführen. Solches gelang nur den ganz 
großen religiösen Persönlichkeiten, wie sie die mittelalterliche Mystik genannt und 
ungenannt — nur in der Werkleistung verewigt — (die gotischen Maler und Bau¬ 
künstler) in großer Zahl aufweist. Auch die vorliegenden Chroniken zeugen von dem 
ungemein starken Willen der mittelalterlichen Menschen zum Geist» aber die Geburt 
dieses Willens aus der Not des Leibes offenbart sich nirgends besser, als in den naiven 
Selbstzeugnissen der Tößer und Engeltaler Nonnen. 

So ward bei einer Vision des nackten Christkinds einer Nonne „Herz brennend 
und sie gedachte: Und hätt ich dich, äß ich dich auf vor Liebe“ (S. 313). „Abends 
nach Tisch, wenn sie in den Garten ging und etwa von den Schwestern ein süßes 
Wort über unsern Herrn hörte, kam sie von sich selber und sprang immer von einem 
Baum zum andern und drückte die Bäume an ihr Herz. Als man sie dann fragte, 
was sie damit meinte, sprach sie: Da ist mir recht als ob jeder Baum unser Herre 
Jesus Christus sei. Wenn sie dann in das Schlafhaus ging, sprach sie: Ach lieber 
Herre Jesus Christus, gehen wir miteinander den Berg da hinauf“ (S. 381 f.). Eine 
andre Nonne „begehrte mit herzlich minnender Begier, daß ihr ganzer Leib gemartert 
werde, dem süßen Kindlein zu Dienst, daß ihre Haut abgezogen werde, unserm Herrn 
zu einer Windel, . . . daß ihr Mark gepulvert werde, unserm Herrn zu einem Müslein 
iisw.“ (S. 191). „Durch die Überkraft des brennenden Schmerzes, den ihr Herz trug, 
konnte es geschehen, daß er hinausw r allte und ausschlug in Hände und Füße . . . . 
daß ihr dabei aber nur der durchschneidende Schmerz, den ihr Herz trug, gegeben 
wurde, das soll niemand wähnen; denn der mit seinem göttlichen Herzen ihr Herz 
leiblich verwundet hatte, der verwendete auch ihr Gemüt geistlich mit der brennenden 
Hitze seiner göttlichen Minne; und je größer der leibliche Schmerz ihres Herzens war, 
desto stärker und inbrünstiger war auch geistlich die Minnebewegung ihres Gemüts; 
und also hatte sie ein stetes Einfließen in den Ursprung, von dannen sie geflossen 
war.“ (Hier also ein besonders deutliches Beispiel, wie ein spekulativer Lehrgedanke, 
das Auslließen des Christus-Logos aus Gott, auf körperliche Empfindungen übertragen 
und als solche erlebt wird.) 

Mit dieser Beispielsauswahl soll nun keinesfalls — wie schon angedeutet — der 
Anschein erweckt werden, als ob mit einer Aufdeckung und Ausdeutung der sexuellen 
Einwirkungen, mit dem Erklären der religiösen Erotik als eine mehr oder minder ge¬ 
lungene Sublimierung des Sexualtriebes das geistesgeschichtliche Problem der Mystik 
irgendwie erschöpft oder gar gewertet werden könnte. Darin ist Margarethe Wein- 
handl, gegen deren die erotische Frage betreffenden Ausführungen die zitierten Bei¬ 
spiele angeführt wurden, unbedingt zuzustimmen. Für die mittelalterliche Frauen- 
mystik ist von psychoanalytischer Seite das Leben der Margaretha Ebner, einer 
fränkischen Zeitgenossin unsrer Nonnen, symptomatisch untersucht worden. Es ist 
aber eine unhaltbare Einseitigkeit, wenn sich die psychoanalytische Methode bei der 
Betrachtung kulturgeschichtlicher Erscheinungen mit einer reinen Seelenanalyse be¬ 
gnügt, ohne eine gleichzeitige detaillierte Zeitanalyse vorzuru'hmen, die die Einwir¬ 
kungen der gesamten Umwelt auf die von einer geistigen Strömung erfaßte Seele in 
4ie Untersuchung einbezieht. Die sexuologische Geschichtsauffassung, die von Pfister 
sehr knapp in den Worten begrifflicht ist: „Ohne Triebstauungen und -Verdrängungen 
kann kein höherer Altruismus, geschweige denn Kunst, Religion, Philosophie in» 
Leben treten“ *). weist damit, ganz analog dem folgerichtigen historischen Materialis¬ 
mus von Marx, den geistigen Werten den untergeordneten Platz eines „ideologischen 
Oberbaus“ an. Ein Brückenschlag zu den Methoden dar Geisteswissenschaften ist 
mit einer solchen Formel in dem Augenblick unmöglich gemacht, wo ein solcher bloße* 
Erklärungsversuch der genetisch-psychologischen Ursache zu einer Gesamtwertung 

*) Siehe das Leben der Elsbeth Stagel im Vorwort der Chronik von Töß. 

*) a. a. 0. S. 3*0. 


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152 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


einer kulturellen Erscheinung kommt und Ergebnisse aufstellt wie: „Aus allem ergibt 
sich, daß die religiöse Erotik einfach (!) die sinnlichen Begierden ausloben laßt** —, 
die schließlich zur Endbeurteilung einer ,»ethischen Minderwertigkeit“ des gesamten 
geistesgeschichtlichen Phänomens führen 2 ). Die Kulturwissenschaft will gar nicht die 
Kultur-Zusammenhänge aus letzten Ursachen erklären, sondern die sinngebenden 
Faktoren des geistigen und sozialen Lebens in der Mannigfaltigkeit lind Fülle 
ihres Nebeneinanderwaltens und Ineinandergreifens als treibende Kräfte der ge¬ 
schichtlichen Entwicklung aufsuchen. Diese Sinn Zusammenhänge manifestieren sich 
in der Einzelseele, aber immer ist diese als eingelagert in eine geistig-seelische Kultur 
zu betrachten, die uns wieder in einem bestimmten Entwicklungsprozeß begriffen 
entgegentritt. So bedingen sich Kultur und Einzelseele wechselseitig. Die Bedeutung 
des sexuellen Faktors als kulturwirksames Element ist allerdings in der bisherigen 
reinen Geisteswissenschaft stark unterschätzt worden. Seine Bedeutung für die 

psychischen Grundlagen der religiösen und künstlerischen Kultur kann nicht mehr ab¬ 
gestritten werden und ist in etwa dem wirtschaftlichen Faktor gleichzusetzen. Auch 
die moderne vergleichende Heligionsforschung verschließt sich dieser Erkenntnis nicht 
mehr ganz und Heiler in seiner religionspsychologischen Studie über das Gebet sagt: 
„Es ist unzweifelhaft, daß in der Mystik der Geschlechts trieb mit im Spiele ist“ *). 
Der methodische Unterschied beider Geschichtsbetrachtungen wird gut beleuchtet durch 
die Verschiedenheit des Verfahrens beim Ergreifen des geschichtlichen Stoffes. Die 
Geisteswissenschaft kennzeichnet eine Bewegung nach ihren Höhepunkten und den 
Leistungen der großen Vertreter, die einem in der Idee der Bewegung liegenden Idealtyp 
nahekommen; der sexuologiseh eingestellte Kulturforscher untersucht dagegen die Ver¬ 
falls- und Dekadenzerscheinungen auf ihre materiellen Ursachen hin. Während nun 
der Sexuologe die in der Verfallszeit durchbrechenden Kräfte als latent, aber ent¬ 
scheidend wirksam bereits beim Zustandekommen der geistigen Hochleistungen an¬ 
nimmt, kommt der reine Geisteswissenschaftler zum umgekehrten Ergebnis und be¬ 
trachtet sie als die Folge einer überspannten, aber kulturell grundlegenden geistigen 
(in unserm Falle religiösen) Idee. Die Sexualforschung kommt auf diese Weise zu 
keiner richtigen Würdigung der geistigen (etwa theoretischen, künstlerischen, poli¬ 
tischen) Leistungen, für deren Wert es gleichgültig ist, auf welche Grundfaktoren 
psychophysiologischer Art sie sich aufbauen; die Geisteswissenschaft beobachtet ihrer¬ 
seits viel zu wenig die große Bedeutung der sexuellen Mit- und Unterströmungen der 
Kulturpsyche und ihrer geistigen Leistungen. Der in diesem Sinne einseitigen Ein¬ 
stellung Margarethe Weinhandls gegenüber sei versucht, den „mystischen Eros“, der 
die Intensivierung der spätmittelalterlichen Frömmigkeit mitsamt ihren kulturellen Aus¬ 
wirkungen herbeifüllrte, als ein Eindringen persönlicher sexueller Triebkräfte in die 
christliche Liebesidee anzusehen, ln der Kunst und Philosophie schuf er die großen 
Leistungen der Gotik, im Nonnenleben beobachten wir jenen eigenartigen, tragischen 
Kampf beider Elemente mit den. verschiedenartigsten Ergebnissen. In den Sekten der # 
„Brüder vom freien Geiste“ wirkt sich der mystische Eros durch freie Bejahung der 
sinnlichen Welt in ein orgastisches Kulttreiben aus, das auf der Stufe des primitiven 
Kultsexualismus steht. 

All diese Dinge wertet Margarethe Weinhandl in der 120 Seiten starken Ein¬ 
leitung nicht in ihrer richtigen Bedeutung. Durch die katholische Grundeinstellung 
verbindet sie mit sexuellen Faktoren ein negatives, das Geistige in den Staub ziehendes 
Wertgefühl. So weist sie denn die Annahme einer psychischen Massenerkrankung 
und einer widernatürlichen Form von Erotik (Pfister) entrüstet zurück und führt den 
indirekten Beweis: „Wäre es so. warum trägt denn dieser faule, ungesunde Morast¬ 
boden so tausendfältig edle Kernfrucht? 4 ' — Das Rüstzeug zur psychologischen Er¬ 
kenntnis des mystischen Gnaden- und Gotteinungs-Erlebnisses entnimmt sie der 
Philosophie Hehmkes, auf der überhaupt die ganze einleitende Darstellung auf¬ 
gebaut ist. Rehmke bestreitet der Psychoanalyse gegenüber die Annahme eines Unter¬ 
bewußtseins und der Bewußtseinsstufen. „In Wahrheit hat die Seele .... nur mehr 
oder minder deutlich bemerkte Wahrnehmungen und Vorstellungen, Gedanken und 
Zustände“ (S. 100). So kommt W. zu dem Ergebnis, „daß die Vision nicht in die 
Kategorien des »Träumens in halbwachem Zustand 4 oder der Illusion oder der Hallu¬ 
zination u. a. eingereiht werden darf, denn es kann sich, wie bei der indischen Yoga¬ 
praxis oder bei okkultem Phänomen, um ganz andre, noch völlig unübersehbare 
psychische Zusammenhänge und Möglichkeiten handeln; vielleicht auch um ganz 
andere Gehirnvorgänge“. — „Was war es nun, was das religiöse Leben der deutschen 

S. 240/41 a. a. 0. 

; ‘j a. a. O. S. :134. 


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Sexualwissenschaftliche Rundschau. 


163 


Frau zu solchen: Reichtum steigerte, was trieb sie aus ihrem Urbereiche, der Familie, 
in Klöster und Beghinenhäuser, um dort in Härte und Entbehrung ihres Leibes mächtig, 
ihrer Seele inne und Gottes hier schon gewiß zu werden?“ — „Wirtschaftliche Not¬ 
lage, Ehelosigkeit, Unbefriedigung, Suggestion, krankhafte Überspannung, Hysterie“, all 
das erkennt W. nur als bedingende, nicht als bestimmende Faktoren an. Die be¬ 
stimmende Ursache für den Ausbruch und die Gestaltungsformen) der mittelalterlichen 
Frauenmystik ist der religiöse Impuls, ist „der gewaltige, unerschütterliche Heiligungs¬ 
wille“, das ergreifende Um-Gott-Ringen des mittelalterlichen Menschen. 

Im übrigen aber gibt die Einleitung, die vor allem Tatsachenbeschreibung unter 
Heranziehung reichen quellenmäßigen Materials aus anderen selbstredlenden Zeugnissen 
sich zum Ziel setzt, ein prachtvolles Bild des Ubungs-, Andacht»- und Gnadenlebens 
der Nonne unter eingehender Berücksichtigung ihrer materiellen und konventionellen 
Umwelt. Die Darstellung ist auf absoluter wissenschaftlicher Höhe und dringt in die 
schwierigen Probleme mittelalterlicher Philosophie, die der Mystik zugrunde liegen, mit 
überlegener Sachkenntnis ein. Die von der Liebe zum Stoff beschwingte Stilführung 
umgeht dke gelehrte Begriffssprache und setzt so ein ebenbürtiges Werk neben die 
beiden Chroniken,, die trotz oder vielleicht gerade wegen der kunstlosen naiven Er- 
zählungsait, über der oft ein Stück Märchen- oder Volksliedton liegt, einen tiefen Ein¬ 
druck hinteriassen. 


Sexualwissenschaftliche Rundschau. 

Die Gefahren der Beschneidung. 

In seinen „Chirurgischen Ratschlägen für den Praktiker“ (D. med. Woch. 1922, 
Nr. 25) warnt Prof. Dr. G. Ledderhose (München) vor der rituellen Be¬ 
schneidung, da sie „nicht ganz selten durch Infektion oder Blutung den Tod ver¬ 
ursacht hat und da in zahlreichen Fällen durch! Ansaugan des Peni9 mit dem Munde 
zwecks Blutstillung Übertragung von Tuberkulose und Syphilis beobachtet wurde“. 
Franz König, der selbst in zwei Jahren drei Todesfälle nach der rituellen Be J 
schneidung sah, zwei durch phlegmonöses Erysipel, einen durch Blutung, schreibt: 
„W r ir halten es für die Pflicht eines jeden Arztes, gegen die rituelle Beschneidung in 
jedem Falle Einspruch zu erheben.“ 

Kettenhandel in Hoden. 

Ein Zeichen der Zeit teilt Rosenthal („Med. Klinik“ 1922^12) mit, der den 
jetzt nicht so seltenen Hodenüberpflanzungen sittliche Bedenken entgegen¬ 
setzt, weil dadurch der Spender u. U. geschädigt werden könne und weil es sich um 
einen Körperteil handele, dessen Ausscheidungen der Arzt eigentlich seinem Träger zu 
erhallen die Verpflichtung hat. R. berichtet, daß in Berlin nicht nur junge Männer 
ihre Hoden um Geld verkaufen, er erwähnt auch einen Fall von Ketten¬ 
handel, in dem sich ein Minderjähriger, dem der Vater diesen Handel erlaubte, 
darüber beklagte, daß der Käufer, der ihm 200 Mk. gegeben habe, seinen Hoden um 
500 Mk. Weiterverkauf! habe. (Die Umschau 1922, S. 381.) 

Homosexualität und Hypnose. 

In Nr. 14, 1922, der „Klinischen Wochenschrift“ berichtet der Breslauer Nerven¬ 
arzt Dr. Lange über die Anwendungsmogiichkeit der Hypnose zur Beeinflussung von 
körperlichen und seelischen Leiden. Der Aufsatz enthält folgenden Abschnitt: 

„Bei Homosexualität sollte — sofern wirklich der dringende Wunsch des 
Patienten vorliegt, sein Triebleben in normale Bahnen gelenkt zu sehen — stets der Ver¬ 
such einer Hypnosebehandlung gemacht werden. (Zahlreiche, alterfahrene Hypnotherapeuten 
berichten immer wieder von günstigen Ergebnissen.) Die therapeutische Aufgabe ist hier 
besonders heikel und kompliziert. Zunächst handelt es sich darum, eine Art indifferentes 
sexuelles Gleichgewicht herzustellen. Je näher diesem letzteren die abnorme Sexualität 
von vornherein liegt, desto leichter ist verhältnismäßig die Behandlung, desto berechtigter 
die Hoffnung auf Erfolg. Bei den Invertierten liegt das sexuelle Empfinden in der falschen 
Richtung so weit von jenem indifferenten Punkt entfernt, daß die Aussichten sehr gering 
£eit*4-br. f. Sexnalwiaaenarhaft IX. 5. 11 


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Bücherbesprechungen. 


sind. Aber die perverse Libido dürfte sich durch eine genügend intensive Hypnose- 
behandlong sehr zurückdämmen und für den Betreffenden so eine erträgliche Situation 
hersteilen lassen.“ 


Bibliothek für populäre Vorträge. 

Der Reichsausschuß für hygienische Volksbelehrung hat eine Leih¬ 
bibliothek für Vortragende errichtet, um deren Bedürfnissen, besonders in Orten 
ohne größere Bibliotheken, zu genügen. Dank dem Entgegenkommen verschiedener Ver¬ 
leger (B. G. Teubner-Leipzig, Hirzei-Leipzig u. a.), ferner zahlreicher Autoren, darunter 
auch Ausländer, die einschlägige Werke oder Sonderabzüge sandten, ist diese Bibliothek 
schon beachtenswert geworden. Freilich bedarf sie ständigen weiteren Zuwachses, wenn 
sie ihrem ausgedehnten Zweck gerecht werden soll. 

Es ergeht daher die Bitte an alle Autoren, die über Hygiene oder ihr naheliegende 
Gebiete (allgemeine Pathologie und allgemeine Therapie, Physiologie, Immunologie, Kon¬ 
stitution und Vererbungs-Lehre, sexuelle Erziehung, sozihle Für¬ 
sorg e u. a.) arbeiten, Sonderabzüge möglichst in doppelter Zahl an den Reichsausschuß 
(Dresden-A., Ministerium des Innern, IV. Abtlg., Schloßstraße, ehemaliges Königliches 
Schloß) senden zu wollen; diese Bitte des Reichsausschusses ist übrigens durch Rund¬ 
schreiben des Reichsministers des Innern an die zuständigen Stellen (Universitäten, 
Techn. Hochschulen, Medizinalämter, Wohlfahrtsstellen u. a.) befürwortet worden. 

Zur Erforschung der Sexualentwicklung des Kindes 

nach seiner körperlichen und seelischen Seite hin hat sich das Institut für Sexualwissen¬ 
schaft in Berlin und das Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie, Abteilung 
des Leipziger Lehrervereins, zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigt. Es soll hier mit 
Hilfe spezifisch medizinischer, dort vorwiegend mit Hilfe psychologischer Methoden das 
bisher noch sehr ungeklärte Problem der kindlichen Sexualität bearbeitet werden. 


Bücherbesprechungen. 

1) Straßmann, F.: Der menschliche Samen In der gerichtlichen Medizin. Bonn 1922. 

A. Marcus & E. Webers Verlag. 37 8. mit 4 Abb. im Text 22 Mk., Vorzugspreis 16.50 Mk. 

Von Geh. Medizinalrat Prof. Dr. C. Pos ner. 

An den Nachweis des Vorhandenseins und der Tauglichkeit des menschlichen 
Samens schließen sich viele Fragen, allgemeiner und besonders gerichtsärztlicher 
Natur; Geschlechtsbestimmung, Zeugungsfähigkeit, Sittlichkeitsverbrechen kommen in 
Betracht. Straßmann entwickelt aus dem großen Schatze seiner Erfahrung nicht 
bloß die wesentlichsten Gesichtspunkte und Untersuchungsmethoden, sondern belebt 
die Darstellung durch eine erhebliche Zahl von Gutachten über strittige Fälle. — Seine 
Arbeit zerfällt in zwei Abschnitte: im ersten handelt er vom Nachweis der ZeugungSr 
fähigkeit, im zweiten wird die Feststellung von Sittlichkeitsverbrechen besprochen. 
Zugrunde gelegt sind das reiche Wissen und die vorsichtig-abwägende Kritik, die uns 
aus allen früheren Publikationen des Verfassers auf das vorteilhafteste bekannt ist. 

Insbesondere in der Frage der Zeugungsfähigkeit steht Straßmann auf einem 
Standpunkt, der von allen, die ärztlich und gutachtlich mit dieser, uns heut besonders 
nahe angehenden Angelegenheit sich zu beschäftigen haben, rückhaltlos geteilt wird: 
er legt den entscheidenden Wert auf den Nachweis des Fehlens oder Vorhandenseins 
von Spermien im Ejakulat — allen anscheinenden Mißbildungen derselben, allen Er¬ 
scheinungen einer Oligo- oder Asthenospermie steht er zweifelnd gegenüber. Die 
Nekrospermie hätte vielleicht eine noch eingehendere Würdigung verdient — nicht nur 
das betonte Fehlen des Prostatasaftes, sondern auch dessen pathologische Verände¬ 
rungen (namentlich Eiterung) können diesen Zustand bewirken, und es muß daher gut¬ 
achtlich auf die etwaige Erkrankung der Vorsteherdrüse größtes Gewicht gelegt werden. 
Gern hätte Ref. eine bestimmtere Stellungnahme gegenüber der Frage gesehen, ob eine 
einmal eingetretene und mehrere Monate bestehende Obliterations-Azoospermie auf 
gonorrhoischer Grundlage noch heilbar ist. Verf. drückt sich auch in dieser Hinsicht 
sehr vorsichtig aus, während es wünschenswert gewesen wäre, daß seine Autorität 


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Bücher besprach ungen. 


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hier eine recht deutliche Grundlage für die Bewertung der ärztlichen Gutachten ge¬ 
schaffen hätte! Daß manche Fälle, in denen gefragt wird, ob vor einer größeren Reihe 
von Jahren Zeugungsunfähigkeit bestanden hat — es handelt sich natürlich immer um 
Alimentationsprozesse —» nur bis zu einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrade ent¬ 
schieden werden können, wird jeder, der sich mit diesen Dingen zu beschäftigen hat, 
zugeben. — Beachtenswert ist, daß Verf. der vielfach angeschuldigten Syphilis» eine 
deletäre Einwirkung auf die Samentauglichkeit abspricht — im Gegensatz zu der An¬ 
nahme, die in Laienkreisen viel verbreitet ist, aber, wie auch Ref. stets betont, jeder 
Begründung entbehrt, wenn nicht örtliche* Veränderungen in den Hoden selbst vor¬ 
liegen. Ein Auszug aus 20 Gutachten erörtert in klarster Darstellung die oft sehr 
großen Schwierigkeiten bei der Beurteilung strittiger Fälle und die Stellungnahme, die 
der Sachverständige einzunehmen hat. 

Der Abschnitt über den Nachweis von Sittlichkeitsverbrechen ist etwas kürzer 
ausgefallen; besonders lehrreich sind hier die Anleitungen zum mikroskopischen Nach¬ 
weis der Samenfäden in Kleidungsstücken (Färbung nach Baecchi); zwei inter¬ 
essante Fälle werden eingehender besprochen — der erste, in dem ein Zahnarzt be¬ 
schuldigt war. sich an einer narkotisierten Patientin vergangen zu haben, gibt eine 
traurige Illustration dazu, wie leicht durch hysterische Täuschungen und ungenügende 
Nachforschungen sich ein schwerer Verdacht erheben kann, und mahnt auch heut 
noch zur Vorsicht; solche Ungeheuerlichkeiten in der Behandlung eines sachverstän¬ 
digen Gutachtens, wie sie Str. hier mitteilt, w r erden freilich stets zu seltenen Ausnahme¬ 
fällen zählen. 

Die an Anregungen reiche Schrift wird von allen, die zu dem Thema Stellung 
zu nehmen genötigt sind, mit größtem Nutzen gelesen werden. 

-) Dehnow, Fritz: Sittlichkettsdelikte und Strafrechtsreform. Stuttgart 1022. 
Julius Püttmann,. Verlagsbuchhandl. 22 S.' 10 Mk. 

Von Oberlandesgerichtsrat Dr. jur. u. phil. Bovensiepen. 

Die Schrift stellt sich als eine unerhört scharfe, alle bisherige Kritik weit über- 
bictende Anklageschrift gegen die heutige Sexualjuristik und den sie verkörpernden 
Ungeist der neuen deutschen Strafgesetzentwürfe der Jahre 1013 und 1910 dar. Tn 
sehr vielen seiner Ausführungen müssen wir dem ungemein temperamentvollen Ver¬ 
fasser durchaus beipflichten, so insbesondere, wenn er programmatisch erklärt, daß 
das Sexualstrafrecht im Laufe der Geschichte eine ständig fortschreitende Einschrän¬ 
kung erfahren habe und daß das Strafrecht überhaupt zugunsten vorbeugender Ma߬ 
nahmen: Sicherungsgewahrsam gemeingefährlicher, insbesondere geisteskranker Ver¬ 
brecher, Trinkerfürsorge. Aufenthaltsbeschränkung und Jugendfürsorge — in der Rück¬ 
bildung begriffen sei. Durchaus richtig ist es ferner, wenn der Verfasser fordert, der 
Staat solle die Gesundung des Sexuallebens als eine zentrale Kulturaufgabe erkennen 
und mehr biologische als politische Ziele verfolgen. Mit Recht auch verlangt er, daß 
der Staat für eine naturgemäße und gesunde Ausübung der Geschlechtsfunktionen Für 
sorge trage. Als Übertreibung müssen wür es freilich ablehnen, wenn Dehnow 
von den gellenden Sexual Strafgesetzen, die die neuen Entwürfe im wesentlichen bei- 
behalten, ja in vielen Stücken noch verschärfen wollen, erklärt „sie haben unerme߬ 
lich vieles Unglück auf ihr Gewissen geladen, ungezählte, ordentliche, ehrliche und 
arbeitsame Menschen bedroht' und vernichtet" (S. 17) und weiter, wenn er in den 
Ausruf ausbricht „selbst von den Besten und Gesündesten haben wohl sehr viele, 
wrenn sie sich nur recht erinnern wollen, das eine und das andere Mal in ihrem 
Leben gegen die geltenden Sexualgesetze gehandelt" (S. 18). Mit derartigen Über¬ 
treibungen schadet man nur einer an sich guten und gesunden Sache, nämlich der 
Bekämpfung des kritiklosen Klebens des Gesetzgebers an zum großen Teil veralteten 
Vorurteilen des Volkes auf dem Gebiete des Sexuallebens. Den Einzelforderungen 
les Verf. wird man im großen und ganzen zustimmen können, insbesondere seiner 
charfen Zurückweisung der fast allenthalben von den Entwürfen vorgeschlagenen 
/anz erheblichen Erhöhung der Strafrahmen. Trefflich ist seine alles Wesentliche 
knapp zusammen fassende Bekämpfung des § 175 RStrGB. Alles in allem: auf wenig 
Blättern eine höchst beachtenswerte Leistung. 

3) Bab, Julius: „Fortilibras 44 oder der Kampf des 19. Jahrhunderts mit dem Geiste 
der Romantik. 2. Auflage. Berlin 1921. Oesterheld & Co. 40 Mk. 

Von oand. phil. Richard Samuel. 

Ein Buch, seiner Aufgabe nach von ganz anderer Art als die Arbeiten, die an 
dieser Stelle besprochen zu werden pflegen; aber infolge der allgemein-geistigen Grund- 

11 * 


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156 Bücherbesprechungen. 


läge seiner Untersuchungen auch den Sexual-Historiker und -Psychologen ungemein an¬ 
regend. Bab stellt in seiner gewandten, leichtfaßlichen Art zwei bestimmte seelische Grand- 
typen einander gegenüber, deren künstlerische Äußerungen er durch das 19. Jahrhundert 
hindurch verfolgt. Der Realist steht gegen den Romantiker. Romantik und Realismus 
sind, losgelöst von zeitlich bedingten und individuell begrenzten Einzelströmungen, zu 
Allgemeinbegriffen geworden, die einen immerwährenden offenen und heimlichen Kampf 
gegeneinander führen, der sich nicht nur in Schrifttum und Kunst äußert, sondern sich 
bis in die letzten weltanschaulichen Regungen hinein erstreckt und auch zwei typisch 
gegensätzliche Ausprägungen erotischen Lebens in sich trägt. Diese besondere Seite betont 
Bab nur hin und wieder; sie drängt sich aber bei den feinen Schilderungen der seelischen 
Struktur beider Kulturbewegungen, insbesondere bei der Gegenüberstellung der beiden 
Hauptgestalten Goethe und Novalis, immer wieder auf. Symbole seines antinomischen 
Menschenpaares findet B. in Shakespeares faustischer Tragödie. Hamlet ist der erste 
Romantiker. „Tiefsinnig, unglücklich, bedenkend und tatlos, zynisch und schwärmerisch; 
die Welt, das Sein, jedes Tun wird dieser Seele zum unentwirrbaren Problem; sic sieht 
nur die Frage und in jeder Antwort neue Fragen. Dieser Typus findet Erfüllung orst 
im Jenseits, sein Denken ist transzendent und erdabgewandt gestimmt. Er leidet unter 
der Wirklichkeit, die sich nicht mit der Idee deckt, und anstatt, daß das Ideal sich an 
der Wirklichkeit gestaltet, wie bei dem Gegentypus, mißt er die Wirklichkeit am Ideal. 
Der romantische Mensch ist im Innersten religiös fundiert. Ihm tritt gegenüber, in 
klirrendem Panzer, Fortinbras, das Symbol des Helden und Tatmenschen. Er ist jenem 
Typus zugeordnet, der nicht fragt und bedenkt, der tut und nimmt. „Das Bild des 
wirklichen, wirkenden Menschen . . . der keinen Willen hat als den, das Geschäft zu 
wirken, zu dem er auf der Welt ist, der keinen Befehl vernimmt als den, die Kraft aus¬ 
zuwirken, die ihn erfüllte 

Daß Romantik sich nicht auf jene Spätrokoko-Biedermeierzeit von 1797—1830 be¬ 
schränken läßt, weiß jedermann. Was aber das Besondere an Babs Buch ist, ist die neue 
Gruppierung der Geistesgeschichte im 19. Jahrhundert, das allgemein als durch und durch 
antiromantisch gilt. B. legt verborgene geistige Strömungen im 19. Jahrhundert bloß, 
die es in einen wogenden Rhythmus von romantischen und realistischen Wellenkreiseu 
versetzen, die gegeneinander und ineinander strömen, sich an Höhepunkten reiben, iin 
Sande verlaufen und an anderen Stellen neu hervorsickern und zu mächtigen Seen sich 
stauen. Am interessantesten ist die Einordnung der gemeinhin als „naturalistisch“ ge¬ 
zeichneten Gestaltenreihe Hauptmann—Ibsen—Strindberg—Dostojewsky in die romantische 
Sphäre, die sich gerade im Russentum in seinen äußersten Möglichkeiten erfüllt. „Der 
Eintritt Rußlands in die Arbeitsgemeinschaft des europäischen Geistes führt zu dem reinsten 
Triumph der Romantik und der tiefsten Renaissance des christlichen Geistes, der in unseren 
Tagen überhaupt noch möglich war.“ Aber Hauptmann gegenüber steht Hebbel, Björnson 
kämpft gegen Ibsen, in Frankreich Zola wider Flaubert, und dieser Realismus des wirkenden 
Werkes setzt sich nach Bab im 20. Jahrhundert durch in den typischen Vertretern Shaw, 
Verhaeren und Dehmel fort. 

Man sieht: Bab wertet stark in seinem Buch; es liegt ihm eine bestimmte 
Tendenz zugrunde. Der symbolische Name „Fortinbras“ soll ein Fanal, ein Bauner 
sein. Er will den neuen Geistesströmen eine feste Richtung geben: Zusammenhang 
mit der Wirklichkeit, Blickrichtung auf die realen Möglichkeiten des Lebens, Männ¬ 
lichkeit, Tathaftigkeit. Das Buch ist antiromantisch gedacht (wenn auch die Romantik 
feinempfunden und verstanden und ihr in ihrem reinsten Typus Novalis mit inniger 
Wärme Ausdruck verliehen wird); dem Geiste Hamlets wird das Ende geweissagt. „Ent¬ 
fesselung der Kräfte, das ist im erotischen Wie im weitesten sozialen Kreise die große 
erdgläubig schaffensfrohe Parole wider die Romantik“. Es fragt sich, ob ein Blick in 
das Chaos gegenwärtigen Geistes- uud Seelenlebens Bab recht gibt! Ist nicht gerade 
heute jener klaffende Seelengegensatz, mit dem Bab so geschickt und ohne einseitig zu 
werden arbeitet (die Methode ist alt: Schlegel arbeitete mit den Begriffen antik und modern, 
Schiller mit naiv und sentimental, Nietzsche mit appollinisch und dionysisch, und heute 
spricht man von klassisch und gotisch [faustisch-magisch], sieht den welterleideuden und 
weltgostaltenden Typus, sucht Erdteile, Völker, Rassen und Religionen damit schlagartig zu 
zeichnen) — ist er nicht heuto besonders fühlbar, und weiß nicht jeder Seelenkundige, 
daß die Hamlets noch lange nicht ausgestorben sind? 


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Referate. 


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Selbstanzeige. 

Koch, Walter: Über die russisch - ramUnlsche Kastratensekte der Skopzen. 

Jena 1921. Gustav Fischer. Mit 33 Abbild, auf 12 Tafeln. 

Gelegentlich der deutschen Okkupation Rumäniens wurden vom Verfasser 10 Skopzen 
untersucht, photographiert, gemessen und von Schädel und Extremitäten wurden Röntgen¬ 
aufnahmen angefertigt. Sämtliche Skopzen befanden sich schon in höherem Alter 
(50—74 Jahre). Es konnten im allgemeinen die Untersuchungsergebnisse von Tandler 
und Groß bestätigt werden. An Stelle der von diesen Autoren aufgestellten 2 Typen 
mit Riesenwuchs und Fettwuchs unterscheidet Verfasser 3 Typen: I. Annähernd gewöhn¬ 
licher Typ von hagerer bis mittelgroßer Statur mit langen Extremitäten, II. Typus mit 
hagerem Riesenwuchs, III. Hypophysärer Typus mit den Untergruppen: A. Akromegaler 
Typ, B. Typus mit hypophysärer Adipositas. 

Naturgemäß bestehen Übergänge bei den einzelnen Typen und Mischformen. Wie 
die Bilder jedoch erläutern, stellen einzelne der Untersuchten die Typen in ziemlich 
reiner Form dar. Die Röntgenbefunde korrespondieren mit den bisherigen Erfahrungen 
in bezug auf die körperliche Verfassung der einzelnen Typen, bei denen Zusammenhang 
mit dem Verschneidungsalter sich deutlich ausprägt Auch die aus den Messungen sich 
ergebenden Indexzahlen harmonieren in ihrer Eigenart mit den einzelnen Körpertypen. 
Anhangsweise schildert Verfasser die Behausungen und einige Lebensgewohnheiten der 
eigenartigen Sekte und geht auch kurz auf ihr psychisches Verhalten ein. 


Referate. 

1) Leppmann, Friedrich: Die geriehtsärztiiehe Begutachtung der „Hörigkeit 44 . 

Ärztl. Sachverst.-Ztg. 1922. 

Der Begriff der „Hörigkeit“ ist ursprünglich dem der Leibeigenschaft synonym, 
fm übertragenen Sinne bezeichnet er sklavische Unterordnung eines Menscbenwillens 
unter den Willen eines Anderen während eines gewissen Zeitraumes, unter Ausschluß 
der durch persönlichen Zwang oder wirtschaftliche Bindungen bedingten Einflüsse. 

Die Möglichkeit, zum Sklaven fremden Willens zu werden, hat ihre Wurzeln im 
normalen menschlichen Seelenleben, und zwar außerhalb und innerhalb des Sexual¬ 
lebens. Außerhalb des Sexuallebens sind besonders zwei Faktoren wirksam: die 
Unfähigkeit des Durchschnittsmenschen, sein Handeln jederzeit auf eigene Erwä¬ 
gungen und Entschlüsse zu basieren, welche ihn dazu verlockt, um der BeqiöemJich- 
keit willen fremden Einflüssen zu folgen; und sodann die Sehnsucht des Menschen 
nach einem Führer, welcher dbe Unzulänglichkeiten der eigenen Kraft, des eigenen 
Wissens und Könnens durch seine höhere Anlage, seine größere Leistung ergänzen 
soll. Als Beispiele werden erwähnt: Bedingungslose Unterordnung von Knaben unter 
einen Mitschüler, der ihnen durch Wagemut, Herrscherallüren, Phantasie, Skrupel¬ 
losigkeit überlegen ist, blinder Gehorsam religiöser Sektierer gegenüber dem Be¬ 
gründer oder Oberhaupt der Sekte, völlige Unterordnung der Anhänger eines Zauber¬ 
künstlers, Kurpfuschers u. dgl. Vertieft wird die Willensknechtschaft durch Gewohn¬ 
heit und durch bewußte „Dressur“ seitens des beherrschenden Teils. 

Die sexuelle Hörigkeit findet ihre Erklärung in der Stärke des Sexualtriebes, 
die so bedeutend sein' kann, daß für den geliebten Gegenstand kein Opfer zu groß, keine 
Tat zu ungeheuerlich erscheint Daß in einem Liebesverhältnis der eine Partner den 
anderen bedingungslos beherrscht, ergibt sich besonders leicht, wenn eine reife, 
üebeserfahrene Person einem halbwüchsigen Neuling gegenübersteht oder wenn ein 
bereits durch Alter oder Kränklichkeit in der Liebeskonkurrenz minder leistungsfähig 
gewordener Mensch sich an den vollwertigen Partner anklammert. Außerdem scheint 
es. daß Personen mit besonderen perversen Neigungen sich leicht in Abhängigkeit von 
solchen begeben, bei denen sie gerade eine Befriedigung dieser Neigungen finden. 

Hörigkeit im Sinne dieser Ausführungen ist an sich nicht elwras Krankhaftes und 
berechtigt nicht zur Anwendung der entsprechenden Paragraphen des Straf- und 
Bürgerlichen Gesetzbuches. Allerdings können die Hörigkeitserscheinungen krank¬ 
haften Charakter annehmen (manche Fälle von induziertem Irresein sind so zu 
deuten), und vor allen Dingen können krankhafte seelische Zustände zur Hörigkeit 
disponieren. Dahin gehören viele angeborenen Geistesmängel: Schwachsinnige, 


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158 


Referate. 


Willensschwäche, Infantile, schwärmerische und grüblerische Phantasten. Die eigent¬ 
lichen geistigen Eikrankungsprozesse spielen kaum eine Rolle, außer den für die Ent¬ 
stehung von Hörigkeitsbeziehungen nicht unwichtigen leichten und mittleren Formen 
des Greisenschwachsinns. Die forensische Beurteilung hängt dann von der Stärke 
des krankhaften Einschlags ab, der durch zeitweilige den Wällen schwächende Mo¬ 
mente (körperliche Erschöpfungszustände, chronische Vergiftungen u. dgl.) noch ver¬ 
stärkt sein kann. 

Beispiele aus der gutachtlichen Praxis werden zur Erläuterung beigebracht. Zum 
Schluß wird die Frage der Hörigkeit auf dem Wege hypnotischer Beeinflussung ge¬ 
streift, welche mit besonderer kritischer Vorsicht zu beurteilen ist und eine geson¬ 
derte Bearbeitung verlangt. F. Leppman n. 

2) Birnbaum, Karl: Der Überlegungsbegriff im Mordpartigrapheii. Kritische 
fibersicht. Zeitsehr. f. d. ges. gerichtl. Medizin. Bd. I. 

Selbst erfahrenen Kriminalisten und Gerichtsärzten ist der feine Unterschied 
von Mord und Totschlag nicht immer geläufig. und doch ist die klare, scharfe Heraus- 
arbeilung des Begriffs „Überlegung", deren Vorhandensein bei der Ausführung der 
Tat den Mord von dem Totschlag unterscheidet, von der allererheblichsten praktischen 
Bedeutung, denn während § 212 den Totschlag mH Zuchthaus nicht unter 1 und bis 
zu 15 Jahren bestraft, ist auf den Mord als einzige Strafe der Tod angedroht. Das 
besondere Interesse des Sexualforschers an einer eindringlichen Darstellung der ein¬ 
schlägigen Fragen ist dadurch bedingt, daß sehr oft bei der Verfolgung und straf¬ 
gerichtlichen Aburteilung von Lustmorden der Zweifel auftaucht, ob der Täter seine 
furchtbare Tat im Vollbesitz normaler geistiger Kräftfe, mit kaltblütiger, ruhiger Über¬ 
legung oder im Jähzorn, in blinder Leidenschaft, im alles tiefere Nachdenken der 
Folgen erstickenden sexuellem Trieb begangen hat. ob er also mit dem Tode wegen 
Mords oder mit Zuchthausstrafe wegen bloßen Totschlags zu bestrafen ist. Emen 
trefflichen kritischen Überblick bietet die vorliegende umsichtige und durchaus selb¬ 
ständige Arbeit Birnbaums. Von besonderem Wert ist es u. E.. daß hier mit 
allem Nachdruck und tiefem Ernst die medizinisehen Sachverständigen auf die außer¬ 
ordentlich großen Schwierigkeiten einer klaren Abgrenzung des Unterscheidungsmerk¬ 
males hingewiesen werden. Außere eindeutige Erkennungszeichen existieren kaum; 
die Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag müsse sich daher in foro nicht 
selten auf psychologische Belanglosigkeiten stützen. Auch sonst gelangt der Verf. mit 
sehr beachtenswerten Gründen zu einer Verwerfung des Uberlegungsbegriffs. Von 
welcher Seite auch immer man ihn betrachten möge, er erweise sich nach keiner 
Richtung hin als fähig, „die psychologisehen, die kriminal-psychologischen, die straf¬ 
gesetzlichen oder sonstigen Anforderungen voll zu erfüllen". Durchaus mit Recht be¬ 
tont B., daß ein einzelnes i>sychisches Merkmal im allgemeinen überhaupt nicht der 
Kompliziertheit der Persönlichkeit, ihres Motiv- und Willenslebens. ihres Tuns und 
Lassens gerecht werde. „Den realen Möglichkeiten und tatsächlichen Verhältnissen 
wird man. wie auch sonst im Leben so auch bei der strafrechtlichen Slellungnahme 
nur gerecht, wenn die psychische Oesamtpersönlichkeit mit allen ihren Seiten und 
tn allen ihren Beziehungen erfaßt wird." Ebenfalls durchaus mit Recht fordert daher 
Birnbaum in Übereinstimmung mit den hervorragendsten strafrechtlichen Schrift¬ 
stellern (v. Holtzendorff. v. Liszt. John, Kahl. Lammasch, Aschaffenburg) den Weg¬ 
fall des Überlegungsbegriffes als Merkmal des Mordes. 

Die Abhandlung beweist aber u. E. auch weiter noch, daß die grundsätzliche 
Beibehaltung der Todesstrafe zum mindesten als einziger Strafart für den Mord un¬ 
haltbar ist. Bovensiepen. 

•B Für bring er: E^aculatio deßeiens Inter congressunu (Funktioneller Aspermatismus.) 
Deutsche med. Wochenschr. 1922. Nr. 18. 

Zunächst literarischer Überblick über die Beobachtung und Würdigung einer wenig 
bekannten und beachteten Abart der psychischen Impotenz beim Manne, nämlich des 
regelmäßigen oder gelegentlichen Ausbleibens des Samenergusses bei der Kohabitation trotz 
normaler Libido und ausreichender Erektion sowie ungestörter Ejakulation bei anderen 
Sexualakten (Onanie. Pollution); demnächst Bereicherung der Kasuistik um (von 6 älteren 
Fällen abgesehen) 18 eigene Erfahrungen unter Hervorhebung der besonderen Einzelheiten, 
und Zusammenfassung des gemeinsam Wesentlichen; es folgt eine 'gründliche Epikrise 
und zum Schluß die Erörterung Her — wenig aussichtsvollen — Therapie. Der Aufsatz 
ist sexualmedizinisch von großer Wichtigkeit, ist aber zum kurzen, genügend orientierenden 


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Referate. 


159 


Referat nicht geeignet, da er selbst schon in konzentriertester Darstellung eine Fülle von 
bedeutsamen Tatsachen und Gedanken zusammenfaßt. Max Marcuse. 

4) Gau pp: Das Problem der Homosexualität. Klinische Wochenschr. Nr. 21. 

S. 1034. 1922. 

Die gleichgeschlechtliche liebe findet sich allerorten bei Natur- wie Kulturvölkern, 
aber alle zahlenmäßigen Umfragen über ihren Umfang sind ungenau. Sicher scheint, die 
Homosexualität in Kulturländern häufiger zu sein. Nicht alle Homoeroten zeigen äußere 
Merkmale. Die Formen des homosexuellen Verkehre sind mannigfache. In den An¬ 
schauungen über die Gründe der echten Homosexualität stehen sich die Auffassung einer 
innersekretorischen Störung und einer psychogenen im Leben erworbenen Verirrung gegen¬ 
über. Sind die bisherigen biologischen Untersuchungen auch keineswegs beweiskräftig, 
so sind doch Beziehungen zum Infantilismus, zu den Eunuchoiden und den Schizophrenen 
vorhanden. Die übrigen Erklärungsversuche wie Folge des Reizhungers, des sexuellen 
Variationsbedürfnisses, Kompensation eigener Minderwertigkeitsgefühle (Adler) befriedigen 
nicht völlig. Die Behandlung der Homosexualität, biologisch wie psychisch, hat wenig 
Erfolg aufzuweisen. 

Liegen die Gründe für die Entstehung der Homosexualität im Biologischen, so müßte 
der § 175 des Strafgesetzes fallen. Kann mündigen Menschen eine gleichgeschlechtliche 
Betätigung nicht gut verboten werden, so ist die soziale Gefährdung der Jugend durch 
die unbeherrechte Sinnengier der Urninge der Hauptgrund gegen eine Beseitigung des 
Gesetzes. Die Jugend muß in jeder Weise vor den Homosexuellen beiderlei Geschlechtes 
geschützt werden. Mindestens die Hälfte aller Urninge und Urninden neigt aber zur 
Verführung Minderjähriger. Verderblich ist die laxe Anwendung des Gesetzes und das 
Unbestraftbleiben der weiblichen, gleichgeschlechtlichen Liebe. Unangenehm wirkt das 
Erpressertum, das von dem Bestehen dieses Gesetzes lebt. Außerordentlich gefährlich 
besonders für die Jugend ist die neuere minderwertige volkstümliche Literatur über diese 
Fragen und ihr öffentlicher Vertrieb. Finkenrath. 

5) Pfeiffer, Ernst: Ein gehellter Fall von Homosexualität durch Hoden¬ 

transplantation. Deutsche med. Wochenschr. 1922. Nr. 20. S. 6(50. 

Operative Behandlung eines Homosexuellen, der nach jahrelangem heterosexuellem 
Verkehr im 31. Lebensjahr im Anschluß an eine Geschlechtskrankheit impotent gegenüber 
Frauen und homosexuell wurde. Kastration wurde nicht vorgenommen, sondern nur ein 
Stückchen Hoden eines normalen Mannes in der Gegend der Linea alba auf die innere 
Rektusscheide gebettet. Nach 6 Wochen soll bereits die Behaarung der Genitalien dichter, 
die Prostata elastischer gewesen sein. Der Kranke hatte bereits 5 Tage nach seiner 
Operation Wollustgefühle Frauen gegenüber, hatte nach 6 Wochen regelmäßigen Verkehr 
und war bereits verlobt. Pfeiffer glaubt, daß dieser Fall neben dem von Lichtenstern 
den Beweis für die inkretorische Bedingtheit der Homosexualität abgebe. Leider spricht 
in seinem Fall alles dagegen, daß es sich bei der im 31. Jahre entstandenen und erst 2 Jahre 
bestehenden homosexuellen Neigung um eine physiologisch bedingte Neigungsumstimmung 
handelt. Vielmehr spricht alles dafür, daß hier ein psychisches Trauma im Geschlechts¬ 
leben die Abneigung gegen Freuen und damit die abwegige Triebrichtung bewerkstelligt 
hat. Lagen die Dinge aber so, wie sie Verf. annimmt, dann muß nach Resorption des 
geringen eingepflanzten körperfremden inkretorischen Gewebes eine neue Umstimmung 
eintreten. Warten wir ab! Finkenrath. 

6) Raecke: Perversität und Eigennutz. Beitrag zur forenson Beurteilung sexueller 

Verirrungen. Arch. f. Psychiatrie. 64. 4. 

Axisgehend von dem Fall Alzheimer-Kurella, bei dom es sich um eine Verquickung 
planmäßiger Gaunereien mit fetischistischen Triebbetätigungen handelte, und von der These 
Birnbaums, daß zwei eng zusammen hängende und auf dem gemeinsamen Boden psycho- 
sexueller Anomalien erwachsene Straftaten unter Umständen eine unterschiedliche 
psychiatrisch-forensische Beurteilung erfahren müssen, weil die seelische Verfassung des 
l&ters sich nur während der einen als erheblich pathologisch zu erweisen brauche — 
berichtet p. über vier interessante Fälle derartiger Kombination. Die drei ersten Fälle 
haben das Gemeinsame, daß eine psychopathische Phantastennatur sowohl ihrer Sucht 
nach Gelderwerb wie auch ihrem Hang nach perverser geschlechtlicher Befriedigung folgt, 
woraus schwer entwirrbare Verflechtungen der Motive hervorgehen. Der vierte Fall soll 
wesentlich nur die Bedeutung krankhaft gesteigerter Phantasie riir das psychische Schicksal 


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Referate. 


und die Entstehuog lebenslänglich haftendei Perversionen veranschaulichen. Für die 
richtige Einschätzung der geschlechtlichen Verirrungen sei es notwendig, sich daran zu 
gewöhnen, sie — im Gegensatz zu der „völlig verfehlten Richtung, welche heute namentlich 
von Magnus Hirschfeld vertreten wird ..— grundsätzlich im Zusammenhänge mit anderen 
Tiiebentgleisungen zu betrachten. Max Marcuse. f 

7) Zietzschmann, 0.: Über Funktionen des weibliehen Genitale bei Säugetier 

und Menseh. Ein Vergleich der zyklischen Prozesse der Brunst und Menstruation. I 
Berliner tierärztl. Wochenschr. 1921, Nr. 37, 38 u. 44 und Arch. f. Gynäk. Bd. 115, 

H. 2, 1921. 

Darstellung des heutigen Standes der Kenntnisse und Mitteilung eigener Unter¬ 
suchungen an Hund und Rind. «Genese des Corpus luteum beim Rinde aus den Granulosa- 
zelleiu Prinzipielle Gleichartigkeit des Sexualzyklus bei Säugetier und Mensch. An- 
bildung, fortgesetzte Proliferation der Cterusschleimhout bis zum Stadium der maximalen 
Hyperplasie und Rückbildung parallel mit dem Heranreifen des Follikels, der Bildung 
und der Rückbildung des Corpus luteum. Unterschied zwischen beiden. Zyklen: Ver¬ 
schiedener Ausbildungsgrad der Stadien des uterinen Zyklu%s. Beim Menschen Maximum 
der Hyperämie und der klinischen Erscheinungen zur Zeit der Rückbildung — Men¬ 
struation —, beim Tiere zur Zeit der Ausbildung — Brunst. (Dieser vielleicht der 
Mittelschmerz der Gynäkologen vergleichbar.) Brunst und Menstruation fallen also auf 
entgegengesetzte Phasen des Turnus. Die innersekretorische Steuerung des Genital¬ 
zyklus geschieht durch den reifenden Follikel (erste Anbildung der Uterusschleimhaut, bei 
Tieren bis und mit Brunst), das Corpus luteum (fortgesetzte Proliferation im Uterus, 
Hemmung der Menstruation und des Ausreifens weiterer Follikel) und den sich ent¬ 
wickelnden Embryo (Erhaltung des Corpus luteum). B. Slotopolsky. 

8) Markovits: Temporäre Sterilisation von Mann und Frau In wechselnder Folge 

mittels Rtintgenstrahlen. Deutsche med. Wochenschr. 1922. Nr. 14. 

Eine exakte Methode der temporären Sterilisation mittels Röntgenstrahleu existiert 
zwar noch nicht, läßt sich aber an den bisherigen Erfahrungen leicht ableiteu. M. schlägt 
eine solche vor, namentlich im Hinblick auf die Bedürfnisse bei der Lucs, aber weiterhin 
auch für alle diejenigen Zustände, bei denen, sei es im Interesse der betreffenden Per¬ 
sonen selbst, sei es in demjenigen der Nachkommenschaft, eine Sterilisation indiziert ist, 
jedoch nur vorübergehend, weil eine Ausheilung oder wesentliche Besserung des 
Jiöidens zu erwarten steht. „Wir haben kein Recht, mehr zu vernichten, als im Einzel¬ 
falle minimo nötig ist 41 (Holzknecht). Max Marcuse. 

9) Kolmer, W., u. Ferd. Scheminzky: Finden sieh Zwischenzellen nnr bei d6n 

höheren Wirbeltieren t Pflügers Archiv f. d. ges. Physiol. Bd. 194. H. 4. 1922. 

Nachweis von zwischenzelligen Elementen im Hoden einer Reihe von Fischen. 

Die Antoren halten dafür, daß die Zwischenzellen wenigstens zeitweise in der <J Gonade 
aller Wirbeltierklassen Vorkommen. B. Slotopolsky. 

10) Kolmer, W., u. Ferd. Scheminzky: Zwei Fälle von Herinaplirodltlsmns verus. 
Pflügers Archiv f. d. ges. Physiol. Bd. 194. H. 4. 1922. 

Auffindung von Eizellen in den Hoden eines Kochonfisehos und eines Salamanders. 

B. Slotopolsky. 

11) Duden dal, A. J. F.: Ein dritter Testikel als Darmanhang. Virchows Archiv 
f. pathol. Anat. u. Physiol. Bd. 238. H. 1. 1922. 

Bei der Sektion eines 22 jährigen Mannes mit zwei normalen und normal gelagerten 
Testikeln fand sich als Anhang am lleum in der Nähe der Valvula ileocolica ein taubenei¬ 
großes Gebilde, das nach dem mikroskopischen Befunde als Hoden anzusprechen ist: es 
enthielt atrophische Samenkanälchen (von mehreren Zellschichten ausgekleidet, aber ohne 
eine Spur von Spermiogenese), reichlich intertubulöses Bindegewebe und eine relativ ge¬ 
ringe Menge von Zwischenzeiten. Das Ganze war von einer Albuginea umschlossen und 
besaß keinerlei Ausführungsgang. B. Slotopolsky. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Marcaae in Berlin. 
A. Marens d K. Wehen Vertag (Dr. jnr. Albert Ahn) in Bona. 
Druck : Otte Wigand*sehe Bnehdrnekerel 0. n. b. H. in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

IX. Band September 1922 6. Heft 


Herman Bang über das Problem Sexualität. 1 ) 

Veröffentlicht von Dr. Wasbutzki 
in Berlin. 


Ich habe mich dazu entschlossen, nachdem ich mein Leben lang 
darüber geschwiegen habe, was ich über die Sexualität weiß, hier 
mit Hilfe meines Arztes mitzuteilen. Ich habe unter meinen Flreun- 
den meinen Arzt dazu ausgewählt, damit er meine Mitteilungen 
ärztlich kontrollieren kann Ich weiß nicht, ob diese Mitteilungen 
von besonderem Werte sein werden, ich halte es aber für meine 
Pflicht, sie zu machen. 

Die Frage der Homosexualität ist eine Frage, die das Wohl von 
Millionen Menschen angeht. Deswegen ist jeder Fortschritt, welcher 
sich hier im allgemeinen Verständnis vollzieht, geradezu ein Fort¬ 
schritt im Gewissensleben der Menschheit. 

Die Homosexualität wird .jetzt noch im Bewußtsein der großen 
Mehrheit und in der Gesetzgebung als ein Laster betrachtet, und 
sogar als ein Laster, welches nach den Gesetzen bestraft wird. Als 
Perversität wird die Homosexualität betrachtet; sie ist es aber nach 
allen meinen Erfahrungen sehr, sehr selten. Ich habe gehört und ich 
glaube, daß es sehr abgenutzte und enervierte Männer gibt, die die 
Männerliebe treiben als eine allerletzte Zuflucht, als die letzte Rei¬ 
zung eines ganz erschlafften Geschlechtstriebes. Ich persönlich habe 
solche Männer nie angetroffen und weiß auch gar nichts über sie. 
Es gibt aber, glaube ich, sicher solche Männer, die das ganze Leben 
nur Frauen geliebt haben, und die dann Männer als eine ge¬ 
wünschte Variation lieben. Diese Leute sind pervers im richtigen 
Sinne des Wortes. Eine Perversität muß es auch genannt werden, 
wenn Burschen oder junge Männer — was leider auf der großen 
Flotte und in den sehr großen Kasernen viel, viel häufiger ist als 
die Welt ahnt 1 — von reichen Kameraden sieh bezahlen lassen, aber 
sonst nur Frauenliebe kennen. Doch wird die Sache schon hier 
zweifelhaft, ob es pervers ist. weil die Homosexualität in der ersten 
.lugend hei einer ungeheuer großen Anzahl von Menschen sozusagen 


*) Vorstehende Abhandlung ist in gemeinschaftlicher Arbeit von Ilerman Bang 
und mir im Frühjahr 1909 entstanden und wird nunmehr auf den schriftlich wieder- 
gegebenon Wunsch des Verstorbenen veröffentlicht. B. war zwei Jahre in Berlin und 
mein Patient. Wenn auch die Arbeit wissenschaftlich kaum etwas Neues bietet, so ist 
es doch höchst interessant, aus der Feder eines geistig so hervorragenden Homosexuellen 
einiges über das Wesen und Seelenleben dieser Unglücklichen zu vernehmen. 

Der Aufsatz erscheint in Kürze mit einem ausführlichen Geleitwort von Dr. S. P1 a c z e k 
als Broschüre im Verlag von Marcus & Weber in Bonn. 

Zait'chr. f. Sexnalwiiunichaft TX. 6. 12 


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Wasbutzki. 


als vereinzelt dastehender Fall möglich ist. In jedem anderen Fall 
ist die Homosexualität keine Perversität. Sie ist nichts Natur¬ 
widriges, im Gegenteil: das homosexuelle Individuum folgt, indem 
es homosexuell ist, seiner individuellen Natur, und zwar der Natur, 
welche ihm angeboren ist. 

Ich vermag keine Minute daran zu zweifeln, daß die ausge¬ 
prägte Homosexualität angeboren ist, und ich, der ich nur Laie bin, 
habe es mir so zurecht gelegt: Die Natur oder die ganze Schöpfung, 
die allzu großen und uns unbekannten Zielen nachstrebt, hat in jeder 
einzelnen Kleinigkeit Eile und macht in der Eile überall Fehler. 
Eine vollkommene Pflanze gibt es kaum, ein vo 11 kommene s 
Tier ebensowenig. Die Natur irrt sich und schafft ein schiefes Blatt 
oder ein schiefes Ohr. So scheint es mir, irrt sich die Natur auch im 
Fertigbringen des menschlichen Organismus und schafft in einem 
äußerlich männlichen Organismus eine sogenannte Seele, die weib¬ 
lich ist. Durch einen Irrtum der Natur oder des Erschaffers selber 
wird ein menschlicher Organismus ohne Einheit geschaffen. Dieser 
Irrtum der Natur kann verkommen, wo man es am allerwenigsten 
annehmen sollte und muß eben deswegen ein Irrtum der Natur sein. 
Die Eltern können ganz gesund sein 1 , kräftige, ganz nach dem Nor¬ 
malmaß geschnittene Bauern, und der Sohn steht da als ein gebo¬ 
rener Homosexueller. Es ist also nicht ein Zeichen der langen De¬ 
kadenz, wenn die Homosexualität entsteht. Sie ist da von Geburt an 
durch einen Irrtum der Natur, die sich nicht ran die Details der 
Schöpfung kümmern kann. 

Dem Aberglauben, daß die Homosexualität ein Zeichen der De¬ 
kadenz oder der Verfeinerung ist, ist es mit zuzuschreiben, wenn im 
allgemeinen angenommen wird, daß die Homosexualität sich vor¬ 
zugsweise in den höheren oder gar höchsten Kreisen der Gesell¬ 
schaft zeigt. Dies ist keineswegs der Fall. Die Erscheinung wieder¬ 
holt sich in allen Schichten der Bevölkerung, tritt aber bei den ver¬ 
schiedenen Völkern mit verschiedener Stärke auf. Ich glaube sagen 
zu dürfen, daß z. B. unter dten germanischen Völkern die norwegische 
Nation am wenigsten davon infiziert ist. Merkwürdig ist mir die 
Tatsache geblieben, daß ich mein ganzes Leben lang nur zweimal 
einen jüdischen Homosexuellen beobachtet habe. Dies zeigt mir nur, 
daß es Rassen gibt, die so stark sind, daß sie selbst den Irrtümern 
der Natur gewissermaßen Widerstand leisten. 

In der angeborenen Homosexualität gibt es aber eine Unzahl 
von Schattierungen und Stufen. Es gibt eine Klasse von Männern, 
die in jeder anderen Beziehung durchaus männlich sind und sogar 
männlicher als die allermeisten Männer (viele große Feldherren ge¬ 
hören zu dieser Kategorie), nur im Geschlechtsleben sind sie von den 
übrigen Männern getrennt und sie lieben Männer ausgeprägt männ¬ 
lich, genau wie ein heterosexueller Mann eine Frau liebt. Nennen 
wir diese Klasse von Männern den rechten Flügel.- Der linke Flügel 
wird dann von den ausgeprägten Weibern in der Reihe der Homo¬ 
sexuellen gebildet — Weibern, d. h. Männern, welche von dem 
Manne beinah nur den Namen übrig haben, d. h. der Körper ist aus¬ 
geprägt weiblich geformt, und die sogenannte Seele hat beinah aus¬ 
schließlich weibliche Veranlagung. Dieses prägt sich in allem aus. 


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Herman Bang über das Problem Sexualität. 


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Im Wesen, im Gehen und Sprechen, namentlich in den Handbewe¬ 
gungen. Diese Männer nähen oder sticken, sie suchen Berufe auf 
wie Köche, Kellner, Damenschneider — Modisten — ich habe nie 
einen homosexuellen Herrenschneider getroffen; wenn ein Homo¬ 
sexueller Schneider w r ar, hat er immer Damenkleider gemacht. 

Zwischen diesen zwei Extremen gibt es aber eine ganze Menge 
von Übergängen, wo bald das Männliche in der Erscheinung, im 
ganzen Gefühlsleben überwiegt, bald das Weibliche ausgeprägter ist. 

In einem Punkte aber irren sich entschieden die Ärzte. Die 
Arzte glauben allgemein, daß die Homosexuellen im Liebesakt selber 
entweder nur Mann oder nur Frau sind; dieses ist aber ein bedeuten¬ 
der Irrtum. Nur der ganz ausgeprägte rechte Flügel bleibt immer 
der Mann. Bei allen Mittelstufen wechselt die Form des geschlecht¬ 
lichen Verkehrs ab, um nur auf dem äußersten linken Flügel sich 
ganz weiblich zu gestalten. Diese vielen Schattierungen schaffen in 
den Reihen der Homosexuellen, die schon unglücklich genug sind, 
noch mehr Unheil. Denn es genügt nicht, daß zwei Homosexuelle 
sich treffen und ein wirkliches Gefühl für einander bekommen; es 
geschieht sehr oft, daß bei diesen zwei Menschen die gegebene 
Schattierung nicht paßt. Um hier eine Harmonie hervörzurufen, 
muß das gegebene Maß von Männlichkeit genau dasselbe Maß von 
Weiblichkeit treffen. Ich habe schon gesagt, daß der rechte Flügel 
aus Männern besteht, die nur das Weibliche an sich haben, daß 
sie andere Männer lieben. Sonst sind sie ganz männlich veranlagt. 

Im 'Anschluß an den alleräußersten linken Flügel, also schon 
außerhalb der homosexuellen Reihe, findet man den äußersten und 
einen höchst merkwürdigen Gegensatz zum rechten Flügel der Homo¬ 
sexuellen. Männer, welche vollkommen weiblich erscheinen in der 
Art zu reden, in der Erscheinung, in der Körperbildung, in allen 
Neigungen, und welche wahrhaftig nur in einem Punkte männlich 
sind, nämlich darin, daß sie die Frauen lieben. Diese Menschen sind 
meistens sehr und in unangenehmer Art sinnlich veranlagt. Be¬ 
merkt habe ich, daß ihre Kinder häufig der Homosexualität anheim¬ 
gefallen sind. Für die Ärzte ist es sehr wichtig zu wissen, daß diese 
letzte Gattung recht häufig ist; denn wenn die Zeit kommt, wo die 
Homosexualität überhaupt ein wirklicher Gegenstand einer Wissen¬ 
schaft wird, wird es immer noch leicht sein, sich diesen Menschen 
gegenüber zu irren. Der Irrtum wird um so leichter stattfinden 
können, weil diese „Weiber“, welche nur Frauen lieben, nie auf sich 
selbst so aufpassen, wie die intelligenten Homosexuellen es tun, um 
die Umgebung zu täuschen. Diese letzte Gattung nämlich fühlt ja 
nicht den Druck dter Homosexualität; sie wissen, sie sind nicht straf¬ 
bar, und sie lassen sich daher gehen. Sie sind daher beinahe immer 
mit recht männlichen Frauen verheiratet. 

Eine besondere Gruppe bilden Menschen, welche ich agents 
provocateurs nennen möchte. Sie sind nie oder beinah nie homo¬ 
sexuell tätig, haben aber ein buchstäblich alles andere verschlingen¬ 
des Interesse für homosexuelle Erscheinungen und Menschen. Sie 
verkehren viel in homosexuellen Kreisen, sie nehmen die Bekennt¬ 
nisse der homosexuellen Gesellschaft entgegen, sie spielen bis zur 
letzten Grenze mit dem homosexuellen Feuer. Eine Ecke ihrer Seele 

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Wasbutzki. 


oder ihres Organismus muß wohl homosexuell sein. Diese Menschen 
werden in den großen Prozessen immer als Zeugen erscheinen!, oder 
mitunter werden sie 90 gar von der Polizei direkt benutzt, ln der 
Öffentlichkeit verurteilen eben diese Leute die Homosexualität am 
schärfsten. Merkwürdigerweise habe ich überhaupt beobachtet, daß 
Menschen, in welchen nach meiner Ansicht homosexuelle Keime von 
Geburt an reichlich vorhanden waren, die stärksten Angriffe gegen 
die Homosexuellen richteten, wahrscheinlich aus einer geheimen und 
verhüllten Furcht vor sich selbst. Dagegen habe ich oft Männer, 
bei welchen offenbar kein Keim vorhanden war, getroffen, die es 
verstanden haben, im Gegensatz zu der landläufigen Auffassung die 
Homosexualität ganz vorurteilsfrei zu betrachten. Diese Männer 
sehen ruhig die Homosexualität als eine Tatsache an, welche sie per¬ 
sönlich in keinerlei Aüfregung versetzen kann, eben deswegen weil 
sie gar keine körperliche oder seelische Berührung damit haben. 

Dies ist es, was ich hauptsächlich von den homosexuellen 
Gruppen zu sagen habe. 

Die schwierigste Zeit für den homosexuellen Menschen sind ohne 
Zweifel die ersten Jünglingsjahre. Die allermeisten Homosexuellen 
müssen erschütternde Kämpfe aushalten, bevor sie sich über sich 
selbst klar werden. Die ganz jungen Leute haben einen Drang so¬ 
zusagen wie die anderen. Man hat nicht den Mut dazu, vereinsamt 
etwas ganz anderes zu sein geschweige denn den Mut, homosexuell 
zu sein, wo doch alle die Vorurteile und selbst die Gesetze des Staates 
und der Gesellschaft es verächtlich machen. Und doch fühlt der 
Homosexuelle seine innerste Natur sich gegen alle diese Gesetze 
sträuben. Er weiß lange Zeit nicht, wohin er gehen soll, wie er sich 
bezwingen soll, wie er Gehorsam lernen kann. Er fühlt sich unsicher 
und fremd zwischen Fremden. Eis können lange Jahre vergehen, 
wo er bis zur tiefsten Tiefe seines Organismus mit sich selbst kämpft. 
Ich habe Menschen getroffen, welche bis in die Dreißiger diesen 
Kampf geführt haben — entsetzt über sich selbst, fremd unter 
Fremden, ohne Hilfe. Denn zu fragen wagen sie erst gar nicht. Die 
Ärzte der Zukunft, welche in dieser traurigen Wissenschaft besser 
Bescheid wüssen werden als die Ärzte meiner Jugendzeit würden 
eine mächtige menschliche Pflicht erfüllen, wenn sie an diese un¬ 
glückselig Kämpfenden herantreten würden, um ihnen über ihre 
wahre Natur Auskunft zu geben. So wie es jetzt ist — so unbegreif¬ 
lich traurig ist dies Schicksal — ist es beinah das Glücklichste, w r enn 
die homosexuellen Knaben schon frühzeitig die physische Liebe 
kennen lernen. Denn ich glaube nicht, daß der physische Schaden 
so groß sein kann, wie da« moralische Leid, welches jetzt Tausende 
von Homosexuellen lange Jahre in vergeblichen Kämpfen zu tragen 
haben. 

Von der V e r f ii h r u n g, von welcher so viel geredet wird, kann 
meiner Ansicht nach nur sehr selten die Rede sein. Der Nicht- 
homosexuelle läßt sich nicht dauernd verführen. Man w T ivd nicht 
homosexuell, sondern man i s t es. Es kann Vorkommen, sagen wir 
z. B. unter Primanern, daß ein Mensch etwa mit einem Freunde, den 
er sehr gern hat, ein paarmal homosexuell verkehrt. Wenn er aber 


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Herman Bang über das Problem Sexualität. 


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selber nicht homosexuell ist, hinterläßt dies gar keine Spur in seiner 
Entwicklung, und selbst das Bewußtsein davon verwischt sich. Die 
Gefahr der direkten Ansteckung ist viel geringer als man gewöhn¬ 
lich glaubt. 

Ich weiß sehr wohl, daß man behauptet hat, daß z. B. in der 
Akademie, wo ich selbst erzogen worden bin *), eine große Infektion 
herrschte; ich muß aber sagen, daß ich in der ganzen Akademie 
unter 112 Schülern nur 2 homosexuelle Kniaben gesehen habe, welche 
ich persönlich gar nicht kannte. Ich jedenfalls wurde von der 
Akademie keineswegs angesteckt. Man kann überhaupt nicht an¬ 
gesteckt werden, man erreicht nur Klarheit darüber, was man schon 
unwiderruflich ist. Leider geschieht es erst nach langen Kämpfen. 
Diese Kämpfe hinterlassen die tiefsten Spuren in der Seele des 
Homosexuellen. 

Ich werde so kurz wie möglich versuchen, die großen Haupt¬ 
linien der Psychologie des Homosexuellen zu zeichnen. 

Die ersten Kämpfe, um Klarheit zu erhalten, hinterlassen im 
Charakter des Homosexuellen schon ihre tiefen Spuren, und ist die 
Klarheit erreicht, so fühlt der homosexuelle Mensch sich vereinsamt 
und beschämt. Die Gesetze, die Vorurteile, die Gesellschaft, alles 
steht ihm unverstehend gegenüber, alle sind ihm Feinde. Er wird 
scheu und unsicher, er fühlt selber das angeborene Los gleich wie 
eine Art von Buckligkeit. Die Homosexuellen leben ihr Leben wie 
ein Mensch, welcher in einem Hotel wohnt, während er nicht weiß, 
ob er seine Rechnung bezahlen kann. Er wird schweigsam, er lernt 
sich verstellen und muß heucheln. So kommt es, daß seine nächste 
Umgebung, die nicht homosexuell ist, in hundert Fällen keine 
Ahnung von seiner Homosexualität hat. Man findet ihn vielleicht 
etwas eigenartig, die nächste Umgebung gewöhnt sich aber durch 
die Gewohnheit am leichtesten daran. Jeder Prozeß offenbart aufs 
neue, daß Menschen, die mit einem Homosexuellen das halbe Leben 
verbracht haben, keine Ahnung von seiner Neigung hatten. Von 
Mutter, Schwestern, Brüdern wird der Homosexuelle meist sehr ge¬ 
liebt, weil er im täglichen Leben sehr oft von einem geheimen Drang 
zu büßen beherrscht wird, als möchte er immer sein Schuldkonto 
ausgleichen. Die allermeisten Homosexuellen — von der männlichen 
Prostitution spreche ich natürlich nicht — sind im bürgerlichen 
Leben aus demselben Gründe höchst korrekt und anständig, ich 
glaube, sie geben sich ihres Schuldbewußtseins wegen in dieser Be¬ 
ziehung eine ungeheure Mühe. Wenn eine Katastrophe kommt, so 
sieht man auch im allgemeinen, daß der Homosexuelle wirkliche 
Freunde gehabt hat in seiner bürgerlichen Existenz. Er lügt aber, 
er lebt in einer ewigen Freimaurerei. Von der Gesellschaft an- 
gefeindet, von den Gesetzen bedroht, schließen die meisten Homo¬ 
sexuellen sich zusammen, sie machen sich untereinander verständ¬ 
lich durch eine Reihe von Zeichen, die, der Himmel weiß wie, in 
allen Ländern dieselben sind. Die geistige Aristokratie der Homo¬ 
sexuellen fühlt sich doch Immer von dieser Freimnurerwirtschaft 
abgestoßen und geht deshalb fremd sozusagen durch die eigene Welt. 


V Die Akademie ist das von lf o 1 b e r ti neirrfmdele Alumnat von S u r ü. 


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Wasbutzki. 


1 U(i 


Sie wollen nichts gemein haben mit den Menschen/; mit welchen sie 
doch nur das eine gemein haben. Diese einzelnen stehen da doppelt 
vereinsamt, erhalten keine Zeichen und geben keine. Sehr oft sind 
aber diese Zeichen gar nicht nötig. Die Homosexuellen erkennen 
sich untereinander buchstäblich, bevor sie gegenseitig ihr Gesicht 
gesehen haben. Ich begreife diese Tatsache selber gar nicht. Eis 
scheint, als seien sie durch einen elektrischen Strom unwillkürlich 
verbunden. Ein Homosexueller kann einen andern als homosexuell 
erkennen, wenn er von weitem auch nur dien Rücken dieses Menschen 
sieht. Am leichtesten sind sie wohl an den Augen zu erkennen. Diese 
Augen sind beinahe immer von einer sehnsüchtigen Trauer. Und 
eine tiefe, mitunter unruhige Traurigkeit ist wohl auch der Haupt¬ 
zug des Charakters. Traurigkeit und Unruhe. Die meisten Homo¬ 
sexuellen reisen viel, wenn sie wohlhabend sind, als Touristen; in 
den niedern Ständen nehmen sie Berufe an, die es ihnen gestatten, 
den Ort zu wechseln, teils wohl weil sie sich so sicherer fühlen, teils 
auch weil sie auf Reisen die innere Unruhe befriedigen können. 
Viele Homosexuelle führen die Lüge ihres Lebens so ausgezeichnet 
durch, daß sie sterben, ohne daß recht viele Heterosexuelle etwas 
von ihrem Leben gewußt haben. Ich glaube, daß viele Menschen 
ihr Urteil über homosexuelle Mitmenschen sehr ändern würden, 
wenn sie wüßten, daß beinahe ein jeder in seiner nahen Verwandt¬ 
schaft oder im Kreise seiner Freunde einen IJomosexuellen hat, und 
zwar eben einen Menschen, der mit allen Mitteln seines Herzens und 
seines Hirns versucht, allen Gesetzen der Gesellschaft und der Ehre 
gerecht zu werden, um jenen Makel auszuwischen. 

Daß die Homosexualität in einem sonderbaren und unerforsch- 
lichen Verhältnis zu künstlerischer Veranlagung steht, ist für mich 
zweifellos. Man würde, wenn man die Zahl der homosexuellen 
Dichter genau feststellen könnte, gewiß einen Prozentsatz heraus¬ 
bekommen, welcher Staunen erregen würde. Es sind dies seelische 
Zusammenhänge, Zusammenhänge des Organismus, welche vorläufig- 
vollkommen dunkel sind. 

Wenn aber der Dichter einmal homosexuell ist, hat er die un¬ 
gewöhnlichsten Bedingungen für seine Kunst. Wenn ich mich so 
ausdriicken darf, hat er von Natur einen Januskopf und kann nach 
zwei Seiten das Seelenleben erforschen. Er bleibt Mann und fühlt 
doch mit der Seele einer Frau. Die Größe Shakespeares wäre ohne 
den Earl of Pembroke nicht möglich gewesen. Größeres wird der 
homosexuelle Dichter leisten können, wenn eine Zeit möglich wird, 
wo er seine Gefühle direkt auszudrücken wagt; wenn er die jetzt 
nötige Verkleidung überhaupt aufgeben könnte, würde er erst die 
volle Ursprünglichkeit und die vollkommene Stärke seines Talentes 
entfalten können. Um eine ewige Maskerade zu vermeiden, wendet 
er sich von sich selbst und seinen eigenen Gefühlen ab und wird als 
Künstler vor allen Dingen ein Beobachter seiner Mitmenschen, und 
zwar in den meisten Fällen ein großer Schilderer, weil er sozusagen 
mit vier Augen sieht. 

Sind aber die homosexuellen Schriftsteller merkwürdig zahl¬ 
reich, so sind die homosexuellen Schauspieler noch viel zahlreicher. 
Das Zwitterwesen der Schauspielkunst, in welchem es immer gilt. 


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FTerman Bang über das Problem Sexualität. 


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in einem anderen Wesen aufzugehen:, scheint mit dem Zwitterwesen 
der Homosexualität in enger Verbindung zu stehen. Die allermeisten 
künstlerisch Begabten, die homosexuell sind, werden eine Neigung 
für die Bühne haben, weil doch ihr eigenes Doppelwesen dem vom 
Schauspieler geforderten Doppelwesen — eins zu sein und ein 
anderes zu scheinen — entspricht. Dieser Drang zur Schauspielerei 
tritt sogar bei allen Homosexuellen ans Licht. Man wird bei ihnen 
immer eine große Neigung für Maskenspiele, historische Kostüme 
u. dgl. finden. Nicht, daß sie sich als Weiber verkleiden, sie haben 
nur eine geheime Lust sich zu verpuppen, die Gestalt, zu ändern 
— ein anderes Geschöpf selbst für Momente nur zu werden. 

Die Tenoristen stehen in dem Rufe von Homosexualität, 
wie ich glaube, mit keinem besonderen Recht, obwohl die mensch¬ 
liche Stimme im großen ganzen ein sehr entscheidendes Zeichen für 
die Homosexualität bedeuten kann. Der Ton, auch die Sprechweise 
des Homosexuellen ist immer 1 , wenn auch nur für Augenblicke, 
eigenartig gefärbt. Und vielleicht wird der Homosexuelle sich eben 
durch seine Stimme und durch sein Sprechen am leichtesten ver¬ 
raten, wenn er nicht frühzeitig genug auf sich selbst genau aufpaßt 
und durch große Mühe seine Stimmlage ändert. Ich habe homo¬ 
sexuelle Menschen getroffen, die in der Tat zwei ganz verschiedene 
Stimmen zur Verfügung hatten und welche mit vielen Menschen 
zusammen gewissenhaft Baß sprachen, während sie sofort, wenn sie 
mit einem anderen Homosexuellen sprachen, eine ganz andere 
Stimme, eine hellere benutzten. Die meisten lernen aber so auf¬ 
passen, daß sie sich nur durch den unwillkürlichen Tonfall eines ein¬ 
zelnen Wortes verraten. 

Ich habe einmal einen der größten Schauspieler meiner Zeit 
bis ins Herz beleidigt. Br hatte am Abend vorher eine große Rolle 
gespielt und fragte mich, wie ich ihn gefunden hätte. Ich antwor¬ 
tete: ,.Es war wunderbar, nur durfte ich während der Liebesszenen 
nie die Augen schließen, dann wußte ich nicht, ob Sie gesprochen 
oder Ihre Geliebte.“ Der hatte sich eben verraten. 

Die Stimme führt uns in die.Ajrtistenwelt über*, wo wir alle Gat¬ 
tungen der Homosexualität überaus reichlich vorfinden. Zuerst die 
Damenimitatoren, die ja sehr oft homosexuell sind. Doch ist sicher¬ 
lich auch hier große Vorsicht des Urteils geboten, öfter habe ich 
gehört,, daß die Damenimitatoren eben nur agents provocateurs 
waren, welche den bequemsten Weg als Erpresser eingeschlagen 
hatten. In der Artistenwelt sind die Vertreter der anscheinend 
männlichsten Berufe, Athleten, Ringkämpfer, Jockeis, starke Männer 
usw. am allerhüufigsten homosexuell. Als wollte die Natur ein Über¬ 
maß von Männlichkeit damit rächen, daß diese selben Männer im 
Geschlechtsleben keine Männer wären. Übrigens sind sehr viele von 
den eifrigsten Sportsleuten auch homosexuell, worauf ich ausdrück¬ 
lich die Ärzte aufmerksam mache. Wahrscheinlich treiben viele 
Homosexuelle so eifrig allerlei Si>ort, um sich besser verstecken zu 
könuen. Man darf auch nicht vergessen, daß der Sport den Teil¬ 
nehmern gestattet, sich vielfach auszuputzen und auszuziehen. Um 
aber zur Artistenwelt zurückzukehren, liegt wohl die Sache so: Die 
Artistenwelt ist ja die Bühnenwelt des niederen Volkes, d. h. daß 


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"Wasbutzki. 


die Ungebildeten, welche nicht die Bühne erreichen können, die 
Brettel auf suchen, und daß diese von demselben Drang erfüllt sind, 
welcher die Homosexuellen der höheren Schichten der Schauspielerei 
zuführt. Namentlich in England und Amerika kommt es oft vor, daß 
sehr gebildete Menschen Artisten werden, und diese werden es eben, 
weil sie homosexuell sind; denn kein Beruf gibt wegen des ewigen 
Engagementwechsels, wegen des Lebens der Artisten ganz außer¬ 
halb der Gesellschaft, dem Homosexuellen soviel Freiheit und TJn- 
bemerktheit, wie der Zirkus oder das Variete, wo die verschiedenen 
auftretenden Artisten sich tatsächlich fast nie kennen und ganz ge¬ 
trennt leben. Da können zwei Exzentriks .oder Knockabouts oder 
Clowns ruhig herumreisen, sie sind ja auf dem Programm noch dazu 
immer Brüder. 

Die ganze Frage der Homosexualität wird durch die Bisexuali¬ 
tät noch schwieriger zu erforschen. Die Bisexualität stellt als eine 
Tatsache da. Es gibt eine Anzahl, und zwar eine bei weitem größere 
als man glaubt, von Männern, die abwechselnd mit Frauen und 
Männern geschlechtlich verkehren. Die meisten haben hierbei be¬ 
hauptet, daß die Existenz der Bisexuellen ein Beweis für die An¬ 
steckung der homosexuellen Neigung wäre oder ein Beweis für die 
vielfältige Verführung zur Homosexualität. Dein ist aber nicht so. 
Den Beweis dafür liefert die Tatsache, daß sehr viele Bisexuelle mit 
den Frauen anfangen und erst viel später als Vollreife Menschen 
auch mit den Männern anknüpfen. Von den mir bekannten Bi¬ 
sexuellen hat die größte Zahl diesen Weg zurückgelegt. Die Ursache 
mag .wohl die sein, daß die Bisexuellen, welche die Möglichkeit 
haben, nach zwei Seiten hin geschlechtlich zu fühlen und zu ver¬ 
kehren, in der ersten Jugend vor Angst und Scheu den gewöhnlichen 
Weg einschlugen, um erst später den anderen Weg ihrer Doppelnatur 
zu gehen. Jedenfalls steht es für mich fest, daß die Bisuxalität 
ebenso dem Individuum angeboren ist, wie die Homosexualität. Ich 
glaube aber nicht sehr an die grundsätzliche Bisexualität; dies ist 
nur eine verschleierte Homosexualität. Ein Bisexueller ist nur 
ein Homosexueller, welcher imstande ist, rein sinnlich sich von 
zwei Geschlechtern reizen zu lassen oder, um deutlicher zu sein, 
welcher imstande ist, sich auch von Frauen rein sinnlich reizen 
zu lassen. Dieses Vermögen schenkt ihm die Möglichkeit zu 
heiraten, und er heiratet sehr oft aus den reinsten Utilitätsriick- 
siehten, um besser versteckt zu bleiben. Ich habe keinen Fall ge¬ 
troffen, wo das Gefühl eines Bisexuellen nicht seinem homosexu¬ 
ellen Verhältnis gehörte, und wenn ich einen Bisexuellen von 
seiner Frau sprechen hörte, so ist der Satz immer derselbe gewesen: 
„Ich habe sie ja sehr gern.“ 

Eine gute Kameradschaft wurde öfters in diesen Ehen erreicht, 
vielleicht eben weil sie sich geschlechtlich ganz ohne jede Über¬ 
treibung hinschlichen. Die eheliche Pflicht war eben von Anfang 
an eine erfüllte Pflicht und die Frau hat nichts Besseres gekannt. 
Als Charakter hat der Bisexuelle meines Erachtens nach alle die 
Züge des Homosexuellen. Auch dies scheint mir ein Beweis dafür 
zu sein, daß die Bisexualität nur ein rein physisches Vermögen des 
Homosexuellen bedeutet — ein rein physisches Vermögen, welches 


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Herman Bang über das Problem Sexualität. 


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für seinen übrigen ganzen Organismus von sehr geringer Bedeutung 
bleibt. Soweit ich, der ich mich mit Psychologie mein ganzes Lehen 
beschäftigt habe, d'as seelische Wesen der sog. Bisexualität verfolgen 
konnte, fiel diese Psychologie ganz und gar mit der Psychologie der 
Homosexuellen zusammen; nur in einer Beziehung waren die Bi¬ 
sexuellen stärker und ungestümer veranlagt, sie waren meistens bis 
zum Übermaß sinnlich gereizt. Dieses erkläre ich daimit, daß die ge¬ 
schlechtlichen Beziehungen zu den Frauen, welche aus allerhand 
Kiicksichten aufrecht erhalten wurden, ihnen doch immer eine ge¬ 
wisse Anstrengung kosteten und sie deswegen in der Länge der Zeit 
geschlechtlich besonders reizbar machten. 

Zu dem schon geschilderten Unglück der Homosexuellen tritt 
noch die Erpressung. Die Erpressung ist eine gegebene und nie auf¬ 
hörende Heimsuchung der homosexuellen Welt. Die gehebne Ver¬ 
bindung, die bitsächlich unter den meisten Homosexuellen besteht, 
erleichtert die Erpressung noch mehr. Weil er im Geheimhund der 
Homosexuellen bekannt ist. kann ein Mensch der Erpressung aus¬ 
gesetzt werden, ohne in irgendwelcher Beziehung zum Erpresser 
zu stehen oder je gestanden zu haben. Der, welcher eine Erpressung 
versuchen will, tritt einfach an den Betreffenden heran mit einer 
Ritte. Die ewige Angst des Homosexuellen, seine ständige Un¬ 
sicherheit läßt ihn fast bnmer gehen. Und hat er einmal gegeben, 
so ist er halbwegs verloren. Daß er Geld gegeben hat, wird, wenn 
die Rache entdeckt wird und vor die Polizei kommt, fast immer für 
einen Beweis gehalten, daß der betreffende Mensch in unlauteren 
Beziehungen zum Erpresser gestanden hat. Je gütiger deswegen ein 
Mensch ist, umso größer die Gefahr, der er ausgesetzt ist. In einem 
großen Prozeß in Dänemark wurde ein Mitglied 1 einer der ersten 
Familien des Landes vor die Polizei gerufen. Er hatte tatsächlich 
einigen armen Burschen, die in einen Sittlichkeitsprozeß hinein¬ 
gezogen worden waren, mit ziemlich großen Summen ausgeholfen, 
kannte sie jedoch gar nicht. Man wollte ihn» dies nicht glauben, und 
voller Wut rief er aus: „Meine Herren, S'e kennen die Wohltätig¬ 
keitslisten unseres Hau«es nicht!“ Dasselbe Gefühl schrie, glaube 
ich’, aus dem Fürsten Eulenburg, als man den Beweis gegen ihn 
führen wollte, daß er zu einem früheren Diener Beziehungen gehabt 
habe, weil er ihm 5000 Mark geschenkt hatte. Jetzt wird also alles 
in Schmutz verwandelt, schrie er. 

Auf den hloßen Verdacht hin sogar kann ein Mensch der Er¬ 
pressung ausgesetzt werden. Der Erpresser weiß nichts Bestimmtes, 
der Betreffende aber weiß sich homosexuell, läßt sich einschüchtern 
und gibt. Hat er aber ein/nal gegeben, so bleibt das erste Geben 
schon als ein Beweis bestehen und er muß wieder geben. Er ist schon 
in der Hand des Erpressers oder vielmehr der Erpresser, denn diese 
Herren bilden in jeder Stadt und in jedem Tran de eine Gesellschaft, 
in der sich alle kennen und die Beute gemeinschaftlich aussuchen. 
Die höchsten Gesellschaftskreise werden in der Zeit der Eisenbahnen 
und der Telegraphie seit 20 Jahren von einem internationalen Klub 
heimgesucht. Der Homosexuelle, der seit Jahren ausgerdündert ist, 
sucht endlich, um Buin und Schande zu entgehen, den Tod. Einige 
suchen bei der Polizei Schutz, und das Wunderbarste geschieht: die 


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Wasbutzki, Herman Bang über das Problem Sexualität. 


Polizei, deren. Pflicht es wäre, nach den Gesetzen die Homosexualität 
zu bestrafen, nimmt gegen das Gesetz die Homosexuellen in Schutz. 
Die Polizei kennt die ungeheuerliche Gefährlichkeit cter Erpresser, 
ihre Beamten, die schließlich bei der gegenwärtigen Lage der Dinge 
am meisten vom Problem der Homosexualität verstehen, fühlen so¬ 
gar ein großes menschliches Mitleid mit den Homosexuellen und 
gehen gegen die Erpresser los. Dies ist aber gegen das Gesetz, und 
dies Verfahren der Polizei untergräbt, wenn es bekannt wird, ab¬ 
solut das allgemeine Rechtsgefühl. Das Verfahren der Polizei, wenn 
sie die Homosexuellen schützen will, wird recht oft bekannt, weil die 
Erpresser Skandal machen. Es kommt zu öffentlichen Gerichts¬ 
verhandlungen, Sittlichkeitsverfahren usw. Es kommt eine Affaire 
oder ein Prozeß heraus. Nur flie Eingeweihten können eine schwache 
Ahnung davon haben, wie ein solcher Prozeß in allen Kulturländern 
Nordenropas wirkt. Weil alle Homosexuellen von Namen und Stel¬ 
lung von Land zu Land in gewisser Fühlung stehen und unterein¬ 
ander sich einigermaßen kennen, kann ein Prozeß, welcher meinet¬ 
wegen in Stettin ausbricht, überall dieselbe Angst vor der Ent¬ 
deckung auf kommen lassen. Die Fäden sind so eng verknüpft, daß 
der einzelne Homosexuelle nie weiß, woran er ist und an welchem 
Tage ein Mensch, welchen e r kennt, in den Prozeß verwickelt wird. 
Eine wahre Todesangst bricht überall aus. Ich habe während be¬ 
rühmter Prozesse in den Zeitungen den direkten Verlauf dler Be¬ 
fürchtung dadurch verfolgen können, daß ich die Selbstmordchronik 
der Hauptstädte verfolgte. Im Laufe von 14 Tagen waren sämtliche 
Armeen Nordeuropas betroffen worden. Der geheime Ausgangs¬ 
punkt aber war der Skandalprozeß in z. B. Stettin. 

Die Erpressungszustände sind aber nicht nur für die Erpreßten 
bedauerlich, sondern sie vernichten auch moralisch Hunderte von 
Menschen, welche anfangs nur schwach, etwas genußsüchtig und 
vielleicht etwas eitel waren, welche aber durch die gegenwärtigen 
Verhältnisse nacli und nach Erpresser werden. Sie machen den 
ersten Versuch, halb als Bittende, ohne eigentlich Schaden anstiften 
zu wollen; der Versuch oder die Bitte gelingt, die erwünschte Summe 
ist da und so leicht verbraucht, wie sie gekommen. Die nächste Bitte 
folgt und wird eine halbe Drohung, und axis einem anfangs gar nicht 
böswilligen Menschen ist der Gesellschaft ein Erpresser geworden. 
Solange die Ärzte nicht die große Anstrengung machen, die Homo¬ 
sexualität mit aller Kraft der Wissenschaft zu erforschen und zu 
beleuchten — was die ärztliche Pflicht gegen Hunderttausende ißt — 
werden die Kriminalisten nicht die Gesetze ändern, und man wird 
fortdauernd die Homosexualität bestrafen. Diese Strafe ist aber un¬ 
berechtigt und unmöglich, denn man hat niemals das Recht, die an¬ 
geborene Natur zu bestrafen, und ich kann es nur nochmals wieder¬ 
holen: die Homosexualität ist angeboren, steckt von Geburt an in 
dem betreffenden Individuum. Der Homosexuelle handelt seiner 
Natur gemäß, wenn er homosexuell verkehrt. Der Staat hat ein 
Interesse daran, daß die Homosexualität wissenschaftlich erforscht 
wird, damit die Wege gefunden werden können, durch welche sie 
eingeschränkt oder getilgt werden kann; denn die Fortpflanzung 
allein fordert dringend eine solche Einschränkxing. Das Recht aber. 


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Max Marouse, Inzest. 


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die Homosexuellen zu bestrafen, sobald sie nicht öffentliches Ärger¬ 
nis hervorrufen, steht dem Staate nicht zu. Die Homosexualität als 
solche kann nicht bestraft werden. Der Staat weiß es schon, fürchtet 
aber es zuzugeben, damit nicht die Homosexualität noch zunehmen 
könne. 

Es muß noch gesagt werden: wenn es etwas gibt, was ganz junge 
Heterosexuelle homosexuellen Neigungen zuführen könnte, ist es 
eben die Geheimtuerei, welche der Sache in den Augen einer über¬ 
spannten Jugend einen gewissen Reiz verleiht. 


Inzest 1 

(„Blutschande“). 

Von Dr. Max Marcuse. 

Es kann auf Grund soziologischer und kulturhistorischer Forschungen, insbeson¬ 
dere seitdem Morgan in der malayischen Gruppenehe von Brüdern und Schwestern 
die wohl freilich nicht in unserem Sinne Geschwister, d. h. Kinder derselben Eltern 
waren: das altertümlichste aller Verwandlschaflssysteme erkannt hat, gar nicht mehr 
zweifelhaft sein, daß die anfängliche Form der menschlichen Sexual- 
beziehu ngen inzestuöser Natur war. Was nach dieser Richtung hin 
heute fast allgemein verfemt und verboten ist. w T ar in den frühen Zeiten der Mensch¬ 
heitsgeschichte selbstverständlich und mit besonderer Lust er¬ 
st r e b t. Dessen ist auch das Uralter des Inzestmotiv es im Mythus 
a 11er Kulturkreise Zeuge; schon an ihrer Schwelle steht überall die mythisch- 
erotische Verbindung von Bruder und Schwester. In der biblischen Sage freilich 
ist sie durch einen „Kunstgriff" verdeckt, indem Gott „auf umständliche Weise den 
Marin Adam schaffen mußte, aus dessen einer Rippe das Weib Eva gestaltet wurde“, 
aber es ist damit doch nur der Aufschub des Inzestes um eine Generation erreicht 
worden. Die indische Schöpfungslehre ist hier „viel naiver und offener, indem sie 
v on Anfang an die Zweieinigkeit Isis und Osiris als eine erotische darstellt“. Es ist 
fraglos nichts als die moralisierende Tendenz, „einige der empörendsten Züge der 
klassischen Mythologie zu beseitigen", die die Inzestsagen durch Zurückführen auf den 
Mond und sein Verhältnis zur Sonne angeblich „ganz einfach“ zu erklären sucht: sie 
seien Nacherzählungen des unbegreiflichen Naturvorganges. „Es ist wohl klar, daß die 
Menschen selbst nicht in den ältesten Zeiten und beim naivsten Vorstellungsleben am 
Himmel oben Inzest und Vatermord sahen, vielmehr daß diese Vorstellungen nur aus 
einer menschlichen Quelle stammen können“ Rank'. Noch unter den alten Kultur¬ 
völkern, vollends unter den rezenten Naturvölkern findet sich der Inzest vielfach frei¬ 
gegeben. zum Teil mit Vorliebe eingegangen. Bei den Ägyptern heiratete Amosis, 
ein Herrscher der 17. Dynastie, seine Schwester Nefertere. Duthomosis 1. seine Schw r ester 
Amosis. Duthomosis IV. seine Schwester Arat usw. Bei den Peruanern war es 
Hausgesetz. daß ein Inka nur seine leibliche Schwester heiraten durfte. Von den Juden 
gilt, was Thamar ausdrückt, wenn sie zu ihrem Bruder Amnon, der um sie wirbt, sagt: 
Bede aber mit dem Könige, der wird mich dir nicht versagen. Bei (len alten 
Iraniern waren sogar --*• das scheint immerhin eine Ausnahme zu sein — Ehen 
zwischen Eltern und Kindern erlaubt. Weit verbreitet sind jedoch solche Verhältnisse 
s y m b o 1 i s i e r e n d e Bräuche und Institutionen Defloration der Tochter durch den 
Vater oder einen in diesem Zusammenhänge seine Stelle vertretenden Häuptling, 
Priester), 

Andererseits waren in den Sagen und Dichtungen aller Völker schon seit alters her 
die inzestuösen Liebesbeziehungen und Geschlechtsverbindungen als Schul d - 
Problem behandelt. Als klassische Beispiele aus drei verschiedenen Kultursphären 
für das Geschwister-, das Vater-Tochter- und das Mutter-Sohn-Vorhältnis seien hier 
mir Siegmund-Sieglinde. Lot und seine Töchter lind Jokaste-Ödipus genannt, ln der 
modernsten Dichtung spielt die Inzestliebe wieder eine besonders große Rolle im Sinne 
des Tragischen: so bei Thomas Mmn Wälsungenblut). bei Kurt Münzer (Weg nach 
Zion), bei Albrecht Scheffer (Das Gitter), bei Fritz v. Unruh (Ein Geschlecht) u. a.. 


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Max Marcuse 


auch in vielen modernen Behandlungen des uralten Vater*Sohn-Problems hat das ihm 
immanente Inzestmotiv begreiflicherweise eine erhebliche Bedeutung, wie z. B. in 
Bronnens „Vatermord“, l.'nd hinter dem weltliterarischen an deren Motiv der „feind¬ 
lichen Brüder“ erkennt der Wissende unschwer wiederum den eigentlichen Inzest - 
konflikt. In Deutschland waren es die Stürmer und Dränger, darunter Klinger. Leise¬ 
witz und später Schiller, in deren Dramen das Motiv wohl di? bekannteste Verherr¬ 
lichung gefunden hat. Selbstverständlich erscheinen als Grund, warum die Brüder 
streiten, fast immer nur Ehrgeiz und Eifersucht, dagegen pflegt auf die geheime Erotik, 
die in dem Motiv webt, nur beiläufig hingewiesen zu werden. Solche Sachverhalte 
zeugen von der Stärke und Tiefe auch der Inzest sc heu. In der Tat ist diese eben¬ 
falls uralt und über die ganze Erde verbreitet, entstammt aber doch gegenüber der u r - 
sprünglichen Inzest tust erst einer viel späteren Sexual- und Wirtschafts¬ 
ordnung. Daß die Inzestscheu nicht etwa, wie unverständlicherweise gelegentlich 
immer noch behauptet wird, ein dem Menschengeschlecht eingeborener Instinkt und 
stammesgeschichtlich ererbt sei, wird übrigens schon durch die Tatsachen im Ge¬ 
schlechts- und Liebesieben der Tiere erwiesen, und es ist wissenschaftlich fraglos, 
daß die inzestscheu erst während der Geschichte der Menschheit, als Wirkung und 
Ausdruck bestimmter kultureller Bedingungen sich herausgebildet 
iial; ihre erste äußert Form scheint sie in den Institutionen der E xogam i e und des 
Totemismus gefunden zu haben. 

Für die Umwandlung der allgemeinen Inzestneigung i n e i n e 
allgemeine Inzestabneigung werden verschiedene Erklärungen heran¬ 
gezogen. Man hat sie auf ein elementares männliches F ü !i 1 e n zu rück¬ 
geführt, dem das Weib durch den sexuellen Akt erniedrigt und entwertet erscheine, 
so daß der Mann es als „Blutschande“ empfand, den ,,entsetzlichen“ Akt mit 
der Schwester oder gar der Mutter zu vollziehen. Diese Hypothese ist. abwegig, 
weil jene männliche Wertung des Sexuellen nichts weniger als „elementar“, viel¬ 
mehr ein Kunstprodukt der orientalisch - christlichen Kultur ist. also schon deshalb 
nicht die Quelle der ubiquitären und soviel älteren Inzestscheu sein kann. Näher 
liegt immerhin die Annahme, daß diese als Sicherung gegen schädliche 
Folgen inzestuöser Verbindungen sich entwickelt habe auf Grund 
von üblen Erfahrungen an der Nachkommenschaft nahblutsverwandter Eltern. 
Aber diese Auffassung ist ebenfalls nicht gut begründet, da ein schädlicher Einfluß 
der Inzestzucht auf die Nachkommenschaft überhaupt sehr zweifelhaft, auf jeden 
Fall an soviel besondere Bedingungen geknüpft ist, daß sie von den primitiven 
Menschen kaum erkannt worden sein kann ; dazu kommt, daß die Ursprünge der fnzest- 
scheu in die Zeit zurückreichen, in der noch Unkenntnis ii b e r d e n Zu¬ 
sammenhang zwischen G e s e h 1 e c h t s v e r kehr und G e b u r t bestand. 
Wegen der Fragwürdigkeit der biologischen Voraussetzung ist daher auch die Ansicht 
mangelhaft gestützt, daß die Abneigung gegen den Inzest auf dem Wege der Auslese 
entstanden, zum wenigsten fixiert worden sei. Mit triftigerem Grunde hingegen werden 
politische, soziale und ökonomische Erwägungen als maßgeblich für 
die hier erfolgte Umstimmung betrachtet insbesondere in dem Sinne, daß aufstrebende 
Gruppen selbstverständlich ein Interesse daran hatten, daß sie nicht durch eine bevor¬ 
zugte Kaste, deren Intelligenz und Macht sich gleichzeitig mit dem Blute weiter vererbte, 
an ihrem Aufstieg gehindert werden. „Aus demselben Grunde mag auch das Christentum, 
das eine Schöpfung von Fischern und Angehörigen der niedersten jüdischen Stände war, . . 
die Schranken gegen die leibliche Verbindung zwischen Bruder und Schwester auf¬ 
gerichtet haben. . . Die Lehre des Nazareners war die erste erfolgreiche Revolution 

gegen die Traditionen des jüdischen Adelswesens, gegen Inzucht und Oligarchie, eine 
Auflehnung des elenden Zöllnertums gegen die zu Reichtum und Macht gelangten 
Pharisäer. Daß es da in erster Linie hieß, die Gesetze zu brechen, auf 
denen sich der Einfluß einer bt vorzugton Klasse aufbaute, das liegt wohl in der Ten¬ 
denz selbst, die in jeder revolutionären Auflehnung nach Ausdiuck ringt“ (Schneider). 
Sicher spielen bei den eisten Bedenken gegen inzestuöse Vermischungen auch aber¬ 
gläubisch-religiös e Vorstellungen eine gewichtige Rolle, wie aus den Totem¬ 
und Tabu-Ideen deutlich erkennbar ist. Und schließlich dürfte eine der Wurzeln der 
Inzestscheu im Sexual ps y c h i s c h e n gelegen sein, wenn dieser Mechanismus 
auch in der I n d l v i d u a I Psychologie sehr viel stärker w irksam ist. Auf jeden Fall 
gehört die Phylogenese der Inzestscheu noch immer zu den .großen Kontroversen der 
urgeschiehtlichen Forschung“ <G. Schmoller). 

Einigermaßen problematisch sind auch Entstellen und Ursache der Inzestscheu 
des G e g e n w a l* t m e n s c h e n , ihre individuellen Wurzeln. Sicher scheint 
auch hier nur, daß es eine eingeborene Inzestscheu nicht gibt, — auch nicht 


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Inzest. 


173 


etwa eine „Stimme de9 Blutes' 1 , die inzestuösen Handlungen oder gar schon Neigungen 
widerspricht. Vielmehr entwickelt sich auch im Sexualleben des Individuums die 
Inzestscheu nicht als ein Natur-, sondern als ein K u 11 u r Produkt. Die hier wirk¬ 
samen kulturellen Bedingungen sind das familiale Gemeinschaftsleben: 
das dauernde Beieinandersein von Kindheit an läßt sinnliche Reize und Wünsche zu¬ 
einander nicht Wurzel schlagen und das Sexuelle an der Persönlichkeit von 
Eltern und Geschwistern nicht ins Bewußtsein treten, — vorausgesetzt, daß 
rechtzeitig andre Objekte für den Liebes- und Geschlechtstrieb vorhanden sind. Ge¬ 
wohnheit und Alltäglichkeit stumpfen dann ab. Von der sexuellen Gleichgültig¬ 
keit aber zur Abneigung und Verfemung ist der Weg im Bereiche des 
Psychischen nur kurz, und unter dem Einfluss^ verschiedenartigster Umweltfaktoren 
kommt es sogar dahin, daß es in der Regel schon peinliche Empfindungen erweckt, 
sich seine nächsten Angehörigen überhaupt als Geschlechtswesen vorzustellen: man 
wünscht oder fingiert sie sich gern als asexuell. Moral, Sitte und vor allem das Recht 
haben schließlich auch Verschwägerte, zum Teil sogar nur Namens- Gleiche 
(China) in den Bannkreis miteinbezogen und haben damit einer Kulturforderung der 
Gesellschaft entsprochen, welche sich mitels der Inzestscheu „gegen die Aufzehrung von 
Interessen durch die Familie wehren muß, die sie für die Herstellung höherer sozialer 
Einheiten braucht" Freud). 

Anfangs sind auch in der Liebesgeschichte des Individuums Eltern und Ge¬ 
schwister das erotische Ziel. Der phylogenetisch so tief wurzelnde Inzesttrieb ist eben 
: im Sinne des sog. psychogenetischen Grundgesetzes) auch im Kinde wirksam und 
beherrscht seine Stellung innerhalb der Familie, wobei es fraglich bleiben kann, ob 
der „Ödipuskomplex" die wesentliche Bedeutung für das gesamte Trieb- und Gefühls¬ 
leben des Menschen ganz allgemein verdient, die ihm die Psychoanalyse zuweist. 
Fraglos aber ist, daß dem Kinde, dessen „Unschuld" nicht etwa in einer vermeintlichen 
Asexualität, sondern in seiner Amoralität zu linden ist, bei seinen erotischen Gefühlen 
und Sehnsüchten — dem Knaben: Mutter und Schwrester als „das Weib", dem 
Mädchen: Vater und Bruder als „der Mann" — erscheinen, und daß es erst die Auf¬ 
gabe der Pubertät ist, diese erotische Bindung zu lösen und in die „normale" 
Kindes- und Gesehwusterliebe überzuleiten. E 9 ist ein wesentliches Merkmal psycho¬ 
pathischer Konstitutionen, daß dieser Ablösungs- und Umwandlungsprozeß nicht oder 
nicht vollkommen oder nur unter schweren seelischen Konflikten und Entgleisungen 
gelingt. Der „Familienroman der Neurotiker", den erst Freud und seine Schüler 
unserer Einsicht erschlossen haben, hat hier seine Wurzeln. Aber auch noch in dem 
Liebesieben des gesunden Erwachsenen bleiben gewisse psychische Beziehungen zu 
seiner infantilen Inzestliebe oft wohl erkennbar, ln neurotischen Familien erkennt, der 
psychologische Tiefenblick gelegentlich inzestuöse Bindungen sich durch mehrere Gene¬ 
rationen hindurch erstrecken, mitunter auch in verschiedenen Seitenlinien sich wieder¬ 
holen. f 

Die Inzestliebe des Kindes beschränkt sich den Eltern gegenüber in 
der Regel selbstverständlich auf Empfindungen und Phantasien. Es soll 
hierbei nicht an den Säugling und das Kind in den ersten 2—4 Jahren gedacht werden, 
für die die Psychoanalyse immer noch nicht überzeugend erotische Funktionen, d. h. 
psychische Bindungen und Beziehungen, die mit einigem Recht als sexuell bezeichnet 
werden dürfen, nachgewiesen hat. Aber vom 4.—6. Lebensjahre ab sind zärtlich-s i n n- 
liehe Einschläge und Betonungen in dem Verhältnis des Kindes zu den Eltern .nicht 
mehr zu übersehen, und zw’ar „liebt", w r ie schon angedeutet worden ist, das Kind den 
gegen geschlcchtigen Elternteil. Die Ausnahmen sind durch besondere psychische 
Konstellationen bedingt, z. B. wenn sich der Junge in seiner Liebe zur Mutter, das 
Mädchen in seiner Liebe zum Vater „enttäuscht" sieht und in solchen Fällen nicht 
selten sogar eine (scheinbar) feindselige Einstellung gegen den (unglücklich) geliebten 
Elternteil sich herausbildet. Bei Geschwistern untereinander sind auch inzestuöse 
Handlungen einigermaßen häufig. Zum Teil treten dabei Bruder und Schwester 
nur als Ersatz, als verjüngtes Abbild der Eltern ein, von denen Alter und 
Autorität das Kind in weitem Abstand halten; zum TeiL bringen die kindlichen Spiele 
die Geschwister einander näher, so daß „das Erwachen der Sinne beiderseitig sich 
mit den Eindrücken verknüpft, die Brüderchen und Schwesterchen aufeinander aus¬ 
üben. . . . Eines der beliebtesten Kinderspiele, das bereits bei den Kleinsten von 
6 und 7 Jahren sehr verbreitet ist, ist das ,Vater- und Mutterspielen'. Andere Bräuche 
der Großen, wie Verlöbnis, Hochzeit, Taufe u. dgl. werden nachgeahmt und geben der 
kindlichen Phantasie Gelegenheit zu unbewußt erotischen Kombinationen. Sehr häufig 
ahmen die Kinder Vater und Mutter nach, indem sie 9ich einfach nebeneinander hin¬ 
legen. und die Geste des gemeinsamen Schlafens führt dann leicht zu Berührungen 


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Max Marcuse. 


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und Gefühlen, die die Leieren Beziehungen des gemeinsamen Lagers blitzartig 
empfinden lassen“. Es ist unter solchen Umständen meist nur eine Frage des 
zufälligen geschlechtlichen Reifezustandes, ob und wieweit es zu sexuellen Akten 
kommt, in einem — durchaus nicht einzigartigen — Falie hatte zwischen dem 
sexuell frühreifen 12jährigen Bruder und der 15jährigen Schwester schon jahre 
lang ein reger Geschlechtsverkehr stattgefunden, als das Verhältnis durch Ertappung 
in flagranti entdeckt wurde. Die Kinder hatten Gelegenheit gehabt, den ehelichen 
Verkehr der Eltern mit anzusehen. In einem anderen Falle trieb ein Tjähriger 
Bub mit dem 5jährigen Schwesterchen Inzest — in aller Harmlosigkeit, lediglich 
ein Opfer des Milieus. Denn am häufigsten ereignen sich derlei Dinge selbst¬ 
verständlich zwischen unbeaufsichtigten und nicht erzogenen Kindern, namentlich 
bei schlechten Wohnverhältnissen. Solche inzestuösen Handlungen sind in der 
Kegel durchaus unbedenklich, da sie der kindlichen Natur gemäß sind. Daß 
sie der Ausdruck psychischer und moralischer Abartigkeit sein können, ist jedoch 
gewiß, insbesondere wenn sie jenseits der Pubertät begangen werden, also nachdem 
normalerweise die Inzest sch ranke bereits errichtet ist. 

Es ist schon erwähnt worden, daß die infantile Inzestliebe regelmäßig noch das 
spätere Liebesieben des Neurotikers und Psychopathen beeinflußt. Diese Fortwirkung 
bestimmt vor allem die Gatten- und G e 1 i e b t e n w a h 1. Häufig erscheinen 
Liebesleute und junge Ehegatten einander so ähnlich, daß sie leicht für Geschwister 
gehalten werden; oft besteht diese Ähnlichkeit freilich nicht allgemein, sondern nur in 
bezug auf besondere Einzelmerkmale; sie kann auch mehr den Charakter als den 
Körper betreffen. Das Wesentliche ist, daß diese Menschen das Bild des Vaters bzw. 
der Mutter, des Bruders bzw. der Schwester noch unbewußt als ihr erotisches 
Ideal im Herzen tragen und nach diesem Ideal hinslreben. Auf solchem Grunde er¬ 
wachsen auch die häufigen Liebesverhältnisse und Neigungsheiraten zwischen Onkel 
und Nichte und zwischen Vetter und Base, ferner die anscheinend so „unnatürliche“ 
Liebesleidenscbaft manches Jünglings zu einer reifen Frau, „die seine Mutter sein 
könnte“ (oder gar ist, wie in dem Fall des Chevalier von Yilliers und der Ninon de 
Lenclos) 1 ). Das klassische Beispiel der infantilen Bestimmung des Verhältnisses zur 
Geliebten ist Goethes Beziehung zu Charlotte von Stein, die ihm psychisch ganz und gar 
Mutter und vor allem Schwester vertritt: ..... ach Du warst in abgelebten Zeiten 

— meine Schwester oder meine Frau.“ Selbstverständlich sind umgekehrt auch viele 
der auffälligen Liebesverhältnisse und Neigungsehen zwischen einem jüngeren Mäd¬ 
chen und einem alternden Manne im gleichartigen Sinne (Vater-Tochter-Komplex) zu 
verstehen, wenn hier auch auf seilen des .Mannes meist noch andere Psychismen 
im Spiele sind. Daß bei jenen psychischen Vorgängen mit dem Inzestmotiv nar¬ 
zißtische Triebe Zusammentreffen, kompliziert sie nur unerheblich, da die beiden 
Motive ohnedies unmittelbar miteinander im Zusammenhang stehen. Erwähnt sei b*»i 
diesem Anlaß, daß die weitverbreitete Annahme, daß Ehegatten — als Folge gonv in- 
samen Lebens und Erlebens — im Alter erst einander ähnlich werden, auf einer 
Täuschung und einer Verkennung eben jener bereits bei der Gatten w a h l wirksamen 
Antriebe zu beruhen pflegt *). Die inzestulöse Bindung aus der ersten Jugendzeit her 
kann übrigens die Wahl des sexuellen Partners auch nach der entgegen¬ 
gesetzten Richtung hinleiten, d. h. von allen denjenigen Liebesobjekten hin¬ 
wegdrängen, die die erotische Erinnerung an Eitern und Geschwister wecken 

„neurotische Exogamie“). Auf solcher „Flucht vor dem Inzest“ beruht zum Teil 
die starke wo tisch-sexuelle Anziehungskraft zwischen Verschiedenrassigen. Andere 

— innerhalb gewisser Grenzen übrigens normale - Nachwirkungen der infantilen 
Inzest-, insbesondere erotischen Geschwisterliche sind das Interesse, mit dem der 
Bruder der Schwester den Gatten suchen hilft und das er an ihrer Wahl nimmt—-weit 
über das ohne solche Zusammenhänge selbstverständliche Maß hinaus —, seine deut¬ 
lich eifersüchtige Einstellung gegenüber dem jSchwager, die gelegentlich zu den ange¬ 
strengtesten Versuchen und Ausflüchten führt, der Hochzeitsfeierlichkeit nicht beiwohnen 
zu müssen, ferner: die Zärtlichkeit und der Stolz, mit denen er oft „väterlicher als der 
Vater“ an den kleinen Kindern der Schwester hängt, u. dgl. m. Auch w t o der Bruder 

*) S. auch Franziska Manns eben erschienenes Buch „Die Stufe“ von der Liebe 
einer reifen Frau zu einem jungen Manne, dem sie „nur StuTe“ sein will zur Entwick¬ 
lung seiner Persönlichkeit, aber von der Erkenntnis, daß er sie seiner Mutter vergleicht, 
jäh erschüttert wird und aus seinem Leben verschwindet. 

*) Freilich gibt es physiologische Beobachtungen (Waldstein Kckler), die 
der Sage von Philemon und Baucis eine wissenschaftliche Rechtfertigung verschaffen 
könnten. 


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Inzest. 


175 


als Rächer der beleidigten schwesterlichen Ehre auftritt, handelt er in der Regel viel 
weniger aus einem sog. Familiengefühl als „aus Eifersucht und geheimer Leiden¬ 
schaft, deren Gegenstand nach uralten menschlichen Prinzipien die eigene Schwester 
ist“. An dieser wiederum zeigt sich die Nachwirkung ihrer kindlichen Inzestliebe 
darin, daß sie ihren Mann (mehr oder weniger unbewußt) immer wieder an Vater und 
Bruder mißt und wertet. —« Daß manchem alten Junggesellen und mancher alten 
Jungfer nur ihre inzestuöse Bindung den Weg zur Ehe versperrt haben, sei beiläufig 
erwähnt. 

Wie die Geschwisterliebe und die Liebe der Kinder zu den Eltern etwas anderes 
sind als die Liebe der Eltern zu den Kindern, so sind anders als die inzestuöse Kindes- 
und Geschwisterliche die sexuellen Beimischungen oder gar sexuellen Umwandlungen 
der Liebe der Eltern zu ihren Kindern zu beurteilen. Sie wurzeln nicht so 
sehr in der psychogenetischen Gesetzmäßigkeit, sondern entstammen mehr besonderen 
individual- psychischen Bedingungen. Auch hier sei wieder von den extremsten 
Theorien der Psychoanalyse abgesehen, nach denen z. B. die Liebe der Mutter schon 
zu dem Säugling alle Merkmale einer geschlechtlichen Liebe aufzeige. Analogien 
sind fraglos vorhanden. 

Daß in dem Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern erotische Saiten mitschwin- 
gen, ist oft mit Sicherheit zu erkennen. In solchen Fällen dienen häufig die Tatsachen 
und Vorstellungen, die normalerweise zur Errichtung und Beachtung der Inzest¬ 
schranke beitragen, gerade dem entgegengesetzten Ziele. Meist ist es die eigene 
J ugend, die der Vater in seiner Tochter, die Mutter in dem Sohne liebt und sexuell 
begehrt a ). Im Grunde wirkt hier eine narzißtische Triebrichtung, die ihrerseits 
Ausdruck eines allgemeinen „Autismus“ zu sein pflegt. Dieser Zusammenhang macht 
es begreiflich, daß er leicht bei homoerotischen Konstitutionen wirksam wird und 
dann zu jener unverkennbar sexuell betonten Zärtlichkeit und Selbstgefälligkeit führt, 
die in dem Verhältnis manches Vaters zu seinem Sohne, mancher Mutter zu ihrer 
Tochter wahrzunehmen ist. Autoerotische Beimischungen färben gelegent¬ 
lich auch die Liebe des Großvaters zu seiner Enkelin inzestuös (das Verhältnis 
der Großmutter zu ihrem Enkelsohn ist im allgemeinen wohl solcher Beeinflussung 
entzogen), und die Ausnahmestellung, die Peter A 11 e n b e r g gegenüber den „ver¬ 
steckten Geschäften“ in allen anderen Liebesverhältnissen, auch in der Elternliebe, 
die „auf Revanche lauere“, allein der Liebe des Großvaters zu seiner Enkelin 
zuweist als der „einzig unverlogenen wahrhaftigen Beziehung zwischen zwei Men- 
schenseelen“, verdient diese nicht schlechthin. Die inzestuöse Liebe richtiger: 
V e r 1 i e b t h e i t der Eltern gegenüber bestimmten Kindern ist jenen in der Regel 
selbstverständlich nicht bew r ußt, und jeder Hinweis auf die erotische Natur des Ver¬ 
hältnisses pflegt als ungeheuerlich und absurd zurückgewiesen zu werden. 
—• Einem beachtenswerten Motiv begegnet man nicht selten in dem inzestuösen 
Verhältnis des Vaters zur Tochter, der Mutier zum Sohne: nämlich dem der 
Wiedererkennung der Gattin bzw. des Gatten. Einer der charakteristischsten 
Beispiele für diesen seelischen Vorgang liefert der in seiner besonderen Gestaltung 
wohl ziemlich einzigartige Fall des 51jährigen Vaters, der mit seiner ‘36jährigen 
Tochter im Inzest gelebt und im Laufe der Zeit 5 Kinder gezeugt hatte. Der ange- 
klagte Vater verantwortete sich vor Gericht dahin, Augustine sei seine außereheliche 
Tochter, die er deswegen nicht legitimieren konnte, w r eil ihre Mutter kurz vor der 
Hochzeit plötzlich gestorben sei. Er habe das Kind sorgfältig erziehen lassen. Als 
er dieses nach langer Zeit als erwachsenes Mädchen übernahm, habe er ihre ver¬ 
storbene Mutter vor sich zu sehen geglaubt; die Tochter sei förmlich ein Spiegelbild 
ihrer Mutter gewesen. Da sei ihm der Gedanke gekommen, das durch den Tod des 
von ihm abgöttisch geliebten Weibes abgebrochene Verhältnis mit der Tochter, dem 
getreuen Abbild der Mutter, fortzusetzen. Das Mädchen habe eingewilligt, „und so ist 
unsere Familie entstanden“. Der verwitwete Vater und die verwitwete 
Mutter (hier ist auch der Frauen impotenter Männer im ähnlichen Sinne zu 
gedenken) erliegen einer inzestuösen Liebe aus dem „Wiedererkennungsmotiv“ be¬ 
sonders leicht; verwitwete Väter und ihre erwachsenen Töchter, verwitwete Mütter und 
ihre gioßen Söhne sind in einer Großzahl der Fälle „wie“ Liebespaare. — Bisweilen 
scheint die Inzestschranke als solche aufreizend zu wirken; dann entsteht der 

;l ) „Elien darauf, daß der Erzeuger im Erzeugten sich selbst wiederkennt, beruht 
die Vaterliebe ...“ (Schopenhauer). Aber nicht nur die normale Eltern liebe hat 
hierin eine ihrer Wurzeln, sondern auch die anomale (neurotische) Feindselig¬ 
keit und Gehässigkeit manches Elters gegen sein Kind bzw. eines seiner Kinder 
kann diese Herkunft haben. 




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Max Marcuse, Inzest. 


Inzest aus der Lust am Verbotenen, der sich gelegentlich ein Drang zur 
E n t \v e i h u n g beigesellt Diese Fälle sind nicht identisch mit solchen, in denen 
die inzestuöse Liebe in sadistischen Trieben wurzelt, deren Auswirkung 
zum Inzest a k t sich dann gewöhnlich als sexuelles Hoheitsdelikt schlecht¬ 
hin erweist. Auch Masochismus kann die Quelle inzestuöser Liebe sein, 
die hier oft die Form geschlechtlicher Hörigkeit annimmt. Von anderen 
Perversionen, in denen der Inzest seinen psychischen Ursprung hat, verdient noch 
die Pädophilia erotica Erwähnung. Dieser Zusammenhang ist allerdings 
mehr zufällig, deshalb aber nicht weniger beachtlich, wie folgender Fall erweist: 
Bei einem ..höchst achtenswerten“ Herrn von H> Jahren war seit einem Jahr ein 
starker Umschwung in seiner gesamten Sexualpsyche eingetreten: es reizte ihn 
nur noch das Jugendliche, besonders aber die sich entwickelnde Pubertas, nicht 
das volle Ausgereiftsein. Diese Neigung war in letzter Zeit so stark ausgeprägt, 
daß sie sogar seiner eigenen 15jährigen Tochter gegenüber durchbrach und es 
ihm nicht mehr möglich w’ar. sie auf den Schoß zu nehmen ohne heftige Erek¬ 
tionen und kaum beherrschbaren sexuellen Drang. Sein Kind zu liebkosen oder 
zu küssen, wurde ihm unmöglich, und schon ihr Anblick setzte ihn den heftigsten 
Anfechtungen aus. Der Inzesttrieb war hier also nicht ein unmittelbarer, sondern 
dadurch bedingt, daß die zugrunde liegende allgemeine Pädophilie auch vor der 
Inzestschranke nicht schwieg. Auf solche Zusammenhänge dürfte auch in einem 
Teil der Fälle zu schließen sein, in denen — wie dies auch in dem eben erwähnten 
Falle zutrifft — inzestuöse Neigungen eines Vaters erstmalig um die Zeit der Wechsel¬ 
jahre auftrelen; jedenfalls sind Inzest Phantasien (oder -delikte) als Symptom des 
(11 i m a c t e r i u m virile nicht selten, und andrerseits wird die Pädophilie, sei es 
hetero-, sei es homosexuell gerichtet, häufig unter den sexualpsychischen Störungen 
des männlichen Klimakteriums angetroffen. Der hiermit angedeuteten neuen Be¬ 
ziehungsmöglichkeit zwischen Inzestliebe und Homosexualität sei an dieser 
Stelle gleich der Hinweis auf eine weitere, zwar noch fragwürdige Art des Zusammen¬ 
hanges zwischen den beiden Psychismen hinzugefügt: nach den Lehren der Psycho¬ 
analyse ist die Homosexualität eine Neurose, deren Wurzeln in die infantile Sexualität 
reichen und die aus einer (in anderem Zusammenhänge schon erwähnten) „Flucht 
vor dem Inzest“ erwachsen ist. 

Von anderen Faktoren, die unter den Ursachen oder Bedingungen der Inzestdelikt«* 
eine beachtliche Holle spielen, sind zu nennen: Aberglaube, sexuelle und 
soziale Not, Alkoholismus (der gar nicht selten zu einer regel¬ 
rechten Promiskuität der ganzen Familie führt) und Geistes- 
k r a n k h e i t Und überall, wo sexuelle E x z e s s e statlfinden, steht der Inzest 
an erster Stelle: man denke an das Beispiel der Borgia, insbesondere an Lukrezia. 
„Alexanders Tochter, Gattin und Schnur“, ferner an die Verknüpfung der Inzestidee 
mit mystischen und sektirerischen Strebungen und Riten ;„Brüder vorn 
freien Geist“). Sehr bemerkenswert ist der große Anteil der Frauen am Inzest als 
V e r f ü h r e r i n und A n s t i f t e r i n , sowohl der „großen Schwester“ und der Tochter 
. oft auch der leiblichen, aber besondeis der Stieftochter) wde auch der Mutter, welch 
lezterc wahrscheinlich überhaupt kaum je als di«» (von ihrem Sohn) Verführte in psy- 
rhologischem Sinne wird gelten können. 

Bei der stammesgeschichtlich und ontogenctisch so tiefen Verankerung der In¬ 
zestliebe kann nicht die Hede davon sein, daß eine „Gedankensünde“ nach dieser Rich¬ 
tung hin irgendwelche Zweifel an der geistigen oder sittlichen Integrität wecken müsse. 
Die Zeit- und Ortlosigkeit dts Inzestmotivs in Dichtung und Sage veranschaulicht 
die Tatsache, daß es sich hei ihm um etwas A ! 1 g e m e i n - M e n sjc h 1 i c h d s 
handelt. Daß psychische Störungen auch schon hinter inzestuösen Wünschen stecken 
können, ist nicht zweifelhaft. Und wenn die Inzestneigung zum Inzest a k I 
lülut, so weist das angesichts der Macht der Inzestschranke für den normalen 
Menschen und ihrer sozialen und moralischen Geltung entweder auf einen so über¬ 
starken Trieb oder auf eine — wofern nicht Milieu-, insbesondere W o h n - E 1 e n d 
zu Verwahrlosung in sexueller Hinsicht führen muß solche Hemmungslosigkeit hin. 
daß hier im allgemeinen eine grundlegende Konslitutionsanomalie vermutet werden 
darf. Das gilt selbstverständlich im wesentlichen nur unter den Voraussetzungen 
unserer ^itte und Kultur. Wie wenig diese auch in ihren Beziehungen zum Inzest 
allgemeingültig sind, wurde bereits angedeutet. Es sei hier noch an das französische 
Rokoko erinnert, in dem inzestuöse Verbindungen anscheinend unter suggestiven 
Einwirkungen weit verbreitet und beinahe legalisiert waren. Wie wandelbar nach 
Ort und Zeit die öffentliche Meinung über den Inzest ist, zeigt sich auch in der G e - 
schichte seiner strafrechtlichen Behandlung. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


Vom deutschen Strafgesetzbuch wird die Inzest-Blutschande im 
§ 173 folgendermaßen behandelt: „Der Beischlaf zwischen Verwandten auf- und ab¬ 
steigender Linie wird an den ersteren mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, an den letzteren 
mit Gefängnis bis zu 2 Jahren bestraft. Der Beischlaf zwischen Verschwägerten auf- 
und absteigender Linie, sowie zwischen Geschwistern wird mit Gefängnis bis zu 
2 Jahren bestraft. Neben der Gefängnisstrafe kann auf Verlust der bürgerlichen 
Ehrenrechte erkannt werden. Verwandte und Verschwägerte absteigender Linie bleiben 
straflos, wenn sie das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.“ Vom Entwurf 
1919 wird in seinem § 319 das Strafmaximum von 5 Jahren auf 10 Jahre erhöht. 
Die Auswahl der Personen, zwischen denen der Geschlechtsverkehr von dem Straf¬ 
recht al9 inzestuös gebrandmarkt wird, und die zum Teil nur aus Nachwirkungen aus 
dem totemistischen Zeitalter mit seinem „Verschwägerungstabu“ zu begreifen sind, 
sowie die Strafabmessungen können vorurteilsloser Kritik kaum mehr standhalten. 
Aber darüber hinaus ist überhaupt die Strafwürdigkeit des Inzestes als solches 
ernstlich in Frage zu stellen und wohl nur bei Verkennung des Wesens- und Aufgabe- 
Unterschiedes von Hecht und Moral zu bejahen. Wo mit dem Inzest Notzucht, Mi߬ 
brauch eines Treueverhältnisses, Verfiihrune u. dgl. Zusammentreffen, bleibt für an¬ 
gemessene Ahndung dieser Delikte selbstverständlich hinreichend zu sorgen. 

Literatur: K. Abraham, über neurotische Exogamie, 1914. Klin. Beitr. zur 
Psychoanalyse. 1921. — .1. Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit. 1909. — S. Freud, 
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Aufl. 1922. — S. Freud, Die Inzestscheu 
in: Totem und Tabu. 1920. — II. v. Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 
1922. — A. Hirschfeld, Sexualpathologie, II. Teil. 1918. —« Kretschmer, Medizinische 
Psychologie. 1922. — Max Marcuse, Zur Kritik des Begriffes und der Tat der Blut¬ 
schande. Sexual-Piobleme, 1908. — Max Marcuse, Zur Psychologie der Blutschande, 
Groß' Arch. 1913. — Max Marcuse, Vom Inzesl. 1915. (Mit Literatur.) — Max 
Marcuse. Zwei weitere Fälle von Inzest. Groß’ Aich. 1916. — Max Marcuse, Zur 
Kasuistik des Inzestes. Ebenda S. 232. - W. Mittermaier, Verbrechen und Vergehen 
wider die Sittlichkeit, ln „Vergleichende Darstellung ..1906. — 0. Rank, Das 
Inzestmotiv in Dichtung und Sage. 1912. — 0. Rank, Der Mythus von der Geburt des 
Helden. 2. Aufl. 1922. — H. Rohleder, Die Zeugung unter Blutsverwandten. 1912. — 
W. Schmidt, Inzestuöser Eifersuchtswahn. Groß’ Arch. 1914, Bd. 57. — I. B. Schneider, 
Das Geschwisterproblem. Geschlecht und Gesellschaft. 1913. — Theodoridis, Sexuelles 
Fühlen und Werten. Arch. f. d. ges. Psychol. 1920. — Westermarck, Geschichte der 
Ehe. 1902. — Westermarck, Moralbegriffe, Bd. 2. 1902. 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Hermaphroditismus lateralis? 

Von Dr. med. Hubert Kahle in Köln. 

B. aus K., 22 J., dessen Bruder mich früher wegen „Homosexualität“ konsul¬ 
tiert hat, befragte mich um den Rat, ob er heiraten dürfe. Nach Angabe empfand er 
für seine Braut lebhafte Zuneigung, diese aber verweigere vor der Eheschließung die 
Kohabitation. Gleichzeitig pflege er im geheimen mit Männern Coitus per anum, 
gleich wie seine beiden Brüder. Wenn er seine Libido eine Zeitlang unterdrückt habe, 
gelange er zur Masturbation. 

Untersuchung: Sehr großer, schlanker Mann (190 cm) mit mädchenhaftem Ge¬ 
sicht, bartlos, zeigt rechts eine Mamma vollständig ausgebildet und von derselben 
Größe wie bei einer gleichaltrigen Jungfrau. Auf Druck entleert sich reichlich wei߬ 
gelbliches Sekret. Nach Angabe sei diese Bru9t seit 2 Jahrten von der heutigen 
Größe. Die linke Mamma männlich normal. 

Behaarung des Rumpfes und der Gliedmaßen spärlich. Obere Grenze des 
Schamhaarbezirkes eine Mittelform zwischen männlichem und weiblichem Typ: die 
Spitze des Dreiecks liegt zwar dicht unter dem Nabel, aber dte aufsteigenden Katheten 
sind sehr konkav. Axiliarhaare von weiblicher Art. Penis und Testes sehr klein. 


*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitnng 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft DT. 6 13 


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Sexualwissenschaftliche Rundschau. — Bücherbesprechungen. 


Außer der oben genannten zeigt sich noch eine andere Lateralität: Das linke 
Bein hat hinten von der Glutäalhaut bis zur Ferse einen einzigen violetten Nävus. 
Einzelme kleine Nävi auf der linken Rumpfseite, während die rechte Seite ganz frei 
davon ist. Farbenblind, wie, nach Angabe, seine beiden Brüder. 

Daß in diesem Falle die bisexuelle Trieblichtung angeboren ist, dürfte wohl 
keinem Zw r eifel unterliegen. Um obige Diagnose mit Sicherheit zu stellen, müßte 
allerdings auf einer Seite funktionierendes Ovarialgewfebe nachgewiesen werden. Aber 
der berühmte Gimpel von Heinioth und Poll hat uns bewiesen, daß in der Natur 
Seitenzwitter Vorkommen. 


Sexualwissenschaftliche Rundschau. 

Das Zahlenverhältnis der Geschlechter beim Hund. 

Über das zahlenmäßige Auftreten der beiden Geschlechter bei Hunden der ver¬ 
schiedensten Rassen hat Prof. Keller interessante Beobachtungen an 560 Würfen ge¬ 
macht und berichtet darüber in der „Zeitung des Vereins für deutsche Schäferhunde“. 
Es wurden nur solche Würfe zur Zählnng verwendet, wo bei allen Welpen das Geschlecht 
genau bekannt war: im ganzen wurden 2531 Welpen gezählt, davon 1308 männliche und 
1223 weibliche. Dies ergibt ein Verhältnis von 107 männlichen zu 100 weiblichen neu¬ 
geborenen Hunden. (Der mittlere wahrscheinliche Fehler bei dieser Beobachtung ist 
etwa 1 Prozent.) Dies wäre also ein Verhältnis, das mit dem beim Menschen gefundenen 
fast genau übereinstimmt. Auch das von Wilckens für den Hund angegebene Verhältnis, 
und zwar 110 zu 100, kommt dem der gefundenen Zahlen ziemlich nahe. Es weist 
ebenfalls einen deutlichen Überschuß des männliphen Geschlechtes auf. Allerdings sind 
diese Zahlen nicht an natürlich gehaltenen Tieren gewonnen, in der Zählung waren haupt¬ 
sächlich die Moderassen vertreten; sehr in der Überzahl war der Bulldog. Daß mög¬ 
licherweise wirklich gewisse innere und äußere Ursachen eine Rolle in der Geschlechts¬ 
bestimmung bilden, läßt sich aus Zahlen vermuten, die Dr. Hauck an der Bullterrier- 
Rasse gefunden hat. In 18 Würfen wurden 163 Welpen, und zwar 97 männliche und 
nur 66 weibliche geboren, dies entspricht einem Verhältnis von 147 zu 100. Der 
Überschuß des männlichen Geschlechtes ist hier wider Erwarten sehr groß. Bemerkens¬ 
wert ist noch ein Umstand. Beim Menschen wird der Überschuß an männlichen Kindern 
sehr bald durch eine größere Sterblichkeit der Knaben ausgeglichen. Diese große Sterb¬ 
lichkeit beginnt eigentlich schon vor dem normalen Geburtstermin, denn es kommen viel 
mehr männliche als weibliche Früchte zur Frühgeburt. Die Überzahl des männlichen 
i Geschlechtes ist also während der Fötalzeit noch wesentlich größer als zur Zeit der 
normalen Frühgeburt Frühgeburten sind nun beim Hund an und für sich seltene Er¬ 
eignisse. Es gehen dabei stets alle Jungen ab, niemals nur einzelne, also etwa nur 
männliche. Auch über ein besonders häufiges Absterben von Früchten während der 
Tragzeit ist bisher nichts bekannt. (Die Umschau, 1922, Nr. 31.) 


Bücherbesprechungen. 

1) Kretschmer, Ernst: Körperbau und Charakter. 2. Aufl. Berlin 1922. Springer. 

2) Derselbe : Medizinische Psychologie. Leipzig 1922. Thieme. 

Vun Dr. med. et phil. A. Krönf old. 

Mit diesen beiden Werken hat sich Kretschmer, dessen Name innerhalb 
der engeren psychiatrischen Forschung seit langem einen guten Klang besitzt, weil 
über die Grenzen seines Fachgebietes hinaus eine bedeutende Resonanz verschallt. 
..Körperbau und Charakter“ liegt nach knappen dreiviertel Jahren bereits in zweiter 
Auflage vor. Der Grund zu diesem Nachhall seiner Aibeiten liegt nicht allein in der 
Wichtigkeit der Probleme, mit denen sie sich beschäftigen, er liegt vor allem auch in 
der außergevNöhniichen Fähigkeit des Verf., mit neuen produktiven Gesichtspunkten, 
mit einer heute seltenen Kraft des „Zusammenschautens“ scheinbar zusammenhang¬ 
loser Tatsachenreihen an diese Probleme heranzulreten. Vielleicht liegt er auch nicht 
zum wenigsten in der fesselnden und blendenden Schreibweise, mit welcher Verf. be¬ 
gabt ist. Auch die Sexualwissenschaft kann von der hier geleisteten .Arbeit mannig- 


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Bücherbesprechungen. 


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fachen Gewinn und bedeutsame Richtlinien für ihren eigenen Fortschritt davontragen. 
Lediglich unter diesem Gesichtspunkt seien beide Werke an dieser Stelle kurz ge 
würdigt; was sonst über sie zu sagen wäre — und was vermutlich dem Verf. selber 
weit wesentlicher an ihnen sein dürfte — liegt außerhalb des Interessenkreises dieser 
Zeitschrift und ist an anderer Stelle auch schon hervorgehoben worden. 

„Körperbau und Charakter“ beschäftigt sich mit der Frage, ob es Zuordnungen 
gesetzmäßiger Art zwischen Körperbautypen und -Stigmen einerseits, bestimmten 
psychischen Krankheitsdispositionen andrerseits gebe. An einem Material von 
manisch-depressiven Psychosen und von Schizophrenien ergab sich eine statistisch 
ziemlich weitgehendie Übereinstimmung (die aber natürlich nicht in jedem Fall zu- 
triflt) zwischen einem bestimmten Körperbautypus oder einzelnen Merkmalen des¬ 
selben mit der Disposition zum Verfall in manisch-depressive Psychosen. Diesen 
Körperbautypus beschrieb Kretschmer als pyknischen — geräumige Leibes- 
höhten, breiter, tiefer Schädel, harmonische Gesichtsproportionen, schwache Skelet- 
tierung und Muskulatur der Extremitäten. Bei den Schizophrenien finden sich meist 
Mischformen verschiedener Typik. Sie lassen sich nach drei Richtungen auflösen: 
dem asthenischen Typus, dem athlethisehen Typus, und den Stigmen 
verschiedener dysglandulärer und infantilistischer Provenienz, insbesondere 
auch dem Eunuchoid. Auch in der Blutsverwandtschaft eines jeden dieser bei¬ 
den Formenkreise finden sich die gleichen Körpermerkmale, wie bei den Psychotikern 
selber. Ebenso finden sich auf psychischem Gebiet die gleichen Temperaments- und 
Charaktergrundlagen bei den Angehörigen, wie bei den Psychotikern. Man kann diese 
Temperaments- und Charakter-Eigenarten auf eine jeweils für den einzelnen Formen- 
kreis spezifische Grundlage zurückführen: beim Manisch-depressiven auf ein zwischen 
heiter und traurig schwingendes Temperament mit warmherziger Zuwendung zur 
Wirklichkeit, bei den Schizophrenen auf eine zwischen Überempfindlichkeit lind 
Stumpfheit springende Temperamentseigenart mit Abwendung von der Wirklichkeit, 
starker Bindung ans eigene Innenleben, Neigung zu Despotismus, Fanatismus, Ab¬ 
straktion. 

Die erbbiologischen Feststellungen zeigen, daß die Dispositionen zu den endo¬ 
genen Psychosen jeweils in engster Verknüpfung mit den zu ihr gehörigen spezifischen 
Temporamentsgrundlagen und den ihnen entsprechenden Körperbaustigmen einher¬ 
gehen. Bel rächten wir die letzteren als endok rin determiniert, so liegt in der biolo¬ 
gischen Konstitution des endokrinen Apparates die gemeinsame Wurzel der Tempera¬ 
ments- und Charakteranlagen eines Menschen und seiner körperlichen Beschaffen¬ 
heit. Dies gilt zwar zunächst nur für diejenigen Typen, die zum Verfall in eine der 
beiden endogenen Psychosen disponiert sind, es gilt aber weit über die manifesten 
Psychosen hinaus. Diese Psychosen werden nur gleichsam Gipfelpunkt einer ihnen 
zugrunde liegenden endokrinen biologischen Konstitution, die (oder deren „Radikale“) w 
wir auch im Gesunden überall antreffen, zumeist in allerhand erbbiologisch be¬ 
dingten Mischungen („konstitutionellen Legierungen“). Der Zyklothymiker und der 
^chizothymdker sind somit zwei charakterologisch spezifische konstitutionelle Spiel¬ 
arten des Menschen überhaupt. Auch die Psychopathien gilt es nach diesen ver¬ 
schiedenen konstitutionsbiologischen Richtungen hin abzubauen und aufzuspalten. 

Diese Art der Betrachtung ist in sexual Wissenschaft lieh er Hinsicht 
besonders fruchtbar. Kretschmer selber deutet eine Konsequenz bereits an: dem 
pyknischen Körperbau und der zyklischen Charaktergrundlage entspreche ein ruhiges, 
ausgeglichenes Schwingen der psychischen Sexualität in wirklichkeitsnahen zielstre¬ 
bigen Bahnen. Dem schizoiden Springen unberechenbarer Temperamentsentwick¬ 
lungen ist nicht selten ein Schillern und eine Abweichung im Werdegang der psychi¬ 
schen Sexualität gemäß; oder auch eine Hemmung in der Reifeentwicklung des Ge¬ 
schlechtstriebes zu zielstrebiger wirklichkeitsnaher Bindung und Betätigung hin. Und 
diese Feststellung, die psychologisch überaus einleuchtend ist, ist andrerseits durch die 
Konstitutionsforschung der Sexualwissenschaft bereits .recht gut fundiert. Wir wissen, 
daß der Astheniker mit Tendenzen zum Eunuchoid und zu Infantilismen, und daß 
ganz besonders auch die im engeren Sinne dysglandulären Typen in ihrer psychischen 
Sexualentwicklung eine Unsicherheit und Vielfältigkeit aufweisen, die sich in den 
mannigfachsten Erlebnisformen des Triebes ausspricht. Dank Kretschmers 
Forschungen haben wir die Möglichkeit, die enge Wechsel Wirkung zwischen dem see¬ 
lischen Fundament der Gesamtpersönlichkeit und de.r psychischen Geschlechtlichkeit 
gerade bei diesen schizoiden Typen besonders eindringend zu erfassen, und auf ge¬ 
meinsame konstitutionelle Grundlagen zurückzubezielien. Wir linden gerade hei 
diesen schizoiden Konstitutionslypen sehr häufig eine geringe manifeste Libido, bis 
zur völligen Asexualität. Wir linden ferner nicht seilen einen Mangel der Libido 

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j 80 Bücherbesprechungen. 


lixierung an das Genitale, an seine Funktionen. Dieser unterstützt das Schillern der 
' libidinösen Manifestationen ins Perverse. Weiterhin finden wir infantile Abbie¬ 

gungen in der Libidofixierung gesteigert nachwirksam und allein persistent; und auch 
hieraus ergeben sich mannigfache perverse Manifestationen des Sexualtriebes. Wir 
finden endlich Sexual neuro sen bei diesen schizoiden Typen. Diese erklären sich zum 
Teil aus verdrängter Libido, zum Teil aus der allgemeinen Abwendung der Schizoiden 
von der Realität, also aus einem abgespaltenen, wirklichkeitsfernen, oft fantastischen 
Ausbau libidinöser Regungen. Ganz besonders bedeutsam aber sind Kretschmers 
Feststellungen für die Frage der Homosexualität. Weil hat unabhängig von 
Kretschmer ja schon auf die Körperbaustigmen der Homosexuellen hingewiesen 
und gefunden, daß diese häufig dysglandulären Stigmen in Richtung des Eunuchoiris 
entsprechen. Psychopathologische Untersuchungen allgemeiner Art an Homosexuellen 
ergaben immer wieder einzelne mehr oder weniger hervortretende schizoide Tempe¬ 
ramentseigenarten und Charakterzüge. Endlich ergaben sich erbbiologische nahe Be¬ 
ziehungen zwischen homosexuellen Manifestationen und schizophrenen Charakteren 
und Psychosen, worauf besonders auch Kretschmer hinweist. Das gesamte kon¬ 
stitutionsbiologische Fundament der Homosexualität scheint also durch Kretsch¬ 
mers Forschungen einer weiteren Klärung entgegenzugehen. 

Bedeutsamer noch als diese konkreten Bereicherungen der Sexualpathologie. di* 1 
liier natürlich nur andeutungsweise erwähnt werden können, erscheinen uns aber 
einige grundsätzliche Gesichtspunkte zu sein, die sich aus Kretschmers For¬ 
schungen ergeben und für die Sexualwissenschaft fruchtbar zu machen wären. 

Es ist in erster Linie die allgemeine methodische Anlage düeser Forschungen, 
welche uns dazu führt, in den klinischen Bildern nicht mehr bloß äußerlich zusam¬ 
mengeordnete Konventionen zu erblicken, sondern gesetzmäßige Ausprägungsweisen 
und Strukturen einer konstitutionsbiologischen Eigenart. Daß Kretschmer die 
endogenen Psychosen selber unter den grundsätzlich gleichen Gesichtspunkt stellt 
wie die nicht psychotischen individuellen Charaktere, enthebt diese Psychosen ihrer 
klinischen Eigenstellung; die psychotischen Formenkreise verwandeln sich in Gebiete 
bestimmter biologischer Typen, die gleichsam in diesen Manifestationen ihre stärkste 
Auswirkung finden, aber auch außerhalb des eigentlich psychotischen Gebietes nach 
den gleichen Gesetzen ablaufen wie innerhalb desselben. Ganz besonders bedeutsam 
ist die Anwendung dieses Gesichtspunktes auf die Psychopathien. Diese sind 
nicht mehr eine äußerlich beschreibende Sammlung von Zustandsbildern und Lebens¬ 
läufen, Reaktionsweisen und Entartungszeichen, sondern finden sich plötzlich, sowohl 
psychisch als physisch und erbbiologisch, vereinheitlicht in bestimmten ,.b io logi¬ 
schen Radikalen“ zusammen, nach denen sie analysiert und aufeespalten wer¬ 
den können. Auch für die Sexualwissenschaft muß der Schritt geschehen, nicht mehr 
an der deskriptiven Äußerlichkeit des Trieberlebens und der Triebbetätigung zu kleben, 
sondern nach den biologisch-konstitutionellen Radikalen zu suchen, durch welche die 
Manifestation dieser Triebe fundiert wird. Damit entfällt auch das Problem de* 
psychopathischen Ursprungs sexualneurotischer und perverser Triebäußerungen, da 
die Psychopathien selber problematisch werden, ln jede m Falle ergibt sich die bio¬ 
logische Fragestellung nach der fundierenden Konstitution. Die pathogenen Determi¬ 
nanten dieser Konstitution können eine große Anzahl künfcrlicher oder allgemein- 
seelischer Phänotypen zeitigen, unter ihnen braucht das sexuelle Abweichen nur ein 
einzelnes Merkmal zu sein. Sie können aber auch mehr oder weniger sexuell-spezi¬ 
fisch wirken. Hier liegen für die Sexualforschung noch mannigfache offene Fragen. 

Diese Fragen müssen nun ihrerseits ergänzt werden durch weitere Fragen nach 
den allgemeinen psychischen Reaktionsdispositionen, welche bei den einzelnen Kon¬ 
stitution »typen vorwiegen ganz besonders z. B. den Schizoiden - und ihrer 
Wechselwirkung mit der psychischen S e x u a 1 e n t. \v i c k 1 u n g 
respektive den Erlebnissen, an welche dieselbe sich knüpft. Ist diese Sexualentwick- 
lung in mehr oder weniger spezifischer Weise zur Abwegigkeit konstitutionell dispo¬ 
niert, so muß sich eine aus ihr folgende Gesetzmäßigkeit aufweisen lassen, welche 
dem fundierenden'Konstitutionstypus gemäß ist. An dieser Stelle bringt Kretsch- 
m e r in seiner ..medizinischen Psychologie“ zum Verständnis der individuellen Psycho- 
genese anormalen Sexualverhaltens die Errungenschaften der F r e u d sehen Schule 
ins Spiel. Er steht positiv und anerkennend zu Freud, mindestens soweit es sich 
um die Verwirklichung einer psychogenetischen Dynamik des Affektlebens, besonders 
in Hinsicht auf die Sexualentwicklung, handelt. Aber er begrenzt die Feststellungen 
F reuds in ihrer Tragweite sehr klar und eindringlich durch die Spezialisierung der 
fundierenden biologischen Konstitutionstypen. Für ihn sind die typischen ..Kom¬ 
plexe“ der frühkindlichen Libidoentwicklung nichts anderes als gleichsam die ersten 


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BüoberbeBpreohungen. 


181 


Prüfsteine auf die vorhandenen, biologisch bedingten Dispositionen der Libidoentwick¬ 
lung. Er versucht die Typik der frühkindlichen Sexualentwicklung, etwa wie sie 
Freud und seine Schule behauptet, aus einer Heibe von p reformierten phy¬ 
logenetischen Heaktionsdis Positionen allgemein-psychischer und 
sexualspezifischer Art zu verstehen, deren Bereitschaft im Einzelfail von der biolo¬ 
gischem Konstitution abhängig gemacht wird. Innerhalb dieses Rahmens läßt er aber 
die Psychologie, und ganz besonders die Affektdynamik, zu einem viel größeren 
Rechte kommen, als dies jemals zuvor innerhalb der eigentlichen Psychiatrie ge¬ 
schehen ist. Ja seine ganze ..medizinische Psychologie“ ist im Grunde nichts anderes 
als ein Versuch* die Reaktivität der Verschiedenen psychopathischen Typen und der 
abnormen Sexualität innerhalb dieser konstitutionellen Spezialisierung durch Ana¬ 
logien mit dem Verhalten d e s p r i m i t i v e n Menschen und des Tieres 
entwicklungspsychologisch veiständlich zu machen. Auch in dieser Forschungs¬ 
einstellung liegen für die Sexualwissenschaft wertvolle Anregungen. Die Freud sehe 
Lehre wird vermutlich am ehesten noch in dieser Begrenzung und Einordnung in die 
konstitutionsbiologische Grundauffassung sich in unserer Forschung widerspruchsfrei 
durchsetzen. 

Gewiß ist an vielem einzelnen insofern Kritik zu üben, als Kretschmer mit 
intr außerordentlichen Inluition zuweilen Dinge um! Zusammenhänge mit größerer 
Sicherheit, als dies vielleicht den Tatsachen entspricht, gesetzmäßig zu verknüpfen 
sucht. So ist keine Frage, daß es der Kritik möglich sein wird, den Kretsch- 
rn e r sehen Begriff des schizoiden Radikals im einzelnen für anfechtbar zu halten. 
Ebenso dürfte die Psychologie des Schizoiden noch nicht allen Anforderungen, welche 
die Sachlage selber stellt, im Konkreten genügen. Aber man hat zu bedenken, daß 
die Kretschmer sehen Fragestellungen und Forschungen einen ersten An¬ 
fang darstellen, keinen Abschluß. Mit bewunderungswürdiger Kühnheit wird hier 
auf neuen Wegen ein Prohlerrtgehiel erfaßt, dessen Größe und dessen Schwierigkeit, 
wir allzulange drückend gefühlt haben, um nicht dem Wegbereiter höchsten Dank 
und Anerkennung zu zollen. 

3) Kronfeld, A : Über Gleichgeschlechtlichkeit, Erklärungswege und Wesensschau. 

Stuttgart 1922. Piittmann. 43 S. 

Von Dr. Max Marcuse. 

K. versucht die biologische Einstellung gegenüber der Homosexualität durch eine 
unmittelbare wesensmaßige Vergegenwärtigung des gleichgeschlechtlichen 
Erlebnisses zu ergänzen. Um die Begründung solcher ^erfassenden Wesensschau u als 
der neben und jenseits der naturwissenschaftlichen Methode einzig fruchtbaren und allem 
seelischen Geschehen allein adäquaten hat sich K. schon im Gesamtbereiche der Psvoho- 
patbologie lange Zeit bemüht. Ihm kommt damit, obwohl seine Fordeningen noch wenig 
ausdrückliche Anerkennung gefunden haben, ein verdienstvoller Anteil an der jüngst 
überall wahrnehmbaren Vertiefung der klinisch-psychiatrischen Betrachtung und Deutung zu. 
Auch mir ist es fraglos, daß sein Weg namentlich an das Problem der Gleichgeschlechtlichkeit 
näher heranführt als irgendein andrer, wenn man es nur richtig in der Eigenart 
und der besonderen Bindung dieser Gefiihlsweisen gelegen sieht. Aber man muß sich 
darüber im Klaren sein, daß solcher Weg nicht willkürlich gangbar ist, sondern nur be¬ 
stimmt konstituierten Geistigkeiten offen steht, und daß alles, was auf diesem Wege ge¬ 
funden wird, nicht demonstrierbar und beweisbar ist. Entweder die „Wesensschau“ ge¬ 
lingt im Grundsätzlichen oder nicht. Den nicht für sie Begabten wird K. trotz aller 
Eindringlichkeit und Klarheit der Auseinandersetzungen von der Echtheit seines Bildes 
nicht zu überzeugen vermögen. Wer nicht von der Vorstellung des Primates der 
physischen Tatbestände und Funktionen ablassen kann, wer Naturerscheinungen regel¬ 
mäßig durchaus erkläron will, wessen Denken immer nur auf eine K ausaI beziehung 
gerichtet ist, wird Krqpfeld die Gefolgschaft versagen müssen. Insbesondere wird dann 
die Einsicht in das ,,Xichtanderskon n on“ des Erlebens und seelischen Verarbeitens 
der Homoerotiker ausbleiben. Grade diese Sicherheit wird indes auch der mit Kronfeld 
Schauende nicht unbedingt gewinnen können, wenn anders jene Nötigung mehr als die 
selbstverständliche gegenseitige funktionale Abhängigkeit aller personalen Phänomene be¬ 
deuten soll. Auch sonst werden mit K.s Versuch verstehender Vergegenwärtigung der 
gleichgeschlechtlichen Psyche begreiflicherweise noch nicht alle Zweifel behoben, und wo 
Mine glänzende Darstellung und seine kultivierte Gedankenführung alle Unsicherheiten 
und Einwände zu überwinden scheinen, da sind in Wirklichkeit doch noch mancherlei 
Lucken und Widersprüche verborgen. Diese sind auch gar nicht zu beseitigen. Duivli 


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Bücherbeeprechungen. 


die naturwissenschaftliche Methode nicht, da ihr das innere Erlebnis ja überhaupt ver¬ 
schlossen bleibt, aber auch durch die „Wesensschau 44 nicht, da diese fremdes Wesen 
auch nur insoweit unmittelbar begreifen kann, als es dem eigenen Wesen gleichgeartet 
ist. Ich darf in diesem Zusammenhänge auf meine Auseinandersetzungen gerade auch 
zur Frage des Verständnisses der Homoerotik in dieser Zeitschrift Bd. VI, H. 9, S. 276, 
verweisen. Methodisch bleibt es in der Darstellung Kronfelds ein Mangel, daß sie nur die 
gleichgeschlechtliche Liebe des Mannes betrachtet und zu erfassen sucht, denn es scheint 
nicht erlaubt, die hier gewonnene Wesensschau etwa schlechthin — nur mit dem selbst¬ 
verständlichen mutatis mutandis — auf die Homoerotik des Weibes zu übertragen. An 
sachlichen Einzelheiten Kritik zu üben, würde einer Verschandelung dieser gebildeten 
und feinsinnigen Arbeit gleichkoramen, die nur im ganzen genossen und durchdacht sein 
will. Den sentimentalischen (oder romantischen) Ausklang in ein gleichsam „Zurück zum 
Hellenismus' 4 hätte ich aber doch gern vermißt, und die Schönheitsfehler auf dem Umschlag, 
auf dem Titel- und dem Widmungsblatte sollte der Verf. auf jeden Fall recht bald beseitigen. 

4) Placzek: Das tosehlechtsleben der Hysterischen. Eine medizinische, soziologische 
und forensische Studie. 2. Aufl. Bonn 1922. A. Marcus & E. Webers Verlag. 

Von Dr. Karl Urbach. 

Eine zweite, „wenig veränderte“ Auflage (die Literatur der letzten 3 Jahre wurde 
teilweise berücksichtigt) mit all (len Vorzügen und Nachteilen der ersten. Noch immer 
also muß man sich der Ansicht Birnbaums (Zischr. f. Sexualw. Bd. 7, H. 2) an¬ 
schließen, nach der das Buch dem Psychiater nichts Neues bietet, eine „einseitige 
.Materialauslese“ bringt, aber für weitere speziell nicht medizinischen Kreise man¬ 
cherlei Erklärung und Belehrung birgt. 

o) Hinrichsen: Der Umgang mit sieh selbst. Zwölf Briefe an eine Freundin. 
Basel u. Leipzig 1921. Rheinland-Verlag. 

Von Dr. Karl Urbach. 

Wissenschaftliche Abhandlungen werden selten ästhetisch gewertet, da dies bei 
Arbeiten, die nur auf klare Erkenntnis gerichtet, sind, zwecklos ist. Ebenso bleibt 
Kunstwerken oft eine wissenschaftliche Beachtung versagt, weil eine derartige Be¬ 
urteilung nicht nur die genaue Kenntnis des betreffenden Wissenszweiges und seiner 
Grenzgebiete, sondern auch einen derart hohen Grad der allgemeinen Bildung vor¬ 
aussetzt, daß man dann, wenn diese beiden Forderungen erfüllt sind, seine Arbeits¬ 
kraft weit wichtigeren und vor allem sinnvolleren Problemen zuwendet. Denn mit 
Ausnahme naturalistischer Kunstwerke, wo eine wissenschaftliche Wertung gelroten 
und auch ergiebig ist, führt eine solche Betrachtungsweise bestenfalls zu nichts, oder 
gar zu Krankengeschichten über König Lear und Gutachten über Rose Bernd. Auch 
populärwissenschaftliche Arbeiten, die Laien über faclnvissenschaftliche Probleme 
orientieren wollen und deshalb nur auf leichte Verständlichkeit Wert legen, bleiben 
ästhetisch unbeachtet, wenn sie nicht, wie die vorliegende, eine literarische Form und 
Ausdrucksweise anstreben. Dann ist neben der wissenschaftlichen Kritik eine ästhe¬ 
tische Beurteilung nicht nur berechtigt, sondern notwendig, und zwar, wie Otto Kaus 
treffend definiert, als Antwort auf die Frage, was denn das Werk der Kunst biete. Die 
publizistische Wertung populärwissenschaftlicher Schriften Beziehungen des Buches 
zur breiten Öffentlichkeit) ist selbstverständlich. Es gibt nun Werke, Früchte genialen 
Schaffens, die wissenschaftlich, ästhetisch und publizistisch wertvoll sind. Das vor¬ 
liegende Buch aber ist es nicht! 

Ästhetisch betrachtet ist die Arbeit Ilinrichsens wertlos. Der oft ge¬ 
schraubte. gewollt geistreiche und mitunter mühsam witzige Stil lähmt das Interesse 
des kunstkritischen Lesets und wirkt gar kläglich neben den häufigen, allzu häufigen 
Zitaten der Dichter. Ein mißglückter, immerhin beachtenswerter Versuch, bei den 
literarischen Fähigkeiten des Verfassers schon ab ovo aussichtslos in einer Zeit, die 
wundervolle Kunstwerke in Briefform kennen lernte, in sich aufnahm und ästhetisch 
verarbeitete 1 . Zahlreiche Andeutungen und Hinweise setzen eine ziemlich große Ver¬ 
trautheit mit den Werken der Literatur voraus; doppelt unbegreiflich dann der Mut 
dos Autois, ganz unbegreiflich die Zuversicht des Verlegers, in Erwartung literarisch 
hochgebildeter Leser derartiges zu bieten. 

Wissenschaftlich beurteilt ist die Arbeit ein leichtverständlicher Leitfaden der 
Psychologie, ein den modernen wissenschaftlichen Anschauungen angepaßter Feuch¬ 
tere! eben, jedoch ohne dessen Gestaltungs- und Fberzeugungskraft. ln plauderndem 


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Referate. 


183 


Tone orientiert Hinrichsen über die wichtigsten Fragen auf diesem Gebiete, be¬ 
seitigt die gerade in der Laienwelt recht häufigen und hartnäckigen psychologischen 
Vorurteile und regt zum selbständigen Nachdenken an. Jaspers, Adler, 
Freud u. a. werden erwähnt, erläutert und gewürdigt. Der Verfasser erkennt 
Adlers finale Betrachtungsweise an und stimmt der Psychoanalyse zu, ohne seine 
„Abneigung gegen gewisse Einseitigkeiten der psychoanalytischen Theorie, gegen eine 
analytische Weltanschauung“ zu verschweigen. Bekannt durch zwei wertvolle und 
interessante Arbeiten ist Hinrichsen der geeignete Mann und befähigte Wissen¬ 
schaftler. auf populäre Weise gediegene psychologische Kenntnisse zu verbreiten, denn 
mit Kant kann nur „derjenige etwas auf populäre Weise vortragen, der es auch gründ¬ 
lich vortragen könnte“. Die Art des Themas führt schließlich dazu, daß Hinrich¬ 
sen mehr Lebensphilosophie als Psychologie gibt. Hier ist dies nur zu begrüßen, 
und glücklich der Mensch, der jenen inneren Seelenfrieden und jene schöne Harmonie 
besitzt, die aus all diesen Blättern zu uns spricht. 

Damit zum dritten Teile unserer Besprechung. Was bringt das Buch der breiten 
Öffentlichkeit, dem weiten Leserkreise? Publizistisch ist das Buch außerordentlich 
wertvoll. Der Laie w ? ird über wichtige Fragen in durchaus objektiver Weise orien¬ 
tiert und gleichzeitig der in einem jeden von uns innewohnende Trieb unterstützt und 
bekräftigt, der Trieb „über das Erste und das Letzte in der Welt eine Anschauung zu 
erstreben“ 'Potoni6). 

Es gibt leider zahlreiche minderwertige Anfänger- und Dilettantenarbeiten, in 
denen gar viel geschrieben, aber auch nur geschrieben wird, daß ein derart gedanken¬ 
reiches Buch warm empfohlen sei. Ein Buch, das mit dem Satze schließt: „Und wo 
ist mehr Freiheit als, wenn der Mensch spricht: ,lch bin nicht meiner selbst! 4 in Hin¬ 
gabe an ein Ziel außer ihm, wozu es nicht Genie braucht; denn jeder tut genug, wenn 
er an seiner Stelle, in seinem Kreise, nach seinen Kräften das Rechte tut, wie Goethe 
sagt, der Forderung des Tages genügt!“, ein derartiges Buch sollte trotz seiner künst¬ 
lerischen Mängel gelesen, und zwar recht oft gelesen werden. 


Referate. 

1) Sand, K.: J)e Fliermaphrodisine experimental. Cpt. rend. des seanc. de la Soeiete 

et Biolog. 1922. 

Durch Implantation von Ovarien in die Hoden von jugendlicher und von in der 
Pubertät stehenden Meerschweinchen konnte S. mitunter künstlichen Hermaphroditis¬ 
mus hervorrufen, der in der gleichzeitigen kräftigen Ausbildung des Penis, sowie der 
Mammae und Mamillae und in einem bisexuellen psychischen Verhalten zum Aus¬ 
druck kam; es war aber bei den Versuchstieren zwischen dem Erhaltungszustand des 
implantierten Ovars und dem positiven physiologischen Effekt des Eingriffs keine 
deutliche Parallele zu konstatieren. B. Slotopolsky. 

2) Grotjahn, A.: Normen zur menschlichen Fortpflanzung. Die Umschau, 1922, 22. 

Gr. führt das Aussterben wohlhabender Schichten auf die Herausschiebung des 
Heiratsalters, wachsende Ehelosigkeit und Einschränkung der Kinderzahl zurück, die 
durch die Vereinfachung und Verbreiterung der Prfiventivmittel bewußt gefördert wird. 
Durch das Übergreifen dieser Gepflogenheiten auf die breite Masse erwachse die Gefahr 
eines starken Rückganges der Bevölkerungszahl, der direkt zum Völkertod führen könne. 
Um dieser Entwicklung entgenzusteuern hält Gr. die Aufstellung von festen Fortpflanzungs¬ 
normen für unerläßlich. Ein schnelles und bewußtes Hineinwachsen in den rationellen 
Fortpflanzungstyp sei notwendig. Hierzu seien drei Regeln erforderlich: 1. Jedes Ehe¬ 
paar hat die Pflicht, die Mindestzahl von drei Kindern über das fünfte Lebensjahr hinaus 
hochzubringen. 2. Diese Mindestzahl ist auch dann aozustreben, wenn die Beschaffenheit 
der Eltern einö unerhebliche Minderwertigkeit der Nachkommen, erwarten lassen dürfte, 
doch ist in diesem Fall die Mindestzahl nicht zu überschreiten. 3. Jedes Elternpaar, 
das sich durch besondere Rüstigkeit auszeichnet, hat das Recht, die Mindestzahl um das 
doppelte zu überschreiten und für jedes Kind eine materielle Gegenleistung in Empfang 
zu nehmen, die von allen Ledigen oder jenen Eltern, die hinter der Mindestzahl Zurück¬ 
bleiben, beizusteuern ist. Diese Maßnahmen würden den Bestand eines Volkes sichern 
und gleichzeitig die Kinderzeugung zu einer bewußten und von den Eltern gewollten Tat 
gestalten. E. Hoffmann. 


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Referate. 


3) Groddek, Georg: Der Synibollsierungszwang. Imago, Zeitsehr. f. Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Geisteswisseoschaften, Bd. VIII, 1922, Heft 1. 

In Sagen, Märchen und Gedichten könne man eine Fülle' von Symbolen finden, die 
vom Dichter nicht willkürlich zusammengesetzt sind, sondern aus dem Unbewußten 
heraufkommen und ihm das Material zu seinem Bau liefern. Der Verfasser erläutert 
nach den Methoden der Psychoanalyse das Märchen von Schneewittchen und Goethes 
„Fischer“. Weiter weist er auf die Symbolik in der Malerei, Skulptur, Musik, im Mienen¬ 
spiel, in den Bewegungen usw. hin. Käthe Hoffman n. 


4) Feldmann, 8.: über Erröten. Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VIII. Jahrgang, 

Heft 1, 1922. 

Das Erröten gehöre zu den Urneurosen der Menschheit und sei allen Völkern ge¬ 
meinsam. Die Bereitschaft zum Erröten sei in den Jahren der Pubertät am stärksten, 
ln der Dunkelheit komme das Erröten nicht oder nur selten vor, da man ja dann allein sei 
und zum Erröten keine Ursache habe. Das Erröten sei die durch Regression reaktivielte, 
libidinöso Erregung der Haut. Frauen erröten leichter als Männer. Die primäre Ursache 
der Scham beim Weibe sei das Fehlen des Gliedes, bei dem Manne die Penisangst, 
das Gefühl der Minderwertigkeit des Gliedes, also die Kastration. Der Verfasser führt 
als Beispiel einen Fall an, der konzentriert und verdichtet 8. E. fast alle Möglichkeiten liefert, 
bei denen es bei Kranken und Gesunden mit Wahrscheinlichkeit zum Erröten kommt 

Käthe Hoffmann. 

5) Baerwald, Friedrich: Das Erlebnis des Staates in der deutschen Jugend¬ 

bewegung. Wege zu geistiger Politik. 1921. Heft 1. 

Wie stark die Rolle ist, die das erotische Moment beim Gerne!nschaflsproblem der 
Jugendbewegung spielt, ist bekannt. Gerade deshalb ist beachtenswert, wie ein Teil 
der deutschen Jugend, der den Willen zum Aufbau als stärkste gestaltende Kraft in 
sich fühlt und diesen nur auf politischem Wege Erfüllung zu geben glaubt, bei der 
Ausbildung seines Staatsideals zu den uispriinglichen Quellen der Jugendbewegung 
hindrängt. Es wird in vorliegender Arbeit versucht, mit vorwiegend gefühlsmäßiger, 
lebendigster Anteilnahme an Problemen, »die vom gewiegten Politiker sonst sehr rational 
und nüchtern entschieden werden, den demokratischen Staat als spezifischen Aus¬ 
druck einer Jugend hinzustellen, die den Weg in die Wirklichkeit wagen will, ohne 
von ihrer idealen inneren Einstellung etwas aufgeben zu müssen. Der Versuch ist 
durchaus gelungen. Der Verfasser will, über den Begriff der formalen, Demokratie 
hinausgreifend, im Gegensatz zum Westen einen besonderen deutschen demo¬ 
kratischen Staatsgedanken herausarbeiten, der erfüllt wird durch die drei 
Grunderlebnisse der Jugend: Führertum, Volkstum und Gemeinschaft. Parteigeist, 
der dem Geist der Jugendbewegung durchaus zuwiderläuft, wird damit überwunden. 

Solche Wegweiser zu „geistiger Politik“ sind ’leider der Mehrheit der deutschen 
Jugend dringend vonnöten. Richard Samuel. 


0) Ottolenghi, Salvatore: Prostitution und Verbrechen. Rassegna di studi 
sessu&li I, Nr. 6. 

Das anthropopsychologische Studium der Prostituierten beweist, daß eine große Anzahl 
derselben zahlreiche und tiefe, somatische und psychische Degenerationserscheinungen 
aufweist. Sie sied eine Quelle sehr gefährlicher, moralischer Infektion, die vielleicht 
gefährlicher als die venerische Infektion selbst ist. Wie auch immer die Frage der 
Regelung (oder Abschaffung) der Prostitution entschieden wird, es drängt sich vor allem 
die Frage der sozialen Hilfe für die Prostituierten, besonders die minderjährigen auf, um 
die Kriminalität, welche durch die Prostitution begünstigt wird, herabzusetzen und um 
die schweren Schäden zu lindern, welche der Gesellschaft durch die moralische Infektion 
namentlich der Jugend entstehen. V. Desogus. 


Für die Redaktion verantwortlich : Dr. Max Uiraue in Berlin. 
A. Marens 6 K. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck: Otto Wigand'sehe Bnehdraekerel G. m. b. H. in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

IX. Band Oktober 1922 7. Heft 


Die eheliche Pflicht. Debitum conjugale. 

Von Oberlandesgerichtsrat Dr. jur. und phil. Bovensiepen 

in Kiel 

Es gibt schwerlich eine heiklere Frage als diejenige nach dem 
richtigen Verhältnis des Staates zur Ehe. Zweifellos bedeutet die 
richtig verstandene Ehe etwas weit Höheres und Edleres als ein 
Rechtsverhältnis, sie ist ihrem inneren Wesen nach die freie Hin- 
gäbe zweier Persönlichkeiten verschiedenen Geschlechts zu vollster 
Lebensgemeinschaft Ein eminent und vorwiegend sittliches Ver¬ 
hältnis ist die Ehe ihrer ganzen Idee nach. Sittliche Beziehungen 
und sittliche Pflichten lassen sich aber grundsätzlich durch die 
starren Gebote der positiven Rechtsordnung nicht durchführen, jeder 
äußere Zwang ist ihnen wesensfremd. Aufgabe der Rechtsordnung, 
des Staates kann es vielmehr nur sein, die äußeren Formen für 
die Vollziehung des Ehebündnisses und seine äußere Regelung 
bereit zu stellen. Das Sittengesetz ist stets die schöpferische und 
gestaltende Kraft, die das Wesen der ehelichen Gemeinschaft und 
ihren Inhalt regelt. Erst aus der Hand des Sittengesetzes, der Ethik, 
empfängt die Rechtsordnung das so bereits vollzogene Verhältnis. 
Niemals ist das Wesen der Ehe tiefer gefaßt worden als in dem 
berühmten Ausspruch des großen römischen Juristen Modestinus: 

„Nuptiae sunt conjunctio maris et feminae, Consortium omnis 
vitae, divini et humani juris communicatio. Nuptiae autem sive 
matrimonium est viri et mulieris conjunctio, individuam vitae 
consuetudinem continens“, 

d. h. Ehe ist die Verbindung von Mann und Frau, eine Gemeinschaft 
für das ganze Leben, eine volle Vereinigung nach göttlichem und 
menschlichem Recht 

Die rechte eheliche Gesinnung mit äußeren Machtmitteln er¬ 
zwingen zu wollen, kann niemals Aufgabe des Staates sein, ein 
solcher Versuch würde die Grenzen seiner Zuständigkeit weit über¬ 
schreiten, ebenso wie er die Ehe aus der Hand des Sittengesetzes 
fertig entgegennimmt, muß er sich darauf beschränken, ihre inner¬ 
liche Aushöhlung und Auflösung bei völliger Entfremdung .der Ehe¬ 
gatten nach außen durch Scheidungsspruch festzustellen. ’» 

Die größte sittliche Roheit in der rechtlichen Behandlung der 
Ehe legte das Allgemeine Preußische Landrecht vom 1. Juni 1794 
— in Kraft bis zum 1. Januar 1900 — an den Tag, das diese 
eigentlich jeder kasuistischen Regelung durch den Gesetzgeber auf 

Ztitichr. 1 Sexual Wissenschaft EL 7. 

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Bovensiepen. 


das Äußerste widerstrebende Materie in nicht weniger als 1014 (!!) Para¬ 
graphen behandelte. Pessimae civitati plurimae leges, sagt Tacitus 
in seiner „Germania“. Ihm ist (vgl. Teil II Titel 1:180) „der Haupt¬ 
zweck der Ehe die Erzeugung und nebenher auch die gemeinsame 
Erziehung von Kindern.“ Zufolge dieser geradezu unanständigen 
Definition ist die „Beiwohnung“ die eheliche Pflicht, das Debitum 
conjugale zum obersten Zweck der Ehe, zu einer erzwingbaren 
Rechtspflicht erhoben. Eine größere Entwürdigung der Ehe vom 
ethischen Standpunkt aus betrachtet läßt sich kaum ausfindig 
machen. Nach der ausdrücklichen Vorschrift des § 178 ebenda 
„dürfen Eheleute einander die eheliche Pflicht anhaltend nicht ver¬ 
sagen“. Als praktische Folgen finden wir dann in ihm folgende 
Bestimmungen: 

„Halsstarrige und fortdauernde Versagung der ehelichen Pflicht 
soll der böslichen Verfassung gleich geachtet werden“ (§ 694). 

„Ein Ehegatte, welcher durch sein Betragen bei oder nach 
der Beiwohnung die Erreichung des gesetzmäßigen (!!) Zwecks 
(nämlich der Kinderzeugung) derselben vorsätzlich hindert, gibt 
dem anderen zur Scheidung rechtmäßig Anlaß“ (§ 695). 

„Ein auch während der Ehe erst entstandenes gänzliches und 
unheilbares Unvermögen zur Leistung der ehelichen Pflicht be¬ 
gründet ebenfalls die Scheidung“ (§ 696). 

Krasser und brutaler hat wohl noch niemals eine weltliche 
Gesetzgebung die Ehe zur Kinderbrutanstalt und die Frau zur Gebär¬ 
maschine herabgewürdigt. 

Wo ist hier der republikanisch-heidnische Idealismus des edlen 
Römers, der Bund fürs ganze Leben, die Gemeinschaft des Himm¬ 
lischen und Irdischen geblieben? Diese Bestimmungen kennzeichnen 
den harten Ungeist des Preußischen Rechts in seinem aufgeklärten, 
alles und jedes auf Gottes Erdboden regelnden, jede individuelle 
Freiheit ertötenden Despotismus trefflich! 

Sie suchen den Hauptzweck der Ehe in ihrer Beiwohnung und 
machen die eheliche Pflicht unmittelbar zur Rechtspflicht 

Fast kurios muten die spießerhaften Gemeinplätze des öster¬ 
reichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs vom Jahre 1811 
an, das in seinem § 90 den Ehegatten „Verbindlichkeiten zur ehe¬ 
lichen Pflicht Treue und anständigen Begegnung“ auferlegt. 

Unser geltendes Reichsrecht das Bürgerliche Gesetzbuch vom 
18. August 1896, in Kraft seit dem 1. Januar 1900, vermeidet es zwar, 
die persönlichen Rechtsbeziehungen der Ehegatten im einzelnen zu 
regeln, es beschränkt sich vielmehr auf die Aufstellung zweier 
kurzer programmatischer Leitsätze: 

„Die Ehegatten sind einander zur ehelichen Lebensgemein¬ 
schaft verpflichtet“ (§ 1353 Abs. 1) 

und 

„Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemein¬ 
schaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er 
bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung“ (§ 1354 Abs. 1.) 


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Die eheliobe Pflicht. 


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Hierdurch wird ganz offen die grundsätzliche Superiorität, ja 
die Befehlsgewalt des Ehemanns über die Frau in der Ehe zum 
Leitmotiv proklamiert Die sittliche Idee der Ehe als vollständig 
gleicbheitliche und freie Liebesvereinigung zweier gleichwertiger 
und gleichberechtigter Persönlichkeiten wird schlankweg verneint 
und die Unterordnung des Weibes in der Ehe zum Rechtsgebot erhoben. 

Mag auch der Gesetzgeber sich einer besonderen, ausdrück¬ 
lichen Hervorhebung der Verpflichtung der Ehegatten zur Erfüllung 
der ehelichen Pflicht enthalten, so sind doch Wissenschaft und Praxis 
sich darüber völlig einig, daß einen wesentlichen Bestandteil der 
ehelichen Lebensgemeinschaft eben auch die Beiwohnung, die „ehe¬ 
liche Pflicht“ im engeren Sinne, das „debitum conjugale“ darstelle 
(vgL statt aller anderen nur den führenden Kommentar zum BGB. 
von Staudinger: 7-/8. Aufl. Band IV Anmerkung 1 zu § 1353 S. 143 
oben, Motive zum BGB. Band IV S. 104 und Reichsgericht vom 
8. Oktober 1908 in der Zeitschrift „Das Recht“ 1908 Nr. 3429 u. 3430). 

Diese „eheliche Pflicht“ lastet ganz naturgemäß so gut wie aus¬ 
schließlich auf der Ehefrau. Denn sie ist in sexualibus der passive, 
der Mann der aktive Teil. Man wird also sich grundsätzlich der 
Kritik des unlängst verstorbenen Nationalökonomen und'Philosophen 
Eugen Dühring über das heutige Eherecht nur anschließen können: 

„Nach der heute üblichen Auffassung ist die Ehe eine Unter¬ 
ordnung des Weibes unter den Willen des Mannes und wir haben 
es daher in der Zwangsehe so gut wie im Unterdrückungsstaate 
mit einem Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft zu tun .., 
In dem entscheidenden Hauptpunkt, auf welchen das ganze 
Eheverhältnis angelegt ist, hat die Frau sogar das gemeine 
Schutzrecht eingebüßt, welches selbst jeder feilen Dirne gegen¬ 
über juristisch gültig ist. In der Ehe kennt nämlich das Straf¬ 
recht tatsächlich keine Notzucht, und es wäre auch wunderlich, 
ein eigentlich juristisches Recht auf den Geschlechtsverkehr an¬ 
zuerkennen und dabei die Eigenschaft aller mehr oder weniger 
bloß moralischen Rechte, nämlich die . . . Erzwingbarkeit aus¬ 
zuschließen“ (Kursus der Philosophie S. 290). 

In der Tat, wir werden schwerlich der Übertreibung geziehen 
werden können, wenn wir erklären, daß die heutige gesetzliche 
Regelung eine Geschlechtshörigkeit des Weibes gegenüber dem 
Ehemanne proklamiert. Dem einigermaßen fein empfindenden 
Weibe muß es mit Recht als eine unerhörte Brutalisierung, als 
* eine Zumutung ohnegleichen erscheinen, sich dem Ehemanne auf 
dessen einseitiges Verlangen auch in Augenblicken stärkster Unlust 
oder physischer Ermüdung hingeben zu müssen, ja sogar schlimmsten¬ 
falls eine rohe, körperliche Brechung ihres Widerstandes zu er¬ 
dulden. Aus einer gleichberechtigten Gefährtin und Lebens¬ 
kameradin ihres Mannes wird sie hierdurch ungestraft zum willen¬ 
losen Werkzeug seiner Gelüste herabgewürdigt, ihr freier Wille wird 
restlos gebrochen, eine größere Demütigung alles weiblichen Scham¬ 
empfindens kann gar nicht ausgedacht werden. Eine gröbere Ver¬ 
kennung und Herabwürdigung der wahren Ehe als einer durch die 
Liebe und freie Sittlichkeit zusammengeschmiedeten Lebensgemein- 

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Bovensiepen. 


schaft und freien, gegenseitigen Hingabe ist gar nicht möglich! 
Aus dem edelsten Vorbild freier Genossenschaftlichkeit und Gesell¬ 
schaft wird unsere Ehe durch diesen starren Rechtszwang zur Ge¬ 
währung der „ehelichen Pflicht“ zu einem Zwangsinstitut mit tat¬ 
sächlicher Rechtsungleichheit der Frau herabgedrückt 

Nicht einmal vertraglich, durch besondere, ausdrückliche Ab¬ 
machungen im Ehe vertrage vor Eingehung der Ehe, wie dieses in 
den Vereinigten Staaten von Nordamerika in den weitesten 
Volksschichten, auch des Mittelstandes, allgemein üblich ist 
kann nach unserer heutigen Rechtsprechung des Reichsgerichts 
und der Oberlandesgerichte die künftige Ehefrau das Recht des 
Ehemannes auf Geschlechtsverkehr ausschließen oder auch nur in 
bestimmter Weise beschränken (vgl. statt aller anderen nur wieder 
von Staudinger a. a. 0. S. 148 Anmerkung 6). Derartige Verträge 
sollen seltsamerweise gegen die guten Sitten verstoßen und daher 
nach § 138 BGB. nichtig sein. Und so sind sie gerade umgekehrt 
ein Ausfluß rechter und höchster Sittlichkeit. Die sogenannten 
„Josephsehen“ oder „Geschwisterehen“ finden insoweit keine recht¬ 
liche Anerkennung. 

Die Geltendmachung des Rechts auf Gewährung der ehelichen 
Pflicht wie überhaupt auf Herstellung der ehelichen Gemeinschaft, 
von der jene nur einen wenn auch äußerst wichtigen, wohl den 
wichtigsten Teilausschnitt bildet, erfolgt im Wege der Klage auf 
Herstellung des ehelichen Lebens. Weigert sich der rechtskräftig 
zur Herstellung der ehelichen Gemeinschaft und damit auch zur 
Gewährung der ehelichen Pflicht verurteilte Ehegatte in böslicher 
Absicht, dem Urteil Folge zu leisten, so kann der obsiegende Ehe¬ 
gatte wegen böslicher Verfassung auf Scheidung klagen (§ 15Ö7 
Nr. 1. BGB.). 

Eine Zwangsvollstreckung zur Vornahme von Handlungen auf 
die Verurteilung zur Herstellung der ehelichen Lebensgemeinschaft 
findet aber nicht statt (§ 888 Absatz 2 der Reichszivilprozeßordnung). 
Hier respektiert der Gesetzgeber in vollem Umfange die Un¬ 
abhängigkeit der Moralgebote vom Rechtszwang und die Unverein¬ 
barkeit des Zwangs auf das Gebiet der Sittlichkeit überhaupt 
Vom freien sittlichen Empfinden nur verlangt unsere Ethik und 
Moral Gehorsam, mit sich selbst würde sie in unlösbaren Wider¬ 
spruch treten, wenn sie dieses Empfinden in die Fesseln des 
Rechtszwangs schlagen würde. Kein Ehegatte kann also den anderen 
durch gerichtliche Geldstrafe oder gar gerichtliche Haft zur Rück¬ 
kehr oder zur Aufnahme in die eheliche Wohnung oder gar zur 
Gewährung der ehelichen Pflicht anhalten. Insoweit hat sich unsere 
heutige Rechtsordnung unserem fortgeschrittenen ethischen Empfinden 
gefügt. Durch diese Mißbilligung gerichtlicher Zwangsmaßregeln 
auf diesem Gebiete, das von Moral wegen völlig frei bleiben muß, 
wurden u. E. auch einfach ganz selbstverständlich ohne weiteres 
polizeiliche Maßregeln zur Erzwingung des Zusammenlebens auf 
Grund Landesrecbts aufgehoben. Denn unser Reichsrecht geht dem 
Landesrecht vor, unser sittliches Empfinden ist ein einheitliches dem 
Reichsgesetzgeber gegenüber wie auch dem Landesrecht Was das 
Reichsgericht selbst den Gerichten, die mit allen Garantien der 


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Die eheliche Pflicht 


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Objektivität und Unabhängigkeit bekleidet sind, versagt, das kann 
logisch und zwangsläufig erst recht nicht untergeordneten und 
politisch wie sozial abhängigen Polizeiorganen gestattet sein. Das 
wäre ein unerträglicher Rückfall in den längst beseitigten Polizei¬ 
staat. Art 114 der neuen Deutschen Weimarer Reichsverfassung 
vom 11. August 1919: 

„Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Eine Beeinträch¬ 
tigung oder Entziehung der persönlichen Freiheit durch die 
öffentliche Gewalt ist nur auf Grund von Gesetzen zulässig“ 

dürfte endgültig diese seltsame, von verschiedenen angesehenen 
Rechtsgelehrten allen Ernstes vertretene Ansicht widerlegen. 

Die Hauptbedeutung des § 1353 Abs. 1 und § 1354 Abs. 1 BGB. 
haben wir also — abgesehen davon, daß die rechtskräftige Ver¬ 
urteilung zur Gewährung der ehelichen Pflicht und Herstellung 
der ehelichen Gemeinschaft überhaupt die Grundlage für ein späteres 
Scheidungsverlangen bildet — darin zu erblicken, daß das Urteil 
dem verurteilten Ehegatten die Rechtswidrigkeit seines Verhaltens 
zum Bewußtsein bringt 

Allerdings besteht die „eheliche Pflicht“ als Rechtspflicht zur 
Gewährung der Beiwohnung nicht schrankenlos. 

„Stellt sich das Verlangen eines Ehegatten nach Herstellung 
der Gemeinschaft als Mißbrauch seines Rechtes dar, so ist der 
andere Ehegatte nicht verpflichtet, dem Verlangen Folge zu 
leisten. Das Gleiche gilt, wenn der andere Ehegatte berechtigt 
ist, auf Scheidung zu klagen“ (§ 1353 Abs. 2). 

Hierdurch werden die gröbsten Mißstände auf diesem heiklen 
Gebiete zu Gunsten der Ehefrau verhütet und ihre völlige Recht¬ 
losigkeit dem Manne gegenüber vermieden. Darüber, ob ein „Mi߬ 
brauch“ vorliegt, werden sich allgemeine stets und unverbrüchlich 
für jeden einzelnen Fall geltende Regeln nicht aufstellen lassen. , 
Die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens läßt sich eben auch 
hier nicht in das Prokrustesbett von Definitionen einzwängen. Man 
wird die Entscheidung stets auf die Umstände des einzelnen kon¬ 
kreten Falles abstellen müssen und mit dem berühmten geistigen 
Vater und Kommentator des BGB. Planck (Bd.4 S.82) sagen müssen: 

„Was Mißbrauch ist, richtet sich danach, ob nach den Um¬ 
ständen des einzelnen Falles unter Berücksichtigung der gesell¬ 
schaftlichen Stellung, der Lebens- und Erwerbsverhältnisse der 
Ehegatten ein bestimmtes Verlangen eines Ehegatten mit der 
rechten ehelichen Gesinnung vereinbar ist“ 

Mißbrauch ist kurz gesagt: ein dem sittlichen Wesen der Ehe 
widersprechendes Verhalten, so auch das RGer. vom 10. Mai 1900 
in der Jur. Wochenschrift 1900 S. 602. Als Beispiele für das Vor¬ 
liegen eines solchen Mißbrauchs seien aus der gerichtlichen Praxis 
angeführt: eine ansteckende Krankheit, wenn sie eine dauernde, 
die Gefahr der Ansteckung eine naheliegende und eine Isolierung 
des Kranken in der Wohnung unmöglich ist, ferner stets jede 
ekelerregende Krankheit, z. B. die Krätze u. dgl. m. Bloße, einfache 


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Bovensiepen. 


Krankheit genügt also nicht. Weiter selbstverständlich jede, 
nicht völlig ausgeheilte Geschlechtskrankheit des Mannes 
(cfr. die Urteile des RGer. vom 29. November 1906 und 4. Februar 1907 
in der Jur. Wochenschr. 1907 S. 49 f. und 178 f.). Schweres Nerven¬ 
leiden eines der Ehegatten, „wenn nach Lage der Sache an¬ 
zunehmen ist, daß für den Gatten die Fortsetzung der Ehegemein¬ 
schaft aus in der Person des anderen Ehegatten liegenden Gründen 
zur unerträglichen Last wird“ (Kammergericht vom 30. Nov. 1901 
in Rechtsprechung der OLG. Bd. 4 S. 340). Weiter schwere sitt¬ 
liche Exzesse (Rev.d.OLG.Bd.4 S.277, OLG. Hamburg vom 13. H. 1903). 
Gröbliche Mißhandlungen, häufige Versagung der Nahrung, Be¬ 
schimpfung und Mißhandlung (Kammergericht vom 16. HI. 1901 in 
Rev.OLG. Bd.2 S.328). Der Ehemann bezichtigt wider besseres Wissen 
oder grob fahrlässig seine ihm als ehrbar bekannte Frau des Ehe¬ 
bruchs (RGer. vom 4. Dez. 1900 in Jur. Wochenschr. 1900 S. 891 
und ebenda 1902 Beilage S. 285 c Nr. 240). Sehr interessant ist 
das, u. E. durchaus zutreffende Urteil des OLG. Hamburg vom 
14. Juni 1901 (Rev. d. OLG. Bd. 3 S. 245f.), aus der Verpflichtung 
zur ehelichen Lebensgemeinschaft ergebe sich das Recht des Ehe¬ 
gatten vom anderen seiner Überzeugung nach geschlechtskranken 
Ehegatten zu verlangen, daß dieser seinen Arzt von der Schweige¬ 
pflicht entbinde. Abgesehen von den Fällen der schweren 
Erkrankung des Ehegatten muß aber stets noch die begründete Be¬ 
sorgnis hinzutreten, der die Gewährung der ehelichen Pflicht be¬ 
gehrende Ehegatte werde es auch in der Zukunft an der rechten 
ehelichen Gesinnung fehlen lassen (vgl. RGE. vom 10. Mai 1900 in 
RGE. Bd. 46 S. 384 und vom 4. Dez. 1900 in Deutscher Jur.-Ztg. 1901 
S. 163 f., OLG. Stuttgart vom 2. Febr. 1900, ebenda 1900 S. 119f.). 
Auch darf die durch den Gesundheitszustand der Frau gebotene 
Fernhaltung vom Manne nicht weiter gehen als unbedingt geboten 
ist (RGE. vom 10. Juni 1911 in Wameyer Ergänzungsband 1911 S.426f.). 

Der Frau kann weiter die Gewährung der ehelichen Pflicht 
dann nicht angesonnen werden, wenn die Auswahl des Wohnorts 
oder der Wohnung sich als ein Mißbrauch seines ehemännlichen 
Entscheidungsrechts darstellt (vgl. § 1354 Abs. 2 BGB.). Sie braucht 
sich nicht in unsichere und ungesunde Lebensverhältnisse zu be¬ 
geben, kann also eine Übersiedelung auf eine westafrikanische Farm, 
nach Wildwest ablehnen und ebenso für die Dauer seines Beharrens 
auf diesem Verlangen die eheliche Pflicht. Keine Folgepflicht und. 
„eheliche Pflicht“ besteht, falls der Mann in eine Hütte oder un¬ 
gesunde Wohnung zieht, ferner nicht in ein verrufenes Haus oder 
verrufene Straße. Sie kann eine „standesgemäße“ Wohnung ver¬ 
langen (E. RGer. Bd. V S. 165). Sie kann weiter die Beiwohnung 
verweigern, wenn der Mann eine Frauensperson als Haushälterin 
in das Haus nimmt, mit der er früher in wilder Ehe lebte (Deutsche 
Jur.-Ztg. 1905 S. 236). Nicht notwendig ist es, daß er bereits mit 
ihr die früheren geschlechtlichen Beziehungen aufnimmt oder auf¬ 
zunehmen versucht, schon das bloße Zusammenleben in denselben 
vier Pfählen kann ihr nicht zugemutet werden. 

Selbstverständlich ist es weiter, daß die Frau anormalen oder 
auch übermäßigen — wann letzterer vorliegt, darüber können na- 


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Die eheliche Pflicüt. 


191 


türlich nur die Umstände des konkreten Falles entscheiden — 
Geschlechtsverkehr mit dem Ehemann ablehnen kann. Bedenklich, 
weil eine erhebliche Unsicherheit für die Frau herbeiführend, 
sind aber die Entscheidungen des OLG. Dresden vom 5. Mai 1900 
(Rev. d. OLG. Bd.I S.442) und des Kammergerichts vom 30. Nov. 1901 
(ebenda Bd. 4 S. 340), sie müsse die häusliche Gemeinschaft wieder 
hersteilen und ihm die Beiwohnung gestatten, wenn der kranke 
Mann Enthaltsamkeit in geschlechtlicher Beziehung verspreche und 
sein Versprechen voraussichtlich halten werde. Hierdurch wird die 
Frau einfach dem Manne ausgeliefert. 

Bei Klagen des Ehemannes gegen die Frau auf Gewährung der 
Beiwohnung wird in Streitfällen, ob sich dieses Verlangen als ein 
Mißbrauch darstellt, stets ein wohlerfahrener Spezialarzt das ma߬ 
gebende Wort als Sachverständiger mitzusprechen haben. 

Wir sahen: der heutige Rechtszustand ist, wenn auch den 
gröbsten einseitigen Ausbeutungen seines Rechts auf eheliche Bei¬ 
wohnung durch den Mann vorgebeugt ist, in hohem Grade un¬ 
befriedigend. Ein wenn auch nur indirekter und nicht gerichtlich 
vollstreckbarer Rechtszwang auf Gewährung der ehelichen Pflicht 
bei Unlust auch nur eines Teils widerstreitet dem Begriff und dem 
Ideal der Ehe als höchster freiwilliger, sittlicher Lebensgemeinschaft 
gröblich. Was Sache völlig freien Gewährens sein muß, kann 
nicht zur Rechtspflicht abgestempelt werden. Mag auch vielleicht 
heute noch und für die kommende Generation der großen Masse 
der Ewig-gestrigen die Proklamierung der „ehelichen Pflicht“ zur 
Rechtspflicht nicht als anstößig erscheinen, den zahlreichen seelisch 
feiner konstruierten weiblichen — und in Ausnahmefällen auch 
männlichen Wesen — widerstrebt sie auf das äußerste. Mag auch 
vielleicht für den Augenblick eine grundsätzliche Streichung der 
„ehelichen Pflicht“ als Rechtspflicht nicht zu erreichen sein, so 
müssen wir doch angesichts der ablehnenden Haltung der Recht¬ 
sprechung eine gesetzliche Spezialbestimmung des Inhalts mit allem 
Nachdruck verlangen, daß besondere v erträgliche Vereinbarungen, 
wonach der Ausschluß des ehelichen Verkehrs oder seine Ein¬ 
schränkung in gewisser Beziehung ausgemacht wird, als gültig und 
rechtsverbindlich anerkannt werden, so daß nicht, wie heute, der 
Ehemann, den eine solche Vereinbarung später gereut, sich einfach 
hohnlachend jeder Zeit darüber hinwegsetzen und seine sich der 
Beiwohnung weigernde Frau wegen „Herzenshärtigkeit“ auf ihre 
Vollziehung verklagen kann. Unser Endziel aber muß jene freie 
Gesellschaft und Ehe sein und bleiben, die Schiller im 27. Brief 
über ästhetische Erziehung so wunderbar schön schildert: 

„Eine schönere Notwendigkeit kettet dann die Geschlechter 
zusammen, und der Herzen Anteil hilft das Bündnis bewahren, 
das die Begierde nur launisch und wandelbar knüpft Aus ihren 
düsteren Fesseln entlassen, ergreift das ruhigere Auge die Ge- 
srtalt, die Seele schaut in die Seele, und aus einem eigennützigen 
Tausche der Lust wird ein großmütiger Wechsel der Neigung. 
Die Begierde erhebt und erweitert sich zur Liebe, so wie die 
Menschheit in ihrem Gegenstände aufgeht, und der niedrige 


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Uax Maroose. 


Vorteil über den Sinn wird verschmäht, um über den Willen 
einen edleren Sieg zu erkämpfen. Das Bedürfnis zu gefallen, 
unterwirft den Mächtigen des Geschmacks zartem Gericht: die 
Lust kann er rauben, aber die Liebe muß eine Gabe sein. Um 
diesen höheren Preis kann er nur durch Form, nicht durch 
Materie ringen. Er muß aufhören, das Gefühl als Kraft zu be¬ 
rühren, und als Erscheinung dem Verstand gegenüberstehen; er 
muß Freiheit lassen, weil er der Freiheit gefallen wilL So wie 
die Schönheit den Streit der Naturen in seinem einfachsten und 
reichsten Exempel, in dem ewigen Gegensatz der Geschlechter 
löst, so löst sie ihn oder zielt wenigstens dahin, ihn auch in dem 
verwickelten Ganzen der Gesellschaft zu lösen und nach dem 
Muster des freien Bundes, den sie dort zwischen der männlichen 
Kraft und der weiblichen Milde knüpft, alles Sanfte und Heftige 
in der moralischen Welt zu versöhnen.“ 

Dann wäre das Wesen der Ehe als sittliche Idee restlos ver¬ 
wirklicht Bis zur Erreichung dieses Ideals wäre jeder auch nur 
indirekte Geschlechtszwang und jede weibliche Hörigkeit in der 
modernen juristischen Zwangsehe auf das schärfste zu bekämpfen. 


Selbstmord und Sexualität. 

Von Dr. Max Marcuse. 

Zusammenhänge zwischen Selbstmord und Sexualität werden 
nach außen hin namentlich an zwei Erscheinungen erkennbar: 
erstens an der ganz außerordentlich hohen Selbstmordziffer für 
die Pubertätszeit und zweitens an den sehr zahlreichen 
Selbstmorden und Doppelselbstmorden aus — eingestandener oder 
sonst offenkundiger Weise — „unglücklicher Liebei“. Zu 
diesen beiden Gruppen kommen die Selbstmorde infolge „u n - 
heilbarer Krankheit“, d. i. in der Regel Syphilis, und 
diejenigen aus „Unbekannter Ursache“, d. i. (außer ebenfalls 
Syphilis) oft Homosexualität. Weitere Zusammenhänge er¬ 
geben sich bei weiblichen Personen aus dem ungemein häufigen Zu¬ 
sammentreffen ihres Selbstmordes mit der Menstruation und 
den generativen Phasen: Schwangerschaft, Puerperium und 
Laktation, sowie (in selteneren Fällen) mit der Klimax (welch letz¬ 
tere gelegentlich auch für den Selbstmord des Mannes Bedeutung 
gewinnen kann). Und über alle diese mehr oder weniger deutlichen 
Beziehungen hinaus dürfte ein erheblicher Teil aller Selbstmorde 
überhaupt irgendwie sexuell motiviert oder doch mitbestimmt sein; 
denn „die Selbstmordidee taucht unter den gleichen Konstellationen 
wie die Neurose auf“ (Alfr. Adler), also sehr wesentlich unter den 
Bedingungen sexueller und erotischer Konflikte. 

Die sexuelle Grundlage der Pubertäts-Selbstmorde wird 
gewöhnlich durch die Bezeichnung „Schülerselbstmorde** 
der Öffentlichkeit unkenntlich gemacht, indem dabei die in der 
Mehrzahl der Fälle wohl nur auf dem Wege der „Übertragung“ 
zustande gekommene Prüfungs- Angst, Zensur - Angst, überhaupt 


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Selbstmord und Sexualität. 


193 


Schul - Angst statt der eigentlichen Sexual-Angst als 
die Triebfeder des Selbstmordes erscheint. Jene „Verladung“ des 
Angstaffektes vom Sexuellen auf die Schule ist ein sehr verbreiteter 
psychischer Vorgang, besonders erleichtert sowohl dadurch, daß die 
Schule naturgemäß das nächstliegende Angstobjekt für den Schüler 
ist, wie auch durch die (auch für den im übrigen psychoanalytischen 
Gedankengängen häufig nicht Folgenden: zweifelsfreie) enge Ver¬ 
knüpfung der Vorstellungen vom Bestehen einer Prüfung, von der 
Lösung einer Aufgabe u. dgl. m. mit sexuellen Affekten. Von den 
dabei im einzelnen nach der Lehre der Pschoanalytiker wirksamen 
Mechanismen („Hand-an-sich-legen“, Todeswünsche gegen den Vater, 
Bacheakt), insbesondere auch bei den kindlichen Selbstmördern, 
die es schon vom 3. bis 4. Lebensjahre ab gibt und oft wohl ebenfalls 
Opfer (infantil-)erotischer Konflikte sind — sei wegen ihrer Uner- 
weislichkeit nicht die Rede, sondern nur von den fraglosen Zu¬ 
sammenhängen der Schülerselbstmorde mit Pubertät und 
Onanie. Jene gibt die besondere psychische Grundlage für die 
seelische Erschütterung ab; die Bedeutung dieser ist eine zwiefache, 
scheinbar sich selbst widersprechende. Es kann nämlich die Onanie 
nicht nur, weil sie geübt, sondern auch weil sie nicht, nicht 
mehr geübt wird, zu jener Angst führen, aus der die junge Psyche 
keinen anderen Ausweg findet als den Selbstmord. In jenen 
Fällen handelt es sich meist um Opfer falscher Aufklärung, 
wenn diese die schrecklichsten Folgen des „Lasters“ in Aussicht 
stellt. Die so (verschiedentlich auch durch zweckwidrige Abitu¬ 
rientenvorträge und ähnliche Veranstaltungen) Beängstigten fliehen 
vor den ihnen vermeintlich drohenden G ef ahren in den Freitod. Hier¬ 
her gehören auch die meisten der unter ethischen und religiösen 
Skrupeln Zusammenbrechenden sowie u. a. jener 16jährige Onanist, 
der „Schluß machen wollte“, weil er einen Monat vorher einem Wan- 
dervogelfiihrer das Ehrenwort gegeben — und gebrochen hatte, von 
der Onanie abzulassen (Hirschfeld). In den anderen Fällen handelt 
es sich um solche Kinder und Jugendliche, die durch Verzicht auf 
die längere Zeit hindurch betriebene Onanie, namentlich wenn die 
onanistischen Akte selbst schon ein Angstprodukt waren und 
z. B. — wie es häufig ist — bei einer schriftlichen Arbeit in der 
Schule oder zu Hause kurz vor dem Wege zur Schule aus einem 
inneren angstvollen Drange ausgeübt zu werden pflegten, sich nun¬ 
mehr der für sie notwendigen Erlösung von dem auf ihnen lasten¬ 
den Alb begeben und vollends in einen Zustand der Angstneu¬ 
rose geraten, dessen Endeffekt der Selbstmord ist. Daß hier 
wohl immer eine psychopathische Anlage anzuuehmen 
ist und von einer gesunden Konstitution solche Aktionen und Re¬ 
aktionen nicht leicht erwartet zu werden brauchen (es handelt 
sich gerade bei den Pubertätsselbstmorden gewöhnlich um typische 
„Kurzschlußhandlungen“), ist für die Würdigung dieser Tragö¬ 
dien einigermaßen belanglos, zumal sehr häufig erst das Eintreten 
der Katastrophe die seelische Anomalie aufdeckt; (unter ähn¬ 
lichen Verhältnissen vorgekommene Selbstmorde schon bei anderen 
Familienmitgliedern ist jedoch ein besonders beachtenswertes War¬ 
nungssignal). 




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Max Marcase. 


Das gilt auch für die Fälle, in denen eine „Licbesaffäre“, also 
nicht ein „autistischer“ Vorgang, sondern die erotische Beziehung 
zu einem anderen Menschen als Selbstmordmotiv erscheint. 
A. Eulenburg hat 320 Selbstmorde von Obersekundanern und 
Primanern auf die ätiologischen Zusammenhänge untersucht und 
dabei eine nicht unerhebliche Zahl von Fällen festgestellt, in denen 
frühzeitige Liebesverhältnisse zu der Katastrophe Ver¬ 
anlassung gaben. Wie bei den Selbstmorden Erwachsener liegen 
auch hier die impulsgebenden erotischen Motive am unzweideu¬ 
tigsten bei den Doppelselbstmorden zutage. Bei diesen ist 
der jugendliche Partner in der Regel der männliche, wäh¬ 
rend der weibliche meist eine verheiratete Frau und in solchen 
Fällen natürlich die Anstifterin ist (Inzestmotiv!). Im übrigen er¬ 
gibt sich ein charakteristischer Unterschied bezüglich des Anteils 
der Geschlechter an den Pubertäts-Selbstmorden, was durch 
die stärkere Erschütterung der Mädchen als der Knaben wohl schon 
durch die Pubertät an sich wie durch die überhaupt emotionalere 
Wirkung der sexuellen und erotischen Motive auf die weibliche 
Psyche hinreichend erklärt ist. So sind bei männlichen jugendlichen 
Selbstmördern in 14,6%, bei den weiblichen in 40% (wenn man die 
Altersstufen von 161—20 Jahren allein in Betracht zieht, sogar in 
nahezu 59%) der Fälle „Liebesaffären“ als unmittelbare Motive ge¬ 
funden worden; im einzelnen werden dabei unglückliche Liebe, Eifer¬ 
sucht, „Folgen eines Verhältnisses“ u. dgl. m. angegeben. Und wäh¬ 
rend im Gesamtdurchschnitt aller Selbstmorde das Verhältnis von 
M : W = 3 :1 ist (neuerdings macht sich freilich ein erheblicher 
Anstieg des W-Anteils bemerkbar), kommen auf die Pubertätszeit 
durchschnittlich 43,75% Knaben und 75% Mädchen! — Homo- 
Erotik ist bei den Schüler- Selbstmorden bisher ea’st noch ganz 
selten nachweisbar gewesen, aber es ist zu bedenken, daß dieses 
Motiv besonders im Dunkeln zu liegen pflegt und daß allem Anschein 
nach in Zukunft diesem Motiv — wenn auch nur als vorübergehen¬ 
der Zeiterscheinung — eine größere Bedeutung auch für die Selbst¬ 
morde von Jugendlichen und Kindern zukommen dürfte. 

Gegenüber den Einflüssen der Pubertät, mit denen manche 
Autoren im wesentlichen überhaupt den Liebesselbstmord 
erklären wollen, spielen bei diesem letzteren (im begreiflichen 
Gegensatz zu den Selbstmorden aus wirtschaftlichen und ähnlichen 
Nöten) die übrigen Lebensalter eine untergeordnete Rolle, wobei 
allerdings — wie bei dem gesamten Problem — die außerordentliche 
Mangelhaftigkeit aller aus Statistiken zu gewinnenden Auf¬ 
schlüsse zu bedenken ist. Immerhin erscheint folgende Tabelle 
(G. v. Mayr) nicht ohne Interesse: 


Unglückliche Liebe und Eifersucht (1896—1905). 


im Alter von: 

15—25 

25-35 

35—45 

45—55 

55-65 

65—75 

75 

und mehr 

Männer .... 
Frauen .... 

22,2 

28,1 

7,3 

12,8 

1,5 : 
1,2 

0,5 

0,3 

0,5 

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Selbstmord und Sexualität. 


195 


Das ganz starke Übergewicht der Frauen (in den beiden ersten 
Gruppen) fällt in die Augen. Für Frankreich scheint das Ver¬ 
hältnis ganz anders zu sein und ein tieferes ErgrifBenwerden der 
M änner von der Liebe zu beweisen (Belman). Ein solcher Unter¬ 
schied im Gonochorismus des Selbstmordes scheint auch beim Ver¬ 
gleich mit anderen Ländern sich darzutun (England, Bußland), 
übrigens nicht nur hinsichtlich der Verteilung der Frequenz und 
der Motive, sondern auch der Methoden des Selbstmordes (Morselli). 
Andererseits ist innerhalb der einzelnen Völker das Verhältnis 
zwischen weiblichen und männlichen Selbstmorden anscheinend ein 
viel konstanteres als das zwischen der Bevölkerung und den Selbst¬ 
morden im allgemeinen (Ellis). Bei uns scheint die Statistik der 
Selbstmorde die mehr heroische Liebe des Mannes gegenüber der 
mehr sentimentalen Liebe der Frau zu illustrieren: „Die Liebe 
des stark veranlagten Menschen scheut vor keiner Schwierigkeit 
und Gefahr zurück, wenn es gilt, den Besitz der geliebten Person 
zu erringen und zu behaupten . . . Die Liebe des schwach veran¬ 
lagten Menschen ist eine sentimentale, sie führt nach Umständen 
zum Selbstmord, wenn sie nicht erwidert wird oder Hindernisse 
findet, während unter gleichen Verhältnissen der stark Veranlagte 
zum Verbrecher werden konnte“ (Krafft-Ebing). Diese Beziehung 
zwischen Liebes-Selbstmord und Liebes-Verbrechen läßt 
den ersteren nicht selten als „Sicherheitsventil für die Allgemein¬ 
heit“ erscheinen und, insoweit jener in der Tat in diesem Sinne 
funktioniert, „zugunsten unseres allgemeinen Kulturniveaus“ 
sprechen (Freyer). Im übrigen staunen wir „über die Leichtigkeit, 
mit der heftig akute Verliebtheit, die nicht gleich einen Ausweg 
sieht, den Selbstmord herbeifuhrt, und zwar auch bei ganz bana¬ 
len . . . Naturen. Die heftige Verliebtheit führt die Assoziation: 
Tod mit einer eigentümlichen Gesetzmäßigkeit bei den verschieden¬ 
sten Menschen als Furcht wie als Antrieb und oft ohne sinnvollen 
Zusammenhang herauf; im alten Volkslied ist das fast formelhaft 
geworden. Dies ist wohl eine der phylogenetisch uralten Affekt- 
anastonlosen wie zwischen Liebe und Angst“ (Kretschmer). Am 
klarsten sind die Liebesmotive bei den Doppelselbstmorden, 
die zwar schon immer gelegentlich vorkamen, in ihrem gegenwär¬ 
tigen Umfange jedoch eine typische Erscheinung unserer Zeit 
geworden sind. Die ältere, rein physiologische Theorie, daß eine 
hochgradige sexuelle Spannung, die nicht zur Abreaktion kam, die 
gemeinsame Katastrophe herbeiführe, hat sich den individualpsy¬ 
chischen Tatbeständen gegenüber als gänzlich unzulänglich er¬ 
wiesen. Für die Mehrzahl dieser Fälle ist charakteristisch, daß 
der Todesgedanke zunächst nur bei dem einen Teil ernstlich auf- 
tritt und dem anderen erst durch allerhand suggestive Einflüsse 
aufgedrängt wird, und zwar ist der aktivere Teil beinahe regel¬ 
mäßig die Frau, die erst den widerstrebenden Mann zu dem 
Selbstmorde bewegt, den er dann als ihr Werkzeug ausführt 
(e. o.). (Anders bei Heinrich v. Kleist: „Die Vogel steht daneben 
wie eine dumme Zufälligkeit . . .“ [Ernst v. Ffuehl an Caroline 
de la Motte Fouquö].) So erklärt sich auch, daß so häufig der *— 
überdies meist viel jüngere — Mann nach der Tötung seiner Ge- 


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Max Marouse. 


liebten und damit dem Fortfall ihres suggestiven Einflusses von 
der Zuendeführung des Planes Aibstand nimmt. In der Regel tötet 
der Mann das Weib mit dessen Einwilligung und dann eich 
selbst. Es liegt also nur in psychologischem Sinne Selbst¬ 
mord vor ‘— „erweiterter Selbstmord“ wie auch bei den typischen 
Familienmorden —, juristisch handelt es sich um Mord und 
Selbstmord. In einer besonders abartigen psychischen Verfassung 
wurzeln diejenigen Fälle von Doppelselbstmord, in denen „das 
wahre Liebesglück und die Idealehe als mystische Seelenweihe und 
Todesgemeinschaft“ gesucht werden (Beier). Zu bemerken ist noch, 
daß es auch nur scheinbare Doppelselbstmörde gibt, d. h. solche, 
bei denen entweder zwar die Frau wirklich Selbstmord begeht, der 
Mann seinen Selbstmord aber nur fingiert, oder bei denen die 
Frau gegen ihren Willen getötet wird und der Mörder darauf 
Selbstmord begeht. Dieser Zusammenhang wird nicht selten durch 
den medizinischen Leichenbefund zweifelsfrei aufgedeckt. 

Auch bei den Einzelselbstmorden sind die echten von 
den scheinbaren zu unterscheiden. „Wenn ein aus guter Familie 
stammendes schwangeres Mädchen einen Herzschuß aufweist und 
daneben einen gegen das Becken gerichteten Tiefschuß im Unter¬ 
leib . . ., so liegt bestimmt Selbstmord vor. Der erst abgegebene 
Bauchschuß bekundet uns auch mit unverkennbarer Deutlichkeit 
den Grund der Selbstentleiibung. Der Schluß, daß die Unglückliche 
den Beweis ihres Fehltrittes vernichten wollte, bevor sie sich selbst 
tötete, liegt fast offenkundig zutage (Fall aus dem Jahre 1898). Wenn 
aber eine Schwangere an Gift gestorben ist und dieses Gift ein an¬ 
erkanntes Abtreibungsmittel, wie Phosphor, Arsen, Sabina, Safran, 
dann liegt bestimmt kein Selbstmord, sondern Fruchtabtreibung 
mit tödlichem Ausgang vor. Die betreffende Frauensperson hatte 
durchaus nicht die Absicht, sich zu töten, etwa aus Schande über 
den Fehltritt, wie im obigen Fall, sondern sie wollte nur die-Frucht 
töten, selbst aber weiter leben . . . Hunderte von angeblichen 
Frauenselbstmorden sind es nach dieser Erkenntnis gar nicht“ 
(Kratter). 

Das Vorkommen von Simulationen und Dissimula¬ 
tionen von Selbstmorden, im Zusammenhänge mit sexuellen Be¬ 
gebenheiten und Erlebnissen, sei nur beiläufig erwähnt ; ebenso das 
gelegentliche Entgleisen des vom Affekt eingegebenen Selbstmord¬ 
entschlusses nach anderer Richtung: „Der Psychopath, in krank¬ 
haft erregtem Zustande wegen der Untreue der Ehefrau, der Absage 
der Geliebten, will sich selbst töten. Er trifft zufällig die Person, 
die seine seelische Erregung hervorgerufen: die Gattin, den Lieb¬ 
haber usw. Der Affekt, vielleicht schon lange zurückgehalten, stei¬ 
gert sich nun unter diesem plötzlichen, neuen, erregenden Einfluß 
und durchbricht stürmisch die Hemmungen. Die zur Entladung 
drängende innere Spannung richtet sich nun, wiewohl unbeabsich¬ 
tigt, gegen die fremde Person. Statt des Selbstmordes die Tötung 
eines andren“ (K. Birnbaum). 

In den Polizeiberichten und den amtlichen Statistiken nehmen 
die Angaben „Ursache: unbekannt“ oder „Ursache: unheilbare 
Krankheit“ einen beträchtlichen Raum ein. Es wurde schon be- 


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Selbstmord und Sexualität 


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merkt, daß dahinter großenteils Syphilis und Homosexua¬ 
lität verborgen sind. An einem zahlenmäßigen Anhaltspunkt für 
die Bedeutung der Syphilis als Selbstmordmotiv fehlt es zwar 
gänzlich, aber sie kann nach ärztlichen Erfahrungen nicht gering 
sein. Es sind hier im wesentlichen zwei Gruppen von Selbstmördern 
za unterscheiden: nämlich diejenigen, bei denen die Tat normal- 
psychologisch einigermaßen verständlich ist, wenn sie auch im all¬ 
gemeinen auf durchaus falscher, weil sehr übertriebener Bewertung 
der Tragweite der Krankheit beruht und bei ruhigem Urteil nicht 
möglich wäre — und andererseits diejenigen, bei denen ihr jede 
vernünftige Begründung fehlt und sie nur als Ausdruck einer 
krankhaften Zwangsvorstellung erklärbar ist. Dabei kann es sich 
sowohl um wirkliche Syphilitiker handeln, die aber die gleichgültig¬ 
sten Zufallserscheinungen immer sogleich auf ihre Krankheit be¬ 
ziehen und in beständiger Furcht vor ihren Folgen, namentlich 
einerseits vor ihrer Weiterübertragung oder Vererbung, anderer¬ 
seits vor eigener geistiger Erkrankung (Paralyse) leben, bis sie in 
einem Anfall schwerster Depression Selbstmord begehen; — wie 
auch um solche „Syphilidophoben“, „welche früher tatsächlich nie 
infiziert waren und-lediglich auf dem Wege mehr oder minder phan¬ 
tastischer Konstruktionen zu der Annahme gelangten, daß sie Lues 
akquiriert haben oder haben könnten“ (Löwenfeld). — Die Häufig¬ 
keit der Selbstmorde infolge homosexueller Eigenart schätzt 
Hirschfeld auf 3 Proz. aller Urninge. Zu den durch die Homosexua¬ 
lität direkt bedingten rechnet er außer denjenigen aus Kummer 
über die Abartigkeit an und für sich drei weitere Untergruppen: 
einmal die, welche sich im Verlauf gerichtlicher Verfahren gegen 
Homosexuelle ereignen, ferner die durch Erpresser veranlaßten, 
schließlich die mit einem auftauchenden Skandal zusammenhän¬ 
genden. Indirekt verursacht die Homosexualität den Selbst¬ 
mord in den Fällen, in denen „nicht die umische Anlage mit ihren 
unmittelbaren Konsequenzen die Katastrophe herbeiführt, sondern 
zunächst die gleichgeschlechtlichen Neigungen dem Lebenslauf des 
Urnings die verhängnisvolle Wendung geben, ihn aus seiner Bahn 
in unvorhergesehene Lagen herausschleudern, denen er allen An¬ 
strengungen zum Trotz nicht gewachsen ist“. In einer erheblichen 
Anzahl von „erschütternden Einzel Schicksalen“ folgen einander „in 
unabwendbar furchtbarer Monotonie das Bewußtsein der erotischen 
Sonderartung, der Konflikt mit den Normen unseres Gemeinschafts¬ 
lebens und der Selbstmord geradezu gesetzmäßig“ (Kronfeld). Eine 
eigene Gruppe bilden die eigentlichen Liebesselbstmorde, 
die — aus konstitutiven und äußeren Gründen begreiflicherweise — 
unter den Homosexuellen verhältnismäßig noch häufiger sind als 
bei Normalen. Man wird sich über diese Selbstvernichtungen be¬ 
sonders darum wenig wundern, weil „der Affekt eines Homosexuel¬ 
len für den Gegenstand seiner Zuneigung, namentlich in der nega¬ 
tiven Bichtung seiner Sehnsucht und Eifersucht, von enor¬ 
mer Heftigkeit sein kann“ (Hirschfeld). Eine erhebliche Bedeutung 
haben auch hier Doppelselbstmorde: unter hundert urni- 
schen Selbstmördern töteten 12 Männer und 8 Mädchen, also 
10 Paare, sich gemeinsam. 


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Max Marcuse- 


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Daß bei der Frau die Menstruation, die generativen 
Phasen und das Rückbildungsalter besonders günstige Be¬ 
dingungen für das Auftreten von Selbstmordimpulsen schaffen, er¬ 
scheint nur selbstverständlich, wenn man bedenkt, wie sehr schon 
im Rahmen des Normalen durch diese Vorgänge die Psyche des 
Weibes im Sinne hypochondrischer Verstimmungen und melancho¬ 
lischer Depressionen beeinflußt wird. So überwiegt geradezu, 
wenigstens unter den jugendlichen Selbstmörderinnen, die 
Menstruierende. Die Mehrzahl der menstruellen, generativen 
und klimakterischen Selbstmorde dürfte allerdings nur der Aus¬ 
druck einer entsprechenden Psychose sein, ohne daß man aber 
dadurch einer streng individualisierenden Würdigung enthoben 
wäre; hat sich doch unter 124 während der Jahre 1904)—1906 auf die 
Münchener psychiatrische Klinik verbrachten Selbstmordkandi¬ 
daten nur eine einzige Person als psychisch gesund erwiesen, 
und diese war gerade ein 21jähriges Dienstmädchen im 8. Monat 
der Schwangerschaft (Gaupp). Bei den Selbstmorden der Schwan¬ 
geren haben neben den sexualpsychisch und -pathopsychisch deter¬ 
minierten Fällen natürlich die sozial bedingten eine große Be¬ 
deutung (ledige Schwangere). Bei den Selbstmorden im Klimak¬ 
terium spielt die überwertige Idee des nunmehr unleugbar „Alt¬ 
geworden-“ und damit als Weib „Erledigt“-seins eine wesentliche 
Rolle; wird doch die Frau während ihres ganzen Lebens (bewußt 
oder unbewußt) von der Angst vor dem Altern und dem Alt¬ 
sein erfüllt* und in ihrem gesamten Verhalten wesentlich beeinflußt. 

Von spezifisch weiblichen Liebes- und Sexual-Motiven 
des Selbstmordes seien noch die folgenden erwähnt. Nicht selten 
begehen Frauen, die von ihrem Geliebten oder ihrem Manne belei¬ 
digt oder betrogen worden sind, Selbstmord nur aus der Hoffnung 
heraus, der Überlebende werde ihren Tod beklagen, die Verstorbene 
schmerzlich entbehren und im Tode mehr und zärtlicher lieben als 
während ihres Lebens. Es ist hier im wesentlichen derselbe kind¬ 
liche T r o t z mechanismus wirksam wie in den Fällen, in denen 
Mädchen, um ihren wirklich Geliebten aufs tiefste zu verletzen 
und zu lebenslänglichen Selbstvorwürfen zu nötigen, einen un¬ 
geliebten Mann heiraten. An den entgegengesetzt motivier¬ 
ten Freitod der Charlotte Stieglitz, die ihrem geliebten Hein¬ 
rich durch ihren Selbstmord den „Segen des Unglücklichseins“ ver¬ 
schaffen wollte, sei hier nur beiläufig erinnert. Ein sehr bemerkens¬ 
wertes Motiv des weiblichen Selbstmordes ist die Furcht vor 
Entdeckung der bereits erfolgten Defloration. Die Selbst¬ 
morde von Bräuten unmittelbar vor der Hochzeit haben 
sehr oft diesen Beweggrund. Selbstverständlich kann bei Psycho- 
pathinnen oder sonst abartigen Mädchen umgekehrt auch,grade die 
Angst vor der Defloration in der Hochzeitsnacht oder über¬ 
haupt ein WiderwillegegendiesexuelleGemeinschaft 
das Motiv solcher Selbstmorde sein. In diesem Zusammenhang sind 
auch die nicht ganz wenigen Selbstmorde (oder Selbstmordversuche) 
von Frauen am Morgen nach der ersten Nacht zu erwähnen. Die 
Motive bleiben hier meist im Dunklen, sind aber selbstverständlich 
so gut wie ausnahmslos sexueller Natur. Der Vollständigkeit wegen 


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Selbstmord und Sexualität. 


199 


sei noch der sehr ungewöhnlichen, in Ausnahmen jedoch beglau¬ 
bigten Fälle gedacht, in denen Mädchen oder Frauen, die einer 
Vergewaltigung zum Opfer fielen, aus Scham und Verzweif¬ 
lung darüber sich töteten; es mag dabei auch an die Reihe von 
Frauen erinnert werden, die nach den Zeugnissen der Ge¬ 
schichte Selbstmord begingen, um einen Angriff auf ihre 
Keuschheit abzuschlagen oder um sich für ihn zu rächen, Lukrezia, 
Hippia, Saphronia, die deutschen Jungfrauen unter Marius, u. a. 

Dem wesentlich geschlechtsspezifisch motivierten 
Selbstmord des Weibes gegenüber sei auch das Vorkommen von — 
zwar nicht eben häufigen, aber psychopathologisch und therapeu¬ 
tisch bzw. prophylaktisch durchaus bemerkenswerten — spezi¬ 
fisch männlichen Selbstmorden aus sexuellen Gründen oder 
Anlässen erwähnt: Impotente geraten bisweilen über das Ver¬ 
sagen ihres geschlechtlichen Vermögens in so schwere Depression, 
daß sie Selbstmord begehen; es kommt zu solcher Verzweiflungstat 
gelegentlich bei jungen Ehemännern, die sich in der Hochzeitsnacht 
als unfähig zur Kohabitation erwiesen haben, — aber auch in an¬ 
deren Fällen, in denen die sexuelle Insuffizienz ein allgemeines 
schweres Minderwertigkeitsgefühl erzeugt. 

Was den Familienstand der Selbstmörder betrifft, so ist 
die Zahl der Verheirateten beim männlichen Geschlecht größer als 
die der Ledigen, bei den Frauen ist es umgekehrt. Eine sehr hohe 
Selbstmordziffer weisen bei den Männern und dien Frauen die Ver¬ 
witweten und Geschiedenen auf. Den größten Prozentsatz der 
Selbstmörderinnen stellen diejenigen Frauen, die irgend¬ 
wie den Schutz der Ehe entbehren müssen, also die un¬ 
verheirateten, verwitweten, geschiedenen und eheverlassenen. Die 
letzten drei Gruppen indes neigen mehr zum Selbstmord als die 
erste, d. h. der Ausfall des bereits wirksam gewesenen Ehelebens 
disponiert die Frau mehr zum Selbstmord als die gänzliche Ehe¬ 
losigkeit. Selbstverständlich drücken sich darin noch andere als 
sexuelle Zusammenhänge aus. Die Bedeutung der Kinder als 
Selbstmordschutz für die Frau erhält eine besondere Beleuchtung 
durch die Tatsache, daß in der Ehe etwa dreimal mehr 
kinderlose Frauen als Mütter Selbstmord begehen und nach 
Auflösung der Ehe die Zahl der Selbstmörderinnen mit Kin¬ 
dern immerhin um die Hälfte hinter den kinderlosen Frauen 
zurückbleibt (Freyer). 

Schließlich seien noch zweierlei Tatbestände erwähnt, die bei 
einer Betrachtung des Selbstmordes in seiner sexuologischen Be¬ 
ziehung nicht übersehen werden dürfen. Die Häufigkeite- 
kurve des Selbstmordes verläuft „durchaus wie die der 
Sittlichkeitsdelikte“ (Aschaffenburg). Dabei ist besonders 
bemerkenswert, daß „in den Wintermonaten, also zu einer Zeit, wo 
die wirtschaftliche Not manch einen an den Band der Verzweiflung 
bringt, verhältnismäßig wenig Menschen durch eigene Hand ster¬ 
ben; der Höhepunkt der Selbstmordneigung fällt auf den Juni, in 
einzelnen Ländern auch auf den Mai. Und zwar gilt diese Gesetz¬ 
mäßigkeit, schnelle Zunahme im Frühjahr und ebenso schnelles 
Absinken im Hochsommer, nicht nur für Deutschland, sondern 


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200 


Uax Marcuse, Selbstmord und Sexualität. 


ausnahmslos auch für die anderen europäischen Länder“. Gegen¬ 
über allen anderen Deutungsversuchen scheint nur die Erklärung 
haltbar, daß Sittlichkeitsdelikte und (die Mehrzahl der) Selbstmorde 
gleichermaßen Ausdruck einer Sexualperiodizität sind. Das 
wird besonders deutlich auch durch die nachweisliche Paralle¬ 
lität zwischen dem Maximum der weiblichen 
Selbstmorde im Mai und dem Maximum der unehe¬ 
lichen Geburten im Februar. Ferner werden die Beziehun¬ 
gen zwischen Selbstmord und Geschlecht noch durch folgende Über¬ 
sicht über die Selbstmord ra e t h o d e n beleuchtet: vom weiblichen 
Geschlecht am häufigsten gewählt werden Erhängen, Ertränken 
und Einnehmen von Gift; der erstgenannten Selbstmordart bedient 
sich auch das männliche (Jeschlecht am häufigsteh, während an 
den zwei anderen Methoden das weibliche Geschlecht viel stärker 
beteiligt ist als das männliche. Als eine fast spezifisch weibliche 
Selbstmordart ist der „Sturz aus der Höhe“, mit einer gewissen Ein¬ 
schränkung auch das Einatmen giftiger Gase, zu bezeichnen. Männ- 
licherseits entspricht diesen weiblichen Methoden vor allem das 
Erschießen; einen sehr hohen. Anteil des männlichen Geschlechtes 
zeugen auch die anderen „blutigen“ Methoden (Erstechen, Schnitt 
in den Hals, Eröffnen der Pulsadern); ferner das Sich-überfahren- 
lassen von der Eisenbahn. Diese Unterschiede in der Methodik des 
Selbstmordes entsprechen den allgemeinem psychischen Geschlechts¬ 
unterschieden, wobei bemerkenswert ist, daß die Anteile der ver¬ 
schiedenen Selbstmordarten nicht konstant bleiben. So zeigen sich 
zwischen den Jahren 1913 und 1919 z. B. für Preußen folgende Ab- j 

weichungen: während 1913 etwa 51 # /o aller männlichen Selbstmörder 
sich erhängten, waren es 1919 nur noch 46,5%; die Selbstmorde 
durch Ertränken sind beim männlichen Geschlecht um rund ein 
Drittel zurückgegangen; dagegen haben sich 26,3 % der männlichen 
Selbstmörder im Jahre 1919 gegen 23% im Jahre 1913 erschossen, 
und die Gasvergiftungen sind bei ihnen von 2,1% auf 7,1% ge¬ 
stiegen; andrerseits hat auch der Anteil der Gasvergiftung an den 
weiblichen Selbstmorden sehr stark zugenommen, während der Pro¬ 
zentsatz der Selbsmorde von Frauen durch Erhängen und Ertränken 
von 33,6 auf 26,7, bzw. von 30,8 auf 25,3 % gesunken ist. 

Literatur. 

Adler und Furtmüller, Heilen und Bilden. München 1914. 

Aschaffenburg, Das Verbrechen und seine Bekämpfung. Heidelberg 1893. 

Asnaurow, Der Selbstmord auf sexueller Basis. Sexual-Probleme 1912. 

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rend der Menstruation. Zeit9chr. f. Psychother. u. med. Psych. 1, 5, 1909. 

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Bd. 62, 2, 1921. 

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Preußischen Statistischen Landesamt. X, 3, 1922. 

Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. Zentralbl. f. Psa. 1, 1911. 

E 11 i s, Das Geschlechtsgefühl. Würzburg 1909. 

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Derselbe, Kinder- und Jugendselbstmorde. Halle 1918. 


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Anton Ny8tröm, Über Impotenz bei jüngeren und sexuelle Kraft bei älteren Männern. 201 


Derselbe, Das sexuelle Motiv bei den Schülerselbstmorden. Zeitschr. f. Sexualw. 

з, 12, 1917. 

Frey er, Selbstmorde verheirateter und eheverlassener Frauen. Sexual-Probleme 
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G r o t j a h n , Soziale Pathologie. Berlin 1915. 

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Hirschfeld, Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Berlin 1914. 

Hu rwicz. Der Liebes-Doppelselbstmord. (Abhdlg. a. d. Geb. d. Sexualforschung.) 
Bonn 1920. 

Jones, Das Problem des gemeinsamen Sterbens. Zentralbl. f. Psa. 1, 1911. 
Kratter, Zur Psychologie und Psychopathologie des Selbstmordes. Arch. f. Psych. 

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Kretschmer, Medizinische Psychologie. Leipzig 1922. 

K r o n f e 1 d , Über Gleichgeschlechtlichkeit. Stuttgart 1922. 

Lombroso, Liebe, Selbstmord und Verbrechen. Zeitschr. f. Sexualwissensch. 
(frühere Ausgabe), 1908, S. 409 ff. 

Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen. Wiesbaden 1914. 

Marr, Die Frau als Selbstmörderin. Geschlecht und Gesellsch. 9, 1. 
v. Mayr, Der Selbstmord, Allg. Statist. Arch. 1896 u. 1897. 

Derselbe, Moralstatistik. Tübingen 1909. 

Neter, Der Selbstmord im kindlichen und jugendlichen Alter. München 1910. 
Pfeiffer, Uber den Selbstmord. Jena 1912. 

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S t e k e 1, Nervöse Angstzustände. Berlin u. Wien 1921. 

W u 1 f f e n , Das Kind. Berlin 1913. 


Über Impotenz bei jüngeren und sexuelle Kraft 
bei älteren Männern. 

Von Dr. med. Anton Nyström 

in Stockholm. 

Die Impotenz kann relativ oder absolut sein. Die relative 
oder funktionelle Impotenz kann auf verschiedenen Umständen 
psychischer oder physischer Natur beruhen: einer zufälligen In¬ 
disposition oder Stimmung, zu intensiver Gedankenarbeit, Frigidität 
und Mangel an Gegenliebe bei der Frau usw. Auch die absolute 
Impotenz kann auf mehreren Ursachen beruhen, verschiedenen 
Krankheitszuständen, langdauernder Unterdrückung des Geschlechts¬ 
gefühls usw., wodurch die Entwicklung der Spermatozoen aufhört 
und Atrophie der Hoden stattfindet Andererseits kann Übermaß 
in der Geschlechtstätigkeit durch Lähmung des Erektionszentrums 
zu absoluter Impotenz führen. 

Es gibt eine impotentia coeundi und eine impotentia 
generandi. Die erstere kann auf mangelhafter Erektion oder auf 
ejaculatio praecox beruhen; die impotentia generandi 
ist entweder die Folge der ersteren, oder Mangel an Spermatozoen 
ist die Ursache. 

Bisweilen führen schwerere Krankheiten, z. B. die Influenza, 
die die ganze Vitalität niederdrückt, zu dauernder Impotenz und 
sexualpsychischer Depression. 

Schwache Libido, ja vollständige Impotenz hängt oft mit Fett¬ 
leibigkeit zusammen; die Samenabsonderung ist unbedeutend und 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft IX. 7 15 


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Anton Nyström. 


bisweilen sind die Testikeln fettig entartet. Kisch hat gefunden, daß 
in 9 Proz. von allen untersuchten fettleibigen Männern der Samen 
keine Spermatozoen enthielt 

Im allgemeinen kann man sagen, daß die Impotenz, wenn es 
sich nicht um ältere Personen handelt, ein sehr ernster Leidens¬ 
zustand ist Alle Impotente sind unglücklich, verstimmt, ohne 
Lebensfreude. 

Die Impotenz findet sich oft auch bei jungen Leuten. Häufig 
ist Onanie, die längere Zeit ausgeübt war, die Ursache, indem 
der Selbstreiz den normalen Stimulus zum Beischlaf, das Sehnen 
nach dem Weibe, unentwickelt läßt Oft genug beruht Impotenz 
auf Coitus interruptus, längere Zeit fortgesetzt, weil dadurch 
der Beischlafs-Mechanismus sozusagen gestört wird. 

Oft findet man bei näherem Nachfragen keine von diesen Ur¬ 
sachen, sondern es weist die Impotenz in vielen Fällen auf eine 
angeborene Anomalie in den Geschlechtsorganen hin. Junge Männer, 
die bis dahin abstinent gelebt haben, nehmen zu ihrer Überraschung 
und Verzweiflung ihre sexuelle Unfähigkeit wahr, wenn sie den 
Beischlaf auszuüben wünschen. 

In den letzten sechs Jahren(1914—1920) haben mich 66Impotente 
konsultiert Von diesen waren 42 22—30 Jahre alt; 24 waren 
33—47 Jahre alt In den meisten Fällen war die Ursache der Im¬ 
potenz nicht zu ermitteln; bei 12 unter den jüngeren Männern 
war sie durch Übermaß im Geschlechtsgenuß verursacht 

Ich teile hier einige Fälle mit. 

I. Jüngere Männer, alle unverheiratet 

1. 22 jähriger; übte 17 Jahre alt den Beischlaf 2 mal aus, darauf 
machte er keine Versuche mehr während 3 Jahren, bis er 20 Jahre 
alt 3 Versuche machte ohne Erfolg, indem die Erektion ausblieb. 
Hat nicht Onanie betrieben. Früher hatte er oft Pollutionen, aber 
seit ein paar Jahren nur 1 mal monatlich. Pat ist nervös und reizbar. 

2. 24jähriger; hat nie onaniert, machte 21—23 Jahre alt mehrere 
Versuche, den Beischlaf auszuüben, aber es gelang ihm nicht, weil 
die Erektion zu schwach war. Ist Alkoholabstinent. 

3. 24jähriger; hat nur ein paarmal im 19. Jahre onaniert. Hat 
nie den Beischlaf ausüben können, da keine Erektion eintrat und 
weil er bei den Versuchen vollständig apathisch geworden ist. Er 
hat nichtsdestoweniger starke Libido und liebt ein Mädchen. 

4. 24jähriger; übte 21 Jahre alt den Beischlaf einige Male 
aus, aber nicht in den letzten 3 Jahren, weil er selten Libido 
gehabt hat und diese überdies nur sehr schwach war, so daß er 
sich impotent fühlt. Die Testikeln sind ganz klein. Er ist körperlich 
schlaff und hat keine Lust zur Arbeit 

5. *27jähriger; Abstinent, hat nie onaniert, hat nie eigentliche 
Libido gefühlt und auch nicht den Beischlaf ausgeübt Er machte 
zwar mehrere Versuche während den letzten Monaten, aber sie mi߬ 
langen, weil weder Erektion noch Ejakulation eintraten. Hat die Absicht 
gehabt, sich zu verheiraten, aber wagt nicht mehr daran zu denken. 

6. 27jähriger; hat nur sehr geringen Geschlechtstrieb, hat 
nur ein paarmal jährlich den Beischlaf ausgeübt, aber mit.wenig 
Libido, und seit 3 Monaten Koitusversuche erfolglos. 


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Über Impotenz bei jüngeren und sexuelle Kraft bei älteren Männern. 203 


IL Männer in den mittleren Jahren, alle verheiratet. 

1. 40 jähriger mit 2 Kindern, 12 und 11 Jahre alt, hat ordentlich 
und mäßig gelebt, seit mehreren Jahren kann er nicht den Beischlaf 
ausüben, ohne daß er eine Ursache dafür kennt Die Geschlechts¬ 
organe atrophisch. 

2. 42 jähriger mit 4 Kindern, das jüngste 12 Jahre alt Seit ein 
paar Jahren sind die Erektionen nach und nach schwächer ge¬ 
worden, und zuletzt konnte Pat nicht mehr den Beischlaf ausüben, 
besonders weil der Samen zu früh abging. Kein abusus quoad 
alkohol oder venus. . 

3. 46 jähriger mit 1 Kind, 12 Jahre alt, nahm seit einem Jahre 
fortschreitende Schwächung der Geschlechtskraft wahr und wurde 
zuletzt impotent. Früher hat er unmäßig den Beischlaf ausgeübt; 
immer gesund gewesen und von kräftiger Körperkonstitution. 

4. 47 jähriger mit 2 Kindern, 17 und 15 Jahre alt; die Geschlechts-: 
kraft hatte sich nach und nach vermindert während den letzten 
Jahren; seit 2 Jahren vollständig impotent 

ln gewissen Fällen ist die Impotenz auf angeborene Frigidität 
zurückzuführen, ein Mangel, der bei Männern viel seltener ist als 
bei Frauen. Solche Personen haben nie Geschlechtsgefühl gehabt 
sind „kalte Naturen“. Ich erwähne folgenden Fall. Ein Jugendfreund 
von mir, der immer sehr gesund und männlich aussah, wollte, als er 
eine gute Erbschaft bekommen hatte, eine junge Dame heiraten, 
um eine hübsche Frau in seinem hübschen Hause zu haben, obschon 
er nichts von Geschlechts-Erregungen wußte. Er heiratete, aber 
konnte nioht den Beischlaf ausüben; die in Geschlechtssachen ganz 
unwissende junge Frau erzählte ihrer Mutter nach einem halben Jahre, 
daß sie wie früher ihre Menstruation habe und, ausgefragt daß 
sie nur an der Seite ihres Mannes im Bette liege, und zwar ohne 
alle Liebkosungen. Die erzürnte Mutter machte dem jungen Manne 
heftige Vorwürfe für solch einen Betrug, aber er konnte nur sagen, 
daß er nicht wußte, daß er impotent war, als er heiratete. Er 
konsultierte den Hausarzt — der mir nachher alles über ihn er¬ 
zählte —, aber dieser konnte keinen Defekt an den Geschlechts¬ 
organen finden; Testikel von normaler Größe waren im Skrotum. 
Mehrere Mittel wurden angewendet, aber ohne Resultat. Während 
ein paar Jahren konsultierte der junge Mann mehrere ärztliche 
Autoritäten am Kontinent, aber er blieb für immer impotent 

Oft beruht Impotenz auf lange dauernder Enthaltsamkeit, 
die der junge Mann sich auferlegt hat, sei es aus religiösen Gründen, 
um ein „reines Leben“ zu führen, bevor er in die Ehe eintrete, 
oder aus anderen Bedenken. Ich habe mehrere solche Fälle 
gesehen und wurde z. B. neulich von einem 40 jährigen Manne 
konsultiert, der bis zu seinem 38. Jahre, da er heiratete, nie Ge¬ 
schlechtsumgang gehabt hatte; aber während diesen beiden Jahren 
ist er vollkommen impotent gewesen. 

Albert Eulenburg hat, sich auf seine zahlreichen Beobach¬ 
tungen stützend, folgenden Satz ausgesprochen: „Ich möchte aus¬ 
drücklich hervorheben, daß ich Fälle recht ausgeprägter und 
fataler maritaler Impotenz beobachtet habe bei Männern, die 
bis zu einem relativ hohen Lebensalter, bis in die 30er Jahre und 

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Anton Nyström. 


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darüber, aus religiösen und moralischen Skrupeln sich jedes Ge¬ 
schlechtsverkehrs vollständig enthalten und durch einen streng 
asketischen Lebenswandel ihre Begierden sozusagen abgetötet hatten. 
Wenn solche Männer sich in späteren Jahren aus irgendeiner Ur¬ 
sache doch zur Ehe entschlossen oder verlocken lielen, war das 
eheliche Fiasko nicht selten fertig.“ 

Ähnliche Beobachtungen haben viele andere erfahrene Ärzte, 
wie I. Bloch, M. Hirschfeld, E. Burchard, W. A. Häm¬ 
in ond u. a. gemacht Hamm ond hat hervorgehoben (in „Sexuelle 
Impotenz“, deutsche Übersetzung, 1904), wie Enthaltsamkeit auf 
Grund religiöser Vorschriften und Vorurteile oft zur Impotenz 
führt: „Priester in gewissen Sekten, die im Zölibat leben, wurden 
mit der Zeit von allen sexuellen Begierden frei und allgemein 
impotent Dasselbe gilt von ganzen Sekten, deren Statuten voll¬ 
ständige sexuelle Enthaltsamkeit fordern.“ Er zitiert Beispiele 
unter den Quäkern. 

Viele Männer, die sexuell schwach konstituiert sind, versuchen 
sicherlich den Beischlaf, um nicht frühzeitig impotent zu werden. 
Durch fehlende Übung der Geschlechtsorgane atrophieren diese 
mit der Zeit; nach und nach verschwindet alle Liebeslust und 
das Weib macht keinen erotischen Eindruck mehr auf den ver¬ 
blauten und vertrockneten Mann. 

Wie andererseits Übermaß im Geschlechtsgenuß oft zur 
Impotenz führt, ist durch zahlreiche Beobachtungen bekannt Ge¬ 
wisse Männer können zwar im jüngeren Alter den Beischlaf recht 
oft ausüben, z. B. einige Jahre jede Nacht, ein-, bisweilen zwei- 
oder dreimal, ohne Gefahr; aber davon ist immer abzuraten, denn 
früher oder später wird die Geschlechtsfunktion durch solche 
Frequenz erschlafft, und sowohl die psychische wie die physische 
Gesundheit leidet 

Ich habe einen Mann von 26 Jahren behandelt der mit seiner 
Frau während mehreren Jahren den Beischlaf 3—4 mal täglich aus¬ 
übte, bis seine Kräfte ganz erschöpft waren und Angstneurose 
sich einstellte. Durch hypnotische Behandlung wurde der Geschlechts¬ 
trieb in kurzer Zeit sehr herabgesetzt, der Beischlaf wurde ganz 
mäßig ausgeübt und Pat wurde bald ganz gesund. 

Ich weiß von einem Manne, daß er von seinem 32. Jahre den 
Beischlaf 3 mal täglich während 10 Jahren mit seiner Frau ausübte; 
aber zuletzt wurde er vollständig impotent. Ein 44jähriger hat 
seit 3 Jahren mit einer Freundin den Beischlaf an einem Tage 
der Woche regelmäßig 2 mal ausgeübt Aber einmal wollte er, wie 
er sagte, die ganze Nacht genießen, und die Folge war dauernde 
Impotenz. 

Hammond erzählt von einem ähnlichen Fall: Ein Mann hatte 
binnen 8 Stunden 11 mal den Koitus ausgeübt; nur bei den drei 
ersten fand Ejakulation statt, Orgasmus spürte er jedoch bei den 
übrigen. Kurz nach dem letzten Koitus bekam er einen epileptischen 
Anfall; er war seitdem für immer impotent und hatte nie mehr 
Erektion. 

* * 

* 


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Über Impotenz bei jüngeren und sexuelle Kraft bei älteren Männern. 205 


Es kommt gar nicht selten vor, öfter als man im allgemeinen glaubt, 
daß alte Männer starke sexuelle Kraft besitzen, mit Leiden¬ 
schaft lieben und Kinder zeugen können. Alter ist ein relativer 
Begriff, obschon wir mit Flourens wohl das erste Greisenalter vom 
70. Jahre ab und das zweite Greisenalter vom 85. Jahre ab rechnen 
mögen. Das 100 jährige Alter muß als die Grenze für die Lebens¬ 
dauer des Menschen gesetzt werden (wie ich in meiner Arbeit 
„Das Alter und die Mittel, das Leben zu verlängern“, 1818, gezeigt 
habe). Gewiß kennen wir noch ältere Leute, einige 120—140jährige; 
aber sie sind verhältnismäßig äußerst selten und beweisen 
nichts für die Möglichkeit des Durchschnitts, länger als etwa 
100 Jahre gesund und lebensfähig zu bleiben. In der Regel fängt 
der Mensch mit dem beginnenden Greisenalter an sich weniger 
kräftig zu fühlen. Die Reservekräfte im Körper reichen zu 
normalen Arbeitsleistungen nicht mehr hin. 

Recht viele Männer sind jedoch in einem Alter von 70—80 Jahren 
noch ganz kräftig, und noch mehr sind mit überschrittenen 60 Jahren 
so gesund, munter und tüchtig in der Arbeit wie die meisten 
im Alter von 40—50 Jahren, so daß man unmöglich sagen kann, 
wie alt sie sind. Da umgekehrt jüngere Schwächlinge und Impo¬ 
tente bio- und physiologisch schon Greise sind, muß man also zu¬ 
gestehen, daß das Alter ein relativer Begriff ist. 

Erotische Gefühle und sexuelle Kraft bei älteren Männern be¬ 
ruhen teils und vor allem auf einer angeborenen starken Konstitution, 
teils auf Mäßigkeit in ihrem Geschlechtsleben in jüngeren Jahren. 
In früheren Zeiten scheinen viele Ärzte ganz falsche Vorstellungen 
über das Geschlechtsleben älterer Männer gehabt zu haben, als sie 
vor dem Beischlaf nach etwa erreichten 50—60 Jahren warnten. 
Nach meinen Erfahrungen kann man keine andere Regel aufstellen 
mit Bezug auf Ausübung vom Beischlaf im höheren Alter als: 
Mäßigkeit — ganz wie für jüngere Leute. Sonst kann man sagen, 
daß, wenn ein älterer Mann sexuelle Regungen spürt, er den Bei¬ 
schlaf ausüben kann, ja, daß es ihm gesund ist und ihn tatkräftig 
machen kann. Als allgemeine Satzung gilt, daß das Geschlechts¬ 
bedürfnis als ein Thermometer für die Gesundheit dienen kann. 

Gegen gewisse ältere Autoritäten, die Geschlechtsumgang älterer 
Männer widerraten haben, hat Gyurkovechky in seiner Arbeit 
„Path. u. Ther. d. männl. Impotenz“ (1897) hervorgehoben, daß diese 
keine Gefahr laufen, wenn sie einen wirklichen Geschlechtsbedarf 
zufriedenstellen, und daß dies für ältere Personen von Nutzen 
sein kann, da es beiträgt, die Energie des Stoffwechsels zu stimu¬ 
lieren, die Geistesstimmung hebt und belebt, und die gewöhnlich 
bei Älteren so seltene gute Laune zu bewahren, sodaß der Bei¬ 
schlaf also verdient, als ein Mittel das Leben zu verlängern be¬ 
trachtet zu werden. Was die Fälle betrifft, da ein plötzlicher Tod 
eintritt während oder nach einem Beischlaf eines neuverheirateten 
älteren Mannes, so betrachte ich sie nicht als Beweise, weil wir 
täglich Personen langsam oder plötzlich sterben sehen, welche 
woder an Ehe noch Beischlaf gedacht haben, und andererseits sehen 
wir ältere Männer an der Seite ihrer jungen Frauen wieder jung 
werden und recht lange leben. Für alle Fälle haben diese Männer, 


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206 Anton Ny ström, Über Impotenz bei jüngeren and sexuelle Kraft bei älteren Männern. 


die noch im Besitze eines wohl behaltenen, von Gesundheit und 
Stärke zeugenden Restes von Gescblechtskraft sind, größere Aus¬ 
sicht lange zu leben als die, die in müßigem Zustande zu einer 
oft unfreiwilligen Tugend verurteilt sind. 

Bei kräftigen älteren Männern kann man oft dieselben Folgen 
der Enthaltsamkeit sehen wie bei jüngeren: Kopfweh und Schwere 
im Hinterhaupt, Schmerz in den Testikeln, Unruhe, allgemeines 
Übelbefinden usw. Es ist sogar wahrscheinlich, daß die bei älteren 
Männern bisweilen auftretende Prostatitis auf das Aufhören 
der Geschlechtsbetätigung nach dem Tod der Frau oder wenn sie 
alt geworden ist, zurückzuführen ist 

Metschnikoff, Hirth u. a. Autoritäten, die die Verhinderung, 
alt zu werden, als ein hygienisches Ideal betrachten, sehen in der 
Aufrechterhaltung der Geschlechtskraft, die keine Utopie ist, ein 
wirksames Mittel. 

Leichenöffnungen von D u p 1 a y s und D i e u von älteren Männern 
haben gezeigt, daß 80 jährige wohl entwickelte Spermatozoon haben 
können. Oarper erzählt in seiner „Physiology“ von einem 
95 jährigen Manne, daß bei der Leichenöffnung in dessen Samen¬ 
blasen Spermatozoen gefunden wurden. 

Es gibt Familien, deren Mitglieder durch hohes Alter sich aus¬ 
zeichnen und die auch einen starken Geschlechtstrieb bis ins 
Greisenalter beibehalten. 

Mehrere Fälle in meiner Praxis haben mir gezeigt, wie lebhaft 
die Geschlechtsfunktion noch im vorgeschrittenen Alter sein kann. 

Ein 62 jähriger Beamter, Witwer seit V* Jahr, hat mich wegen 
starken Geschlechtstriebes konsultiert, der ihm Leiden und Unbehagen 
verursacht hat, weil er jetzt enthaltsam lebte. Er hatte oft Pollu¬ 
tionen, und täglich stellten sich Erektionen ein, die ihn sogar ein 
paarmal zur Notonanie getrieben hatten. 

Bei einem 65 jährigen Wissenschaftler, der bisweilen infolge 
Krankheit seiner Frau während 3—4 Wochen enthaltsam war, stellten 
sich schwere Schmerzen in den damals vergrößerten Testikeln ein, 
so daß er nur mit Mühe gehen konnte. Bromkalium und Opium 
hatten keinen Erfolg, und erst Beischlaf hob die Schmerzen. 

Ein 70 jähriger Arbeiter, Witwer seit 20 Jahren und Vater von 
6 Kindern, hat mir erklärt, daß er Bedürfnis nach Beischlaf wenigstens 
einmal in der Woche hatte und daß er ohnedem beständig Erek¬ 
tionen und Pollutionen hatte. Deshalb hat er ein Verhältnis mit 
seiner Haushälterin. 

Ein 80 jähriger hat Pollutionen monatlich einmal seit dem Tode 
seiner Frau vor 4 Jahren. Bis zu der Zeit hatte er in glücklicher 
Ehe 47 Jahre gelebt und den Beischlaf regelmäßig ausgeübt. 

Ich habe einen Forscher gekannt, der immer gesund und tätig 
war und der, 62 Jahre alt, als Witwer sich in eine 30 jährige Dame 
verliebte und in eine neue Ehe trat. Die Ehe wurde harmonisch 
und Beischlaf im allgemeinen monatlich ein paarmal ausgeübt, noch 
bis zu seinem 80. Jahre, da ich ihn das letzte Mal sah. Er spürte nie 
MüdigkeitamfolgendenTage,fühltesichimGegenteiltatkräftigundfroh. 

Es liegt nahe, hier an Goethes Liebesieben zu denken. Liebe 
war ihm sein ganzes Leben eine Notwendigkeit, das beste Stimulans 


Goöglc 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


207 


seines Schaffens; 74 Jahre alt faßte er die heftigste Leidenschaft 
zu Ulrike von Levetzow, die erst 18 Jahre alt war. Froh und kräftig 
durchlebte er in ihrer Nähe noch eine Jugendzeit 

Einmal sprechend von älteren Herren, die im hohen Alter eine 
besondere Energie und Rührigkeit zeigten, sagte Goethe: „Solche 
Männer sind geniale Naturen, die eigenartig sind; sie erleben eine 
neue Pubertät, während andere Menschen nur einmal jung sind.“ 

Noch einige Beispiele von sexueller Kraft bei älteren Männern: 

Hufeland hat von Männern berichtet, die mit 100 und 
112 Jahren geheiratet haben, „und dies nicht nur pro forma“ 
(„Makrobiotik“, 1823). 

Im „Journal de Medicine“ (1759) wird erzählt von einem 
96 jährigen Manne, der mit seiner 93 jährigen Frau seit vielen Jahren 
den Beischlaf dreimal jede Nacht ausübte ohne Schaden für die 
Gesundheit 

Der Engländer Tornas Parr, gestorben 1635, weit über 
100 Jahre alt (jedoch nicht 152 Jahre, wie die Legende erzählt hat), 
heiratete mit 80 Jahren und wurde mit seiner Frau Vater von 
2 Kindern; er soll, 105 Jahre alt, bestraft worden sein, weil er ein 
uneheliches Kind erzeugt hatte. 

Der Norweger Drakenberg, Seemann, gestorben in Kopen¬ 
hagen 1772 in einem sehr hohen Alter — 146 Jahre wird erzählt — 
heiratete mit 111 Jahren; er lieferte noch in der letzten Zeit seines 
Lebens Proben von ungewöhnlicher geschlechtlicher Stärke. 

Ein König Vladislav von Polen wurde mit 90 Jahren Vater. 

Herzog L. F. Richelieu, Minister unter Ludwig XV. und Lud¬ 
wig XVI. war höchst erotisch; hatte die beste Gesundheit, litt nie 
an Krankheiten und arbeitete bis zu seinem Tode in seinem 
92. Jahre (1788); er heiratete, 89 Jahre alt, das dritte Mal. 

Der hervorragende schwedische Arzt und Naturforscher Urban 
Hjarne, gestorben 1724 in einem Alter von 83 Jahren, war dreimal 
verheiratet, das letzte Mal mit 62 Jahren und hatte mit seinen 
drei Frauen 25 Kinder. Von diesen wurden 9 in der letzten Ehe 
geboren, und der jüngste Sohn wurde geboren, als der Vater 74 Jahre 
alt war. Daß dieser, der Reichsrat Gustav Hjarne, mit einer kräf¬ 
tigen Konstitution geboren war, ist ersichtlich, da er ein Alter von 
90 Jahren erreichte. 

Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Ein homosexueller Exhibitionist. 

Von Dr. F. D e h n o w. 

I. 

ln einer großstädtischen Schwimmhalle war unlängst ein infantiles Männchen 
von etwa 60 Jahren regelmäßig zu sehen, das ein eigentümliches Gebaren zeigte. 
Jedesmal blieb der Mann zunächst lange ohne Badehose unter der Dusche stehen; 
dann ging er entweder gar nicht oder nur für einen Augenblick ins Wasser; ünd 


*) Für die in dieeer Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 


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208 


Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


darauf stellte er sich längere Zeit vor 9 eine Ankleidezelle und präsentierte sich dort 
wiederum langwährend ohne Badehose. Dieses Schauspiel wiederholte sich regel¬ 
mäßig. 

Zugleich zeigte dieser Mann eine zweite Eigenart: er musterte in einer auf¬ 
fälligen Manier gut aussehende hinge Schwimmer. Es ist ja zwar natürlich, daß in 
der Schwimmhalle der eine den anderen mustert; Sporttreibende untereinander 
mustern sich ganz regelmäßig; und auch wenn jemand einen anderen aus ästhe¬ 
tischem oder künstlerischem Interesse eingehender betrachtet, so wird dies nicht so 
leicht verkannt werden. Aber diese eigentümliche, neugierige und verhaltene Art, 
junge Schwimmer anzublicken, war von niemandem, der über klaren Blick verfügt, 
zu mißdeuten. Für einen meiner Sportfreunde stand denn auch bald fest, daß es bei 
diesem Mann „klapperte". 

Er wurde als der Schriftsteller Y. bezeichnet. In der Tat führte ihn das Adre߬ 
buch lediglich als „Schriftsteller" auf, was zweifelsohne nicht sein Hauptberuf war; 
die wenige nichtssagende und überflüssige Schriftstellerei von ihm, die in der Staats¬ 
bibliothek ermittelt wurde, ist es sicherlich nicht, die ihn ernährt. Dieses Sichaus- 
geben als „Schriftsteller" war nur ein Beleg mehr dafür, daß es mit diesem Indivi¬ 
duum nicht stimmte. 

Außer dem augenfälligen Zusammentreffen von homosexuellen und exhibitionisti- 
schen Neigungen bei Y. war bemerkenswert die ideologische Verkleidung, die er seiner 
Anomalie gab. Er suchte Beziehung zur Jugendbewegung und hielt in ihren Kreisen 
Vorträge über das Baden ohne Badehose. — Die Jugendbewegung wird seit längerer 
Zeit durch zahlreiche Parasiten heimgesucht; diese parasitäre Erkrankung ist es 
nach dem Urteil ihrer eigenen Führer, durch die die Jugendbewegung an Niveau so 
sehr eingebüßt hat. 

Vollends bezeichnend ist schließlich die Unverfrorenheit, mit der, wie zurzeit 
sexuell Minderwertige so oft, Y. es wagte, sich öffentlich in Szene zu 9etzen. Er ließ 
bei den Vorträgen Antragsformulare umgehen, in denen die staatliche Verwaltung 
ersucht wurde, in der betreffenden Schwimmhalle das Baden ohne Badehose zu ge¬ 
statten. Hörer und Hörerinnen wurden förmlich genötigt, diese Formulare zu unter¬ 
schreiben; selbst bei Verwendung von Ausreden fiel es schwer, den Vortragssaal ohne 
zuvorige Unterzeichnung des Antrages wieder zu verlassen. Nachdem genug Unter¬ 
schriften auf diese Weise gesammelt waren, reichte Y. den Antrag ein, und die zu¬ 
ständige staatliche Behörde — dies ist der letzte bemerkenswerte Punkt — ließ sich 
mystifizieren und erteilte die erbetene Erlaubnis. Es wäre dies an sich ein erfreu¬ 
liches Zeichen für den freien und fortschrittlichen Geist gewesen, durch den die Ver¬ 
waltung dieser Stadt bekannt ist. Indessen daß der Kern der Sache ein sexual¬ 
pathologischer war, blieb von dieser Behörde völlig unbemerkt. Sie folgte der Ini¬ 
tiative eines Individuums, das nicht ein einziges Schwimmtempo richtig ausführen 
konnte 1 ) und das schon deswegen in Schwimmangelegenheiten mitzusprechen un¬ 
befugt war, ohne daß sie nach dem Grunde nachgeforscht hätte, aus dem dieses In¬ 
dividuum sich so lebhaft für die Schwimmanstalt interessierte. 

Der Erfolg der behördlichen Anordnung war unvorteilhaft. Von den jüngeren 
Schwimmern legten nur die wenigsten die Badehose ab. Dagegen erschienen nun¬ 
mehr fast alle bejahrten Badegäste mit der dem Alter eigenen Ungeniertheit ohne 
Badehose und trugen nicht zur Verannehmlichung des Aufenthaltes bei. Ebenso 
sollen in der zugehörigen Frauenschwimmhalle nunmehr alte Personen, die ihre ver¬ 
unstalteten Brüste und Bäuche unbedeckt ohne Scham zur Schau tragen, einen wider¬ 
lichen Anblick darbieten. 


H. 

Ganz und gar zutreffend hat bereits Robert Hessen ausgesprochen, daß die 
Kleidungsfrage nicht sowohl eine Bekleidungs-, als eine Entkleidungsfrage ist. Der 
Verfasser dieser Zeilen ist besonders dringend davon überzeugt, daß eine Eindäm¬ 
mung des bisherigen Bekleidungsunwesens nottut und daß schon aus diesem Grunde 
Prüderie und Muckertum schädlich sind. Indessen wenn hier Reform geschaffen 
werden soll, so wird ja beim männlichen Geschlecht vor allem in der Richtung Energie 
zu betätigen sein, daß Kopf, Hals und Gliedmaßen freier und unbeschwerter getragen 


J ) Kürzlich soll Y. versucht haben, im Schwimmen etwas zuzulernen; er soll 
nunmehr imstande sein, sich länger als nur wenige Minuten über Wasser zu halten. 
Vielleicht will er sich hiermit in den Stand setzen, sein tägliches Verweilen in der 
Schwimmhalle besser zu rechtfertigen. 


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Kleinere Mitteilungen, Anregungen und Erörterungen. 


209 


werden können. Bemühungen dahin, daß der Hutzwang abgeschafft, der Hals frei 
getragen, leichteres Schuhwerk eingeführt, Gehen mit bloßen Knien ermöglicht 
werde, würden dem gesunden Sinn am nächsten liegen. Im Vergleich hiermit 
ist es eine Frage von untergeordneter Bedeutung, ob die Genitalien beim Schwimmen 
mit etwas leichtem Stoff bedeckt bleiben, und es ist von vornherein auffällig, wenn 
wegen der Abschaffung dieser paar Zentimeter Stoff so umfassende Bemühungen ins 
Werk gesetzt werden. 

Die herkömmliche geflissentliche Verhüllung des Nackten und besonders der 
Genitalien hat nun noch einen weiteren, ethischen Gesichtspunkt. Auf Wede- 
kinds klassischen Ausspruch: „Denn wer die Nacktheit nicht sehen kann, der 
kann die Wahrheit nicht höien“ ist im vorigen Jahrgang dieser Zeitschrift von mir 
hingewiesen woiden. 

Aber eine Frage für sich bleibt es, wieweit Nacktheiten, deren Anblick der 
Mensch gewachsen sein soll, erfreulich sind und inwieweit diesbezüglich Rücksicht 
auf den Nachslen zu üben ist. Gesunde junge Körper sind in der Regel schön; der 
Alternde soll mehr oder minder sich den Blicken verhüllen. So sollte auch in 
Schwimmanstalten das Tragen von Schwimmkleidung für Jugendliche freigestellt 
werden; den Jugendlichen mögen eventuell Personen bis zum Ende des dritten 
Jahrzehnts gleichgerechnet werden. Für ältere Personen dagegen sollte die Ver¬ 
pflichtung zum Tragen von Badekleidung bestehen. Es ist nicht zu viel verlangt, 
daß ältere Leute ihre Ausscheidungsorgane mit einigen Zentimetern Stoff verdecken. 

Nicht selten werden es Träger pathologischer Charaktere sein, die dies nicht 
anerkennen mögen. 

Von Homosexuellen werden Schwimmanstalten sicherlich gern und häufig auf¬ 
gesucht. Dies erscheint auch grundsätzlich unbedenklich. Auch diese Menschen 
wollen und sollen sich, so gut es geht, ihres Lebens freuen. Sogar die Gefahr von 
Verführungsversuchen an Jugendlichen halte ich für nebensächlich; derjenige Jugend¬ 
liche, der anderweit im Leben sich durchsetzen wird, wird sich auf solche An¬ 
näherungen von vornherein nicht einlassen 2 ). Eine weitgehende Tolerierung gegen¬ 
über den sexuell minder glücklich Veranlagten sollte geübt werden. 

Wenn aber sexuell Minderwertige die ihnen zukommende zurückhaltende Rolle 
aufgeben, wenn sie dem öffentlichen Leben Farben der Ungesundheit geben wollen 
und Einfluß auf diejenigen Stätten anstreben, die der Gesundheit dienen, dann 
sollten solche Versuche rücksichtslos unterdrückt werden. Solche Individuen sollten 
nicht durch behördliche Berücksichtigung gestärkt, sondern im Gegenteil durch die 
zuständigen Behörden unnachsichtlich öffentlich bloßgestellt werden. Kenntnis und 
Blick für solches Psychopathentum sollte sich bei den Behörden erweitern. Von 
Seiten der Sexualwissenschaft aber sollte nicht nur das Verständnis sexueller 
K r a n k h e i t s erscheinungen gefördert werden; es sollte durch sie vor allem, in wei¬ 
terem Umfange als bisher, das Gedeihen einer gesupden, klaren, pflichtbewußten 
und rassedienlichen Sexualität und die Ausschaltung sexueller Schädlichkeiten und 
Schädlinge gefördert werden. 


Vögel als Tintenspritzer. 

Von Dr. Schneickert, Berlin. * 

Der Tintenspritzer gehört bekanntlich zu jenen pervers veranlagten Menschen, 
die aus sexuell erklärbaren Motiven unbeobachtet, also gewöhnlich bei Menschen¬ 
ansammlungen oder im Gedränge, die Kleider von Frauen und Mädchen mit Tinte, 
auch Farben, Säuren oder übelriechenden Flüssigkeiten, besudeln oder beschädigen. 
Merkwürdig ist, daß sich diese Besudelungen zu gewissen Zeiten wiederholen, daß 
aber solche Besudelungsakte in den wenigsten Fällen kriminalistisch, d. h. durch Fest¬ 
stellung des Täters aufgeklärt werden können. 

2 ) Ich erinnere mich beispielsweise, daß mich als Schüler einmal in einer 
Schwimmhalle ein Älterer, der mit mir sprach, plötzlich umarmte und entweder 
küßte oder zu küssen suchte. Ein Faustschlag ins Gesicht verständigte ihn augen- 
blicks über das Maß seiner „Chancen' 4 . Ich beachtete den Vorfall so wenig und er 
hinterließ in mir so geringe Spuren, daß ich ihn bald vergaß und lange Jahre hin¬ 
durch nicht mehr an ihn dachte, bis ihn kürzlich im Wege der Assoziation eine an¬ 
dere, nichtsexuelle Schulerinnerung mir — hur noch ungefähr — ins Gedächtnis rief. 


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210 


Bücherbesprechungen. 


Vor einiger Zeit hat ein Vogel9pezialist in Amsterdam, namens H. Brokken 
(im Alg. Hand. Blad v. 5. Nov. 1921) auf eine jeden Kriminalisten und Sexualpsycho¬ 
logen intetessierende Erscheinung hingewiesen, die ich den Lesern dieser Zeitschrift 
ebenfalls bekanntgeben möchte. Aus der Tatsache, daß die Tintenspritzer gerade im 
Spätsommer und im Herbst am häufigsten aufzutreten pflegen, namentlich auch in 
Parkanlagen, schließt Brokken, daß es sich hier um Vögel handelt, am wahrschein¬ 
lichsten um Sperlinge und Drosseln, die sich tagsüber an überreifen Brombeeren oder 
Holunderbeeren den Magen überfüllt haben und sich in der Ruhezeit (abends oder 
nachts) „übergeben“, so daß die unter Bäumen wandelnden Spaziergänger von der 
ausgeworfenen tintenähnlichen «Flüssigkeit getroffen werden, was man bisher regel¬ 
mäßig perversen Missetätern aufs Konto gesetzt hat. 

Daß die Klagen über Tintenbesudelungen jetzt häufiger als in früheren Zeiten ‘ 
Vorkommen, hat, wie Brokken meint, seine Ursache darin, daß die Sperlinge und 
Schwarzkopfnachtigallen sich mehr und mehr der Umgebung angepaßt haben und 
aus Zugvögeln allmählich Standvögel geworden sind. 

Solange es also reife Beeren mit tintenähnlichem Farbstoff gibt, soll die Mög¬ 
lichkeit einer Besudelung durch Vögel in der erwähnten Weise immer in Betracht 
gezogen werden. 


Bücherbesprechungen. 


1 ) Ellis, Havelock: Lo seopo delT engenlea. (Das Ziel der Eugenik.) 
20 Seiten. 


Von Prof. Fürbringer. 


Rom 1922. 


Mit dieser Veröffentlichung des bekannten englischen Sexuologen leitet die italienische 
Gesellschaft für das Studium der sexuellen Fragen ein neues, der Verbreitung hygienischer, 
pädagogischer und moralischer Interessen dienendes Unternehmen ein. Dem Autor gilt 
es, die Schatten zu verscheuchen, mit welchen das Rassenproblem das eugenische zu 
verdunkeln strebt Die Aufgabe des Eugenikers besteht in der Verbesserung des Erbteils 
der Rasse, der er angehört, sei es auf positivem, sei es auf negativem, die Verschlechterung 
hemmendem Wege. Unterschieden wird ein materieller und geistiger Modus. Wichtig 
die durch verkehrte Gesetzgebung nicht eingeschränkte künstliche Sterilisation. Vom 
eugenischen Programm ausgeschlossen ist die Eutenik („miglioramento delT ambiente 14 ), 
die Erziehung. Dies ungefähr die richtunggebenden Punkte in der Behandlung des Themas, 
die weniger Unbekanntes als reizvoll Dargestelltes und Beherzigenswertes bietet. 


2) Montesano, Vincenzo: La lotta eontro le malattle veneree. (Der Kampf gegen 
die venerischen Krankheiten.) Rom 1922. 51 Seiten. 

Von Prof. Fürbringer. 

Diese ebenfalls von der Italienischen Gesellschaft für das Studium der sexuellen 
Fragen herausgegebene Schrift kommt just zu einer Zeit zurecht, in der dem Reichstag 
der neue, die Abschaffung der Reglementierung der Prostituierten fordernde Gesetz¬ 
entwurf zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten zugegangen ist. Der Autor, Fach¬ 
arzt für Hautkrankheiten und Syphilis, behandelt nach einer etwas lang geratenen, den 
Triumph der Hygiene prophezeienden Vorrede die einschlägigen, seit Jahrzehnten heiß- 
umstrittenen Probleme in vier Artikeln, betitelt: Die venerischen Krankheiten und der 
Krieg, die Disziplinierung der Prostitution und ihre Abschaffung, der Mädchenhandel, die 
venerischen Krankheiten und die geschlechtliche Erziehung. Wir erfahren so manches 
Neue über die gewaltige Ausdehnung des unheilvollen Wirkens des Weltkrieges in der 
Richtung des erhöhten Einzugs der Geschlechtskrankheiten und ihrer Folgen in die ver¬ 
schiedenen Schichten der Bevölkerung besonders Italiens in konkreten statistischen Ziffern. 
Mit großer Wärme wird für die Lösung des Problems durch eine in den Dienst der von 
falschen moralischen Anschauungen unbeeinflußten Hygiene und Humanität gestellten 
Prophylaxe und Heilung eingetreten und möglichste Abschaffung polizeilicher ZwangB- 
maßregeln ob ihrer Unterlegenheit verlangt Auf eine Fülle von Betrachtungen über 
Bordellwesen, heimliche Prostitution, Kuppelei, Erziehung und Aufklärung kann nicht 
eingegangen werden. Sie wirken weniger durch neue Lehren als den Geist, von dem sie 
getragen. Gleichgültig in welchem Maße der Autor sich durchsetzen wird, die Abhandlung, 
die freilich durch Kompression und ein Mindermaß langer Schachtelsätze gewonnen haben 
würde, darf Anspruch auf besondere Beachtung machen. 


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Bücherbeeprechungen. 


211 


3) Morgan, Th. H.: Die stoffliche Grundlage der Vererbung. Vom Verfasser 
autorisierte deutsche Ausgabe von Hans Naohtsheim. VII und 291 Seiten mit 
198 Abbildungen. Berlin 129. Verlag von Gebrüder Borntraeger. 

Von Dr. Günther Just. 

ln unserem „dem Andenken Gregor Mendels“ gewidmeten Aufsatz im 
Juliheft lfd. Jahrgangs haben wir bei der Schilderung der Hauptentdeckungen und der 
Problemkreise der Vererbungswissenschaft an drei Stellen auf die umfangreichen 
Untersuchungen Morgans und seiner Mitarbeiter hingewiesen, einmal bei der Frage 
des Zusammenhangs zwischen Erbfaktoren und Chromosomen, dann bei der Frage 
der geschlechtsgebundenen Vererbung und schließlich bei den Problemen der Art¬ 
bildung. Heute machen wir nun auf ein Werk aufmerksam, das in einer Be¬ 
quemlichkeit, wie sie bisher nicht gegeben war, ermöglicht, sich über das gesamte 
von Morgan und seiner Schule zusammengebrachte und so überaus bedeutungs¬ 
volle Tatsachen- und Gedankenmaterial zu unterrichten. Das 1919 erschienene Werk 
Morgan8 : „The physical basis of heredity 44 hat Nachtsheim übersetzt und mit 
einigen Beigaben und einer Anzahl von Anmerkungen versehen, und der Verlag Born¬ 
traeger hat dem Buche die denkbar beste Ausstattung gegeben. Bei der Schwierig¬ 
keit, die die Beschaffung ausländischer Werke auch heute noch macht, kann man 
Übersetzer und Verleger für die Herausgabe dieses wichtigen Werkes nur dankbar 
sein und der Empfehlung des vorliegenden Buches an alle für Erblichkeitsfragen tiefer 
Interessierten den Wunsch anschließen, daß der Verlag dieser Übersetzung noch 
weitere folgen lassen möge. 


4) Zawad owsky, M. : Das Geschlecht und die Entwicklung der Geschlechtsmerkmale. 

(Zur Analyse der Formenbildung bei den Tieren.) Moskau 1922. Staatsdruckerei. 

226 Seiten mit 20 Tafeln und 126 Figuren im Text (Russisoh! Referat nach dem 

20 Seiten langen, dem Werke angehängten deutschen Resume.) 

Von Dr. B. Slotopolsky. 

Das Buch berichtet über Versuche des Verf. an Vögeln und Säugetieren, haupt¬ 
sächlich aber an Hühnern, im Tierpark von Askania-Nova in der Krim während der Jahre 
1919 und 1920. Z. hat bei Hühnern, Fasanen, Enten, Antilopen und Rindern die Folgen 
der Kastration studiert sowie an Vögeln erfolgreiche Feminierungs-, Maskulierungs- und 
Hermaphrodisieruogsversuche vorgenommen. Seine Ergebnisse bilden im Wesentlichen 
eine Bestätigung der bekannten Befunde Pezards und Goodales u. a. über die Bahnen¬ 
fedrigkeit der Hennen, über von der Hormonwirkung des Hodens „abhängige“ und „un¬ 
abhängige 1 * Geschlechtscharaktere bei Vögeln, über die Wiederentwicklung des bei den 
Vögeln normalerweise rückgebildeten rechten Ovars bei kastrierten Hennen, über die 
Erhaltung des generativen Anteils (auch der Oogenese und Spermiogenese) im implantierten 
Ovar feminierter Hähne und im implantierten Hoden maskulierter Hennen u. a. Neu 
ist meines Wissens die Mitteilung, daß bei Rindern und Antilopen nach der Kastration 
das Fell des <$ die Farbe des Q annimmt; hier enthält nach Ansicht des Verfassers 
— umgekehrt, wie bei den Vögeln — das ($ in potentia die „unabhängigen 14 Geschlechts¬ 
merkmale des £. Verf. sagt aber nicht, ob nach Kastration von jungen Kühen und 
Q Antilopen deren Hautfarbe auch wirklich unverändert bleibt, wodurch dann erst die 
vollkommene Reziprozität zu dem Verhalten der Vögel bewiesen wäre. Neu erscheint 
mir ferner die Angabe, daß 4—5 Monate und mehr nach der Kastration bei den Q Vögeln 
auch die „abhängigen“ Geschlechtsmerkmale des (J (Kopfschmuck, Geschlechtsinstinkt, 
Stimme) hervortreten, was kurz nach der Kastration nur durch Implantation eines Hodens 
zu erreichen ist. Die Erklärung, die Z. dafür gibt (Lieferung von „Maskulinisin“ durch 
das bei der kastrierten Henne allmählich sich wieder bildende rechte Ovar) erscheint zwar 
ganz plausibel, aber nicht zwingend. Im Gegensatz zu Goodale berichtet Verf., daß 
H^hne mit implantierten Eierstöcken das Federkleid der Hennen annehmen; hieraus und 
daraus, daß umgekehrt Hennen mit eingeheiltem und wohl funktionierendem Hoden alle 
ihre Q Merkmale beibehielten, schließt er, daß beim Huhne das Ovarialhormon über das 
des Hodens dominiert — ein recht interessanter Punkt, der weiterer Verfolgung wert 
erscheint Eine eingehendere histologische Analyse seines Materials stellt der Autor, der 
seine Untersuchungen unter den schwierigsten Arbeitsbedingungen zwisohen den Fronten 
zweier feindlicher Armeen durchführen mußte, in Aussicht. 


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Bücherbespreohungen. 


5) Rutgers, J.: Das Sexualleben ln seiner biologisehen Bedeutung als ein Haupt¬ 

faktor der Lebensenergie für Mann und Weib, für die Pflanzen und für die Tiere. 

Heft I. Die Ausbildung der Organe (Anatomischer Teil). Dresden 1922. R. A. Oieseke. 

Von Dr. B. Slotopolsky. 

Die Schrift gibt eine sehr populäre Darstellung des Baues und der Funktionen der 
Geschlechtsorgane, sie wendet sich offensichtlich an weitere Kreise. Manche Vergleiche 
des Verf. muten sonderbar an; die Beschreibung der Spermiogenese bleibt unverständlich; 
die Physiologie der Geschlechtsbestimmung kann heute nicht mehr gut ohne Zugrunde¬ 
legung der Geschlechtschromosomen lehre behandelt werden; recht ansprechend sind die 
Darlegungen über die Beckenbodenmuskulatur. Im ganzen bietet das Büchlein dem 
Fachmann kaum Interessantes. Man wird den angekündigten physiologischen, ethischen, 
biologischen, psychologischen und pathologischen Teil abwarten müssen. 

6 ) Varendonck, J.: Ober das vorbewußte phantasierende Denken. Mit einem Geleit¬ 

wort von Prof. Dr. Sigm. Freud. Leipzig, Wien u. Zürich 1922. Internat, psycho¬ 
analytischer Verlag. 171 Seiten. (Internat, psychoanalytische Bibliothek, Bd. XII.) 

Geh. 80 Mk., geb. 110 Mk. 

Von Dr. J. E. Heyde. 

Angeregt durch 8. Freuds „Traumdeutung“ hat sich V. zur Aufgabe gemacht, die 
„Mechanismen des vorbewußten, phantasierenden Denkens“ aufzudecken, das in den Tag¬ 
träumen Normaler zutage tritt, wobei er von vornherein das „mühelos arbeitende vor¬ 
bewußte, phantasierende Denken“ von dem „bewußten, gerichteten, mühsam arbeitenden 
Denken“ unterscheidet — eine Unterscheidung, die allerdings — das betrifft bereits den 
Ausdruck „phantasierendes Denken“ — schwerlich die Zustimmung der Fachwissenschaft 
(der Logik oder der Psychologie?) finden wird. Die überaus reiche, aufs sorgfältigste 
überdachte und gegliederte Fülle des Stoffes ist, wie nicht anders zu erwarten, durchweg 
durch eine eingehende Selbstbeobachtung und Selbstzergliederung in einer Weise gewonnen, 
die mir ohne Rücksicht auf die Richtigkeit der Psychoanalyse im einzelnen und besonderen 
erneut beweist, daß Heil und Zukunft der speziellen Psychologie keineswegs allein in 
der ausschließlich experimentell eingestellten Richtung liegen kann. Ausgehend von der 
Erwägung, daß der Tagtraum nicht als Ganzes, sondern nur hinsichtlich seiner einzelnen 
Teilstücke, seiner „Gedankenketten“ zum Gegenstand der Prüfung zu machen ist, gelangt 
V. schließlich zu folgenden Ergebnissen (vgl. S. 159/160): „Eine vorbewußte Gedanken¬ 
kette ist eine, gelegentlich durch halluzinatorische Erinnerungen unterbrochene Folge 
von Annahmen und Einwürfen, Fragen und Antworten, wobei die während des Tagtraums 
gemachten Annahmen und Einwendungen den Eindruck einer Prüfung von Gedächtnia- 
bestaiidteiien auf ihre Eignung zur Verwendung in späteren Lebenslagen erwecken. Die 
Vorstellungsverknüpfung innerhalb der Gedankenkette des Tagtraumes ist hinsichtlich der 
Richtung und Sprunghaftigkeit mehr oder minder abhängig von lebhaften Wünschen 
und nimmt ihren Ausgang von affektiv betonten Erinnerungen. Je mehr sich die Ge¬ 
dankengänge dem unbewußten Denken nähern, desto bildhafter werden sie, wie sie 
umgekehrt um so mehr in Wortvorstellungen aufgehen. Die Tagträume gestatten 
in ihrem Verlauf kein überprüfendes Zurückblicken, so daß eine Korrektur der 
Fehler im einzelnen unmöglich wird, deren Zahl anderseits durch die dem Vorbewußten 
eigene große Erinnerns- und Vergessensmöglichkeit ohnehin beträchtlich vergrößert wird. 
Die Gedankenkette erreicht ihren oft plötzlichen Abschluß infolge eines Affektes oder 
äußerer Sinnesreize.“ Hiernach zu urteilen, „sind also unsere Tagträume Gedankengebilde, 
welche ohne Mitwirkung unseres Willens, unter der Leitung von Affekten geschaffen 
werden“ (S. 160). Im Schlußwort erörtert V. die Bedeutung der Tagträume, insbesondere 
den Unterschied zum bewußten, willkürlichen Denken. Es ist hier nicht der Ort, die 
gaoze Art der von V. gebotenen psychologischen Ausdeutung und Auslegung seiner Selbst¬ 
beobachtungen zu beurteilen; eine solche Beurteilung wüide in dem vorliegendem Falle 
vielleicht auch gar nicht so sehr die Arbeit V.s treffen, deren Schwerpunkt wohl mehr 
im Stofflichen liegt, als vielmehr die den psychoanalytischen Schriften gemeinsamen 
Hintergrund psychologischer Grundvoraussetzungen, die spezifisch psychoanalytische Auf¬ 
fassung, insbesondere die des Vorbewußten, das bei V. schon bedenklich den Schein 
eines zweiten versteckten Bewußtseinswesens neben dem „bewußten“ Bewußtsein er¬ 
weckt, namentlich aber des Traumbegriffs selbst. Hier bandelt es sich insbesondere 
um die Frage, ob und inwieweit der Sexualwissenschaft Anregung und Förderung 
aus den Ausführungen V.s inbetreff des sog. Tagtraums erwachsen. Und da kann man 


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Bücherbespreohungen. 


213 


— was natürlich kein Vorwurf ist — es nur bedauern, daß sich unter den Tagträumen 
V.8 so gut wie keine sexuellen befinden, die diesem Bedürfnis entgegen kämen; denn 
wenn sie gewiß auch das Gesamtergebnis der Überlegungen V.s nicht ändern, sondern 
es wahrscheinlich bestätigen würden, würden sie sicherlich doch durch die Analyse ihrer 
„Gedankeuverkettung“ im Rahmen der V.schen Stellungnahme der Sexualwissenschaft 
manchen beachtenswerten Aufschluß und Gewinn bringen, so daß der auch bei Ablehnung 
des psychoanalytischen Untertons dennoch verbleibende psychologische Gehalt der Schrift 
V.s erst mit dem Versuch kritisch-vorsichtiger Anwendung des Verfahrens auf das Gebiet 
sexual gerichteter „Tagträume u sexualwissenschaftliche Bedeutung erlangen kann. 

7) Schneider: Der Diehter und der Psyehopatltoioge. Ein Vortrag. Köln 1922. 

Rheinland-Verlag. 

Von Dr. Karl Urbach. 

Schneider macht dem Studierenden klar, daß „es auch andere als medi¬ 
zinisch-biologische, ja auch andere als psychologische Betrachtungsweisen seelischen» 
Geschehens gibt 14 . Die Wahl des Themas ist wärmstens zu begrüßen und anerken¬ 
nenswert der Mut des Vortragenden, endlich auch einmal vor Medizinern über einen 
Gegenstand zu sprechen, der außerhalb des Rahmens regelmäßiger Vorlesungen fällt. 
Sehr gut war die Idee, ein ausführliches Literatur-Verzeichnis beizulegen, da so der 
Anfänger an der Hand vortrefflicher Arbeiten leichter mit der interessanten, wenn 
auch spröden Materie vertraut wird. Aber eben, weil da9 Büchlein nur für Anfänger 
bestimmt ist, sollte der Verfasser auf die Angabe objektiver Werke den größten Wert 
legen und nicht eine bei dem gegebenen Leserkreise unnötige Vollständigkeit an¬ 
streben, die übrigens gar nicht erreicht worden ist. So vermisse ich die allgemeine 
Psychopathologie von Jaspers, das Buch der psychopathologischen Lehrbücher, 
und finde Rahmers verfehlte Strindberg-Pathographie usw. Schneider kämpft 
gegen die Anschauung „in uns nicht mehr zu sehen als den philiströsen Banausen, 
den taktlosen Intimitätenschnüffler, den medizinischen Allerwekswisser“ und zieht 
doch durch seine Sorglosigkeit neue Dilettanten heran, die sich dann auf einem Ge¬ 
biete herumtreiben, dessen Grenzen ihnen ebenso unbekannt sind, wie dessen Macht¬ 
bereich-Dilettanten, die in ihrer kritiklosen Ehrfurcht vor gedrucktem Wort nach der 
Durchsicht weniger, oft subjektiver Arbeiten im gedankenlosen Nachbeten ganz un¬ 
bewiesener Behauptungen und irriger Meinungen ernste, gründliche Forschung in 
Mißkredit bringen und gerade dort das mühsam erworbene Vertrauen untergraben, 
wo Vertrauen conditio, sine qua non ist Eben weil der Vortrag das Interesse wei¬ 
terer Kreise wecken dürfte und vielen Studierenden ein bisher unbekanntes und nur 
scheinbar leicht zu durchstreifendes Land eröffnet, hätte Schneider sich doppelt 
hüten müssen, auch Wege zu weisen, die zwar in Täler voü landschaftlicher Schön¬ 
heit, nie aber ans Ziel führen, nie zu vorurteilsloser und klarer Erkenntnis. Inhalt 
und Form des Vortrages sind nur zu loben, und ruhig schreibt man vor die 14 an¬ 
regenden Seiten da9 Wort: Lest! 

8 ) Brehmer, Fritz: Nebel der Andromeda. Leipzig. L. Staackmann Verlag. 

Von Dr. med. Hans Rubin. 

Ein junger deutscher Arzt beschäftigt sich mit telepathischen und telekinetischen 
Experimenten. Es gelingt ihm durch systematische Übungen allmählich die Schwer¬ 
kraft des eigenen Körpers „durch den Willen“ zu überwinden. In einsamer Nacht 
auf Bergeshöhen sieht er den Nebelschleier des Sternbildes der Andromeda, einer 
anderen Welt, „der die Fülle der Sonnen, die als Sternenzelt, als Milchstraße den 
Himmel unserer Erde bedeckt, nichts anderes gilt, als ein zarter, kaum erkennbarer 
Nebelhauch. „In einem Zustand kosmischer Ekstase drängt sich ihm der Wunsch 
auf, einmal dieser anderen Welt zuzuschweben. Er fixiert seine Willenskraft auf diese 
andere Welt und gelangt freischwebend bewußtlos auf die Welt der Andromeda, von 
der er später durch den gleichen Vorgang wieder zurückkehrt. Dies der äußere 
Rahmen für die sehr geistvollen Schilderungen des Lebens und der Zustände auf der 
Andromeda. Die Entwickelungsepoche, in der wir leben, das Zeitalter der Maschinen 
und der Elektrizität ist dort längst überwunden, und die Bewohner der Andromeda 
sprechen davon so, wie wir etwa von der Steinzeit. Als wichtigstes Merkmal des 
Fortschritts und der Entwicklung, „als die größte Umwälzung aller Zeiten“ erkennt 
der Fremdling von der alten Erde die Vergeistigung des ganzen Lebens, die Befreiung 
des inneren Willens als schöpferischer Macht. Der Autor denkt sich das so, daß 
ebenso, wie im Laufe der* Jahrtausende gewisse Sinne geschärft und entwickelt 


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214 


Referate. 


werden können, auch der Wille des Menschen zu ungeahnten Leistungen befähigt 
wird; Die erste grundlegende Umformung, deren der neuerkannte Wille sich annahm, 
war die Regelung der Zeugung, nach der der Wille des Weibes bestimmt, ob der 
Zeugungsakt zur Schaffung eines Menschen führen soll oder nicht. Der Wille des 
Weibes bestimmt auch das Geschlecht des von ihm gewollten Kindes. Mutter wird 
nur das Weib, das den inneren Beruf dazu verspürt. Die Kinderzahl richtet sich nach 
dem Wunsch der Mutter. Die freie Liebe herrscht, und die Ehe ist vom freien Willen 
der Gatten abhängig, das alles in einem Rahmen entsprechender sozialer Verhältnisse. 
Sehr konsequent sind die eugenischen Folgerungen dieser Lebensordnung geschildert 
und die gedankliche Fortführung dieser supponierten Evolution und ihre Übertragung 
auf die Psyche. Der Mensch hat gelernt, auch die psychischen Regungen anderer 
zu erkennen; die Neigung zur Lüge, Falschheit und Verstellung ist dadurch aus der 
Welt verschwunden. 

Diese kurzen Andeutungen mögen genügen, um auch diesen Leserkreis auKdas 
kleine Buch des früheren Marineoffiziers aufmerksam zu machen, dessen Phantasie 
•und Gedankenreichtum besonders auf dem Gebiete der Entwicklungsgeschichte der 
Menschheit und der Beziehung der Geschlechter untereinander bewundernswert ist. 


Referate. 

1) Bluhm, Agnes: Über einen Fall experimenteller Verschiebung des Geschlecht». 
Verhältnisses bei Saugetieren. Sitzungsber. d. preuß. Akad. d. Wiss. 1921, XXXVL — 
Alkohol und Nachkommenschaft. Zeitsohr. f. indokt. Abstammungs- u. Vererbungs¬ 
lehre Bd. 28, 1922. (Sammelreferat) 

ln einer großen Zucht weißer Mäuse konnte die Verf. durch regelmäßige, jeden 
zweiten Tag erfolgende Verabreichung von Alkoholinjektionen an die £ eine deutliche 
Verschiebung des Geschlechtsverhältuisses erzielen. Als normales Geschlechtsverhältnis 
bei vollständigen Würfen (Nagetiere pflegen vielfach einen Teil des Wurfes un-. 
mittelbar nach der Geburt aufzufressen, wobei die Geschlechter häufig ungleich be¬ 
troffen werden) ermittelte sie rund 80 <$ : 100 ß. Die Nachkommenschaft alkoholi¬ 
sierter Väter wies fast das umgekehrte Verhältnis auf, nämlich rund 120<$:100Q. 
Die in einer auf die mehrmonatige Alkoholisierung gefolgten „Abstinenzperiode“ 
gezeugte Nachkommenschaft ergab 90<$:l00ß (Nachwirkung der Alkoholisierung!). 
Die Deutung dieses Ergebnisses stützt sich auf die Heterogametie der £ Säugetiere 
und auf die pharmakologischen Eigenschaften des Alkohols, der einerseits ein Zellgift, 
andererseits ein Narkotikum ist, das die Bewegung der Spermien, wie man durch sinn¬ 
reiche Versuche ermittelt hat, zu lähmen vermag. Im Hinblick auf die unter allen 
Umständen größere Jugendsterblichkeit der <$ weißen Mäuse glaubt die Verf. eine ge¬ 
ringere Widerstandsfähigkeit des ß Geschlechts, die das Versuchsergebnis erklären könnte 
(geringere Widerstandsfähigkeit der ß bestimmenden Spermien gegenüber der zellvergif¬ 
tenden Wirkung des Alkohols und damit deren Ausbildung in geringerer Zahl bzw. häufigeres 
vorzeitiges Absterben der aus ihnen hervorgegangenen Früchte), nicht annehmen zu dürfen. 
Hingegen ist zu vermuten, daß infolge des Alkoholrausches die Beweglichkeit der ß be¬ 
stimmenden Spermien (wahrscheinlich im Zusammenhang mit ihren größeren Chromatin¬ 
gehalt) in höherem Grade herabgesetzt wurde, als die der <$ bestimmenden, wodurch 
diese einen Vorsprung beim Wettlauf nach den Eiern erlangten. 

Die Alkoholisierung beeinflußt aber nicht nur das Geschlechierverhältnis, sondern 
auch die Zahl der Nachkommenschaft überhaupt. Leichte Alkoholvergiftung soheint die 
Fruchtbarkeit zu erhöhen. Bei schwerer Alkoholvergiftung jedoch ergibt sich, besondere 
wenn man nicht nur die Wurfgröße, sondern namentlich auch die Zahl der sterilen 
Paarungen berücksichtigt, eine eklatante Herabsetzung der Nachkommenzahl, und zwar 
muß es sich nicht nnr um eine Herabsetzung der Libido und Potenz, sondern auch um 
eine schwere Schädigung der Spermiogenese unter dem Einfluß des Alkohols gebandelt 
haben, weil in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die ($, die während der Alkoholi¬ 
sierungsperiode sich als gänzlich unfruchtbar erwiesen hatten, sich genau so in den 
folgenden Abstinenzperioden verhielten. Noch stärkei leidet offenbar die Fruchtbarkeit 
durch Alkoholisierung der ß. (Allerdings wurde in den betreffenden Versuchen die 
Alkoholisierung bis in die Trächtigkeitsperiode hinein fortgesetzt.) Auch die Nachkommen¬ 
schaft der Alkoholiker weist eine verminderte Fruchtbarkeit auf. Die nachgeburtliohe 
Jugendsterblichkeit der Alkoholikerkinder- und Kindeskinder (es sind dabei immer Tiere 


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Referate. 


215 


— Meerschweinchen, Hühner uaw. — gemeint) ist deutlich erhöht, sie sinkt aber im 
Laufe der Generationen allmählich ab. Die Wirkung des elterlichen Alkoholismus mani¬ 
festiert sich bisweilen auch in der Häufigkeit von Mißbildungen bei der Nachkommen¬ 
schaft. Bei Enkeln alkoholisierter Ratten fand man gegenüber denen ihrer normalen 
Geschwister eine Herabsetzung des Orientierungs- und Erinnerungsvermögens, also In¬ 
feriorität auch auf psychischem Gebiete. Ob all' diese Schädigungen auf echter Vererbung 
beruhen, d. k. ob die Alkoholvergiftung imstande ist, mendelnde Veränderungen hervor¬ 
zubringen, ist noch zu ermitteln. B. Slotopolsky. 

2) Mayer, A.: Über Zunahme der sterilen fihen seit dem Kriege. Klin. Wochen¬ 

schrift 1922, I, 23. 

Seit Kriegsschluß hat die sterile Ehe eine auffallende Zunahme gezeigt. Eine 
somatische Ursache läßt sich nicht zur Erklärung heranziehen, auch insbesondere die 
Gonorrhöe ist trotz ihrer viel größer gewordener Verbreitung nach den Erfahrungen 
Mayers an der Zunahme der ehelichen Sterilität nicht wesentlich beteiligt. Dagegen 
scheinen „Modifikationen der Vita sexualis“ an ihr schuld zu sein. Z. B. das 
„lange Verlobtsein“ mit der langen sexuellen Abstinenz einerseits und der 
dann folgenden sexuellen Unmäßigkeit in der jungen Ehe andererseits könnte sowohl 
mechanische wie toxische Schädigungen bewirken, die zu dieser Sterilität (oder 
scheinbaren Sterilität infolge früher Aborte) führen. Auch die innere Entfrem¬ 
dung, die sich infolge der langen Trennung während des Krieges zwischen Braut- 
und Eheleuten oftmals herausgebildet hat, könnte diejenige sexuelle Harmonie gestört 
oder aufgehoben haben, die zwar nicht unbedingtes Erfordernis für Zeugung und 
Empfängnis ist, diese aber doch wohl erleichtert und fördert. Die Zunahme der 
weiblichen Frigidität dürfte in diesem Sinne mit der Zunahme der Sterili¬ 
tät im Zusammenhang© stehen; dies auch insofern, als seit Kriegsschluß „manche 
jungen Ehemänner in den durch unseren traurigen Zusammenbruch verschärften 
Kampf ums Dasein offenbar keine Zeit mehr finden, zu den, wie Stekel es nennt, 
für eine sexuelle Harmonie der Ehe so wichtigen Entdeckungsreisen nach den 
erogenen Ionen ihrer Frauen. Max Marcuse. 

3) Westheide, W.: Psychologie und Psychopathologie der Menstruation In ge« 

richtlich-medlzfnischer Hinsicht. Deutsche Zeitschr. f. d. ges. gerichtl. Medizin, 

Bd. 1, H. 3. 

Übersicht über die Literatur mit anschließender Würdigung der Zusammenhänge 
vom Standpunkte der gerichtlichen Medizin, die zu den sehr häufigen Straftaten weib¬ 
licher Personen um die Zeit der Menses Stellung nehmen muß.* Diese dürfe nicht 
etwa mit solcher Coinzidenz eine Aufhebung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit 
begründen wollen, sondern habe hier wie überall die Voraussetzung des § 61 StGB, 
nach den allgemeinen forensisch-medizinischen und psychiatrischen Normen zu 
prüfen. Max Marcuse. 

4) Sippel, A.: Gibt es eine vikariierende oder komplementierende Menstruation? 

Münchn. med. Wochensch. 1921, Nr. 52. 

S. verneint die Titelfrage durchaus. Von vornherein ausgeschlossen sei ein 

Menstruations-Ersatz in Form von Blutungen aus anderen Organen in allen mit 

Stillstand der Ovarialfunktion einhergehenden Fällen von Amenorrhoe. Theoretisch 
möglich wäre er nur bei Amenorrhoischen trotz erhaltener Funktion der Eierstöcke; 
aber namentlich auf Grund der Blutdruck-Untersuchungen v. Otts sei auch für solche 
Fälle eine vikariierende oder komplementierende Menstruation nicht anzunehmen. 
Es kommt nur bei einzelnen weiblichen Personen unter dem Einfluß der praemen- 
struellen Blutdrucksteigerung zu Blutungen aus dem einen oder anderen Organ, die 
aber nicht als Menstruations-Ersatz, sondern als selbständige Vorgänge in 
geschädigten Organen gelten müssen. Max Marcuse. 

5) Mendel, Kurt: Die Wechseljahre des Mannes. (Climaoterium virile). Zentralbl. 

f. Neurologie u. Psychiatrie, Bd. 29, H. 7. 

Mendel, der das Verdienst hat, die Aufmerksamkeit der Fachkreise auf den bis 
zu seiner Veröffentlichung im Jahre 1910 so gut wie unbekannten Symptomen- 
komplex der männlichen Wechseljahre gelenkt zu haben, hält nunmehr die Zeit für 


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216 


Referate. 


gekommen, das Krankheitsbild ■— das diese Kennzeichnung freilich nur sehr bedingt 
verträgt, da es sich in der Regel um physiologische, nur ausnahmsweise um 
pathologische Rückbildungsvorgänge bei dem Manne des ö. und 6. Lebensjahrzehntes 
handelt — im Zusammenhänge darzustellen. Der Verf. hat das in dem vorliegenden 
Aufsatz unter Berücksichtigung der bisherigen Literatur, weiterer zahlreicher eigener 
Erfahrungen und Beobachtungen sowie mit Bezugnahme auf die Ergebnisse der For¬ 
schungen über die sekretorischen Drüsen mit eindringlicher Klarheit getan. 

Max Marcuse. 

6) Baur, £.: Biologische Voraussetzungen der Eheschließung. Das kommende Ge¬ 

schlecht, Bd. 2, H. 1, 8. 14, 1922. 

Mehr als alles andere muß bei der Gattenwahl die Überlegung mitsprechen, ob 
hinsichtlich der Vererbung einer völlig gesunden Veranlagung auf die Kinder die Wahl 
die richtige ist. Dehnow. 

7) Lenz, F.: Das Gesundheitszeugnis vor der Verlobung als Familiensitte. Das 

kommende Geschlecht, Bd. 2, H. 1, 8. 19, 1922. 

„Unsere Bevölkerung ist ziemlich stark mit krankhaften Erbanlagen durchsetzt. 
Entartung ist also nicht nur eine Gefahr der Zukunft, sondern bis zu einem gewissen 
Grade bereits Tatsache.“ Indessen Darwin und Mendel haben einen Weg eröffnet, 
„der bei folgerichtiger und ausdauernder Weiterverfolgung die Menschheit auf eine 
Höhe körperlicher und geistiger Tüchtigkeit führt, wie sie noch niemals erreicht war.“ 

Vf. wendet sich gegen P i n k u s und L o e w e n s t e i n , die die umfangreichen 
Untersuchungsmaßnahmen bei einer möglichst sicheren Gesundheitsprüfung zu- 
sammenstellen und hierdurch nach seiner Auffassung gegen die Einführung von Ge¬ 
sundheitszeugnissen Stimmung zu machen suchen. Er befürwortet gesetzliche Ein¬ 
führung von Ehetauglichkeitsuntersuchungen durch staatliche Eheberater, zunächst 
ohne gesetzliche Eheverbote für Untaugliche. Ferner „ist es an der Zeit, Gesund¬ 
heitszeugnisse als Familiensitte einzuführen. Und zwar sollte die ärztliche Unter¬ 
suchung nicht erst kurz vor der Eheschließung, auch nicht erst kurz vor der Verlobung 
in Anspruch genommen werden, denn wenn sich dann Gegengründe ergeben, so 
führt das natürlich zu schweren Konflikten.“ Dehnow. 

8) Pen zig, R.: Die neue Ethik. Ethische Kultur. Monatsblatt für ethisch-soziale Re¬ 

formen, 30. Jahrg., Nr. 9. 

Was P e n z i g unter neuer Ethik versteht, ist die Absage an den dogmatischen 
Glauben an ein „absolut Gutes“ und die Einsicht in die Relativität aller Moral. Neu ist 
die auf diesem Grundgedanken aufgebaute Ethik für den Verfasser aber wohl nur, weil 
er sie an sich als etwas Neues, als ein Einsteuern in neue Bahnen, erlebt hat. Im 
übrigen können wir eine solche Auffassung von den Normen des menschlichen Han¬ 
delns weit zurück in die Vergangenheit, bis in das Altertum hinein, verfolgen. Rbenso- 
wenig kann der „hypothetische Imperativ“, durch den der Verfasser den kategorischen 
Imperativ des alten Kant ablösen will, als etwas umstürzend Neues bezeichnet wer¬ 
den. „Wenn du höchste Befriedigung deines tiefsten Sehnens erleben willst, so ent¬ 
wickele in dir solche Motive und Charaktereigenschaften zur größtmöglichen Vollen¬ 
dung, die nicht nur der allgemeinen Billigung sicher sind, sondern auch der Vollendung 
der sozialen Gemeinschaft dienen“. Im Effekt kommt das doch ziemlich auf dasselbe 
hinaus wie Kants Sittengesetz, denn wa9 nach dem „Wenn“ steht, was also das Hypo¬ 
thetische bedingt, das wird doch in Wahrheit jedem zugemutet: daß er die Befriedi¬ 
gung seines tiefsten Sehnens sucht. Auch der Freiheitsgedanke, auf den sich P e n z i g 
stützt, ist wesentlich kantisch, was der Verfasser selbst zuzugeben scheint. Nicht eine 
äußere Autorität kann uns die Sittlichkeit geben, wir müssen sie aus uns selbst 
schöpfen. Die Selbsterziehung tönt bei Kant überall durch, er hat sie an sich selbst mit 
eiserner, fast schrullenhafter Beharrlichkeit geübt. Freilich, von dem Optimismus, der 
aus dem kurzen Aufsatz P e n z i g s hervorleuchtet, hat Kant nichts. Der Glaube an 
das Gute im Menschen macht immer dem, der ihn hegt, alle Ehre, aber ist ein zu un¬ 
sicherer Grund, um darauf eine neue Ordnung der Gesellschaft aufzubauen. 

T i m e r d i n g. 


Für die Bed&ktion verantwortlich: Dr. Max Minne in Berlin« 
A. Harem £ E. Webers Verlag (Dr. jnr. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck: Otto WlgaaTsehe Baehdrmkerel 9. m. b. H. in Letpxla« 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

IX. Band November 1922 8. Heft 


Zur sozialen Struktur und Psychologie 
der geheimen Prostitution. 

Von Dr. Julian Marcuse 
in Ebenhausen. 

Das Interesse für das soziale Phänomen der geheimen, also 
der polizeilichen Kontrolle entzogenen Prostitution war die Ver¬ 
anlassung zu der vorliegenden Arbeit, die bereits im Jahre 1912 
in ihren statistischen Grundlagen erstellt, deren Zusammenfassung 
aber durch die Kriegsjahre und deren völlig veränderte Umgestaltung 
auch des Prostitutionsmarktes illusorisch gemacht wurde. Wenn 
ich die Arbeit heute nach 10 Jahren des erhobenen Materiales 
doch noch der Öffentlichkeit übergebe, so erfolgt das aus der An¬ 
schauung heraus, daß ein Problem, wie das vorliegende, selbst in 
rückläufiger Betrachtung noch Gegenwartswert besitzt, denn das 
Wesen der Prostitution als Gesellschaftserscheinung — und die ge¬ 
heime besitzt deren Eigenschaften in noch viel höherem Maße wie 
die reglementierte — ist sich auch innerhalb des verflossenen 
Dezenniums ziemlich adäquat geblieben, etwaige Abweichungen 
durch bestimmte Auswirkungen des allgemeinen Wirtschafts- und 
Persönlichkeitslebens verändern das generelle Bild nur in relativ 
geringem Grade. 

Das Material hat gegenüber den meisten bisherigen Enqueten 
den Vorzug amtlicher Herkunft und eigenster Exploration. Die 832 
von mir persönlich beobachteten und befragten weiblichen Indivi¬ 
duen waren die in den Monaten Mai bis September 1912 polizeilich 
sistierten und nach ihrer amtsärztlichen Untersuchung in den 
Räumen der Polizeidirektion München mir überlassenen Frauens¬ 
personen; ihre Vorführung erfolgte auf Grund der Bestimmungen 
des § 361 Abs. 6 RStGB. 

Der von mir entworfene Fragebogen war nach den folgenden 
Gesichtspunkten angeordnet, die, ohne dieses kaleidoskopartige 
Gebilde erschöpfen zu können, doch die hervorstechendsten Ursachen¬ 
reihen und Merkmale herauszuziehen trachteten, und deren Fest¬ 
stellungen einigermaßen erleichtert und innerhalb einer gewissen 
Objektivitätsgrenze gesichert wurden durch die persönliche, jedes 
amtlichen Charakters entbehrende Fühlungnahme. Die tatkräftige 
und entgegenkommende Unterstützung des seinerzeitigen Dezernenten 
der Münchener Sittenpolizei, der in vorbildlicher Weise auf diesem 
Gebiete heimischer Verhältnisse gewirkt hat, wie der Polizeipflegerin 

Zeitscbr. f. Sexualwissenschaft IX 8 . 


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16 

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218 


Julian Marouse. 


als Fürsorgeinstanz ermöglichten allein das Zustandekommen dieser 
Untersuchung. 

Die Fragen erstreckten sich auf folgende Individual- und Sozialmomente: Alter, 
Geburtsort (ob Stadt oder Land), ehelich oder unehelich, Beruf des Vaters, 
hereditäre Belastung, eigene schwere Erkrankungen des Kindesalters, 
Jahr des Berufseintritts, ob gelernter oder ungelernter Beruf, der 
durchschnittliche Verdienst, etwaige Unterbrechungen durch Arbeits¬ 
losigkeit, die Wohnstätte (ob bei der Familie, bei fremden Leuten oder allein), 
ob Unterhaltungsnotwendigkeit Dritter, ob schon einmal geboren, 
Zahl und Art geschlechtlicher Infektion, Veranlassung und Gründe 
für die Prostituierung. 

Aus dem Zusammenspiel dieser Fragestellung ist der methodische Gang ersichtlich, 
der mich leitete, die Heraushebung des anthropologischen Momentes, die Bezifferung der 
Umweltseinflüsse, die sozial-psychologischen Einschlagsfaktoren. 

Die Folgerungen, die sich im großen und ganzen mit denen decken, die in der 
Literatur .dieser Materie gezogen sind, sollen abschließend erscheinen, an erster Stelle 
steht das Zahlenmaterial. 


Alter. 


Unter 15 Jahren waren 
15—20 Jahre excl. . . 

20—25 „ „ . . 

25—BO ,, „ . . 
30—40 „ . . 


■40—50 ,, ,> 

50—60 ,, ,■ 


Wiederholt aufgenommen 


5 

256 

260 

130 

119 

39 

1 

810 

22 


832 


Geburtsort. 


Aus der Stadt 
Vom Land . . 

Zigeuner . . 


336 

473 

1 



810 


-|- 22 cf. oben 

22 


Geburtsart 

832 


623 
187 

810 
+ 22__22 
832 

Beruf der Familie. 


Aus Arbeiterfamilien.301 

„ Handwerkerfamilien.129 

„ Handel- und Gewerbetreibendenfamilien 82 

„ Angestellten- und Beamtenfamilien ... 59 

„ bäuerlichen Familien.43 

„ Privatierskreisen. 8 

„ freien Berufsarten.26 

Mangelnde Angaben .162 


810 

+ 22 22 
832 


Ehelich geboren 
Unehelich . . 


bv Google 


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Zur sozialen Struktur und Psychologie der geheimen Prostitution. 


319 


Erbliche Belastung. 


Alkoholismus.in 195 Fällen 


Geisteskrankheiten . 

11 

51 

11 

Epilepsie. 

11 

20 

11 

Allgemeine Nervenkrankheiten . . 

11 

8 

1' 

Selbstmord eines Elternteiles . . . 

11 

5 

11 

Tuberkulose. 

11 

93 

11 

Andere organische Krankheiten . . 

11 

74 

11 

Von gesunden Eltern. 


176 

11 

Unbestimmte Angaben. 

11 

178 

11 



810 


+ 22 


22 




832 



Eine doppelte, also väterliohe und mütterlioke Belastung wiesen darunter auf: 61 Fälle. 


Eigene schwere Erkrankungen. 


Lungenleidend.95 

Geistesschwach.20 

Nervenleidend.31 

Alkoholismus.26 

Epilepsie.12 

Selbstmordversuche. 6 


Die übrigen verteilen sich auf eine Reihe weniger in Frage kommender Erkrankungs- 
formen. 


Alter beim Berufseintritt. 

Unter 12 Jahren. 

Mit 12 „ . 

ii ,i . 

i, 14 „ . 

ii 1^ ii . 

„ lg „ . 

ii 1 4 ii . 

i' 13 ii . 

i, 19 . 

ii 20 „ . 

,i 21 „ . 

Nach dem 21. Jahre. 

Daheimgeblieben. 

Fehlende Angaben. 


32 

43 

199 

180 

75 

106 

47 

26 

25 

12 

9 

12 

32 

12 


Berufliche Ausbildung. 


Ohne jede Ausbildung.607 

Mit Ausbildung.203 


Lohn Verhältnisse. 

Sie bewegen sich in derartigen Grenzen, daß sie vom Gegenwartsstandpunkt aus 
gemessen legendär anmuten, als Verhältniszahlen aber zu dem allgemeinen Wirtsohaftsstand 
im Jahre 1912 bedeuten sie eine im wesentlichem Ausmaß stark beeinträchtigte 
Lebenshaltung. 


Familienstand. 


Im Elternhaus lebten.135 

Bei Verwandten.37 

In der Fremde.601 

Verheiratet waren. 37 


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220 


Julian Marouse. 


Eigene Geburten. 

Einmal entbunden hatten.150 

Zwei- und mehrmal.81 

Geschlechtliche Erkrankungen. 

Erkrankt waren (überstanden und florid) . . 462 

davon einmal.271 

zweimal und öfter.191 

Angeblich gesund geblieben waren .... 370 

Den stärksten prozentarischen Anteil hatte die Gonorrhöe mit 377 Fällen (hierin 
auch inbegriffen die Angaben auf Urethritis), Lues wurde nur zugegeben in 85 Fällen. 

Veranlassende Momente zur Prostitution. 

Schlechte Gesellschaft.in 91 F&Uen 

Leichtsinn ..„ 168 „ 

Direkte Verführung.„65 „ 

Not.„ 154 „ 

Alle weiteren Angaben waren zu unbestimmt. 

Die amtliche Übersicht über den Umfang der heimlichen Gewerbsunzucht im 
Jahre 1912 gibt folgende Zahlen: 

Gezählt wurden im ganzen 2566, davon vorgeführt 1178, ohne Vorführung an¬ 
gezeigt 241, als verdächtig überwacht 1147. 

Nach Berufsarten gliederten sich die Mädchen folgendermaßen: 


Dienstmädchen.824 

Kellnerinnen (einschließlich Lehrmädchen) . . 576 

Fabrikarbeiterinnen.306 

Näherinnen.199 

Ladnerinnen.160 

Sängerinnen, Choristinnen .52 

Modelle.40 


u. a. 

Geschlechtskrank wurden davon befunden 551. 

Da es sich in der Gesamtzahl der von mir gesehenen Fälle um die 
nicht reglementierte, sondern um die vorübergehende und gelegentliche 
Prostitution handelt, scheidet von vornherein die mit Recht viel um¬ 
strittene Frage der geborenen Prostituierten in anthropologischem 
Sinne aus. Die sozialpsychologischen Merkmale ihres Zustandekommens 
deuten vielmehr auf die HellpachschenKomponenten, die mit dem 
umschließenden Begriff der seelischen Not wohl am treffendsten zu 
fassen sind. Nicht Hunger und nicht körperliche Not, als vielmehr 
Not im Sinne der Unmöglichkeit, im Kampf gegen gesteigerte 
Sinnesempfindungen und affektive Reize moralische Hemmungen, 
wie sie in. Anlage, Erziehung und Milieugestaltung sich verankern, 
zum Durchbruch kommen zu lassen. Der Degenerationstypus braucht 
nur angedeutet zu sein und auf der Stufenleiter der individuellen 
Entwicklung können allein die determinierenden Faktoren maßgebend 
werden, zumal in Zeitläufen, in denen die Neurose zum seelischen 
Substrat der Volkspsyche geworden ist, oder aber tiefgreifende, er¬ 
schütternde Innenumwälzungen verändern die Lebensgestaltung 
des Individuums und paaren sich mit körperlicher Not oder mit 
dem Angstgefühl vor dieser letzteren zur Entäußerung des Scham- 

l ) Willy FTellpaeh, Prostitution und Prostituierte. Berlin, Pan-Verlag. 


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Zur sozialen 8troktur und Psychologie der geheimen Prostitution. 


221 


empfindens, dessen Fall erst die eigentliche Laufbahn der Prosti¬ 
tuierten beginnen läßt. Derartige Bilder sind nicht mehr aus¬ 
zulöschen, wenn man sie einmal seelisch konfrontiert hat, neben 
ihnen tauchen aber gleichzeitig die der stumpfen und des Eindrucks 
baren Erscheinungen von Amoralität und Amentia auf. Die viel¬ 
verschlungenen Pfade, die zur Prostitution führen, sind mit diesen 
geschilderten Momenten nur angedeutet, die Gleichheit der Hand¬ 
lung bedingt noch nicht im mindesten auch eine Übereinstimmung 
der dieselbe auslösenden Ursachenreihen. Daß vererbte Anlagen 
im Sinne mangelnder ethischer Resistenz, daß Verwahrlosung in 
der Erziehung, schlechte Beispiele im Elternhaus, ein mutterloses 
Heim, fremde, gleichgültige Umgebung hierbei den Boden gestalten, 
von dem aus dann erst die verlockenden und umgarnenden An¬ 
reize zu Lebsucht und Triebbefriedigung ihre Zersetzungskraft 
finden, ist in der psychologischen Strukturbildung der Prostitution 
ein wohl längst bekannter und gewerteter Kausalkreis. Er schließt 
sich auch substantiell in dem Gebilde der reglementierten Dirne 
zu einem Dauerzustand, während die freie oder wilde Prostitution 
die Glieder der Kette zeitenweise aushebt unter dem Einfluß ökono¬ 
mischer Umstände oder sozialpsychologischer Momente, die in der 
eigenen Mentalität oder den beeinflussenden Faktoren der Umgebung 
gelagert sind. Daher ist sie nie ein einheitliches Phänomen, und 
schon aus diesem Grunde ist ihre Straffälligkeit und Strafbarkeit 
im Sinne der bestehenden Bestimmungen (§ 361 Abs. 6 RStGB.) un¬ 
wertig und verkehrt 

Die Enquete zeigt in ihrem inneren Aufbau die überaus starke 
Beteiligung der jugendlichsten und blühendsten Altersklassen an 
der Kontingentierung der Straße, im Alter von 15—20 Jahren sind 
es 256, im Alter von 20—25 Jahren 260, also 516 unter insgesamt 832, 
sie zerstört weiterhin die abgebrauchte Legende von der Unschuld 
vom Lande, eine richtigere Bezeichnung wäre Unerfahrenheit und Be¬ 
schränktheit gegenüber den Lebensverhältnissen der Stadt, denn eine 
nicht unerhebliche Anzahl in der ländlichen Heimat deflorierter Mäd¬ 
chen fällt dem Liebesieben der Straße, besonders bei ungenügender Be¬ 
schäftigung und Verdienst oder mangelnder häuslicher Fürsorge zum 
Opfer, sie bestätigt die schon von Kyrie 1 ) vertretene Auffassung, 
daß die uneheliche Abstammung durchaus noch kein ausschlag¬ 
gebender Beweggrund zur Hinwendung zur Prostitution zu sein 
braucht, sie weist erneut auf zwei meines Erachtens nach außer¬ 
ordentlich bedeutsame Erscheinungen hin, auf die überaus starke 
Beteiligung ungelernter Mädchen an der Prostitution und auf das 
schwankende Gleichgewicht im Leben, das im Augenblick des 
Tausches des Elternhauses mit der Fremde eintritt In ersterem 
Falle stehen den 203 ausgebildeten Erwerbsangehörigen 607 un- 
ausgebildete gegenüber, im letzteren 601 zugezogene den 135 in 
der Familie befindlichen. Qualifikation der Arbeit und das Innen¬ 
band familiären Zusammenlebens sind mehr wie Palliativmittel 
gegen wahllose geschlechtliche Hingabe. Auch die Zahl und Folgen 


l ) .1. Kyrie. Beitrag zur Kenntnis der Prostituierten-Individualität. Zeitschr. z. Bek. 
d. Geschlechtskranke, Bd. 8, Nr. 10. 


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r 


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222 Julian Marcuse, Zur sozialen Struktur und Psychologie der geheimen Prostitution. 


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eigener Geburten sind nicht in dem Umfange maßgebend für die 
Prostituierung, wie man dies gemeiniglich annimmt, in der Mün¬ 
chener Beobachtungsreihe waren es im ganzen nur 231. Der Alko¬ 
holismus als Vorstufe der Entartung ist eine längstgewürdigte Tat¬ 
sache, die 195 registrierten Fälle nehmen über 23Proz. derGesamzahl 
vorweg ein. Die sexuelle Infektion umfaßt über 55 Proz. der an¬ 
geführten Fälle, eine seit Blaschkos grundlegenden Arbeiten wissen¬ 
schaftlich feststehende Erkenntnis, und wiederum ist es unter den 
geschlechtlichen Erkrankungen die weibliche Gonorrhöe, die mit 
377 Fällen vertreten ist; bei der Unbestimmbarkeit exakter Angaben 
gegenüber vergangenen Erkrankungen habe ich auch die Urethritis 
mit hineingerechnet. Verhältnismäßig gering ist die Zahl der lue¬ 
tischen Fälle, der Zusammenhang dieses eigenartigen Proportional¬ 
verhältnisses war nicht zu ergründen.' 

Noch einige Worte zu der letzten Fragestellung bezüglich des 
Obergangs zur Prostitution. Man findet in der Literatur zu diesen 
analytischen Versuchen nur Achselzucken und Fragezeichen, und 
nimmt die Lügenhaftigkeit der Mädchen als gegebene und un¬ 
anfechtbare Größe an. Gegenüber amtlichen und insbesondere 
polizeilichen Konfrontationen ist dieser Gesichtspunkt geltend, ja 
man könnte ihn direkt als eine Art Notwehrakt bezeichnen, in der 
persönlichen und besonders vertrauensärztlichen Aussprache tritt er 
entschieden zurück. Ich habe doch in einer ganzen Reihe von 
Fällen einen tieferen Einblick in das Seelenleben der vor mir 
sitzenden Geschöpfe gewonnen und habe außerdem an der Hand 
der Beobachtung ihres Auftretens, Gebarens, ihrer Kleidung und 
Auskunfterteilung dem Charakterbilde der einzelnen näher¬ 
treten können. Deshalb sind die angeführten begrifflichen Be¬ 
stimmungen, wie schlechte Gesellschaft, Leichtsinn, Not und der¬ 
gleichen mehr, nicht als vage zu bezeichnen, in der Zusammen¬ 
stellung erscheinen sie als Schlagworte, es verbirgt sich aber hinter 
ihnen mancher Einblick in die psychische Atmosphäre ihrer Trä¬ 
gerin wie in die letzten Ursachen der sittlichen Entgleisung. 
Einige Momentbilder sollen dies illustrieren: Der Vater, Schuh¬ 
macher von Beruf, der getrennt von seiner Frau lebt, zwei Töchter 
hat, jagt die ältere wegen zu später Heimkunft aus dem Haus, 
droht ihr mit Erschießen, sie flüchtet sich auf die Straße, ein 
Student nimmt sie mit heim. — Eine Mutter verlangt eine Regle¬ 
mentierungskarte für ihre Tochter, beide gehörten sie dem gleichen 
Liebhaber, ohne daß die eine dies von der andern wußte. Die Ent¬ 
deckung führt zu dem teuflischen Racheakt seitens der Mutter, der 
natürlich nicht zur Ausführung kam. — In Verbindung mit einem 
Zigarrenlädchen stand eine Art Manicure-Raum mit Herrenempfang. 
Die ausübende „Empfangsdame“ besitzt eine 15 jährige Schwester, 
die sich hinter den Vorhang stellen muß, wenn im Nebenzimmer 
der Geschlechtsakt vor sich geht. — Rückfälligkeit ist sehr häufig, 
sie beruht aber nicht bloß auf der Wiederholung der Handlung 
sondern auch auf der verschärften Aufmerksamkeit seitens der Polizei¬ 
organe gegenüber den bereits einmal vorgeführten; die mehrmalige 
Sistierung ist also noch kein Beweis für die erhöhte Unsittlichkeit 
Wie überall, so ist auch in München die Zahl der eingeschriebenen 


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H. G. Rogge, Die Heilbarkeit der Homosexualität. 


Prostituierten gegenüber den „wilden“ lächerlich klein, 1912 waren 
es im Durchschnitt ca. 170. Zwangsreglementierung wie in Preußen 
existiert nicht, die freiwillige Einschreibung, die auf Antrag erfolgt, 
wird, wo möglich, durch Belehrung und soziale Fürsorgemalnahmen 
seitens des polizeilichen Pflegeamtes zu verhindern gesucht Auf 
Antrag fällt die sittenpolizeiliche Kontrolle, und die Rückkehr zum 
bürgerlichen Leben ist jederzeit möglich. Die Münchener Sitten¬ 
kontrolle hat von jeher ihre Aufgaben mehr in der sozialhygienischen 
wie der polizeilichen Handhabung erblickt, Drangsalierungen und 
scharfe Maßnahmen durch verständnisvolle Beobachtungen und 
Fürsorgemaßnahmen ersetzt; die Ergebnisse sind sowohl hinsichtlich 
der Wahrung des öffentlichen Anstandes wie der Überwachung des 
Gesundheitszustandes durchaus befriedigende gewesen. Wenn man 
überhaupt auf dem Boden der Reglementierung steht — ein Stand¬ 
punkt, den Verfasser von Grund aus ablehnt —, dann entspricht 
die seit über einem Jahrzehnt geübte Praxis der Münchener Polizei 
am ehesten den Forderungen verständiger und bei aller Beachtung 
der Infektionsquellen und -wege doch humaner Verwaltungsregelung. 

,V / 

_ Die Heilbarkeit der Homosexualität. 

Von Dr. H. C. Rogge. 

Wer die Literatur über die Homosexualität und ihre Behandlung 
studiert, muß erstaunt sein, daß so große Meinungsverschiedenheiten 
über das Wesen der Homosexualität und die Möglichkeit ihrer 
Heilung bestehen. Wenn man nachforscht, wie diese Differenzen 
möglich sind und wie es kommt, daß die verschiedenen Autoren 
mit solcher Bestimmtheit für die Richtigkeit ihrer Meinungen auf- 
treten und dabei die zum Beweise beigefügten Krankengeschichten 
liest, dann kommt man zu der Überzeugung, daß die Autoren 
großenteils aneinander vorbeireden. Vielfach auch wird eine Theorie 
nur auf einem Fall oder nur wenigen Fällen begründet. Wie wir 
aber noch sehen werden, ist die Homosexualität nicht ein scharf¬ 
begrenzter Tatbestand, sodaß man zu unrichtigen Schlüssen kommt, 
wenn man nicht eine genaue Diagnose stellt. Ein Teil der als 
homosexuell diagnostizierten und beschriebenen Fälle gehört nicht 
zu den wirklich homosexuellen, sondern muß zu den bisexuellen 
gerechnet werden. Vielfach haben die Autoren bei dem kleinen 
Material, welches sie zur Verfügung hatten, nur diese Fälle zur 
Sicht bekommen und verallgemeinern fälschlicherweise die Befunde, 
welche sie dabei erhielten und fassen sie als allgemein gültig auf. 

Ebenso ist es mit der Therapie. Auch hier muß man genau 
klarstellen, was man bei der Homosexualität als einen therapeutischen 
Erfolg betrachtet, nämlich, ob man darunter versteht, daß der Patient 
lernt, überhaupt seinen sexuellen Trieb zu unterdrücken, also sich 
nicht mehr sexuell zu betätigen, oder den homosexuellen Trieb zu 
verdrängen oder nur den heterosexuellen Triebkomponent zur Aus¬ 
wirkung gelangen zu lassen. Dabei geben die Autoren gewöhnlich 
nicht an, wieviele Fehlschläge sie zu verzeichnen und ob sie fest- 


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H. C. Rogge. 


gestellt haben, in welchem Prozentsatz die Resultate echte und 
bleibende gewesen sind. Es stellt sich nämlich heraus, daß der 
Erfolg vielfach nur scheinbar gewesen ist und die Patienten bald 
wieder rückfällig werden. Dies kommt aber meistens nicht dem 
Arzte zu Ohren, der den Fall behandelt hat, da die Patienten das 
nicht mitteilen. 

Daß in der Jugend homosexuelle Handlungen häufig Vor¬ 
kommen, ist mehr und mehr klar geworden. Daß sie aber in der 
Jugend ganz allgemein verbreitet seien und daß man in der Jugend 
ein indifferentes Sexualstadium annehmen könne, ist nicht bewiesen 
worden und entspricht auch nicht der Wirklichkeit. Aus vielen 
Lebensgeschichten geht hervor, daß in der Jugend nicht immer 
eine homosexuelle Phase passiert wird. Auch bei denjenigen, 
welche augenscheinlich sich homosexuell betätigt haben oder be¬ 
tätigen, ist nicht immer von einer wirklichen homosexuellen Be¬ 
friedigung die Rede. Es stellt sich vielmehr heraus, daß bei einem 
Teil nur von einem sexuellen Machtwillen und der Begierde, 
den Partner sexuell hörig zu machen, gesprochen werden kann. 
Das geht auch hervor, wenn man die Jugend selbst sich darüber 
äußern hört. Es wird immer als eine Art Erniedrigung, als eine 
Art Schande aufgefaßt, wenn ein Knabe gezwungen wird, die Onanie 
bei sich vornehmen zu lassen. So besteht auf Kostschulen vielfach 
die üble Gewohnheit, daß jeder Novize gezwungen wird, die Onanie 
bei sich vornehmen zu lassen. Das wird immer als eine Art Er¬ 
niedrigung des passiven Teils, als ein Beweis der Meisterschaft des 
aktiven Teils aufgefaßt. Bezeichnend nun ist, daß der aktive 
Partner die Onanie nicht bei sich vornehmen läßt und also gar 
nicht drauf aus ist, selber eine wirkliche sexuelle Befriedigung zu 
erlangen, sondern nur eine Befriedigung seines sexuellen Machttriebs. 
Nur bei einem Teil der Jugendlichen kommt es zu einer sexuellen 
Befriedigung. Sieht man also, daß die homosexuellen Äußerungen in 
der Jugend gar nicht alle auf eine sexuelle Befriedigung abzielen, 
außerdem nicht allgemein Vorkommen, dann darf man schließen, 
daß es sich nicht um ein indifferentes Stadium der Libido in der 
Jugend handelt, vielleicht nur um ein indifferentes Stadium des 
Herrschaftstriebes, und auch dies nur bei einem Teil der Jugendlichen. 
Betrachten wir diejenigen, welche in der Jugend wirklich Befrie¬ 
digung in der homosexuellen Betätigung finden, dann sehen wir, 
daß ein Teil diese allmählich aufgibt und zur heterosexuellen Be¬ 
tätigung übergeht. Bei einem Teil geschieht dies, da der Geschlechts¬ 
trieb wirklich allmählich heterosexuell wird, bei einem anderen 
Teil dagegen sind es nur die gesellschaftlichen Meinungen und 
Auffassungen, welche das Aufgeben der homosexuellen Betätigung 
bewirken. Wir sehen also, daß auch in der Jugend die Verhält¬ 
nisse sehr kompliziert sind und man nicht generalisieren darf. 

So ist es auch bei den Erwachsenen, und dies wird am 
deutlichsten, wenn man die Gruppe der Bisexuellen studiert. Vorher 
möchte ich aber auf die Befunde bei den höheren Tieren hinweisen. 
Grundlegend sind hierbei die Experimente von Steinach u. a. ge¬ 
wesen. Bei Tieren kann man vielfach bisexuelle Äußerungen wahr¬ 
nehmen. Dies kann nun so sein, daß die zwei Triebe miteinander 


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Die Heilbarkeit der Homosexualität. 


225 


abwechseln, aber auch ein gleichzeitiges Auftreten ist möglich. 
Auch ist beobachtet, daß der eine Trieb dauernd den anderen ver¬ 
drängt. Bei den Tieren scheint dies auf die Anwesenheit einer 
bisexuellen Geschlechtsdrüse zurückzuführen zu sein. Steinach und 
Knud Sand waren imstande, die zwei Triebe gegen einander ab¬ 
zustufen durch Verkleinerung der einen oder anderen Geschlechts¬ 
drüse. 

Dieselben Erscheinungen nun, welche wir bei Tieren sahen, 
kann man auch bei den Menschen wahrnehmen. Denn ebenso wie 
bei den Tieren kommt bei den bisexuellen Menschen sowohl ein 
abwechselndes wie ein gleichzeitiges V orkommen derzwei Geschlechts¬ 
triebe vor. Aber man kann auch wahrnehmen, daß der anfängliche 
homosexuelle Trieb erlischt und ebenso das Umgekehrte. Am 
deutlichsten geht das aus einigen meiner eigenen Erfahrungen hervor. 

Fall I. Patient teilt mir mit, daß er in seiner Jugend nie homo¬ 
sexuell gefühlt hat und daß er bis zu seinem 25. Jahre sich immer 
heterosexuell mit vollkommener Befriedigung betätigt hat Danach 
aber hat sich allmählich ein homosexueller Trieb entwickelt, indem 
der heterosexuelle verschwand. Nachher (Pat. ist nun 35 Jahre alt) hat 
er nur einen homosexuellen Trieb gespürt. Es ist wichtig zu betonen, 
daß er nicht erst infolge Umgangs mit Homosexuellen angefangen hat, 
sich homosexuell zu betätigen und daß von „Verführung“ keine 
Rede war. — Fall II. Patient hat sich in seiner Jugend nie homo¬ 
sexuell betätigt. Seine große Libido lebte er bis zu seinem 24 Jahre 
heterosexuell aus. Danach ist eine homosexuelle Phase, auch hier 
ohne Zutun von Homosexuellen, durchgebrochen, dies zumeist unter 
Ausbruch einer halluzinatorischen Psychose, welche dauernd be¬ 
stehen geblieben ist. Nach der homosexuellen Phase ist eine bi¬ 
sexuelle eingetreten mit Vorherrschen des heterosexuellen Faktors. — 
Fall Hl. Patient erzählt, daß er in der Jugend einen homosexuellen 
Geschlechtstrieb empfunden hat. Der psychische Libidoanteil, die 
Liebe, ging zum Mädchen hin. Er hat mit seinem 24. Jahre die 
homosexuelle Betätigung aufgegeben, nicht, da diese ihn nicht mehr 
befriedigt habe, sondern, da er sich verloben wollte und es dann 
nicht mehr erlaubt fand, seinem homosexuellen Triebe zu folgen. — 
Fall IV. Patient hat sich in seiner Jugend sowohl homo- als hetero¬ 
sexuell betätigt. Der homosexuelle Faktor aber war stärker. Mit 
seinem 26. Jahre verliebte er sich in ein Mädchen, das er auch 
heiratete und mit dem er auch einige Kinder zeugte. Allmählich 
aber wurde der homosexuelle Faktor wieder stärker, auch in dem 
höheren psychischen Teil, so daß er sich in einen jungen Mann 
verliebte. — Fall V. Patient hat immer homosexuell gefühlt, gab diesem 
Gefühl aber nur ausnahmsweise nach, da er selbst es nicht billigen 
konnte. Infolge des dauernden Konfliktes ist sein Nervensystem 
sehr heruntergekommen. Nach dem 35. Jahre hat sich aber sein 
Trieb geändert. Im 38. Jahre hat er sich glücklich verheiratet und 
mehrere Kinder gezeugt. Dieser Umschlag ist nicht durch ärztliche 
Behandlung bewirkt worden. 

Ich habe nur einige Beispiele herausgehoben, um zu demon¬ 
strieren, welche eigentümlichen Änderungen im Geschlechtstrieb 
spontan auftreten können. Mit Absicht habe ich Fälle ausgewählt, 


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H. C. Kogge. 


in denen nicht etwa Verführung schuld an einer homosexuellen Be¬ 
tätigung war. Aus diesen Beispielen geht hervor, daß die Diagnose 
„Homosexualität“ nicht so einfach ist oder besser gesagt, daß, wenn 
zu einer bestimmten Zeit die Libido homosexuell ist, dies nicht 
bedeutet, daß der Patient immer homosexuell bleiben werde, und 
ebenso umgekehrt: wenn ein Mensch zurzeit heterosexuell fühlt, ist 
nicht gesagt, daß dieses Empfinden immer bestehen werde. Daß diese 
Verhältnisse auf konstitutionellen Grundlagen beruhen, geht wohl aus 
obigen Beispielen hervor, bei denen ohne äußere Einflüsse die 
Richtung des Geschlechtstriebes sich änderte. Noch mehr drängt 
sich diese Überzeugung auf, wenn man sieht, daß so vielfach bei 
Homosexuellen zugleich eine Abweichung in die anderen sekun¬ 
dären Geschlechtsmerkmale sowohl in physischer als psychischer 
Richtung zu finden ist. Wo dies sehr stark ausgeprägt ist, findet 
man einen so typischen Symptomenkomplex, daß man daraufhin schon 
die Diagnose stellen kann. Vielfach ist dagegen eingewendet worden, 
daß ein derartiger Symptomenkomplex auch bei Menschen mit 
normalem Geschlechtstrieb vorkommt. Das ist, nach meiner Er¬ 
fahrung, unrichtig, nie habe ich bei Heterosexuellen einen so 
charakteristischen Symptomenkomplex gesehen wie bei den aus¬ 
geprägt femininen homosexuellen Männern und männlichen homo¬ 
sexuellen Weibern. Von diesen ausgeprägten Fällen führt ein all¬ 
mählicher Übergang zu denjenigen, bei denen diese Symptome nicht 
oder beinahe nicht zu finden sind. Ich sage „beinahe“, da man 
selten Homosexuelle findet, bei welchen bei genauer Prüfung nicht 
wenigstens atypische andersgeschlechtliche Einschläge zu finden 
sind. Wichtig hierbei ist es, eine Vergleichung mit normalen Brüdern 
oder Schwestern vorzunehmen. So erinnere ich mich an den Fall 
eines homosexuellen Mannes, bei dem anscheinend keine weiblichen 
Einschläge zu finden waren; bei Vergleichung mit seinen Brüdern 
aber fielen an ihm verschiedene weibliche Züge auf: so war im 
Gegensatz zu den sehr behaarten Brüdern seine Behaarung nur 
schwach, ziemlich weiblich; der Schnurrbart war sehr schwach ent¬ 
wickelt, dagegen das Haupthaar üppig, während die zwei Brüder, 
von welchen der eine verschiedene Jahre jünger war, eine Glatze 
und starken Bartwuchs zeigten; auch psychisch waren auf diese 
Weise einige ganz typisch weibliche Abweichungen feststellbar. 
Für die konstitutionelle Bedingung der Homosexualität sind wohl 
beweisend die Befunde von A. Weil. Hat dieser doch bei 95 Proz. 
der untersuchten Fälle einen eunuchoiden Gliedmaßenbau gefunden, 
so nämlich, daß die Beinlänge die Oberkörperlänge übertnfft 

Zwischen den Homosexuellen und den Heterosexuellen steht 
nun die Gruppe der Bisexuellen. Daß diese eine Zwischen- und 
Übergangsgruppe darstellt, geht aus dem Befunde von M. Hirschfeld 
hervor. Dieser fand bei seinen Enquetes, daß die Homosexualität 
in 1 Vs Proz., die Bisexualität in 4 Proz. vorkommt. Freud und seine 
Schüler haben aber gefunden, daß die Bisexualität eigentlich viel 
verbreiteter ist. Bei den Untersuchungen dieser Kranken zeigte 
sich nämlich, daß bei vielen der homosexuelle Komponent ins Un¬ 
bewußte zurückgedrängt war. Der Prozentsatz der Bisexuellen muß 
also viel größer sein. Es liegt aber kein Grund vor, die Bisexualität 


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Die Heilbarkeit der Homosexualität. 227 


als eine allgemeine menschliche Eigenschaft anzunehmen, wie viele 
Psychoanalytiker das tun. Das steht in Widerspruch mit den Er¬ 
fahrungen bei höheren Tieren und Menschen, bei denen doch als 
Regel eine Spaltung in zwei Geschlechter besteht, die in jeder 
Hinsicht voneinander abweichen. Es ist eben so, daß die Natur sich 
nicht an ein Schema hält, daß neben dieser Hauptverteilung auch 
noch Homosexuelle und Bisexuelle Vorkommen. 

Von den Bisexuellen nun kann man praktisch den Teil, bei dem 
der homosexuelle Faktor vorherrschend ist, zu den Homosexuellen, 
den Teil, bei dem der heterosexuelle Eomponent überwiegt, zu den 
Heterosexuellen rechnen. Die Schwierigkeit, die ersteren zu heilen, 
wie Freud das betont, weist darauf hin. 

Gehen wir nun zu der Frage der Therapie über, so stellt es 
sich heraus, daß man von Therapie als einem eindeutigen Begriff 
nicht sprechen kann. Fragen wir uns erst, wie die Homosexuellen 
selbst gegenüber ihrer Eigenart sich stellen. Es zeigt sich dann, 
daß ein Teil, wiewohl er weiß, daß diese Eigenart nicht in Über¬ 
einstimmung mit der allgemeinen Richtung ist, sie doch als eine 
ihnen naturgemäße fühlen; diese Homosexuellen sind überzeugt, 
daß von einer wirklichen Heilung keine Rede sein kann und daß 
sie sich damit abfinden müssen: entweder, indem sie, um nicht mit 
der Gesellschaft in Konflikt zu kommen, ihre Libido unterdrücken, 
oder, im Widerspruch zur Gesellschaft, ihr nachgeben. Wenn das 
erstere nicht gelingt, da der Geschlechtstrieb zu stark ist, werden 
sie Hilfe suchen, und bei diesen wird es vielfach möglich sein, 
zu helfen und zu erreichen, daß der Wille den Geschlechtstrieb 
beherrscht. Viele Krankengeschichten beweisen aber, daß dies 
vielfach nicht ohne Schaden geschieht, sondern mehr oder weniger 
schwere Schädigungen zur Folge hat. Daß die Unterdrückung der 
Libido die Ursache ist, wird dadurch bewiesen, daß die Nerven¬ 
störungen verschwinden, wenn die Menschen wieder ihrem Trieb 
nachgeben. In anderen Fällen werden die therapeutischen Versuche 
fehlschlagen, da entweder der Geschlechtstrieb zu stark oder der 
Wille zu schwach ist. Die meisten Therapeuten haben dies er¬ 
fahren, wiewohl sie nicht alle zustimmen, weil eben infolge der 
konstitutionellen Bedingungen diesen Menschen nicht zu helfen ist. 
Am schlechtesten sind sie daran, wenn man versucht, ihnen einen 
heterosexuellen Trieb hinein zu suggerieren. Wenn man die un¬ 
glücklichen Heiraten verfolgt, welche die Folgen solcher Ex¬ 
perimente sind, wobei nicht nur ein Mensch, sondern zwei un¬ 
glücklich werden, wird man sich wohl sehr überlegen, diesen 
Menschen auf dergleichen Weise helfen zu wollen. Bei den wahren 
Homosexuellen kann man nur versuchen, sie zur Selbstbeherrschung 
zu erziehen. Anders steht es mit den Bisexuellen. Hier wird 
man jeden Fall genau zu prüfen haben. Auch bei diesen wird es 
sehr schwierig sein, denjenigen zu helfen, welche einen übergroßen 
homosexuellen Faktor aufweisen. Hier wird es von der Intensität 
des Geschlechtstriebes und der Stärke des Willens abhängen, ob 
den Menschen zu helfen ist. Ist die Konstellation günstig, dann 
wird man erreichen können, daß s ie unter Bezwingung ihrer homo¬ 
sexuellen Libido nur ihrem heterosexuellen Triebkomponent na o h- 


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H. C. Rogge, Die Heilbarkeit der Homosexualität. 


geben, und hier kann man vielfach eine Heirat anraten. Aber auch 
dann birgt das Experiment große Gefahren. Wir wissen doch, daß 
die Stärke des Geschlechtstriebes sehr wechselnd ist und speziell 
seelische Momente eine große Rolle spielen. Nur ganz bestimmte 
Menschentypen reizen geschlechtlich. Derjenige aber übt den 
größten Reiz aus, welcher das Liebesgefühl entbrennen läßt. Dies 
ist nun das gefährliche Moment in den obigen Heil versuchen. Man 
wird doch vielfach erreichen können, daß die homosexuelle Libido 
unterdrückt wird. Wenn diese Menschen aber jemandem begegnen, 
welcher einen spezifischen Reiz auf sie ausübt, werden manchmal 
alle guten Absichten über Bord geworfen mit all den üblen Folgen, 
mit all dem Elend für die ganze Familie. Ich habe in meiner 
Praxis verschiedene dieser Fälle gesehen: diese haben mich stutzig 
gemacht und mich überzeugt, daß der Versuch, diese Menschen 
auf solche Weise heilen zu wollen, immer ein gewagtes Experi¬ 
ment bleibt. 

Bei den Bisexuellen, bei denen der homosexuelle Libido- 
komponent nicht so überwiegt, ist ein therapeutischer Versuch nicht 
so gefährlich, und bei diesen kann man vielfach bleibende Resul¬ 
tate erreichen. 

Am ratlosesten steht man den Fällen gegenüber, bei welchen 
Schwankungen in den Libidokomponenten Vorkommen. Was man 
in der einen Periode erreicht, verliert man wiederum in der anderen. 

Vielfach wird man in seinen Heilversuchen dadurch unterstützt, 
daß die heterosexuelle Libido ohnehin beim Durchbrechen ist. 
In vielen Fällen habe ich konstatieren können, daß, wenn der hetero¬ 
sexuelle Trieb durchgebrochen ist, der Patient den anderen Kompo¬ 
nenten allmählich mehr und mehr als einen ihm nicht mehr adäquaten 
empfindet. In diesen Perioden haben Heilversuche schnelle Resultate. 
Es ist mir aufgefallen, daß ein großer Teil der Hilfesuchenden gerade 
in diesem Stadium zum Arzte geht. Es ist dann aber fraglich, ob wirklich 
die therapeutischen Maßnahmen die Heilung erzielt haben. Dieser 
Zweifel drängt sich auf, wenn man den Gefühlsvariationen nach¬ 
geht bei denjenigen, bei denen ohne therapeutische Beeinflussung 
die Libido sich geändert hat. Diese erzählen, wie mehr und mehr 
die ihnen früher adäquate Libidoart ihnen als unadäquat vorgekommen 
ist und diese allmählich aufgegeben wurde, — dies sowohl in hetero¬ 
sexueller als homosexueller Richtung. Diese Fälle beweisen zu¬ 
gleich, wie wenig eine Beeinflussung durch äußere Momente im¬ 
stande ist, den Trieb in einer bestimmten Richtung zu fixieren. 
Es ist eigentümlich, daß man immer wieder das Gegenteil behauptet, 
wiewohl so viel dagegen spricht. Am klarsten ist das, wenn man 
sieht, daß man unter Umständen, die eine heterosexuelle Libido- 
Auswirkung unmöglich machen, wie z.B. auf Schiffen oder in Gefäng¬ 
nissen, viele zu einer homosexuellen Betätigung kommen, die sie 
aber wieder aufgeben, sobald sie das Schiff oder das Gefängnis 
verlassen. Eine dauernde Fixierung durch diese zeitliche homo¬ 
sexuelle Angewöhnung sieht man aber nicht. Auch werden sich 
nicht alle homosexuellen Ersatzhandlungen hingeben, sondern es sind 
wieder wohl die Bisexuellen, bei welchen unter solchen Umständen 
der homosexuelle Komponent sich äußert. Unter den Patienten, 


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Kleinere Mitteilangen, Anregungen and Erörterungen. 


229 


welche ärztliche Hilfe suchen, ist ein großer Prozentsatz, welcher um Rat 
fragt, da der von ihnen selbst nicht zu unterdrückende Geschlechts- 
trieb sie in Schwierigkeiten gebracht hat und sie darum geheilt 
werden möchten. Nach meiner Erfahrung bekommt man unter 
dieser Gruppe die meisten Fehlschläge. 

Rekapituliere ich, dann ist meine Überzeugung, daß man thera¬ 
peutisch nur mit großer Vorsicht vorgehen darf, daß man auf viele 
Mißerfolge vortiereitet sein muß, und daß, wenn man ein positives 
Resultat erreicht, man sich auf die Möglichkeit von Rückfällen ge¬ 
faßt machen muß. Man wird immer individualisieren müssen und 
genau abwägen, was die Vorteile und Nachteile einer therapeutischen 
Beeinflussung sind. Wenn man zu eingreifenden Maßnahmen schreitet 
und z. B. zu einer Heirat rät, wird man die Patienten auf die ihnen 
dabei drohenden Gefahren hinzuweisen haben. 



Kleinere Mitteilungen, Anregungen und 
Erörterungen *). 

Zur Geschichte und Bedeutung der Beschneidung bei den Juden. 

Von Dr. Julie Bender in Frankfurt a. M. 

Unter der gleichen Überschrift ist im Juni 23 H. 3>) an dieser Stelle ein Auszug 
aus dem Werke des Medikohistorikers K. Sudhoffs wiedergegeben worden, in dem es 
heißt, daß der ßeschneidung eine ursprüngliche hygienische Bedeutung zwar nicht 
abgestritten werden kann, daß aber doch als wahrscheinlicher anzunehmen ist, daß 
es sich um einen von den Ägyptern übernommenen Priesterbrauch handelt, der des¬ 
halb vielleicht allgemein eingeführt wurde, weil dadurch das ganze Volk als ein 
priesterliches charakterisiert werden sollte. 

Dieser Annahme möchte ich einen Auszug aus dem Buche Dr. Alfred Nossigs 
..Die Sozialhygiene der Juden“ 1801) gegenüberstellen. Fr schreibt S. 51): „Die Hem¬ 
mung des Geschlechtstriebes. w r elcher insbesondere die Völker wärmerer Klimata durch 
Wollust ins Verderben zieht, die Mäßigkeit und Keuschheit des geschlechtlichen Ver¬ 
kehrs, das scheint auch der Hauptzweck des Gebotes der Beschneidung zu sein.“ Er 
zitiert daian anschließend den bedeutenden jüdischen Arzt des Mittelalters: Mai- 
monides, der sagt: „Ich glaube, daß einer der Gründe der ßeschneidung.die Verringe¬ 
rung des Geschlechtsverkehrs und die .Schwächung des Geschlechtsorgans sei; es geht 
darum, die Tätigkeit dieses Organes zu beschränken und es möglichst in Ruhe zu 
lassen. Der wahre Zweck der Beschneidung w r ar, dem Geselllechtsgliede einen der¬ 
artigen körperlichen Schmerz anzufügen, welcher die natürlichen Funktionen des¬ 
selben und die Fruchtbarkeit des Individuums nicht lähmen kann, aber der die Ge¬ 
walt der Leidenschaft und die allzu große Begehrlichkeit mindert. Ein Glied, welches 
man nach der Geburt bluten läßt, indem man ihm seine Bedeckung wegnimmt, wird 
ohne Zweifel geschwächt.“ (Moroh Nebuchim 111. Kap. XLIX.) Ibid. S. 416.) 

X'ossig führt weiter aus: „Daß die Bf'schneidung die Begehrlichkeit des Mannes 
verringert und in vielen Fällen das durch den Geschlechtsakt erzeugte Vergnügen für 
beide Teile herabsetzt, daher auch die Begehrlichkeit der Frau kleiner macht, ist 
nach Maimonides zweifellos: im Talmud heißt es: ,Das Weib, das sich mit einem Un- 
beschnittenen in Liebe eingelassen, kann sich nur schwer von ihm trennen. 4 Berc- 
schith rabba seet. 80. fol. 70, col. 8.) .Dies aber, betont Maimonides, .ist nach meiner 
Ansicht die bedeutendste Veranlassung der Beschncidung.' “ 

Auch Philo zählt dieses Motiv zu den bestimmenden. Am Schlüsse des Ab¬ 
schnittes „De eircumcisione“.) So ersclK?int denn die Beschneidung nach der Er¬ 
klärung der jüdischen Philosophen, welche wohl noch im Besitz der fortlaufenden 


*) Für die in dieser Rubrik erscheinenden Aufsätze übernimmt die Schriftleitung 
ein für allemal keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung! 


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BücherbesprechungeD. 


mündlichen Tradition waren —- („Haec sunt, quae ad auras meas pervenerunt tradita 
per manus a divinis viris nostris mavribus, qui Moads placita diligenter explicaverunt“. 
Philo, „De circumcisione“) — als eine jener Maßregeln, welche wie die Kastrierung 
bei Tieren, durch Regulierung der Geschlechtsfunktion des männlichen Individuums 
von seinen stärksten, verzehrenden Trieben befreit und es für ein ruhiges und nütz¬ 
liches Leben brauchbar macht. Die Natur, welche - auf die Erhaltung der Gattung 
auf die Reproduktion des Individuums losgeht, erzeugt, insbesondere bei den Völkern 
heißer Gegenden, einen derartigen Überschuß an geschlechtlicher Energie, einen so 
übermächtigen Reproduktionstrieb, und die Temperatur macht derart zur Liebe und 
zu sexuellen Ausschweifungen geneigt, daß Individuen, ja ganze Völker in dieser 
einen Funktion gewissermaßen aufgehen. Daher also die Notwendigkeit der Einrich¬ 
tung der Beschneidung, welche wir nicht nur bei den Juden, sondern auch bei anderen 
orientalischen Völkern finden. Die durch die Beschneidung herbeigeführte Verringe¬ 
rung des Geschlechtstriebes erleichterte es den Juden, die Idee eines keuschen und 
reinen Volkes geschichtlich zu verkörpern; und dies ist der tiefe Sinn des Wortes^daß 
die Beschneidung das Zeichen des Bundes zwischen dem Schöpfer und dem Volke 
Israel sei/ 4 

Jedenfalls bedarf es zur Lösung dieser Frage noch einer wissenschaftlichen 
Untersuchung, wobei zu berücksichtigen wäre, ob und wie weit Blutzirkulation und 
Reizbarkeit der Nerven durch Temperatur und elektrische Reize infolge der Be¬ 
schneidung beeinflußt werden. 

Betreffs der Bemerkung von Prof. Dr. G. Ledderhose (s. diese Ztschr., Aug. 22), daß 
„durch Ansaugen des Penis mit dem Munde Übertragung von Tuberkulose und Syphilis 
beobachtet wurde“, möchte ich berichten, daß ich vor zwei Jahren hier in Frankfurt 
einer rituellen Beschneidung beiwohnte, bei welcher der Operateur beim Ansaugen eine 
Glasröhre verwendete. Man sagte mir damals, daß diese Methode jetzt allgemein üblich 
sei. Es fällt dadurch die direkte Berührung mit dem Munde weg. — 


Bücherbesprechungen. 

1) Burger, Wilh.: Handbuch für die religiös-sittliche Unterweisung der Jugend¬ 
lichen in Fortbildungsschule, Christenlehre und Jugendverein. Freiburg i. Br. 
Herder & Co. 

Von Dr. H. E. T i m e r d i n g . 

Von dem vorliegenden Handbuche kommt für uns hier nur der vierte Abschnitt 
in Betracht, der „die Familie“ behandelt und zum größten Teil von Prof. J. Frey in 
Freiburg verfaßt ist. Nur der letzte Paragraph „Bekanntschaft und Brautstand“ rührt 
von dem Diözesanpräses 0. Barth her. Natürlich ist die Darstellung ganz und gar 
von dem streng katholischen Standpunkt geleitet und gibt die bekannten Lehren, 
die diesem Standpunkte gemäß sind. Die Belehrungen richten sich nur an gläubige 
Katholiken, aber man wird zugeben müssen, daß sie unter dieser Voraussetzung ver¬ 
nünftig und zielbewußt gehalten sind. Sie beginnen mit den Sätzen: „Der Mensch 
ist berufen, seine Lebensaufgabe nicht für sich allein, sondern im Gemeinschafts¬ 
leben zu erfüllen. Die Keimzelle des Gemeinschaftslebens ist die Ehe, auf der 
jedes andere Gemeinschaftsleben in Gemeinde, Staat und Kirche aufgebaut ist.* Dann 
kommt die kanonische Auffassung der Ehe als eine geheimnisvolle, unlösbare Ver¬ 
bindung von Mann und Frau, die Forderung der ehelichen Treue und der Keuschheit 
außerhalb der Ehe, die Ehelosigkeit als das Gebot für den Stand der Gottgeweihten 
und ausnahmsweise auch andere Personen, namentlich die Lehrerinnen» weiter die 
nähere Schilderung der christlichen Ehe, der Pflichten von Eltern und Kindern, alles 
das maßvoll und klar. Manches sogar klingt sehr klug und fein, z. B. was über 
Ritterlichkeit im Verkehr des Mannes mit dem anderen Geschlecht gesagt ist. Die 
geforderte Achtung vor der Frau wird in den Spruch zusammengefaßt: „Sieh in jeder 
Frau erstens deine eigene Mutter,, zweitens deine Schwester, drittens das Bild der 
Mutter Gottes. Dieses Bild der Mutter Gottes als das Bild der reinen Weiblichkeit 
wird in einem besonderen Absatz geschildert, entsprechend der großen Bedeutung, 
die es in der katholischen Religion hat. 

Besondere Beachtung verdient daneben die Art und Weise, wie die rein natür¬ 
liche Seite des Geschlechtslebens beleuchtet wird. Es wird vor geschlechtlichen Ver¬ 
irrungen nicht bloß wegen der Sünde, die in ihnen liegt, gewarnt, sondern auch wegen 


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Bücherbesprechungen. 


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der körperlichen Folgen, namentlich der Ansteckungsgefahr. Bedeutungsvoll ist auch 
das Hereinziehen der Sexualpädagogik. In einer Vorbemerkung wird ausdrücklich 
gegenüber einer zu großen Zurückhaltung des Erziehers auf diesem Gebiete die Wich¬ 
tigkeit betont, die eine vernünftige Belehrung — nicht Aufklärung im landläufigen 
Sinne für die Verhütung geschlechtlicher Verirrungen besitzt und auf eine Abhand¬ 
lung des Jesuitenpaters Schilgen verwiesen. Aus dieser wird die folgende Stelle wört¬ 
lich angeführt, die ich als kennzeichnend hierhersetzen möchte: „Im Sommer blüht 
und staubt das Getreide. Damit hat es folgende Bewandtnis. Damit sich ein Samen¬ 
korn entwickelt, muß die weibliche Blüte von dem männlichen Samenstaub befruchtet 
werden. Fällt auf eine Blüte kein Samenstaub, so bleibt sie unfruchtbar. Ähnlich 
ist es auch beim Menschen. —< Der Lebenskeim unter dem Herzen der Mutter kommt 
nicht von selbst zur Entwicklung, er muß vom männlichen Samen befruchtet werden. 
Dieser wird im Körper des Mannes in den Geschlechtsteilen bereitet und muß über¬ 
geleitet werden in den Körper der Frau. Damit dieses möglich ist, gehen bestimmte 
Veränderungen am männlichen Körper vor sich. Mann und Frau müssen sich also 
ganz vereinigen. Das geschieht nach Gottes Willen im geschlechtlichen ehelichen 
Verkehr. Dabei tritt dieser männliche Same über in den Körper der Frau, befruchtet 
den Lebenskeim unter ihrem Herzen. Gott schafft eine unsterbliche Seele — so ent¬ 
steht jedes Kind.“ Gott hat in weiser Absicht diese Betätigung der Geschlechtskraft 
mit einem starken Lustgefühl verbunden, das den Menschen in seinem ganzen Wesen 
erfaßt. Diese Lust wird also keineswegs verurteilt, sie 90II nur nicht das Einzige und 
Höchste sein. Das Kind soll nicht eine ungewollte Folge der Fleischeslust sein, es 
soll gewollt werden als der Zweck und die Krönung der Ehe. 

2) Penzig, Rudolf: Briefe über Kindererziehung an eine Sozialistin. Berlin 1922. 

Oldenburg & Co. 95 Seiten. 43 Mk. 

Von Dr. Max Marouse. 

Die Gedanken und Leitsätze, die in diesen anspruchslosen Briefen dargeboten werden, 
sind von einem wahrhaft freien Geist diktiert, der das Kind selbst zum freien Menschen 
heranbilden, d. h. zur Persönlichkeit erziehen will. Die Klarheit des Denkens und der 
psychologische Takt sind vorbildlich, mit denen hier einer Mutter nicht nur die Aufgaben, 
die ihr das Schicksal gestellt hat, sondern auch die Wege zu ihrer Lösung gewiesen 
werden. Es ist bedauerlich, daß die Briefe „an eine Sozialistin“ gelichtet sind und somit 
wohl viele Frauen (überhaupt: Eltern und Erzieher) nicht erreichen werden, die sie 
mit demselben Genuß und Gewinn lesen könnten wie „Frau Margarete 11 . Es fehlt über¬ 
dies beinahe an aller und jeder Beschränkung, die der Untertitel der Geltung dessen, 
was hier ein ungewöhnlich gebildeter und feinsinniger „Großvater“ über Kindererziehung 
sagt, aufzuerlegen scheint Und nur ganz wenige Bekenntnisse — wie die zu einer von 
wirtschaftlichen Ungleichheiten befreiten Menschheit oder die zur Einheitsschule — deuten 
die sozialistische Einstellung des Verfassern selbst an, der im übrigen Sozialismus an¬ 
scheinend wohl nur als Gegensatz zum Anarchismus verstanden wissen will. Allerdings: 
besonderer Artung müssen diejenigen schon sein, die Penzigs Briefe als auch für sich 
bestimmt betrachten und lesen dürfen: — sie müssen auf jedem Gebiete „sittliche 
Freiheit“ höher schätzen als „Tugend“, oder richtiger: sie müssen die Jugend lehren 
wollen, daß „Freiheit“ und „Tugend“ nur zwei verschiedene Ausdrüoke für den gleichen 
Inhalt sind. Über „religiöse Erziehung“ las ich selten Gebildeteres und 
Klügeres als in diesem Büchlein. Begreiflicherweise steht auch manches in ihm, was 
andre anders beurteüen oder empfinden. Auch den Briefstil könnte man sich hier und da 
etwas leichter und natürlicher wünschen. Gänzlich geschwiegen wird vom Sexuellen, — 
wohl weil diese Probleme nur als Glied und Teil der gesamten Erziehung gelten sollen 
und, wie sie zu behandeln seien, nach der grundsätzlichen Stellungnahme und Be¬ 
ratung Penzigs nicht zweifelhaft sein dürfte. Dennoch vermißt man nur ungern einige 
Auseinandersetzungen des Briefschreibers auch über die besondere Erziehung zur sexuellen 
„sittlichen Freiheit“ = sexuellen „Tugend“. 

3) Bernfeld: Vom Gemeinschaftsleben der Jugend. Beiträge zur Jugendforschung. 

Leipzig, Wien u. Zürich 1922. Internat psychoanalytischer Verlag. 270 S. Brosch. 

145 Mk., geb. 175 Mk. 

Von Privatdozent Dr. Fritz Diese. 

Der Herausgeber ist bekannt durch seino bereits 1913 veranlaßte Zusammenstellung 
eines Archive für Jugendkultur. In vorliegendem Falle handelt es sich um Materialien 


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Büoherbespreohungen. 


aus dem Wiener „Jüdischen Institut für Jugendforschung und Erziehung 44 . Manchem 
wird dadurch das Ganze als einseitiger Teilausschnitt erscheinen können. Trotz allem 
haben die Mitteilungen generelles Interesse. Daß sie psychoanalytisch gesehen sind, ist 
ebenfalls gegeben. Man soll aber immer anerkennen, daß Freud uns in seiner Tiefen* 
Psychologie ganz sicherlich gerade die Symbolik kindlicher Geistesentwicklung nahegebracht 
hat. — Das Buch bringt vom Herausgeber einen grundsätzlichen Beitrag über „Psycho¬ 
analyse in der Jugendforschung 44 und über „Einen Freundinnenkreis 44 . Dieser Aufeata 
ist sozial psychologisch recht gut. G. Fuchs berichtet demgegenüber über einen Schüler¬ 
verein und W. Hoffer über einen Knabenbund in einer Schulgemeinde, ln tabellarischer 
Form werden teilweise recht interessante Konstellationsänderungen derartiger kollektiver 
Seelengruppen aufgezeigt. Wer auf erotische Sensationen liest, wird enttäuscht werden. 
Auch mancher Blüherjünger kommt nicht ganz auf seine Kosten. Fuchs analysiert 
alsdann noch ein Kinderspiel „Knurrland 44 und ins Kulturelle übergreifend behandelt Kohn 
die Initationsriten der historischen Berufestände. Aus der letzten Arbeit hätte gut ein 
Buch werden können. Dies ist nur ein versprechender Anfang. — Das Ganze zeigt regen 
Willen zur Gestaltung und bleibt erfreulicher Beitrag, wenn man hoffen darf, daß diese 
Jugend nicht in Psychoanalyse ihren alleinigen Bewußtseinsinhalt sehen wird. 


4) Dehnow, Fritz: Ethik der Zukunft. Leipzig 1922. 0. R. Reisland. 

Von Prof. H. E. Timerding. 

Das vorliegende Buch ist ein Sammelband, der Aufsätze zum Teil sehr namhafter 
Autoren, darunter acht Essays des Herausgebers selbst, vereinigt und in einem biologisch - 
fortschrittlichen Gesichtspunkt eine gewisse Einheit findet. Mit der Sexu&lethik, mit 
der wir es hier allein zu tun haben, befassen sich namentlich zwei der Beiträge des 
Herausgebers, „Der eugenische Gesichtspunkt 44 und „Die Gesundung der sexuellen Ethik 44 . 
Seinen grundsätzlichen Standpunkt legt er in einem anderen Aufsatz, „Zur ethischen 
Erneuerung 44 , folgendermaßen kurz fest: „Die geschlechtliche Moral war bisher im wesent¬ 
lichen eine Moral der Abwehr und der Enthaltsamkeit. In einer glücklicheren Zeit werden 
als Ziele gesunde Ausübung der Sexualfunktionen ohne Exaltiertheit und ohne Verkümmerung, 
sowie gesunde Fortpflanzung gelten. 44 Heute „handeln wir in Sachen der Fortpflanzung 
noch völlig gewissenlos 44 (Grotjahn). Grotjahn selbst äußert in dem allerdings sehr kurzen 
Aufsatz des Bandes, dem dieses Zitat entnommen ist, weiter: „Die Feuerprobe des Be¬ 
völkerungsrückganges, die den Willen zum Kinde bei allen Völkern des europäischen 
Kulturkreises in den nächsten Jahrzehnten zu bestehen haben wird, muß unsere Auf¬ 
merksamkeit wieder auf den Urgrund aller echten Kultur und den Ausgangspunkt einer 
Ethik der Zukunft lenken: Auf die Familie in ihrer Stellung zur mensch¬ 
lichen Fortpflanzung, zum heimischen Volke und der menschlichen 
Gesellschaft überhaupt. 44 Grotjahn sieht als das Mindestmaß, dem jedes Eltern¬ 
paar zustreben muß, drei die ersten Lebensjahre überstehende Kinder an, ja eine erheb¬ 
liche Zahl vou Eltern paaren soll über dieses Mindestmaß hinausgehen. 

Dehnow selbst betont dem gegenüber entschieden die qualitative Seite der Fürsorge 
für die Fortpflanzung. Er scheidet eine negative und eine positive Eugenik. Ob die 
Maßnahmen der negativen Eugenik, namentlich die auch erwähnten Präventivmittel und 
künstlichen Fehlgeburten, aber sicli schließlich so einschränken lassen, daß sie nicht doch 
zu einem Zweikindersystem führen und damit die Zielpunkte, wie Grotjahn sie aufstellt, 
gefährden, ist eine Frage, die mindestens einer ernstlichen Prüfung bedarf. Die übrigen 
Maßnahmen betreffen wesentlich die Ausscheidung der zur Fortpflanzung Ungeeigneten 
und die Beseitigung des ungeeigneten Nachwuchses durch Tötung sch wer belasteter und 
mißgeborener Kinder, die allerdings mit einer gewissen Zurückhaltung, wohl nicht ohne 
guten Grund, angeführt wird. Als positive Faktoren erscheinen Durcharbeitung des 
Körpers, Übung der körperlichen und seelischen Widerstandsfähigkeit, Gesunderhaltung 
der Organe, Verhütung geschlechtlicher Ansteckung, Enthaltung von Alkohol, ferner eine 
zweckmäßige Ausgestaltung des Erziehungswesens, auch Nacktkultur und Reform der 
Bekleidung werden genannt. An staatlichen Maßnahmen wird die Führung erbbiographischer 
Personalbogen empfohlen. Der Verfasser weist noch besonders auf das hin, was Plutarch 
über Lykurgs Gesetzgebung in Sparta nach dieser Richtung anführt. Dabei ist allerdings 
daran zu denken, daß die Lakedämonier ein Familienleben in unserem Sinne nicht kannten, 
sondern ganz beherrscht wurden von der Lebensgemeinschaft der Männer und der damit 
verknüpften gleichgeschlechtlichen Erotik. Der Verfasser schließt den Aufsatz mit der 
Bemerkung: „Die Hebung der menschlichen Rasse ist das letzte sittliche Ideal genannt 
worden. In der Tat wird die Durchführung einer rationellen Eugenik einer der weit- 
tragendsten Kuiturfortschritte aller Zeiten sein und einen Hauptwendepunkt der Kultur- 


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Bücherbesprechungen. 


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geschichte bilden.“ Er meint sogar, daß diese Aufgaben die gegenwärtig vorherrschenden 
politischen Belange ablösen werden zugunsten wichtigerer und fördernder Ziele. 

In dem anderen Aufsatze beginnt Denow mit der These: „Im Mangel an natur¬ 
wissenschaftlicher Orientierung liegt der Grundfehler der überkommenen sexuellen Moral“. 
Er spricht sich allerdings nicht näher darüber aus, wie diese Neuorientierung durchgeführt 
werden soll. Er bekämpft nur die Wertung der Keuschheit und geschlechtlichen Ent¬ 
haltsamkeit. Wie statt dessen die „kerngesunde, reinliche Auffassung in sexuellen Dingen“, 
die er empfiehlt aussehen soll, führt er im einzelnen nicht aus. Gerade das wäre aber 
von Wert, zu erfahren, wie „das neue, gesunde, gedeihliche Sexualleben“ beschaffen sein 
soll. Sonst kann von einer bestimmten „Ethik“ nicht die Rede sein. Die einfache Lösung 
eines bestehenden Zwanges ist es nicht. Bezeichnend ist daß Dehnow sich positiv nur 
hinsichtlich der Ehe ausspricht: „Erziehung und öffentliche Meinung müssen tatkräftiger 
auf pflichtmäßige eheliche Lebensführung hinwirken. Mißglückte Ehen müssen leichter 
getrennt werden können. Die Aufziehung der Kinder aus staatlich geschiedenen Ehen 
muß staatlich gesichert werden.“ Auch für die unehelichen Kinder hat nach Dehnows 
Ansicht wesentlich der Staat zu sorgen. Mir scheint das in seinen Folgerungen nicht 
unbedenklich. Es würde doch bedingen, daß der Familienvater außer den Lasten für 
seine ehelichen Kinder auch noch für die außerhalb einer Ehe stehenden Kinder anderer 
Leute aufzukommen hat. Der Staat als eine unbeschränkte Quelle geldlicher Leistungs¬ 
fähigkeit ist heute mehr denn je illusorisch geworden, es gilt, die staatlichen Lasten 
tunlichst zu beschränken, weil sie den Einzelnen schon zu erdrücken drohen. Oder es 
müßte wie im sozialistischen Staat die Gesamtlast für die Erziehung der Kinder gemeinsam 
getragen werden. Einverstanden kann man sicher mit den anderen Zielen sein, die Dehnow 
hinstellt, die Ausrottung der Geschlechtskrankheiten, der Einschränkung der Prostitution 
und der Besserung des sexuellen Loses der Frau. Nur ist das Wie? wiederum nicht 
erörtert. So bleiben eigentlich mehr Fragestellungen, die gewiß an sich schon verdienst¬ 
voll sind, aber es ergeben sich keine bestimmten Lösungen. Gerade wie die Biologie zu 
solchen Losungen führt, möchte man gern hören. Das ethische Spruchbüchlein, das 
Dehnow anhängt, zeigt deutlich, wie sehr alles im Gefühlsmäßigen bleibt. Vielleicht 
wird dieser Unterton am menschlichsten durch die an erster Stelle angeführten Verse 
ßpittelers gekennzeichnet: 

„Alle Sünden sind erläßlich 

Im Gesetzbuch der Natur 

Dem, der in Gestalt und Antlitz 

Trägt der Gottheit edle Spur.“ 


5 ) 


Martens, Kurt: Schonungslose Lebenschronik 1870—1900. 

260 Seiten. 

Von Dr. Fritz Dehnow. 


1921. 


Rikola-Verlag. 


„An Psychologen und Psychiater, an Lehrer und Erzieher, an Historiker und Poli¬ 
tiker, an Richter und Kriminalisten“ (S. 11) wendet sich mit diesem Zeitspiegel ein 
Beurteiler ersten Ranges. Mannigfache Anregung wird aus diesem Buche auch der 
schöpfen* der die aristokratischen Instinkte des Verfassers und seine müde Grund- 
Stimmung, in der rechte Lebenskraft und Lebensfreude fehlen, nicht teilt. Die ver¬ 
schiedensten Lebensgebiete werden beleuchtet. Aus seiner Referendarzeit beispiels¬ 
weise berichtet der Verfasser: „Der Vorbereitungsdienst in Strafsachen gewährte mir 
einen ganz fruchtbaren Einblick in die Sinnesart der Richter und der Anwälte, die 
nicht so sehr darauf gerichtet war, Motive zu ergründen und das Gesetz sinngemäß 
anzuwenden, als möglichst rasch die Last der Termine abzuschüttdln. Mochten sie 
über die Schuld der Delinquenten noch so verschiedener Meinung sein, darüber waren 
sie immer einig, daß sie zum Mittagessen pünktlich heimznkommen hätten. Dieser 
wichtigste Termin regulierte die Behandlung der übrigen. Die Schöffen spielten ge¬ 
duldig die Rolle stummer, urteilsloser Ölgötzen. Schöffen sind Laienrichter, die von 
ihrem Sitz nur schüchtern und widerwillig, von ihrer Stimme aber überhaupt keinen 
Gebrauch machen“ (135). Aus seinen Erfahrungen als Fahnenjunker bei einem 
Kavallerieregiment: „Uber die Erlebnisse, die ich mit diesen Herren im Kasino, auf 
ihrer Kegelbahn, in den Salons, in ihren Stammkneipen gemacht habe, ließen sich 
Bände schreiben . . . Den buben haften Übermut meiner Husarenleutnants hätte man 
gelten lassen können, wenn er nicht eben nur Ausdruck eines Übermuts im Sinne an¬ 
tiker Hybris gewesen wäre. Viele ihrer losen Streiche spielten sich unter dem Banner 
der Trunkenheit ab. Da ritten die Offiziere mit Vorliebe auf dem Trottoir und trieben 
die Arbeiter mit der Reitgerte auf den Straßendamm“ (124 f.). Es können nicht etwa 
abträgliche Standesvorurteile bei Martens unterstellt werden, der der Sohn eines 
Zmticbr. f. StxvalwiMMMchaft IX. 8 . 1 7 


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Bücherbesprechungen. 


hohen Beamten ist und sein Leben zu einem großen Teile und mit Vorliebe unter 
Aristokraten verbracht hat. 

Ein besonders lebendiges Bild wird von dem Liebesieben der Zeit entrollt; un¬ 
geschminkt’ werden Episoden von vorschriftswidriger Naturwahrheit erzählt „Im Zoo¬ 
logischen Garten, der Lieblingsstätte meiner Sonntagnachmittage, promenierten in der 
Lästerallee und vor dem Affenhau9e reizend verdorbene Backfische der guten Gesell¬ 
schaft, zu jeder Schandtat bereit. Dort traf ich Emmy L., die Tochter eines .. rger 
Handelsherrn . . . Wir wurden rasch einig und fanden, während die Eltern im hell¬ 
erleuchteten Restaurant dem Abendkonzert lauschten, manchen dunklen, dicht um¬ 
buschten Winkel zwischen dem Raubtierhaus und Elefantenzwinger, wo wir unge¬ 
stört der Liebe pflegen konnten“ (114 f.). Indessen diese Liebesgeschichten bedeuten 
für Martens nicht mehr al9 „wesenlosen Humbug“ (230). Venus ist ihm „einer der 
dii minorum gentiumU (40). So scheint er der Auffassung nahe zu stehen, daß der 
Wert der vita sexualis, von Erzielung von Nachkommenschaft und Erhaltung des per¬ 
sönlichen Wohlbefindens abgesehen, gering ist. 

Sehr bemerkenswert sind die Mitteilungen über kindliche Sexualität (13 L, 24, 
34), über Alumnatsverhältnisee (40 f.), über sexuell betonte Jugendfreundschaften 
(66—62, 87) und über mutuelle Onanie (73 f.). „Ich hielt Umschau unter den Ge¬ 
fährten, dieser stattlichen Schar schöner, rassiger Jungens, die, dreizehn- und vier¬ 
zehnjährig, mit aufgewecktem Blick einander betrachteten,- abschätzten und er¬ 
wählten ... In der äußeren Erscheinung müssen die für einander bestimmten zuerst 
sich anziehen. Eine zum mindesten latente, unbewußte Erotik ist dabei atets vor¬ 
handen. Bei Kindern bildet Freundschaft zugleich vollgültigen Ersatz für das erst 
im Keim vorhandene Sinnenleben, bereitet auf dessen Ekstasen vor, sucht und findet 
in dem Auserwählten alle Reize der künftigen Geliebten . . . Träge, langsam sich ent¬ 
wickelnde Naturen bleiben auch als Freunde flach und ungerührt. Frühreife, un¬ 
ruhige Geister durchjagen schon die ganze Skala leidenschaftlicher Erschütterungen** 
(56> „Was bei Erwachsenen als Ziel,und Gipfel der Akt der Verführung ist, wurde 
mir bescheidenerweise ein erster Kuß. Unter Knaben unserer Erziehung und Lebens¬ 
form kein geringes Ereignis. Jeder Anschein von Gefühlsseligkeit mußte vermieden 
werden. Jungenhaft mußte es weiter zugehen und war doch ein so unaussprechlich 
zartes, keusches Glück, daß alle meine späteren kompakten Liebesaffären daneben ver¬ 
blassen . . . Vor der Welt ein Nichts, für zwei empfindsame, spröde Jungens erster 
himmlischer Posaunenstoß der Liebe, Auftakt zur großen Passrion“ (58). „Wunder¬ 
liche, unausdenkbare Einzelheiten wären zu berichten, die der Herangewachsene am 
liebsten vor sich selbst verleugnen möchte, die ihn damals aber zwischen Himmel und 
Hölle hin und her rissen und auf die überschäumenden jungen Seelen mit der Ge¬ 
walt von Katastrophen wirkten. Ihr Jahre köstlicher, schrecklichster Sinnenlust, wer 
euch austilgen könnte aus dem Gedächtnis, wäre seiner äußersten Scham, aber auch 
seiner fruchtbarsten Selbsterkenntnis ledig!“ (87—88). — Es sei auch auf die Mit¬ 
teilungen über Päderastie in der Armee (151 f.) und über anderweite homosexuelle 
Episoden (224 f.) hingewiesen. 

6) Wachtel, Ernst: Sonderfälle der Fruehtabtreibung. Leipzig 1922. Kurt Kabitzsck. 

IV u. 93 8. 

Von Oberlandesgerichtsrat Dr. jur. u. phil. Bovensiepen. 

Der Verfasser dieser sehr sorgfältigen und wertvollen, allenthalben auf selbständigem, 
eigenem Urteil beruhenden Monographie vertritt den Standpunkt, daß im allgemeinen die 
Strafbarkeit der Abtreibung aus bevölkerungspolitischen Gründen unbedingt bestehen bleiben 
müsse. In seinem ersten die grundlegende Frage der Berechtigung der Bestrafung der Ab¬ 
treibung überhaupt behandelnden Teile (S. 1—14) bietet Wachtel kaurri etwas Neues. 
Die von ihm angeführten Erwägungen für die grundsätzliche Beibehaltung der Strafbarkeit 
sind eigentlich nur die schon immer vorgebrachten. Eine Straflosigkeit schlechthin würde 
die Abtreibung zur ungehemmten Blüte treiben, eine Demoralisation der weitesten Volks¬ 
schichten ohnegleichen würde um sich greifen, die deutsche Volkskraft würde in ihrer 
Wurzel getroffen werden. Dem Verfasser sind leider die vermittelnden Vorschläge des 
Referenten in dieser Zeitschrift, Band VH, S. 337 ff., unbekannt geblieben. Sie bewegen 
sich ungefähr in derselben Richtung, wie die Forderungen Wacbtels hinsichtlich der’von 
ihm gewünschten sozialen Indikation im späteren Verlauf seines Werkes. Wachtel räumt 
aber bereitwillig ein, daß der heutige Rechtszustand völlig unhaltbar ist, auch nach seiner 
Ansicht schießt der § 218 RStGB., der die Abtreibung als Verbrechen und Tötungsdelikt 
behandelt, weit über das Ziel hinaus. Als Delikt gegen das keimende Leben müsse der 


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Referate. 


235 


Staat aas eigenem wohlverstandenem Interesse zwecks Aufrechterhaitang und Sicherung 
seines Nachwuchses die Abtreibung als Vergehen bestrafen. Mit Recht fordert er einen 
denkbar weiten Strafrahmen, um all 9 den vielen Besonderheiten des Lebens gerecht zu 
werden, die unterste Strafgrenze müsse bei besonders leichten Fällen in völlige Straf¬ 
freiheit auslaufen. Für eine Reihe besonders wichtiger Einzelfälle fordert W. unter Ein¬ 
führung von Schutzschriften, die jeden Mißbrauch möglichst ausschließen sollen, völlige 
Straffrejheit. Von besonderem Interesse ist sein überzeugend geführter Nachweis, daß heute 
schon kraft eines alten Gewohnheitsrechtes ein ärztliches Berufsrecht besteht, zur Er¬ 
rettung der Schwangeren vor Tod oder erheblicher, schwerer Gesundheitsbeeinträchtigong 
mit ihrer Zustimmung eine medizinische Indikation der Schwangerschaftsunterbrechung herbei¬ 
zuführen. Als brauchbarste Gesetzesformulierung dieses Gewohnheitsrechts, die er mit 
Recht für erforderlich erachtet, schlägt er vor, über die Berechtigung eines solchen Ein¬ 
griffs den Standpunkt der medizinischen Wissenschaft entscheiden zu lassen. Zur Fest¬ 
stellung der Notwendigkeit eines solchen Eingriffs soll der die Indikation vornehmende 
Arzt einen zweiten von ihm unabhängigen Arzt zuziehen, ein gemeinschaftliches genaues 
Protokoll aufnehmen und dieses sogleich dem zuständigen Amtsarzt zusenden. Eine soziale 
Indikation will W. unter folgenden Erschwerungen und weitgehenden Sicherheitsmaßregeln 
mit Recht zugelassen haben: „Droht der Schwangeren durch die Geburt eines Kindes in 
einer Weise Not, daß sowohl für sie als auch für das Kind sittliche oder körperliche 
Verelendung zu befürchten ist, so kann auf Antrag der Schwangeren das Vormundschafts¬ 
gericht, nachdem die Lage des Einzelfalles von der zuständigen Armenbehörde untersucht 
und begutachtet ist, die Vornahme der Schwangerschaftsunterbrechung und Perforation ge¬ 
statten. 4i In Eilfällen soll hier das zustimmende Gutachten der Armenbehörde ohne vorherige 
Genehmigung des Vormundschaftsrichters ausreichen. In allen Fällen soll aber nur ein 
von der Behörde bestimmter Arzt an einer öffentlichen Krankenanstalt zur Vornahme 
der Schwangerschaftsunterbrechung befugt sein. Endlich will der Verfasser auf Antrag 
der Schwangeren oder ihres gesetzlichen Vertreters auch die Unterbrechung einer durch 
Verbrechen (Notzucht) herbeigeführten Schwangerschaft gestatten, wenn zuvor durch den 
Untersuchungsrichter das Vorliegen eines solchen Verbrechens festgestellt worden ist. 
Von einer solchen Einengung des Abtreibungsverbotes erwartet W. mit Recht keine 
Schädigung, sondern eine Stärkung des moralischen Bewußtseins unseres Volkes. In der 
Tat würden mit einer Annahme seiner Vorschläge durch den Gesetzgeber die schlimmsten 
Fälle des Abtreibungsverbotes, wo eine Bestrafung das Rechtsempfinden der weitesten Volks¬ 
schichten besonders empfindlich verletzt, beseitigt sein. 

Die Schrift bietet einen wertvollen legislativ-politischen Beitrag zu der gerade heute 
heiß umstrittenen Frage der Berechtigung des Abtreibungsverbotes. Ihr Studium kann 
durchaus empfohlen werden, und zwar auch vom Standpunkt des noch erheblich weiter 
gehenden Rezensenten. 


Referate. 

1) Kinkel, Joh.: Zur Frage der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs 
der Religion. Imago, Zeitschr. f. Anwendung d. Psychoanalyse auf die Geistes¬ 
wissenschaften (herausg. von Prof. Freud), Bd. VIII, 1922, H. 1 u. 2. 

Der Verfasser versucht die Prinzipien der psychoanalytischen Lehre bei der Dar¬ 
stellung der Entwicklung der religiösen Vorstellungen anzuwenden. Der ersten Periode 
der kindlichen Entwicklung, die mit dem Stichwart Symbolismus charakterisiert 
wird, entsprechen die Vorstellungen von den ersten Univ